Kapitel 2

Während Gandalf seine Tochter im Arm hielt, wurde ihm immer mehr bewusst, wie sehr sie ihrer Mutter ähnelte. Sie hatte die gleichen, glatten schwarzen Haare, die gleichen braunen Augen, die je nach Licht golden glänzten und die so oft vor Freude funkelten, das gleiche Gesicht. Auch Elins Verhalten erinnerte an das ihrer Mutter, die Art, wie sie ihn anblicken konnte, wenn sie etwas durchsetzen wollte, war ihm unvergesslich.

Traurig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und dachte, was Elin alles von ihrer Mutter hätte lernen können. Glawarien war eine außergewöhnliche Person gewesen, selbst für eine Elbin, und viele Geheimnisse rankten sich um sie. Doch es war zu spät, niemand kann die Zeit rückwärts laufen lassen. Sie hatte ihr Leben für das ihres Kindes gegeben, wie es prophezeit gewesen war. Doch in Elin lebte sie weiter.

Elin strahlte vor Freude, ihren Vater wiederzusehen. Gandalf kam so oft wie möglich nach Rohan, doch die Zeit zwischen seinen Besuchen kam ihr jedesmal

sehr lange vor. "Gehen wir nach draußen?" fragte sie. "Reiten?" Gandalf wusste ganz genau, worauf sie hinaus wollte. "Ja! Oder bist du etwa schon müde?" neckte sie ihn. Vor dem Haus wartete Gandalfs Pferd, eine hübsche braune Stute, die schon viele Jahre mit ihm herumzog. Elin stieß einen lauten Pfiff aus, und nach kurzer Zeit kam ein herrliches Pferd herbeigetrabt. Duwath hieß es, Nachtschatten.

Vor fast drei Jahren, kurz nachdem der junge Hengst geboren wurde, wurde er Elin zugesprochen, wie es Sitte bei den Rohirrim war. Die, die noch kein eigenes Pferd besaßen oder deren Pferd gestorben war, kümmerten sich um die Fohlen, von denen sie später das bekamen, mit dem sie am besten ausgekommen waren. Im Laufe der Jahre hatte sich das Fohlen zu einem stattlichen Pferd entwickelt, pechschwarz mit nur einem winzigen weißen Stern, der unter der langen Mähne versteckt war.

Kurz darauf trabten sie über die weiten Wiesen und entfernten sich immer mehr von Edoras. Elin musterte den Zauberer genau. Schweigsam ist er heute, dachte sie. Irgend etwas schien ihm Sorgen zu bereiten.

Irgendwann fing Gandalf an zu erzählen, Neuigkeiten aus aller Welt, von den Hobbits, den Elben, Zwergen und Menschen. Es war viel geschehen, seit sie miteinander heimlich nachts durchs Auenland geritten waren. Schließlich kam er auf etwas zu sprechen, worauf Elin schon die ganze Zeit gewartet hatte.

"Irgend etwas hat sich verschoben in der Welt, selbst die Menschen haben es bemerkt. Aber sie können es nicht einordnen. Dinge geschehen, die nicht geschehen dürften, und es gibt Gerüchte, viele Gerüchte. Aber keiner weiß die ganze Wahrheit..."

"Aber du weißt sie?"

"Nein, auch ich habe nur Vermutungen. Noch kann ich es nicht nachprüfen, aber ich bin mir fast sicher. Ich glaube, es ist..."

"Mordor", sagte Elin. Gandalfs erschrockene Blicke ignorierte sie. "Der dunkle Herrscher ist wieder zu Kräften gekommen. Er rüstet sich, zieht seine Armeen zusammen, erschafft neue, widerliche Kreaturen. Orks. Und schlimmere."

"Du spürst es auch?"

"Spüren?" Sie lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. " Ich kann sie beinahe sehen, so nah sind sie. So viele."

"Doch der eine Ring ist nicht in seiner Hand, er kann seine Macht nicht wiedererlangen."

"Er wird ihn finden. Er wird den jagen, der ihn trägt. Er braucht den Ring." Lange Zeit war Stille. Gandalf war tief in Gedanken versunken. Er musste es ihr sagen, aber wie? Er hatte sie all sein Wissen gelehrt, hatte ihr die alten Schriften zum Lesen gegeben. Doch konnte er das tun, was er tun musste? Wollte er das tun? Hatte er nicht schon einmal einen Menschen verloren, den er liebte? Warum musste es diesmal seine Tochter sein? Warum?

Längst war es Abend geworden, aber weder Elin und Gandalf dachte daran, wieder zurück zur goldenen Halle zu reiten. Schließlich, als die Sonne ganz hinter dem Horizont versunken und der nachtschwarze Himmel voller wie winzige Diamanten strahlender Sterne war, entzündeten sie in einer Senke zwischen einigen struppigen Büschen ein Lagerfeuer und aßen von dem Proviant, den der alte Naldo Elin vorausschauend noch zugesteckt hatte.

Die Zeit verging, Elin lag neben dem knisternden Feuer auf dem Rücken und betrachtete die Sterne. In Gedanken zog sie zwischen ihnen die Linien, die sie zu Sternbildern verbanden, zu den bekannten und zu denen, die nur Wenige erkennen konnten, wie dem Drachen und dem Turm.

