.:. Kapitel 8 .:.

Helles Sonnenlicht erhellte die kleine Höhle hoch im Nebelgebirge, als Elin erwachte. Benommen schüttelte sie sich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, stand langsam auf und trat ins Licht. Gandalf saß vor dem Eingang der Höhle und schärfte mit einem anderen Messer sein Schwert.
"Wie spät ist es?" fragte Elin.
Nur langsam kamen die Erinnerungen an den vorherigen Tag zurück. Gandalf sah kaum von seiner Arbeit auf.
"Es ist schon fast Mittag."
"Oh." Mehr wusste sie nicht zu sagen. So lange hatte sie geschlafen? Das war ungewöhnlich, besonders für sie als Halbelbin, die normalerweise nicht allzu lange schlief, sondern nur ein wenig vor sich hin dämmerte. Doch als sich die einzelnen Erinnerungsfragmente allmählich wie ein Puzzle zusammensetzten, wurde ihr klar, dass sie den Schlaf dringend nötig gehabt hatte. Sie streckte sich, was ein lautes Knacken in ihren Beinen zur Folge hatte. Sie spürte jeden einzelnen Schwerthieb in den Knochen.

"Du hast meinem Schwert ziemlich zugesetzt", hörte sie Gandalfs Stimme hinter sich. "Es wird eine Weile dauern, bis sämtliche Scharten beseitigt sind und es wieder geschliffen ist."
Elin drehte sich um, sah den alten Zauberer an und stellte endlich die Frage, die sie quälte:
"Warum?"
Als Antwort bekam sie zunächst nur einen ernsten Blick, doch dann bedeutete ihr Gandalf, sich neben ihn zu setzten, und begann zu sprechen.

"Ich habe mich schon gefragt, wann du diese Frage stellen wirst. Aber eigentlich kennst du die Antwort schon lange selbst."
Elin zögerte. Kannte sie die Antwort? Gestern war sie viel zu erschöpft gewesen, um sich Gedanken zu machen; es hatte sie alle Kraft gekostet, die Hiebe ihres Vaters abzuwehren. Wäre es nicht Gandalf gewesen...
Erschrocken zuckte sie zusammen, als ihr das Ausmaß der Gefahr bewusst wurde.
"Was du in Rohan gelernt hast", fuhr dieser unterdessen fort, "reicht aus, um sich in einer kurzen Auseinandersetzung die schlimmsten Schläge vom Leib halten zu können. Im Kampf mit einem Menschen, der dir gegenüber keinerlei böse Absichten hegt."
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
"Glaubst du, dass jemand, der dich töten will, auch nur einen Moment zögert, wenn er merkt, dass du einen Fehler machst? Dass er wartet, bis du dich wieder gefangen hast, um die Sache von neuem zu beginnen? Dass du eine gerechte, eine zweite Chance erhältst?"
Elin sah betreten zu Boden, ein wenig beschämt darüber, dass sie sich weitaus mehr zugetraut hatte, als sie konnte, ohne die Lage realistisch zu beurteilen.
"Das Schwert verzeiht keine Fehler, Elin. Selbst einer Rawien nicht.", fügte er leise hinzu und klang dabei so traurig, dass Elin ihn erstaunt anblickte.
"Rawien?"
"So nannte man deine Mutter. Nur wenige kannten je ihrem richtigen Namen, kaum jemand wusste um Glawarien. Doch Rawien, der Löwin, waren viele schon begegnet."
Liebevoll musterte er seine Tochter.
"Und es sieht beinahe so aus, als hätte sie den Kampfgeist der Löwin wohl auch ihrer Tochter vermacht."
Kampfgeist glitzerte in Elins Augen.
"Beinahe?" fragte sie betont langsam und forderte den Zauberer damit heraus.
"Du kannst es mir sofort beweisen", ging er darauf ein und reichte ihr das Schwert.
"Auf ein Neues?"
"Mit Vergnügen!"

