Eine Katastrophe kommt selten allein

(Kapitel 73)

Am selben Abend, an dem Severus Harry die Karte des Rumtreibers abgenommen hatte, machte er seinen üblichen Streifzug ausnahmsweise draußen. Er brauchte frische Luft, denn zufrieden mit dem Ergebnis der letzten Unterhaltung mit Harry, seinem Weasley-Freund und Remus konnte Severus sich nicht nennen. Zwar war er niemand, der sich blind von Gefühlen und Ahnungen leiten ließ, aber trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, dass Remus etwas nicht in Severus' Sinne liegende getan hatte.

Er ist noch nicht lange genug hier.', dachte Severus in seiner üblichen ironischen Stimmung. ‚Er glaubt immer noch an die Belehrbarkeit der Schüler.'

Es war sehr still, als Severus von der Grenze des verbotenen Waldes wieder den Weg zum Schloss einschlug, sodass er zusammenfuhr, als plötzlich ein undefinierbares Geräusch aus Hagrids Hütte drang. Um der Sache, seiner Natur entsprechend, auf den Grund zu gehen, klopfte Severus an und stellte dabei fest, dass die Tür nur angelehnt gewesen war.

Hagrid saß, den Kopf in die Hände gelegt, am Tisch und schniefte bitterlich, womit sich das Geräusch erklärte. Hätte Hagrids Saurüde Fang nicht bei Severus' Eintreten leicht zu knurren angefangen, hätte er sich wahrscheinlich von Hagrid unbemerkt wieder gehen können.

Oh,... Professor...", schniefte Hagrid, als er ihn sah. „Hab Sie... hab Sie gar nicht gehört."

Das Herunterschlucken seiner Tränen machte es dem Wildhüter kaum möglich zu sprechen und Severus musste sich eingestehen, dass ihm seine Anwesenheit hier ausgesprochen widerstrebte.

Ich habe nur gerade draußen meinen Rundgang gemacht.", erklärte er dann ohne jede äußerliche Rührung. „Als ich hier ungewöhnliche Geräusche hörte, wollte ich nur nach dem Rechten sehen, das ist alles."

Während seiner Rechtfertigung und entgegen seines Gefühls war Severus näher an den Tisch getreten, worauf ihm ein recht offiziell aussehender Brief ins Auge fiel. Hagrid schnäutzte in sein riesiges Taschentuch und versuchte sich dann irgendwie rauszureden, doch Severus hörte ihm kaum zu, sondern war damit beschäftigt, das Schreiben über Kopf zu überfliegen. Schnell war ihm klar, warum Hagrid völlig aus der Fassung war: Es war die schriftliche Begründung des Todesurteils am Hippogreif Seidenschnabel. Severus nickte nur kurz zu dem, was auch immer Hagrid gesagt haben mochte, verabschiedete sich und verließ die Hütte des Wildhüters.

Auf seinem weiteren Rückweg zum Schloss überlegte Severus, ob seine damalige Entscheidung, eine Aussage in diesem Prozess Lucius Malfoy gegenüber abzulehnen, richtig gewesen war.

Aber was hätte ich schon tun können?', wies er sich selber zurecht. ‚Es war ja die Wahrheit, dass ich den Vorfall nur vom Hörensagen her kenne, ich hätte für Hagrid also nichts tun können. Außerdem: Wenn ich pro Hagrid ausgesagt hätte, hätte Lucius beantragt, seinen Sohn zu hören und ich sollte wohl am Besten wissen, wie gut der das leidende Opfer spielen kann.'

Bedrückt erinnerte er sich an seine eigenen Ausführungen damals in der Lehrerkonferenz. Er hatte Hagrid den Vorwurf von Unachtsamkeit gemacht und im Prinzip die Auffassung des Urteils gestützt.

Wenn ich gewusst hätte, wie das ausgeht!'

Doch dass man auf die Vergangenheit keinen Einfluss mehr hatte, wusste Severus aus seinem Leben nur allzu gut.

Über die Osterferien passierte nichts weiter, nur dass Severus zufällig herausfand, wer Hagrid bei der Verteidigung seines Hippogreifs geholfen hatte, denn als er mit einem Buch über Vorgängerversuche des Wolfsbanntranks aus der verbotenen Abteilung kam, entdeckte er Ron Weasley, der untypisch für ihn über riesigen Wälzern brütete. Absichtlich ging Severus nah an ihm vorbei, las die Titel ‚Handbuch der Hippogreif-Psychologie' und ‚Tollheit oder Tollwut? Die Übergriffe von Hippogreifen' und hörte den Schüler immer wieder murmeln:

Ich muss das schaffen... Hermine hat's ja auch geschafft... ich kann das..."

