.:. Kapitel 10 .:.

Vorsichtig erklomm die dunkle Gestalt Felsen um Felsen, Berg um Berg. Ein kalter Morgen dämmerte über Mordor, Nebelschwaden zogen durch die Täler und der Schatten, der einst eine junge Halbelbin namens Elin Aurael gewesen war überquerte das Gebirge, um zum Herzen des schwarzen Landes vorzudringen. "Moriel", murmelte der Schatten leise und zog den schützenden Umhang fester um sich, "Moriel, das bin ich." Vor ihr breiteten sich die dunklen Lande aus und damit auch ein neues Leben, ein Leben in Finsternis, fernab von Licht und Wärme, das Leben einer Spionin. Ihr Leben.

Der Gestalt entfuhr ein tiefer Seufzer, und dies war ihr Verhängnis. Die lockeren Felsbrocken unter ihren Füßen lösten sich, brachten sie aus dem Gleichgewicht, rissen sie donnernd mit sich ins Tal hinab. Mit einem Aufschrei stürzte sie in die Tiefe. Gandalfs große Hoffnungen verschwanden in der Finsternis.

Ihr war, als käme sie vom Grunde eines tiefen Sees wieder hinauf an die Oberfläche. Langsam wurde es heller und heller. Ihre Blicke fielen auf zwei freundliche, dunkle Augen, feine Gesichtszüge, umrahmt von langem, schwarzem Haar. Das Gesicht eines Elben.

~*~

In den kalten, steinernen Mauern von Helms Klamm kauerte eine junge Frau, das Gesicht voller Tränen und ein kleines Mädchen von etwa zwei Jahren eng an sich gedrückt. Nia starrte auf die Trümmer dessen, was einst ihr Leben gewesen war. Sie war wie Liniel gerade 21 Jahre alt gewesen, als diese mit Gandalf nach Bruchtal zog. Seit diesem Tag waren 10 Jahre vergangen, 10 lange Jahre, in denen sie nie wieder von ihrer alten Freundin gehört hatte. Doch für Nia waren es 10 glückliche Jahre gewesen. Mit 25 hatte sie Dan geheiratet, einen jungen Mann aus dem Süden Rohans, der für einige Zeit nach Edoras gezogen war. Mit ihm ging sie zurück in den Süden, um dort seine Pferdezucht weiterzuführen. Almarian, ihr kleiner Bruder, der bei Liniels Abschied fünf Jahre alt gewesen war, trat mit vierzehn in die Dienste des Königs.

Mit 27 hatte sie ihren Sohn, Aman, zur Welt gebracht, zwei Jahre später Ela, ihre Tochter. Sie war stolz darauf, von Liniel ein bisschen Elbisch gelernt zu haben und ihren Kindern diese besonderen Namen geben zu können, die in Rohan sehr selten waren. Und nun war sie wieder schwanger und sollte in vier Monaten ihr drittes Kind zur Welt bringen.

Doch was brachte das alles? Nia sah keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Wozu sollte sie noch ein Kind haben, wenn es ihr wieder genommen werden würde? Ihr Mann war tot. Ihr Sohn war tot. Heimtückisch ermordet von einer Bande stinkender Orks, die den Süden überrannt hatten und keine Gnade kannten. Den Vater hatten sie erschlagen, der mit Éomer und den anderen tapferen Männern versuchte, das Land gegen die feindlichen Horden zu verteidigen, den Sohn mit seinen Freunden getötet, als sie friedlich auf dem Feld spielten. Ihre Tochter verletzt. Wie lange würde es dauern, bis sie ihr auch Ela nahmen? Wie lange, bis man ihr das dritte Kind entriss?

Nia konnte nicht mehr. Sie kauerte an der kalten Mauer, weinte stumm vor sich hin und wunderte sich, dass sie überhaupt noch Tränen hatte. Sie hatte es nur bis nach Helms Klamm geschafft, weil ihre Nachbarin sie gestützt und unaufhörlich zum Laufen angetrieben hatte. Am liebsten wäre sie einfach liegengeblieben. Sie spürte, wie ihr Kind sich bewegte, und erneut liefen ihr die Tränen über die Wangen. In was für eine Welt kommst du, dachte sie, so voller Krieg und Gewalt?

Ein lautes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Es war das große Tor der Burg, das geöffnet wurde um die letzten einzulassen, die Männer, die gegen die Warge gekämpft hatten. Nicht alle von ihnen waren zurückgekehrt. Wieder hatte ihr Blut das Gras Rohans rot gefärbt.

