Halloween

(Kapitel 39)

Tage vergingen und schließlich war Halloween. Die Halle war wie immer festlich geschmückt und bei Schülern und Lehrern herrschte gute Stimmung. Anscheinend fiel nur Severus auf, dass Quirrell fehlte. Gerade wollte er Minerva McGonagall darauf ansprechen, als die Tür der Halle aufflog und eben jener Kollege Quirrell völlig aufgelöst hereinstürmte.

"Troll-", schrie er außer Atem, "im Kerker - dachte, Sie sollten es wissen."

Dann brach er zusammen und blieb ohnmächtig liegen.

Während Dumbledore und die anderen Lehrer die Schüler zu beruhigen versuchten, schossen Severus plötzlich wieder Quirrells Worte von vor ein paar Tagen durch den Kopf. Diese Angelegenheit arrangieren? Severus' Misstrauen war mehr als geweckt und entgegen Dumbledores Anweisung an die Lehrer, in die Kerker zu gehen, schlich er sich durch eine Hintertür hinaus.

Während er eigentlich ziellos durch den kleinen Gang marschierte, dachte er plötzlich darüber nach, dass er, selbst wenn Quirrell wirklich irgendetwas Faules geplant hatte, er keine Ahnung hatte, wo und wonach er suchen sollte. Gerade wollte Severus zurück zu den anderen in die Kerker gehen, als er auf Schritte im nahen Hauptgang aufmerksam wurde.

Schnell verschwand er in einer dunklen Ecke und beobachtete dann, wie Quirrell mit schnellen Schritten den Gang hinunter eilte. Aber dieser Gang führte doch...

'In den dritten Stock!', wurde Severus klar.

In diesem Moment beschloss Severus dem Kollegen zu folgen. Der dritte Stock war zu Anfang des Schuljahres verboten worden, aus gutem Grund. Wenn er sich jetzt beeilte und die kleinen Gänge benutzte, würde er vor Quirrell da sein.

Schließlich kam er wieder auf den Hauptgang und bald darauf an der verbotenen Tür im dritten Stock an. Sie war geschlossen und es war kein Laut zu hören, daraus war zu schließen, dass Quirrell noch nicht hier war. Severus beschloss in einem kleinen Nebengang auf Quirrell zu warten und ihn zur Rede zu stellen.

Kurz darauf traf dann auch Quirrell ein und ehe Severus sich versah, hatte Quirrell auch schon die Tür entriegelt. Severus trat aus dem Schatten direkt hinter Quirrell.

"Darf man erfahren, was Sie da machen?"

Zu Tode erschrocken fuhr Quirrell herum.

"S-Severus?"

"In der Tat.", antwortete Severus eisig. "Also, was machen Sie hier?"

Verzweifelt sah sich Quirrell um. Anstatt einer Antwort packte er seinen Gegenüber plötzlich am Kragen und beförderte ihn mit einem heftigen Stoß in den Raum.

Severus hatte nicht mit einem körperlichen Angriff gerechnet und stolperte somit überrascht in den Raum. Hinter ihm schlug die Tür zu und man konnte hören, wie sie von außen verschlossen wurde. Severus trat an die Tür.

"Quirrell? Quirrell! Machen Sie sofort die Tür auf!"

Im nächsten Moment bereute Severus so laut gesprochen zu haben, denn ein donnerartiges Knurren ließ ihn herumfahren. Er sah sich dem Grund für das Verbot dieses Raumes gegenüber: Fluffy, dem dreiköpfigen Zerberus von Hagrid.

Drohend trat das riesige Tier auf ihn zu und mit jedem Schritt Fluffys drückte Severus sich mehr an die Tür. Seine eine Hand lag auf der Türklinke, die andere glitt vorsichtig in seinen Umhang. Er fixierte Fluffy, jetzt musste alles sehr schnell gehen. Blitzschnell zog er seinen Zauberstab, sprach "Alohomora!" und riss gleichzeitig die Tür auf. Er war schon aus der Tür raus, schlug zwei Köpfe zur Seite und wollte gerade die Tür schließen, als der dritte Kopf hervorschnellte und Severus am rechten Unterschenkel erwischte. Die riesigen Zähne bohrten sich in das Bein und zogen Severus wieder ein Stück zurück. Rechtzeitig schaffte er es Fluffy ins Gesicht zu treten, woraufhin der Hund abließ und Severus die Tür zu treten konnte.

Severus lehnte sich gegen die Mauer und schloss die Augen. Sein Bein tat höllisch weh und er konnte seinen Puls im ganzen Bein deutlich spüren. Erst jetzt sah er langsam an sich herunter. Seine Hose war an entsprechender Stelle eingerissen und ziemlich blutgetränkt. Einen Moment blieb er noch sitzen, doch dann vernahm er einen höllischen Lärm.

'Natürlich, der Troll!', schoss es ihm durch den Kopf.

