Kinder, Katzen, Kriminelle
(Kapitel 70)
Der Feuerblitz und das Konfiszieren dessen blieben bis ins nächste Jahr hinein ein wichtiges Thema unter den Schülern. Die Slytherins freuten sich diebisch, wie sie es immer taten, wenn den Gryffindors etwas Unschönes passierte, und McGonagall war noch gereizter, als sie es in letzter Zeit sowieso war.
‚Kein Wunder!', dachte Severus. ‚Bei der Belagerung, die Oliver Wood und seine Bande halten, wäre ich auch schon ausgerastet.'
Doch dies war ein Problem, welches Severus eigentlich nicht mal zweitrangig interessierte. Seine Sorge konzentrierte sich mehr darauf, dass Remus im Januar begonnen hatte, Harry Potter den Patronus-Zauber zu lehren, wovon Severus immer noch nicht sonderlich begeistert war.
Sicherlich beherrschte auch er den Patronus-Zauber und für Leute, die Dementoren näher ausgesetzt waren, war es sicher auch praktisch wenn nicht sogar von Nöten, aber Harry Potter war ein 13-jähriger Junge, der in soweit vermutlich noch gar nicht belastbar war.
Remus hielt sich Severus gegenüber, was dieses Thema betraf bedeckt, sodass dieser schließlich nur eine Lösung sah, die darin bestand, Remus aufzusuchen. Mit dem Wolfsbanntrank bewaffnet klopfte Severus also bei dem Kollegen an der Bürotür.
„Herein!"
Severus trat ein und verschloss die Tür umsichtig, bevor er sich dem am Schreibtisch sitzenden Remus zuwandte.
„Severus!", erkannte dieser überrascht. „Du hättest mir den Trank doch nicht bringen müssen, ich komme ihn mir doch sonst auch immer selber holen."
„Und schaffst es dabei konsequent, mir auszuweichen.", kommentierte Severus und stellte den Becher mit dem Trank auf dem Tisch ab.
„Was meinst du bitte?"
„Ich spreche von deinem kleinen Patronus-Exkurs."
Mit verschränkten Armen stand Severus vor dem Schreibtisch und sah auf einen etwas drucksenden Remus herab.
„Nun, Harry schlägt sich gut.", antwortete Remus schließlich.
„Und was genau darf man darunter verstehen?"
„Der Patronus ist zwar noch verschwommen, aber für einen Zauberer seines Alters hat er bemerkenswert schnell gelernt."
„Remus, ich bitte dich!", unterbrach Severus ihn lauter und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. „Du hörst dich an, als würdest irgendeinen lustigen Zauberspruch an einem kleinen Pelztier ausprobieren! Du zwingst einen ohnehin schon gefühlsangegriffenen Jungen dazu, immer und immer wieder die Todesschreie seiner Eltern zu hören. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst; ich kann es und es ist ein sehr unschönes Gefühl!"
„Ich weiß, Severus!", polterte nun auch Remus, als er plötzlich von seinem Stuhl aufsprang. „Ich habe Harry schon öfter angeboten, damit aufzuhören, aber genau weil er die Stimmen von James und Lily immer wieder hören muss, will er lernen sich dagegen zu wehren. Wofür hältst du mich eigentlich? Ich will ihn nicht quälen, ich will ihm helfen!"
Severus stützte sich mit einer Hand gegen die Wand, sah auf den Boden und gab Remus mit der anderen Hand einen beschwichtigenden Wink.
„Tut mir leid, Remus.", gab er dann leise zu. „Das ist mir doch alles klar. Ich habe ja auch keine bessere Idee und seit der Geschichte mit dem Feuerblitz weiß ich sowieso kaum noch, was richtig oder falsch ist."
„Sag mal,..."
Remus trat um den Schreibtisch herum auf Severus zu.
„...hat Sirius wirklich etwas mit dem Feuerblitz zu tun?"
„Wer sonst?"
Severus warf ihm einen genervten Blick zu.
„Er hat auf meinen Namen dieses Teil mit einem Bestellschein bestellt, der als Anhang in einem Rennbesen-Magazin von dir war, und ich durfte mich um die ganze Organisation dann kümmern. Wenn das irgendwann bei den Schülern die Runde macht, gerate ich ziemlich in Erklärungsnot."
