Ihre Ausbildung begann am nächsten Morgen. Am Abend war sie vom langen Aufstieg erschöpft gewesen und sofort in einen tiefen Schlaf gefallen; trotzdem erwachte sie beim Licht der ersten Sonnenstrahlen, ohne dass Gandalf sie geweckt hatte. Doch auch er war schon aufgestanden und bereitete ihnen aus den verbliebenen Vorräten – Brot, Käse und dünnem Gebäck – ein Frühstück. Elin war gespannt, wie diese Ausbildung wohl aussehen würde, denn obwohl ihr bewusst war, dass ihre Aufgabe keinesfalls leicht zu bewältigen sein würde, hatte sie doch nach ihrem Ermessen in Rohan einige sehr nützliche Fertigkeiten des Kämpfens gelernt; war es dort doch Sitte, selbst die nicht adligen jungen Frauen in der Kunst der Waffenführung zu unterrichten. Indes sollte Elins Frage nicht lange unbeantwortet bleiben.
„Hier!" rief Gandalf und warf ihr ein Schwert zu. Aus einem Reflex hinaus griff sie zu, bekam das Schwert zu ihrem großen Glück nicht an der Schneide, sondern am Heft zu fassen und kämpfte einen Moment lang um ihr Gleichgewicht. Noch während sie sich fragte, wie er unbemerkt an ein Schwert herangekommen war, griff er an. Überrascht schaffte sie es gerade noch, ihr Schwert hochzureißen und seinen Schlag abzublocken, doch da folgte schon der nächste. Mit Wucht prallten die beiden Schwerter aufeinander, Elin spürte, wie ihr gesamter rechter Arm taub zu werden begann, verzweifelt hielt sie die schwere Waffe fest. Dann hörte sie Gandalfs Stimme. „Mir scheint, die Rohirrim haben zuviel Zeit mit ihren netten kleinen Pferdchen verbracht, denn ein Schwert führen können sie wohl nicht. Oder wie nennst du das, was du gerade tust?", sagte er höhnisch und seine Augen glitzerten voller Spott, als er lachte. Elin hielt die Luft an. Seine Worte hatten sie überrascht und tief gekränkt. So kannte sie ihn gar nicht. Spott und Hohn passten nicht zu der Güte und Weisheit, die für sie eigentlich untrennbar mit seiner Person verbunden waren. Warum beleidigte er die Rohirrim? Wut stieg in ihr hoch, mit verzweifelter Kraft packte sie ihr Schwert noch fester und stürzte auf ihn zu. Einen Moment später bemerkte sie, dass es eine Falle war. Gandalf wich behende zurück, ließ ihr Schwert an dem seinen entlang zur Seite gleiten und schlug ihr mit einer kleinen, beinahe spielerisch anmutenden Drehung des Handgelenks die Waffe aus der Hand. Sie spürte das kalte Eisen an ihrer Kehle. Fragend blickte sie ihn an und erkannte erleichtert, dass von Hohn und Spott in seinen Augen nichts zu sehen war; der vertraute Ausdruck des Lehrmeisters war zurückgekehrt. „Lektion eins", sagte er, während er das Schwert langsam zurückzog, ohne ihre Haut auch nur zu ritzen, „lass dich niemals, niemals reizen."
