Kapitel 3 - ... Und sich eine andere öffnet

Am nächsten Morgen erwachte Harry verwirrt und angeschlagen. Er blinzelte mehrmals in dem Versuch, seinen Kopf zu klären, doch er schaffte es einfach nicht, ihn vom Kissen zu heben. Er konnte erhobene Stimmen von unten vernehmen und zog sein Kissen über den Kopf, um das Geräusch zu dämpfen. Es hatte ihn in der Nacht zuvor eine lange Zeit gekostet einzuschlafen, und er fühlte sich, als hätte er lediglich ein paar Momente gedöst. Vage Bruchstücke eines Traumes begannen in sein Gedächtnis zurückzufluten...

Er hatte auf seinem Feuerblitz gesessen und war auf der Suche nach etwas durch dunkle Tunnel gerast. Er hatte eine verzweifelte Panik verspürt, deren Bekämpfung ihn beinahe seiner gesamten Stärke bedurfte.

Immer wieder traf er auf Sackgassen, egal wohin er sich wandte.

Dudley war ebenfalls dort und rührte einen Zaubertrank um. Er hatte Harry in seinen Schrank eingesperrt, wo er bald einschlief. Seine Haare waren aus seinem Kopf gesprossen, während er schlief, und schließlich so lang geworden, dass sie unter der Schranktür hindurch gekrochen waren.

Ginny hatte ihn an seinem Haar gefunden und einen Drachen erschlagen, um zu ihm zu gelangen. Er hatte sich hinter Ginny auf den Feuerblitz geschwungen und sie waren zusammen auf den Sonnenuntergang zugeflogen.

„Großartig", murmelte Harry in sein Kopfkissen. „Jetzt träume ich schon von Märchen, nur dass ich jetzt die Rolle der Jungfrau in Not spiele." Harry wusste, dass er nie einer Menschenseele von diesem Traum erzählen würde, solange er lebte.

Die Schlafzimmertür flog auf und Ron und Hermine traten ein – munter und bereits voll angezogen. Beide wirkten sie zu optimistisch, um seiner Stimmung zu entsprechen.

„Komm schon, Harry. Steh auf. Wir müssen los", sagte Hermine herrisch.

Noch immer angeschlagen rieb Harry sich die Augen. „Wie spät ist es?"

„Höchste Zeit aufzubrechen. Ron und ich haben uns um alles gekümmert. Ich habe schon unsere Koffer geschrumpft und sie in meine Tasche hier gepackt. Lass uns gehen", sagte Hermine und versuchte, seine Bettdecke zurückziehen. „Du warst doch so begierig darauf, den Ligusterweg für immer zu verlassen, und wir haben noch so viel zu tun."

„Hermine, gib mir Zeit, mich anzuziehen", sagte Harry, während er sich die Bettdecke über die Brust zog. Er trug schließlich nur Boxershorts. Warum hatte sie es überhaupt so eilig?

„Ich habe deine Klamotten dorthin gelegt." Hermine wies auf eine Jeans und ein T- Shirt, die bereits für ihn bereit lagen.

„Danke, Mum", feixte er.

„Werd ja nicht frech.", funkelte Hermine ihn an.

„Wir treffen uns unten, Kumpel", sagte Ron, während er Hermine aus dem Zimmer zog. Er versetzte ihr einen kleinen Schubs, um sie vor sich her zu scheuchen, und drehte sich zu Harry um: „Überleg doch mal: Du bist endlich frei von diesem Haus. Mum wird durchdrehen, wenn wir nicht rechtzeitig ankommen, so dass sie dich heute Morgen nicht füttern kann. Hermine meint, dass im Orden etwas vor sich gehen muss, weil sie bemerkt hat, dass wir nicht mehr bewacht werden und keiner uns zum Fuchsbau eskortiert."

Harry hatte ebenfalls keinen der Ordensmitglieder entdecken können, doch er wusste, dass das nichts heißen musste. Da er, mit Ron und Hermine hier, genug Ablenkung hatte, hatte er nicht die Zeit gefunden, nach Ordensmitgliedern Ausschau zu halten, wie er es früher getan hatte.

Während Harry sich anzog, fiel sein Blick auf den Nachttisch, wo ein gefaltetes Blatt Papier lag, an das er sich nicht erinnern konnte. Er hob es auf und überflog die wenigen Worte, die auf der Innenseite in Tante Petunias kleiner, ordentlichen Schrift standen.

