Kapitel 2

„Es. Ist. Grün."

„Das ist Flarn."

„Und es ist grün!"

„Weil Flarn nun einmal grün ist."

„Ich hatte Weißfisch bestellt! Keine grünen Brocken, wie ich sie auf Minbar schon ständig vorgesetzt bekomme!" Die Stimme der Senatorin bekam einen leicht keifenden Unterton.

„Die Minbari essen gern Flarn!", verteidigte Tirk die von ihm ausgewählte Speise.

„Sehe ich aus wie eine Minbari? Wachsen mir Knochen aus dem Kopf?" Nun keifte die Senatorin ganz offen. „Und der Salat ist dafür rot! Was… ach, was habe ich mir nur dabei gedacht, ausgerechnet einen DRAZI zum Essen holen zu schicken!"

Tirk entgegnete nichts. Nicht nur, weil alles, was er hätte sagen können, unhöflich gewesen wäre, sondern vor allem, weil ihm so schnell gar nichts einfiel. Als die Dame seufzend ihr Besteck aus der Serviette rollte, wandte er sich zum Gehen.

„Ich kann mich nicht erinnern, dich entlassen zu haben!", fauchte Senatorin Teppel und begutachtete angewidert ein Stück Flarn, das sie mit der Gabel aufgespießt hatte.

Also blieb Tirk und beobachtete die Dame beim Essen. Dafür, dass sie Flarn nicht mochte, aß sie jedoch mit erstaunlichem Appetit, bemerkte er. Er hatte zwar bereits zwei Portionen Flarn verdrückt gehabt, bevor er der Senatorin ihr Tablett brachte, aber ihm lief trotzdem noch das Wasser im Mund zusammen, während er so dastand und zuschaute.

„Erzähle mir von diesem Schiff.", meinte Senatorin Teppel irgendwann, bevor sie sich dem Nachtisch zuwandte.

„Was soll ich darüber erzählen?", fragte Tirk verwirrt. Der Captain hatte wahrscheinlich bei der Begrüßung schon alles Interessante erwähnt gehabt – oder nicht?

„Höchstgeschwindigkeit, Bewaffnung, Mannschaftsstärke… eben so etwas!"

„Ich glaube nicht, dass ich über so was sprechen darf…"

„Ach? Und wieso nicht?" Sie blickte nicht einmal von ihrem Teller auf, während sie mit ihm sprach.

„Es wäre nicht gut, wenn ich das erzählen würde. Es könnte in die falschen Hände gelangen!" Entschlossen nichts zu verraten, warf der Drazi sich in die Brust.

„Glaubst du etwa, die Centauri könnten mich foltern und die Informationen aus mir herauspressen?" Sie war fertig und tupfte sich den Mund mit der Serviette ab.

Auf diesen Gedanken war Tirk ja noch gar nicht gekommen! Natürlich, der Senatorin war nicht wohl dabei, allein zu einer Verhandlung mit den Centauri zu gehen! Sie hatte Angst und überspielte diese durch Arroganz, wie dumm von ihm, das nicht früher zu bemerken! „Ich hoffe nicht, dass die Centauri Sie foltern werden!"

„Nun, DAS hoffe ich auch!" Ein klitzekleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Ich habe bisher noch nie so ein Schiff wie dieses gesehen. Präsident Sheridan meinte, ein Schiff der ‚White Star'-Klasse würde unter Umständen zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wohingegen dieses… dieses Schiff sehr unauffällig sei."

Damit hatte der Präsident wohl Recht. Die meisten hielten die ‚Liandra' für ein fliegendes Wrack. Was es trotz ständiger Reparaturen auch immer noch war. Zwar war es nach dem ersten gemeinsamen Einsatz dieser Crew generalüberholt worden, doch fast täglich fiel das eine oder andere System aus. Sehr zum Missfallen von Na'Feel, aber die fluchte sowieso den ganzen Tag vor sich hin.

„Aber andererseits müssen wohl versteckte Qualitäten hier sein – immerhin war es doch wohl dieses Schiff, das erst vor ein paar Wochen einen Centauri-Kreuzer…"

„Also DAS war ein Versehen!", fiel Tirk der Senatorin ins Wort, „Der Captain hatte nie die Absicht, auf den Kreuzer zu feuern!"

„Ein Versehen, so, so… Die Centauri sehen das etwas anders! Und nun bringt mich ausgerechnet dieses Schiff zu Verhandlungen mit ihnen. Ist das auch ein Versehen?", fragte sie schnippisch. „Oder gibt es hier eine geheime Waffe an Bord, gegen die die Centauri nichts auszurichten vermögen?"

Das Einzige, was Tirk am Ehesten als ‚geheime Waffe' in den Sinn kam, war Sarah Cantrell. Und wie sie weit über sich hinaus wachsen konnte, wenn man sie in die Enge trieb oder wütend machte. „Nein. Ich glaube, nicht."

