Anmerkung von Tasha: Wir nähern uns dem großen Finale (des dritten Bandes)! Viel Spaß!
Alte Lügen überdauern Generationen
(Kapitel 74)
Ohne sich auf dem Weg einmal umzusehen oder darauf zu achten, wer ihn sah, hetzte Severus die Treppen hinunter und aus dem Schloss hinaus. Erst hier warf er einen Blick zurück, doch der Tageszeit entsprechend war niemand draußen, der ihn hätte fragen können, was er hier tat.
‚Das weiß ich ja nicht einmal selbst genau.', gestand sich Severus kopfschüttelnd ein, während er zur Peitschenden Weide hinüberlief.
Ein dünner Stock, mit dem man sie lähmen konnte, lag noch in der Nähe, was Severus anzeigte, das ihn vor kurzem noch jemand benutzt hatte. Hektisch griff Severus sich den Stock und traf die Weide beim zweiten Versuch so, dass sie still blieb.
‚Immer wenn man keine Zeit hat!', fluchte Severus über das leichte Zittern seiner Hände, als er mit einem Fuß in irgendetwas hängenblieb.
"Was zum..."
Doch ein gezielter Blick genügte, um Severus den silbergrauen Umhang als James' oder vielmehr jetzt Harrys Tarnumhang erkennen zu lassen.
‚Warum kann ich mich nicht wenigstens einmal irren?'
Doch die Frustration über die Bewahrheitung seiner Entdeckung half jetzt nicht weiter, also nahm Severus den Umhang an sich und stieg nach einem letzten Sicherungsblick in den Gang unter der Weide hinab.
Leicht gebeugt, da der Gang nicht sonderlich hoch war, legte Severus den Weg zu Sirius' Versteck zurück. Erst vor der Tür zur Hütte blieb er stehen und merkte, dass er relativ außer Atem war.
‚Einfach reinrennen, werter Severus,' wies er sich selber zurecht, ‚wäre das Dümmste, was du jetzt machen kannst. Situation prüfen, das ist die einzig logische Reaktionsmöglichkeit.'
Nach einem letzten tiefen Atemzug warf er sich den Tarnumhang um, öffnete die Tür und stieg leise die Treppe hinauf. Obwohl die Tür zu ‚Sirius' Zimmer' verschlossen war, konnte Severus die Stimmen seiner Kameraden und die zumindest durch die Höhe zu erkennende von Hermine Granger erkennen. Doch Genaues war von hier nicht zu verstehen, um die Situation einzuschätzen, musste Severus wohl oder übel hinein.
Mit einem Knarren öffnete er die Tür und obgleich er wusste, dass ihn keiner sehen konnte, verschwand er schnell aus dem Blickfeld der Anwesenden und stellte sich an eine Wand. Remus ging zur Tür und sah in den Flur.
"Keiner da...", bemerkte er, wobei Severus nicht sicher war, ob Remus oder Sirius wussten, dass er hier war.
"Hier spukt es!", rief Ron Weasley hysterisch.
"Keineswegs."
Remus schüttelte den Kopf.
"In der Heulenden Hütte hat es nie gespukt..."
Während Remus nun begann, den Kindern seine Geschichte zu erzählen, verschaffte sich Severus einen Überblick. Ron Weasley lag auf dem Bett, offenbar war sein Bein verletzt. Der Junge zitterte vor Panik und presste seine Hausratte an sich. Harry und Hermine Granger standen in seiner Nähe und hörten mit skeptischen bis entsetzten Blicken Remus' Geschichte zu. Remus selbst sah ernst und müde aus.
‚Logisch. Er ist hier zwar nicht dem Vollmond ausgesetzt, aber allein die Tatsache, dass Vollmond ist, schwächt ihn extrem.'
Sirius stand in einiger Entfernung neben Remus, doch Severus entging die Aufregung und Nervosität seitens des Ex-Häftlings nicht. Immer wieder sprang Sirius' Blick von Remus auf Ron Weasley, den er ansah, als wolle er ihn gleich anspringen und töten.
‚Erst attakiert er den Jungen im Schlafsaal, jetzt das, was hat er denn? Er kennt diesen Weasley-Jungen doch so gut wie gar nicht.'
"Ihr – ähm – habt sicher bemerkt, dass Professor Snape mich nicht leiden kann."
Als Remus seinen Namen nannte, wandte Severus seine Aufmerksamkeit wieder der Erzählung zu.
"Der Grund ist," fuhr Remus fort, "dass Sirius ihm einen Streich gespielt hat, der ihn fast das Leben gekostet hätte."
