Anmerkung von Tasha: Sevs großer Auftritt und fast das Ende (von Band 3).


Eine zeitlich unmögliche Flucht

(Kapitel 75)

Beim Gedanken an dieses Ereignis rieb sich Severus noch heute den Hinterkopf. Es war zwar nur, wie er heute wusste, der Expelliarmus-Fluch gewesen, doch dreifach mit starker emotionaler Wucht war er augenscheinlich auch nicht zu unterschätzen.

‚Peinlich.', dachte Severus. ‚Gegen die härtesten schwarzmagischen Sprüche kann ich mich wehren und von drei Kindern hab' ich mich per Entwaffnungszauber ausschalten lassen.'

Severus drehte seinen Kopf zum "Fenster" und blinzelte durch die Bretter zum Vollmond hinauf.

‚Wenn wir alle damals nicht so wahnsinniges Glück gehabt hätten, hätte das Ganze extrem böse enden können.'


Mit schlagzeugartigem Pochen im Kopf kam Severus wieder zu sich. Trotz Schwindel richtete er sich auf und blickte sich irritiert um. Anscheinend hatten die anderen ihn mit raus genommen, denn er befand sich vor der Peitschenden Weide, die im Licht des Vollmonds noch bedrohlicher wirkte.

‚Vollmond?'

Mit einem Schlag waren Severus' Gedanken wieder glasklar und er blickte sich panisch nach den anderen, besonders Remus, um. Ein paar Meter von ihm entfernt lag Ron Weasley, der sich auf Grund seines verletzten Beines kaum bewegen konnte, doch Remus und Sirius, sowie Harry und Hermine Granger waren nirgendwo zu sehen. Severus musste wissen, was hier passiert war während seiner Ohnmacht, also schüttelte er endgültig das Schwindelgefühl ab, ging zu dem Gryffindor rüber und kniete sich neben ihn.

"Mr Weasley, wo sind Ihre Freunde?"

"Wald!", stöhnte der Junge, verwirrt und unter Schmerzen. "Er wird sie töten, im Wald!"

Da der Junge ziemlich klar nicht mehr Herr seiner Sinne war, betäubte Severus ihn, zauberte eine Trage herbei und legte den Jungen drauf. Gerade als er Richtung Schloss ein Zeichen geben wollte, um Hilfe für den Verletzten zu holen, erschien plötzlich ein grelles Leuchten aus dem Verbotenen Wald. Ohne lange nachzudenken, folgte Severus dem Licht. Die Trage mit Ron Weasley ließ er hinter sich her schweben.

Obwohl das Licht bereits wieder verloschen war, konnte Severus der starken magischen Aura bis zu ihrem Ursprungsort am See folgen, wo er Sirius und die beiden Kinder bewusstlos vorfand. Doch auch der Rückstand dementorischer Aura war noch warzunehmen. Die drei schienen extremes Glück gehabt zu haben.

‚Für einen Gedankenlöschzauber ist es zu spät.', ging es Severus durch den Kopf, während er drei weitere Tragen erscheinen ließ und die Bewusstlosen drauflegte.

Bei Sirius angekommen, für den er auf Grund von Größe und Gewicht etwas länger brauchte, erfasste ihn Verzweiflung.

‚Ich muss dich ins Schloss bringen, es geht nicht anders. Selbst wenn die Kinder dich nicht verraten, dich hier zurückzulassen würde heißen, dich den Dementoren bewusstlos auszuliefern.'

Sein Blick glitt zum hell erleuchteten Schloss.

‚Albus wird einen Weg finden. Albus hat immer einen Weg gefunden.'

Mit dieser Hoffnung machte er sich samt der vier Tragen auf den Weg zum Schloss. Nach Remus konnte er jetzt nicht suchen. Sein Gefährte hatte sich zwangsläufig in einen wilden Werwolf verwandelt, ihn zu suchen käme einem Selbstmordversuch gleich und außerdem brauchten erst einmal die Verletzten Hilfe.

In Schlossnähe war von den Dementoren weit und breit nichts zu sehen. Dumbledore hatte sich beim letzten Zwischenfall also klar ausgedrückt. Doch Severus' Erleichterung war nur von kurzer Dauer, denn in der Eingangshalle kamen ihm gleich Dumbledore, McGonagall, Madam Pomfrey und Minister Fudge entgegen.