„Harry interessiert sich in letzter Zeit sehr für ihn."
„Den Feuerblitz?"
„Nein, Sirius."
Entgeistert sah Severus Remus an.
„Er hat mich neulich gefragt, ob ich Sirius näher gekannt habe.", erklärte Remus.
„Warum?", fragte Severus. „Ich meine, wie kommt er darauf?"
„Naja, das hat sich ein bißchen unglücklich verkettet.", gestand Remus auf seinem Rückweg hinter den Schreibtisch. „Ich habe Harry in einem sentimentalen Moment erzählt, dass ich James kannte."
„Ja, und?"
„Da meinte er nach ein paar weiteren Übungsversuchen, dass ich ja dann auch Sirius kennen müsste, da James und Sirius befreundet waren."
Nachdenklich legte Severus einen Finger auf die Lippen.
„Aber ich habe ihm abgeklärt gesagt, dass ich ihn wohl nur zu kennen glaubte.", versicherte Remus. „Ich habe ihn erstmal in dem Glaube gelassen, dass Sirius zu Recht gesucht würde."
Als Severus weiter nur nachdenklich ins Leere sah, fragte Remus unsicher:
„Hätte ich ihm die Wahrheit sagen sollen?"
„Nein, nein.", antwortete Severus kopfschüttelnd. „Das ist es nicht, was mich beuruhigt. Aber woher kann Harry von James' und Sirius' Freundschaft wissen? Du hast es ihm nicht erzählt, ich erst recht nicht und die übrigen Kollegen, die davon wissen, vermeiden den Namen Sirius Black doch, wo sie nur können. Woher also?"
„Vielleicht aus Hogsmeade.", vermutete Remus. „Die Leute dort haben doch eine leichter zu lockernde Zunge, wenn du bohrend genug nachfragst."
„Hogsmeade?"
Erneut sah Severus seinen Kameraden verwirrt an.
„Harry hat keine unterschriebene Erlaubnis, er darf gar nicht nach Hogsmeade."
„Ich weiß, aber ich vermute, er war irgendwie trotzdem da. Ich habe ihm neulich mal Butterbier angeboten, was er ja gar nicht kennen dürfte, doch er kannte es und als ich misstrauisch nachfragte, wurde er nervös und sagte, Ron Weasley und Hermine Granger hätten ihm was mitgebracht."
„Nicht das auch noch!", stöhnte Severus gequält. „Sirius und der Junge sind aber auch zu ähnlich: Beide schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe!"
Remus grinste.
„Nun, ich bin mir sicher, du wirst einen Überwachungsweg finden als Schreck aller Schüler."
„Auch für diesen Titel muss man arbeiten.", gab Severus mit ironischem Unterton zurück. „Pass du mir lieber auf deinen Zusatzschüler auf!"
„Keine Sorge, mach ich schon."
Mit einem Kopfschütteln und leicht verdrehten Augen verließ Severus das Büro wieder.
Gerade als Severus um die letzte Ecke zur Kerkertreppe biegen wollte, wuselte irgendetwas Kleines zwischen seinen Beinen hindurch, gefolgt von dem rostroten Kater, der Hermine Granger gehörte und Severus durch einen Stoß gegen ein Bein fast zu Fall brachte. Im letzten Moment konnte Severus sich fangen und bekam im gleichen Augenblick noch seine Hausgenossin Ami zu fassen, die dem Kater auf dem Fuß folgte.
„Ami!", fluchte Severus leise. „Du sollst nicht irgendwelche Kleintiere jagen, die vermutlich Schülern gehören, und falls dir noch keiner das Paarungsverhalten erklärt hat: Normalerweise stellt da der Kater der Katze nach und nicht umgekehrt."
Um weitere Jagdzwischenfälle mit unabsehbaren Folgen zu vermeiden, sperrte Severus zunächst Ami in seine Wohnung und machte sich dann vorsichtig auf den Weg zu Sirius.
Schon als Severus die Hütte durch den Geheimgang betrat, hörte er von oben unheimliches Poltern und Sirius' aufgebrachte Stimme. Erschrocken über diese unerwartete Situation nahm Severus etwa drei Stufen mit einem Schritt und war so mit ein paar Schritten oben, doch als er vor der Tür zu Sirius kleinem ‚Wohnraum' stand, wurde die Tür von innen aufgerissen und Sirius rannte frontal in Severus hinein. Reflexartig griff dieser nach dem Treppengeländer, was Gott sei Dank noch nicht zu marode war, und konnte sich so vor einem Treppensturz bewahren.