In diesem Moment fühlte sich Severus fast so, als hätte man die Zeit zurückgedreht. Es war wie damals, als sie alle vor Dumbledore saßen und er selbst die Geschichte mit dem Werwolf-Angriff als Erklärung aus dem Hut zauberte. Nur dass diesmal die Rollen umgekehrt verteilt waren, denn Sirius stieg in Remus' Geschichte ein:
"Geschah ihm recht! Hat rumgeschnüffelt und wollte rausfinden, was wir vorhatten... er wollte doch nur, dass wir von der Scule fliegen..."
"Snape war sehr erpicht darauf zu erfahren, wohin ich jeden Monat verschwand.", erklärte Remus, da Sirius immer noch einen leicht unberechenbaren Eindruck machte. "Wir waren im selben Jahrgang, wisst ihr, und wir – ähm – mochten uns nicht besonders."
‚Und hier beginnt sich die Wahrheit in Lüge umzuwandeln.', kommentierte Severus gedanklich, hörte aber weiter zu, um sich eine Reaktion zu überlegen.
"Vor allem gegen James hegte er eine Abneigung. Er war wohl neidisch, weil James im Quidditch so begabt war..."
Ein Blick von Severus auf Harry genügte, um zu wissen, dass er die Geschichte geschluckt hatte.
‚Schließlich wäre das für ihn wohl die beste Erklärung, warum ich mich ihm gegenüber widerlich verhalte.'
"Jedenfalls hatte Snape mich eines Abends, kurz vor Vollmond, mit Madam Pomfrey übers Gelände gehen sehen, die mich immer zur Peitschenden Weide führte.", kam Remus schließlich zum Punkt. "Sirius hielt es für eine – ähm – lustige Idee, Snape zu sagen, er müsse nur den Knoten an der Peitschenden Weide mit einem langen Stecken berühren und dann könne er mir folgen. Nun, natürlich hat Snape es probiert – und wenn er bis zu diesem Haus gekommen wäre, dann hätte er es mit einem ausgewachsenen Werwolf zu tun bekommen -, doch dein Vater, der hörte, was Sirius getan hatte, lief Snape hinterher und schleifte ihn zurück..."
‚Gott sei Dank!'
Dieses Stoßgebet war alles, was Severus jetzt durch den Kopf ging. Er hatte Remus nie davon erzählt, dass Harry von der angeblichen Rettung durch James wusste. Die ganze Geschichte wäre aufgeflogen, wenn Remus hier von der Ursprungslüge abgewichen wäre.
"Allerdings hat Snape noch einen Blick auf mich erhascht, wie ich am Ende des Tunnels verschwand.", brachte Remus die Geschichte zu Ende. "Dumbledore hat ihm verboten, es irgendjemandem zu sagen, doch von da an wusste er, dass ich..."
In diesem Moment wurde Remus von Hermine Granger unterbrochen und Severus' Gedanken rasten. Irgendetwas musste er jetzt unternehmen.
‚Am Besten wäre wohl, die Kinder zu betäuben, sie einer Erinnerungslöschung zu unterziehen und Sirius irgendwie hier wegzubringen.', überlegte er.
Doch er würde nicht viel Zeit haben. Die Erinnerungen mussten gelöscht werden, sobald die Kinder ohnmächtig waren. Außerdem müsste er noch einen Weg finden, in die Szene einzutreten und das Ganze mit logischer Begründung.
"Und aus diesem Grund kann Snape Sie nicht leiden?", fragte Harry plötzlich. "Weil er dachte, Sie hätten von Sirius' Scherz gewusst?"
Eine bessere Gelegenheit gab es nicht.
"So ist es.", stimmte Severus laut zu und zog zum Erschrecken aller den Tarnumhang ab, wobei Remus' Erschrecken wohl eher darauf beruhte, dass Severus drohend mit dem Zauberstab auf ihn deutete.
"Den habe ich unter der Peitschenden Weide gefunden.", erklärte Severus und warf Harry den Tarnumhang zu. "Recht nützlich, Potter, ich danke..."
Die ganze Zeit ließ er jedoch den Zauberstab auf den vor Schreck starren Remus gerichtet.
"Sie fragen sich vielleicht, woher ich wusste, dass Sie hier sind?", wandte er sich nun an diesen. "Ich war eben in Ihrem Büro, Lupin. Sie haben heute Abend vergessen, Ihren Trank zu nehmen, also wollte ich einen Becher vorbeibringen. Und das war ein Glück... Glück für mich, würde ich sagen. Auf Ihrem Tisch lag eine gewisse Karte. Ein Blick darauf verriet mir alles, was ich wissen musste. Ich sah Sie durch den Tunnel laufen und verschwinden."
