Anmerkung von Tasha: Eine schwere Geburt! Aber jetzt ist auch das Ende von Band 3 fertig. Ich hoffe, dass mir noch nicht alle Leser abgesprungen sind und würde mich über eure Meinung freuen.
Ein seltsamer Grund zum Feiern
(Kapitel 76)
Es fiel Severus schon schwer, seine gute Laune über Sirius' Flucht unter einer Maske von unbändiger Fassungslosigkeit zu verstecken und so war er auch sehr auf sein Auftreten bedacht, als er sich im Morgengrauen zu Remus' Wohnung begab. Mittlerweile würde sich sein Kamerad zurückverwandelt haben und Severus wollte gern derjenige sein, der ihm von dem Wahnsinn von Sirius' Flucht erzählte.
Vor der Wohnungstür angekommen blickte sich Severus noch einmal prüfend um, obwohl die Chance, dass ihn um diese Zeit hier jemand sah, äußerst gering war, bevor er anklopfte.
"Herein!"
Remus' Stimme klang zwar noch ziemlich schwach, aber Severus hatte nach dieser Verwandlungsnacht nichts anderes erwartet und somit trat er ein. Doch kaum hatte Severus die Tür hinter sich geschlossen und sich richtig ungeblickt, blieb er irritiert stehen: Remus packte!
"Was wird das, wenn's fertig ist?", fragte Severus mit leicht hochgezogener Augenbraue.
"Ich packe.", antwortete Remus.
"Das sehe ich.", gab Severus zurück. "Ich frage mich nur gerade: Warum?"
"Lass die letzte Nacht revue passieren und dann frag mich nochmal."
Während ihres Gesprächs schleppte Remus weiter Sachen quer durch seine Wohnung und machte keine Anstalten, das Packen seinzulassen.
"Remus, ich versteh' nicht, wie du so schlechter Laune sein kannst. Sirius ist frei. Die Kinder haben nichts über dich verlauten lassen und Dumbledore wird nicht zulassen, dass du wegen dieses kleinen Missgeschicks, wofür ich leicht mit verantwortlich bin, gehst."
"Kleines Missgeschick?"
Das erste Mal sah Remus auf.
"Severus, dieses ‚kleine Missgeschick' hätte den Tod von Harry, Ron, Hermine, Sirius und auch dir bedeuten können! Willst du wissen, was passiert ist? Ich habe mich verwandelt und völlig die Kontrolle verloren. Nur Sirius' Geistesgegenwart ist es zu verdanken, dass es bei ihm und mir nur dabei geblieben ist!"
Mit diesen Worten zog Remus den Kragen seines Pullovers etwas zurück und zeigte Severus eine frische Fleischwunde, wie sie der Biss eines Hundes hinterlassen konnte.
"Er hat mich in einen Kampf verwickelt.", erzählte Remus weiter, ließ sich aber auf sein zerschlissenes Sofa fallen. "Wir haben uns von den Kindern entfernt. Schließlich hat Sirius mich dann in die Flucht geschlagen – aber dummerweise ist wohl auch Peter entkommen."
"Jetzt fang du bitte nicht auch noch an!"
Trotz seines Mitgefühls für die Lage seines Freundes wurde Severus ungehalten.
"Dass Sirius diesen Wahn hat – okay; dass er es den Kindern eingeredet hat – fragwürdig; aber bitte du jetzt nicht auch noch! Peter ist..."
"...am Leben, Severus!", unterbrach Remus ihn. "Ich habe ihn gesehen. Er hat sich während der Explosion damals den Finger abgehackt, sich in seine Animagusform verwandelt und das Weite gesucht. Alle glaubten, er sei tot, aber er hatte sich als Hausratte bei der Familie Weasley versteckt."
Nun ließ sich auch Severus auf das Sofa sinken. Wenn das alles stimmte...
"...dann macht das Alles Sinn.", murmelte er.
"Was meinst du?", fragte Remus.
"All diese seltsamen Vorfälle.", antwortete Severus, während er es gedanklich durchging. "Sirius' Behauptung, er habe Peter gesehen, sein Angriff auf Ron Weasley, das Erscheinen von Peter auf der Karte in deinem Büro und eigentlich auch Sybills Prophezeihung."
"Welche Prophezeihung?"
