=/\= Kapitel 5 =/\=

Die salbungsvolle Rede des myktanischen Botschafters dauerte nun schon eine dreiviertel Stunde. Auch wenn es sehr nett von den Myktarianern war, ihnen einen großen Abschied zu bereiten, jetzt wo sie das Gebiet der Union freier Planeten verließen, wünschte sich Chakotay, der Mann würde sich etwas kürzer fassen. Kathryn zeigte zwar einen stoischen Gesichtsausdruck, doch er fand, dass sie etwas blass um die Nase wirkte. Sie sollte nicht gezwungen sein, aus reiner Höflichkeit so lange stehen zu müssen. Kathryn war da natürlich anderer Ansicht. Chakotay musste wider Willen lächeln. Wenn es einen Wettkampf „Eine Schwangerschaft kann mich doch nicht stoppen" gegeben hatte, er wüsste nicht, ob B'Elanna oder Kathryn gewonnen hätte. Immerhin waren die Nasen der Besatzung diesmal längst nicht so gefährdet, unversehens gebrochen zu werden, wie im letzten Jahr als Miral unterwegs gewesen war.

Chakotay konzentrierte sich wieder auf die Ansprache des Botschafters. Jetzt ging es um die Herausforderungen, denen sie entgegensahen, wenn sie nun den Raum der Union verließen. Als ob sie das selbst nicht gut genug wussten. Dabei ahnte Chakotay, dass Kathryn sich momentan weniger Sorgen um die Gefahren des Delta-Quadranten machte, als vielmehr um die Ergebnisse der Untersuchungskommission. Die Verkündigung der Ergebnisse war ohne Angabe näherer Gründe um zwei Wochen verschoben und das machte sie alle nervös. Was, wenn Kathryns Schwangerschaft doch Einfluss auf das Ergebnis haben sollte? Noch drei Tage, sagte sich Chakotay, noch drei Tage.

=/\=

„Diese Kommission hat in den letzten zwei Monaten den rechtlichen Status diverser Besatzungsmitglieder der USS Voyager überprüft", begann Admiral Emily Gilmore drei Tage später ihre Rede zum Abschluss der Untersuchungskommission. „Dabei haben wir uns mit etlichen Fragen auseinandergesetzt, die nicht nur rechtlicher, sondern auch moralischer oder gar philosophischer Natur sind und einige bemerkenswerte Menschen und Geschichten kennen gelernt, sowie einige Überraschungen erleben müssen." Ein scharfer Blick traf Kathryn und Chakotay. „Die Geschichte dieses Schiffes ist beeindruckend, doch das darf uns nicht den Blick dafür verstellen, was richtig und was falsch ist. Aber ist eine gerechte Beurteilung aus der komfortablen Sicherheit des Sternenflotten-Hauptquartiers überhaupt möglich?

Commander Chakotay, Lieutenant B'Elanna Torres, Lieutenant Ayala, Crewman Cell, Crewman Mariah Henley" Admiral Gilmore zählte die Namen aller Maquis auf. „Diese Kommission hat ihre Fälle gründlich geprüft und wir schließen uns der Argumentation Ihrer Anwältin an: auf Grund der geänderten politischen Lage und auf Grund Ihrer fraglos großen Leistungen an Bord der USS Voyager werden die Ermittlungsverfahren gegen Sie alle eingestellt."

Auf einen Moment atemloser Stille folgte allgemeiner Jubel. Tom und B'Elanna fielen sich um den Hals, einige Maquis vollführten ein kleines Freudentänzchen. Für Chakotay war nur wichtig, dass Kathryn dicht neben ihm stand und seine Hand fest drückte. „Ich bin so froh, so froh", flüsterte sie ihm zu.

Admiral Gilmore gab der Besatzung einen Moment Zeit, bevor sie fortfuhr: „Des Weiteren hat diese Kommission beschlossen, Ihnen den Eintritt bzw. Wiedereintritt in den offiziellen Dienst der Sternenflotte anzubieten. Diejenigen unter Ihnen, die bereits über einen Abschluss der Akademie verfügen, übernehmen wir auf Wunsch direkt in den Rang, der Ihnen von Captain Janeway provisorisch verliehen wurde. Bei allen anderen werden wir den Dienst auf der Voyager als Ausbildungszeit anerkennen. Um endgültig in den regulären Dienst übernommen werden zu können, erwartet die Akademie lediglich die Einreichung einer Abschlussarbeit. Ihre Anwältin wird sie über die entsprechenden Ansprechpartner in Kenntnis setzen."