"Severus..."
Remus kam mit beschwichtigender Geste auf ihn zu. Zu Severus' Verwirrung schien er nicht bereit zu sein, auf das Theater einzugehen.
"Ich habe den Schulleiter immer wieder gewarnt, dass Sie Ihrem alten Freund Black dabei helfen, in die Schule zu kommen, Lupin, und hier ist der Beweis."
Severus hob den Zauberstab drohend noch ein wenig höher und stoppte Remus' Schritte, indem er selbst mit dieser Angriffshaltung auf ihn zu trat.
"Doch nicht einmal ich habe mir träumen lassen, dass Sie die Nerven hätten, diese alte Hütte als Versteck zu benutzen..."
‚Ich frage mich schon, wie ich die Nerven hatte und ich hoffe, du strapazierst meine nicht weiter und hilfst mir endlich!'
Einschüchternd funkelte er Remus an.
"Severus, Sie machen einen Fehler!", erwiderte dieser jedoch eindringlich. "Sie haben nicht alles gehört – ich kann es erklären – Sirius ist nicht hier, um Harry zu töten..."
‚Das weiß ich, Remus, aber du weißt vermutlich nicht, wie diese Situation sonst enden wird!'
"Zwei weitere Gefangene für Askaban heute Nacht.", beantwortete Severus diesen Gedankengang laut und merkte, dass seine Stimme auf Grund der unterdrückten Verzweiflung schon fast wahnsinnig klang. "Bin gespannt, wie Dumbledore das alles aufnimmt... er war vollkommen überzeugt, dass Sie harmlos seien, Lupin... ein zahmer Werwolf..."
"Sie Dummkopf!", zischte Remus, sprach dann aber lauter weiter. "Ist der Groll über einen Schülerstreich genug, einen Unschuldigen nach Askaban zu bringen?"
‚Okay, Remus, ich habe nicht ewig Zeit und du willst mir nicht helfen!', fasste Severus einen Entschluss. ‚Aber dann steh' mir wenigstens nicht im Weg rum!'
Mit einem kurzen, gemurmelten Spruch schossen dünne Seile aus Severus' Zauberstab und fesselten und knebelten Remus, der darufhin das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte. Severus wollte sich darum jetzt nicht kümmern und er konnte es auch nicht, denn Sirius war wie ein Irrer auf ihn zu geschossen und nur der jetzt auf ihn gerichtete Zauberstab hielt ihn auf Abstand.
"Gib mir einen Grund!", flüsterte Severus. "Gib mir nur einen Grund, es zu tun, und ich schwöre dir, ich werde es tun."
Kaum merklich und für die Kinder in seinem Rücken vermutlich nicht zu sehen, hatte Severus mit dem Kopf in Remus' Richtung genickt. Doch Sirius schien ihn nicht verstehen zu wollen, er starrte ihn nur mit einem fast irren Blick an.
‚Wir kriegen das hin, aber du musst mir helfen.'
Während er dies dachte, fixierte Severus den Ex-Häftling angestrengt. Er musste Sirius zwingen, seine Gedanken zu verstehen, doch leider klappte das nicht immer und meistens dann nicht, wenn es nötig war.
"Professor Snape," erschreckte ihn plötzlich die matte Stimme von Hermine Granger in seinem Rücken, "es... es würde nichts schaden zu hören, was sie zu sagen haben, o-oder?"
"Miss Granger, auf Sie wartet bereits ein Schulverweis!", keifte Severus ohne seinen Blick von Sirius abzuwenden. "Sie, Potter und Weasley haben alle Regeln gebrochen und befinden sich in Gesellschaft eines verurteilten Mörders und eines Werwolfs. Auch wenn es das erste Mal in Ihrem Leben sein sollte, halten Sie den Mund."
‚Damit ich mich endlich konzentrieren kann!'
"Aber wenn – wenn es einen Irrtum gab...", versuchte sie es nochmal.
"Sei still, du dumme Göre!", schrie Severus fast völlig außer sich. "Red nicht über Dinge, die du nicht verstehst!"
Wütend blitzte er die Kinder an, wobei sein Zauberstab immer noch auf Sirius gerichtet war. Da die drei Gryffindors nun völlig eingeschüchtert schwiegen, wandte Severus sich wieder herum und trat so nah es der Zauberstab erlaubte an Sirius heran.
"Rache ist zuckersüß.", flüsterte er fast tonlos. "Wie sehr habe ich gehofft, dich als Erster in die Finger zu kriegen..."
‚...damit du heil hier rauskommst.'
