.:. Kapitel 15 .:.

Fauchend schnitt das Schwert durch die Luft, präzise und lautlos geführt von einer Gestalt, die nicht mehr als ein Schatten war. Ein schneller Schlag, noch einer. Leise, blitzschnell, tödlich.

Vorsichtig drückte sich der Hobbit gegen die Wand, sehr bemüht, trotz des Tabletts in seinen Händen nicht den geringsten Lärm zu machen. Leise, nur nicht stören.
Fast verstohlen beobachtete er das Schauspiel, welches sich ihm da so unverhofft bot. Gandalf hatte ihm aufgetragen, der Fremden etwas zu essen zu bringen. Stundenlang, so schien es, hatten sich der alte Zauberer und die Fremde unterhalten; währenddessen hatten sich in der Stadt die Gerüchte wie ein Lauffeuer verbreitet. Wer war sie? Welche Neuigkeiten brachte sie? Man war sich sicher: sie kam aus Mordor.

Gandalf hatte ihm keine Antwort gegeben, hatte ihn nur wie so oft einen neugierigen Tuk genannt - und ihm doch, mehr oder weniger direkt, den Schlüssel zum begehrten Wissen in die Hand gedrückt: "Frag sie doch!" Derart in Gedanken versunken schrak Pippin plötzlich hoch, als er bemerkte, dass die Schwertschläge verstummt waren. Langsam, mit katzenhaften Schritten, kam der Schatten näher.

Bald darauf saßen sie nebeneinander, der Hobbit und die Elbin, und hatten gemeinsam die Reste des erstaunlich reichhaltigen Essens verzehrt. Er fand es verwunderlich, sein Mahl mit jemandem zu teilen, der bis vor kurzen noch ein schwertschwingender Schatten gewesen war (einmal ganz davon abgesehen, dass es ja eigentlich ihre Mahlzeit gewesen war). Sie schien ihm ein wenig zu kriegerisch und gleichzeitig zu traurig für eine Elbin, die er aus Bilbos Geschichten von seinem großen Abenteuer als fröhliche Wesen kannte; doch außer der Tatsache, dass sie in ihrem dunklen Umhang nach wie vor kaum mehr als einem Schatten glich, kam sie ihm nicht sonderlich unheimlich vor. Auf seine Frage antwortete sie mit einem leisen Lächeln.
"Es gibt Zeiten, Pippin, da ist die Dunkelheit dein einziger Schutz und der Schatten der Mantel, der dich am Leben hält." Mehr war nicht aus ihr heraus zu bekommen.

Schließlich erzählte er von Frodo und Sam, von ihrem Auftrag und ihrem schweren Weg; sie nickte nur, denn die Geschichte schien ihr bekannt zu sein. Niemand hatte etwas Neues von Frodo gehört, und selbst wenn Pippin es sich nicht anmerken lassen wollte, machte er sich doch große Sorgen um seine Freunde.
"Mordor", murmelte er vor sich hin, "wie mag es dort wohl sein?"
Zu seinem Erstaunen erhielt er Antwort.

"Es ist ein dunkles Land", sagte die Elbin mit beinah wehmütiger Stimme; sie schien tief in Erinnerungen versunken zu sein. "Ein dunkles, kaltes Land voll schroffer Gipfel und schwarzer Felsen, wo die Sonne keine Kraft zu haben scheint, einen auch nur ein wenig zu wärmen. Ein sterbendes, ja, fast schon ein totes Land."
Sie blickte in die Ferne.
"Früher einmal, vor langer Zeit, muss es ein schönes Land gewesen sein, grün und voller Leben. Die Elben liebten es, sie lieben es noch heute."
Verwundert hob der Hobbit den Kopf. "Es gibt dort Elben?"

"Viele sind es nicht, doch sie leben schon eine ganze Weile dort. Nach dem Sturz Morgoths sind sie gekommen und haben sich angesiedelt. Amondor nannten sie es, das Bergland, und gaben ihm sein Leben zurück. Mit den Jahren änderten sich ihre Sprache und ihre Sitten, bis sie zu einem eigenen Volk wurden, den Fuinnûr. So nennen sie sich; in der Sprache des Westens würden sie das Nachtvolk heißen."

"Doch wie können sie im Land des dunklen Herrschers leben?"
"Sie lieben das Land, vielleicht noch mehr, als andere Elben es tun. Kein Elb wird jemals sein Land verlassen, nicht solange er es irgendwie verhindern kann. Sie halten das Land am Leben, wo sie es können, und Sauron lässt sie in Frieden, denn nicht alle seine Krieger können nur von brennendem Hass leben. Und wenn sich einer von ihnen bereit findet, dem dunklen Herrscher zu dienen, dann nimmt er ihn mit Freuden auf..."

Bei diesen Worten schien sich ein Schatten wie eine dunkle Wolke auf ihr Gesicht zu legen; sie schloss die Augen und schwieg. Um sie wieder zum Sprechen zu bringen deutete Pippin auf das in hellem Silber leuchtende Schwert.

"Dieser Löwenkopf und die Runen darauf, was haben sie zu bedeuten?" Doch sie schüttelte nur den Kopf. "Das ist eine andere Geschichte, und heute ist nicht der Tag, an dem sie erzählt werden soll. Vielleicht ein andermal..." Sie stockte. "Nach der Schlacht."

Gemeinsam traten sie auf einen der Balkone des Turms und betrachteten den glühenden Abendhimmel. Im Westen, am Rande der Welt, ging die Sonne unter. Vielleicht für immer.