Anmerkung von Tasha: So hier kommt wieder ein Bröckchen. Die Zeit hat es wieder zugelassen. Nur, falls ihr noch nicht abgesprungen seid. ;-)


Absturz aus Sehnsucht

(Kapitel 67)

Am nächsten Tag war Quidditch angesagt. Severus, der sowieso nicht hemmungslos begeistert von diesem Spiel war, konnte absolut nicht verstehen, wie man bei diesem Wetter ein Spiel abhalten konnte. Es goss in Strömen, stürmte und eigentlich konnte man kaum die nächsten 5 Meter um sich herum erkennen.

‚Zum Glück war mein Team, wunderlicherweise, schlau genug, sich davor zu drücken.'

Severus beschloss, diesem Beispiel zu folgen und verbrachte diesen an sich schon unangenehmen Tag in seinem Kerkerlabor. Er war gerade dabei einen Abschwelltrank nachzubrauen, um den Poppy Pomfrey ihn gebeten hatte, als plötzlich Bilder vor seinem geistigen Auge zuckten.

Als Severus wieder die klare Umgebung seines Labors sah, bemerkte er, dass er das Gefäß mit der Lösung, die er gerade hatte hinzugeben wollen, fallen gelassen hatte. Ärgerlich wischte er die Flüssigkeit mit einem Zauberstabschwenk weg. Dann lehnte er sich an seinen Labortisch.

Was waren das plötzlich für Bilder gewesen? Sein Vater, seine Mutter, Elisabeth, Kai, James, Lily, all die wichtigen Menschen, die Severus im Laufe der Jahre verloren hatte. Und ihre Stimmen.

‚Wäre es möglich...', dachte Severus und sein Blick schweifte zu dem kleinen Kerkerfenster.

„Nein, unmöglich!", wies er sich selbst zurecht und wollte sich gerade wieder auf seine Arbeit konzentrieren, als ein riesiger Tumult von draußen heranklang.

Severus war etwas verwirrt. Das klang nach der ganzen Schule. Sollten sie das Spiel wirklich abgebrochen haben? Soweit er sich zurück erinnern konnte, war das noch nie vorgekommen.

‚Aber fertig sind die auf keinen Fall. Nicht nach so kurzer Zeit.'

Da sein Projekt sowieso erstmal auf Eis gelegt war, hielt Severus es für besser, sich über das Geschehen zu informieren und begab sich in die Eingangshalle.

Die Schüler drängten sich, alles war in heller Aufregung. Hier und da schnappte Severus Gesprächsfetzen auf, es ging um einen Absturz und irgendein furchtbares Geschehen, wobei Severus der Unterschied nicht ganz klar wurde. Schließlich erreichte er Dumbledore und McGonagall, die noch unten an der Treppe zum Krankenflügel standen.

„Minerva, bitte kümmern Sie sich um den Jungen. Ich habe einen wichtigen Brief zu schreiben."

Man brauchte nicht viel Feingefühl, um zu spüren, wie wütend der Direktor war, auch wenn das im Vergleich zu anderen Leuten immer noch harmlos wirkte. McGonagall nickte nur und eilte die Treppe zum Krankenflügel hoch. Severus beschloss, Dumbledore zu folgen. Einen letzten Blick erhaschte er noch auf die Gryffindor-Mannschaft, die ihrer Hauslehrerin die Treppe hoch folgte. Der Kreis der Gestürzten schränkte sich ein, da nur Harry Potter und Kapitän Oliver Wood fehlten. Doch Severus hielt es für wichtiger jetzt mit Dumbledore darüber zu sprechen.

Dieser nannte das Passwort für sein Büro und trat dicht gefolgt von Severus ein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und zum ersten Mal drehte sich Dumbledore zu Severus um. Ein Lächeln huschte nun über das Gesicht des alten Mannes. Er wusste, dass Severus in solchen Fällen keine Aufforderung brauchte.

„Du willst also einen wichtigen Brief schreiben?", begann Severus das Gespräch.

„Ja, der Minister wird etwas von mir zu hören kriegen."

Dumbledore setzte sich an seinen Schreibtisch und bedeutete Severus sich auch zu setzen, doch wie es so seine Angewohnheit war, blieb der Jüngere lieber stehen.

„Ich habe gehört, Harry Potter ist gestürzt?", fragte Severus weiter.

Natürlich hatte er das so nicht gehört, aber es war seine logische Schlussfolgerung aus allem. Dumbledore nickte. Dann legte er die Feder, mit der er gerade zu schreiben begonnen hatte, zur Seite und sah Severus direkt an.

„Die Dementoren sind auf das Quidditch-Feld gekommen, Severus."

