Askaban und seine Folgen

(Kapitel 61)

Die Idee mit der Heulenden Hütte funktionierte recht gut, doch Severus machte sich trotzdem Sorgen. Solange Ferien waren, war es für ihn kein Problem zu Sirius zu gehen, ihm ein paar Sachen zu bringen und ihm ein bißchen Gesellschaft zu leisten, aber sobald die Schüler wieder da waren würde sein häufiges Fehlen bzw. unauffindbar sein auffallen. Auch Sirius schien das aufzufallen, als er eines Tages fragte:

„Ist irgendwas passiert? Mit Harry?"

„Passiert? Nein, so würde ich das nicht nennen.", antwortete Severus. „Naja, er hat seine Tante aufgeblasen und ist dann mit dem Fahrenden Ritter getürmt, aber das ist bei ihm nichts sonderlich neues mehr. Fudge scheint auch nichts weiter dazu zu sagen, aus... bestimmten Gründen."

„Klar."

Sirius schnitt eine Grimasse.

„Warum einen Jungen für einen kleinen Gefühlsausbruch bestrafen, wenn ein Durchgeknallter hinter ihm her ist."

„So direkt wollte ich es nicht ausdrücken.", bemerkte Severus, da er aber nicht vorhatte weiter mit Sirius über diese Lügen, von denen sie beide wussten, dass es welche waren, zu reden, rang er sich schließlich zu der Frage durch, die ihm seit Sirius' Ankunft auf der Zunge lag. „Sag mal, Sirius, wie hast du es eigentlich geschafft aus Askaban rauszukommen?"

Sirius' Miene verfinsterte sich und seine Stimme spiegelte die starke Selbstkontrolle wieder, die er für diese Erzählung brauchte.

„Ich hatte gemerkt, dass die Dementoren es sehr schlecht spüren konnten, wenn ich mich in einen Hund verwandelt hatte. Da keiner wusste, dass ich ein Animagus bin, war ich nicht in der entsprechenden Sicherheitsverwahrung. An dem betreffenden Abend hab' ich mich dann, als die Wachen mir das Essen reinbrachten, als Hund durchgezwängt, bin weg, da ich so dünn war durch die Gitterstäbe, rübergeschwommen und einfach nur weg. Tja, dann bin ich kurz zu Remus' Hütte, dann zu Harry und schließlich zu dir."

„Aber warum, Sirius?"

„Warum?"

Sirius sprang wütend auf.

„Warum? Hast du schon mal in Askaban gesessen? Bist du schon mal tage- und nächtelang Dementoren ausgeliefert gewesen? Ich sage dir, jeder will da raus!"

Beschwichtigend hob Severus die Arme. Mit diesem Ausbruch Sirius' hätte er rechnen müssen.

„Entschuldige, Sirius.", versuchte Severus die Situation zu entschärfen. „Warum ist mir schon klar. Was ich eigentlich meinte, war: Warum erst jetzt? Warum erst nach 12 oder 13 Jahren? Aus welchem Grund genau jetzt? Du hast wohl kaum solange gebraucht, um diesen Animagus-Trick rauszukriegen."

Sirius setzte sich wieder. Severus merkte, dass sein Kamerad mit sich rang. Es gab die typischen Anzeichen: Er kaute auf seiner Unterlippe herum und sah Severus nicht an. Doch er schien auch genau zu wissen, dass er Severus nicht entkommen konnte, bis dieser eine zufriedenstellende Antwort bekommen hatte.

„Weil er lebt.", flüsterte Sirius schließlich.

„Weil wer lebt?", fragte Severus irritiert. „Harry?"

„Nein, nicht Harry."

Sirius schüttelte den Kopf.

„Nein, er, Peter."

„Sirius, Peter ist tot.", erklärte Severus ruhig. „Er hat sich damals in die Luft gesprengt. Du warst dort, du weißt es."

„Nein, nein, nein!", beharrte Sirius. „Peter lebt, ich habe ihn gesehen."

„Okay."

Severus warf einen Blick auf die Uhr.

„Ich muss dann los, sonst kommt noch jemand auf die Idee mich zu suchen. Mach's gut!"

„Wann kommt denn, Remus?", fragte Sirius. „Das muss er dringend auch erfahren."

„Ich vermute, er kommt mit den Schülern an.", antwortete Severus. „Ich schicke ihn dann so schnell wie möglich zu dir."

„Danke. Bis dann!"

Severus nickte und verließ die Hütte durch den Geheimtunnel.

Auf dem Rückweg machte er sich ernsthaft Gedanken. Eigentlich wirkte Sirius normal, sofern man das von einem Askaban-Häftling sagen konnte. Er dachte klar und zeigte auch sonst kein unnormales Verhalten, doch die Sache eben hatte Severus schon nervös gemacht.

Peter Pettigrew war tot. Er war damals bei der von ihm selbst verschuldeten Explosion ums Leben gekommen und Sirius dafür verhaftet worden. Aber warum hatte Sirius so steif und fest behauptet, Peter sei am Leben.

‚Und was heißt, er hätte ihn gesehen?', dachte Severus. ‚Selbst für den irrealen Fall, dass Peter noch leben sollte, Sirius war in Askaban in unzugänglicher Einzelhaft. Wie hätte da jemand hinkommen sollen?'

Andererseits wusste Severus auch, dass Sirius Peter sehr gern gehabt hatte bis dato, vielleicht war es seine Art das Ganze zu verarbeiten.

‚Am besten ich rede mit Remus darüber, wenn er da ist.', beschloss Severus, während er unbemerkt unter der Peitschenden Weide hervorhuschte. ‚Denn wenn Askaban Sirius doch mehr zugesetzt hat, als es zunächst den Anschein hatte, müssen wir etwas unternehmen.'

