.:. Kapitel 14 .:.
"Frieden",
so dachte Nia bitter, "ist der einzige Wunsch, der mir noch
geblieben ist. Wann gibt es endlich Frieden?"
Sie starrte
trübsinnig in das munter flackernde Feuer. Im Arm hielt sie ihr
schlafendes Neugeborenes, ihre ältere Tochter Ela war bereits am
Morgen mit ihren Freundinnen zum Spielen aufgebrochen. Doch die
Idylle war trügerisch. Draußen waren, wie schon seit dem Anbruch
der Dämmerung, laute Schritte, Klirren, Wiehern und Hufschläge zu
hören. Nia war in der goldenen Halle gewesen, als die Nachricht
eingetroffen war. BR
"Die Leuchtfeuer von Minas
Tirith! Die Leuchtfeuer brennen. Gondor ruft um Hilfe!" Mit
diesen Worten war Aragorn in die Halle gestürzt, der Waldläufer,
der ihr Volk bei der Schlacht von Helms Klamm wohl vor der
vernichtenden Niederlage bewahrt hatte. Die Augen Théodens blitzten
auf, als er rief:
"Und Rohan wird antworten!" Nia
senkte den Kopf. Ein alter Krieg. Eine neue Schlacht.
* * *
Beinahe ein wenig wehmütig sah sie sich in dem Raum um, der in all den Jahren ihre Heimat und letzte Zuflucht gewesen war. Nun galt es nur noch, zu Pferd so weit wie möglich zu kommen. Ein beinahe aussichtsloser Plan. Seufzend drehte sie sich zur Tür - und blickte in das Gesicht eines Elben. Ein kurzer Blick, der doch mehr sagte als alle Worte. Sekundenlang schwankte sie, dann wich er zur Seite. Sein leises "Namarie" begleitete sie auf dem Weg hinunter zu den Ställen. Moriel, die Spionin, machte sich auf den Weg, ihren Auftrag zu vollenden.
* * *
Mittlerweile war der Lärm auf den Straßen derart angeschwollen, dass Nia das leise Klopfen an ihrer Tür beinahe überhört hätte. Mit dem schreienden Kind auf dem Arm öffnete sie die Tür und erkannte einen Besucher, mit dem sie eigentlich schon längst nicht mehr gerechnet hatte. Und doch schien es ihr, als brächte Legolas´ Erscheinen ein wenig mehr Licht in ihr kleines Haus. Sie wusste, dass er nur gekommen war, um sich zu verabschieden; dennoch freute sie sich. Das Kind in ihren Armen bestaunte den Elben mit großen Augen, sofern es dies mit seinen wenigen Tagen überhaupt schon konnte. Schau ihn dir genau an, mein Sohn, dachte Nia. Er zieht in die Schlacht, wo er wie so viele andere vor ihm vielleicht sein Leben lassen wird. Schau ihn genau an, den ersten Elben deines jungen Lebens. Vielleicht wird er nie zurückkehren.
Vorsichtig nahm er ihr das Kind ab,
während sie ins Haus gingen.
"Wie habt Ihr Euren kleinen
Sohn genannt?"
"Er hat noch keinen Namen. Es ist
schwierig, einen passenden auszuwählen. Als zweiten Namen soll er
den seines Vaters tragen, doch einen Rufnamen habe ich noch nicht
gefunden."
"Er ist in einer schrecklichen Zeit geboren,
doch die Hoffnung auf Frieden war in jenen Tagen auch so stark wie
noch niemals zuvor. Nennt ihn Sîdhestel, denn die Hoffnung auf
Frieden soll ihn begleiten."
Mit diesen Worten gab er ihr das
Kind zurück und wandte sich zur Tür. Sein "Namarie" trieb
ihr die Tränen in die Augen.
* * *
Das riesige, nachtschwarze Tor bewegte sich so langsam, dass es ihr schien, als wäre die Luft um sie herum ein zäher Brei, der sie lähmte und ihr jede Kraft nahm. Ihre Hände hatten sich fest um die Zügel gekrallt, nur mit Mühe hielt sie den Kopf stolz nach oben gereckt. Stück um Stück öffneten sich die gigantischen Torflügel, die nur mit Hilfe vieler Trolle überhaupt bewegt werden konnten. Endlich war der Durchgang groß genug; das nervös tänzelnde Pferd schoss nach vorn. Brennend fühlte sie die Blicke der Wächter im Nacken. Wenn sich erst einmal ein anderes Auge auf sie gerichtet hätte, dann wäre sie verloren. Unablässig trieb sie das Pferd an. Die erste Schlacht war gewonnen; der Krieg hatte soeben erst begonnen. Ihre Flucht würde nicht lange unbeachtet bleiben.
* * *
Von einem Felsen hoch über dem Heerlager der Rohirrim sahen sie herunter, der alte König und der Erbe Gondors. Doch die Hoffnung des einst so blühenden Landes war gering; von den Rohirrim war nur die Hälfte der erwarteten Streitkräfte erschienen. Es waren nicht genug, um die Linien Mordors zu durchbrechen. Die Hoffnung auf Frieden hatte der alte König schon lange begraben, doch würde ihn das nicht am Kampfe hindern. Rohan zog in die Schlacht, selbst wenn diese Schlacht die Vernichtung war.