"Eigentlich hab ich sie nur zufällig mitgehört, weil ich noch eine Mixtur von Sybill zurückbrauchte. Sie hatte eine seltsam rauchige Stimme, aber sie hat etwas gesagt wie ‚Der Knecht des Schwarzen Lords lag zwölf Jahre lang in Ketten. Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wird der Knecht die Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister machen. Mit seiner Hilfe wird der Schwarze Lord erneut die Macht ergreifen und schrecklicher herrschen denn je.' Zuerst hab ich das auch nicht verstanden und auch nicht für voll genommen, aber jetzt... Peter wird sich auf den Weg machen, IHN zu suchen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit."
"Und Sirius wird Peter suchen," vervollständigte Remus, "das ist auch so sicher wie das Amen in der Kirche."
Severus nickte.
"Was noch ein Grund mehr ist, warum ich gehen muss.", setzte Remus fort. "Jemand muss ein Auge auf Sirius haben und vielleicht erwischen wir Peter zusammen."
Severus überlegte kurz.
"Weiß der Direktor schon Bescheid über deinen Entschluss?", fragte er dann anscheinend völlig zusammenhangslos.
"Nein.", antwortete Remus ehrlich. "Ich weiß vermutlich genauso gut wie du, dass er mich wegen des gestrigen Vorfalls nicht einfach gehen lassen wird, besonders wenn Harry und die anderen, wie du sagst, nichts dazu gesagt haben."
"Und Fudge kriegt er im Handumdrehen ruhig.", fügte Severus hinzu. "Der hat nach Sirius' Flucht ohnehin andere Sorgen."
"Eben. Und eshalb dachte ich, du könntest mir helfen."
"Ich?", fragte Severus überrascht.
"Ja," erklärte Remus, "als Hagrid mich gefunden hat, hat er in seiner Freude über das Entkommen seines Hippogreifs..."
"Der Hippogreif ist weg?", fragte Severus überrascht und plötzlich war klar, wie Sirius unverletzt durch das Fenster fliehen konnte.
"Ja, jedenfalls hat er mir erzählt, du hättest einen unglaublichen Aufstand hingelegt, wollte mir aber nicht sagen, woher er das weiß. Stimmt das?"
"Sagen wir mal so," antwortete Severus, wobei er doch spürte, wie ihm leichte Röte ins Gesicht stieg, "meine schauspielerisch Leistung mein Verhältnis zu dir, Sirius und dessen Flucht betreffend hätte beinahe eine Auszeichnung verdient."
"Die dir jetzt wohl versagt bleibt.", grinste Remus.
"Undank ist der Welten Lohn!"
Severus zuckte mit den Schultern.
"Doch was hat das alles damit zu tun, dass ich dir helfen soll oder kann?"
"Nun, ich dachte mir, dir könnte vielleicht versehentlich gegenüber einem deiner Hausschüler rausrutschen, dass ich ein Wehrwolf bin. Die können mich sowieso nicht leiden und dann regelt sich das Ganze beinahe von alleine."
"Dein ganzer Ruf in einem ziemlichen Teil unserer Gesellschaft wäre dann ziemlich hin, das weißt du.", gabe Severus zu bedenken.
"Oh, mein riesiger Freundeskreis wird es verkraften!"
"Hey, Sarkasmus ist allein mein Privileg!", beschwerte sich Severus gespielt und stieß Remus mit dem Ellenbogen an.
Nun konnten sich beide Männer ein kurzes Lachen nicht verkneifen.
"Also?", fragte Remus.
"Gut.", ergab sich Severus. "Schließlich muss ich ja auch mal wieder was für meinen Unbeliebtheitsfaktor tun."
"Danke, Sev. Hast was gut bei mir."
"Ich werde darauf zurückkommen, verlass dich drauf!"
An der Tür angekommen, drehte sich Severus noch einmal um.
"Ich versuch, das Ganze irgendwie beim Frühstück zu arrangieren. Wenn's funktioniert hat, schick ich dir Ami hoch."
"Alles klar!"
"Mach's gut, Remus! Ihr packt das schon."
"Danke, Sev,... für alles."
Severus nickte und verließ dann das Büro.
Das ‚Ausplaudern' gestaltete sich dann schon fast leichter, als Severus vermutet hatte. Direkt am Eingang der Großen Halle sprach Draco Malfoy ihn an.
