Kapitel 2 – Wenn sich die eine Tür schließt...
Am nächsten Morgen wurde Harry von Rons Schnarchgeräuschen geweckt, die das gesamte Zimmer erschütterten. Kombiniert mit Dudleys Schnarchen aus dem Raum nebenan glich es wie ein Kampf zwischen Banden.
Harry kicherte. Onkel Vernon musste es lieben. Natürlich schnarchte er selbst ebenfalls ziemlich laut, so dass er das Schnarchkonzert wahrscheinlich verpasste.
Plötzlich schwang die Tür zu Harrys Zimmer knarrend auf und eine verstimmte Hermine steckte ihren Kopf herein.
„Schnarcht er immer so laut?", fragte sie gereizt.
„Ja, so ziemlich", erwiderte Harry grinsend. Er zog die Bettdecke eng über seine nackte Brust, als er sich plötzlich seines unbekleideten Zustands bewusst wurde. „Ähm, was machst du hier, Hermine?"
Hermines Gesicht nahm einen leichten Rotton an, als ob sie gerade eben realisierte, was sie getan hatte. Er bemerkte, wie ihr Blick auf Rons entblößter Brust geheftet blieb, der unbedeckt und die Arme weit ausgebreitet auf seinem Bett lag.
„Hermine", wiederholte Harry.
Sie zuckte zusammen. „Oh! Ich meine, ähm... ich konnte bei all dem Krach einfach nicht schlafen. Ich werde jetzt zur Winkelgasse apparieren und ein paar Bücher bei Flourish und Blotts kaufen, die uns bei unserer Suche helfen könnten. Ich bring uns auch gleich Frühstück mit. Versuche du, unser Dornröschen hier zu wecken. Wir haben eine Menge zu tun, wenn ich wieder zurück bin."
Hermine hatte glücklicherweise daran gedacht, Sandwichs und Snacks mitzubringen, als sie am vorigen Tag angekommen war, die sie nun in Harrys Zimmer verspeisten. Er war dankbar, dass sie angeboten hatte, Frühstück zu holen, und ihm erspart hatten, ihnen erklären zu müssen, dass die Dursleys ihnen kein Essen zur Verfügung stellen würden.
„In Ordnung. Sei vorsichtig", sagte Harry nach dem Essen.
„Harry, ich gehe doch nur in die Winkelgasse. Ich werde wieder zurück sein, bevor du es überhaupt bemerkst. Was essen die Dursleys gerne? Ich könnte ihnen auch etwas mitbringen."
Harry starrte sie nur an. „Du... du... du willst Frühstück für die Dursleys holen?", fragte er, unfähig diesen Gedanken nachzuvollziehen.
„Naja, wenn ich etwas für uns besorge, wäre es nur höflich. Ich glaube, dass ihr euch vertragen könntet, wenn wir uns nur bemühen. Du bist schließlich immer noch ihr Neffe und Tante Petunia hat dich aufgezogen, seit du ein Baby warst. Sie hat dich um Hilfe gebeten und ich denke, das ist die Gelegenheit, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, Harry."
Harrys Mund öffnete und schloss sich geräuschlos. War seine Freundin jetzt vollkommen übergeschnappt? Er wusste genau, was passieren würde, wenn Hermine Essen für die Dursleys heimbrachte – sie würden es sich lieber über ihre Köpfe kippen als es anzurühren. Das hatten sie letztes Jahr mit dem Wein, den Professor Dumbledore ihnen angeboten hatte, zur Genüge bewiesen. Harry kannte Hermine jedoch auch gut genug, um zu erkennen, dass nichts, was er sagte, sie von ihrem Vorhaben abbringen konnte.
„Warum besorgst du nicht einfach eine Auswahl an Pasteten?", schlug er deshalb vor. Ihn belustigte der Gedanke, dass Hermine in ihrem letzten Kreuzzug beabsichtigte, die Dursleys aufzuklären. Harry wusste, dass sie selbst mit den Hauselfen eine größere Erfolgschance besaß. Mit Ron, der versuchte, wie ein Muggle zu leben, und Hermine, die sich bemühte, die Dursleys zu zivilisieren, würde sich ihm die größte Unterhaltung bieten, die er in seinem ganzen Leben am Ligusterweg erlebt hatte.
Nachdem Hermine aufgebrochen war, ging Harry unter die Dusche – es wurde eine sehr lange Dusche, da er sich abermals in Gedanken an Ginny verfing – und versuchte anschließend, Ron aufzuwecken. Er rief seinen Freund mehrere Male. Als das nichts brachte, knallte er ihm ein Kissen auf den Kopf.
„Was zur... Verdammt, Harry. Wofür war das denn?", fragte Ron mürrisch, warf das Kissen zurück zu Harry und zog sich die Bettdecke über den Kopf.
„Komm, steh auf. Hermine hat mir aufgetragen dafür zu sorgen, dass du aufgestanden und angezogen bist, wenn sie zurückkommt", sagte Harry und grinste, als Ron bei der Erwähnung von Hermines Namen sofort aufhorchte.
„Was? Von wo zurückkommen? Wo ist sie?", wollte Ron wissen.
„Sie ist zu Flourish und Blotts gegangen, um uns Recherchematerialien zu besorgen und außerdem Frühstück mitzubringen", antwortete Harry, während er Ron dessen Morgenmantel zuwarf.
„Die Dusche spinnt manchmal mit dem heißen Wasser. Wenn es zu heiß wird, rüttle einfach am Hahn und es stellt sich wieder zurück", sagte Harry.
„Am Hahn rütteln", wiederholte Ron verständnislos.
„Ja", sagte Harry abwesend und öffnete das Fenster, um die Eule, die den Tagespropheten brachte, einzulassen. Er bezahlte die Eule und wandte sich zu Ron um, der sich immer noch nicht von der Stelle gerührt hatte.
„Was ist?"
„Ich kann der Dusche nicht einfach sagen, wie heiß ich sie haben will?", fragte Ron in einem Tonfall, der mehr einem Wimmern glich.
Harry erinnerte sich an seinen ersten Sommer im Fuchsbau, als er nackt in Rons Dusche gestanden hatte und vollkommen verwirrt über das Fehlen eine Hahnes zum Auf- und Abdrehen des Wassers gewesen war. Es hatte sich bereits überall an seinem Körper eine Gänsehaut gebildet, bevor ihm endlich in den Sinn gekommen war, das Wasser einfach darum zu bitten hervorzuplätschern.
Grinsend erbarmte sich Harry seines Freundes und sagte: „Komm. Ich zeige dir, wie die Normalbevölkerung lebt."
Als Ron seine Dusche beendet hatte und zu Harrys Zimmer zurückgekehrt war (unter dem Gemecker von Tante Petunia über die Wasserverschwendung), war Hermine von ihrem Besuch in der Winkelgasse wiedergekommen.
Sie platzte in übler Laune ins Zimmer und wischte sich wütend die Haare aus dem Gesicht. Sie ließ einen schweren Packen von Büchern auf Harrys alten Schreibtisch fallen und warf einen Kasten aufs Bett, der mehr Pasteten enthielt als Ron jemals verdrücken könnte.
