.:. Kapitel 13 .:.

Nia war bereits wieder tief in Gedanken versunken, als ihre kleine Tochter auf sie zugerannt kam. Sie blickte auf und sah Legolas, der auf die beiden zukam.
"Ich danke Euch für Eure Hilfe", sagte sie.
"Viel konnte ich nicht tun, doch die Wunde wird bald heilen. Eure Tochter ist sehr tapfer." Er wandte sich an das Mädchen. "Wie ist dein Name?"
"Ich heiße Ela", antwortete sie und war schon wieder auf dem Weg zu ihren neu gefundenen Spielkameraden.
"Dies ist ein ungewöhnlicher Name für ein Mädchen aus Rohan", sagte Legolas.
"Es ist die Kurzform von Elanor. Eine gute Freundin brachte mich einst auf diesen Namen."
"Eure Freundin beherrschte die Elbensprache?"
"Sie ist Halbelbin; wir wuchsen gemeinsam in Rohan auf. Vor vielen Jahren ist sie nach Bruchtal gegangen. Ihr Name ist Liniel. Sagt, wart Ihr je in Bruchtal? Habt Ihr sie getroffen?"
"Schon oft bin ich in Bruchtal gewesen, doch dort gibt es meines Wissens niemanden namens Liniel. Sie wollte nach Bruchtal, sagtet Ihr?"
"Ja, das war ihr Ziel. Ich kann mich noch gut an den Morgen erinnerte, als sie mit Gandalf dem Grauen in der Ferne verschwunden ist. Wir hatten bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, oh, ich sehe es noch genau vor mir, wie wir alle dort standen und kaum in der Lage waren, die Augen offen zu halten..."
Zum ersten Mal sah Legolas sie lächeln, und dieses Lächeln verscheuchte für wenige Sekunden das Leid aus ihren Augen. Viel zu schnell verging dieser Augenblick.
"Sie ist mit Gandalf gereist?"
"Er musste wohl einst ein guter Freund ihrer Eltern gewesen sein. Nachdem sie gestorben waren, brachte er sie zu uns und kam oft vorbei, um nach ihr zu sehen."
"Gandalf gehörte auch zu unserer Gemeinschaft. Er hat sich von uns getrennt, doch bald wird er zurückkehren. Ihn werdet Ihr fragen können, was aus Liniel geworden ist."

* * *

Eine tiefschwarze Gestalt, riesig und furchteinflößend. Ein goldener Ring mit seltsam geschwungenen Schriftzeichen. Hitze, unglaubliche Hitze. Angst. Ein Auge, rot und schrecklich, dass mehr sah als das eines jeden anderen Wesens...das Auge sieht jedes Geheimnis... es weiß...

Mit einem leisen Aufschrei schreckte Moriel aus dem Schlaf. Schweiß stand auf ihrer Stirn, wie gehetzt blickte sie sich um. Es war ein vertrautes Bild: ein Kamin voll sanft glühender Asche, ein Umhang, der über den Stuhl gebreitet war, ein pechschwarzes Schwert in Reichweite neben dem Bett. Ein Zimmer in einem Haus der Elben. Ihr Zimmer.

Lautlos zog sie die Decke, die sich um ihren Hals gewickelt hatte, zurück und glitt aus dem Bett. Mit wenigen, geübten Handgriffen hatte sie ihre dunkle Kleidung angelegt, nach dem Schwert gegriffen und war zum Fenster geeilt. Als kaum erkennbarer Schatten machte sie sich auf den Weg.

* * *

Von der großen Schlacht um Helm´s Klamm bekam Nia nicht viel mit. Sie saß mit den anderen Frauen und Kindern in den Höhlen der Burg und hielt ihre Tochter im Arm. Dumpf hörte man den Kampflärm, der ständig an- und abschwoll. In diesem Krieg zählte ein Menschenleben nicht mehr viel; wer verletzt wurde, für den gab es keine Hoffnung mehr. Nur ganz selten taumelte ein Verwundeter herein, der auf dem Weg in die Höhlen noch nicht so viel Blut verloren hatte, um sofort umzufallen.