"Und jetzt bist du wieder der Dumme, Severus.", entgegnete Sirius mit einer für Severus völlig weltfremden Gelassenheit. "Wenn dieser Junge seine Ratte ins Schloss bringen kann," fuhr er fort und nickte in Ron Weasleys Richtung, "komme ich ohne Federlesen mit..."
"Ins Schloss?", fragte Severus und plötzlich kam ihm eine neue und bessere Idee. "Ich glaube nicht, dass wir so weit gehen müssen. Sobald wir draußen sind,..."
An diesem Punkt kniff er nur für Sirius erkennbar ein Auge zu.
"...rufe ich die Dementoren. Sie werden hocherfreut sein, dich zu sehen, Black... so entzückt, dass sie dir sicher einen kleinen Kuss geben wollen..."
Sirius' Augen weiteten sich in panischer Angst und er wich zwei Schritte vor Severus zurück.
"D... du musst mich anhören!", krächzte er. "Die Ratte – schau dir die Ratte an..."
‚Sirius, bitte!'
Severus glaubte sich in diesem Moment von allen guten Mächten verlassen.
‚Ich will dich hier rausbringen, damit du fliehen kannst! Erstmal in den Verbotenen Wald und dann sehen wir weiter!'
Ein Anflug von Irrsinn machte sich bei Severus breit. Nicht nur dass er Unvorhersehbares sowieso hasste, nein, hier wollten ihn seine beiden Kameraden augenscheinlich nicht verstehen!
‚Ich will ihn hier rausbringen und alles, was ihn interessiert ist eine Ratte!'
"Kommt mit, allesamt.", beschloss er dann und schnippte mit den Fingern, woraufhin die Seilenden, die Remus fesselten, in seine Hand flogen. "Ich ziehe den Werwolf. Vielleicht haben die Dementoren auch ein Küsschen für ihn übrig."
Eigentlich hatte Severus dies in seiner Verzweiflung unbewusst gesagt, doch nun sah er Remus an. Sein Gefährte musste doch verstehen. Er hatte erlebt, welche Panik Severus selbst vor den Dementoren hatte, also musste er die Handlung doch hinterfragen. Aber allem Anschein nach tat Remus das nicht. Als Severus sich nun wieder der Tür zuwandte, stand Harry davor und versperrte ihm den Weg.
"Aus dem Weg, Potter, du hast schon mehr als genug Ärger!", zischte Severus. "Wenn ich nicht hergekommen wäre und deine Haut gerettet hätte..."
"Professor Lupin hätte mich dieses Jahr schon hundert Mal umbringen können.", erwiderte Harry. "Ich war oft mit ihm allein, er gab mir Unterricht gegen die Dementoren. Wenn er Black helfen wollte, warum hat er mich nicht schon längst erledigt?"
"Woher soll ich wissen, was im Hirn eines Werwolfs vor sich geht?", fragte Severus mit drohender Gebärde. "Aus dem Weg, Potter."
"Sie sind jämmerlich!", spie Harry ihm daraufhin entgegen. "Nur weil Sie in der Schule zum Narren gehalten wurden, wollen Sie jetzt nicht mal zuhören!"
"Ruhe!", schrie Severus nun zum zweiten Mal an diesem Abend außer sich. "So spricht man nicht mit mir!"
In diesem Moment glaubte Severus wirklich, dem Irrsinn zu verfallen. Das Ganze hier war völlig grotesk! Er wollte einen Unschuldigen aus dieser Situation herausbringen, einen zweiten Unschuldigen davor bewahren, seinen Job zu verlieren und gerade das Patenkind desjenigen, der ansonsten Schlimmeres als den Tod erleiden würde, wollte ihn davon abhalten!
"Wie der Vater, so der Sohn, Potter!"
Severus merkte in seinen Gedanken über den Irrsinn dieser Situation kaum noch, was er sagte.
"Gerade habe ich dir den Hals gerettet, du solltest mir auf den Knien dafür danken! Wär dir recht geschehen, wenn er dich umgebracht hätte! Du wärst gestorben wie dein Vater, zu hochmütig, um zu glauben, er hätte sich in Black getäuscht..."
Jetzt erst gelang es Severus, wieder seine gewohnte Klarheit in den Kopf zu kriegen und als er Harrys fassungslosen und ängstlichen Blick sah, fügte er drohend hinzu:
"...geh jetzt aus dem Weg, oder ich räum dich fort – aus dem Weg, Potter!"
Doch bevor Severus noch ein Wort sagen oder einen Schritt auf Harry zu machen konnte, riss es ihn plötzlich von den Füßen. Das letzte, was er spürte, war ein harter Aufprall gegen eine Wand, bevor alles um ihn herum dunkel wurde.
