=/\= Kapitel 3 =/\=

„Ich bin mir nicht sicher, ob diese Untersuchungskommission eine gute Idee war", stöhnte Kathryn Janeway. „Ich werde mit Papierkram regelrecht überschwemmt. Ich komme überhaupt nicht dazu, die Unterlagen des Doktors über Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung zu lesen."

Chakotay lachte. Ihm war klar, dass Kathryn die Unterlagen so oder so nicht gelesen hätte. Da stand zu viel gegen Kaffee drin. „Commander Geller leistet ganze Arbeit. Ich bin mir sicher, die Gegner, die sie nicht zu Tode erschreckt, die erstickt sie in Papierkram. Es ist beeindruckend, wie schnell sie es geschafft hat, dass diese Kommission eingesetzt wird. Wir haben die Anträge gerade mal vor einem Monat eingereicht und in fünf Tagen tritt die Kommission schon das erste Mal zusammen."

„Und bis dahin will sie von Tuvok und mir ausführliche Leumundszeugnisse für jeden, außerdem natürlich die Dienstakten plus Logbuchauszüge zu allen Aktionen, an denen die betreffende Person beteiligt war, überdies weitere Referenzen und dann diese ganzen Anträge, um Ichebs Lehrplan müssen wir uns auch noch kümmern, wenn wir ihn hier auf der Voyager ausbilden wollen und ich bekomme viel zu wenig Kaffee – selbst Neelix ist schon aufgefallen, wie wenig Kaffee ich trinke." Kathryn setzte einen Blick demonstrativen Leidens auf.

„Ich könnte dir etwas vom Kräutertee des Doktors machen", bot Chakotay lachend an. Kathryns angeekelte Reaktion auf das Wort „Kräutertee" erheiterte ihn immer wieder. Auch wenn sie sonst scheinbar gegen die typischen Schwangerschaftsbeschwerden immun war, konnte sie jetzt noch nicht einmal den Geruch einer unschuldigen Tasse Kamillentee ertragen, ganz zu schweigen von dem Gebräu des Doktors. „Außerdem hat die Sache auch ihr positives. Die Crew ist so beschäftigt, dass keiner von ihnen Zeit hat, auf uns zu achten."

„Wir waren ein bisschen unvorsichtig", gab Kathryn zu. Gestern erst hätte Crewman Mendez sie fast bei einem flüchtigen Kuss im Turbolift erwischt. Außerdem musste Kathryn ständig aufpassen, dass ihre Hand sich nicht ganz unversehens Richtung Bauch wanderte. „Zum Glück hattest du die Idee, Tom Paris zum Fluglehrer zu machen. Scheinbar will sich die halbe Crew vom Meisterpiloten ausbilden lassen. Ich überlege selbst, ob ich mir nicht ein paar Stunden gönnen soll. Das Asimov-Manöver hat mich schon immer gereizt."

„Oh nein, das wirst du schön bleiben lassen", sagte Chakotay streng. Das Asimov-Manöver war eines der schwierigsten Flugmanöver überhaupt, Verletzungen – auch schwere – waren beim Training für dieses Manöver fast normal. Bestimmt nicht das richtige für einen Captain und erst recht nicht für einen schwangeren Captain.

„Dir ist klar, dass ich der Captain dieses Schiffes bin?" Der Janeway-Todesblick funktionierte mit einem belustigten Blitzen in den Augen längst nicht so gut.

Chakotay nahm den Ball auf: „Und dir ist klar, dass ich gute Beziehungen zum leitenden medizinischen Offizier habe? Ein Wort zum Doktor und..."

„Schon gut", winkte Kathryn lachend ab. „Ich gebe mich geschlagen."

„Aber wenn du möchtest, habe ich ein wenig Klatsch für dich."

„Tatsächlich? Um welchen Wett-Pool geht es diesmal? Wieder Harry und Seven?"

„Kein Wett-Pool – diesmal ist es Klatsch von der Erde. B'Elanna hat gerade von Reg Barcely erfahren, dass er heiraten will."

„Oh, das ist aber schön. Ich freue mich für ihn. Ich wusste noch nicht mal, dass er eine Freundin hat. Vermutlich niemand, den wir kennen?"

„Doch."

„Aber wir kennen niemanden, außer..." Chakotay weidete sich am immer ungläubig werdenden Gesichtsausdruck als Kathryn langsam zur einzig möglichen Schlussfolgerung kam. „... Commander Geller."