Godrics Hollow

16 Hillside Lane

Godre'r- graig, Süden von Wales

Harry schluckte hart und stopfte die Notiz in seine Tasche. Das war es: eine wirkliche, handfeste Adresse von dem Wohnort seiner Eltern – von seinem Wohnort, vor langer Zeit. Warum gab Tante Petunia sie ihm jetzt? Was es ihre Art, ihn zu verabschieden?

Er würde später darüber nachdenken müssen. Er stand auf und blickte sich noch ein letztes Mal in seinem Schlafzimmer des Ligusterwegs um. Es fühlte sich seltsam an zu wissen, dass er dieses Zimmer nie wieder sehen würde. Nicht, dass er das Bedürfnis danach verspürte, doch es kam ihm dennoch seltsam vor. Obwohl er sich schon lange nicht mehr als Kind angesehen hatte, fühlte es sich irgendwie so an, als ob er nun wirklich im Begriff war, seine Kindheit endgültig hinter sich zu lassen. Nun war er ein Erwachsener und auf sich allein gestellt.

Leicht lächelnd drehte er sich auf dem Absatz um und folgte seinen Freunden nach unten.

„Wir müssen den Zauber auf Dudley legen", sagte er, während er die letzten Stufen zu Ron und Hermine hinunter stieg, die aufbruchbereit an der Haustür standen.

„Wir haben es schon erledigt", antwortete Hermine brüsk.

„Ihr habt es schon erledigt?" Harry runzelte die Augenbrauen. Wie lange waren sie schon wach gewesen?

„Ja", antwortete Ron schnell und öffnete die Tür. Hermine wandte ihren Blick ab, als er sie und Harry vor sich aus der Tür schob.

Harry hielt im Schritt inne. „Was habt ihr getan?", verlangte er zu wissen und verengte seine Augen.

„Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest, Kumpel. Wir haben uns um alles gekümmert", versicherte Ron. Etwas an der Art seines Lächelns erinnerte Harry unheimlich an die Zwillinge.

Harry entschied, dass er wirklich nicht die Wahrheit erfahren wollte. Eine Aufgabe hatte er hinter sich – nun war es an der Zeit, Ginny entgegenzutreten. Dieser Gedanke ließ ihn frösteln. Ob es ein Schauer des Schreckens oder der Aufregung war, konnte er nicht genau bestimmen. Vielleicht war es ein wenig von beidem.

Als Hermine ihn weiter zu einer Stelle draußen dirigierte, wo sie apparieren konnten, blickte er ein letztes Mal zum Haus. Für einen Moment dachte er, er hätte Tante Petunias Gesicht im Flur gesehen. Als er jedoch nochmals hinschaute, war er leer, so dass er sicher war, es sich eingebildet zu haben. Wenn sie überhaupt dort gewesen wäre, geschah es eher zur Sicherstellung, dass sie wirklich aufbrachen, als aus Trauer über ihre Abreise.

Sie überquerten die Straße in Schweigen. Hermine hopste beinahe in ihrem Eifer. „In Ordnung. Harry, halt dich an meinem Arm fest und wir werden in Nullkommanichts im Fuchsbau sein."

Harry lächelte und wandte seinen Blick ab. Mit einem tiefen, zittrigen Atem (er weigerte sich zuzugeben, dass er nervös war) ergriff er Hermines Arm und verspürte das unangenehme Ziehen in der Brust, während er zum Fuchsbau sauste... und zu Ginny.

Harry öffnete seine Augen und erblickte das Antlitz des baufälligen Hauses, das er mehr als alle anderen Gebäude auf der Welt liebte. Obwohl etwas brüchiger, stand es noch immer und bot ein wenig Normalität gegen den aufkommenden Sturm. Harry hätte nie gedacht, dass er jemals so glücklich darüber sein würde, irgendwo zu sein. Trotz seiner Anspannung über die Aussicht, Ginny entgegenzutreten, wärmte ihm das Wissen, im Fuchsbau zu sein, sein Herz.

Hühner rannten orientierungslos im Stall umher und Harry konnte eine Handvoll Gartengnome sehen, die hinter einer Vielzahl von üppigen grünen Büschen in voller Blüte hervorlugten. Er atmete tief das Aroma von Gebäck vermischt mit dem berauschenden Duft des Sommers ein.