„Deine Verwandten hatten keinen Hunger, also haben wir sehr viel zu essen", sagte sie steif.
Harry versuchte wirklich sein Bestes, ein Grinsen zu unterdrücken. Wirklich.
„Was haben sie getan? Dich damit beworfen?", wollte er wissen.
„Sie schienen den Eindruck zu haben, dass ich etwas an den Pasteten gedreht habe. Ehrlich, Harry, ich glaube nicht, dass du jemals versucht hast, sie zu vergiften. Deshalb weiß ich nicht, was der ganze Aufstand soll", schnaubte sie.
„Sie hassen alles – und jeden – , das mit Magie zu tun hat. Es hat nichts mit dir zu tun, Hermine. So sind sie einfach", erwiderte Harry achselzuckend.
Hermines Augen verengten sich. „Also das ist genauso engstirnig wie die Ansicht der Malfoys über Muggle."
Harry stimmte ihr zu. „Ja. Jetzt, wo du es erwähnst, ich denke, Dudley und Malfoy könnten tatsächlich Freunde werden."
„Das ist ein beunruhigender Gedanke", sagte Ron mit einer Grimasse. Er hatte bereits den Kasten mit den Pasteten geöffnet und hielt je eine in jeder Hand. Er biss von einer ab, so dass Marmelade auf sein Gesicht spritzte. Langsam leckte er sie ab. „Mmmm, die sind toll. Ich liebe dich, Hermine."
Hermines Wangen färbten sich rot, während sie eilig wegschaute und sich selbst eine Pastete herausnahm.
Harry war sich nicht sicher, was zwischen seinen zwei besten Freunden vorging. Er hatte angenommen, dass sie bei Dumbledores Beerdigung vielleicht zu einer Art Einigung gekommen seien, doch sie hatten ihm gegenüber nichts verlauten lassen. Ehrlich gesagt verhielten sie sich so wie immer – außer, dass sie nun zum Erröten neigten.
Er wusste nicht, wie er dazu stand. Er wollte, dass seine Freunde glücklich waren, doch der Gedanke daran, am Außenrand zu stehen und zuzusehen, wie sie sich verliebten, während sein eigenes Herz schmerzte, war mehr als er ertragen konnte.
Ginny.
Doch die Dinge standen anders für Ron und Hermine. Sie waren bei dieser Suche nach den Horkruxen zusammen. Sie waren ein Team und arbeiteten miteinander um einiges besser als ohne den anderen. Harry beobachtete seine Freunde aus den Augenwinkeln, während er aß. Ron leistete gute Arbeit mit seinen beiden Pasteten. Doch Harry bemerkte, wie er ab und zu innehielt, um Hermine heimlich anzuschauen. Hermine hielt es sehr viel diskreter, warf Ron jedoch ebenfalls den einen oder anderen Blick zu. Harry schloss, dass zwischen ihnen wirklich starke Gefühle bestehen mussten, wenn Hermine Ron von Essen ablenken konnte.
Für Ginny und ihn war es doch anders, oder nicht? Er musste sie beschützen... sie war besser aufgehoben, wenn sie fern von ihm war. Dennoch wütete der Kampf in seinem Geist. Die wenigen Wochen über, die sie zusammen verbracht hatten, hatte Harry das Gefühl gehabt, er könne alles überwinden. Er hatte sich so viel stärker gefühlt, als er sie an seiner Seite gewusst hatte.
Nein! Stopp!
Er durfte es nicht tun. Er durfte seinem verräterischen Herzen nicht einmal erlauben, es auch nur zu denken. Ginny durfte nicht in seiner Nähe sein.
Er war derjenige, der diese Sache erledigen musste. Selbst wenn Ron und Hermine mit ihm auf die Jagd nach den Horkruxen gingen, hatte er nicht die geringste Absicht, sie auch nur in die Nähe von Voldemort zu lassen, wenn die letzte Schlacht tobte. Er würde es mit Voldemort aufnehmen, und vielleicht dabei sterben, doch er würde sicherstellen, dass keiner seiner Freunde in der Nähe war, wenn es soweit war. Er würde niemals zulassen, dass einem von ihnen Schaden zugefügt wurde. Vor allem Ginny.
Ungebeten formte sich in seinem Geist das Bild von Cedrics leblosen Augen, die ihm aus dem gebrochenen Körper auf dem Friedhof entgegenblickten. Harry erschauderte, als seine Gedanken ihm einen Streich spielten und den Körper zu der Gestalt von Ginny verzerrten. Ihre warmen, braunen Augen – Augen, die einen Eisberg zum Schmelzen bringen konnten – starrten leer, beinahe anklagend, durch ihn hindurch. Er konnte es nicht geschehen lassen. Er würde es nicht geschehen lassen.
Harry blickte gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Hermine mit einer Serviette die Marmelade, die an Rons Mundwinkel haftete, abwischte. Es wäre falsch von Harry, ihnen ihr Glück zu missgönnen, unabhängig davon, wie sehr sich sein Herz danach verzehrte. Hatte Professor McGonagall nicht gesagt, dass Professor Dumbledore glücklicher als alle anderen gewesen wäre, daran zu glauben, dass es ein wenig mehr Liebe auf der Welt gab?
Dumbledore hatte Harry persönlich erzählt, dass Liebe seine größte Stärke war. Warum drängte er sie also weg?
Nein!
Es war anders mit Ginny und ihm. Alles stand immer anders für ihn. Sonst er würde noch erreichen, dass sie aus dem Weg geräumt wurde, oder sie zwingen, seinen Tod mit ansehen zu müssen. Nein. Es war um ihretwillen besser, sie fernzuhalten. Er wollte ihr ersparen, den Schrecken und Schmerz erleiden zu müssen, den er empfunden hatte, als er zugeschaut hatte, wie Sirius durch den Schleier gefallen war.
Harry schüttelte den Kopf, um seine Entschlossenheit zu bestärken. So musste es sein.
„Okay." Hermines Stimme riss Harry aus seinen Gedanken. „Lasst uns mit diesem Zimmer anfangen. Es könnte definitiv einige Verbesserungen vertragen." Ihr Blick verfinsterte sich zunehmend, während sie ihn über die Stapel von kaputtem Spielzeug in den Ecken und den ausgeleierten Zustand von Harrys kleinem Bett schweifen ließ. Sie zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel.
„Wir können nicht zaubern", sagte Harry schnell. „Das Ministerium kann nicht herausfinden, wer Magie verübt, nur dass es hier geschehen ist, und ich werde eine weitere Ermahnung erhalten. Dumbledore hat mir erklärt, dass das der Grund dafür war, dass ich den Brief bekommen habe, als Dobby den Pudding meiner Tante schweben ließ."
„Kein Grund zur Sorge, Kumpel", sagte Ron mit voll gestopftem Mund. „Mein Dad meinte, er würde Matilda Hopkirk im Ministerium bescheid geben, dass Hermine und ich diesen Sommer hier wohnen, und wir sind beide volljährig."
