Kapitel 16:

Alice Offenbarung über Bella´s Fähigkeiten betäubten mich. Mein Engel hatte mir vor der Verwandlung das Versprechen abgenommen, dass ich sie davor bewahren würde, jemals menschliches Blut zu trinken. Und nun stand ich machtlos da. Ich umarmte sie und wollte sie nie wieder loslassen. Sie strahlte mich an. Sie liebte mich und war voller Vertrauen zu mir. Ich würde sie enttäuschen. Schmerzvoll war mir wieder bewusst, dass ich es nie schaffen würde, sie zu schützen.

Sie schmiegte sich enger an mich. Ihre Hingabe verdrängte auch die letzten schlechten Gedanken. Ich gab mich ganz meinem Engel hin. Ihr fordernder Kuss brachte mich um den Verstand. Die Leidenschaft entflammte uns beide, und es gab kein Halten mehr. All das, wonach wir uns schon seit Monaten sehnten, wurde wahr. Und es war noch hundert Mal schöner, als ich es mir je erhofft hatte.

„Edward? Alles ok? Hab ich was falsch gemacht?" Erschrocken starrte ich ihn an. Hatte es ihm nicht gefallen? Es war so unglaublich schön gewesen für mich. Wir hatten uns ganz unseren Gefühlen hingegeben. Dass es so sein könnte, hatte ich mir nie erhofft. Ich konnte es nicht beschreiben, aber ich wollte auf keinen Fall die Erinnerung daran verlieren. Meine verspätete Hochzeitsnacht war das Warten wert gewesen. Aber jetzt war er so anders. Vorhin noch gefühlvoll und leidenschaftlich, und jetzt reagierte er gar nicht. Unsicher drehte ich mich von ihm weg. Zweifel überkamen mich. War es nicht das, was er sich gewünscht hatte?

„Bella, es gibt niemanden, der liebevoller, hingebungsvoller und leidenschaftlicher ist als du. Es war unsagbar wunderschön. Ich bin nur über die Intensität meiner eigenen Gefühle überrascht. Ich hatte es mir nicht so vorgestellt. Hab keine Angst, es ist alles in Ordnung" zerstreute ich ihre Bedenken. Ich liebte sie so sehr dafür, dass sie doch noch immer an sich zweifelte. Sie war sich ihrer Wirkung auf mich noch immer nicht bewusst. Ein Leben ohne diese Liebe und Hingabe wäre die Hölle. Diesen Gedanken hatte ich immer und immer wieder….und genau dann kamen die schwarzen Gedanken zurück. Wenn ich mein Versprechen brechen würde, wäre ihr Vertrauen in mich zerstört. Und nichts wäre mehr, wie es war. So gerne wollte ich die Gedanken abschütteln, aber sie brannten sich in meinen Kopf wie ein glühendes Eisen.

Ich merkte, wie sie unruhig wurde und sich verstohlen an den Hals griff. Sie wollte ihre Schwäche nicht zugeben, dass der Durst sie noch immer beherrschte. Aber sie war jetzt gerade mal eine kurze Zeit eine von uns. Sie entwickelte sich gut. Sie lernte ihre Gefühle zu kontrollieren und ihre Angriffsfähigkeit gezielt und nicht willkürlich einzusetzen. Sie wurde von Tag zu Tag besser. Der Durst würde immer bleiben, aber sie würde ihn irgendwann beherrschen. „Komm, mein Schatz, wir gehen jagen. Schau mich nicht so entschuldigend an, das ist das normalste für uns. Du wirst dich irgendwann daran gewöhnen."

Munter hüpfte ich die Treppe runter. Alice und Jasper wollten heute auch mitkommen jagen. Ich liebte sie…sie waren die Geschwister, die ich nie hatte. Edward und sie hatten beschlossen, dass wir heute in die Berge fahren würden zum jagen. Dort sollte es tolle Löwen geben. Ich freute mich schon darauf. Die Jagd machte mir Spaß. Ich liebte die Aufregung, die Anspannung und den Moment des Sieges. Ungeduldig zappelte ich auf dem Rücksitz. Die Fahrt kam mir ewig vor…und mein Hals brannte von Kilometer zu Kilometer mehr.

