Ich weiß, es hat SEHR lange gedauert und sicher hatten mich viele von euch auch schon abgeschrieben, aber ich bemühe mich tatsächlich noch und versuche, mich zurückzukämpfen (was mir Band 4 nicht unbedingt leicht macht). Ich hoffe jedenfalls, dass mir noch ein paar von euch Lesern geblieben sind und wünsche viel Spaß beim Lesen!


Dunkle Zeichen

(Kapitel 78)

Mit einem entnervten Seufzen ließ Severus die Ausgabe des Tagespropheten sinken, die er in den Händen hielt. Seit Remus ihm diesen durchaus alarmierenden Artikel hatte zukommen lassen, war Severus doch wieder dazu übergegangen, regelmäßig Zeitung zu lesen. Doch obgleich er diese Ausgabe nur überflogen hatte, nervte ihn das gleiche leidige Thema wie die ganzen letzten Wochen über: die Quidditch-Weltmeisterschaft!

‚Alle Jahre wieder der gleiche unnötige Aufstand!', dachte er sich.

Auch wenn er selbst zu seinen Schulzeiten in der Hausmannschaft von Slytherin gewesen war, hatte er diesem Spiel doch nie so wahnsinnig viel abgewinnen können.

‚Im Gegensatz zu anderen Leuten.'

Ein leichtes Grinsen konnte er nicht unterdrücken, als er sich an James' und Sirius' leuchtende Augen erinnerte, wenn sie vom Quidditch auch nur sprachen. In der Schule hatte das – nach Severus' Auffassung – ja auch noch etwas mit Sport zu tun gehabt. Er hatte sich vor etlichen Jahren einmal von Dumbledore zu einer WM mitschleifen lassen und war danach sicher, dass diese Veranstaltung nichts mehr mit Sport zu tun hatte. Es war das zur Schau Stellen von einzelnen Leuten oder interessanten und oft auch nicht ganz ungefährlichen, landestypischen Maskottchen und zur Tarnung wurde nebenbei ein bisschen Quidditch gespielt.

„Man fühlt sich da doch eher wie auf einer internationalen Werbeveranstaltung.", hatte er dem Direktor sein Missfallen damals ohne Umschweife kundgetan und sich seitdem dieser Veranstaltung und dem Brimborium, das um sie gemacht wurde, so gut wie möglich entzogen.

Alles, was er aktuell wusste, war, dass England gegen Transsilvanien deutlich mit 10:390 verloren hatte – der Tagesprophet hatte sich irrsinnig über angebliche Manipulationen durch Vampire mit Tarnumhängen aufgeregt – und dass Frankreich offensichtlich auch irgendwem unterlegen war.

„Schade, dass die französische Mannschaft ausgeschieden ist.", hatte Dumbledore zu ihm gesagt. „Ich hätte mir gern mit dir ihr Spiel hier angesehen."

Severus hatte nur harsch den Kopf geschüttelt und nichts dazu gesagt. Doch jetzt irritierte ihn das schon ein bisschen: Bezüglich der Niederlage der englischen Mannschaft hatte der Direktor nichts gesagt.

‚Da hätte es ja auch nichts schön zu reden gegeben – bei dem Resultat.'

Doch von der Niederlage Frankreichs hatte er ihm traurig berichtet. Er schien sowieso in letzter Zeit einen Hang zu Frankreich zu haben…

‚Du wirst jetzt nicht anfangen, über solch einen Unsinn nachzudenken!', schalt Severus sich selber. ‚Du hast andere Sorgen!'

Damit legte er endgültig den Tagespropheten beiseite, der sich sowieso anscheinend ausschließlich mit dem Finale Irland gegen Bulgarien heute befasste. Er hatte Remus wissen lassen, dass Sirius' Aktionen mit den großen, bunten Postvögeln für Harry ein absolutes Himmelfahrtskommando waren und der Werwolf ihren gemeinsamen Freund doch bitte diesbezüglich zur Vernunft bringen sollte. Leider hatte Severus wenig Hoffnung auf Erfolg in dieser Angelegenheit. Sirius war stur – gerade was sein Patenkind anging – und Remus in den meisten Fällen einfach zu nachgiebig. Severus konnte sich bildlich vorstellen, wie Sirius mit einem herzerweichenden Hundeblick vor Remus stand und ihm sein Leid darüber klagte, dass er sonst doch keine Möglichkeit habe, den Kontakt zu seinem geliebten Patenkind, für das er so lange nicht da sein konnte, zu halten. Dem würde Remus nicht standhalten, das wusste Severus. Nur leider wusste er genauso gut, dass Sirius nicht nur sich damit grob gefährdete und dass er selber sich nicht zu den beiden aufmachen und dem Ex-Häftling selbst ins Gewissen reden konnte.

