.:. Kapitel 18 .:.
Am Tag der Krönung Aragorn Elessars, nach 10 langen Jahren, sah Nia ihre Freundin, die sie als Liniel kannte, zum ersten Mal wieder. Die Sonne leuchtete vom wolkenlosen Himmel, der zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem wahrhaft königlichen Blau erstrahlte. Die Menschen von Minas Tirith hatten ihre Toten begraben, die Verwundeten versorgt und das Blut von den Türen gewaschen; nun erstrahlte die Stadt in neuem Licht. Viele Frauen hatten ihre Männer, viele Kinder ihre Väter verloren, doch die Hoffnung, nun ein neues Leben in Frieden beginnen zu können, gab ihnen die Kraft, mit ihren Verlusten zu leben. Und sie hatten wieder einen König!
Nia war am Tag zuvor mit einigen anderen Frauen zusammen eingetroffen, ihre Tochter im Sattel vor sich, das jüngste im Arm. Sie waren sofort aufgebrochen, als die Nachricht vom Sieg auf den Pelennorfeldern nach Rohan gekommen war. Ihre Begleiterinnen hatten Verwandte in der weißen Stadt; auch Nia hielt nichts mehr in Edoras, doch es war nicht nur wegen Almarian, der mit in die große Schlacht gezogen war...
Nia schob den Gedanken an Legolas beiseite. Sie hatte ihn am Vortag nur kurz gesehen, dann musste er schon wieder aufbrechen, mit Lord Elrond sprechen, der Garde, dem König... und doch hatte er noch Zeit gefunden, sie zu Liniel zu bringen. Nein, verbesserte sie sich in Gedanken, nicht zu Liniel - zu Elin. Zu Elin, die, wie man ihr sagte, verwirrenderweise auch noch die Tochter des alten Zauberers war, den Nia stets für ihren Vormund gehalten hatte. Allerdings, dachte sie und lächelte über die Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit, hätte ich es mir eigentlich denken können. Da war diese gewisse, versteckte Ähnlichkeit... und Naldos gelegentliche Andeutungen! Naldo, der alte Schelm! Wahrscheinlich hatte er die ganze Zeit gewusst, dass sein "Pflegekind" doch nicht ganz so vaterlos war.
Als Nia ankam, war Elin nicht dagewesen, erinnerte sie sich und lenkte ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. Ein freundlicher kleiner Hobbit hatte ihr einen Platz für die Nacht gezeigt und ihr versprochen, nach Elin zu suchen. Ela war ganz begeistert von dem Halbling gewesen, und Nia, die auch noch nie einen solchen gesehen hatte, staunte über den quicklebendigen kleinen Mann. Pippin, so war sein Name, wusste von derart wunderlichen Ereignissen zu berichten, dass Ela stumm an seinen Lippen hing und auch Nia mit Freuden zuhörte. Als sie eingeschlafen war und das Feuer nur noch ein wenig glühte, erzählte er ihr das wenige, was er über das Elbenmädchen aus Mordor wusste.
Nun stand Nia ihrer alten Freundin gegenüber und erschrak über die Veränderungen, die sie an ihr erkannte. Schwer stützte sich ihre zerbrechliche Gestalt, straff umwickelt mit einer Vielzahl von Verbänden, auf einen kräftigen Stab. Ihre Bewegungen wirkten unsicher und schwerfällig, die Wangen eingefallen, der schelmische Glanz in ihren dunklen Augen war erloschen. Nicht weit von ihnen entfernt kümmerte sich ein junger Elb um einige Pferde, sah jedoch immer wieder besorgt zu ihnen herüber, wahrscheinlich, um auf sie acht zu geben.
Und was ist mit mir, fragte sich Nia in
Gedanken. Was sieht sie, wenn sie mich anschaut? Ausgezehrt durch die
Geburt der drei Kinder und durch zuviel Leid, zur Witwe gemacht durch
eine Schar blutrünstiger Orks....
Doch noch bevor sie diesen
Gedanken bis zum Ende verfolgen konnte, war es ihr schon
herausgerutscht.
"Bei allen Weiden Rohans, was ist mit dir
passiert?"
Närrin, schalt sie sich, wie üblich kommen dir
die Worte schneller über die Lippen, als du denken kannst.
Doch
in diesem Moment veränderte sich der Gesichtsausdruck ihres
Gegenübers; die schmalen Lippen verzogen sich erst zu einem leichten
und dann zu einem breiten Grinsen, und auch in die Augen kehrte ein
Funke Lebenskraft zurück.
"Schön, dich zu sehen, Nia",
sagte sie, humpelte heran und zog die Freundin in die Arme.
Stunden
später verließ Nia das Krankenzimmer wieder, hinaus gedrängt von
einer Schar von Heilern unter dem wachsamen Auge Thalions. "Sieh
zu, dass du bald wieder gesund wirst", sagte sie zum Abschied,
"du siehst wahrhaftig aus, als hättest du 10 Jahre lang keine
Sonne gesehen!"
Oh ja, dachte Elin, und du weißt gar nicht,
wie nahe du damit an der Wahrheit bist, die du nie erfahren wirst...
Erschöpft schloss sie die Augen und überließ sich den kundigen
Händen der Heiler.
