Kapitel 6
Stille lag über den weiten Weiden Rohans, während die Sonne langsam in leuchtendem Rot hinter dem Horizont emporstieg und die Nacht vertrieb. Die Sterne begannen zu verblassen, längst war der Mond untergegangen. Die ersten warmen Sonnenstrahlen vielen auf eine kleine Gruppe verschiedenster Gestalten, die sich am Rand von Edoras versammelt hatten. Einige versuchten vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken. Es waren Elins Freunde, die am Abend zuvor ein Abschiedsfest für ihre Liniel gefeiert hatten, das bis in die frühen Morgenstunden gedauert hatte. Winkend sahen sie den Silhouetten der beiden Reiter nach, die sich in nördlicher Richtung langsam entfernten. Manche staunten nur kopfschüttelnd, wie Liniel es geschafft hatte, so früh aufzubrechen, da sie ihr Abschiedsfest auch nicht früher als die anderen verlassen hatte und sonst zwar nicht als Langschläfer, aber auch nicht als extreme Frühaufsteherin bekannt war. Wohl wäre der Abschied anders ausgefallen, hätten sie geahnt, was keiner von ihnen ahnen konnte: Sie würden sie viele Jahre lang nicht wiedersehen.
Elin genoß die Reise, selbst wenn ihr letztendlicher Ausgang ungewiss war. Sie saß entspannt auf dem Rücken von Duwath, dessen weiche Gänge sie beruhigend und einschläfernd hin und her schaukelten. Nia hatte ihren stolzen Rappen einmal „das Schaukelstuhlpferd" genannt. Beim Gedanken an ihre freche Freundin musste Elin lächeln. Die Minuten verschmolzen zu Stunden, die Stunden zu Tagen. Wie ein zäher Brei floss die Zeit dahin, während die beiden Reiter sich immer weiter Richtung Norden bewegten. Obwohl sie sich nicht allzuweit von den Straßen entfernten begegnete ihnen tagelang keine Menschenseele, dafür aber schien sich die ganze Tierwelt Mittelerdes mit ihnen bekannt machen zu wollen. Mehrmals täglich versuchten Schmetterlinge, sich auf ihrer Nasenspitze niederzulassen, tanzten um ihre Köpfe und landeten auf Gandalfs ausgestrecktem Finger. Elin hatte den Eindruck, sie würden dem alten Zauberer etwas mitteilen, konnte aber nichts verstehen.
Die Nächte verbrachten die beiden in kleinen Senken oder zwischen einzelnen Felsbrocken, stets verborgen vor neugierigen Augen. Doch wer sollte sie schon entdecken? Das Land war menschenleer und erstreckte sich meilenweit um sie, die Nächte waren ruhig und friedlich; nur das Knistern des Feuers und das gleichmäßige Grasen der Pferde war zu hören. Von einer Bedrohung war nichts zu merken, wer auch immer in diesen Tagen nach Süden zum Lande Mordor blickte, sah nichts als kalte, schwarze Berge. Noch ahnte kaum jemand, dass von dort in einigen Jahren erneut das Dunkel über die Welt hereinbrechen würde, angekündigt durch ein Glühen im Süden, hinter diesen hohen Bergen, unheimlich und kalt.
Als der neunte Tag ihrer Reise sich dem Ende zuneigte und sie Sonne schon fast hinter dem Horizont verschwunden war erreichten sie ihr Ziel. Die letzten Sonnenstrahlen erleuchteten eine riesige, dunkle Wand: das Nebelgebirge. Elin betrachtete die im Abendrot glühenden Berge, die schroff und steil in den Abendhimmel ragten, und erkannte ihre Heimat.
Bei Sonnenaufgang begannen sie mit dem Aufstieg. Ihre Pferde mussten sie zurücklassen, denn der Weg hinauf in die Berge war für sie nicht zu schaffen. Sie nahmen ihnen Sättel und Zaumzeug ab und ließen sie laufen. In den Wiesen und Wäldern am Fuße des Gebirges würden sie die nächste Zeit verbringen und mit ihren Herren weiterreisen, sobald sie aus dem Gebirge zurückgekommen waren. Dies hatten Elin und Gandalf den Pferden gesagt und Elin war sich sicher, dass Duwath sie verstanden hatte. Im Licht der aufgehenden Sonne trabten die beiden Pferde davon.
Die schroffen, steil abfallenden Felswände machten den schmalen Pfad, der sogar für die Augen eines geübten Wanderers nur sehr schwer zu entdecken war, zu einem Tanz auf des Messers Schneide, der bei Tageslicht schon gefährlich war; bei Nacht wäre jeglicher Versuch dieser Art aufs heftigste zum Scheitern verurteilt gewesen. In den tiefen Schluchten wuchsen an manchen Stellen alte, knorrige Bäume, die ihre kahlen Äste wie stumme Wächter der Toten gen Himmel streckten.