Diesmal verlief ihr Kampf anders als am Vortag. Elin hatte bereits dazugelernt und wusste, dass es sehr gefährlich war, ihren Gegner zu unterschätzen. Das Schwert, das gestern noch wie ein viel zu schwerer Fremdkörper in ihrer Hand gelegen hatte, wurde ihr langsam vertraut und sie begann zu spüren, dass es keinesfalls zu schwer war, sondern hervorragend ausbalanciert; vorausgesetzt man wusste es richtig zu führen.
Gandalf korrigierte ihre Schritte, zeigte ihr, wie sie die schwere Waffe am geschicktesten hielt, ließ sie üben, ihre Schläge anzubringen, ohne aus dem Takt zu geraten, und lehrte sie, die Absichten ihres Gegners zu durchschauen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen anzuwenden. Dank ihrem Eifer, alles zu verstehen und umzusetzen, was er ihr zeigte, und viel Lob von seiten des Zauberers schien Elins Umgang mit dem Schwert gegen Abend schon um einiges koordinierter zu sein. Es würde noch einige Zeit dauern, bis sie ihr Schwert so elegant und schnell handhaben können würde wie so mancher Mensch, der diese Kunst sein Leben lang studiert hatte, doch sie war lernbegierig und verstand schnell worauf er hinaus wollte.

So zogen die Tage dahin, denn es gab viel zu tun. Gandalf unterwies seine Tochter keineswegs nur im Schwertkampf; auch der Umgang mit Pfeil und Bogen sollte ihr geläufig sein, was ihr jedoch von Anfang an nur wenige Probleme bereitete. Vielleicht lag es an ihrem elbischen Erbe, denn die Elben sind ein Volk der Bogenschützen, die nur selten zu anderen Waffen greifen. Größere Schwierigkeiten machte ihr der Umgang mit Messern, die sie zwar recht geschickt zu werfen vermochte; jedoch waren sie ihrer Meinung nach einfach zu kurz, um sich einen Gegner effektiv vom Leibe zu halten.

Jedoch war es nicht Elins Aufgabe, nach Mordor zu gehen und dort im Kampf möglichst viele Feinde zu besiegen; sie sollte ins schwarze Land eindringen, um dort Wissen zu sammeln, Wissen über die Pläne des dunklen Herrn. Damit sie für diese Aufgabe gewappnet war, weihte sie der alte Zauberer in die Geheimnisse der Heilkunst ein, nannte ihr die Namen der heilkräftigen Pflanzen und ihre Anwendung. Abends, wenn es dunkel wurde und die Höhle nur vom flackernden Schein des Feuers erhellt wurde, lehrte er sie die schwarze Sprache.

Diese Sprache zu erlernen stellte für Elin eines der größten Hindernisse ihrer Ausbildung dar. Es machte ihr kaum Mühe, neue Worte zu lernen und zu behalten, sprach sie doch schon lange Zeit vier verschiedene Sprachen: Sindarin, die Sprache, die sie die ersten 4 Jahre ihres jungen Lebens mit ihren Eltern gesprochen hatte, Quenya, die hohe Sprache der Elben, die der alte Zauberer sie später zu verstehen gelehrt hatte, um die Aufzeichnungen aus den alten Tagen zu lesen, Westron, die Allgemeinsprache, und zuletzt auch die Sprache der Rohirrim, der Pferdemenschen, unter denen sie siebzehn Jahre lang gelebt und die sie liebgewonnen hatte. Doch keine dieser Sprachen mit ihrem weichen, singenden Tonfall ähnelte auch nur entfernt der Zunge von Mordor, einer Sprache, die wie eine Mischung aus husten und krächzen klang, kalt und hässlich in den Ohren der freien Völker. Doch sie kämpfte mit den Lauten, mühte sich ab, um rauhe Silben hervorzubringen, würgte einige Worte. Mit der Zeit gewöhnte sie sich auch an diese Aufgabe, erlernte einige Tricks, um die finsteren Worte leichter aussprechen zu können, und war nach längerer Übung auch in der Lage, mit ihrem Vater ein paar gebrochene Sätze zu wechseln, zu fluchen und nach den Befehlen zu fragen.

Als der Winter in all seiner Macht hereinbrach und das Nebelgebirge unter sein hartes Joch zwängte, als die Nächte finsterer und kälter wurden, als man es sich anderswo jemals vorstellen konnte, und der Schnee in seinem reinen Weiß alles Leben tief unter sich vergrub lehrte Gandalf sie Dinge, die in Rohan kein Mensch je auszusprechen gewagt hätte.