.:. Kapitel 12 .:.
Wenn der Sturmwind mit all seiner Macht übers Land fegt, Blätter und Zweige über die weiten Ebenen wirbelt und die Balken der hölzernen Häuser zum Ächzen und Stöhnen bringt, dann versammeln sich die Rohirrim am knisternden Kaminfeuer und lassen gar wunderliche Geschichten lebendig werden. Da kann man die alten Heldenlieder von bösen Drachen, mutigen Kämpfern und feurigen Pferden hören, Erzählungen von großem Glück und großem Leid. Und später, wenn sich die Nacht wie eine tiefschwarze Decke über das Land gelegt hat und man Heulen des Windes noch lauter zu hören scheint, dann erzählt man sich die Geschichte vom Schattenreiter.
Mit dieser Geschichte hat es eine besondere Bewandtnis, denn es ist keine der alten Überlieferungen. Von den Eltern der gebannt lauschenden Kinder können sich viele noch an die Zeit vor dieser Geschichte erinnern. Wie und wann genau sie ihren Weg nach Rohan gefunden hat, vermag heute niemand mehr zu sagen. Man erzählt sich, Reisende hätten sie auf dem Weg nach Norden in die Mark gebracht. Mit den Jahren kamen immer neue Versionen hinzu, doch eines haben sie alle gemeinsam: sie spielen im fernen Lande Ithilien, an der Grenze Mordors.
Mordor - allein der Name jagt einem den Schrecken in die Glieder. Die Macht des dunklen Herrschers wächst immer mehr, und kaum ein Mensch wagt sich noch in die Bergwälder des einst so blühenden Ithiliens. Doch die beiden Reisenden aus dem Norden, die da steten Tempos durch den Wald zogen, trieb kaum der freie Wille in diese einsame Gegend. Sie hätten alles getan, um jenen Weg zu vermeiden, doch eine dringende Angelegenheit rief sie in die Heimat und duldete keinen Tag Aufschub; so dass sie den gefahrvollen Pfad durch den dunklen Wald in Kauf nahmen.
Doch in jenen Tagen wimmelten die Wälder bereits von Orks, und so geschah es, dass sie am dritten Tage ihrer Reise von einer Horde von ihnen angegriffen und trotz tapferer Gegenwehr überwältigt wurden. Nun sahen sie einem schrecklichen Schicksal entgegen, denn die Orks waren hungrig und sich nur noch nicht einig geworden, auf welche Art die Gefangenen zu töten seien. Beide hatten sie bereits mit ihrem Leben abgeschlossen und jegliche Hoffnung aufgegeben, da teilte sich der Nebel und ein Reiter erschien inmitten der Orks.
Sein Gewand und sein Pferd waren so tiefschwarz wie die Nacht; und von seinem Gesicht war nichts zu sehen als zwei dunkle, funkelnde Augen. Der Reiter zischte den Orks einen Befehl entgegen, worauf sie ihnen, zur ungläubigen Verwunderung der Gefangenen, die Fesseln abnahmen und sie in Richtung des Reiters stießen. Da sprach die schwarze Gestalt zu ihnen in de Sprache der Menschen und befahl ihnen, ihres Weges zu gehen und den Wald zu meiden, denn jener sei kein Ort für Menschen. Und sie erkannten, dass es eine Frau war, doch bevor sie den Mund öffnen konnten, um zu fragen, da war sie schon wieder zwischen den dichten Bäumen verschwunden, die Horde Orks als ihr Gefolge.
Seit jenem Tag haben viele den Schattenreiter gesehen, zumeist allein, mal als Schemen, mal in einen schwarzen Umhang gewickelt, so dass nur die Augen zu sehen waren. Einige meinen, es handle sich um Sauron selbst oder um einen der neun Geister. Manche behaupten gar, sie hätten den Schatten mit unverhülltem Kopf gesehen und es sei eine junge Elbenfrau mit nachtschwarzem Haar; doch Gerüchte gibt es so viele wie Pferde auf den Weiden Rohans, und nicht in jedem steckt ein Körnchen Wahrheit.
So zieht der Sturmwind seines Wegs, und wenn die letzten Fackeln in der goldenen Halle von Edoras erloschen, die letzten prasselnden Feuer in sich zusammengesunken sind, dann ist nur noch der Gesang des Windes zu hören. Weit von hier, in den dunklen Bergen Mordors, lauscht der Schattenreiter seinen Worten.