So erfuhren die Frauen, dass die Elben gekommen wären, doch ihre Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Kampfes wurden mit jeder weiteren Stunde weniger. Sie verloren jedes Zeitgefühl. Ela wurde unruhig und wollte unbedingt ihren neuen Freund Legolas besuchen, doch wie sollte Nia ihr erklären, dass jener wohl gerade auf dem Schlachtfeld sein Leben ließ?

Niemand konnte mehr sagen, wieviel Zeit vergangen war, als über all dem Kampfgetümmel ein Ton erklang, den man sich schon nicht mehr zu hören erhofft hatte: Das Horn von Rohan. "Nun geht es zu Ende", sagten die Frauen.

Und tatsächlich, es kam das Ende, und es sollte für dieses Mal ein gutes Ende sein, denn der Zauberer hatte die versprengten Krieger Éomers gefunden und zog mit ihnen in die Schlacht um Helm´s Klamm. So kam es, dass das Heer Sarumans geschlagen wurde und die Hornburg befreit.

Es war ein Sieg, doch ein blutiger; wieder hatte das Blut vieler tapferer Kämpfer die Wiesen rot gefärbt, viele hatte das Schwert zu Witwen und Waisen gemacht. Ein Schwerttag. Eine Schlacht, die die Rohirrim niemals kämpfen wollten. Eine Schlacht um Macht und Einfluss, in der die Opfer nicht mehr wichtig waren. Ein Bluttag.

Man hatte die Frauen aus den Höhlen geholt, damit sie die Verletzten verbanden, doch Hoffnung bestand für die wenigsten von ihnen. Vielleicht war es das Gift der Orkschwerter, vielleicht die Erkenntnis über die Grausamkeit dieser Schlacht, die den meisten von ihnen die letzte Kraft zum Leben nahmen.

Nias Augen waren offen, doch sie sah nichts. Sie wollte nichts sehen. Mechanisch verrichtete sie ihre Arbeit, reinigte Wunden und verknotete die Verbände. Zu viel Blut hatte sie in ihrem Leben schon gesehen, zu viel Leid war ihr widerfahren. Als das ungeborene Kind ihr einen Tritt verpasste, fragte sie sich wieder einmal, was der Sinn all dieser Grausamkeit war.

Irgendwann bemerkte sie, wie Legolas sich näherte. Ihr Herz machte einen Sprung vor Freude; der freundliche Elb hatte die Schlacht augenscheinlich unbeschadet überstanden. Es war leicht für sie, ihren Platz zu verlassen: Frauen gab es genügend, die helfen konnten. Ihre Männer waren es, die auf dem Schlachtfeld geblieben waren.

Durch das Gewimmel aus Verletzten und Helfern führte er sie zu einer weißen Gestalt, die an der Mauer der Hornburg lehnte. Es war Gandalf, wie Nia gleich darauf erkannte. Egal, wie alt und erfahren ein Krieger ist, eine Schlacht lässt niemanden unberührt. Nia sah es an seinen Augen.

Legolas wollte ihm Nia vorstellen, doch auch er hatte sie bereits erkannt. Die Frage nach Liniel schien ihn nicht zu überraschen, doch Nia hätte geschworen, dass ihn in diesem Moment eine noch größere Traurigkeit überwältigte.
"Nein", sagte er leise und wie zu sich selbst, "sie ist nicht in Bruchtal. Sie war niemals in Bruchtal."
"Wo ist sie hingegangen?"
Wortlos deutete er mit der Hand in eine Richtung. Osten. Denn der Schatten im Osten wächst...
"Wie geht es ihr? Ist sie wohlauf?"
Bei diesen Worten blickte er sie auf eine Weise an, die sie schaudern ließ.
"Ich weiß nicht einmal, ob sie am Leben ist."

* * *

Suchend blickte Moriel sich um. Es war stockfinster in diesem kleinen Wäldchen, doch mit den Jahren hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Kein Laut war zu hören. Plötzlich nahm sie eine Bewegung vor sich wahr, ein leises Flügelschlagen. Es war ein winziger, ebenfalls pechschwarzer Nachtfalter. Von elbischen Worten angelockt ließ er sich auf ihrer Handfläche nieder. Sanft strich sie ihm über die Flügel und flüsterte ihm etwas zu, dann warf sie ihn hoch in den nächtlichen Himmel. Eine Botschaft. Ein Lebenszeichen.