Am nächsten Morgen brachen die Reiter Rohans auf, um Gondor zu Hilfe zu eilen. Doch der Waldläufer, der in Helms Klamm ihre Rettung gewesen war, und seine Gefährten waren nicht unter ihnen. Sie waren zum Dimholt gegangen, zum Tor unter dem Berg. Niemand war von dort jemals wiedergekehrt.
* * *
Mittlerweile würden sie es alle wissen, selbst die Orks am schwarzen Tor. Sie würden wissen, dass die hohe Herrin, die Vertraute des dunklen Herrschers, der sie das große Tor geöffnet und vor der sie den Kopf gebeugt hatten, eine Verräterin war, die zuviel wusste. Der Herrscher wollte sie zurück haben und hatte seine Häscher ausgeschickt. Die Jagd begann.
Wie ein schwarzer Schatten schnellten Pferd und Reiter über das Land, Stunde um Stunde, Tag um Tag, ohne Rast, ohne Schlaf. Bisweilen torkelte das treue Tier; dann stieg sie ab und lief neben ihm her, um ihm eine kurze Erleichterung zu gewähren. Schritt um Schritt entfernten sie sich vom schwarzen Land, verfolgt von Wesen, deren bloßer Name genügt, um einem den Schrecken in die Glieder zu jagen. Auf der Flucht vor dem Zorn eines dunklen Herrn.
* * *
In früheren Zeiten hatte sie Minas Anor geheißen, der Sonnenturm. Nun fand kein Sonnenstrahl mehr den Weg in die edle Stadt Minas Tirith. Menschen allen Alters rannten durch die engen Gassen der sieben Ringe der Stadt; hoch über ihnen schien der Weiße Turm grau und nicht mehr strahlend wie stets zuvor sein. Man brachte Holz für die Katapulte, schwere Steine als Wurfgeschosse, dicke Stämme, um die Tore zu verbarrikadieren. Schwerter wurden geschärft, Helme und Schilde verstärkt und ausgebessert. Unter der Führung Gandalfs des Weißen, den die Menschen dort Mithrandir nannten, bereitete sich die Stadt auf die Schlacht vor.
Denethor, der Truchsess Gondors, war nicht bereit zu kämpfen; sein Geist war verwirrt, denn der Tod seines Sohnes hatte ihm das Rückgrat zerbrochen und aus dem einst starken Mann einen Verbitterten gemacht. So war Gandalf an seine Stelle getreten und rüstete das Volk Gondors für den Kampf.
Schnellen Schrittes eilte er durch die Straßen, gab
Anweisungen und begutachtete die Fortschritte. Überall verbreitete
er Hoffnung, die viele der Menschen bereits verloren glaubten. Einmal
begegnete ihm Pippin in seiner Uniform der Palastwache.
"Gandalf,
was ist mit Lebensmitteln? Die Vorräte in der Stadt reichen niemals
aus, wenn wir belagert werden."
Zum ersten Mal seit Tagen sah
man den alten Zauberer lächeln.
"Wen wundert´s, dass
ausgerechnet ein Hobbit an das Essen denkt! Doch ich glaube",
sagte er, während erneut ein tiefer Schatten in sein Gesicht trat,
"zu einer Belagerung wird es nicht kommen."
Mit diesen
Worten wandte er sich ab und verließ den Hobbit, denn die Wachen
hatten ihn gerufen.
* * *
Weiter, immer weiter. Dies war der einzige klare Gedanke, den sie noch zu fassen imstande war. Weiter, weiter. Über die körperliche Erschöpfung war sie längst hinaus, sie lebte in einer Art Dämmerzustand. Nur das Stolpern des Pferdes brachte sie für kurze Zeit in die Wirklichkeit zurück. Weiter. Bald ist es geschafft.
* * *
Misstrauisch beobachteten sie, was sich da näherte. Der dunkle Fleck, der aus der Ferne zu erkennen war, wurde größer und größer. Mit der Zeit waren Konturen zu erkennen. Es war ein Pferd mit Reiter, ein schwarzes. Sein Gang bestand aus einer Art schnellem Torkeln, der kalte Schweiß verklebte seinen ganzen Körper, Schaum bedeckte sein bebendes Maul. Auf dem Pferd hing eine Gestalt, verhüllt durch einen nachtschwarzen Kapuzenumhang. Vom Gesicht der Gestalt war nichts zu sehen.
Rasch war der weiße Zauberer aus dem unteren Tor
getreten, auf das der Reiter zuhielt. Mit gespannten Bögen
beobachteten die Wachen die Ankunft der Gestalt, doch keiner wagte
es, zu schießen. Beim Anblick Gandalfs schien sie sich ein wenig zu
straffen. Die letzten schwachen Schritte des Pferdes brachten es bis
wenige Meter vor den Zauberer, dann blieb es entkräftet stehen. Kaum
mehr elegant schwang sich die Gestalt vom Rücken des Pferdes und
trat schwankend vor ihn hin. Dabei fiel die verdreckte Kapuze zurück
und enthüllte das Gesicht einer jungen Frau, unzweifelhaft elbischen
Blutes, mit nachtschwarzem Haar und dunklen, müden Augen, in denen
der letzte Funke Hoffnung erloschen zu sein schien. Niemals hätte
der alte Zauberer zu hoffen gewagt, sie noch einmal zu sehen.
Kraftlos erwiderte sie seinen Blick. Ihre Stimme klang müde,
vertraut und doch fremd.
"Nachrichten aus Mordor,
Mithrandir."