Der plötzliche Drang nach Obsttörtchen mit Sirup und einer warmen Begrüßung von Mrs. Weasley überkam ihn. Er musste sich zusammenreißen, nicht zur Vordertür zu sprinten und sich hineinzustürzen. Mit zusammengebissenen Zähnen lief er hinter Ron und zwang sich, langsamer zu laufen. Er hatte keine Ahnung, was er zu Ginny sagen sollte, wenn er ihr gegenüber stand, doch der bloße Gedanke daran erfüllte ihn mit solcher Hoffnung, dass ihm alles andere gleichgültig war.

Vor seinem geistigen Auge erschien ein Bild von ihr mit vom Flugtraining zerzausten Haar und einem Mehlfleck auf ihrem ansonsten makellosen Gesicht, der von dem Gebäck kam, das sicherlich schon ihre Ankunft erwartete.

Harry unterdrückte den unangenehmen Gedanken, dass sie ihn vielleicht nicht einmal sehen wollte und meiden würde. Er konnte nicht entscheiden, was schlimmer wäre – ihre Ablehnung oder ihre willkommen heißenden Arme, denen er unter allen Umständen aus dem Weg gehen musste – doch er konnte seine eigenen Füße nicht davon abhalten, schnellen Schrittes zu laufen, um es herauszufinden.

Ron öffnete die Tür und sie traten in das Chaos des Fuchsbaus. Überall stapelten sich Kästen und Papier. Umhänge hingen in Kleiderbeutel an Haken von der Decke und Harry konnte eine Reihe von hochhackigen Schuhen auf der Fensterbank sehen. In bunten Farben verpackte Kartons nahmen jedes bisschen Raum in dem Zimmer ein, das zugeben von Anfang an schon nicht besonders geräumig war. Stimmen waren aus dem Obergeschoss zu hören, ebenso wie in der Küche.

Das plötzliche Beben einer kleinen Explosion in einem anderen Zimmer ließ Hermine in Harrys Schulter taumeln, der sie beide gerade noch halten konnte, bevor sie zu Boden fielen.

„Verdammte Scheiße", gab Ron von sich, während er seinen Hals reckte, um nach Schäden Ausschau zu halten.

Harry stellte Hermine wieder auf die Füße. In genau diesem Augenblick begann Mrs. Weasley Fred anzuschreien.

„Willkommen zu Hause", sagte Ron verlegen.

Ein wildes, entzücktes Grinsen breitete sich auf Harrys Gesicht aus. „Kann mir keinen Ort denken, an dem ich lieber sein würde", antwortete er ehrlich.

„Kommt schon", sagte Hermine und nahm sie beide an die Hand. „Lasst uns nachsehen, was das war und ob deine Mum Hilfe beim Saubermachen braucht."

Hermine zog sie in die Küche, wo sie eine zerzaust aussehende Mrs. Weasley vorfanden, die mit ihrem Zauberstab zugleich Gemüse schnitt und mehrere Töpfe umrührte, während sie gleichzeitig die Zwillinge für ihre leichtsinnigen Possen schalt.

Bill saß ruhig am Tisch, wo er etwas durchblätterte, das eine Liste von Namen zu sein schien, während Charlie Weasley mit einem etwas benommenen Gesichtsausdruck ihm gegenüber hockte. Neben ihm befand sich der Grund für seine Benommenheit – Fleur gab ihm gerade Anweisungen für die richtige Schrittgeschwindigkeit, die er auf der Hochzeit bei dem Gang zum Traualtar zulegen sollte.

Harry war sich nicht sicher, ob Charlies leerer Blick von dem Thema oder einfach Fleur herrührte. Ron reagierte noch immer auf dieselbe Weise auf die schöne Teil- Veela. Hermine versteifte sich neben ihm und blickte finster zu Charlie und Fleur. Sie hatte sich nie wirklich mit dem französischen Mädchen anfreunden können und Harry fragte sich, wie sich Ginny mit ihrer zukünftigen Schwägerin verstand. Bisher hatte Ginny Fleur nicht mehr gemocht als Hermine es tat.

Für einen Augenblick verharrte Harrys Blick auf Bills vernarbtem Gesicht. Die Wunden, die Fenrir Greyback verursacht hatte, waren deutlich zu sehen und wirkten noch immer schmerzhaft. Bill jedoch gaben sie irgendwie ein raues, männliches Aussehen. Während Harry seine Narbe für all die ungewollte Aufmerksamkeit verantwortlich machte, verliehen Bills ihm eine geheimnisvolle Aura. Bill wirkte wie jemand, der die Situation unter Kontrolle hielt, und die Narben fügten Wagemut zu seiner Geschichte hinzu.

