.:. Kapitel 16 .:.
Lärm. Unbeschreiblicher Lärm. Schwerter prallten aufeinander, Pfeile surrten durch die Luft, Speere zerbrachen und Äxte zersprangen. Anspornendes Kampfgeschrei, Stöhnen, Ächzen, Tod. Dies war die letzte, die größte aller Schlachten um Mittelerde. Eine Schlacht Gut gegen Böse, Weiß gegen Schwarz, so gewaltig, dass die Völker Mittelerdes noch Jahrhunderte später den Kriegern gedachten, die vor der Stadt Minas Tirith um die Zukunft ihrer Welt kämpften. Irgendwo im Kampfgetümmel befand sich Moriel.
Moriel, die Schwarze, die Spionin. Die Verräterin. Nun kämpfte sie hier, auf der Seite derer, deren Auftrag sie erfüllt und doch mehr verloren hatte, als sie verkraften konnte. Nun erschlug sie die Orks, deren Herrin sie einst gewesen war; die Fuinnûr, die mit ihr in die Schlacht gezogen waren, führte sie ins Verderben. Einer nach dem anderen der stolzen Erstgeborenen Ilúvatars ließ auf den Pelennorfeldern sein Leben. Jeder von ihnen schlug Moriels Herz eine klaffende Wunde.
Plötzlich waren sie da gewesen, wie eine schwarze Wolke waren sie erschienen in der Stunde, die man die Morgendämmerung zu nennen pflegte. Doch an diesem Tag ging die Sonne über den Pelennorfeldern nicht mehr auf, alles blieb in dunkles Zwielicht gehüllt. Ohne ein Wort zu sagen waren sie vor sie getreten, die Elben vom Volk der Fuinnûr, bei denen sie gelebt hatte, hatten sich stumm verbeugt und sich in die Reihen Gondors gestellt. Sie waren bereit für den Kampf - und sie waren bereit, gegen den Herrn ihres Landes zu stehen.
Und nun starben sie vor ihren Augen. Wie betäubt kämpfte sie weiter und hielt ihr Schwert, welches, kaum wieder silbern geworden, nun vor schwarzem Blut triefte, mit eisernem Griff. Das Wort "Schlacht" kommt von "schlachten", und nichts anderes war es; ein einziges grausames Gemetzel. Raum und Zeit verloren ihre Bedeutung; sie vergaß, wer und wo sie war und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen außer der Hoffnung, dies alles möge bald zu Ende sein.
Ruckartig wurde sie aus ihrer Trance gerissen. Ein Stück weit von sich entfernt sah sie einen Elben stehen, der in einen schrecklichen Kampf mit einem riesenhaften Ork verwickelt war. Wie in Zeitlupe sah sie, wie der Ork das Schwert des Elben zur Seite drängte und mit seiner gewaltigen Axt ausholte. Nein, dachte Moriel, das darf nicht sein! Nicht auch noch Thalion!
"Nein!"
Sie wusste nicht, ob sie irgend jemand hören konnte oder ob der Schrei ein stummer war, der nur in ihr selbst widerhallte. Ohne zu zögern stürzte sie auf die beiden zu, überwand die Distanz so schnell, wie es keinem Menschen je möglich gewesen wäre, und warf sich mit erhobenem Schwert vor den Elben. Doch es war zu spät.
Die Klinge, die ihren Körper durchbohrte, löste eine Explosion des Schmerzes in ihr aus und raubte ihr die Kraft zu atmen. Den Bruchteil einer Sekunde lang stand sie zitternd da, während allerlei Erinnerungen vor ihren Augen vorbeizogen. Das Gesicht einer Elbin, unbekannt und doch so vertraut, dann Gandalf, wie er sie unterrichtete, Duwath, Nia, der kleine Almarian und zuletzt Thalion, der Elb mit den dunklen Augen, der sie im Gebirge gefunden und vor mancherlei Gefahren beschützt hatte, Thalion, der ihr in den letzten Jahren weit mehr geworden war als ein Bruder...
Sie erkannte noch, dass der Kopf des Ork in hohem Bogen von seinen Schultern flog, ehe sie zusammenbrach und die Welt um sie herum ins Dunkel stürzte.
* * *
Lay down
Your sweat
and weary head
Night is falling
You have come to journey´s end
Sleep now
Dream of the ones who came before
They are
calling
From across a distant shore
And all will turn to silver glass...