‚Wann habe ich in meinem Leben eigentlich den Wunsch nach ewiger Herausforderung geäußert?'

Diese Frage stellte Severus sich gerne, wenn ihn eine Situation, die er zwar durchschaute, aber nicht lösen konnte, wieder einmal frustrierte.

Da ihn auch seine aktuelle Tüftelei am Wolfsbanntrank nicht weiterbrachte und ihm ohnehin irgendwie die Kerkerdecke auf den Kopf zu fallen drohte, räumte Severus seine Sachen zusammen und machte sich zu einem Spaziergang über die Ländereien auf. Dies war für ihn eine absolute Entspannungsvariante, denn außer vielleicht Hagrid bestand hier kaum die Gefahr, jemandem zu begegnen, sodass Severus sich richtig fallen lassen konnte. Die meisten seiner Kollegen, die sich nicht auf Ferien-Familienbesuch befanden, waren in beinahe hysterischer Hochstimmung – sei es der WM oder der Ausrichtung des großen Balls wegen. Doch genau diese Stimmung brauchte er jetzt nicht. Er wollte Ruhe, Entspannung von den seltsamen und beunruhigenden Ereignissen der letzten Zeit – einfach mal den Kopf abschalten.

Am Ufer des Sees blieb er stehen und sah auf das Wasser hinaus. Diesen Weg war er oft mit Lydia gegangen, wenn sie für sich sein wollten und einfach das Gefühl von Freiheit brauchten. Severus seufzte leise, während er seinen leicht ziellosen Gang Richtung Verbotener Wald fortsetzte. Er dachte in letzter Zeit wieder sehr oft an seine Schwestern – gerade an Lydia. Es war nicht so, dass er Max weniger liebte, doch sie war nie – für ihn direkt – in Gefahr gewesen. Bei Lydia hatte er es mitangesehen, hatte sie aus ihrer gemeinsamen Heimat treiben müssen, um sie zu schützen – und letzten Endes waren sie immer noch Zwillinge.

‚Ich hoffe, sie konnte sich ein schönes, sorgenfreies Leben aufbauen.', dachte sich Severus. ‚Wenigstens sie.'

Doch trotz allem glaubte er, dass irgendetwas in der letzten Zeit dafür verantwortlich war, dass er immer wieder aus den banalsten Gründen heraus an seine Zwillingsschwester denken musste. Mit leichtem Kopfschütteln ging er an Hagrids Hütte vorbei, als er etwas Irritierendes von innen vernahm.

„Bon-jour. Jem … äh … je m'appelle Hagrid."

Severus blieb einen Moment neben dem angelehnten Fenster stehen und lauschte. Tatsache: Hagrid lernte offensichtlich Französisch. Eigentlich sehr lobenswert, doch die Mischung des groben Akzents des Wildhüters und der Tatsache, dass er alles so aussprach, wie es geschrieben wurde, führte schließlich dazu, dass Severus sich ein leises Lachen nicht verkneifen konnte.

„Bei Merlins Bart, das lern' ich nie! Warum hat Dumbledore bloß gesagt, wir sollen uns damit auf den Besuch vorbereiten? Er weiß doch, dass ich sowas nicht kann!"

Nach diesem Fluchen Hagrids entfernte sich Severus wieder von der Hütte. Und er vermutete, dass er nicht der einzige war, der sich über Hagrids Sprachversuche amüsierte: Bei ihm und – soweit er wusste – auch bei keinem anderen Kollegen war die Aufforderung zum Grundsprachkurs eingegangen und zumindest von Severus wusste der Direktor, dass er so ziemlich kein Französisch und nur ein paar Brocken Russisch sprach.

‚Die ich wohl auch ein bisschen aufbessern sollte.', kam es Severus in den Sinn und er beendete seinen Spaziergang doch früher als gedacht. ‚Schließlich nehme ich an, dass es an mir sein wird als „alter Kamerad", Igor im Auge zu behalten. Da kann es wohl nicht schaden, ihm sprachtechnisch ein bisschen entgegen zu kommen – nur um sicherzugehen.'

Zwar ging Severus nicht davon aus, dass Igor Karkaroffs Englisch so verkommen war, dass eine Kommunikation nur auf Russisch möglich sei, aber er wollte dem anderen Ex-Todesser nicht die Möglichkeit geben, irgendwas in der Tarnung einer fremden Sprache auszuhecken. Das hieß in der Praxis: Ein kleiner Umweg über die Bibliothek, ein Ignorieren des argwöhnischen Blickes von Madame Pince bei der Mitteilung, er würde zwei Bücher über die russische Sprache mitnehmen und dann ein Verschanzen in seiner Wohnung mit eben diesen Büchern.

