Überraschungen

(Kapitel 68)

Severus war sich bis heute nicht sicher, ob er sich gerne an die Zeit damals zurückerinnerte. Natürlich war er froh gewesen, dass er wenigstens in irgendeiner Weise die Gesellschaft von Remus und Sirius hatte, doch die meiste Zeit hatten sie nicht gerade fröhlich miteinander verbracht.

‚Eigentlich sind Sirius und ich fast nur ruppig miteinander umgegangen.', dachte Severus und wünschte sich aus heutiger Sicht sehnlichst, dass es anders gewesen wäre.

Aber trotz all dieser Sachen musste er zugeben, dass dieses Jahr wirklich besonders war.

‚Und auch ein bißchen verrückt.'

------------------------------------------------

Sirius hatte sich äußerst zusammengenommen, seit Severus ihm den Kopf gewaschen hatte. Soweit Severus es mitbekam, blieb der ehemalige Gryffindor brav in seinem Versteck und die Kameraden sahen ihn nur, wenn sie ihm etwas zu essen herschmuggelten. Severus war davon sehr beruhigt. Endlich schien wieder alles relativ geordnet zu funktionieren. Daher reagierte Severus auch eigentlich nicht überrascht als Remus in der Folgewoche abends an seine Tür klopfte.

„Stör ich, Severus?"

„Nein, komm rein. Eigentlich habe ich dich schon fast erwartet."

„Ach ja?", fragte Remus verwirrt, während er die Tür hinter sich schloss. „Was meinst du denn, warum ich komme?"

„Ich schätze mal, du hast den Auftrag, eine Beschwerde vorzubringen."

Severus stützte den Kopf auf die Hände und sah Remus abwartend an.

„Volltreffer!"

Wie von Severus gedeutet nahm Remus Platz.

„Du hättest den dritten Jahrgang erleben müssen! Die waren außer sich! Du hättest die ganze Zeit nur gemeckert, dich über meine Unterrichtsweise beschwert, ihre Arbeiten schlecht gemacht und ihnen zu allerletzt auch noch Hausaufgaben aufgegeben: zwei Rollen Pergament über Werwölfe."

„Abgesehen von dem negativen Beigeschmack der Ausdrucksweise entspricht das den Tatsachen.", nickte Severus.

„Wieso, Severus?", fragte Remus. „Wieso machst du das?"

„Nun, die Schüler sind es gewohnt von mir gefordert zu werden.", erklärte Severus. „Wenn ich den Vertretungsunterricht schweifen lasse, dann ufert das bald so aus, dass wir es ganz vergessen können. Und möglicherweise breitet sich das Ganze dann auch noch auf meinen Zaubertränkeunterricht aus."

„Dass du den Unterricht in deiner Manier führst, hab ich mir schon gedacht," bemerkte Remus, „aber warum Werwölfe?"

Severus drehte den Kopf zur Seite und fixierte eine Kante seines Schreibtisches. Sollte er Remus die Wahrheit über seinen Plan sagen?

„Es tut mir leid.", antwortete er schließlich. „Ich wollte eigentlich nur ein schwieriges Thema wählen und ehe ich richtig nachgedacht hatte, hatte ich es schon gesagt. Wahrscheinlich war ich durch die ewigen Kommentare der Schüler darüber, wie viel besser du das machst, mit den Gedanken so sehr auf dich fixiert, dass ich einfach reflexartig Werwölfe gesagt habe. Ich werde die Aufgabe einfach nichtig machen, einverstanden?"

„Brauchst du nicht, das hab ich schon.", erklärte Remus und lächelte dann. „Nett dass du an mich gedacht hast."

Auch Severus lächelte gezwungen. Er hatte an Remus gedacht, wenn auch in einer etwas anderen Weise.

„Harry scheint sich von seinem Sturz gut erholt zu haben.", bemerkte er dann, um möglichst schnell das Thema zu wechseln.

„Körperlich ja, aber er scheint extrem unzufrieden mit sich zu sein.", antwortete Remus. „Er war bei mir und sagte, dass er nicht verstehen könne, wieso er so anfällig für die Dementoren ist."

„Für die Erklärung brauch ich keine zwei Sätze.", kommentierte Severus.

Remus nickte nur.

„Das hab ich ihm auch erklärt, aber in der Beziehung ist er so stur wie sein Vater, er will keine solche Schwachstelle haben."

„Und was hat er sich da vorgestellt?", fragte Severus leicht sarkastisch. „Die Erinnerungen aus seinem Kopf zu streichen oder will er sich persönlich beim Zaubereiminister beschweren?"

„Weder noch."

Remus schüttelte den Kopf.

„Er hatte ja mitbekommen, dass ich im Hogwarts-Express einen Dementor per Patronus-Zauber vertrieben habe und den will er jetzt auch lernen."