„Also... dann... werden sie nichts unternehmen, wenn ich meinen Zauberstab benutze. Richtig?", fragte Harry und runzelte die Stirn.
„Nein, Harry", sagte Hermine fest. „Du bist noch minderjährig und wir müssen uns an die Regeln halten, wenn wir Schwierigkeiten mit dem Ministerium vermeiden wollen. Sie könnten immer noch Priori Incantatum benutzen, um zu überprüfen, ob dein Zauberstab benutzt worden ist. Lass Ron und mich die Zauber ausführen, während wir hier sind."
Harry stierte finster vor sich hin, während er den vertrauten Groll in sein Herz steigen spürte. Dumbledore hatte immer versucht ihn abzuschirmen und nun konnte man deutlich sehen, was für einen Ausgang es genommen hatte. „Ja. Ich werde mich einfach zurücklehnen und ein guter Junge sein – wie immer."
„Richtig", sagte Ron und würgte einen Bissen seiner Pastete hinunter. „Du bist ja auch so gut darin, dich aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Es ist doch nicht deine Schuld."
Auf Harrys Gesicht breitete sich ein widerwilliges Grinsen auf. „Ach halt die Klappe", murmelte er, aber es hatte keinen Zweck. Es war einfach unmöglich, übelgelaunt zu bleiben, wenn er Ron und Hermine bei sich hatte.
„Also... was für Veränderungen hast du im Sinn?", fragte er an Hermine gewandt.
„Oh, so etwas zum Beispiel", sagte Hermine viel zu beiläufig, so als ob sie an nichts anderes gedacht hatte seit ihrer Ankunft. Sie richtete ihren Zauberstab auf das Chaos von Dudleys alten Habseligkeiten in der Ecke und ließ sie komplett verschwinden.
Sie wandte sich zu Harrys Schreibtisch und mit einem Wedeln ihres Zauberstabes verwandelte sich das angeschlagene Holz in poliertes Kirschholz und wurde doppelt so groß. Blanke Messingknöpfe erschienen an den Schubladen und über dem Tisch bildete sich ein kleines Bücherregal.
Harrys Mund klappte vor Verwunderung auseinander. „Das sieht toll aus, Hermine."
Sie war noch nicht fertig und deutete mit ihrem Zauberstab auf sein Bett, das nur aus einer abgenutzten alten Matratze und einem Kasten mit Sprungfeder bestand. Sogleich verwandelte es sich in eine Kopie seines geliebten Himmelbetts in Hogwarts, mit einer flauschigen roten Bettdecke abgerundet.
Harrys Gesicht fühlte sich an, als ob es von seinem wilden Grinsen noch auseinander brechen würde. „Abgefahren", kommentierte er.
Hermine zielte mit ihrem Zauberstab aufs Fenster. Die Bolzen mit den Gitterstäben verschwanden und das Fenster passte sich so an, dass die Flügel nach außen schwingen konnten, um eine angenehme Sommerbrise einzulassen. Leinenvorhänge in demselben Rotton wie sein Bett erschienen, mit goldenen Borten zurückgebunden.
Harry hatte noch niemals Vorhänge in seinem Zimmer gehabt und es ehrlich gesagt nie wirklich bemerkt. Er war verblüfft von dem Unterschied, den sie ausmachten.
„Oh, ich weiß, was ich damit machen will", sagte Ron angewidert.
Harry drehte sich um und sah ihn auf die Katzenklappe an der Tür deuten.
„Was ist das?", wollte Hermine wissen.
Bevor Harry das Thema wechseln konnte, antwortete Ron ihr: „Sie haben Harrys Essen dadurch geschoben, als sie ihn im ersten Jahr hier eingeschlossen haben."
Hermines Lippen kniffen sich zusammen. „Was hast du im Sinn, Ron?", fragte sie mit schriller Stimme.
„Weißt du noch das Drive- in- Ding, zu dem deine Eltern uns gestern mitgenommen haben?", entgegnete Ron grinsend.
Hermines Gesicht hellte sich auf. „Ich weiß genau, was du im Sinn hast."
Harry runzelte die Stirn. Er wollte, dass sie zusammen waren, aber er war nicht sicher, ob er diese Geheimsprache gutheißen sollte, die nur sie zu verstehen schienen. „Hä?"
Hermine richtete ihren Zauberstab darauf, doch die Katzenklappe blieb unverändert.
„Hat's geklappt?", fragte Ron.
„Probier es doch mal aus", erwiderte Hermine.
Ron legte sich mit dem Bauch vor die Tür.
„Was machst du da?", wollte Harry verblüfft wissen.
„Ich hätte gern drei Cheeseburger und Pommes bitte", sprach Ron zu der Katzenklappe.
Bevor Harry überhaupt die Gelegenheit hatte, Ron zu fragen, ob er verrückt geworden war, glitt das Essen, das Ron bestellt hatte, aus der Klappe. Harry blinzelte entgeistert.
„Schönen Tag noch", erklang eine Stimme aus der Katzenklappe.
Hermine grinste und Ron wirkte, als ob er gestorben wäre und nun in den Himmel stieg. Er wickelte einen Cheeseburger aus und biss hinein. „Mmmm."
„Was hältst du davon, Harry?", hörte Harry Hermine fragen.
Noch immer klebten seine Augen an der Klappe. Langsam breitete sich ein entzücktes Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Ich denke, der Duft von dem Essen allein wird Dudley in den Wahnsinn treiben."
„Hier auf dem Boden ist es aber ganz schön kalt", sagte Ron, seine Stimme von dem Burger gedämpft. „Kannst du etwas dagegen machen, Hermine?"
Hermine wedelte abermals mit ihrem Zauberstab und ein üppiger, weicher Teppich bedeckte den Boden. „Es wird aber langsam ein wenig eng hier", überlegte Hermine, bevor sie die Augen schloss.
Harry klappte vor Erstaunen der Mund auf, als die Wände begannen, sich nach außen zu bewegen, so dass die Größe des Zimmers sich beinahe verdoppelte. Schnell verwandelte Hermine Rons heraufbeschworenes Feldbett in eine Kopie seines Bettes in Hogwarts. „Das wär's", schloss Hermine zufrieden.
„Meine Tante wird ausflippen", strahlte Harry.
„Das Haus wird von außen kein bisschen anders aussehen. Deshalb werden sie es nur bemerken, wenn sie hereinkommen", erklärte Hermine.
„Glaub mir, Tante Petunia wird ihren Kopf hier hereinstecken. Ich bin sicher, sie stirbt vor Neugierde, was wir hier oben treiben", erwiderte Harry grimmig.
Hermine biss sich auf die Lippe. „Sie wird doch nicht wütend sein, oder?"
„Natürlich wird sie das", antwortete Harry glücklich. „Wir haben nicht nur gezaubert, mein Zimmer ist jetzt auch noch schöner als das von Dudley. Sie wird es hassen."
Hermine runzelte die Stirn. „Das wird ganz sicher kein Grund dazu sein, Harry. Sie mag zwar keine Zauberei, aber Dudley zuliebe findet sie sich allmählich damit ab."