Ich liebte die Bergluft. Es war ein Gefühl der Freiheit. Kaum stand der Jeep, war ich schon ausgestiegen. Ich hatte Durst und wollte jagen…jetzt. Ich sog die Luft ein…da war nichts. Enttäuscht schaute ich Edward und Alice an. Edward lachte, nahm mich an der Hand und wir liefen ein Stück in den Wald hinein. Alice und Jasper nahmen den anderen weg. Wieder hob ich meine Nase in den Wind. Ich lauschte auf Geräusche. Ich hörte etwas, aber es war sogar für meine Ohren zu leise. Instinktiv zog ich die Augenbrauen zusammen, ich wollte riechen, was ich nicht richtig hören konnte. Mein Magen zog sich zusammen, dieser Duft war himmlisch. Süß und frisch. Meine Kehle brannte. Ein Knurren entwich meiner Brust. Ich war bereit zum losrennen, da stürzte sich Edward auf mich. Wir knallten zu Boden. Seine Arme umschlossen mich wie ein Schraubstock. Abgelenkt durch seinen Angriff dachte ich in dem Moment nicht mehr an diesen süßen, frischen Duft. Wut machte sich in mir breit. Ich knurrte ihn aus tiefster Seele an und zischte: "Gib mich frei, oder ich brech dir sämtliche Knochen!" Er schaute mich so schmerzerfüllt an, ich verstand die Welt nicht mehr. Warum gab er mich nicht frei. Was hatte ich getan. Wir waren doch hier zum jagen. Zornig kniff ich die Augen zusammen und stieß ihn von mir weg. „Sie sind grün", hörte ich ihn erschrocken sagen. Meine Wut übermannte mich, und meine Sinne schärften sich. Da war er wieder, dieser süße Geruch. Er folterte meine Kehle…und ich rannte. Ich folgte dem Geruch, immer tiefer in den Wald. Ich streifte nichts, keinen Zweig, keinen Blatt, nichts. Ich rannte lautlos durch den Wald. Mir blieb nicht viel Zeit. Edward, Alice und Jasper würden mich jagen und auch finden. Sie wollten meine Beute. Aber es war meine. Ich hatte sie zuerst gerochen, und meine Kehle brannte so.

Da standen sie vor mir, Alice und Jasper. Sie standen zwischen mir und der unglaublichen Versuchung. Ich knurrte sie an. Mein Verlangen war nicht zu bremsen. Ich konzentrierte mich auf die zwei und stieß jeden in eine andere Richtung. Ich machte mir den Weg frei. Edward, halt dich von mir fern. Ich will dir nicht weh tun! Ich wusste, dass er es gehört hatte. Aber es hinderte ihn nicht. Er stellte sich zwischen mich und dieses Wesen, das so unglaublich gut roch.

„Bella, nein, das darfst du nicht. Es ist ein Mensch!"

Was auch immer er da sagte, ich verstand es nicht. Er verbot mir etwas. Wer war er, dass er sich das heraus nahm? Mit einem wütenden Aufschrei schleuderte ich ihn von mir weg….Ich sah nur noch rot. Langsam ging ich auf dieses kleine Wesen zu. Meine Kehle brannte wie Feuer. Ich spürte das Gift in meinem Mund. Mein Magen verkrampte.. Dieser Versuchung würde ich nicht widerstehen. Ich war die Jägerin und es das Gejagte. Als meine Zähne sich in die Haut meines Opfers gruben und ich das süßliche Blut schmeckte, vergaß ich alles um mich herum. Es war ein Rausch, ich wollte mehr und mehr und mehr…Es sollte nie wieder aufhören.