Den hatte er in der ganzen Aufregung total vergessen. Severus brachte sich schwankend auf die Beine und folgte, wenn auch etwas hinkend, dem Lärm.

An einer Biegung liefen McGonagall und Quirrell an ihm vorbei ohne wirklich Notiz von dem Kollegen zu nehmen. Severus schloss sich den beiden an und schließlich erreichten sie die Mädchentoilette, aus der der Lärm kam.

Er betrat nach McGonagall als Zweiter den Raum und konnte sich das ganze Fiasko ansehen. Der Raum war völlig verwüstet, mitten im Schutt lag der Troll und ihnen gegenüber zitterten Harry Potter und, mit erhobenem Zauberstab, Ron Weasley immer noch. Quirrell ließ sich wimmernd auf einem der Toilettensitze nieder, doch Severus nahm ihn nicht weiter war. Er ging zu dem Troll und sah ihn sich genauer an. Er war eindeutig durch seine eigene Keule zu Boden gegangen, doch wie war er reingekommen?

'Ein Troll hat den IQ eines mittelschweren Pflastersteins, allein ist der hier nie reingekommen. Aber einen Troll hier reinzubringen ohne selbst angegriffen zu werden, erfordert Basiswissen und Erfahrung.'

Severus' Blick glitt plötzlich wieder zu Quirrell. Waren sein Spezialgebiet nicht Höhlentrolle? Doch bevor er seinen Gedanken vervollständigen konnte, setzte Minerva McGonagall mit gepresster Stimme zu ihrer Strafpredigt an.

"Was zum Teufel habt ihr euch eigentlich gedacht? Ihr könnt von Glück sagen, dass ihr noch am Leben seid. Warum seid ihr nicht in eurem Schlafsaal?"

'Warum nicht?', dachte sich Severus, während er Harry durchdringend ansah. 'Der Junge ist abenteuerlustig bis wahnsinnig und lässt sich nichts vorschreiben. Eben genau wie sein Vater.'

Plötzlich meldete sich die bis jetzt unentdeckt gebliebene Hermine Granger zu Wort und erklärte, sie sei dem Troll aus Neugier nachgelaufen und die beiden Jungen hätten sie ganz zufällig gefunden.

'Wer's glaubt!'

Severus verdrehte innerlich die Augen. Das war eine glatte Lüge. Erstens war das Mädchen bei Quirrells panischer Ankündigung gar nicht anwesend gewesen und zweitens wäre sie, so wie er dieses Trio einschätzte, eher den Jungen nachgelaufen, um sie von solchem Blödsinn abzuhalten.

Doch McGonagall schien es geschluckt zu haben, zog dem Mädchen 5 Punkte ab und schickte sie in ihren Schlafsaal. Den Jungen sprach sie für "unheimliches Glück" insgesamt 10 Punkte zu und entließ auch sie.

Normalerweise hätte Severus etwas angemerkt, aber jetzt war er froh, so schnell wie möglich in seine Wohnung zu kommen, denn umso länger er stand, umso mehr schmerzte seine bislang unversorgte Wunde.

In seiner Wohnung angekommen holte er erstmal alle möglichen Heiltinkturen und Verbandsbinden hervor, setzte sich an den Kamin, zog sein Hosenbein übers Knie und sah sich die Wunde genau an.

Fluffy hatte ihn ziemlich böse erwischt, sein halber Unterschenkel war zerfetzt. Wenigstens hatte es relativ aufgehört zu bluten. Die Tinkturen und Salben brannten zwar wie Feuer in der offenen Wunde, aber was sein musste, musste sein. Danach bandagierte er das Bein und nahm noch einen Trank gegen die Schmerzen.

Er war nicht soweit medizinisch ausgebildet, dass er die Wunde sofort komplett heilen konnte und zu Poppy Pomfrey konnte er nicht gehen, somit würde er sich ein paar Tage mit dem angeschlagenen Bein rumquälen müssen.

Eines schwor er sich aber noch, bevor er schlafen ging: Quirrell hatte was zu verbergen und was er heute getan hatte, würde er bitter bereuen.

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Mehr als einmal hatte Severus bis heute darüber nachgedacht, ob er damals nicht falsch gehandelt hatte.

'Vielleicht hätte ich Quirrell einfach in den Raum lassen sollen.', dachte er sich heute. 'Dann hätte ich wenigstens etwas gegen ihn in der Hand gehabt.'

Ganz von der Hand zu weisen war das nicht, denn Severus hatte damals zwar für sich den endgültigen Beweis für Quirrells Verrat gefunden, aber der nützte ihm herzlich wenig.

'Was hätte ich Albus sagen sollen? Er war vor dem Raum im dritten Stock. Und? Viel interessanter: Warum war ich da?'

Im gleichen Moment rügte er sich für diesen Gedanken. Damals war er sich nicht sicher gewesen, heute wusste er, keiner seiner Kollegen wäre ihm da in den Rücken gefallen.

Tja, verpasste Chancen waren halt verpasst und so musste man, genauer Severus, andere suchen.