Mit der Unterstützung von diesen Dreien, wie Severus vermutete, hatte Hagrid in dem offenbar angestrebten Berufungsverfahren gute Chancen, sodass Severus dieses Problem abhakte.

Außerdem konnte man in dieser und der folgenden Zeit sowieso nicht durch die Schule gehen, ohn auf DAS Thema zu treffen: Die Quidditchbegegnung Gryffindor-Slytherin stand an und als ob das die Stimmung nicht schon genug aufheizen würde, ging es diesmal in dieser ‚Schlacht' auch noch um den Quidditch-Pokal. Das letzte Mal, als Gryffindor den Pokal gewonnen hatte, war Charlie Weasley noch auf der Schule gewesen und das war schon eine ziemliche Weile her. Hinzu kam noch die Feindschaft der beiden Sucher Harry Potter und Draco Malfoy, die dem Ganzen noch einmal den Touch von Krieg gab.

An Unterricht war an den Tagen vorher kaum zu denken, obwohl Severus seine Klassen im Rahmen des möglichen zur Aufmerksamkeit zwang. Am Tag des Spieles selber verließ Severus das Schloss als letzter, denn die Schüler waren so dermaßen aufgedreht, dass sie sogar ihn über den Haufen gerannt hätten. In Anbetracht der Möglichkeit, dass seine Hausmannschaft heute den Pokal gewinnen könnte, hatte Severus seine übliche schwarze Kleidung gegen slytherin(dunkel-)grüne ausgewechelt und setzte sich, wie es die Repräsentation verlangte, in die erste Reihe des Slytherinblocks.

Obwohl sich Severus vorher seine Gedanken über das Spiel gemacht hatte, gab es Momente, in denen auch er ernsthaft schlucken musste. Das war kein Sport mehr, es war eine absolute Schlacht und das galt auf beiden Seiten. Dass seine Slytherins ziemlich rabiat spielen konnten und würden, wusste er, aber die Gryffindors, besonders die Weasley-Zwillinge als Treiber, schenkten sich in puncto Brutalität diesmal nichts im Vergleich zu ihren Gegnern. Dabei wurden sogar die ‚leicht' parteiischen Kommentare von Lee Jordan großenteils gar nicht richtig wahrgenommen.

Die Krönung war dann ein Foul Malfoys, der sich an Harrys Besen hängte, als dieser versuchte, den Schnatz zu fangen. Madam Hooch gab wild gestikulierend Strafstoß und Severus nahm in der Menge gegenüber nur wahr, dass McGonagall außer sich war vor Wut und ungehalten in Richtung Malfoy schimpfte. Deshalb war Severus schon fast ein bißchen froh, als das Spiel bei der nächsten Aktion mit dem Schnatzfang beendet wurde.

Das Positive war, dass dieses grauenhafte Spiel endlich vorbei war, das Negative: Gryffindor hatte gewonnen, das Spiel und den Pokal. Noch vor der Siegerehrung schlich sich Severus zurück zum Schloss.

Dieser Tag kann nicht mehr schlimmer werden.'

Gerade als er am Schlosstor ankam, hörte er hinter sich jemanden prusten. Severus drehte sich um und sah Remus, der ihm völlig außer Atem nachkam.

Was gibt's?", fragte Severus ein wenig genervt, obwohl er wusste, dass Remus wohl kaum Auslöser für seine schlechte Laune war.

Doch sein Kamerad und Kollege antwortete erst, als er dicht bei ihm war.

Ich war heute Morgen noch schnell bei Sirius.", flüsterte er atemlos. „Severus, er dreht, glaube ich, durch. Er hat mir gesagt, sein Informant habe ihm gestern Nacht bestätigt, dass sich Peter in Hogwarts aufhält, dem Informanten aber entkommen wäre."

Was?", fragte Severus ungläubig dessen, was er gehört hatte, nach. „Was denn für ein Informant? Außer uns weiß doch, hoffe ich, niemand, dass er hier ist."

Ich habe ja auch keine Ahnung.", antwortete Remus. „Aber er war völlig besessen von dieser Behauptung. Mich beunruhigt, dass er anscheinend schon wieder draußen war. In der Hütte kann er ja rumspinnen, soviel er will."

Er soll überhaupt nicht rumspinnen!", zischte Severus gereizt. „Er ist doch nicht aus Askaban geflohen, um jetzt hier wahnsinnig zu werden."

Ja, du hast ja Recht!", lenkte Remus ein. „Aber was machen wir jetzt?"