„Wenn du meinst", erwiderte Harry. Er wusste, dass Hermine sich auf Enttäuschungen gefasst machte. Er hoffte nur, seine Verwandten würden nicht zu hart mit ihr ins Gericht gehen. Er wollte nicht sehen, wie sie sie verletzten. Sie versuchte doch wirklich nur zu helfen. Er wurde schon mit den Rüffeln fertig – er hatte genug Übung darin – doch er würde nicht zulassen, dass sie ihre Vorurteile an ihr ausließen.
Die Tage, die sie am Ligusterweg verbrachten, verstrichen nur langsam. Harry spürte die Regungen von Rastlosigkeit in ihm anwachsen, während sich unaufhaltsam der Tag näherte, an dem sie das Haus für immer verlassen würden. Er fühlte sich, als ob er eng wie in eine Trommel eingewickelt war und versenkte sich in den Büchern, die Hermine aus der Winkelgasse mitgebracht hatte, in der Hoffnung, sich dadurch ablenken zu können.
Harry hatte Schwierigkeiten beim Einschlafen, so dass dunkle Ringe unter seinen Augen auftauchten. Jede Nacht, wenn er versuchte, in Schlaf zu sinken, wühlten Gedanken und vage Erinnerungen in seinem Kopf umher, die er einfach nicht abschalten konnte.
Das Medaillon, der Becher, die Schlange und etwas von Gryffindor oder Ravenclaw...
Beizeiten verspürte er vollste Zuversicht und war bereit, die Jagd sogleich zu beginnen. Die gezwungene Einsperrung machten ihm zuschaffen und er war sich sicher, dass er eine Schicht von seinen Zähnen durch das viele Zähneknirschen abgeschabt hatte. Dann gab es Zeiten, in denen seine Aufgabe ihm so überwältigend erschien, dass ihn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu übermannen drohten. Der gefälschte Horkrux, den er immer in seiner Tasche bei sich trug, schien ihn zu verhöhnen.
Diese Momente waren es, die ihn in sich selbst zurückzuziehen und zunehmend still werden ließen. Harry konnte die besorgten Blicke spüren, die Ron und Hermine austauschten, wenn sie sich fern von seiner Beobachtung wähnten. Doch er täuschte vor, sie nicht bemerkt zu haben, und fuhr mit seiner Recherche fort.
Hermine hatte ihm die Aufgabe übertragen, alles über die Erinnerungen aus dem Denkarium niederzuschreiben, die Professor Dumbledore ihm gezeigt hatte, und zusätzlich alle Bemerkungen, die der Schulleiter über Tom Riddle fallen gelassen hatte. Sie hoffte auf Anhaltspunkte, die es ihnen erleichtern könnten, ihre Suche einzuengen. Harry hatte einen Zauber auf seine Notizen gelegt, so dass niemand anderes sie einsehen konnte. Als Passwort wählte er den Satz: Ich schwöre feierlich, dass ich ein scheißverdammter Tunichtgut bin.
Der Teil mit dem scheißverdammt war Rons Idee gewesen. Die beiden Jungen hatten sich darüber so lange kichernd ausgelassen, dass Hermine verärgert das Zimmer verlassen hatte. Rons Aufgabe war es, alte Hogwarts- Listen durchzusehen, um den mysteriösen R.A.B ausfindig zu machen. Doch schließlich hatte er es für hoffnungslos erklärt.
Hermine verbrachte die ganze Zeit damit, nach Bemerkungen über Horkruxe zu suchen, was sich so weit als sinnlos herausgestellt hatte. Es schien, als wollte niemand in der Zaubererwelt sie erörtern. Harry hatte begonnen, sie als Du- weißt- schon- was zu bezeichnen, was Ron in seine Limonade prusten ließ. Diese hatte er aus Dudleys Geheimversteck geklaut, seit er im Ligusterweg angekommen war. Harry fing an sich zu fragen, ob vielleicht die Bücherei am Grimmauldplatz Informationen über Horkruxe bereithielt – es war schließlich von Gegenständen dunkler Magie überhäuft gewesen – doch er war sich nicht sicher, ob es ausgeräumt worden war. Er konnte sich noch immer nicht dazu durchringen, dorthin zu gehen. Deshalb schob er diesen Gedanken für den Augenblick in den Hinterkopf.
Rons vollkommene Ahnungslosigkeit bezüglich normalem Muggle- Leben war komisch und Harry genoss das Gefühl, dass es nun umgekehrt war. Er konnte sich nur zu gut an die Fettnäpfchen erinnern, in die er getreten war, als er das erste Mal die Zaubererwelt betreten hatte, und wie Ron sich über seine Fehltritte lustig gemacht hatte. Rache war süß.
Mehrere Tage lang hatte sich ihr Pfad nicht mit dem der Dudleys gekreuzt. Doch an einem sonnigen Nachmittag, als das Trio Harrys Zimmer verlassen hatte, um sich im Hintergarten niederzusetzen, änderte sich alles.
„Was ist das?", wollte Ron wissen und hielt die Figur eines lustigen kleinen Mannes mit einem verknautschten Gesicht in die Höhe.
„Das ist ein Gartengnom", antwortete Harry abwesend, während er in sein Notizbuch kritzelte.
„Nein, ist es nicht", sagte Ron angewidert. „Sei doch nicht blöd."
„Das ist, was Muggle als Gnome bezeichnen, Ron", erklärte Hermine geduldig, während sie ihm sanft sein Buch zuschob. Ron war zunehmend gelangweilt von all ihren Forschungen geworden und suchte förmlich nach Ablenkungen.
„Hey, Harry, fang." Ron warf Harry den hässlichen Gnom zu, der ihn auffing, bevor er Schmutz über ihre Notizen verstreute.
Harry warf ihn ohne Kommentar zurück. Er segelte über Rons Kopf hinweg und verfehlte geradeso seinen Griff. „Ich sehe, dass du aus der Übung bist. Gut, dass wir nicht zur Schule zurückgehen. Sonst hätte ich dich wahrscheinlich aus dem Team werfen müssen", sagte Harry, während er sich bemühte, sein Gesicht unbeteiligt zu lassen. Er war ebenfalls rastlos und hatte seinen Spaß daran, Ron aufzuziehen.
„Ach, willst mich aus dem Team schmeißen, ja?" Ron zog sich bis zu seiner vollen Größe hoch. „Wer sollte dich dann vor all den Klatschern warnen, die dich die ganze Zeit verfolgen, du Auserwählter?"
Ron stürzte sich auf Harry und nagelte ihn auf den Boden. Die beiden Jungen wälzten sich auf dem Rasen und rangen miteinander, Hermines ärgerliche Rufe ignorierend, bis Ron Harry schließlich in der Gewalt hatte und ihm seinen Arm auf die Kehle drückte.
„Ja, du hast es richtig gemacht. Der kleine Zwerg konnte es noch nie leiden, dass jemand ihm die Hände an den Hals legt", erklang Dudleys Stimme aus einer Ecke des Gartens. Keiner der drei hatte ihn bemerkt, während er sie beobachtet hatte.