"Um Himmels willen!", rief McGonagall aus, wobei Severus nicht sicher war, ob sie die verletzten Kinder oder den bewusstlosen Sirius Black meinte.

"Wir bringen sie gleich in den Krankenflügel.", ordnete Dumbledore relativ gefasst an, hakte aber nach, als er Severus' leicht blutige Stirn sah. "Severus...?"

"Das schaffe ich schon alleine.", versicherte Severus und wollte in den Kerker hinunter, doch nach einigen Stufen hatte Fudge ihn wieder eingeholt.

"Black hat es also tatsächlich nach Hogwarts geschafft.", schnaufte der Minister, als sie an Severus' Bürotür angelangt waren.

"Ja.", antwortete Severus trocken. "Trotz der Wache der Dementoren."

Ein kurzer Seitenblick auf Fudge verriet Severus, dass der Minister den Schmerz dieser Anmerkung durchaus gespürt hatte.

"Unglaublich!", kommentierte dieser kopfschüttelnd, während Severus in der Wohnung mit seiner Notversorgung begann. "Und dann bringt er auch noch drei Schüler und zwei Lehrer in seine Gewalt!"

Severus wurde beim Abtupfen der Wunde auf seiner Stirn mit einer Desinfektionslösung, unbemerkt vom Minister, langsamer, doch er entschloss sich, Remus wenigstens etwas in Schutz zu nehmen.

"Der Kollege Lupin geriet genauso ungewollt in diese Situation wie ich selbst."

"Naja, aber als Werwolf..."

"Gerade deswegen.", schnitt Severus ein und kümmerte sich dann wieder um seine Wunde.

"Wie konnte so etwas Unfassbares überhaupt passieren?", fragte Fudge, nachdem Severus so lange still gewesen war.

"Vermutlich genauso unerklärlich, wie er aus Askaban ausbrechen konnte.", antwortete Severus, während er die Desinfektionslösung wieder wegstellte.

"Ja, ja,... unerklärlich...", murmelte Fudge und folgte Severus, der sich auf den Weg zum Krankenflügel gemacht hatte, wo er Dumbledore zu finden hoffte.

"Fürchterliche Geschichte... schrecklich...", klagte Fudge auf ihrem Weg weiter, "...Wunder, dass alle noch am Leben sind... so was hab ich noch nie gehört... Heiliger Strohsack, ein Glück, dass Sie da waren, Snape..."

"Danke, Minister.", bemerkte Severus beiläufig.

"Orden des Merlin, zweiter Klasse, würde ich sagen. Erster Klasse, wenn ich's deichseln kann!"

"Herzlichen Dank, Minister."

‚Zu seinem Glück hat das jetzt niemand mitbekommen.', dachte Severus.

Er kannte nur einen Menschen persönlich, der den Merlinorden erster Klasse trug, nämlich Albus Dumbledore.

‚Und ein Vergleich zwischen ihm und mir ist wohl mehr als nur ein Witz.'

"Sieht ja übel aus, der Schnitt, den Sie da im Gesicht haben...", wechselte Fudge nach Severus' erneutem Schweigen das Thema. "Das war sicher Black?"

"Keineswegs, Minister.", antwortete Severus und setzte auf Fudges ungläubige Miene fort: "Es waren Potter, Weasley und Granger, Minister."

"Nein!"

Fudge schlug sich die Hände vor den Mund und schien gespannt auf eine Ausführung zu warten.

"Black hat sie verhext, war mir auf der Stelle klar.", sog sich Severus eine Geschichte aus den Fingern, wie sie der Minister wahrscheinlich hören wollte. "Ein Verwirrungszauber, so wie die sich aufführten. Glaubten offenbar, er sei doch unschuldig."

‚Denn das werden sie vermutlich schon ausgesagt haben.'

"Sie waren für ihre Taten nicht verantwortlich. Allerdings wäre Black fast entkommen, weil sie sich eingemischt haben..."

‚Oder vielleicht eher: wenn sie sich nicht eingemischt hätten.'

"...glaubten wohl, sie könnten ihn auf eigene Faust fangen. Man hat ihnen bisher einfach viel zu viel durchgehen lassen... ich fürchte, das ist ihnen zu Kopfe gestiegen... und natürlich hat der Schulleiter immer größtes Nachsehen mit Potter."

‚Was nicht mal gelogen ist.'

"Nun ja, Snape...", druckste der Minister, "...Sie wissen, Harry Potter... wir haben da alle einen schwachen Punkt, wenn es um ihn geht."