„Scheinbar ist Commander Geller schon länger als Rechtsberaterin für Admiral Paris tätig", erzählte er weiter. „So haben sich die beiden kennen gelernt."

„Und da sage es einer, es gäbe keine Wunder mehr", meinte Kathryn trocken.

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Eine knappe Woche später hatte sich wieder die halbe Besatzung im astrometrischen Labor versammelt. Diesmal um der Eröffnung der Voyager-Untersuchungskommission beizuwohnen.

„Ich bin Admiral Emily Gilmore, Chefanklägerin der Sternenflotte. Ich werde diese Untersuchungskommission leiten."

Admiral Gilmore war eine ältere Humanoide mit dunkler Dauerwelle, strengem Gesichtsausdruck und stählerner Ausstrahlung.

„Da wir uns hier noch in der Vorstufe eines Strafverfahrens befinden, hat die Sternenflotte mir die Aufgabe übertragen, zu prüfen, ob die gegen Sie erhobenen Vorwürfe eine weitere Strafverfolgung rechtfertigen. Des Weiteren haben verschiedene zivile Stellen ihre Zuständigkeit für die Klärung rechtlicher Fragen bezüglich sich auf diesem Schiff befindlicher Personen ebenfalls an diese Kommission übertragen.

Diese Kommission besteht außer mir noch aus vier anderen Personen. Professor Kasur von der vulkanischen Akademie der Rechte und Commander L'Nessy als meine Beisitzer, sowie Lieutenant Commander Paris Geller als Ihre Fürsprecherin und Captain Taylor Doosie als ihr Gegenpart.

Um das gleich von vornherein klarzustellen: Egal, was am Ende dieser Untersuchung herauskommt, es wird kein Freispruch sein. Wir entscheiden hier nicht über Schuld oder Unschuld, sondern nur, ob ein berechtigtes Interesse an der Verfolgung Ihrer Taten besteht."

Chakotay blickte sich bei diesen Worten um und sah etliche betretene Gesichter. Wenn es eine würdige Gegnerin für Commander Paris gab, dann diese Frau. Sie würde es ihnen nicht leicht machen. Kathryn berührte sanft seine Hand und er fühlte tiefe Dankbarkeit für diese kleine Geste.

Der Admiral fuhr fort: „Da dies wie gesagt, keine Gerichtsverhandlung ist, werden wir auch keine mündliche Verhandlung führen. Ihre Anwältin hat uns umfangreiche Unterlagen zukommen lassen, inklusive Stellungnahmen des Instituts für Cardassianische Forschungen auf Regnia III, der Fakultät für neueste interstellare Geschichte der Universität Oxford und der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bamberg. Außerdem eine offizielle Unterstützungsnote der bajoranischen Regierung. Wir werden ca. zwei Monate benötigen um all diese Unterlagen zu prüfen. Dann werden wir einen neuen Termin anberaumen."

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Am Abend warfen Neelix und Tom eine „Untersuchungs-Kommissions-Willkommens-Party". Dazu hatten sie das Holodeck liebevoll als andorianischen Kerker dekoriert. Obwohl Chakotay und Kathryn zusammen gekommen waren, waren sie bald in unterschiedliche Gruppen gezogen worden. Chakotay saß zurückgelehnt auf einem Stuhl und beobachtete, wie Kathryn mit Naomi Wildman und Icheb „Schnapp den Vulkanier" spielte, als B'Elanna sich neben ihn setzte, die kleine Miral im Arm.

„Was hältst du von dieser Kommission?", fragte sie. Nur in ganz seltenen Fällen sprach sie ihn noch so vertraut an und er stellte fest, dass es ihm fehlte.

„Ich denke Admiral Gilmore ist ein harter Brocken, aber sie hatte zu meiner Zeit in der Sternenflotte den Ruf fähig und gerecht zu sein. Ich denke, unsere Karten stehen nicht schlecht."

„Wirst du dich um eine Wiederaufnahme in den regulären Dienst bewerben?" B'Elannas Frage war berechtigt, schließlich hatte er nicht umsonst aus Gewissensgründen den Dienst quittiert. Doch das schien eine Unendlichkeit her zu sein. Mittlerweile hatten sich seine Prioritäten wieder verschoben. Es gab keinen Maquis mehr und dann waren da noch Kathryn und das Baby...

„Ich denke schon", sagte er laut. „Wie steht es mit dir?"

„Es hat seinen Reiz", gab die Klingonin zu. „Und Tom ist sehr dafür. Ich meine, im Endeffekt hat uns der Captain schon vor Jahren zu Mitgliedern der Sternenflotte gemacht – nicht nur äußerlich, sondern auch – wie soll ich sagen – dem Herzen nach."