Chakotay hörte aufgeregtes Getuschel von hinten, Yosa und Kenneth Dalby diskutierten schon mögliche Themen. Kathryn neben ihm strahlte vor Glück. „Na, möchtest du auch mein regulärer Commander werden?", raunte sie ihm zu.

„Crewman Marla Gilmore, Crewman Noah Lessing, Crewman James Morrow, Crewman Brian Sofin, Crewman Angelo Tassoni, Ihre Fälle sind leider nicht so erfreulich", fuhr Admiral Gilmore streng fort. „Ihnen werden nicht nur Verstöße gegen die oberste Direktive vorgeworfen, sondern auch die Tötung unschuldiger Lebensformen sowie die mut- um nicht sogar zu sagen böswillige Gefährdung der USS Voyager und ihrer Besatzung, deren Tod sie mit Ihrem Handeln billigend in Kauf genommen hätten. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, haben Sie diese Taten begangen, während Sie die Uniform der Sternenflotte trugen, deren Ansehen Sie damit aufs tiefste besudelt haben." Die gute Laune war mit einem Schlag aus dem Labor verschwunden. Chakotay sah, wie die fünf früheren Mitglieder der Equinox in sich zusammenschrumpften. „Aus diesen Gründen fällt es mir äußerst schwer, auch Ihr Verfahren einzustellen. Zu Ihrer Verteidigung sind Ihre verzweifelte Situation, sowie die Tatsache, dass Sie den Befehlen Ihrer vorgesetzten Offiziere folgten, anzusehen. Außerdem haben Sie während Ihrer Zeit auf der Voyager äußerst wohlwollende Beurteilungen Ihrer Vorgesetzten erhalten. Ich sehe das als ein Zeichen der Reue und des Willens sich zu bessern. Deshalb sind wir zu folgendem Schluss gekommen: Während der Reise der Voyager bleiben Sie weiterhin im Rang eines Crewman, mit dem Ende der Reise werden Sie umgehend aus dem Dienst der Sternenflotte entlassen. Von einer weiteren Strafverfolgung wird indes abgesehen."

Chakotay sah wie Marla Gilmore die Tränen weg blinzelte. Die junge Frau tat ihm leid. Sie und ihre Kameraden waren noch so jung gewesen, als sich die Equinox auf ihre verhängnisvolle Reise gemacht hatte. Wie viele wären wohl in eine ähnliche Falle gegangen? Hin und her gerissen zwischen dem Wissen was richtig ist, der Angst sich gegen die Vorgesetzten durchzusetzen und dem unbändigen Wunsch bald – und vor allem heil – wieder nach Hause zu kommen. Und doch: Im Vergleich zu dem was sie getan hatten, war der Spruch des Admirals mild.

„Lieutenant Thomas Eugene Paris", rief Admiral Gilmore unterdessen den nächsten Fall auf. „Diese Kommission erkennt an, dass durch Ihren Dienst auf der USS Voyager Ihre Strafe vollumfänglich abgebüßt wurde und bestätigt auch offiziell Ihre Ernennung zum Lieutenant Junior Grade.

Seven of Nine, frühere Annika Hanson und Icheb, gegen Sie beide lag nie etwas vor, dass eine Strafverfolgung gerechtfertigt hätte. Doch durch Ihre Vergangenheit als Borg sahen wir uns gezwungen, Ihren rechtlichen Status zu klären. Miss of Nine, hiermit bestätigen wir Ihre Staatsbürgerschaft in der Vereinigten Föderation der Planeten. Mr. Icheb, Sie gelten als Mitglied einer befreundeten Spezies, außerdem wurden Sie von der Akademie der Sternenflotte akzeptiert und haben eine außerplanmäßige Kadettenausbildung an Bord der USS Voyager aufgenommen. Sollten Sie sich entscheiden, ebenfalls um die Staatsbürgerschaft der Föderation zu ersuchen, werden wir Ihren Antrag wohlwollend unterstützen.