„Was?"

Entsetzt sah Severus ihn an. Die Wirkung der Dementoren auf die Schüler war nicht auszudenken, wenn sogar er, wie ihm jetzt klar wurde, im entfernten Kerker ihre Wirkung gespürt hatte.

„Harry muss durch ihre Wirkung die Kontrolle verloren haben und ist aus fast 15 Metern abgestürzt."

Das konnte sich Severus gut vorstellen, denn er hatte so eine Ahnung über das, was Harry gesehen und gehört haben könnte.

„15 Meter?", hakte Severus nach. „Und das hat er einfach so überstanden?"

„Glücklicherweise konnte ich ihn rechtzeitig abfangen.", antwortete Dumbledore. „Er ist zwar bewusstlos, aber ich denke, dass ihm soweit nichts passiert ist. Nur seinen Besen hat es wohl erwischt."

‚Na, damit werden wir wohl leben können.', dachte sich Severus, wechselte dann aber das Thema.

„Warum waren die Dementoren auf dem Feld? Ich dachte, sie haben Befehl, die Ein- und Ausgänge zu bewachen und dürfen das Gelände nicht betreten."

„Das ist auch richtig so.", erklärte Dumbledore mit bestimmtem Nicken. „Doch sie wissen ganz genau, wo ihre Ausnahmen sind und die haben sie hier genutzt."

„Welche denn wären?"

„Sie behaupteten, Sirius Black wäre im Stadion gewesen und wollten ihn an sich nehmen."

Severus schaffte es erst nach Sekunden, sein Erstaunen unter Kontrolle zu bringen.

„Aber das ist doch unmöglich, oder?"

Severus musterte den Direktor. Er musste wissen, ob sein Mentor etwas ahnte.

„Ich denke, dass es ein vorgeschobener Grund war.", antwortete Dumbledore. „Damit habe ich irgendwann gerechnet, aber jetzt kam es doch überraschend. Die Dementoren sind erbost darüber, dass sie sich nicht frei hier auf dem Gebiet von Hogwarts umsehen dürfen und jetzt schieben sie den angeblich gesehenen Flüchtling vor, um genau das zu erreichen. Aber das hat Konsequenzen, glaub mir, sowahr ich Albus Dumbledore heiße."

Während der Direktor den begonnenen Brief weiterschrieb, versuchte Severus eine klaren Kopf zu kriegen. Wahrscheinlich hatte der Schulleiter unbewusst wirklich Recht, die Dementoren hatten den Grund wirklich nur erfunden und Sirius war gar nicht im Stadion gewesen.

Doch noch während er sich damit zu beruhigen versuchte, klopfte es an der Tür. Auf Dumbledores ‚Herein' betrat McGonagall den Raum.

„Minerva, wie geht es Harry?", fragte Dumbledore.

„Wie wir erwartet haben, schläft er nur seinen Schock aus.", antwortete sie. „Getan hat er sich dank Ihnen nichts."

„Ist sonst noch was?", fragte Severus, als die Kollegin mit einem energischen Gesichtsausdruck den Kopf schüttelte.

„Ach, nichts weiter," erklärte sie, „nur dass Sybill mich angesprochen hat und mir sagte, es sei der Grimm gewesen, der Harry Potter verfolgt und töten will. So ein Blödsinn!"

Severus wurde plötzlich nachdenklich, entschuldigte sich und verschwand wieder zurück in den Kerker. Natürlich nahm er Sybill Trelawney auch nicht ganz für voll, aber soweit seine Kenntnisse noch reichten, war der Grimm eine Art großer Hund und Hund ließ bei ihm wieder eine unschöne Assoziation zu.

‚Lass das bitte nicht wahr sein!'

Mit diesem Stoßgebet verschwand Severus aus dem Schloss. Da Remus immer noch nicht fit war, musste er sich nun darum kümmern.

Dumbledores Wirkung auf die Dementoren schien imens gewesen zu sein, denn Severus schaffte es ohne weiteres Aufsehen zur Peitschenden Weide und in den Geheimgang. Als er in der Hütte ankam, saß Sirius da und kratzte mit einem Stock auf dem Boden herum.

„Severus! Schön, dass du mich mal wieder besuchen kommst. Hatten ja lange nicht das Vergnügen."

„Wir werden sehen, ob es ein Vergnügen wird.", gab Severus ernst zurück.

Sirius musterte ihn.

„Du weißt vom Spiel?", fragte er vorsichtig.

„Das darf doch nicht wahr sein!"

Severus schlug die Hände vors Gesicht, um sich einen Moment zu sammeln.

„Sirius, warum?"