„Sirius, zum Henker nochmal, was ist denn los?"
„Wo ist er?", schrie Sirius aufgebracht und sah sich hektisch um.
„Wo ist wer?", fragte Severus verständnislos und auch schon leicht ärgerlich.
„Peter!", schrie Sirius weiter. „Peter war gerade hier! Er war hier im Zimmer! Verdammt jetzt muss er mir entkommen sein!"
Severus packte den Ex-Häftling fest an den Schultern, zum einen um ihn am Weglaufen zu hindern, zum anderen weil er ihm in diesem anscheinend völlig labilen Zustand schon Angst machte.
„Sirius!", rief Severus, während er ihn leicht schüttelte, um ihn in die Realität zurückzuholen. „Sirius, ich glaube, du hast Halluzinationen! Ich bin dir entgegengekommen, du bist in mich reingerannt. Wäre Peter hier und wäre er genau durch diese Tür geflohen, hätte er mir auch begegnen müssen, ist er aber nicht."
„Vielleicht ist er einfach unter dir durchgewuselt, aber er war hier!"
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Sirius den Treppengang hinter Severus hinunter.
„Komm mit, wir müssen ihn suchen!"
„Nein, Sirius!"
Nun packte Severus ihn bestimmt bei den Schultern und schob Sirius trotz dessen Gegenwehr in den Raum zurück, wo er ihn auf einen Stuhl drückte.
„Sirius, ich weiß, dass Askaban sehr schrecklich für dich war und ich verstehe, dass du dich an Peter rächen willst, aber akzeptiere bitte endlich: Peter Pettigrew ist tot. Wir beide waren dabei. Du wirst da draußen gesucht, das Ministerium hat den Dementoren die Erlaubnis erteilt, dir sofort die Seele zu rauben, wenn sie dich kriegen. Da draußen können weder Remus noch ich dich schützen und deshalb wirst du hier drin bleiben."
„Aber ich muss doch..."
„Kein ‚aber', Sirius! Entweder du bleibst freiwillig hier und denkst über das nach, was ich gesagt habe, oder ich muss dich mit einem Zauber hier festhalten, was auch für mich weniger angenehm wäre."
„Schon gut!", murrte Sirius. „Jetzt ist er wahrscheinlich sowieso schon über alle Berge. Aber wir müssen über den Plan reden, wie wir ihn fassen."
„Nein, Sirius, ich werde jetzt nicht mit dir über solch einen Schwachsinn diskutieren!"
Severus wandte sich zum Gehen.
„Ach ja, hier."
Er zog seinen Zauberstab und ließ etwas zu Essen für Sirius auf dem kleinen Tisch erscheinen.
„Und krieg' dich bitte wieder ein."
Auch an den Tagen darauf drehten sich Severus' Gedanken um Sirius und dessen wirklich verrücktes Verhalten. Er schien von dem Glauben, dass Peter Pettigrew lebte, geradezu besessen und ließ gar kein Gegenargument zu.
Abgelenkt durch die Grübeleien darüber, was sie jetzt am Besten mit Sirius machen sollten und wie sein Zustand einzuordnen war, bekam Severus auch nur am Rande mit, dass die Kollegen Harry Potter den Feuerblitz wieder ausgehändigt hatten und die Gryffindors schon im Vorraus einen Sieg über Ravenclaw feierten.
Auch den Tag des Quidditch-Spiels verbrachte Severus in seinem Büro und brütete über diesem Problem, bis er zu dem Schluss kam, dass Sirius vielleicht nur einen Anfall von Wahnvorstellungen auf Grund seiner räumlichen Beschränkung erlitten hatte und sich wahrscheinlich wieder fangen würde.
Gerade als er sich mit diesem Gedanken angefreundet hatte, hämmerte jemand an seine Bürotür und einen Sekundenbruchteil später riss Prof. McGonagall die Tür auf und stürmte auf ihn zu.
„Severus, das ist ein Skandal!", wetterte sie. „Das ist schon keine Sabotage mehr, was schlimm genug wäre, das ist ein gemeingefährlicher Eingriff!"