„Glaubst du es nicht oder weißt du es nicht?", fragte die Senatorin.

Nun… jedes Mal, wenn sie in Tuzanor landeten, wurden neue Gerätschaften an Bord gebracht, die Na'Feel dann fluchend einbaute. Vielleicht war ja wirklich eine neue Waffe… „Ich weiß es nicht. Und ich glaube es auch nicht.", antwortete er.

Unzufrieden verzog die Senatorin das Gesicht. „Und wer, meinst du, könnte so etwas wissen, wenn überhaupt?"

Tirk zuckte mit den Schultern. „Na'Feel vielleicht…"

„Dann bring mich zu ihm!", befahl sie und erhob sich.

„Na'Feel ist eine Frau!", rutschte es Tirk heraus. Warum auch immer.

Die Senatorin runzelte kurz die Stirn. „Wie dem auch sei: ich möchte mit ihr sprechen."

„Wie Sie wünschen…" Tafeek hatte gesagt, dass Tirk die Wünsche der Senatorin erfüllen sollte. Und das würde er tun. Auch wenn er wusste, dass die Narn Störungen hasste.

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Wie immer drangen Flüche und lautes Geschepper aus dem Maschinenraum, was die Senatorin allerdings wenig zu beeindrucken schien. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, als ein Schraubenschlüssel ihren Kopf nur knapp verfehlte. Tirk bewunderte die Senatorin insgeheim für ihre Haltung. „Na'Feel? Senatorin Teppel möchte mit dir sprechen!"

Die Technikerin war zunächst nicht zu sehen, dafür stellte sie abrupt die Flucherei ein. Dann erschien ihr Kopf hinter dem Antriebsreaktor, der einen Großteil des Raumes einnahm. „Bitte?"

Die Senatorin sog scharf die Luft ein, als sie Na'Feel sah. „Niemand hat mir gesagt, dass auch NARN an Bord sind!"

„Ich bin die einzige Narn hier.", meinte Na'Feel und trat hinter dem Reaktor hervor, wobei sie sich die Hände in einem Lappen abwischte.

„Wir fliegen zu einem Treffen mit den Centauri und haben eine NARN an Bord! Wohlgemerkt an Bord eines Schiffes, das kürzlich erst einen Kreuzer der Centauri angegriffen hat!" Die Stimme der Senatorin drohte jeden Moment umzukippen. „Was hat sich Präsident Sheridan nur dabei gedacht? Will er unbedingt, dass die Verhandlungen scheitern?"

Das war nun wirklich eine Frage, die weder Tirk noch Na'Feel beantworten konnten. Die beiden Ranger schauten sich ratlos an.

„Geleite mich zurück in mein Quartier!", fauchte die Senatorin den Drazi an. „Und bring Captain Martel zu mir! SOFORT!"

David Martel verließ nur äußerst ungern die Kommandobrücke. Und noch viel weniger mochte er sich mit der vor Wut schäumenden Senatorin auseinandersetzen. Zur Unterstützung hatte er auch Tafeek (der sich mit einem Stapel Akten in einem der kleineren Lagerräume versteckt gehalten hatte) zum VIP-Quartier beordert, der nicht viel mehr Begeisterung aufbringen konnte. Aber wenigstens etwas mehr diplomatisches Feingefühl. Oder so. Tirk sah seine Chance gekommen, nun endlich wieder an seine reguläre Arbeit gehen zu können und verschwand, sobald ihm niemand mehr Beachtung entgegenbrachte.

Auf dem Weg zu Frachtraum Acht, dem größten an Bord, machte er noch einmal Halt in der Messe um sich um die Reste des Mittagessens zu kümmern. Dort fand er eine etwas konsterniert wirkende Firell vor, die auf die Stelle starrte, wo einmal ein Tisch gestanden hatte. Als der Drazi den Raum betrat, hob sie mit glasigem Blick den Kopf und fragte leise: „Wo ist mein Tisch hin?"

Gut, dass die Minbari nur schlecht mit Veränderungen zurechtkamen, wusste Tirk. Aber wieso die Heilerin so derart erschüttert wirkte, konnte er sich nicht erklären. „Ich habe ihn in das Quartier der Senatorin gebracht.", erläuterte er kurz und wandte sich dem Buffet zu. Als er sich mit einem überquellenden Teller wieder umdrehte, starrte Firell immer noch auf die Lücke zwischen zwei einsam stehenden Stühlen.

‚Minbari!', dachte Tirk und setzte sich an den nächstgelegenen freien Tisch.

A/N: „Es ist grün" – erinnert sich noch wer an die TNG-Folge „Besuch von der alten Enterprise", in der Data Scotty aldebaranischen Whiskey anbietet? Ich konnte mich dieses Kalauers einfach nicht erwehren ;)