Einen Plan entwickeln, das mache ich jetzt.", antwortete Severus und fügte an, als Remus ihm folgen wollte: „Allein."

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‚Plan!', dachte Severus. ‚Würde mich interessieren, was ich mir darunter vorgestellt habe.'

Während er diese ganzen Erlebnisse in seinen Gedanken durchspielte, überlegte er immer wieder, ob er damals irgendwann hätte anders reagieren sollen.

‚Sollen schon,' dachte er, ‚nur können nicht.'

Wie die Ironie des Schicksals es wollte, stellte er fest, dass er bislang keinen Augenblick gefunden hatte, in dem er auch damals nachvollziehbar anders hätte reagieren können.

‚Das dramatische Prinzip.'

Severus lehnte den Kopf an die kalte Mauer.

‚Einmal in Gang gesetzt, nimmt das Unheil seinen Lauf.'

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Seinen Plan, Sirius betreffend, hatte Severus verschieben müssen, denn zuerst einmal standen nun die Prüfungen an, die Vorbereitung bedurften. Die älteren Schülern galt es mit den ZAGs und den Prüfungen zum UTZ ins Schwitzen zu bringen, doch auch die unteren Klassen sollten eine Auslese erleben.

Severus wusste zwar, dass seine Quote von Bestandenen (wie jedes Jahr) auch diesmal wieder in einem Gespräch seinen Hausvorstandskollegen und Dumbledore nach oben korrigiert werden würde, doch er versuchte es jedes Jahr aufs Neue.

Gerade der dritte Jahrgang, so hatte Severus es sich vorgenommen, sollte diesmal einen Brocken zu schlucken kriegen, denn gerade hier waren ihm nach dem Quidditch-Spiel viele mit ihrer Feierlaune auf die Nerven gegangen. Als Aufgabe hatte er die Herstellung eines Verwirrungs-Elixiers ausgewählt, eine der schwersten für diese Jahrgangsstufe.

Bei Leuten wie Hermine Granger war in puncto durchfallen nichts zu holen, doch der Rest, zu dem auch Harry gehörte, hatte mehr als nur arge Schwierigkeiten. Harry schaffte es nicht, sein Elixier einzudicken und Severus notierte mit einem leichten Anfall von heimtückischer Freude eine Sechs. Doch die Gefahr, dass Harry die Klasse nicht bestehen konnte, bestand Severus Einschätzung zufolge nicht.

Verwandlungen, Zauberkunst und Pflege magischer Geschöpfe hatte er schon bestanden und die noch folgenden Fächer würden keine Probleme bereiten. Astronomie und Kräuterkunde waren eigentlich recht beliebt, in Geschichte der Zauberei schrieb man sowieso vom vorbereiteten Zettel ab und Remus würde Harry in Verteidigung gegen die dunklen Künste nie durchfallen lassen. Diese eine Sechs würde dem Jungen also nicht das Genick brechen.

Am Donnerstagnachmittag, als Severus gerade die Prüfung für den fünften Jahrgang vorbereitete, bemerkte er, dass ihm ein Elixier zur Erzeugung von Nebel fehlte. Er stellte es zur Verwirrung immer dazu, was oft amüsante Wirkung hatte. Nach kurzer Überlegung fiel ihm ein, dass er Prof. Trelawney die letzte Flasche gegeben hatte, die sie ihm eigentlich längst hatte zruückbringen wollen.

Sie hätte mir ja sagen können, dass sie voraussieht, dass sie es nicht tun wird!", grummelte Severus wütend über diesen unnötigen Stress vor sich hin.

An der Turmkammer der Wahrsagelehrerin angekommen, war kein Schüler mehr zu sehen und in der Annahme, die Prüfung sei vorbei, trat Severus an die Leiter, um in den Unterrichtsraum Sybill Trelawneys hochzusteigen. Doch auf der zweiten Stufe erstarrte er, als er eine rüde Stimme hörte.

Der Schwarze Lord ist einsam, von Freunden und Anhängern verlassen. Sein Knecht lag zwölf Jahre lang in Ketten. Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wird der Knecht die Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister machen. Mit seiner Hilfe wird der Schwarze Lord erneut die Macht ergreifen und schrecklicher herrschen denn je. Heute Nacht... vor der zwölften Stunde... wird der Knecht sich auf den Weg machen... zurück zu seinem Meister..."

Völlig perplex blieb Severus auf der Leiter stehen. Die Stimme war ihm unbekannt. Es konnte kein Schüler sein, aber wie Trelawney hatte es sich auch nicht angehört. Severus löste sich erst aus seiner Starre, als er Schritte hörte, die sich der Leiter von oben näherten. Schnell sprang er nach unten und verschwand hinter der Leiter.