Vor einem Labyrinth aus Geröll und riesigen Gesteinsbrocken verschwand der Pfad. An seinem Ende ragten zwei hohe Felsen empor, die von weitem den Eindruck erweckten, sie seien von Menschen behauen und geformt worden, um das Ende des Pfades zu markieren und jeden unvorsichtigen Wanderer zu warnen, seine Schritte weiter zu lenken. Elin hielt inne und betrachtete die beiden Säulen. „Was ist das?", fragte sie, beeindruckt von dem Anblick. „Kennst du es nicht mehr?", sagte Gandalf leise, doch es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er warf seiner Tochter einen seltsamen Blick zu, den Elin nicht so recht deuten konnte und irgendwo zwischen liebevoll und traurig einordnete. „Du hast geschlafen, als wir es zuletzt durchschritten haben. Man nennt es das Aewannon, das Tor der Vögel, denn nur die Vögel können weiter in die Berge vordringen. Es ist die letzte Warnung an jeden, der das Gebirge betreten hat, die letzte Warnung umzukehren. Denn jenseits des Tores gibt es keinen Weg mehr, auch keinen Pfad, nur rohes Gestein, kalt und tödlich. So denken die Menschen, doch wenn du das Tor von nahem betrachtest, wirst du erkennen, das keine Menschenhand sie je geformt hat. Wind und Wasser haben sie zu dem gemacht, was sie heute sind." Vor Elins Augen entstand das vertraute Bild eines schmalen Pfades, das aus den Tiefen ihrer Erinnerung kam. „Und doch gibt es einen Weg hinter dem Tor.", sagte sie leise. „Die Menschen sehen nicht viel, und ihre Augen sind leicht zu täuschen", erwiderte Gandalf. „Es gibt Wege, die die Menschen nicht erkennen können. Sie ziehen sich durch das ganze Land. Alt wie die Welt sind sie, doch unsichtbar für die meisten der Völker. Nur die Elben können es spüren, wenn sie einen solchen Pfad betreten. In ihren Geschichten werden sie an manchen Stellen erwähnt, sie werden Lynd-en-aur, die Pfade des Morgens, genannt." „Die Pfade des Morgens? Weshalb gaben die Elben ihnen einen solchen Namen?" „Der Name stammt nicht von den Elben. Sie haben ihn vor langer Zeit übernommen, als es auch unter ihnen noch viele gab, die sie sehen konnten. Die Herkunft des Namens wirst du bald erkennen können.", sagte Gandalf mit einem leisen Lächeln.
Und damit hatte er recht. Kaum hatte Elin das Felsentor durchschritten, bemerkte sie, wie ihre Füße beinahe von selbst zu gehen begannen. Ein jeder Meter der Landschaft war ihr bekannt; sie hatte den Weg bei ihrer Reise nach Rohan vor vielen Jahren in Erinnerung behalten. Je höher sie stiegen, desto mehr fühlte sich Elin zu hause. Die Umgebung war ihr so vertraut, als wäre sie niemals fort gewesen, sie sah sich selbst auf diesem oder jenem Felsen sitzen und die Murmeltiere beobachten. Erinnerungen kehrten zurück, die sie längst für verloren gehalten hatte. Und bald erkannte sie auch, weshalb der Pfad seinen seltsamen Namen trug. Eigentlich konnte man nicht von einem Pfad sprechen, denn es war keiner vorhanden, nur Gestein und zähes, windgepeitschtes Gras. Doch wenn sie sich konzentrierte, konnte sie eine dünne Linie aus warmem Licht erkennen, die sich durch die Bergwelt schlängelte und ihnen den Weg wies, wie Strahlen der Morgensonne schimmerte der Pfad im Gras, majestätisch und bezaubernd.
Stundenlang folgten sie dem Pfad durch die kahle Welt des Nebelgebirges.
Die Sonne hatte ihren höchsten Stand schon lange erreicht und neigte sich dem westlichen Rand der Welt zu, Dämmerung beherrschte bereits die Schluchten und Täler des Gebirges. Kurz vor Einbruch der Nacht erreichten sie ihr Ziel. Die kleine Höhle hoch oben in den Bergen war im Halbdunkel kaum zu erkennen, denn ihr Eingang lag versteckt zwischen einigen Brocken losen Gesteins. Im Inneren war sie trocken und sauber. Nicht weit entfernt war das Plätschern eines Baches zu hören, das Gras hier oben schien grüner und saftiger zu sein als an anderen Orten in den Bergen. Neben der Höhle wuchs ein stolzer, wohl mehr als zwei Mann hoher Baum gen Himmel. Murmeltiere spähten vorsichtig aus ihren Löchern. Ein kleiner Schmetterling, der sich wohl verflogen haben musste, landete auf Elins Nase. Elin lächelte. Sie war zu Hause.