Den ganzen Tag verbrachten sie mit Schwertübungen. Nach jener ersten verheerenden Niederlage hatte Elin ihr Schwert wieder gepackt und hatte sich geschworen, sich nie wieder so in die Irre führen zu lassen. Doch dieser Vorsatz ging kurz darauf schon wieder verloren, als sie sich von Gandalf problemlos in eine so ungünstige Position treiben ließ, dass sie aufgeben musste, wollte sie nicht in die Tiefe stürzen. So vergingen die Stunden, Schwert schlug klirrend auf Schwert, Kampf reihte sich an Kampf, der Elin langsam aber beständig das letzte bisschen Kraft aus den Knochen trieb. Die Sonne neigte sich schon dem westlichen Horizont zu, als Gandalf sie zum ersten Mal an einem nahe gelegenen eiskalten Gebirgsbach einen winzigen Schluck trinken ließ. Doch er dachte nicht daran, ihr eine längere Pause zu gewähren. Unbarmherzig zwang er sie, aufzustehen und weiterzukämpfen, Schlag um Schlag, Runde um Runde. Sie schrammte an einem scharfen Stein in der Felswand vorbei und holte sich dabei einen blutenden Riss quer über die Wange, doch sie bemerkte es kaum, so sehr war sie bemüht, sich auf den Beinen zu halten und Gandalfs unverändert kräftige Schwerthiebe abzufangen. Als die Dämmerung hereinbrach bemerkte sie zwischen zwei Wachträumen, dass der alte Zauberer aus dem Tritt geriet. Ihre Aufmerksamkeit war geweckt, so weit es ihr noch möglich war konzentrierte sie sich genauer auf seine Bewegungen. Sie waren bei weitem nicht mehr so kraftvoll und ausgreifend wie zuvor, er schien zu ermüden. Ein Funke Hoffnung blitzte in Elin auf. Er ist müde, sagte sie sich, und ich weiß es. Aber er weiß nicht, dass ich es bemerkt habe. Dies ist meine einzige Chance. Sie wartete einige Augenblicke lang, bis die Gelegenheit kam, auf die sie gehofft hatte. Gandalf stolperte auf dem felsigen Untergrund und brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen. In dieser Sekunde griff Elin an, versuchte, mehrere schnelle Hiebe gegen sein Schwert anzubringen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch sie kam nicht dazu. Ihre Klinge kreuzte die seine, und als sich ihre Augen trafen wusste sie, dass er keineswegs müde geworden war, all dies war wieder nur eine Finte gewesen, um sie zu täuschen. Sekunden später fühlte sie das kalte Metall an ihrer Kehle, dann folgten die nächsten Schwerthiebe. Elin wurde schwarz vor Augen. Gandalf schaffte es gerade noch, sie aufzufangen, bevor sie auf den harten Fels fiel. Behutsam hob er sie hoch, trug sie zur Höhle und bettete sie auf ihr Lager, bevor er begann, vorsichtig die Wunde auf ihrer Backe zu reinigen.
Sie erwachte durch das Geräusch des knisternden Feuers. Es erwies sich als Schwerstarbeit, die Augen zu öffnen, und bevor sie es überhaupt erst versuchen konnte, musste sie gegen den Schwindel und die plötzliche Übelkeit ankämpfen. Vorsichtig hob sie die Lider und sah wie durch einen Nebelschleier das flackernde Feuer und Gandalf, der gerade einen großen Topf vom Feuer holte. Sie versuchte, sich aufzurichten, kam allerdings nicht sonderlich weit und kippte zurück. Wieder wurde ihr schwarz vor Augen. Traum vermischte sich mit Wirklichkeit, sie war sich nicht mehr sicher, was nun real war und was nicht. Hatte sie die Riddermark jemals verlassen? Sie wusste es nicht, und es war ihr auch vollkommen gleichgültig. Sie wollte nur das hässliche Pochen in ihrem Kopf loswerden.
Als sie das nächste Mal erwachte sah sie Gandalf neben sich sitzen und irgend etwas, das stark nach frischer Minze roch, auf die Wunde auf ihrer Wange auftragen. Er bemerkte, dass sie wach war, half ihr, sich aufzusetzen, und bewahrte sie davor, ein weiteres Mal hilflos nach hinten weg zu kippen. Niedergeschlagen blickte sie ihn an. „Nun, mit dem Schwert habe ich mich nicht gerade gut gehalten, nicht wahr?" „Nein", sagte Gandalf und drehte ihren Kopf sanft zur Seite, um den Rest seiner Salbe aufzutragen, „Halt still. Was du sagst, ist nicht wahr. Du hast dich zehnmal besser geschlagen, als es jeder andere der Rohirrim getan hätte; und hundertmal besser, als ich selbst es von dir erwartet habe. Du hast durchgehalten bis zum Abend, ohne Nahrung, fast ohne Wasser, ohne längere Pause. Du hast gekämpft wie eine wilde Löwin." Langsam drehte sie den Kopf wieder, sah ihn an und fragte leise: „Wirklich?" „Ja", sagte er und lächelte, „und ich bin sehr stolz auf dich." Doch er wusste nicht, ob sie seine Worte noch gehört hatte, denn schon waren ihr die Augen wieder zugefallen. Sie lächelte im Schlaf. Die Tasse Tee, die er ihr gemacht hatte, stand vergessen auf dem Boden. In Gedanken versunken hob er sie auf und trank Schluck für Schluck die wärmende Flüssigkeit. Unvermittelt musste er an Glawarien denken. Ihre Mutter schien Elin ihre Kämpfernatur vererbt zu haben. Draußen, irgendwo am samtschwarzen Nachthimmel, leuchtete Glawariens Stern.