„Patronus-Zauber?", fragte Severus. „Meinst du nicht, das ist ein bißchen viel für einen Jungen seines Alters und in seiner Situation?"

„Vielleicht," gab Remus zu, „aber ich glaube, es ist immer noch besser, er versucht sich daran, als sich mit den schrecklichen Erlebnissen, die er sieht und hört, abzufinden."

Das Argument war schlüssig. Severus wusste ja selbst, wie belastend so etwas sein konnte.

„Ich blase es schon ab, wenn es zuviel wird.", versprach Remus. „Ach, bevor ich es vergesse, ich habe Sirius ein Magazin über Rennbesen gebracht. Ich dachte, das heitert ihn vielleicht ein bißchen auf."

„Bloß nicht zu sehr.", gab Severus zurück. „Wir wissen ja mittlerweile, was sein Euphorie anrichten kann."

Remus lächelte etwas kopfschüttelnd und verabschiedete sich dann, da er sich noch immer etwas schonte. Auch Severus konnte sich ein Lächeln nun nicht verkneifen, als er über seine Ausdrucksweise Sirius betreffend nachdachte. Dieser war zwar der Erwachsene und Harry das Kind, doch gelegentlich hatte Severus das starke Gefühl, er hätte es mit zwei Kindern zu tun, zwei äußerst anstrengenden Kindern.

Das Hogsmeadewochenende kam und ging, es verhielt sich wie immer und Severus wollte schon seinen Start in eine schülerfreie Zeit genießen, als er wieder einmal erfreulichen Besuch bekam.

„Lucius!"

Severus versuchte das Genervte in seiner Stimme durch einen Ausdruck von Überraschung zu ersetzen, als er im dunklen Kerkergang vor seinem Büro auf den ehemaligen Hauskameraden traf.

„Schön, dass du endlich kommst, Severus," gab Lucius von sich und überging Severus' Stimmlage, „ich muss dringend mit dir sprechen."

„Das dachte ich mir fast.", murmelte Severus beinahe unverständlich, öffnete seine Bürotür und ließ Lucius Malfoy ein.

Dieser ließ einen leicht abfälligen Blick durch den Raum schweifen und nahm dann unaufgefordert auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch platz.

„Nun, Lucius, was musst du denn so Dringendes mit mir besprechen?", fragte Severus, während er sich setzte.

„Es geht um die Untersuchung des schrecklichen Vorfalls an meinem Sohn.", erklärte Lucius Malfoy.

‚Ein gewisser Hang zur Dramatik scheint in der Familie zu liegen.'

„Dumbledore hat es zwar geschafft, dass die Schulbeiräte diesem Hagrid keine Schuld zuweisen, aber bei dem Hippogreif habe ich mich durchgesetzt."

Triumphierend sah er Severus an.

„Was heißt...?", fragte Severus und miemte den Gespannten.

„Was heißt, es wird eine Anhörung geben, in der über die Beseitigung eines solch gefährlichen Geschöpfes gesprochen wird.", antwortete Malfoy. „Und so wie ich das nach meiner offiziellen Beschwerde sehe, wird dieses Vieh nicht mehr lange zu leben haben."

„Erfreulich, dass du deine Interessen wieder einmal durchgesetzt hast, aber warum kommst du dann jetzt damit zu mir?"

„Nun, Hagrid wird angehört werden und vermutlich auch Dumbledore.", erklärte Malfoy. „Sie werden natürlich versuchen, das Ganze zu verharmlosen, deshalb sollst du als Hauslehrer und objektive Person auftreten und den Sachverhalt korrekt erklären."

Severus lächelte, lehnte sich zurück und sah Lucius Malfoy kalt an.

„Da hast du nun so eifrig darüber nachgedacht und dich doch verrechnet.", gab er zurück. „Ich habe keinerlei Berechtigung dort aufzutreten. Ich war beim fraglichen Geschehen nicht dabei und kenne die Versionen nur vom Hörensagen. Zweitens stehe ich, im Gegensatz zum Direktor, in keinem Verhältnis zu Hagrid, das mir eine Prozessaussage erlauben würde und drittens dürfte es auch für die Schulbeiräte nicht schwer sein, die Hintergründe zu durchschauen, wenn du mich als Zeugen ankündigst: ehemaliger Schulkamerad des Vaters und Hauslehrer des Sohnes, ob der wohl parteiisch aussagt?"

„Du verweigerst mir also deine Hilfe?"

Mit gereiztem Blick lehnte Malfoy sich nach vorne.

