.:. Kapitel 9 .:.

Tag um Tag, Nacht um Nacht reihten sich aneinander, so wie nichts den ewigen Lauf der Sonne stoppen kann, die die Herzen der freien Völker wärmt und ihnen mit ihrem Licht den Weg weist. Längst hatte der Winter mit all seiner Macht das hohe Königreich des Nebelgebirges erobert und den kleinen Bach nahe der Höhle zu glasklarem Eis gefrieren lassen. Die Schneeflocken hatten sich innerhalb kürzester Zeit auf jedem noch so kleinen Felsvorsprung niedergelassen und hüllten die schroffen Gipfel in eine Decke aus strahlendem Weiß.

Über Nacht hatte es wieder geschneit, so dass nun von der wilden Landschaft des Gebirges nur noch sanfte, schneeweiße Hügel zu sehen waren. Der Morgen war noch jung, doch die Sonne brachte die frische Schneedecke bereits zum Glitzern. Elin atmete tief ein, um möglichst viel der frischen Morgenluft behalten zu können, und trat dann einige Schritte in den nachts gefallenen, tiefen Schnee hinaus. Im Nu war sie bis zu den Hüften eingesunken. Ein wenig verblüfft versuchte sie, sich wieder zu befreien, jedoch erfolglos. Wie hatte sie die Mulde nur vergessen können, die hier im Sommer nicht zu übersehen war? Verärgert wagte sie einen zweiten Versuch. Doch abermals bewiesen die Schneemassen, dass sie ihr deutlich überlegen waren.

Kurz darauf hörte sie leise Schritte und sah Gandalf auf sich zukommen. In sicherem Abstand blieb der alte Zauberer stehen und blickte seine nur halb zu sehende Tochter freundlich an. Mit einem säuerlichen Grinsen schaute Elin an sich herunter und meinte:
"Wenn Nia mich so sehen könnte, würde sie mich lauthals auslachen."
"Du gibst auch einen etwas seltsamen Anblick ab. Almarian käme bestimmt sofort zu deiner Rettung angelaufen."
"Er würde mich ausgiebig betrachten, besorgt "Aber Linni, du bist doch eine Elbin!" sagen und dann zu dir rennen, um dir sein Herz auszuschütten."
"Das wäre möglich."
"Und was würde der große Zauberer sagen?"
"Er würde gewiß sagen", neckte sie Gandalf, "dass du wohl ein wenig zu viel von deinem unelbischen Vater abbekommen hast, um auf dem Schnee gehen zu können."
Elin seufzte. "Ja, das ist wohl wahr. Kommst du nun endlich und rettest mich?"

Lachend trat Gandalf an das Loch heran und zog seine Tochter aus dem Schnee. Während sie sich die Flocken von den Kleidern klopfte meinte sie:
"Es ist wohl nicht gerade vorteilhaft, kein reiner Elb zu sein."
"Bist du dir da sicher?" fragte er mit einem eigenartigen Lächeln.
Langsam blickte sie an ihm herunter. Seine Füße standen auf dem Schnee, direkt neben dem Loch, ohne auch nur einen Zentimeter einzusinken. Und ihre auch.
"Es kommt nicht darauf an, was du bist, Elin", hörte sie ihn mit sanfter Stimme sagen, "sondern darauf, ob du an dich glaubst."

So kam der Tag herbei, der wie jeder andere war, unaufhaltbar wie die Bahn der Sterne am samtschwarzen Himmel, und der doch ihr Schicksal um einen entscheidenden Schritt weiter hinein ins schwarze Land lenken sollte. Es war der Jahrestag ihrer Geburt, der zum zweiundzwanzigsten Mal in das junge Leben der Elbin trat, und es war das Geschenk ihres Vaters, das noch so manches auf ihrem Weg entscheiden sollte.

Gandalf war am frühen Abend aus der Höhle verschwunden und bis jetzt noch nicht zurückgekehrt. So saß Elin Aurael allein am Feuer und betrachtete den Tanz der Flammen, doch es störte sie nicht. Noch nie hatte ihr Geburtstag für sie viel mehr bedeutet als die anderen Tage des langen Jahres in den Ebenen von Rohan; natürlich war es stets ein Tag voller Glückwünsche und Geschenke von Freunden gewesen, doch würde sie niemals bitter bedauern, an diesem Tag nicht ein rauschendes Fest besucht zu haben.