Da sie ihre Tochter sicher bei Pippin wusste, zog sie nur mit dem jüngsten Sohn auf den Armen los, um sich die Stadt anzusehen. Es war erstaunlich, was die Stadtbewohner in dieser kurzen Zeit aus dieser verwüsteten Stadt gemacht hatten: einen wahren Königssitz. In jeder noch so engen Gasse herrschte heute ein reges Treiben; wann gab es sonst schon eine Königskrönung zu sehen? Die Zeremonie sollte um die fünfte Stunde des Mittags beginnen, und jeder Bewohner der Stadt war auf den Beinen, um bis dahin sich und ihre Häuser auf Hochglanz zu bringen.
Im Lager der Rohirrim fand Nia schließlich auch ihren Bruder. Almarian hatte die große Schlacht weitgehend unverletzt überstanden; zwar überzog eine Vielzahl von Schürfwunden und blauen Flecken seinen Körper, doch es war nichts Ernstes darunter. Dennoch war aus dem lebenslustigen, wagemutigen Jungen ein ernster junger Mann geworden. Wieder einmal musste Nia an das alte Sprichwort denken: Der Krieg geht an keinem spurlos vorbei.
Über Elin konnte Nias Bruder ihr nichts Neues berichten; im Lager der Reiter Rohans war, trotz zahlreicher Gerüchte, nur wenig über das Elbenmädchen bekannt, das wohl aus Mordor gekommen sein musste. Angeblich hatte sie Informationen über Saurons Vorgehen und seine Truppenstärke gebracht. In der Tat wusste Almarian nichts davon, dass diese Spionin überhaupt die Linni seiner Kindertage war, und wollte auch seiner Schwester diese Neuigkeit kaum glauben.
Viel zu schnell vergingen die Stunden im Gespräch; bald schon musste er aufbrechen, um als Ehrengarde bei der Krönung Aragorns zu sein. So machte sich Nia allein auf den Weg, um noch einen Platz unter den Schaulustigen zu finden. Sie war gerade dabei, sich einen Weg durch eine große, dichtgedrängte Gruppe von Frauen zu bahnen, als eine wohlbekannte Stimme sie zurückrief.
"Nia, warte!"
Die plaudernden Frauen machten dem großen Elben Platz, so dass Legolas leicht zu Nia gelangen und sie eilig an eine andere Stelle führen konnte, von wo aus sie das Geschehen besser beobachten konnten. Ein wenig eingeschüchtert blickte sich Nia um; rings um sie standen dichtgedrängt mehrere Elbenkrieger, die sie allesamt um eine Haupteslänge überragten; doch Legolas schob sie lächelnd weiter, bis sie schließlich einen Platz in der ersten Reihe gefunden hatten. Das ganze Plateau hoch über der Stadt bestand aus einer einzigen wogenden Menge von Menschen; Männer, Frauen und Kinder waren gleichermaßen vertreten. Die Krieger der Ehrengarde, in deren prachtvoller Uniform Almarian so fremd aussah, achteten darauf, dass die Treppe, von der der König sprechen würde, frei blieb. Schräg gegenüber entdeckte sie Gandalfs wilden weißen Haarschopf und daneben, auf ihren Stab gestützt, Elin. Auch der junge Elb, von dem Nia nun wusste, dass er Thalion hieß und irgendwie in Elins Geschichte verwickelt war, stand direkt neben ihr und hatte ihr gerade mit einer sehr vertraulich anmutenden Geste den Arm um die Schultern gelegt; sie zögerte nicht, sich anzulehnen. Nia lächelte leise. Ob da wohl mehr als Freundschaft zwischen den beiden war?
Die Zeit würde es zeigen. Die Zeit, die, wie man so sagt, alle Wunden heilt und die im Laufe der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte aus der großen Schlacht eine Erinnerung und zuletzt einen Mythos machen würde; eine Geschichte über große Heldentaten und große Verluste, die man am Lagerfeuer erzählen und mit einem Schluck Wein den gefallenen Kriegern Ehre erweisen würde. Dann würde man den gedenken, was sie ihnen mit Blut und Leben erkämpft hatten: Zeit, eine neue Zeit. Seit dem Moment, als am Morgen nach der Schlacht die Sonne erneut aufgegangen und einen Weg durch die dichten Nebenschwaden gefunden hatte, seit sie sie zum ersten Mal seit langem auf ihrer Haut fühlen konnte wusste Nia, dass nun eine neue Zeit begonnen hatte. Zeit, um die Wunden zu heilen und das Geschehene zu verkraften, Zeit, um sich zu erholen und wieder vorwärts zu schauen, Zeit für alte Freunde und neue Aufgaben, Zeit für spielende und lachende Kinder, Zeit zu atmen, zu leben und zu lieben. Friedenszeit.
Gandalf trat vor, in den Händen die Krone Gondors, und Nia sah Elin den Kopf an Thalions Schulter lehnen. Als die Krone den Kopf des neuen Königs berührte verfing sich ein Sonnenstrahl in einem der Edelsteine und blitzte hell auf. Nia schloss die Augen, öffnete sie wieder und erblickte eine neue Welt.
Sie lächelte.
.:. THE END .:.
