Kapitel 20:
Ich rannte und rannte und rannte. Der Wind peitschte mir ums Gesicht. Ich wünschte, ich könnte weinen. Als Mensch war das einfach. Mit jeder Tränen spülte es ein wenig den Schmerz weg. Und jetzt? Es war nicht zu ertragen. Ich hatte meine Familie verlassen. Meinen Engel ließ ich zurück, den, den ich über alles liebte. Ohne den ich nicht leben konnte. Ich hatte mein Herz bei ihm gelassen. Es war eine Leere in mir, die ich nicht beschreiben konnte.
Gleichzeitig zerriss es mich. Mein Herz war tot, aber es brannte so lichterloh. Tausend Stiche quälten meinen Körper, ich hielt es kaum aus. Ich verlangsamte meinen Schritt und blieb dann einfach stehen. Regungslos schaute ich zum Himmel. Er fühlte mit mir. Große schwarze Wolken waren zu sehen, und das erste Donnergrollen war auch schon zu hören. Der Himmel würde für mich weinen.
Mit einem Aufschrei sank ich auf die Knie. Mein Körper bebte.
Ich spürte nichts… Inzwischen prasselte der Regen nieder, aber auch das nahm ich nicht wahr. Ich hoffte nur, er würde meinen glühenden Körper kühlen, aber dem war nicht so. Der Schmerz brannte noch immer…unaufhörlich.
Ich hatte meine Liebe – mein Leben – verlassen. Es gab kein Zurück. Ich war eine Gefahr. Ich war ein unkontrolliertes Monster, bereit zum Töten eines jeden…Ich machte keinen Halt vor meiner Familie. Ich hätte sie im Wald töten können. Und nur weil ich dieses verdammte Menschenblut wollte. Ich hab sie durch die Gegend geschleudert, und es hatte mir rein gar nichts ausgemacht. Es hatte mir Spaß gemacht…Ich genoß die Angst, die sie hatten. Es war Verrat. Verrat an denen, die immer für mich da wären, deren Liebe ich einfach nicht verdient hatte.
Meine Familie würde durch mich nicht mehr zu schaden kommen. Ich würde mich soweit von ihnen entfernen, dass keine Gefahr mehr bestehen würde. Ein Zurück gab es nicht… Vielleicht irgendwann, aber das stand in den Sternen. Solange ich meine Kräfte nicht kontrollieren konnte, war ich eine wandelnde Tötungsmaschine. Diesem Risiko würde ich sie nicht wieder aussetzen.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich hier am Boden kniete…ich weiß auch nicht, wie lange ich schon von meiner Familie weg war. Es kam vor mir wie eine Ewigkeit. Ich war bisher keinem Menschen mehr begegnet. Langsam fühlte ich die Kraft, ich könnte vielleicht doch widerstehen. Die letzten Stunden hatte ich mit jagen von Tieren zugebracht. Mein Durst war gestillt. Also machte ich mich auf den Weg in ein Gebiet, welches mir entweder wieder die Freiheit brachte, zu meiner Familie zurückzugehen, oder meine Existenz beenden würde.
Es war mein Plan gewesen. Hier in diesem Gebiet durfte ich nicht jagen….Wenn ich schwach werden würde, müsste ich das mit dem Leben bezahlen. Die Wölfe würden gnadenlos sein. Wenn ich nicht die Kraft hätte zu widerstehen, dann wollte ich auch nicht leben. Als ein Monster, das jeden in tödliche Gefahr bringt, den es liebt….nein, so wollte ich nicht die Ewigkeit verbringen.
Was könnte es für einen größeren Anreiz geben, einem Menschen zu widerstehen, damit ich zurück zu Edward konnte…damit ich vielleicht irgendwann wieder mit ihm glücklich sein konnte.
Es war wie ein Wink des Schicksals, denn genau jetzt nahm ich wieder diesen wunderbaren Geruch wahr…Jeder Muskel in mir spannte sich an. Es war eine automatische Reaktion, ich konnte sie gar nicht beeinflussen. Es war ein Mensch….ich wusste es, ich roch es. Und ich spürte den Schmerz in der Kehle….es brannte.
Ich kauerte mich an den Boden und versuchte mich auf etwas anderes zu konzentrieren. In Gedanken erinnerte ich mich an unsere Lichtung, die vielen Stunden, die wir dort gemeinsam verbracht hatten, an meine Familie…ich versuchte wirklich, mich nicht von diesem unwiderstehlichen Geruch aus der Ruhe bringen zu lassen…
Ein Knurren kam aus meiner Brust, und ich erschrak über mich selbst. Ich hatte mich nicht im Griff…ich spürte, wie ich die Kontrolle über mich langsam verlor. Meine Sinne schärften sich….Ich wusste, in welche Richtung ich rennen musste, wo ich die Erlösung meiner Schmerzen finden würde.
Ich wollte aber nicht dorthin rennen.
Meine Hoffnung, dass ich inzwischen stärker wäre und ich mich den Qualen aussetzen und dann widerstehen könnte, wurde zunichte gemacht. Das Monster in mir hatte längst entschieden, sich das zu holen, was diesen Brand in meiner Kehle stillen würde…Ich wollte mich zum Angriff anschleichen…und dann stand ich meinem Vollstrecker gegenüber. Er würde mich nicht vorbei lassen…und gewachsen war ich ihm auch nicht. Ich hatte keine Kampferfahrung...