‚Wie wahr!'

"Gleichwohl, Minister – tut es ihm gut, wenn er immer wieder mit allem davonkommt?", fragte Severus direkt. "Ich persönlich bemühe mich, ihn wie jeden anderen Schüler auch zu behandeln. Und jeder andere Schüler würde – allermindestens – für einige Zeit ausgeschlossen, wenn er seine Freunde derart in Gefahr gebracht hätte. Bedenken Sie, Minister, gegen alle Schulregeln – und nach allem, was wir zu seinem Schutze getan haben – außerhalb der Schule angetroffen, spätabends, in Gesellschaft eines Werwolfs und eines Mörders."

‚Um ihre eigenen Argumente aufzugreifen.'

"Und außerdem habe ich Grund zu der Annahme, dass er auch unrechtmäßig in Hogsmeade war."

"Gut und schön..."

Wie erwartet hatte der Minister Severus' Argumentation nichts entgegenzusetzen.

"...wir werden sehen, Snape, wir werden sehen... der Junge hat zweifellos eine Dummheit begangen..."

‚Eine Geringfügige.', kommentierte Severus gedanklich. ‚Aus ihrer wie aus meiner Sicht.'

Vor der Tür des Krankenflügels angelangt, blieb Severus kurz zögernd stehen, was Fudge zum weiteren Ausfragen verleitete.

"Was mich am meisten erstaunt, ist das Verhalten der Dementoren... Sie haben wirklich keine Ahnung, weshalb sie zurückgewichen sind, Snape?"

"Nein, Minister.", antwortete Severus, denn er hatte wirklich nur eine vage Vermutung. "Als ich zu mir kam, nahmen sie gerade wieder ihre Posten an den Toren ein."

"Unglaublich. Aber Black und Harry und das Mädchen waren..."

"Alle bewusstlos, als ich zu ihnen gelangte.", beendete Severus den Satz nickend. "Ich habe Black natürlich sofort gefesselt und geknebelt, Tragen heraufbeschworen und sie gleich ins Schloss gebracht."

Das stimmte zwar nicht ganz, denn Severus hatte Sirius erst gefesselt und geknebelt, als er den Minister und die anderen in der Eingangshalle gesehen hatte, doch nur so würde es für Fudge Sinn ergeben.

Ein Schrei aus dem Krankenflügel unterbrach Severus' Gedanken und reflexartig folgte er dem Minister in den Raum. Harry stand, samt Zauberstab, neben seinem Bett und schien sehr aufgeregt zu sein.

"Harry, Harry, was soll denn das?" fragte Fudge aufgebracht. "Du solltest im Bett bleiben – hat er Schokolade bekommen?"

"Minister, bitte hören Sie!", flehte Harry. "Sirius Black ist unschuldig! Peter Pettigrew hat seinen eigenen Tod nur vorgetäuscht! Wir haben ihn heute Nacht gesehen! Sie dürfen nicht zulassen, dass die Dementoren diese Sache mit Sirius anstellen, er ist..."

Fudge lächelte sanft und versuchte, den Jungen zu beschwichtigen, doch Harry schrie ihn nur an:

"Haben Sie nicht! Sie haben den falschen Mann!"

"Minister, bitte hören Sie!", mischte sich dann auch Hermine Granger ein. "Ich hab ihn auch gesehen, er war Rons Ratte, er ist ein Animagus, Pettigrew, meine ich, und..."

"Sehen Sie, Minister?", ging Severus dazwischen, bevor noch irgendetwas Unnötiges zur Sprache kam. "Völlig übergeschnappt, alle beide... Black hat ganze Arbeit geleistet..."

"Wir sind nicht übergeschnappt!", schrie Harry nun ihn an.

"Minister! Professor!", empörte sich Madam Pomfrey. "Ich muss darauf bestehen, dass Sie gehen, Potter ist mein Patient und Sie dürfen ihn nicht aufregen!"

Während Harry es wieder mit einem Einwand versuchen wollte, rasten Severus' Gedanken wieder einmal selbstmörderisch. Er musste die Kinder für verwirrt erklären, denn auch das vorsätzliche Decken und Kooperieren mit Leuten, denen wie Sirius Mord und Verrat zur Last gelegt wurde, stand laut Zauberergesetz unter Strafe. Doch wenn er keine Kontroverse über die Ereignisse einfädeln konnte, würde die Zeit für eine Befreiungsaktion von Sirius einfach nicht reichen. Plötzlich sprang Harry wieder auf.