Schnellen Schrittes überquerte Severus das Gelände und wollte gerade unbemerkt durch die Eingangshalle huschen, als er auf 3 hochrangige Auroren aufmerksam wurde, die aus Richtung Dumbledores Büro kamen. Sie grüßten ihn kurz und möglichst freundlich, doch Severus hatte ein Gespür für die Gemütslagen anderer und dieses Gespür sagte ihm, dass diese Männer gerade eine heftige Auseinandersetzung hinter sich hatten.

Eine Mischung aus Neugier und gewisser Sorge trieb Severus zu Dumbledores Büro. Nachdem er dem Wächter das Passwort genannt hatte, stieg er leise und aufmerksam die Treppen hinauf. Aus dem Büro war nichts zu hören, doch der leichte Lichteschein unter der Tür und die gelegentlichen Laute von Phönix Fawkes gaben Severus Gewissheit, dass der Direktor da sein musste. Severus straffte die Schultern, klopfte und trat auf Aufforderung ein.

Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch und obwohl er wie gewöhnlich lächelte, sah Severus, dass dem älteren Mann nicht wirklich zum Lachen zu Mute war.

„Severus, was gibt es?"

Eine Begründung für sein Kommen hatte er sich auf die Schnelle nicht einfallen lassen, aber eine andere als die Wahrheit erschien ihm auch gar nicht nötig.

„Ich bin gerade drei Herrschaften vom Ministerium fast in die Arme gelaufen.", erklärte Severus nüchtern. „Sie schienen mir sehr aufgebracht und ich dachte mir, sie kämen von dir. Womit ich anscheinend auch wohl nicht ganz Unrecht hatte."

Mit einer hochgezogenen Augenbraue nickte Severus in Richtung einer ziemlich zerdepperten Vase, die in der Ecke lag. Dumbledore nickte seufzend. Mit einem „Reparo."setzte er die Vase wieder zusammen und bedeutete Severus sich zu setzen.

„Erzähl' es bitte nicht Gwen, ja?"

„So oft, wie ich sie sehe, wird es mir schwer fallen, aber ich werde mich zusammenreißen.", bemerkte Severus nicht ganz ohne seinen sarkastischen Unterton.

Dann wandte er sich wieder ihrem eigentlichen Thema zu.

„Was wollten die Herrschaften denn hier, wenn das ganze so ausgeahtet ist?"

„Ach, Severus, es ist alles nicht so einfach.", seufzte Dumbledore.

„Wem sagst du das?", gab Severus bitter lächelnd zurück.

„Diese Männer kamen in Fudges Auftrag.", fuhr Dumbledore fort. „Nein, nicht in seinem Auftrag, viel eher mit einem Befehl von ihm an mich. Ich hatte keine Argumente mich dagegen zu stellen und du wirst mich dafür wahrscheinlich am meisten hassen."

„Ich bitte dich."

Severus sah den alten Direktor an.

„Wofür sollte ich gerade DICH hassen?"

„Sie werden Dementoren herschicken, Severus."

Severus glaubte sich verhört zu haben. Ungläubig schüttelte er den Kopf.

„Sie wollen was?"

„Sie wollen nicht, Severus, sie werden. Der Ausbruch von Sirius Black hat für eine derartige Panik gesorgt, dass der Minister veranlasst hat, Hogwarts und insbesondere Harry Potter zu schützen."

„Aber Black ist den Dementoren anscheinend doch schon einmal entkommen, was soll das?"

Langsam verwandelte sich Severus' Weigerung es zu glauben in Panik. Es gab eigentlich nur wenige Dinge, wovor Severus sich fürchtete, aber Dementoren gehörten eindeutig dazu.

„Die Dementoren haben Fudge die Bedingung gestellt.", erklärte Dumbledore. „Sie wollen den wieder einfangen, der ihnen entwischt ist."

Severus stützte den Kopf auf die Hand.

‚Was mach ich jetzt?', dachte er sich. ‚Was mach ich jetzt nur?'

Mit Auroren hatte er gerechnet. Die auszutricksen und Sirius zu verstecken wäre für ihn ein Leichtes gewesen, doch Dementoren? Er selbst hatte schon Angst vor ihnen und dann würde er wohl noch Sirius' Panik unter Kontrolle halten müssen.

‚Was hat das Leben gegen mich?', dachte sich Severus deprimiert, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.

Dumbledore war aufgestanden und sah nun auf ihn hinunter.

„Severus, ich kenne deine Angst.", versicherte der Direktor. „Auch aus diesem Grund habe ich versucht diesen Vorschlag des Ministers abzulehnen. Ich bin wenigstens soweit gekommen, dass sich die Dementoren nur an Eingängen zum Gelände aufstellen das Gelände aber nicht betreten dürfen. Diese seelenraubenden Geister werde ich hier nicht dulden! Und trotz, dass ich um deine besondere Abscheu vor diesen Kreaturen weiß, muss ich dich bitten deinen Schülern ein Vorbild zu sein. Wir dürfen uns nicht von ihnen unterkriegen lassen. Okay?"

Severus nickte und verließ etwas neben sich das Büro. Dementoren, auch das noch! Und er stand dazwischen. Dumbledore konnte er die Wahrheit nicht sagen. Würde diese riesige Lüge von damals, die schließlich zur Verhaftung von Sirius geführt hatte, aufdecken, würde sich der Direktor von ihm mehr als nur verraten fühlen und das brachte Severus nicht fertig.

‚Jetzt kann ich wirklich nur noch auf Remus warten. Er ist der einzige, der die Sache mit mir zusammen einschätzen kann.'