.:. Kapitel 17 .:.
"Auf, Soldaten, auf zum schwarzen Tor! Auf, dem dunklen Herrn entgegen, der unser Land bedroht!"
Undeutlich drangen diese Schreie bis in ihre wirren Fieberträume vor, vermischten sich mit den schwarzen und blutroten Schlieren, die vor ihren Augen tanzten, wurden Teil der seltsamen Muster, die sie zu sehen meinte und doch nicht sehen konnte, da ihre Augen geschlossen waren. Noch leiser hörte sie eine andere, ihr vage bekannt vorkommende Stimme.
"Es ist Wahnsinn...nichts als Wahnsinn, und doch die letzte und einzige Möglichkeit, etwas zu tun...wir können nicht gewinnen, wir sind in der Unterzahl, kaum mehr eine Hand voll Krieger...wir haben eine Schlacht gewonnen, doch die Streitkräfte Saurons warten nur hinter dem großen Tor...sie müssen hinaus! Hinaus! Es besteht kaum Hoffnung...doch wir hatten noch nie viel Hoffnung! Wir müssen Frodo und Sam die Möglichkeit geben, die Ebene zu durchqueren. Auf, Soldaten, zum schwarzen Tor! Fordern wir den Herrn des dunklen Landes heraus! Eines Tages mag er uns vielleicht besiegen, doch nicht heute! Solange wir noch Leben in uns spüren, werden wir kämpfen!"
Sie nahm die Worte wahr, doch sie hatten keine Bedeutung. Sie schwebte irgendwo in ihrer eigenen Welt, fernab vom Geschehen um sie herum. Eine der großen roten Blasen schwoll an, wurde immer dicker und zerplatzte schließlich; die Einzelteile legten sich wie ein purpurner Mantel um sie und hüllten sie in eine Dunkelheit, von der sie nicht wusste, ob sie Sekunden dauern würde oder Jahre...
* * *
Vorsichtig zog Aragorn einen der dicken Vorhänge zur Seite, mit denen die einzelnen Räume in den Häusern der Heilung abgetrennt waren, und trat ein. Er war müde, denn die Schlacht auf den Pelennorfeldern und der anschließende Zug zum Morannon, dem schwarzen Tor, hatten ihn viel Kraft gekostet; doch der unglaubliche Anblick des fallenden Turms Barad-dûr und der Massen von Orks und Haradrim, die in alle Richtungen davon rannten, als die Macht ihres Herrn zerbrochen wurde, erfüllte ihn nach wie vor mit Kraft und gab ihm die Möglichkeit, seit vielen Stunden auf den Beinen zu sein und nach all den Leuten zu sehen, deren König er jetzt war. Denn nun war es an der Zeit, dass Isildurs Erbe seinen Platz auf dem Thron Gondors einnahm und sein Volk in eine Zeit des Friedens führte. Viel zu lange war Krieg gewesen, viel zu viele hatten ihr Leben lassen müssen. Der weiße Baum Gondors war verdorrt und leuchtete nur noch auf den zahlreichen Bannern in seinem herrlichen Weiß.
"Du hast nach mir geschickt, Gandalf?" fragte Aragorn. Beinahe wäre er zusammengezuckt, so sehr erschrak er, als sich der alte Zauberer umdrehte. Der alte Zauberer. Gandalf war an Jahren alt gewesen, alt und weise, doch niemals so...alt. Alt, müde, verbraucht. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen stumpf, die Tränen hatten ihre Spuren hinterlassen. Selbst der sonst so strahlende weiße Mantel schien gelblich und fleckig. Dies war nicht mehr der mächtige Zauberer, der es wagte, sich sogar dem Hexenkönig von Angmar entgegenzustellen, der einen Balrog getötet und so viele Menschen gerettet hatte. Dies war ein schwacher, zerbrochener Greis.
Langsam richtete er sich auf und gab den Blick auf das Bett frei, an dem er gesessen hatte. Der schlaffe Körper der Elbin wirkte zwischen den Decken so schmal und zerbrechlich, das Gesicht so totenbleich, dass Aragorn einen Moment lang befürchtete, sie könnte nicht mehr am Leben sein. Doch zu seiner Erleichterung könnte er sie atmen hören, wenn auch sehr leise. Sie lebte, doch wie lange noch?
Gandalf hatte noch einige Worte mit einem dunkelhaarigen Elben gewechselt, der auf der anderen Seite des Bettes saß und Aragorn vage bekannt vor kam. Er suchte in seinem Gedächtnis nach der entsprechenden Erinnerung und sah voll Entsetzen die Axt, die auf diesen Elben zuflog und an seiner Stelle das Elbenmädchen traf...
Vergeblich versuchte er diese Bilder abzuschütteln, als er mit Gandalf einen verwilderten, kaum zu erkennenden Pfad auf der Westseite des Berges hinaufstieg. Unter ihnen lagen die Pelennorfelder, noch immer rot vom Blut der Orks - und der Menschen. Er wusste nicht, was ihn oben erwartete, doch mit Gandalf an seiner Seite wäre er selbst in die tiefsten Tiefen Morias gegangen. Doch war das noch Gandalf, der ihn dort hinauf führte? Etwas hatte die Kraft des alten Zauberers gebrochen, und Aragorn wusste ganz genau, was der Grund dafür war.