„Naja, bei meinem letzten Streifzug..."

Severus' hochgezogene Augenbrauen ließen Sirius kurz innehalten, bevor er fortfuhr.

„...bei diesem Streifzug habe ich zufällig mitbekommen, dass heute ein Quidditch-Spiel stattfinden sollte, bei dem Gryffindor antritt. Sev, ich wollte Harry fliegen sehen! Ich kann mich noch an James erinnern. Seine Technik, seine Manöver, sein Tempo, sagenhaft!"

„Du begreifst es einfach nicht!", rief Severus aufgebracht. „Es geht hier nicht um James oder um irgendwelche Manöver! Fakt ist: Du warst im Stadion; die Dementoren haben deine Gegenwart gespürt und sind auf das Gelände gekommen. Bist du eigentlich nicht mehr ganz bei Sinnen?"

„Keine Sorge, ich war schnell genug weg. Ich weiß, wie man mit denen umgehen muss."

„Das vielleicht," gestand Severus zu, „aber offensichtlich lässt du dabei außer Acht, welche Wirkung diese Kreaturen auf die Kinder, insbesondere Harry, haben können."

Bei dem Namen seines Patenkindes verlor Sirius' Blick seine Sorglosigkeit.

„Was ist mit Harry?"

„Er war von dem Auftauchen dieser Bestien dermaßen geschockt, dass er abgestürzt ist.", antwortete Severus. „Aus etwa 15 Metern Höhe."

Sirius sprang auf.

„Er ist doch nicht..."

„Nein, ihm ist nichts passiert.", klärte Severus auf, bevor Sirius noch zu Ende fragen konnte. „Der Direktor hat ihn rechtzeitig aufgefangen. Aber hast du eigentlich eine Vorstellung, was Harry gehört oder gesehen haben könnte?"

Er trat einen Schritt näher.

„Was wohl die mit Abstand schlimmste Situation in seinem jungen Leben war?"

Sirius starrte ihn entsetzt an und Severus konnte sehen, dass sein Gegenüber genau wusste, dass er vom Tode James' und Lilys sprach. Geschlagen sank Sirius wieder auf den verstaubten Sessel nieder, auf dem er zuvor gesessen hatte.

„Was, glaubst du, wird jetzt passieren?", fragte er mit leiser Stimme.

„Das hängt, mal wieder, von dir ab.", antwortete Severus und konnte sich den sarkastischen Unterton nicht verkneifen. „Wenn du endlich tust, was wir dir gesagt haben und keine Alleingänge mehr unternimmst, wird sich vielleicht bald alles wieder beruhigen."

„Nein, ich meine wegen Harry."

Der schuldbewusste Tonfall von Sirius ließ Severus kurz einen Seitenblick auf den Kameraden werfen, bevor er antwortete.

„So wie ich ihn einschätze, wird er nicht weiter darüber reden und es, bildlich gesprochen, zu den Akten legen. Einzig der Verlust seines Besens wird ihn wohl noch eine gewisse Zeit mitnehmen."

„Wieso? Was ist denn mit dem Besen? Ich dachte, es sei nichts passiert?"

„Harry nicht.", erklärte Severus. „Aber sein Besen ist direkt weiter gebraust, bis er mit der Peitschenden Weide zusammengestoßen ist. Und was dann passiert, brauch ich dir ja wohl nicht zu erklären."

„Irreparabel?", fragte Sirius.

„Der Kollege Flitwick hat sich der Sache angenommen, aber ich persönlich sehe schwarz.", antwortete Severus.

Schweigen erfüllte den Raum. Sirius sah versteinert zu Boden. Severus konnte sich denken, was in ihm vorging. Dass sein Patenkind in Gefahr geriet, weil er einen Anfall von Egoismus und Freiheitsdrang hatte, traf ihn sehr tief. Aber genauso gut wusste Severus, dass dieser harte Dämpfer jetzt wirklich sein musste.

„Also," brach Severus die Stille, „ich muss dann wieder."

„Wie geht es eigentlich Remus?", fragte Sirius plötzlich, als Severus schon an der Tür war. „Wir hatten doch erst Vollmond."

„Gelinde gesagt geht es ihm so miserabel wie immer.", antwortete Severus kurz. „Der Trank verhindert zwar das Aussetzen des Verstandes, aber die Verwandlung und die damit verbundene Quälerei nicht."

Bevor dieses Thema ausufern konnte, war Severus verschwunden.

‚Ich weiß, es ist hart, dich jetzt mit diesem Gewissen allein zu lassen.', dachte er auf dem Rückweg. ‚Aber vielleicht ist dies die einzige Chance, dass du endlich vernünftig wirst.'