Es war bereits spät in der Nacht, als Gandalf zurückkam, dick in seinen warmen Mantel gewickelt, auf seinen Stab gestützt und in der Hand ein dunkles Bündel. Erschöpft sah er aus, und an dem Schnee auf seinem Umhang konnte Elin erkennen, dass er wohl einen langen Fußmarsch hinter sich haben musste. Eilig ließ er sich am Feuer nieder, um sich eine Zeit lang zu wärmen, und blickte in die Flammen. Doch dann erhob er sich, reichte Elin das dunkle Bündel, das er mitgebracht hatte, und forderte sie stumm auf, es zu öffnen.

Nachdenklich betrachtet sie es. Es war etwa armlang und schien aus schwarzem, seltsam steifen Stoff zu bestehen. Vorsichtig schlug sie das Tuch beiseite und enthüllte den darin enthaltenen Gegenstand. Schlagartig schien es in der Höhle heller zu werden, und Elin hielt ein Schwert in der Hand, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Die Klinge bestand aus strahlend hellem Silber, verziert mit elbischen Schriftzeichen, und war nicht ganz so lang wie die ihres Übungssschwertes. Überhaupt war das ganze Schwert ein wenig schlanker und eleganter als die, die sie kannte. Auf dem schwarzen Heft leuchtete ein einziger kleiner, hellblauer Edelstein, und über ihm erkannte sie den silbernen Kopf einer Löwin. Konnte dies...?

"Dieses Schwert vertraute mir deine Mutter am Abend ihres Todes an, auf dass ich es bewahrte bis zu dem Tag, an dem die Zeit reif ist für dich, es zu tragen. Viele Jahre hat es in einem geheimen Versteck hoch oben nahe den Gipfeln überdauert, um auf dich zu warten, und nun ist es dein."
"Glawarien besaß solch ein Schwert?"
"Die Zeiten sind nicht immer friedlich auf dieser Welt, wie du es auch nun wieder spüren kannst, denn das Dunkle wächst in Mordor, jeden Tag breitet es sich mehr aus, und eines Tages wird es stark sein, womöglich zu stark für uns. Es heißt, dieses Schwert sei sehr alt, und gehe seit langer Zeit stets von der Mutter an die Tochter."
"Es ist wunderschön."
"Kaum wären die Schmiede der Menschen in der Lage, solch eines herzustellen, wie auch die Elben es wohl nicht könnten. Man sagt, es sei in den unsterblichen Landen jenseits des Meeres geschmiedet worden, um eines Tages dorthin zurückzukehren."

Wie das Wasser eines stetig vor sich hin plätschernden Baches floss die Zeit dahin, und als der letzte Schnee geschmolzen und das letzte Eis zerbrochen war, da war für Elin die Zeit des Abschieds gekommen. Denn der Schatten im Osten wächst und bald wird der Tag kommen, an dem ein Hobbit das Schicksal aller bestimmt...

Die Verwandlung in eine Gestalt der Dunkelheit fiel Elin nicht schwer, mit Hilfe dunkler Kleidung und eines nachtschwarzen Umhangs war sie bald nicht mehr von einem Schatten zu unterscheiden. Doch mit der Tarnung, die nötig war, um ihr silberhelles Schwert zu verbergen, schien ein Teil ihrer selbst in den scheußlich riechenden Flammen aufzugehen, in die Gandalf die Waffe hielt, um ihr die Farbe der Nacht zu geben, und selbst seine Versicherung, dass sie ihre natürliche Farbe jederzeit wiederbekommen könnte, nahm ihr die Trauer nicht ganz.

Mit dem Abschied von Gandalf, der ihr schon wie ein Abschied für immer vorkam, zerbrach der letzte Rest der alten Elin und begann für Moriel, die Schwarze, die Spionin, ein neues Leben voller tödlicher Gefahren.