Und nun noch zu Ihnen Doktor. Die Frage, wo Leben beginnt, ist in den letzten Jahren immer schwieriger zu beantworten geworden. Noch unklarer ist, ab wann jemand als natürliche Person im rechtlichen Sinne anzuerkennen ist. Was einem Menschen, Vulkanier oder Klingonen von Geburt an zusteht, muss in Ihrem Fall kritisch abgewogen werden. Sind Sie tatsächlich eine eigenständige Person geworden oder nur ein Computerprogramm, das dies perfekt simulieren kann? Und selbst wenn letzteres zutrifft, kann es nicht sein, dass diese Fähigkeit schon ausreicht, um eine Person zu definieren? Immerhin gibt es genügend Philosophen, die auch uns als schlichte Bio-Computer ansehen. Ich kann und will diese Frage nicht beantworten, noch können das meine Kollegen in dieser Kommission. Wir sind also im Zweifel, und einer alten Rechtsnorm folgend, entscheiden wir uns im Zweifel für Sie: Doktor hiermit werden Sie allgemeingültig als natürliche Person des öffentlichen Rechts und Bürger der Föderation anerkannt – mitsamt aller dazugehörigen Privilegien und Pflichten."


=/\= Epilog =/\=

Das Holo-Deck imitierte den wunderschönen Park des Sternenflotten-Hauptquartiers, um Chakotay waren die Crewmitlieder der Voyager versammelt.

Jetzt trat Kathryn auf ihn zu. Nie hatte er sie so stolz gesehen. Ihr Bauch wölbte sich mittlerweile außerordentlich sichtbar unter ihrer Gala-Uniform. Und auch wenn sie sich über Unförmigkeit und Watschelgang beklagte, fand er sie einfach nur unglaublich schön. Natürlich war es verschwenderisch gewesen, nur für diesen einen Anlass eine Umstands-Gala-Uniform zu replizieren, aber sie hatte darauf bestanden.

„Commander Chakotay, im Namen der Sternenflotte erhalten Sie hiermit regulär den Rang eines Commanders." Kathryn beugte sich vor und befestigte die drei goldenen Pins an seinem Kragen, dabei streiften ihre Lippen ganz sacht seine Wange. Chakotay musste all seine Selbstkontrolle aufbieten, um weiterhin in militärisch korrekter Haltung zu verharren.

„Herzlichen Glückwunsch", sagte Kathryn laut und die Crew brach in Jubel aus. Dabei war Chakotay nur der erste, der heute seine provisorischen gegen die regulären Dienstabzeichen der Sternenflotte tauschten sollte. Jetzt wandte sich Kathryn B'Elanna Torres zu.

„Lieutenant Junior Grade B'Elanna Torres, im Namen der Sternflotte erhalten Sie hiermit regulär den Rang eines Lieutenants." Es folgte eine bedeutungsschwere Pause bis B'Elanna begriff.

„Sie befördern mich?"

„Die ingenieurswissenschaftliche Fakultät der Akademie war von Ihrer Arbeit so beeindruckt, dass der Leiter sich energisch für Ihre Beförderung ausgesprochen hat. Und wer bin ich, dass ich dem wiederspreche?", sagte Kathryn herzlich, als sie B'Elanna die zwei goldenen Pins ansteckte. „Herzlichen Glückwunsch."

B'Elanna wandte sich um und zischte ihrem Mann in scherzhafter Boshaftigkeit zu: „Hol das erst mal ein, Fliegerjunge."

„Tut mir leid, B'Elanna." Chakotay sah, wie Kathryn nur mühsam ihre Heiterkeit unterdrückte. „Treten Sie vor, Tom. Lieutenant Junior Grade Thomas Eugene Paris, im Namen der Sterneflotte erhalten Sie hiermit den Rang eines Lieutenants." Tom strahlte über das ganze Gesicht und Chakotay freute sich mit ihm. Aber auch B'Elanna schien halbwegs zufrieden: „Ich bin immer noch dienstälter."

Kathryn wandte sich nun den übrigen Maquis zu, um sie zu offiziellen Mitgliedern der Sternenflotte zu ernennen. Auch wenn sich am Anfang nicht alle sicher gewesen waren, ob sie das wirklich wollten, zum Schluss hatte doch jeden der Ehrgeiz gepackt. Über Monate war die Voyager ein Schiff im Abschlussarbeits-Fieber gewesen. Chakotay wusste, wie stolz Kathryn auf ihre Leute war und er selbst war es nicht minder. Vorsichtig betastete er die drei Pins an seinem Kragen. Sie fühlten sich gut an, richtig. Und sie waren ein Versprechen an die Zukunft, für Kathryn und das Baby.