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37. Das erste Hinderniss
Durch
den Portschlüssel waren sie auf einer weiten Hügellandschaft
gelandet. Snape orientierte sich kurz und wies dann in Richtung eines
Waldes. "Wir müssen hier durch, das Kloster muss gleich
dahinter liegen. Dort werden wir den ersten Horkrux finden."
"Woher wissen Sie das?", erkundigte sich Harry, dem es nicht
sonderlich gefiel, auf Snape angewiesen zu sein knurrend.
"Mr.
Potter, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich nicht
vorhabe alles mit Ihnen zu diskutieren. Ich weiß es und damit
Ende. Sie können sich jedoch jederzeit entscheiden umzukehren."
Snape blickte nun etwas ernster und keineswegs mehr abfällig in
die Runde. "Sie alle können jederzeit umkehren."
Der
Lehrer erntete nur ein allgemeines Kopfschütteln, das ihn in
gewisser Weise befriedigte. Er nickte den Jugendlichen kurz zu, bevor
er – ihnen voraus – in den Wald ging. Bei ihrer Wanderung durch
diesen, mußte Snape all seine Sinne konzentrieren, seine
Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt. Er mochte es nicht
sonderlich einfach so durch einen fremden Wald zu spazieren, noch
dazu mit vier Halbwüchsigen im Rücken, die sich nicht alle
sonderlich wohl gesonnen waren. Das letzte was er brauchte war, daß
Malfoy und Potter aufeinander los gingen. Nun, im Hinblick auf Malfoy
machte er sich da weniger Gedanken. Er hatte ihm sein Wort
abverlangt, daß er sich auf keine Provokation oder ähnliches
von Potter einlassen würde, hatte ihm versprochen, ihn beim
kleinsten Vorkommnis postwendend zu Dumbledore zu schicken und wenn
auch nur ein Wort von Dumbledore über seine Lippen kam, würde
er erleben wie es war wenn Severus Snape RICHTIG wütend wurde.
Er schätzte mal, das würde genügen um den Frieden in
ihrer kleinen Gruppe soweit zu sichern, wie es nun einmal möglich
war.
So wunderte es ihn keineswegs, daß es hinter ihm
erstaunlich leise war, nur Granger und Weasley flüsterten hier
und da miteinander, von Malfoy und Potter hörte er absolut
nichts. Nun, Malfoy konzentrierte sich wahrscheinlich darauf ja
nichts falsch zu machen und Potter ersann einige Todesarten für
ihn. Seltsamerweise spürte Snape bei diesem Gedanken einen
schmerzlichen Stich in der Brust, dessen Grund er sich nicht erklären
konnte, doch hatte er im Moment weder Zeit noch Lust sich darüber
weitergehende Gedanken zu machen. Der Wald war voller Stimmen,
ängstliche, verstörte, aber auch angriffslustige und das
gefiel Snape nicht, es gefiel ihm überhaupt nicht. "Ein
bißchen schneller gehen bitte... na los doch!" Snape war
stehen geblieben und wartete, bis die Jugendlichen ihn überholt
hatten. "Gehen Sie weiter Mr. Weasley... und absolute Ruhe, das
gilt auch für Miss Granger."
Hermine nickte kurz,
erstaunlich, daß sie gar nicht wütend darüber war,
daß Snape es wieder einmal für wichtig hielt sein
besonderes Augenmerk auf sie zu richten. Ron ging immer noch mit
gesenktem Kopf neben ihr, Harry und Malfoy gingen noch immer
schweigend voran, nun bildete Snape das Schlußlicht und drängte
die Kinder aus einem seltsam unguten Gefühl heraus, zu immer
größerer Eile. Doch dann blieb er plötzlich stehen.
"Halt!"
Die kleine Gruppe verharrte augenblicklich,
keiner von ihnen wäre in diesem Moment auch nur auf die Idee
gekommen seinem Befehl nicht Folge zu leisten.
"Sie haben uns
eingekreist... Stellen Sie sich im Kreis auf, ich hoffe, Sie haben
im letzten Jahr zumindest etwas gelernt."
"Was, was sind
die?" erkundigte sich Hermine leise und versuchte, ihrer Stimme
einen ruhigen Tonfall zu geben.
"Wolf-Mammuts."
"WAS?"
Rons Stimme hatte einen hysterischen Beiklang bekommen, woraufhin
Snape leicht seine Lippen kräuselte, doch selbst dieser Geste
fehlte – wie Hermine feststellte – die sonst für ihn so
typisch verächtliche Note.
"Ich wußte, daß Ihr
Wissen in Verteidigung gegen die Dunklen Künste nicht sonderlich
– hervorstechend – ist, daß Sie allerdings so weit hinter
her hinken würden, hätte selbst ich nicht für möglich
gehalten. Miss Granger, wenn Sie so freundlich wären?"
Hermine glaubte, sie würde der Schlag treffen, Professor
Snape forderte sie auf etwas zu erklären? Daß sie diesen
Tag noch erleben durfte... "Wolf-Mammuts sind überaus
magische Geschöpfe. Eigentlich kommen sie nur noch in den
Gebirgen Albaniens vor. Sie können bis zu drei Metern groß
werden, und gehören somit zu den Riesen-Geschöpfen, von
denen es grundsätzlich nicht mehr sehr viele gibt. Besonders
gefährlich macht diese Wesen, daß sie ein natürlicher
Schutzzauber umgibt, die nur sehr fortgeschrittene Magie durchbrechen
kann. Kurz gesagt, WIR dürften ziemlich alt aussehen..."