Harry erstarrte bei dem Klang von Dudleys Stimme, seinen Mund zu einem „o" geformt. Dudley hatte sie von ihrer Ankunft an gemieden, als ob sein Leben davon abhinge, und nicht mehr mit Harry gesprochen, seit der Zwischenfall mit der Vase geschehen war.
„Was willst du damit sagen?", fragte Ron mit harter Stimme.
„Das ist, was er immer am meisten gehasst hat, wenn ich und meine Kumpels ihn gejagt haben", sagte Dudley mit einem billigenden Nicken.
Ron rollte sich von Harry herunter und stand schnell auf, während sich seine Ohren immer dunkler färbten. Harry richtete sich auf seine Ellbogen, neugierig, wie Dudley und Ron miteinander umgingen, aber bereit einzugreifen, falls die Situation außer Kontrolle geriet.
„Ich hab mich schon immer gewundert, warum ihr rothaariger Haufen euch mit ihm einlasst und ihn zu euch eingeladen habt. Ich sehe jetzt, dass er nur deine Zielscheibe war. Ich habe ihn auch immer dafür benutzt. Er lässt einen ganz schön schnell rennen, aber man kriegt ihn doch, wenn man seine Kumpels einschaltet", sagte Dudley mit einem selbstgefälligen Grinsen.
„Wir verschwören uns nicht alle gegen Harry", entgegnete Ron empört. Er streckte seinen Arm aus und zog Harry auf die Füße, als ob er den Wahrheitsgehalt seiner Worte beweisen wollte. „Er ist unser Freund."
„Freund", äffte Dudley. „Wer will schon mit ihm befreundet sein?"
„Ich", sagte Ron heftig. „Genau wie meine Brüder, meine Schwester und alle anderen, die ihn kennen. Er ist der beste Freund, den man sich wünschen kann, und wir würden alles für ihn tun. Kannst du dasselbe von deinen Kumpels sagen, Dudley?"
Dudley erschien verblüfft von Rons kämpferischer Treue. Er blickte zwischen Ron und Harry hin und her, als könne sein kleines Hirn nicht nachvollziehen, dass jemand Harry tatsächlich mochte. „Er... er weiß, wie man mit seinem Stock- dings umgeht... aber ohne ihn ist er nichts als ein erbärmlicher kleiner Zwerg, der alles vermasselt. Er hat keine richtigen Kumpels. Meine Kumpels hängen an mir, weil sie wissen, dass ich der Stärkste bin."
„Dudley", meldete sich Hermine sachte zu Wort. „Ron und Harry haben nur rumgealbert. Sicherlich musst du und Harry irgendwann einmal klargekommen sein, während ihr zusammen aufgewachsen seid."
„Ich würde nie etwas mit der Missgeburt machen", sagte Dudley.
„Missgeburt", wiederholte Ron angewidert. „Du kennst ihn doch nicht einmal."
„Er ist Malfoy sehr ähnlich, nicht wahr? Ich habe es vorher noch nie bemerkt, aber Ron hat Recht. Er hat auch nicht wirklich viel alleine zustande gebracht – muss immer seine kleine Gang hinter ihm haben. Du hättest nach Hogwarts kommen sollen, als ich dorthin gegangen bin, Duds. Vielleicht hättest du auch einer von Malfoys Schlägertypen sein können. Ich bin sicher, sie hätten dich nach Slytherin gesteckt", sagte Harry, nicht mehr imstande sich davor zurückzuhalten, seinen Cousin zu verspotten.
„Ich werde Mum erzählen, dass du den Namen von deiner Schule ausgesprochen hast", sagte Dudley, während er rückwärts auf die Tür zuging, scheinbar verwirrt über die Treue des Trios zueinander.
„Was? Hogwarts? Aber Dudley, du hättest auch dorthin gehen sollen. Schließlich bist du ein Zauberer", entgegnete Harry.
„Harry", beschwichtigte Hermine und griff nach seinem Arm, doch Harry ignorierte sie.
„Ich hätte niemals dorthin gehen sollen. Ich bin nicht so eine Missgeburt wie ihr", verteidigte Dudley und trat einen Schritt auf sie zu.
„Er hätte eh nicht damit umgehen können, Harry", höhnte Ron. „Er wäre nur ein weiterer Crabbe oder Goyle, der sich durchschummeln muss."
„Ich bin kein Zauberer", schrie Dudley und wurde immer aufgebrachter. Seine Schweineaugen blitzten, während er seine dicken Fäuste zusammenballte.
„Ich bin überrascht, dass du es nicht ausgenutzt hast", überlegte Ron beiläufig. Er lehnte sich gegen einen Baum und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich meine... wo du doch Magie benutzen könntest und so. Wie ich von Harry gehört habe, ist es dein Lieblingszeitvertreib, kleine Kinder zu schikanieren. Ich bin mir sicher, dass du kleine Muggle- Kinder mit Zauberei wirklich Angst einjagen könntest... oder deine Kumpels so einschüchtern, dass sie alles tun, was du verlangst. So denkst du doch, oder?"
„Was meinst du damit?", fragte Dudley mit verengten Augen.
„Ron! Beachte ihn gar nicht, Dudley. Er weiß, dass du nicht zaubern kannst, ohne in Schwierigkeiten zu kommen. Und außerdem würdest du deine Freunde nicht einschüchtern wollen. Dazu ist Magie nicht da", sagte Hermine und warf Ron einen warnenden Blick zu.
Dudleys Augen blitzten, als ob ein Licht aufgedreht worden war. „Ich könnte sie alles machen lassen, was ich will, nicht wahr?"
Harry strich ein kalter Schauer über den Rücken. Dudleys Reaktion hatte ihn unheimlich an die Szenen erinnert, die er vom jungen Tom Riddle gesehen hatte. „Hör auf. Du wirst jetzt nie mehr die Gelegenheit haben, nach Hogwarts zu gehen, also ist es vollkommen irrelevant. Tante Petunia hat schon dafür gesorgt."
„Ich brauch eure dumme Schule sowieso nicht. Ich kann dieses Zeug geschehen lassen, wenn ich einfach nur wütend werde. Es passieren immer solche Sachen, wenn ich wütend bin... und ihr könnt nichts dagegen machen. Sie hat es selbst gesagt." Dudley deutete mit einem siegesgewissen Grinsen auf Hermine. „Euch ist nicht erlaubt, Zauberei auf Mubble anzuwenden."
„Es gibt dabei nur ein Problem", erwiderte Harry. „Du bist kein Muggle. Du bist ein Zauberer."
„Genug", ertönte ein wutentbranntes Zischen von Tante Petunia, die soeben den Hintergarten betrat. „Ich habe euch gewarnt, ihn nicht aufzuregen und ihm vom Leib zu bleiben. Ich werde nicht zulassen, dass ihr ihn mit euren abscheulichen Mitteln verderbt." Während des Sprechens stand Tante Petunia vor Harry, eine Hand auf ihrer Hüfte und mit der anderen ein Geschirrtuch vor seinen Augen herumwedelnd.