"Sir, wir haben gehört, Sie hätten Sirius Black gestellt. Erzählen Sie doch bitte!"
Sofort hatte sich die typische Clique um Severus und Malfoy junior geschart.
"Das entspricht der Wahrheit.", antwortete Severus und versuchte dabei relativ Stolz zu sein. "Doch wie fast zu erwarten war, ist das Ministerium nicht in der Lage, einen Gefangenen richtig zu bewachen, sodass Black fliehen konnte."
"Unmöglich!", rief Draco Malfoy mit übertriebener Empörung. "Hatte Professor Lupin etwas damit zu tun? Wir hörten nur, dass er ebenfalls verschwunden war."
‚Gruselig, wie gut so ein kleiner Quälgeist informiert sein kann.', dachte Severus, antwortete aber in einem verärgerten Ton:
"Ist nicht genau geklärt, aber was will man von einem Wehrwolf schon erwarten."
"Einem was?", fragte Malfoy überlaut, wobei er ganz genau verstanden hatte.
Severus schlug die Hand vor den Mund und versuchte einen ertappten Eindruck zu machen.
"Nun, ich denke, ich habe schon zuviel gesagt. Entschuldigen Sie mich."
Mit langen Schritten begab sich Severus zum Lehrertisch, doch er musste sich nicht umsehen, um zu wissen, dass die Slytherin-Clique bereits damit beschäftigt war, die Nachricht weiterzugeben. Ein unauffälliger Blick während des Platznehmens bestätigte Severus' Verdacht und so handelte er wie ausgemacht und schickte die an seinem Platz auf ihre Frühstückskleinigkeit wartende Ami zu Remus hinauf.
Es dauerte keine Stunde, bis ein Hauself bei Severus auftauchte und ihm bestellte, dass Dumbledore ihn sprechen wolle. Pünktlich wie immer traf Severus beim Direktor ein, welcher ihn allein erwartete.
"Severus, komm bitte rein."
Severus gehorchte, schloss die Tür hinter sich und trat an den Schreibtisch. Dumbledore sah ihn direkt an.
"Von Seiten einiger Schüler deines Hauses wird im Schloss verbreitet, dass Professor Lupin ein Wehrwolf ist. Weißt du, woher sie das wissen?"
"Ja.", antwortete Severus und sah beschämt weg, denn er war ja wirklich nicht stolz auf sich. "Einige Schüler sprachen mich auf die Ereignisse der letzten Nacht an und dabei... nun... dabei ist es mir wohl... rausgerutscht."
Aus dem Augenwinkel sah Severus, wie Dumbledore nickte. Natürlich hatte sich der Direktor so etwas schon gedacht, doch diese Enttäuschung über sein Verhalten im Blick Dumbledores versetzte Severus doch einen gehörigen Stich.
"Professor Lupin hat seine Kündigung bereits eingereicht.", erklärte Dumbledore nach einem Moment des Schweigens.
Gerade als Severus fragen wollte, ob er nun gehen dürfe, klopfte es erneut an der Tür.
"Herein!"
Auf Dumbledores Aufforderung und zu Severus' Überraschung trat Remus ein.
"Ich habe Remus hergebeten," erklärte Dumbledore, "weil ich denke, dass dieses Missgeschick noch eine Entschuldigung benötigt."
Severus schluckte, dann sah er Remus an. Dieser versuchte zwar gleichgültig zu gucken, doch Severus kannte ihn viel zu gut, um in seinem Blick nicht ein Unbehagen vor dieser Situation zu lesen.
"Es tut mir leid.", sagte Severus schließlich und hielt Remus zögernd die Hand hin. "Es war ein Missgeschick, eine Unachtsamkeit meinerseits."
"Es war eine schöne Zeit hier und ‚Missgeschicke' passieren uns allen von Mal zu Mal.", erwiderte Remus mit emotionsloser Stimme und nahm die ihm dargebotene Hand zu einem schwachen Händedruck. "Wenn sie mich dann entschuldigen würden, Herr Direktor, ich habe noch einiges zu packen."
"Ja, gehen Sie nur beide."
Dumbledore nickte und gemeinsam verließen sie das Büro. Auf der Treppe tauschten die beiden ungleichen Kameraden noch einen freundschaftlichen Blick und trennten sich unten endgültig.