Hermine war scheinbar wie vom Blitz getroffen gewesen angesichts der Unordnung in der Küche und drückte sich im Korridor herum, während Ron auf seinen gewohnten Sitzplatz am Tisch schlüpfte und versuchte, unbemerkt zu bleiben. Harry war nicht schnell genug, es ihm nachzumachen.

„'Arry!", schrie Fleur und bewegte sich anmutig von Charlie weg. Sie umarte Harry und gab ihm je einen Kuss auf jede Wange. „Isch bin so glücklisch, disch zu se'en."

Fleur Schrei hatte den Rest der Weasley- Familie auf ihre Ankunft hingewiesen. Harry wand sich unbehaglich unter all der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde.

„Hi, Fleur. Hallo, alle zusammen ", murmelte er, während er Hitze in seinem Gesicht aufsteigen spürte.

„Oh! Ihr seid da", rief Mrs. Weasley und rauschte hinüber zu Ron, um ihn in ihre Arme zu schließen, bevor sie ihn sorgfältig untersuchte. Da sie keinen offensichtlichen Grund zur Besorgnis finden konnte, wandte sie sich um und versah Harry und dann Hermine mit derselben Behandlung.

„Wir sind da und vollkommen heil, Mum. Kein Grund, so einen Aufstand zu machen", grummelte Ron, während er sein Gesicht von den Küssen seiner Mutter abwischte.

Während Ron den Rest seiner Familie begrüßte, zog Harry sich ein wenig zurück. Er ließ seinen Blick erneut durch das Zimmer schweifen, sein verräterisches Herz für seine erbärmliche Hoffnung verfluchend. Wie sollte seine Entschlossenheit durchhalten, wenn er für den bloßen Anblick von ihr die ganze Welt eintauschen würde? Ihm stockte der Atem, als Ginny die Treppe herunterkam und am Absatz stehen blieb, während ihre Augen das fröhliche Willkommen aufnahm.

Sie sah aus wie ein Engel, so wie sie die Stufen herunterschwebte, und Harrys Herz schien von ihrem bloßen Anblick zerspringen zu wollen. Die Strahlen der Morgensonne, die durch das Küchenfenster hereinströmten, beleuchteten ihr Haar mit einem feurigen Glanz, so dass Harry das Verlangen verspürte, seine Finger hindurch gleiten zu lassen. Ihre Haare hatten sich immer so sündhaft weich angefühlt und er liebte es, sie zu berühren.

Zeit verlor für Harry alle Bedeutung und für einen kurzen Moment fühlte er wieder zurück nach Hogwarts versetzt, wo sie noch immer sein war. Ihm war bewusst, dass er sie anstarrte, doch er konnte seine Augen einfach nicht losreißen. Es bedurfte all seiner Willenskraft nicht den Raum zu überqueren und sie in die Arme zu schließen. Für einen Augenblick, der eine Ewigkeit anzudauern schien, war nichts und niemand von Bedeutung.

Ihre Augen bohrten sich in seine und während die Zeit still stand, wühlten ihre leidenschaftlichen Blicke in einander, als ob sie sich jedes Detail einzuprägen versuchten, um sie künftig in einsamen Nächten erneut durchleben zu können.

Großer Gott, sie ist wunderschön.

Das Medaillon in seiner Tasche heftig gepackt, zwang sich Harry zu atmen und seine Augen loszureißen. Das war genau der Grund, warum er sich von Ginny fernhalten musste. Er war machtlos gegenüber ihrem Liebreiz, doch es gab Dinge, die getan werden mussten, und er musste die Person sein, die sie vollbrachte.

Falls jemand anders die kurze Entgleisung seiner Entschlossenheit bemerkt hatte, sagten sie nichts, obwohl er die Hitze von Hermines Blick förmlich im Nacken spüren konnte.

Ginny betrat das Zimmer und lief zu Ron, um ihm einen sanften Rippenstoß zu verpassen. „Willkommen zu Hause, Ron. Ich bin so froh, dass du rechtzeitig angekommen bist, um einige dieser Arbeiten zu übernehmen. Eine Familie, die die Arbeit teilt, teilt auch die Freuden", sagte sie in einer Singsangstimme.