"Sie ist deine Tochter, nicht wahr?", fragte er
leise, doch es war keine Frage. "Ihr seid euch ähnlich."
Gandalf
nickte.
"Wer war ihre Mutter?"
Der Zauberer seufzte,
setzte sich langsam auf einen Felsbrocken am Rande des Pfades und
begann zu erzählen.
In die dunklen, wirren Fieberträume Elins mischte sich ein neuer, der ihr zugleich fremd und vertraut war. Sie wusste nicht, ob sie ihn schon einmal geträumt hatte oder nicht, doch sie kannte die Gesichter - und kannte sie auch nicht...
Sie sah die geheimnisvolle Elbin mit den pechschwarzen, strahlenden Augen, die ein kleines Kind auf dem Arm hielt, kaum drei Jahre alt, und durch die Berge floh, verfolgt von einer Gruppe stinkender Orks. Sie spürte die Angst, die Panik, die Blutgier, den Hass, den Hunger. Sie sah, wie die Elbin in einen Hinterhalt geriet, wie sie, um stellt von Orks, ihr Schwert zog und um ihr Leben und das ihres Kindes kämpfte, gleich einer wilden Löwin. Elin konnte ihre Augen nicht von dem Schwert lösen; bildete sie es sich nur ein, oder war darauf wirklich ein Löwenkopf zu erkennen?
Angesichts dieser Übermacht schien die Elbin nicht die geringste Chance zu haben, doch sie hielt sich erstaunlich gut und hatte von dem guten Dutzend Orks alle bis auf drei besiegt, als schließlich eines ihrer zackigen Schwerter den Weg durch ihre Verteidigung fand und sich tief in ihren Leib bohrte. Einen Moment lang stand sie schwankend, dann holte sie zum letzten Mal aus und erschlug die verbliebenen Orks mit einem einzigen Hieb, bevor sie zusammenbrach.
Lange Zeit lag sie reglos da, das leise vor
sich hin wimmernde Kind an ihrer Seite. Irgendwann sah Elin eine
Gestalt den Berg herauf kommen, ein Mann, der sich mit eiligen
Schritten näherte. Er rief laut und ließ sich neben dem Körper der
Elbin zu Boden fallen. Mit letzter Kraft öffnete sie die Augen,
strich dem Kind, das sich in die Arme des Mannes gedrückt hatte,
über den Kopf und sprach mit dem Mann. Elin konnte ihre Worte nicht
verstehen, doch sie erkannte in der Gestalt Gandalf, einen jüngeren
Gandalf, noch nicht mit den Sorgen des Krieges beladen. Es schien,
als trage ein Windstoß die letzten Worte zu ihr, die die Elbin
sprach, bevor sie in sich zusammensank und starb:
"Sag es
ihr, Gandalf! Sag es ihr, bevor es zu spät ist!"
Langsam
löste sich das Bild vor ihrem Inneren Auge auf; sie fühlte sich,
als tauche sie aus abgrundtiefem Wasser wieder an die Oberfläche.
Irgendwo vor sich war ein Licht, sie spürte es mehr, als dass sie es
sah. Schwankend schleppte sie sich darauf zu, versuchte verzweifelt,
sich mit letzter Kraft aufrecht zu halten... "Es gibt immer
Hoffnung; du musst nur den Mut haben, daran zu glauben" hörte
sie eine leise Stimme in ihrem Inneren sagen. Wer hatte ihr einst
diesen weisen Ratschlag gegeben? Sie wusste es nicht mehr... Mehr
kriechend als gehend erreichte sie das Tor und drückte dagegen, doch
die riesigen Flügel bewegten sich nicht um einen Millimeter. Sie
fühlte, wie sich die letzten Kraftreserven angesichts der
Enttäuschung verloren. Erschöpft lehnte sie den Kopf an das harte
Holz der Torflügel... es gibt noch Hoffnung... noch einmal warf sie
sich dagegen, kämpfte mit aller Willenskraft um Einlass...
Mit
einem Ruck wachte Elin auf und schaute in Thalions Gesicht.
Gandalf
erhob sich und folgte weiter dem schmalen Pfad. "Es hat schon
immer Orks im Nebelgebirge gegeben, doch sie sind niemals in unsere
Nähe gekommen. Sie wussten nicht einmal, dass wir dort lebten. Es
war ein harter Winter, und ich nehme an, sie waren auf ihrer Jagd
nach allem, was sich bewegt, so weit gekommen. Sie hatten Hunger und
haben dafür mit dem Leben bezahlt - und mir doch den Inhalt meines
Lebens genommen..."
Er seufzte. "Doch komm! Wir sind
fast am Ziel. Siehst du es, dort rechts, unterhalb des großen
Felsens?"
In einer windgeschützten Ecke, unberührt von der grausamen Schlacht, die die Menschen geführt hatten, fand Aragorn Elessar, Isildurs Erbe, einen Schößling des weißen Baums.