„Aber keineswegs, Lucius!", antwortete Severus ruhig. „Ich habe dir nur, wie du wünschtest, objektive Fakten auf den Tisch gelegt. Natürlich kannst du beim Ausschuss trotzdem auf meine Ladung bestehen. Wenn ich es offiziell schwarz auf weiß vor mir liegen habe, werde ich mich hüten zu solch einem Termin nicht zu erscheinen."

Lucius Malfoy setzte sich auf und Severus konnte sehen, wie der blonde Ex-Slytherin sich zu beruhigen versuchte.

„Gut.", sagte er schließlich gezwungen ruhig. „Ich nehme dich beim Wort."

Damit verließ er das Büro.

„Auch dir noch einen schönen Abend!", bemerkte Severus, wobei er eigentlich nur noch mit der Tür sprach, die hinter Malfoy Senior ins Schloss gefallen war.

Mit leichtem Kopfschütteln verließ Severus sein Büro und ging in seine Wohnung. Er machte sich keinerlei Sorgen wegen dieser Sache. Das Verlangen Malfoys Severus zu laden würde sofort abgelehnt werden, da die parteiische Aussage zugunsten der Malfoys zu offensichtlich war. Severus beschloss, sich darum keine weiteren Gedanken zu machen. Er hatte so schon genug im Kopf.

Wie diese Gedanken aussahen, zeigte sich kurz vor Weihnachten. Severus hatte wieder einmal seit langer Zeit soviel Freiraum, dass er sich bei Sirius blicken lassen konnte. Dieser sprang auch gleich auf, als Severus zur Tür reintrat.

„Severus! Gott sei Dank! Du musst mir helfen!"

Severus blieb wie vom Donner gerührt stehen.

„Was hast du angestellt?", fragte er reflexartig.

„Nichts!", wehrte sich Sirius. „Eigentlich..."

„Und uneigentlich?"

„Ich habe einen Feuerblitz bestellt."

„Einen was?"

Irritiert sah Severus den Kameraden an.

„Einen Feuerblitz.", wiederholte Sirius. „Einen Rennbesen, für Harry."

„Wie, zur Hölle, hast du das denn gemacht?"

Severus fühlte sich einem Wutanfall schon wieder sehr nahe.

„Remus hatte mir doch dieses Magazin mitgebracht.", erklärte Sirius. „Da war hinten ein Bestellschein dran und so hab ich den Besen bestellt."

„Ach, und auf den Bestellschein hast du wahrscheinlich ‚für Harry Potter von Sirius Black' draufgeschrieben!"

„Natürlich nicht! Ich hab das Ding auf deinen Namen bestellt."

„Du hast was?"

Nun überschlug sich Severus' Stimme beinahe.

„Bist du endgültig verrückt geworden?"

„Mach dir keine Sorgen.", versuchte Sirius ihn zu beruhigen. „Du musst ihn nur noch abholen, bezahlt ist er schon."

„Ach, und wie?", fragte Severus, während er sich ansatzweise zu beruhigen versuchte.

„Nun ja, ich hab noch ein bißchen Geld in einem kleinen Versteck gehabt... keine Sorge, das Geld ist vollkommen rechtmäßig! Sollte was für schlechte Zeiten sein. Ich hab es mitten in der Nacht bei dem Laden in Hogsmeade eingeworfen mit der Notiz, offiziell von dir, du hättest es nicht vor Ladenschluss geschafft. Du musst ihn wirklich nur noch abholen, ihn aufbewahren und ihn Harry zu Weihnachten irgendwie zukommen lassen."

Mit einem Seufzen ließ sich Severus auf einen Sessel sinken.

„Sirius, warum machst du sowas immer wieder?", fragte er dann fast ein bißchen verzweifelt.

„Diesmal ist es wirklich eine Ausnahme.", schwor Sirius. „Ich hab nach deiner Standpauke wirklich nachgedacht und eingesehen, dass das wirklich nicht richtig von mir war. Dieser Besen ist nur so eine Art Schadenswiedergutmachung. Erstens hat Harry ja sowieso fast 13 Jahre nichts von mir gehabt und zweitens ist es ja nur meine Schuld, dass sein Besen Totalschaden erlitten hat. Bitte, Severus, tu es dieses eine Mal für mich!"

Die Begründung war schlüssig und bevor sich Sirius noch dazu hinreißen ließ, auf den Knien vor ihm rumzurutschen, nickte Severus, bevor er sich der direkt folgenden, stürmischen Dankesumarmung erwehren musste.

„Schon gut!", murrte Severus, während er den anderen abwehrte. „Aber das bleibt wirklich ein Ausnahme."

„Natürlich! Danke!"

Bevor Sirius in einen weiteren Anfall von Dankesbekundungen verfallen konnte, hatte Severus schnellstmöglich das Weite gesucht. Er freute sich ja, wenn mal nicht von vornherein abgelehnt wurde, aber das war dann doch zuviel des Guten.