Einen Moment später stieg Harry total gedankenversunken die Leiter hinab und verschwand die Wendeltreppe hinunter. Einen Augenblick sah Severus ihm nach.

Nein, Harrys Stimme war das auf keinen Fall.'

Das war ihm klar. Doch bevor er hier noch Wurzeln schlagen würde, besann sich Severus auf sein eigentliches Anliegen und stieg zu Prof. Trelawney hinauf. Der mit Räucherstäbchen angereicherte Nebel nahm ihm zwar fast den Atem, doch so sicheren Schrittes wie möglich trat er auf Sybill Trelawney zu und bat um das Elixier.

Ich hätte Ihnen sagen können, dass ich es nicht schaffen würde, Severus.", erklärte Trelawney, wenn sie auch etwas verwirrt wirkte. „Aber ich habe eine große und furchtbare Überraschung gesehen, auf die ich mich vorbereiten musste."

Ach ja?", fragte Severus eher uninteressiert, während er das Elixier in seinen Umhang steckte.

Ja.", antwortete Trelawney, ohne Severus Desinteresse zu bemerken. „Mr Potter. Soeben hat er mir unterstellt, ich hätte die Wiedergeburt von dem, dessen name nicht genannt werden darf, vorhergesagt. Mit so etwas spaßt man nicht."

Aber Sybill, Sie haben doch sicher öfter gehört, pardon, gesehen, dass Kinder sich gern Dinge ausdenken."

Da die Kollegin nicht sonderlich schlagfertig war, war Severus schon verschwunden, bevor sie etwas erwidern konnte. Doch die Worte kreisten noch bis zum Weg in den Kerker in seinem Kopf. Harry hatte mit Sicherheit nicht gesprochen. Vielleicht war es wirklich Trelawney gewesen.

Vielleicht hatte sie eine echte Vision und steht so unter Schock, dass sie sich nicht erinnern kann. Es soll ja solche Sachen geben.'

Nachdem Severus auch diese letzten Prüfungen abgenommen hatte, war er in sein privates Labor gegangen, um den angesetzten Wolfsbanntrank für Remus noch einmal zu überprüfen. Aus einem Gefühl heraus sah Severus irgendwann auf die Uhr. Die Sonne war schon untergegangen und Remus war noch nicht da gewesen, um seinen Trank abzuholen. Trotz des Risikos auf einen verwandelten Remus zu treffen, nahm sich Severus einen Becher des Trankes und ging mit schnellen Schritten zu Remus' Wohnung.

Als auf sein Klopfen niemand reagierte, schluckte Severus ob der Erwartung, was er drinnen vorfinden würde und öffnete mit einem verbotenen Zauber die Tür. Doch eingetreten, blieb Severus irritiert stehen. Es war weder ein Werwolf, noch ein Mensch hier, die Wohnung war leer.

Remus?", rief Severus, während er die Tür hinter sich schloss. „Bist du hier?"

In welcher Form auch immer?'

Als keinerlei Reaktion kam, ging Severus zum Schreibtisch, in der Hoffnung eine Notiz zu finden. Mit verdrehten Augen seufzte Severus, als er Remus' Chaotenwirtschaft sah. Gerade wollte er sich grob Platz verschaffen, als ihm ein Stück altes Pergament ins Auge fiel: die Karte des Rumtreibers. Sie war aktiviert.

Warum zum Teufel lässt Remus das Ding so liegen?', fluchte Severus gedanklich, schlug sie auf und erstarrte zu zweiten Mal an diesem Tag.

Wenn man das Pergament mit dem Fingernagel an der Seite auftrennte, konnte man zu einer Übersicht der Heulenden Hütte gelangen. Diese Ansicht lag jetzt vor Severus und zeigte ihm etliche Namen im gleichen Raum an: Sirius Black, Remus Lupin, Harry Potter, Ron Weasley, Hermine Granger und Peter Pettigrew. Obwohl Severus gerade im Hinblick auf den letzten Namen an einen Fehler der Karte glaubte, war ein Aufeinandertreffen der Üblichen schon schlimm genug.

Ich muss etwas tun!', schoss es Severus durch den Kopf.

Er hatte den Becher auf dem Tisch abgestellt und machte nun auf dem Absatz kehrt, um zur Heulenden Hütte zu laufen.

Was auch immer, aber irgendwas muss ich tun!'


Anmerkung von Tasha: Vielen Dank an alle, die so geduldig gewartet haben. Ich hoffe, es war für euch nicht umsonst. (Schreibt's mir einfach.)