Nach dieser offiziellen Version hatte es Severus nicht für ratsam gehalten zu Remus' Verabschiedung zu erscheinen und seit dessen Aufbruch hatte er auch weder von ihm noch von Sirius etwas gehört, doch da auch der Tagesprophet nichts Beunruhigendes berichtet hatte, nahm Severus das erstmal als gutes Zeichen. Er hatte in der folgenden Zeit gerade im Hinblick auf Dumbledores für dessen Verhältnisse noch immer leicht reservierte Stimmung ihm gegenüber beschlossen, dass Harry trotz nicht gerader zufriedenstellender Arbeit das Fach Zaubertränke bestehen würde. Dennoch ließ er einige wenige Gelegenheiten nicht aus, Harry den Missmut darüber spüren zu lassen, dass sein Einmischen im Prinzip für Sirius' Flucht und Remus' Abreisen gesorgt hatte.
Am letzten Schultag jedoch kam Ami in Severus' Labor getigert.
"Ami!", rief er bei einem Blick auf sie und die Federn, die sich in ihrem Fell befanden. "Darf ich raten? Du warst in der Eulerei und hast deinen Jagdtrieb ausgelebt."
Kopfschüttelnd hob er seine staubgraue Katzengenossin auf den Arm. Er hatte schon einmal Ärger mit Minerva gehabt, weil Ami sich in die Eulerei geschlichen und mit den scheuen Tieren ‚gespielt' hatte. Ami maunzte jedoch aufmerksamkeitsuchend und stieß Severus mit dem Kopf an. Erst jetzt sah er, dass sie einen Brief im Maul hatte.
"Ami, ‚spielen' ist schon fraglich, aber wenn du jetzt auch noch anfängst, Post zu klauen, kriegen wir ernsthaft Ärger!"
Er nahm ihr den Brief weg, setzte sie ab und wollte den Brief gerade dem eigentlichen Empfänger zukommen lassen, als er erstarrte. Auf dem Umschlag war als Empfänger ‚Prof. Severus Snape' angegeben. Irritiert öffnete er den Umschlag, obwohl die Schrift, wie er dann feststellte, eigentlich eindeutig war.
Lieber Severus,
du hast lange nichts von uns gehört, aber es brauchte seine Zeit, bis wir uns und dann einen sicheren Platz gefunden hatten. Du sollst wissen, dass es uns gut geht, auch wenn wir noch keinen Anhaltspunkt haben, wo Peter sein könnte. Wir hoffen, dass es dir gut geht und dir Harry nicht zuviel Ärger macht. Dazu noch zwei Dinge: Sirius hat Harry einen Brief mit der Erklärung des Feuerblitzes und die Erlaubnis für Besuche in Hogsmeade geschickt. Dumbledore glaubt an Sirius' Unschuld, in solchen Zeiten ist das gut zu wissen. Ich habe Harry die Karte überlassen. Wie du gemerkt hast, habe ich ja deinen Namen gelöscht und ich dachte, er soll sie als eine Art Vermächtnis von James behalten. Sieh's mir nach!
Liebe Grüße (auch von Sirius),
Remus Lupin.
P.S.: Ich hoffe, Ami hat dir diesen Brief in einem Stück gebracht. Eine direkte Eule hätte vielleicht zu viel Aufmerksamkeit erregt.
Severus lächelte, dann verstaute er den Brief in einem Geheimfach seines Labortisches. Auf ein weiteres Maunzen von Ami drehte er sich wieder um.
"Tut mir leid, meine Kleine!", entschuldigte er sich.
Bereit ihm zu verzeihen, sprang Ami ihm auf den Arm.
"Vielleicht kann ich es damit wieder gut machen.", mutmaßte Severus, trat um den Tisch herum und holte aus der obersten Schublade zwei Thunfischleckerlis, die Ami so liebte.
Gierig fraß sie ihm aus der Hand und schmiegte sich als Annahme seiner Entschuldigung an seine Brust an.
‚Harry hat also die Karte.', dachte Severus. ‚Dann wird es ja in Zukunft richtig spannend.'
Doch die Tatsache, dass Dumbledore Sirius für unschuldig hielt, war das Beste, was passieren konnte und relativierte alles, was in den letzten Wochen und Monaten passiert war.