"Professor Dumbledore, Sirius Black..."

Während Pomfrey wieder zu zetern begann, wandte sich Severus überrascht zum Direktor um.

"Verzeihung, Poppy, aber ich muss kurz mit Mr Potter und Miss Granger sprechen.", erklärte dieser gelassen. "Ich habe eben mit Sirius Black geredet..."

"Ich nehme an, er hat Ihnen dasselbe Märchen erzählt, das er Potter ins Hirn gepflanzt hat?", warf Severus reflexartig mit ungewollt fauchendem Ton ein. "Etwas von einer Ratte und dass Pettigrew noch am Leben sei."

"Das ist tatsächlich Blacks Darstellung.", antwortete Dumbledore ungewöhnlich scharf, denn trotz ihres guten Verhältnisses duldete er es nicht, dass Severus in diesem Ton mit ihm sprach.

"Und meine Aussage zählt überhaupt nicht?", fragte Severus in wesentlich ruhigerem Ton, jedoch nicht weniger drängend. "Peter Pettigrew war nicht in der Heulenden Hütte und draußen auf den Ländereien war keine Spur von ihm zu sehen."

"Sie waren doch bewusstlos, Professor!", bemerkte Hermine Granger trotzig. "Sie kamen zu spät, um zu hören..."

"Miss Granger, hüten Sie Ihre Zunge!", fuhr Severus nun die Schülerin bis in die Haarspitzen gereizt an.

"Aber, aber, Snape," versuchte der aufgeschreckte Minister ihn zu beschwichtigen, "die junge Dame ist ein wenig durcheinander, da müssen wir nachsichtig sein."

"Ich möchte mit Harry und Hermine unter sechs Augen sprechen.", erklärte Dumbledore nun wieder. "Cornelius, Severus, Poppy – bitte lassen Sie uns allein."

Auf Pomfreys Protest wurde er eindringlicher:

"Es duldet keinen Aufschub. Ich muss darauf bestehen."

Pomfrey ging in ihr Büro, der Minister trat an die Tür und hielt sie für Severus auf, doch der rührte sich kein Stück. Dass er mit Dumbledore redete, war jetzt weitaus wichtiger.

"Sie glauben doch nicht etwa auch nur ein Wort von Blacks Geschichte?", fragte Severus flüsternd und starrte Dumbledore an.

‚Bitte, Albus! Ich kann alles erklären, aber wir müssen unter vier Augen miteinander reden!'

"Ich würde jetzt gern mit Harry und Hermine allein sprechen.", wiederholte Dumbledore.

"Sirius Black hat schon im Alter von sechzehn Jahren bewiesen, dass er zum Mord fähig ist.", versuchte Severus es weiter und trat noch einen Schritt näher an den Direktor heran. "Sie haben das nicht vergessen, Direktor? Sie haben nicht vergessen, dass er einst mich umbringen wollte?"

Mit der Betonung auf das Wort ‚mich' wollte Severus seinem Mentor die Dringlichkeit eines Vier-Augen-Gesprächs klarmachen, doch auch jetzt zeigte Dumbledore nicht die erwartete Reaktion.

"Mein Gedächtnis hat nicht gelitten, Severus.", antwortete er knapp.

Aus Erfahrung mit diesem Ton wusste Severus, dass das Gespräch beendet war. Immer noch vor Wut über seine eigene Ohnmacht in dieser Situation bebend, drehte er sich auf dem Absatz um und marschierte schnellen Schrittes durch die noch immer von Fudge aufgehaltene Tür.

"Beruhigen Sie sich, Snape!", schnaufte der Minister wieder neben ihm, da er nur schwer mit Severus' Tempo mithalten konnte. "Dumbledore muss vor dem Unvermeidlichen eben noch alle anhören. Das ist nun mal seine Art."

"Ja, alle.", knurrte Severus, mehr zu sich als zum Minister. "Ich hoffe nur, Dumbledore macht keine Scherereien."

‚Denn von seinem Zuhören hängt mindestens ein Menschenleben ab.'

"Der Kuss wird doch sofort ausgeführt?"