Dudley feixte hinter seiner Mutter. Er hatte es schon immer genossen zuzuschauen, wie Harry gerügt wurde. „Er hat gesagt, ich wäre einer von ihnen, Mummy... dass ich zau – "
„Sprich es nicht aus!", kreischte Tante Petunia, während sie herumwirbelte und ihre Hand über Dudleys Mund warf. „Hör ihnen nicht einmal zu, Spätzchen."
„Aber, Mummy, wenn du mir erlaubt hättest, zu dieser Schule zu gehen, hätte ich auch so ein Ding bekommen können. Ich wäre dann in der Lage gewesen, ihn hier im Schach zu halten", jammerte Dudley.
„Sprich nicht von solchen Dingen. Ich will es nicht. Ich will das alles nicht noch einmal durchmachen. Du bist normal, Dudley. Vergiss es niemals", sagte Tante Petunia heftig. Sie war immer blasser geworden und wirkte nun, als ob sie jeden Moment zusammenbrechen könnte.
„Aber es war meine Entscheidung, nicht deine", entgegnete Dudley, was Harry so sehr überraschte, dass ihm der Unterkiefer herabfiel. Er hatte noch nie zuvor erlebt, dass Dudley Tante Petunia offen widersprach. Üblicherweise tat es nur hinter ihrem Rücken. Tante Petunia war ebenso sprachlos und funkelte Harry an, als ob alles seine Schuld wäre.
„Ich werde nicht noch einmal darüber sprechen, Dudley. Du wirst nichts zu tun haben mit diesem Höllenloch von Schule", bekräftigte Tante Petunia mit dem Kein- Unsinn- Verhalten, das Harry so vertraut war.
Ein übles, Ekel erregendes Gefühl stieg in ihm auf, als er das Ausmaß von Tante Petunias Hass auf die Zaubererwelt – und alle Menschen in ihr – vollständig realisierte. „Du hast sie wirklich gehasst, oder?", fragte er leise.
Er hatte keine Antwort von ihr erwartet. Sie gab ihm nie eine, wenn es um seine Mutter ging. Doch sie überraschte ihn, indem sie sich ihm mit funkelnden Augen zuwandte. „Ich habe sie niemals gehasst. Ich habe gehasst, wozu sie geworden ist. Ich dachte, wenn sie mit dieser teuflischen Schule fertig war, würde sie wieder zu Vernunft kommen und zu ihrer Familie zurückkommen. Aber nein. Dein Schwachkopf von Vater hatte sie bis dahin und schau, wohin es sie geführt hat. Dann bis du auf unserer Türschwelle aufgetaucht, genauso aussehend wie er. Ich musste in ihre Augen schauen und sein Gesicht sehen. Ich werde nicht zulassen, dass mein Dudley das gleiche Ende widerfährt. Ich werde es nicht zulassen."
Harry war fassungslos. Er öffnete und schloss seinen Mund mehrere Mal, konnte jedoch keine Worte hervorbringen.
„Aber, Mum... ich könnte mächtig sein", sagte Dudley.
Harry konnte seine Ungläubigkeit nicht länger in Zaum halten. „Mächtig? Du hast schon immer andere Leute dazu gebracht, durch Reifen zu springen, seit du auf der Welt bist. Was willst du mehr?" Harrys Gedanken rasten. Hatte Magie zu der Dominanz beigetragen, die Dudley stets über seine Eltern zu haben schien? Hatte er irgendwie ihre Entscheidungen beeinflusst? Hatte er sie die ganze Zeit unbeabsichtigt dazu angestachelt, noch ein Geschenk mehr zu kaufen?
Wie üblich ignorierten die Dursley Harrys Ausbruch.
„Spätzchen", sagte Tante Petunia und legte Dudley eine Hand auf das Gesicht. „Selbstverständlich willst du nichts mit diesem Schwachsinn zu tun haben. Du bist viel zu gut dafür. Er versucht nur, dich auf seine Ebene herabzuziehen."
Dudley erschauderte. „Du hast Recht. Ich will von nichts davon angerührt werden. Ich bin normal." Dudley stürmte zu Harry und stach wiederholt mit seinem dicken Finger in Harrys Brust. „Ich bin normal. Hast du es gehört, Potter? Ich bin normal."
„Hättest mich täuschen können", erwiderte Harry, der den Gebrauch seiner Stimme endlich wiedererlangt hatte.
Ron schob Dudleys Hand zur Seite. „Behalte deine dreckigen, normalen Hände bei dir."
„Ich habe euch gewarnt, ihn in Ruhe zu lassen", zischte Tante Petunia Harry zu.
„Wir waren hier draußen, um an der Aufgabe zu arbeiten, um die du uns gebeten hast. Er war derjenige, der mit uns herausgekommen ist", erwiderte Harry.
„Dann bleibt halt in deinem Zimmer", schnappte Tante Petunia. „Himmel, wenn die Nachbarn etwas davon gehört haben, wirst du dafür zahlen. Hast du mich verstanden? Geht ins Haus und haltet euch von Dudley fern."
Nachdem Dudley und Tante Petunia ins Haus gestürmt waren, wandte sich Ron zu Hermine um. „Fällt dir wirklich noch ein Grund ein, warum Harry eine Beziehung mit diesen Leuten aufbauen sollte?"
„Weil sie seine Familie sind", sagte Hermine stur.
„Nein, das sind sie nicht", erwiderte Harry und schüttelte den Kopf. „Wir teilen das Blut von meiner Mutter, das ist alles. Ihr beiden seid schon eine lange Zeit meine einzige Familie." Harry sammelte schnell seine Bücher zusammen und verschwand im Haus, ohne Ron und Hermine noch einen Blick zuzuwerfen.
Hermines Versuche, eine Freundschaft mit Tante Petunia aufzubauen, hatten fortgesetzt. Doch sie hatten sich natürlich als vergeblich erwiesen. Harry versuchte sie davon abzubringen, war jedoch auf taube Ohren gestoßen. Er hatte sich gefragt, ob seine Tante sich vielleicht zur Abwechslung über die weibliche Gesellschaft freuen könnte. Aber Tante Petunia hatte deutlich gemacht, das sie nichts mit Hermine zu tun haben wollte. Oh, sie ließ sie mit der Hausarbeit helfen – Tante Petunia konnte nie widerstehen, jemand anderen herumzukommandieren – doch wenn es um jegliche Art von Unterhaltung ging, wurde Hermine grob zurückgestoßen.
Zuerst hatte Tante Petunia lediglich schnippisch reagiert, aber im Laufe der Zeit, als Hermines Beharrlichkeit nicht abzuebben schien, waren Tante Petunias Erwiderungen zunehmend grob und beißend geworden. Für Harry war es zu erwarten gewesen, doch er war nicht auf Rons Reaktion gefasst gewesen.