Ein Scheppern riss Severus mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Zunächst wusste er nicht, was das zu bedeuten hatte, doch dann sah er, dass das Wasserglas, das immer auf seinem Nachtschrank stand, auf den Boden gefallen und in Einzelteile zersprungen war. Reflexartig griff Severus nach seinem Zauberstab und beseitigte Wasser und Scherben, bevor er sich fragte, wie das überhaupt passiert war. Doch bevor er darauf bewusst eine Antwort fand, spürte er etwas, dass sich wie ein kleiner elektrischer Impuls anfühlte, durch seinen linken Unterarm schnellen und seine Hand zuckte leicht. Während er die Hand ein paar Mal prüfend zur Faust ballte, legte er die andere auf die schmerzende Stelle am linken Unterarm. Er spürte eine beunruhigende Hitze und ging mit schnellen Schritten ins Bad, um sich im hellen Licht die Stelle besser ansehen zu können und sie gleich zu kühlen. Das kalte Wasser tat Severus gut, doch was er sah oder vielmehr was er nicht sah, irritierte ihn: Schmerzen solcher Art an dieser Stelle kannte er nur vom Dunklen Mal, dem Kennzeichen Voldemorts. Doch das Zeichen war nicht zu erkennen, nicht einmal im Ansatz! Die Stelle war leicht rot, sah aber nach dem Kühlen schon erheblich besser aus und immer wieder zuckte dieser kleine Schlag durch seinen Arm.

‚Als würde es wollen, dass ich irgendetwas tue... doch was?'

Severus ließ sich auf seinen Badewannenrand sinken und seine Gedanken rasten. Zu seinen aktiven Todesserzeiten war es einfach gewesen: Das Mal wurde deutlicher, umso näher man Voldemort körperlich kam und es leuchtete auf und brannte, wenn dieser nach einem verlangte. Aber so etwas wie jetzt war noch nie passiert.

‚Vielleicht ist es auch einfach nur eine Reaktion meiner Psyche auf die Tatsache, dass Karkaroff bald hier sein wird – und mit ihm die Konfrontation mit der Vergangenheit.'

Severus versuchte sich ansatzweise zu beruhigen. Er feuchtete einen Verband halb an und wickelte ihn um den schmerzenden Unterarm. Langsam ging er wieder in sein Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Er war zwar nicht müde nach dieser Aufregung, aber was sollte er tun? Zu Dumbledore gehen?

‚Das bringt nichts.', erklärte er sich selber. ‚Wie festgestellt, weiß ich ja selber nicht, was das bedeutet. Und wenn es etwas gibt, womit Albus sich nicht auskennt, ist es das Dunkle Mal! Wie soll ein Außenstehender es verstehen können, wenn es nicht mal der Träger selber versteht?'

Logisch war das zwar, aber so ganz zufrieden stellte ihn dieses Fazit auch nicht.

Der restliche Schlaf, der ihn dann doch noch übermannte, war nicht gerade gut und so riss ihn viel zu früh ein Hämmern gegen seine Tür hoch.

„Ja, schon gut, ich komme ja!"

Murrend stand er auf, warf sich seinen Morgenmantel über und schlurfte an die Tür. Kaum war diese offen, stand der Direktor auch schon in Severus' Wohnung und zu behaupten, Dumbledore wäre aufgebracht, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts!

„Severus, weißt du, was da heute Nacht los war?"

„Albus, bis gerade eben habe ich noch geschlafen, also bitte ganz langsam: Was war heute Nacht wo los?"

Mit einer Hand fuhr Severus sich über die noch vom Schlaf gezeichneten Augen. Erst jetzt schien der Direktor zu versuchen sich zu beruhigen und Severus bot ihm mit stummer Geste an, sich zu setzen, was Dumbledore auch tat.

„Ach, Severus," seufzte er schließlich, „ich dachte nur, diese Zeiten lägen lange hinter uns."

Damit reichte er ihm eine Frühausgabe des Tagespropheten. Schon der Blick auf die Titelseite ließ Severus' Blut auf einen Schlag in den Adern gefrieren: ein funkelndes Schwarzweißbild des Dunklen Mals! Darüber prangte die Schlagzeile „Szenen des Grauens bei der Quidditch-Weltmeisterschaft". Mit leicht zitternden Händen überflog Severus den Artikel:

„Ministerium versagt … Täter nicht gefasst … laxe Sicherheitsvorkehrungen … unkontrolliertes Treiben schwarzer Magier … Schande für das Land … mehrere Leichen aus dem Wald getragen?"