Chakotay sah B'Elanna an, dass sie verstimmt war, keine wenige kitschigere Beschreibung für ihre Gefühle gefunden zu haben. Aber er verstand sehr gut, wie sie empfand. Auch ihn machte es stolz, auf der Voyager Vertreter der höchsten Ideale der Föderation zu sein.

„Hast du dir jemals Gedanken gemacht, was aus uns geworden wäre, wenn wir es irgendwann in all den Jahren geschafft hätten zurückzukehren?", fragte B'Elanna.

„Vermutlich gibt es keinen Maquis, der sich das nicht schon ein Dutzend Mal gefragt hat", meinte Chakotay. „In den ersten Jahren hätte es bestimmt Gefängnis bedeutet und danach..." Chakotay zuckte mit den Schultern.

„Ich war so wütend, als der Captain uns hier gestrandet hat", gab B'Elanna zu. „Doch mittlerweile halte ich es für das Beste, was uns passieren konnte. Im Alpha-Quadranten wären wir vermutlich alle nicht mehr am Leben, ich hätte Tom nie kennengelernt und Miral wäre nie geboren worden." Zärtlich strich sie ihrer schlafenden Tochter über den Kopf. „Was denkst du?"

„Ich bin nicht zur Sternenflotte oder zum Maquis gegangen, um es leicht haben. Und obwohl wir hier im Delta-Quadranten genügend harte Zeit durchzustehen hatten, haben wir auch viel Wundervolles erlebt." Auch ich habe hier die Liebe meins Lebens gefunden, auch ich kann mich nun über mein eigenes kleines Wunder freuen. Es fiel Chakotay schwer, B'Elanna in diesem Moment nichts von seinem Glück zu erzählen. Nachdenklich fuhr er fort: „Und wenn ich in die Runde sehe, frage ich mich, was aus all den Leuten geworden wäre. Von uns Maquis wären vermutlich alle tot oder zumindest im Gefängnis, Icheb hätte die Trennung vom Kollektiv nicht überlebt, Seven wäre immer noch eine Drohne oder bei den Kämpfen mit Spezies 8472 getötet worden und von den Sternenflottenleuten, wer wäre wohl im Krieg gegen das Dominion gefallen? Harry, Tuvok, der Captain?"

Er schluckte hart bei dem Horror dieses Gedankens.

B'Elanna nickte ernst. „Und nun sind wir alle hier und es sieht nach einem Happy End aus."

Jetzt musste Chakotay grinsen. „Jedenfalls bis wir dem nächsten unfreundlichen Alien der Woche begegnen. Stichwort Alien: Wie geht es unser kleinen Klingonin?" Es war Zeit für ein etwas erfreulicheres Thema.

„Sehr gut. Tom und ich haben entdeckt, dass sie am besten einschläft, wenn wir ihre Tragetasche direkt neben den Warp-Kern stellen. Scheinbar beruhigt sie das Summen des Warp-Plasmas. Allerdings bedeutet das auch, dass in dieser Zeit niemand ordentlich im Maschinenraum arbeiten kann. Auf die Dauer müssen wir uns also was Neues ausdenken", lachte B'Elanna.

„Wie funktioniert es ansonsten mit der Arbeit?", erkundigte sich Chakotay nicht ganz uneigennützig. In nicht allzu ferner Zukunft würden Kathryn und er sich mit genau dieser Frage herumschlagen müssen.

„Soweit ganz gut. Mit dem Doktor, Neelix, Naomi und Icheb haben wir eine ganz Reihe Freiwilliger zum Babysitten und es war sehr nett von dir und Captain Janeway, Tom zusätzliche Vaterzeit zu geben."

Chakotay schmunzelte. Auch wenn B'Elanna um den Zeitpunkt der Geburt herum ein wenig kürzer getreten war, kam es ihr gar nicht in den Sinn, dass auch für sie Elternzeit ein angemessener Zustand sein konnte. Wenn sie nicht regelmäßig Aufsicht über ihren Maschinenraum führte, würde das Schiff ganz sicher auseinanderbrechen. Chakotay zweifelte keinen Moment, dass es ihm mit Kathryn ähnlich ergehen würde. Auch als Mutter würde sie sich kaum von ihrer Brücke trennen können. In ihrer Hingabe zu ihrem Beruf waren sich beide Frauen sehr ähnlich.