Ron war schon immer sehr schnell für Hermine eingetreten. Schon von jungem Alter an hatte er stets an jedem außer ihm selbst Anstoß genommen, der ihr zusetzte. Doch sein Zorn über die Kommentare der Dursleys zu Hermine erschien gewaltig – selbst für Rons Maßstab. Er hatte sie mehrmals bedroht und einmal hatte Harry sogar eingreifen müssen, um Ron davon abzuhalten, Onkel Vernon mit seinem Zauberstab zu traktieren. Es würde ihn nicht sehr bekümmern, wenn Onkel Vernon verhext werden würde, doch er befürchtete Schwierigkeiten für Ron wegen Muggle- Hetze.
Am Abend vor ihrer Abreise fand Harry Tante Petunia beim Abwasch in der Küche vor. Sie hatten noch keinen Zauber gefunden, der Dudleys Magie bändigen würde, was darauf zurückzuführen war, dass sie nicht wirklich die Zeit für tiefe Nachforschungen hatten. Sie hatten entschieden, einfach Hermines ursprüngliche Idee von einem Aufmunterungszauber zu verwirklichen. Harry wünschte, dass jemand schon früher, als er und Dudley noch jünger waren, daran gedacht hätte. Es hätte Harrys Kindheit wahrscheinlich sehr viel angenehmer gemacht.
„Tante Petunia", sagte Harry leise. Er hoffte, dass sein Onkel, der im Wohnzimmer fernsah, ihn nicht hören würde.
„Was ist?", schnauzte Tante Petunia.
„Wir haben etwas gefunden, das Dudley helfen sollte. Wir werden den Zauber morgen ausführen, bevor wir aufbrechen", sagte er.
Tante Petunia erstarrte. Ihre Hand, die einen Schwamm über den Küchentresen hielt, zitterte leicht. „Ihr seid sicher, dass es Dudley nicht wehtun wird?"
„Ja. Er wird es nicht einmal merken", versicherte Harry.
Tante Petunia nickte und fuhr mit dem Schrubben fort.
„Ich denke, wir werden nach Godrics Hollow gehen. Ich will die Gräber von meinen Eltern besuchen", sagte Harry. Er war sich selbst nicht sicher, warum er sich entschieden hatte, ihr diese Information mitzuteilen. Etwas in dem Wissen, dass er nie wieder zurückkehren würde, kam ihm seltsam vor. Sicherlich empfand er nichts für die Dursleys und er wusste, dass sie ihn nicht lieber mochten als er sie. Dennoch kannte er sie schließlich beinahe sechzehn Jahre lang. Sie waren seine einzige leibliche Familie. Er konnte das Gefühl nicht unterdrücken, dass er irgendetwas sagen sollte.
Tante Petunia zögerte erneut, so kurz, dass Harry sicher war, er habe es sich nur eingebildet. „Hinterlasst keine Unordnung und nehmt all eure Sachen mit euch – ich will es nicht mit seltsamen Dingen zu tun haben. Und stellt sicher, dass ihr nichts von Dudleys Sachen mitnehmt."
Harry Schultern sackten herab. „Ja, Tante Petunia", sagte er sachte und bereute seine Bemühungen bereits. Als er sich umwandte, fand er sich einer blassen Hermine und einem aufgebrachten Ron gegenüber, die im Durchgang zur Küche standen.
„Hey", sagte Harry unsicher. „Wir haben alles für morgen bereit. Lasst uns einfach nach oben gehen und weiterpacken. Wir brechen früh morgens auf."
„Was hat das hier zu bedeuten?", ertönte Onkel Vernons Stimme, der in die Küche gestapft kam und Harry, Ron und Hermine anfunkelte.
Bevor Harry antworten konnte, stieß Ron aus: „Ich glaube, Harry hat gerade gesagt, dass wir morgen aufbrechen werden."
„Gute Befreiung von schlechtem Dreck, wie ich es immer sage", murmelte Onkel Vernon, während sich seine Miene merklich aufhellte.
„Wollen Sie ihrem Neffen nicht einmal Aufwiedersehen sagen und Viel Glück wünschen?", fragte Ron in einem schnauzenden Tonfall. „Das ist sicherlich das allermindeste, was Sie tun können."
Onkel Vernon verengte seine Schweineaugen. „Dieser tatterige alte Narr, der letztes Jahr bei dir war, hat gesagt, dass du dieses Jahr volljährig wirst. Das heißt doch, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns mit deinem Unsinn herumplagen müssen, richtig?"
„Richtig", sagte Harry mit einem humorlosen Lächeln. „Ich werde schon in ein paar Wochen volljährig und ein voll qualifizierter Zauberer sein. Ich brauche eure Dienste dann nicht länger." Harry genoss den Schauder der Abscheu, den das Wort „Zauberer" bei seinen Verwandten hervorrief. Er wollte das alles einfach hinter sich bringen. Es war an der Zeit sich vorwärts zu bewegen.
„Harry", flehte Hermine. Ihre Augen huschten zwischen Harry und seinem Onkel hin und her. „Du willst doch von hier aufbrechen mit guten – "
„Ich kann es verdammt noch mal nicht fassen", stieß Ron mit flammenden Ohren hervor. „Was ist los mit Ihnen? Wissen Sie, dass mir mein Zuhause immer ein bisschen peinlich gewesen war, seit ich das erste dieses Haus hier gesehen habe, sogar mit den Gitterstäben an Harrys Fenster? Ich war so dumm, mich für mein Zuhause zu schämen, und habe gedacht, dass Harry es besser hätte. Was war ich nur für ein Idiot? Ich kann echt nicht glauben, wie blöd ich war. Jetzt erst begreife ich, warum Harry immer so überglücklich war, zu mir zu kommen. Ist ja kein Wunder. Sie sind einfach nur erbärmlich."
Harry starrte Ron mit weit aufgerissenen Augen an und entsann sich einer ähnlichen Reaktion von Mr. Weasley, als er Harry zum Quidditch Cup abgeholt hatte. Harry war niemals so stolz darauf gewesen, Ron zum Freund zu haben.
Und Ron war noch nicht fertig. „Meine Mum... meine Mum kann ganz schön brüllen. Sie könnte sogar einer Todesfee Konkurrenz machen. Aber ich weiß verdammt gut, wenn ich als ein Squib geboren worden wäre, hätte es nichts geändert. Sie wäre vielleicht enttäuscht gewesen, aber sie hätte mich nicht anders behandelt und das Gleiche von mir erwartet wie von meinen Geschwistern. Und egal, wie hart sie mit mir ins Gericht geht, sie würde es niemals zulassen, dass jemand anderes es tut. Das ist, wie Familien sein sollten. Sie erbärmliches Pack kennen Harry nicht einmal. Wie könnten Sie auch? Sie kennen die Person überhaupt nicht, die die ganze Zeit bei Ihnen war, und wissen nicht, was Harry für Sie auf sich nehmen würde, wenn Sie ihn darum bitten würden. Das Traurigste ist, dass Sie, glaube ich, es auch nicht realisieren werden, wenn er fort ist."
Harry blickte gerade rechtzeitig auf, um die Grimasse zu sehen, die Rons Gesicht überquerte, nachdem er seine Rede beendet hatte. Harry spürte einen Schauer seinen Rücken entlanglaufen. Tante Petunias Gesicht war bleich. Sie warf Harry einen schnellen Blick zu, bevor sie ihn wieder zu Boden richtete.