Sein Blick schnellte hoch.

„Ist das bewiesen?"

„Nein."

Dumbledore klang wütend.

„Das hat die feine Autorin, soweit ich weiß, nur zur Stimmungsmache hinzugesetzt."

Ein Blick auf den Namen ließ auch Severus verstehen: Rita Kimmkorn, die reißerischste Reporterin diesseits des Atlantiks. Noch einmal blickte Severus auf das Foto.

„Aber das Mal ist definitiv echt."

„Ich hatte befürchtet, dass du das sagen würdest.", seufzte Dumbledore nun wieder.

Severus atmete einmal tief durch, legte die Zeitung zur Seite und fand dann zu seiner gewohnten, kühlen Rationalität zurück.

„Was wissen wir denn sicher?"

„Ich warte noch auf genauere Informationen aus dem Ministerium," antwortete Dumbledore, „aber bislang wissen wir, dass sich eine Gruppe Maskierter der Muggelfamilie, die den Platz vermietet hat, bemächtigt, sie gedemütigt und vorgeführt hat. Über Verletzungen ist mir noch nichts bekannt. Es gab dann Gefechte mit den Ministeriumsleuten vor Ort, aber – wie du gelesen hast – keine Festnahmen. Durch die Masken konnte man niemanden identifizieren, aber das Zeichen deutet eindeutig auf Todesser hin."

Severus nickte.

„Was denkst du?", fragte Dumbledore.

„Schwer zu sagen… auf der einen Seite war diese Weltmeisterschaft natürlich ein idealer Ort: Es hatten so viele Leute Zutritt, dass – gerade nach einer Panik – niemand mehr sagen kann, wer wo gewesen ist. Andererseits ist solch ein ungeplantes, chaotisches Vorgehen eigentlich unüblich. Ich könnte mir eher vorstellen, dass sich da ein paar einfältige Zeitgenossen von damals aus einer Laune heraus zusammengetan haben und später – um die Panik auszunutzen – das Mal beschworen haben. Das kann so ziemlich jeder, der mal Todesser war."

„Was ist das?", fragte Dumbledore plötzlich und deutete auf Severus linken Unterarm.

Der Ärmel des Morgenmantels war hochgerutscht und der Blick des Direktors auf den notdürftigen Verband gefallen.

„Ach ja, das…"

Severus wickelte das mittlerweile trockene Tuch ab und zeigte dem Direktor die Stelle, die wieder so aussah wie immer – mit leichten weißen Konturen, die man aber auch für alte Narben halten konnte.

„Ich hatte heute Nacht so ein Ziehen im Arm…"

„Haben sie dich gerufen?", unterbrach ihn der Direktor fast hektisch.

„Nein."

Severus schüttelte den Kopf.

„Es war anders. Bei einem Ruf brennt das Mal und erscheint völlig klar. Gestern war es eher so ein Gefühl wie von kleinen elektrischen Impulsen. Aber vielleicht…"

„Vielleicht was?"

„Nun, ich habe noch nie davon gehört, dass so etwas passiert ist, aber vielleicht hat das Mal irgendwie darauf reagiert, dass in seinem Namen etwas vor sich geht. Ich meine, diese Reaktion und gleichzeitig dieser Aufmarsch bei der Weltmeisterschaft wäre doch eigentlich der Zufälle zuviel, oder?"

Prüfend sah er den Direktor an.

„Du hast Recht…"

„Wie gehen wir jetzt vor?", fragte Severus sachlich.

„Ich werde weiter auf mehr Details des Vorganges warten.", erklärte Dumbledore. „Sollte man mich nicht von sich aus ins Bild setzen, werde ich Minister Fudge und ein paar anderen Leuten einen Besuch abstatten."

‚Ihnen auf die Füße treten, genauer gesagt.', ergänzte Severus gedanklich.

„Du, Severus," fuhr der Direktor fort, „könntest vielleicht versuchen, dich bei alten Kontakten umzuhören."

Wieder nickte Severus. Er würde es wohl mal bei Lucius Malfoy versuchen. Zwar glaubte er nicht, dass dieser eine solch planlose Aktion anzetteln würde, aber Severus kannte ihn auch gut genug, um zu wissen, dass Lucius eine solche sich bietende Gelegenheit nicht verstreichen lassen würde.

‚Und High Society, die etwas auf sich hält, wird doch zum Finale der Quidditich-WM im eigenen Land gehen…'

Schon in den Plänen, wie man ein Treffen am Besten anstellen konnte, versunken, verabschiedete Severus den Direktor, der sich wieder aufmachte, um für Informationen erreichbar zu sein.