Snape nickte knapp. "Sehr gut Miss Granger, leider kann ich
Ihnen keine Punkte mehr geben, aber sie können sich sicher sein,
sie hätten welche bekommen." Auch wenn es kaum zu glauben ist,
dass ich hier stehen und ‚Unterricht' erteile in einer solchen
Situation…
Hermine spürte, wie ihr die Röte in die
Ohren stieg und sah ein wenig verlegen zu Boden.
"Allerdings
muß ich Sie in einem Punkt korrigieren, Sie werden keineswegs
alt aussehen. Mr. Potter, welchen Zauberspruch würden Sie
vorschlagen?"
Harry hob erstaunt den Kopf, er hätte nicht
erwartet, daß Snape ihn etwas fragen würde. "Keine
Ahnung."
"Mr. Potter, es heißt immer noch Sir und
zweitens, dürfte der Sectumsempra hier durchaus sinnvoller
eingesetzt sein als bei Mr. Malfoy oder meiner Wenigkeit." Nun
hatte Snapes Stimme wieder diesen eisigen, verächtlichen
Tonfall, der Hermine leichte Gänsehaut bereitete. "Zielen Sie
möglichst auf die Beine, ein verwundetes Tier ist gefährlicher
als ein nicht verletztes und es wäre überaus vorteilhaft,
wenn es dann nicht mehr laufen kann."
"Warum laufen wir nicht
einfach weg?"
"Weil es nicht mehr geht Ron, sie sind zu nahe.
Wenn wir weglaufen, reizen wir sie noch mehr weil wir dadurch ein
typisches Beuteverhalten an den Tag legen würden. Außerdem
- könnten wir uns nicht mehr auf den Angriff vorbereiten. Unsere
Chancen wären schwindelerregend gering."
"Danke Mine, du
machst mir Mut."
Snape nickte den Jugendlichen noch einmal
kurz zu, sie standen Rücken an Rücken, um sich von allen
Seiten verteidigen zu können. Snape entwischte ein Lächeln.
Es war doch so einfach, Gryffindor und Slytherin neben einander,
warum war dieses Bild dann so selten?
Sie mußten nicht
lange auf den Angriff warten. Snape konnte die Wolf-Mammuts schon auf
den Hügeln, welche den schmalen Waldweg auf dem sie standen,
einbetteten, sehen. Mit einem Schwung hob auch er seinen Zauberstab,
gerade noch rechtzeitig, um den ersten Fluch gegen die Tiere
loszuwerden. Fluchstrahlen schwirrten durch die Lüfte, hier und
da ging ein Tier zu Boden. Severus hatte einiges damit zu tun sich
einerseits um die Angreifer zu kümmern, andererseits mußte
er immer wieder ein Auge auf seine Schützlinge haben und auch
hier das ein oder andere Tier abwehren. Zum ersten Mal war er für
seine Fähigkeit der Handmagie wirklich dankbar. Die vier
Jugendlichen schlugen sich bemerkenswert gut, an manchen Tieren
prallte ihr Zauber zwar ab, doch um die konnte sich Snape kümmern.
Hier und da kam dann doch der Lehrer in ihm durch und er stellte mit
Genugtuung fest, daß die vier durchaus in der Lage waren, den
Sectumsempra zu gebrauchen und dieser stark genug war, die
Schutzpanzer zu durchbrechen.
Allerdings ermüdeten die
Kinder erschreckend schnell, natürlich, sie hatten keine
Erfahrung, sie waren noch nie einer solchen Situation ausgesetzt
gewesen. Im Ministerium war es etwas anderes gewesen, sie hatten
immer nur einen Gegner gehabt, nicht zwanzig auf einmal.
Wie er –
leider – erwartet hatte, schwächelte Mr. Weasley als erster,
die Tiere kamen auf seiner Seite nun bedrohlich nahe. Auch er selbst
fühlte, wie er schwächer wurde, kaum merklich, aber er
verlor Kraft. Mißmutig mußte er sich eingestehen, daß
er immer noch nicht wieder der Alte war. Er hob seinen Zauberstab,
schwang ihn kurz in der Luft und umgab die Kinder mit einem
Schutzwall, ähnlich dem, den er einige Tage zuvor über
Malfoy gelegt hatte, um diesen vor den Flüchen seines Vaters zu
schützen, mit einem Unterschied. Flüche von innen
konnten ihn durchaus passieren, es konnte nur kein Angreifer in
diesen Wall einbrechen. Da es sich hier jedoch um vier Schützlinge
handelte und der Wall wesentlich intensiver sein mußte, kostete
es ihn ungeheuer viel Kraft, ihn zu ziehen. Er spürte, wie
leichter Schwindel ihn erfaßte, mobilisierte die letzten
Reserven, die er irgendwo versteckt hatte und kämpfte verbissen
weiter, ebenso wie seine jüngeren Begleiter. Es dauerte noch
eine ganze Weile, doch die Angreifer wurden langsam weniger. Die
Wesen waren abgeschreckt, sie hatten nicht mit solch intensiver
Gegenwehr gerechnet. Die Jungen waren die leichtere Beute gewesen,
doch an sie war kein Herankommen mehr. So zogen sie unverrichteter
Dinge ab, ihr Heulen hörte man bis tief in den Wald hinein und
sorgte dafür, daß sich kein Tier an diesem Abend mehr aus
seinem Bau traute.
