Kapitel 3

Die Erfindung der Fünf-Uhr-Teezeit der Menschen fand Tirk besonders ansprechend. Er mochte zwar Tee nicht besonders (egal, ob von den Menschen oder den Minbari), aber der alternativ angebotene Kaffee schmeckte ihm umso besser. Und natürlich die süßen Leckereien, die es dazu gab. Er pickte gerade mit den Fingerspitzen die letzten Krümel eines Sandtörtchens vom Teller auf, als sich Na'Feel zu ihm setzte. „Warum hattest du eigentlich die Senatorin vorhin in den Maschinenraum gebracht?", fragte die Narn und stellte ihre Teetasse ab.

Er schaute ihr in die glühend roten Augen und zuckte mit den Schultern. „Sie wollte dich fragen, ob wir irgendeine Geheimwaffe an Bord hätten."

„Wie kommt sie denn auf so eine Idee?"

Tirk überlegte kurz, dann antwortete er: „Keine Ahnung. Muss irgendetwas mit Präsident Sheridan zu tun haben…"

„Aha." Na'Feel war nicht schlauer als zuvor.

Tirk überlegte kurz, ob er sich noch ein Törtchen holen sollte, als der Captain die Messe betrat, einen wild gestikulierenden Malcolm Bridges und einen recht blassen Tafeek im Schlepptau. „Schluss jetzt! Du hast ja Recht, aber ich verstehe SIE auch!", meinte David barsch und ließ sich auf seinen üblichen Platz fallen. „Immerhin könnte der Erfolg der Verhandlungen davon abhängen!"

„Ich weiß nicht einmal, ob das Gerät für Na'Feel's Physiologie geeignet ist!", entgegnete Malcolm und holte zwei Tassen Kaffee für sich und den Captain.

Die Narn horchte auf und blickte sich zu den beiden Menschen um. Tirk hatte beschlossen, sich einem Eclair zu widmen und stieß am Buffet mit Tafeek zusammen, der sich einen Julak-Tee eingoss. „Ist die Senatorin wieder ruhiger?", fragte der Drazi leise.

„Nein.", war Tafeek's knappe Antwort, bevor er sich umdrehte und zu den beiden immer noch streitenden Menschen hinüberging.

Tirk setzte sich wieder an den Tisch, an dem auch Na'Feel saß und auffällig unauffällig zu lauschen versuchte. „Meine Mutter sagte immer, es sei unhöflich, andere zu belauschen.", meinte er und biss in die klebrig süße Spezerei.

„Sie reden aber über mich!", murmelte Na'Feel und trank einen Schluck Tee.

„Wenn es dich angeht, werden sie dich schon dazu holen." Tirk dachte da ganz pragmatisch.

„Ich mag es nicht, wenn man hinter meinem Rücken über mich redet!"

Dem Drazi war das gleich. Man hatte immer über ihn getuschelt, egal, wo er war. „Senatorin Teppel hat Angst."

Nun hatte Tirk Na'Feel's ganze Aufmerksamkeit: „Angst? Wovor?"

„Vor den Centauri, nehme ich an. Darum ist sie so… böse." Ein besseres Wort fiel ihm nicht ein.

„Na'Feel? Würdest du bitte einmal zu uns hinüber kommen?", fragte Malcolm laut und winkte die Narn heran.

Seiner Gesprächspartnerin beraubt, Teller und Tasse geleert, erhob sich Tirk und kehrte in den Frachtraum zurück. Er hatte noch zu tun. Wie immer.

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Das Treffen mit den Centauri fand in neutralem Raum statt. Tirk erblickte zufällig durch ein Fenster im Frachtraum den sich nähernden Kreuzer. Ein kleines Shuttel verließ das Mutterschiff und würde wahrscheinlich an der Wartungsbucht andocken. Nichts, womit er zu tun haben würde. Außer, irgendetwas ginge zu Bruch. Dann würde man ihn rufen. Sonst nicht. Er schob noch den letzten Vorratsbehälter an seinen Platz, damit war seine Arbeit für heute beendet.