„Minerva, hätten Sie die Güte, mir zu sagen, wovon Sie eigentlich reden?", fragte Severus, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.
„Ihre Schüler Malfoy, Crabbe, Goyle und Flint sind als Dementoren verkleidet auf dem Quidditch-Feld erschienen, um den Sucher der Gryffindors zu schädigen!"
‚Aua!', dachte Severus, jedoch ohne eine Miene zu verziehen. ‚Wirklich nicht gerade die feine englische Art.'
„Und?", fragte er jedoch. „Was ist geschehen?"
„Nun, Harry Potter hat ihnen einen, wo auch immer erlernten, Patronus-Zauber aufgehetzt und im Moment ist Madam Pomfrey damit beschäftigt, die Vier wieder voneinander zu lösen.", antwortete McGonagall, wobei Severus etwas Stolz zu hören glaubte.
„Wir haben also Angriff und Gegenangriff, ich denke, die Sache hat sich selbst erledigt.", kommentierte Severus seelenruhig.
„Oh nein, Severus, so leicht ist das nicht!", fuhr ihn McGonagall nun wieder ärgerlich an. „Diesen Vorfall werde ich dem Direktor melden, darüber werden wir noch reden, verlassen Sie sich darauf!"
„Gern.", antwortete Severus mit einer leichten Verneigung, die aber nur noch von der zuschlagenden Tür beantwortet wurde.
Mit schadenfrohem Lächeln lehnte er sich an seinen Schreibtisch. Diese Rededuelle mit McGonagall hatten doch immer etwas für sich. Severus wusste nicht, warum, aber er genoss diese Art Auseinandersetzung mit der Kollegin.
Den ganzen Tag über war kaum zu überhören, dass Gryffindor sein Spiel gewonnen hatte. Selbst Severus unten im Kerker schaffte es erst etwa um 1.00 Uhr einzuschlafen, da McGonagall dann endlich ihre Meute ins Bett schickte und kein Portraiteingang mehr zuschlug oder Dinge auf dem Gang explodierten.
Er wusste nicht, ob er 5 Minuten oder eine Stunde geschlafen hatte, als Poltern an seiner Wohnungstür ihn aus dem Schlaf riss. Verschlafen ging Severus zur Tür, vor welcher er Filch vorfand.
„Professor Snape!", keuchte dieser. „Professor McGonagall schickt mich. Alle Lehrer sollen sich sofort auf die Suche begeben. Sirius Black hat versucht, einen Schüler mit einem Messer anzufallen."
Mit einem Schlag war Severus hellwach.
„Ich komme sofort."
Damit schloss er die Tür, kleidete sich mit einem Zauberspruch an und durchkämpte das Schloss. Bei diesem Streifzug stieß er schließlich auf McGonagall.
„Minerva, was zur Hölle ist passiert?"
„Es ist furchtbar, Severus!"
McGonagall war mit den Nerven augenscheinlich ziemlich am Ende.
„Wir können im Prinzip froh sein, dass nichts weiter passiert ist. Black ist in den Gryffindorturm eingebrochen. Wahrscheinlich wollte er Harry Potter etwas antun, hat sich aber geirrt und ist am Bett von Ron Weasley aufgetaucht. Als der anfing zu schreien, hat Black die Flucht ergriffen."
„Aber wie konnte Black denn in den Turm gelangen, ohne Passwort und mit Sir Cadogan?"
McGonagalls Blick wechselte von Verzweiflung in Wut über.
„Longbottom!", fluchte sie. „Dieser unsägliche Dummkopf hat alle Passwörter aufgeschrieben! Black muss die Liste gestohlen haben und hat sich so problemlos Zutritt verschafft!"
„Ist ja auch egal," wechselte Severus das Thema, „wir müssen ihn finden. Ich sehe mich mal im Gang bei der einäugigen Hexe um."
„Tun Sie das. Ich schaue mal, ob die Kollegen etwas gefunden haben."
Kaum war McGonagall außer Reichweite lehnte sich Severus rücklings an die Wand.
‚Ich verstehe die Welt nicht mehr! Was will Sirius mit einem Messer im Gryffindor-Schlafsaal? Dreht er jetzt vielleicht doch völlig durch?'