"Sobald Macnair mit den Dementoren zurückkommt.", nickte Fudge. "Diese ganze Affäre mit Black war äußerst peinlich. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, dem Tagespropheten mitzuteilen, dass wir ihn endlich gefasst haben... die werden mit Ihnen sprechen wollen, Snape... und sobald der junge Harry wieder bei Verstand ist, möchte er den Zeitungsleuten sicher genau erzählen, wie Sie ihn gerettet haben..."

Severus lächelte gekünstelt. Was Harry denen erzählen würde, war ihm klar, doch er hatte jetzt andere Dinge zu tun.

"Genau, deshalb hoffe ich, Minister, dass Sie mich jetzt entschuldigen."

Ohne noch eine Antwort abzuwarten, verschwand Severus die Kerkertreppe hinunter.

Was nun? Severus ging unruhig in seiner Wohnung auf und ab. Wie er mittlerweile wusste, hatte man Sirius im Büro von Prof. Flitwick eingesperrt. Von dort gab es keine Möglichkeit für Severus, den Kameraden ungesehen zu befreien, zu zentral lag dieser Raum.

‚Zumindest nicht ohne Ablenkungsmanöver.', dachte Severus. ‚Aber Remus ist weg und auf seine Rückkehr kann ich nicht warten! Bis dahin ist Sirius' Seele schon Dementorenfraß!'

Verzweifelt sank Severus in seinen Kaminsessel. Es konnte doch nicht alles umsonst gewesen sein! Aber was konnte er tun? Im Moment dieser Überlegung klopfte es an der Tür. Severus öffnete, doch er war wenig überrascht, den Minister vor der Tür anzutreffen.

"Wollte Sie nur holen kommen, Snape.", erklärte er, für Severus' Geschmack etwas zu fröhlich. "Dachte, Sie wollten bei der Vollstreckung auf jeden Fall dabei sein."

"Sicher.", brachte Severus gezwungen hervor, schloss die Tür hinter sich und folgte dem Minister.

Dumbledore hatte anscheinend trotz der Aussagen der Kinder keinen Aufschub der Vollstreckung erreichen können.

‚Hätte ich doch bloß alleine mit ihm sprechen können!'

Doch sofort sagte ihm der Rest seines kühlen Verstandes, dass ihn solche Vorstellungen jetzt nicht weiterbrachten, ein Plan musste her!

"Wird das Urteil in der provisorischen Zelle vollstreckt?", fragte Severus.

"Nein."

Der Minister schüttelte den Kopf.

"Ich musste mich schon hart mit Dumbledore auseinandersetzen, damit er überhaupt einen Dementor aufs Gelände lässt, aber ins Schloss darf er nicht. Wir werden Black also auf die Ländereien führen müssen."

"Verstehe."

‚Das könnte funktionieren.', dachte Severus. ‚Wenn ich, völlig übergeschnappt vor Hass, eine vorzeitige Handgreiflichkeit auslöse und dabei zufällig die eine oder andere Gefangenenwache treffe, könnte Sirius versuchen zu fliehen. Alles weitere muss sich aus der Situation ergeben.'

Dass man ihn höchstwahrscheinlich für komplett verrückt halten würde, war ihm in diesem Moment egal. Vor Flitwicks Büro angekommen, warteten bereits Dumbledore und zwei Auroren auf sie.

"Nun denn, führen wir Black seiner gerechten Strafe zu.", verkündete der Minister beinahe euphorisch.

Severus' Beunruhigung ging jedoch eher von Dumbledore aus, der, gerade wenn er den Kindern glaubte, extrem gelassen aussah. In diesem Moment jedoch schloss der Minister den Raum auf, machte einen Schritt hinein und blieb nach Luft schnappend stehen. Severus war auch einen Moment reglos. Sirius würde doch in seiner wahnsinnigen Angst keinen Selbstmord begangen haben? Doch als Severus eine Sekunde später hinter den Minister trat, verstand er dessen Entsetzen: Das Büro war leer! Keine Spur von Sirius, nur ein offenes Fenster, an das sofort einer der Auroren stürzte.

"Er kann nicht gesprungen sein!", keuchte dieser. "Das hätten wir gehört. Außerdem hätte er das aus dieser Höhe nie überlebt!"

Immer noch in Starre getarnt, musterte Severus den Direktor aus dem Augenwinkel. Dumbledore lächelte.

‚Wie immer du das geschafft hast,' dachte Severus, ‚genial!'

Dann sollte nun wohl sein Auftritt kommen.

"Er kann also nicht gesprungen sein?", fuhr er direkt den Auroren an. "Und wo ist er dann?"