Ich musste den Mensch vor dem Blutsauger schützen. Es war eine wunderschöne junge Vampirin….ich hätte sie gerne verschont. Aber der Schutz der Menschen geht vor. Sie schlich auf mich zu…und knurrte mich an. Ein beeindruckendes Knurren war es…ich machte mich zum Angriff bereit. Sie würde heute hier keinen Menschen töten.
Und dann ging alles sehr schnell. Sie machte einen Satz und ich sprang ihr Entgegen. Es krachte, als ob Felsen aufeinander treffen würden. Ich grub meine Zähne in ihre Schulter und hörte, wie die Knochen unter der Kraft meines Kiefers nachgaben.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass der Mensch sich in Sicherheit brachte, und auch meiner Gegnerin war das nicht entgangen. Sie bäumte sich auf, und dann packte ich erneut zu…Mit einem lauten Krach stürzte ich rückwärts….und spuckte ihren Arm aus. Ich hatte ihn abgerissen. Sie hatte aufgeschrieen, also spürte sie die Schmerzen. Und sie schien mir plötzlich ruhiger….aber sie war ein Vampir. Denen konnte man nicht vertrauen, und man konnte sie nicht einschätzen.
Mit einem wütenden Grollen stürzte ich mich wieder auf sie….und verletzte sie an vielen Stellen sehr tief….und sie wehrte sich nicht. Sie schluckte den Schmerz und gab keinen Ton von sich. Langsam drang es in mein Bewusstsein, dass dieser Vampir sich nicht verteidigte, sondern sich von mir auseinander nehmen ließ. Ich blickte ihren Körper an. Es waren viele Verletzungen, richtig tief, wie sie nur ein Werwolf einem Vampir zufügen konnte. Sie schaute mir in die Augen….ich konnte nicht verstehen, was sie aussagten, aber ich wusste, ich würde sie hier und heute nicht töten….in einem fairen Kampf ja, aber nicht so. Ich ließ von ihr ab und entfernte mich einige Schritte, zum Schauen, ob sie wieder aufstand und erneut angreifen wollte. Aber sie rührte sich nicht. Sie lag einfach nur da und gab keinen Ton von sich. Vielleicht würde sie ihren Verletzungen auch erliegen, das war mir jedoch egal. Sie war mein größter Feind…
Mit erhobenem Kopf lief ich dem Menschen hinterher und ließ den Vampir hinter mir.
Mein Körper war zerfleddert. Der Wolf hatte gute Arbeit geleistet…die vielen Fleischwunden waren zu ertragen….aber mein Arm. Diesen Schmerz zu ertragen war eine Qual…ich wusste nicht, was ich jetzt machen sollte. Noch nie hatte ich dieses Gefühl erlebt. Aber mein Durst war verschwunden, schon nach dem ersten Schmerz, den ich spürte. Schmerz würde mich unter Kontrolle halten. Wenn das die einzige Möglichkeit wäre, nicht als Monster zu leben…so hatte ich den Schlüssel gefunden.
Ich brauchte jetzt Hilfe. Alleine würde ich das nicht schaffen, und ich wusste auch nicht, was ich jetzt mit meinem Arm machen sollte.
Es gab jetzt nur einen, den ich fragen konnte und wollte. Und ich hoffte inständig, er würde mich nicht abweisen.
Ich nahm mein Handy und wählte. „Ja?" hörte ich es am anderen Ende der Leitung. „Carlisle, hier ist Bella. Bitte, ich brauche deine Hilfe…."
Irritiert blickte ich Carlisle an. Seine Gedanken kreisten um Bella – der Name war im Kopf eines jeden von uns – seit Wochen – und als sein Handy klingelte und er abnahm, dachte er plötzlich an nichts? Ich hörte ihn nur sagen „Ja, selbstverständlich werde ich kommen," als er den Raum verließ. Das ganze kam mir zwar sehr merkwürdig vor, aber meine Gedanken drehten sich nur um meinen geliebten Engel. Ich wusste nicht, wo sie war, wie sie sich fühlte. Liebte sie mich noch? Ich vermisste sie so sehr…. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie zu mir zurückkommen würde. Es war das einzige, was mich daran hinderte, durchzudrehen. Ich hatte viel Geduld, und ich würde ewig warten…wenn auch nur der kleinste Hoffungsschimmer bestünde, dass ich mein Leben zurückbekäme.
„Carlisle, ich will mit!" hörte ich Alice aufschreien. Wie der Teufel sprang sie von der Couch und flitzte ihm hinterher…aber er war schon weg. Draußen hörte ich sie toben und stampfen und entschied nach meiner kleinen Schwester zu schauen. „Er ist weg…wie kann er nur….ohne etwas zu sagen. Ich hab es gesehen….er geht zu Bella."
Verwirrt schaute ich Alice an. Woher wusste er, wo Bella war? Was wollte er bei ihr? „Alice, was hast du gesehen?" Es war keine Frage, es war eine Drohung. Sie hatte gesehen, was er vorhatte. Traurig blickte Alice mich an: „Er hat seine Arzttasche mitgenommen und ist zu ihr. Mehr habe ich nicht gesehen…"
Er hatte seine Arzttasche mitgenommen? Das konnte nur eines bedeuten… Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Wenn Bella ihn angerufen hatte und Hilfe brauchte, dann war sie verletzt. Es konnte nicht irgendeine kleine Verletzung sein, denn die hätte von alleine geheilt. Das wusste Bella schon von uns. Was konnte meinem Engel zugestoßen sein? Die Angst in mir machte sich breit….Sie war irgendwo da draußen, ohne Erfahrung und eine leichte Beute für jeden unserer Feinde…
Ich musste zu ihr….aber wo war sie?