Ron zog seinen Zauberstab und wedelte ihn vor den Nasen der Dursley herum, die zusammenzuckten. Ron machte keine Anstalten sie zu verfluchen und Harry genoss die Behandlung, die den Dursleys zuteil wurde.
„Verdammt, wenn die Todesser Sie nur kennen würden, hätten sie das beste Anwerbungswerkzeug, das sie jemals kriegen können. Ich habe nämlich noch nie einen Muggle so stark verhexen wollen wie Sie jetzt. Und wissen Sie, warum ich es nicht tue? Weil er – ", Ron deutete auf Harry, „er mich nicht lässt. Warum, das werde ich nie verstehen. Er hat jedenfalls nichts getan, um so etwas wie Sie als Familie zu verdienen. Aber das Lustige ist ja, dass dieselben Todesser, die für Sie Verwendung hätten, es gerade, weil Sie Muggle sind, nicht tun würden. Und das Einzige, das zwischen Ihnen und den Todessern steht, ist Harry. Also schreiben Sie es sich gefälligst hinter die Ohren. Komm, Harry. Lass uns von hier verschwinden", sagte Ron und wandte sich zur Tür.
Hermine strahlte. Ihre Augen glühten vor Stolz, während sie Rons Rückzug beobachtete.
Onkel Vernons Gesicht war von Rosa zu Rot übergegangen und wies nun einen purpurnen Farbton auf. Sobald Ron seinen Zauberstab weggesteckt hatte, wurde er wieder mutiger. „Ich lasse nicht zu, dass ich in meinem Haus mit solcher Respektlosigkeit von... von... jemanden wie euch behandelt werde. Ihr werdet eure Sachen nehmen und am Morgen aus meinem Haus verschwinden", tobte er.
„Kein Problem, Onkel Vernon. Wir werden dann fort sein. Du kannst sogar mein altes Zimmer neu einrichten", sagte Harry fröhlich und verpasste der Tür zu dem Schrank unter der Treppe einen Klaps, als er daran vorbeiging.
Hermine, die direkt vor ihm lief, stoppte scharf, so dass er in sie hineinlief.
„Herm– "
„Was hast du gerade gesagt?", fragte sie mit verengten Augen.
Harrys Augen weiteten sich, als er seinen Fehler bemerkte. Er hatte Ron und Hermine nie in diese besondere Geschichte eingeweiht. Es war ihm stets ein wenig peinlich gewesen.
„Ähm, nichts. Vergiss es einfach", beschwichtigte Harry und versuchte, sie weiterzudrängen. Ron war ebenfalls stehen geblieben und starrte nun neugierig auf die Schlösser und Klemmen, die die Schranktür verzierten.
Hermine schob Harrys Arm zur Seite und öffnete die Tür. Sie keuchte bei dem Anblick des Schrankinneren auf.
Harrys Augen wanderten über sein altes, gedrängtes Quartier. Eine klumpige, abgenutzte Matratze, aus der mehrere Sprungfedern herausragten, lag auf einem Drahtgestell. Spielzeugsoldaten und zerbrochene Schachfiguren waren auf einem Regal verteilt. Die abgeschrägte Decke war von Spinnweben bedeckt und alles wurde von einer dicken Staubschicht überzogen. Harry wunderte sich, dass Tante Petunia diesen Ort nicht ebenfalls gereinigt hatte, so wie sie es immer zu tun pflegte. Es war fast, als ob sie Angst vor dem Inneren des Schranks hatte.
Harry erkannte kindische Schriftzüge an den Wänden. Einmal hatte er einige von Dudleys Buntstiften beschlagnahmt und es sich zur Gewohnheit gemacht, mehr zu klauen, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte. Er konnte die grobe Zeichnung eines Geburtstagskuchens erkennen, der mit verschiedenfarbigen Kerzen bestückt war. Er erinnerte sich daran, jedes Jahr an seinem Geburtstag eine hinzugefügt zu haben.
Zu sagen, dass Hermine explodierte, wäre eine gewaltige Untertreibung. Sie wirbelte zu den Dursleys herum, wobei sie Harrys ihr Haar ins Gesicht peitschte.
„Wie konnten Sie nur?", kreischte sie.
Tante Petunia richtete ihre Augen zu Boden, doch Onkel Vernon streckte in Verteidigung seine Brust heraus. Hermine gab ihm nie die Gelegenheit zur Rechtfertigung.
„Was ist?", fragte Ron verständnislos.
„Sie abscheuliche, verachtenswürdige Schwachköpfe. Dass ich auch nur versucht habe, Harry dazu zu bringen, netter zu Ihnen zu sein. Sie haben ihn tatsächlich in einen Schrank eingeschlossen, als er nur ein kleiner Junge war?", tobte Hermine.
„Sie haben was?", brüllte Ron, während sein Kopf wild von Hermine zum Schrank, dann zu den Dursleys und wieder zurück zu Harry schwang.
Hermine ignorierte ihn. „Sie sollten sich etwas schämen", zischte sie und erhob ihren Zauberstab.
Harry ergriff ihre Hand und zog sie fort von Onkel Vernon, gerade in dem Moment, als sie einen Zauber losfeuerte. Unglücklicherweise hatte er den Stab dabei auf sich selbst gerichtet und fand sich plötzlich kopfüber in der Luft aufgehängt.
Tante Petunia schrie auf und bedeckte ihre Augen. Onkel Vernon schirmte sie mit seinem Körper ab und drängte sie zurück in die Küche. Das Zuschlagen der Küchentür hallte in der stillen Diele wider.
„Ähm, Hermine... kannst du mich runterlassen?", fragte Harry belustigt.
Hermine keuchte und ließ Harry sanft zu Boden gleiten.
„Du hast Levicorpus benutzt. Ich kann nicht fassen, dass du einen Zauberspruch vom Halbblutprinz benutzt hast", sagte Ron verblüfft. Harry konnte Entzücken in seiner Stimme ausmachen.
„Und auch noch an einem Muggle. Legst du es darauf an, dich selbst verhaften zu lassen, Hermine?", fügte Harry hinzu und strahlte seine Freundin an.
„Oh hört auf, ihr beiden. Ich war so wütend auf sie. Ich kann nicht fassen, dass du uns nichts davon erzählt hast, Harry", sagte Hermine, während sie sich bemühte sich, angesichts ihrer lachenden Freunde ihre Würde zu bewahren.
Harry zuckte die Achseln. „Es spielt jetzt keine Rolle mehr. Lasst uns schlafen gehen. Wir haben morgen viel vor."
Er konnte sehen, dass Hermine etwas erwidern wollte, gab ihr jedoch keine Gelegenheit dazu. Er polterte vor ihnen die Treppe hinauf, woraufhin sie seinem Beispiel folgten.
Als Harry in dieser Nacht in seinem Bett lag, dauerte es eine lange Zeit, bis er schließlich einschlummerte.