"Wir müssen sofort zu Harry!", rief der Minister besorgt und sowohl Dumbledore als auch Severus folgten ihm.

‚Ich hoffe jetzt nicht, dass du wirklich da bist, Sirius.', dachte Severus, setzte jedoch sein Gezeter fort.

"Wie, Minister, sagen Sie mir, wie konnte das passieren?"

"Er muss desappariert sein, Severus, wir hätten jemanden bei ihm lassen sollen..."

Es war unschwer zu bemerken, wie sehr dies den Minister traf.

"..wenn das rauskommt..."

‚Das ist wohl die größte Sorge, wie?'

"Von wegen desappariert!", brüllte er stattdessen. "Man kann in diesem Schloss weder apparieren noch desapparieren! Das – hat – etwas – mit – Potter – zu – tun!"

Etwas anderes war ihm im Moment nicht eingefallen.

"Severus, seien Sie vernünftig – Harry war doch die ganze Zeit eingeschlossen..."

Doch noch während dieser zaghaften Worte seitens Fudge und nach Dumbledores seelenruhigem Türaufschließen, hatte Severus schwungvoll die Tür zum Krankenflügel aufgestoßen, die prompt gegen die Wand krachte. Aus der Lage heraus, in den ihn sein eigener Kommentar gebracht hatte, stürzte er auf Harry zu.

"Raus mit der Sprache, Potter!", fuhr er ihn an. "Was hast du getan?"

"Professor Snape!", kreischte Madam Pomfrey entsetzt. "Benehmen Sie sich!"

"Snape, seien Sie vernünftig.", mahnte nun auch Fudge und hätte Severus nicht so rasend gewirkt, hätte er ihn sicher an der Schulter von Harry weggezogen. "Diese Tür war verschlossen, das haben wir eben festgestellt..."

"Die beiden haben ihm geholfen zu fliehen, ich weiß es!"

Mit dem Finger auf die Kinder deutend und einer Stimme, die sich in ihrer Raserei fast überschlug, konnte sich Severus nur ansatzweise vorstellen, wie irre er wirken musste und er wusste auch nicht genau, wo das hinführen würde.

"Beruhigen Sie sich, Mann!", versuchte es Fudge nun ansatzweise energisch. "Sie reden Unsinn!"

"Sie kennen Potter nicht!", erwiderte Severus und wunderte sich selbst, welche Höhe seine Stimme erreichen konnte.

‚Denn ich weiß, er hätte es getan, wenn die Möglichkeit bestanden hätte.'

"Er hat es getan, ich weiß es genau!"

"Nun ist es aber gut, Severus.", griff der Direktor beschwichtigend ein, der die ganze Zeit etwas amüsiert die Szenerie beobachtet hatte. "Denken Sie mal darüber nach, was Sie sagen. Diese Tür war verschlossen, seit ich vor zehn Minuten hier raus bin. Madam Pomfrey, haben diese Schüler ihre Betten verlassen?"

"Natürlich nicht!", empörte sich diese. "Das hätte ich gehört!"

‚Bestreite ich überhaupt nicht, ich glaub' sowieso, dass du es gewesen bist. Auf welchem Weg auch immer.'

"Nun, da haben Sie's, Severus.", fuhr Dumbledore mit sanfter Stimme fort. "Wenn Sie nicht behaupten wollen, dass Harry und Hermine an zwei Orten zugleich sein können, sehe ich nicht, warum wir sie noch länger stören sollten."

Ein kurzer Blick zu jedem Anwesenden, die, abgesehen vom Direktor, äußerst schockiert wirkten, überzeugte Severus von seinem Auftritt.

‚Und eine bessere Abtrittsmöglichkeit krieg' ich nicht.'

Mit diesen Gedanken und der bösesten Miene, die er aufzusetzen im Stande war, stürmte Severus aus dem Raum.

In seiner Wohnung angekommen, ließ sich Severus gegen die Tür sinken und konnte sich ein erleichtertes Lachen nicht verkneifen. Zeitlich gesehen war Sirius' Flucht völlig unmöglich und der Minister musste ihn selbst für einen labilen Psychopathen halten, doch das war egal: Sirius war frei, darum ging es.

‚Wie immer du das auch geschafft haben magst, Albus.', dachte Severus und sah das lächelnde Gesicht des Direktors vor sich. ‚Du bist und bleibst eben eine Klasse für dich.'