Gerade wollte sie den Kopf wieder senken und sich noch tiefer in ihre Ecke kauern, da hörte sie ein ihr wohlbekanntes Schnauben und fühlte die weiche Schnauze eines Pferdes, das sie vorsichtig anstubste.

Legolas saß hoch oben auf dem Rücken des Pferdes und sah verwirrt die junge Frau an, die dort auf dem Boden saß. Das Pferd, dass sonst stets alle seine Weisungen befolgt hatte, war, kaum dass das Tor wieder geschlossen war, geradewegs auf die Frau zugelaufen und ließ sich nicht aufhalten. Er musterte sie genauer und was er sah erschreckte ihn.

Sie war kaum mehr als Haut und Knochen, ihre Augen waren rot vor Tränen und die dunklen Ringe darum zeigten deutlich, dass sie schon lange nicht mehr geschlafen hatte. Eng an sich gedrückt hielt sie ein kleines Kind, ein Mädchen mit fiebrig glänzenden Augen.

Nia sah den Reiter gar nicht, sie hatte nur Augen für das Pferd. "Arod?" flüsterte sie. Das Pferd schnaubte leise. Einen Moment lang erwachten in ihr verwegene Hoffnungen. Langsam, beinahe widerstrebend hob sie den Kopf und sah den Reiter an. Eine Sekunde später wünschte sie, sie hätte es nicht getan. Denn obwohl sie längst wusste, dass ein anderer auf Arods Rücken saß, traf sie diese Erkenntnis wie ein Schlag und ließ alle Hoffnungen, die sie sich gemacht hatte, in Flammen aufgehen.

Legolas glaubte, in den Augen der Frau sekundenlang etwas aufblitzen zu sehen, bevor der Funke erlosch und sie sich wieder an die Mauer sinken ließ. Leise stieg er vom Pferd. Doch was sie nun tat erstaunte den Elben um so mehr. Sie strich dem großen Pferd sanft über den Kopf und sprach zu ihm in elbischen Worten:
"Arod, wo hast du deinen Herrn gelassen? Wir warten schon so lange auf ihn. Warum musste er nur mit den anderen reiten?"

"Kennt Ihr dieses Pferd?" fragte Legolas und ging langsam auf die Frau zu. An ihrem erschrockenen Blick konnte er erkennen, dass sie ihn bisher wohl noch gar nicht beachtet hatte. Ihm fiel auf, dass sie trotz ihres schrecklichen Zustandes eine sehr schöne Frau war. Traurig blickte sie ihn an.
"Ja", sagte sie langsam, "dieses Pferd kenne ich sehr gut. Es ist das Pferd meines Mannes."
"Dann möchtet Ihr es sicherlich zurück haben. Éomer lieh es mir nur für die Reise hierher."
"Ihr könnt es behalten, wenn ihr wollt. Mein Mann braucht es nun nicht mehr."
"Ist...Euer Mann gefallen?"
"Er verteidigte unser Land mit seinem Leben."
"Das tut mir leid."

Legolas sah die junge Frau mitleidig an. Er konnte sie verstehen. Und doch schien dies nicht alles zu sein, was sie bedrückte. Aber er beschloss, sie vorerst nicht weiter zu fragen.
"Ist Eure Tochter krank?"
"Einer der Orks hat sie mit seinem Schwert verletzt. Wir haben nichts, womit wir ihr helfen könnten."
Er betrachtete das kleine Mädchen, dass sich fest an seine Mutter presste.
"Darf ich die Wunde einmal sehen? Vielleicht könnte ich Euch helfen."
Zögernd stand sie auf, nahm ihr Kind bei der Hand und sagte etwas in der Sprache der Rohirrim zu ihm. Langsam kam das Kind auf ihn zu und hielt ihm ihren Arm hin.

Trotz ihrer Schwäche blieb Nia stehen, hielt sich an der Mauer fest und beobachtete Legolas und das Kind mit misstrauischen Blicken. Als er sie stehen sah blieb sein Blick an ihrem Bauch hängen, der einzige Teil ihres Körpers, der nicht dünn und abgemagert aussah. Gleich darauf begriff er: sie bekam ein Kind.

Vorsichtig untersuchte er die tiefe Schwertwunde auf der Schulter des kleinen Mädchens. Dann begann er, seinen Rucksack nach Resten von Gandalfs Heilkräutern zu durchsuchen.