Auf dem Weg zu seinem Quartier kam ihm Senatorin Teppel entgegen, gefolgt von Captain Martel, Dulann und Tafeek. „Ich werde nicht riskieren, dass ein Centauri dieses Schiff betritt und vielleicht sogar der Narn begegnet! Und ich werde allein gehen! Keine Widerrede!"

„Aber Na'Feel trägt jetzt ein Holonetz und sieht wie ein Mensch aus! Niemand wird sie erkennen!", erklärte David Martel und hatte Mühe, mit der immer noch aufgebrachten Senatorin Schritt zu halten.

Tirk drückte sich flach an die Wand des Ganges, um die Gruppe durchzulassen. Na'Feel als Mensch? Das würde er nur zu gern sehen! Kurzerhand änderte er sein Ziel und suchte den Maschinenraum auf: nur Jackson war dort und überwachte den Antrieb. Keine Spur von Na'Feel. Vielleicht war sie ja in der Messe? Wenn nicht, konnte er sich dort wenigstens noch ein zweites Abendessen holen…

Tatsächlich war Na'Feel auch dort nicht. Auch kein Gesicht, das er noch nicht kannte. Aber es gab noch etwas von der leicht scharfen blauen Suppe! Mehr als nur getröstet ließ sich Tirk nieder und begann zu essen. Er war gerade beim zweiten Teller, als eine Erschütterung das Schiff traf: hatte man etwa auf sie geschossen?

Als der Alarm losging, wusste Tirk, dass etwas mit den Centauri ganz und gar nicht glatt gegangen war. „Alle auf ihre Stationen!", drang aus den Lautsprechern und allgemeine Hektik machte sich breit.

Tirk's „Station" war im Angriffsfall der Maschinenraum, wo die Schadensmeldungen eintrafen, noch bevor die Brücke informiert wurde – damit gleich Handwerker und Techniker losgeschickt werden konnten. Also rannte der Drazi dorthin und sah Na'Feel – wie immer, nicht als Mensch. „Beweg dich! Auf der Brücke ist die Navigationskonsole ausgefallen!", brüllte ihm die Narn entgegen. Er schnappte sich den nächstbesten Werkzeugkoffer und machte sich auf zur Brücke.

Auch dort herrschte Hektik. Kitaro, der Pilot, rieb sich die Hand und fluchte laut vor sich hin: die Konsole vor ihm hatte offensichtlich gebrannt. Tirk zwängte sich an ihm vorbei und wischte die Reste des Löschschaums weg, um den Schaden zu begutachten: nur ein paar verschmorte Kabel. „Du musst eine andere Steuerungseinheit suchen. Ich brauche etwas Zeit.", meinte der Drazi und begann, die Abdeckung zu lösen.

„Zeit haben wir nicht!", rief David Martel als das Schiff erneut getroffen wurde.

„Schilde runter auf zwanzig Prozent!", brüllte irgendjemand. Wahrscheinlich Luval.

Tirk ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Er würde die Konsole notdürftig zusammen flicken, so dass sie ihren Dienst tun würde. Bis er Zeit haben würde, sie vollständig zu reparieren. Die Abdeckung hatte einige unschöne Löcher abbekommen.

„Die Centauri rufen uns!" LeVar.

„Durchstellen!", befahl Captain Martel und das Holobild eines aufgebrachten Centauri-Kommandanten erschien über der Zentralkonsole.

„Was habt ihr euch dabei gedacht?", fauchte der Centauri.

„Wieso greift ihr mein Schiff an?", fragte David zurück.

„Wir sind zu einem Treffen mit Senatorin Teppel gekommen, stattdessen schickt man uns unser Shuttle zurück mit drei Leichen an Bord! Centauri-Leichen! Der Pilot und die Wachen!", erklärte der Centauri wütend. „SO beginnt man Kriege!"