Gandalf blickte ins Feuer und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er musste es ihr sagen, das war ihm klar. Kein Weg führte daran vorbei. Womöglich würde er es nur noch schlimmer machen, wenn er es ihr verschwieg. Er sah die Sterne in den Augen seiner Tochter funkeln, die Flammen auf ihrem schwarzen Haar tanzen. Wieviel Zeit war vergangen, seit er dieses Funkeln das letzte Mal gesehen hatte? Es war an seinem letzten gemeinsamen Tag mit Glawarien gewesen. Er hatte es geahnt, nein, sogar gewusst, doch er hatte es nicht wahrhaben wollen. Die Sterne leuchteten hell, als sie die Worte sprach, die ihre letzten sein sollten: "Sag es ihr, Gandalf. Sag es ihr, bevor es zu spät ist."

Erschrocken richtete er sich auf, doch dann sah er, dass es nur ein kleiner Nachtfalter war, der bei seinem Tanz um das Feuer gegen Gandalfs Gesicht geflogen und ihn damit aus seinen Gedanken gerissen hatte. Wie hatte er nur ihre Worte verdrängen können? Jetzt war es Zeit. Bald würde es zu spät sein.

"Elin", begann er leise, "es ist...ich...ich muss dir etwas sagen." Er atmete tief durch. "Vor langer Zeit, lange bevor der Ring geschmiedet wurde, wohnte in Doriath eine weise Königin namens Melian. Sie war eine Maia, doch sie lebte mit König Thingol zusammen in Mittelerde. Vieles wusste sie über die Welt, was anderen auf ewig verborgen bleiben wird, und eines Tages gab sie ihrem Volk eine Prophezeiung. Es war nur eine unter vielen, und die meisten haben sie schnell wieder vergessen, doch einige erkannten, dass sie in späteren Zeiten wohl sehr bedeutsam werden würde. Dennoch ging sie verloren, wie fast alles aus den alten Tagen verloren ging, und lange Zeit wusste niemand mehr davon. Doch diese Prophezeiung Melians wurde niedergeschrieben und im Geheimen aufbewahrt. Eines Tages habe ich sie gefunden, nachdem ich viele Jahre gesucht hatte. Dann habe ich versucht, sie so gut wie möglich zu verstecken, denn sie sagt einiges, was sehr nützlich sein kann. Und die Zeit wird kommen, so lautet sie, in der es wieder dunkel wird in der Welt..."

Elin sah auf und blickte ihn an, beinahe meinte er, Mitleid in ihren Augen lesen zu können. "...in der die Sterne nicht mehr leuchten und der Himmel sich verdunkelt, in der die Nacht kommt, dunkler als alles, was je zuvor gewesen ist..." sprach sie den Satz weiter.

"Du kennst sie?" Gandalf klang verwundert, doch auch erleichtert. Wie konnte sie sie kennen? "Woher?"

"Du hast mich doch mit den alten Schriften unterrichtet, mit den Teilen, die erhalten geblieben sind. Du hast mich gelehrt, die alten Schriftzeichen zu lesen und zu verstehen. Schließlich ist mir aufgefallen, dass jene Prophezeiung Melians nicht vorhanden war, doch aus anderen Schriften ging hervor, dass sie in eben diesem Buch erhalten sein müssten. Deshalb ging ich auf die Suche, und da ich weder in Bruchtal noch in Lothlórien nachsehen konnte, beschloss ich dort zu suchen, wo solche Schriften am unwahrscheinlichsten aufzufinden waren: in den Archiven der goldenen Halle."

"So war mein Versteck schlecht gewählt", meinte Gandalf lächelnd.

"Schlecht gewählt? Es war das einzige Versteck, wo niemand gesucht hätte. Kein Elb hätte die Prophezeiungen seiner Ahnen zu den Menschen gebracht, niemals. Ich habe lange gesucht, doch letztendlich habe ich es gefunden. Und gelesen." Sie stockte. Nur zögerlich sprach sie weiter.

"Ich hatte es vor mir liegen, doch ich wollte es nicht glauben. Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich habe es wieder versteckt und bin gegangen, ich habe es verdrängt."

"Das habe auch ich getan."

"Aber es hat mir keine Ruhe gelassen. Stets musste ich mich fragen: Was wäre, wenn es wahr ist? Kann ich es einfach vergessen? Letztendlich bin ich wieder ins Archiv gegangen und habe es noch einmal gelesen. Ich habe es geprüft, Wort für Wort. Dann habe ich mich damit abgefunden."

"Niemand kann dich zwingen, alten Prophezeiungen zu folgen, Elin. Wer weiß, ob sie überhaupt richtig ist?" Gandalf war besorgt, besorgt um sein Kind, das, wie er wusste, seine Entscheidung längst gefällt hatte.

"Und doch", sagte Elin leise, "holt das Schicksal uns alle ein. Weglaufen ist zwecklos, es ist schneller, schneller als Duwath, auch schneller als Schattenfell. Wohin soll ich fliehen? Wo würde es mich nicht finden?"

Eine Zeitlang war nur das Knacken des grünen Holzes im Feuer zu hören. "Ich gehe", sagte Elin. "Ich gehe nach Mordor."

*** So, ich habs geschafft, möglichst viele Absätze zu machen ;-) Sorry an alle, aber ich musste mich erst noch an dieses System gewöhnen...