„Das kann nicht sein! Die Senatorin ist an Bord des Shuttles gegangen! Und eure Leute waren lebendig!", verteidigte sich der Captain der ‚Liandra'.

„Ach? Dann hat sich die Senatorin wohl in Luft aufgelöst, nachdem sie meine Männer getötet hat, was?"

„Ich weiß nicht, was passiert ist! Wir werden es herausfinden!", meinte David.

Tirk war fertig mit der Notreparatur und winkte Kitaro heran. Schön war es nicht geworden, aber die Steuerung war wieder hergestellt.

„Oh, wir WERDEN das herausfinden! Auf Centauri-Art! Und die Allianz wird dafür bluten!" Damit verschwand das Bild des fremden Kommandanten.

Viel mehr bekam Tirk nicht mehr mit, Na'Feel rief ihn zu anderen Reparaturarbeiten auf das unterste Deck. Da sie keine Treffer mehr abbekamen, ging er davon aus, dass sich die Centauri zurückgezogen hatten. Aber was auch immer da vorhin geschehen war: es war nicht gut. Gar nicht gut. Er war gerade fertig mit der letzten Reparatur, die Na'Feel ihm zugeteilt hatte, als David Martel ihn über Lautsprecher ausrief: „Tirk, bitte in den Konferenzraum!"

Er packte die Werkzeuge in den Koffer und machte sich auf den Weg. Dort angekommen erwartete ihn der gesamte Kommandostab. „Tirk, ist dir an Senatorin Teppel irgendetwas aufgefallen?", fragte Dulann und deutete auf einen freien Sessel.

Der Drazi setzte sich und überlegte. „Was sollte mir denn auffallen?", fragte er schließlich.

„Irgendetwas, ganz gleich… wie wirkte die Senatorin auf dich?", hakte der Captain nach.

„Ich glaube, sie hatte Angst.", war das erste, das ihm einfiel. „Und darum war sie so."

„Wie – SO?", platzte Sarah hervor.

„Na, so… halt. Böse. Unzufrieden." Wie sollte er das nur erklären? „Nichts war gut. Und sie wollte wissen, ob wir eine Geheimwaffe an Bord hätten."

„Captain… David, ich bleibe dabei: irgendetwas ist von Anfang an faul gewesen!", meinte Malcolm leise und faltete die Hände auf dem Tisch. „Ich glaube nicht, was uns der Centauri erzählt hat! Sie haben die Senatorin entführt, da bin ich mir ganz sicher!" Er beugte sich vor und blickte der Reihe nach allen Anwesenden in die Gesichter. „Warum hatten die Centauri ausgerechnet auf Senatorin Teppel als Verhandlungspartnerin bestanden? Sie hatte Zugang zu empfindlichen Daten, das wurde von Minbar bestätigt!"

„Als Mitglied des Unterausschusses für Verteidigungsfragen ist das natürlich.", meldete sich Tafeek zu Wort. „Viele Senatoren der Allianz sitzen in unterschiedlichen Ausschüssen. Bis vor einem Jahr war die Senatorin noch in einem Ausschuss für landwirtschaftliche Zusammenarbeit."

Nun verstand Tirk gar nichts mehr. Was hatten irgendwelche parlamentarischen Ausschüsse mit drei toten Centauri und einer verschwundenen Senatorin zu tun?

„Captain, ich möchte gern das Quartier der Senatorin untersuchen" Firell sprach leise wie immer und fast hätte Tirk sie überhört.

A/N: Julak-Tee ist in meiner Vision das Minbari-Äquivalent zu Kaffee. Könnte unter Umständen später noch mal wichtig werden, ich kämpfe derzeit einen Sturm von Ideen in meinem Kopf nieder. Abwarten, weiter lesen, ich arbeite noch an Nachfolgeepisoden…