„Toll", brummte Ron. Er nahm sich einen Apfel vom Tisch und biss hinein.

„Hi, Harry. Hi, Hermine", grüßte Ginny strahlend.

Es zerbrach Harry das Herz. Er konnte es getrost Ginny überlassen zu tun, als ob sich nichts verändert hätte und diese große Wand aus Spannung zwischen ihn nicht existierte. Er war sich sicher, dass sie für alle anderen im Zimmer beiläufig klang, doch er konnte die Anspannung in ihrer Stimme hören... und er wusste, dass er es war, der sie erzeugt hatte.

Er versuchte, seinen Mund zu öffnen und die Begrüßung zu erwidern. Aber er brachte die Worte nicht über die Lippen. Seit wann war sie so eine begabte Schauspielerin?

„Hallo, Ginny", sagte Hermine. „Danke, dass du mir die Bücher geschickt hast. Sie sind wirklich nützlich gewesen."

Harrys Kopf schoss in die Höhe. Seine Augen flackerten zwischen den beiden Mädchen hin und her. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass Hermine mit Ginny in Kontakt gewesen war oder dass Ginny ihnen geholfen hatte. Verdammt! So viel dazu, sie aus der Sache herauszuhalten.

„Wie lief es mit den Muggle?", fragte Mrs. Weasley. „Sie haben euch doch keine Schwierigkeiten bereitet, oder?"

„Nichts, womit wir nicht zurecht gekommen sind", antwortete Ron mit einem selbstzufriedenen Feixen. „Und sie werden kleine Andenken an unseren Aufenthalts für die nächsten paar Jahre finden."

Fred und George grinsten verrucht. „Oh, erzähl schon. Es klingt ja so, als habe unser kleiner Ronniekins doch aufgepasst", sagte Fred, während er sich in einer theatralischen Geste unsichtbare Tränen von den Augen wischte.

„Es ist erfreulich zu sehen, dass unsere harte Arbeit letztendlich gefruchtet hat", übernahm George und seufzte schwer.

„Oh, setzt euch und macht weiter damit, die Anordnungen für die internationalen Portschlüssel zu erstellen. Wenn die Gäste Schwierigkeiten haben sollten, am großen Tag hierher zu kommen, werde ich euch beide dafür zur Verantwortung ziehen", keifte Mrs. Weasley.

„Nur keine Bange, Mum. Die Gäste werden alle sicher und rechtzeitig ankommen, um zu sehen, wie unser lieber ältester Bruder sich Fesseln ans Bein legt", sagte Fred und klimperte dramatisch mit den Augenlidern.

„Was meinst du mit dieserrr Fessel- Sache?", fragte Fleur Stirn runzelnd. „Ihrrr beide solltet eusch glücklisch schätzen, wenn ihrrr ein Mädschen findet, das sisch mit jemandem wie eusch einlassen will."

„Ganz genau!", klinkte sich Mrs. Weasley ein. „Das ist genau, was ich ihnen schon jahrelang erzähle, Fleur Liebes. Vielleicht treffen sie ja nette Freundinnen von dir auf der Hochzeit."

„Ho, ho", sagte George grinsend. „Wir werden uns dem als Mission annehmen. Mit jeder von Fleurs Single- Freundinnen zu sprechen, die zur Hochzeit kommen."

„Oh biiitte. Meine Freundinnen sind alle außerrr'alb eurerrr Liga, kleine Jungens", erwiderte Fleur herablassend, was Bill und Charlie fröhlich aufheulen ließ.

„Ernsthaft, Jungs. Ron, Harry... ist alles rund gelaufen im Ligusterweg? Harry, hast du all deine Sachen rausgeholt?", fragte Mrs. Weasley freundlich.

„Ja, wir haben alles", antwortete Ron. „Harry hat das Haus zum letzten Mal gesehen, zum Glück. Diese Muggle sind übergeschnappt. Er ist jetzt ein heimatloses Waisenkind, Mum, also vermute ich, dass wir ihn aufnehmen müssen."

Ron grinste Harry an, während er sprach, doch die plötzliche Erkenntnis traf diesen wie ein Faustschlag im Magen.

Er war heimatlos.

Harry wusste zwar, dass er immer einen Platz bei den Weasleys haben würde, doch es blieb Tatsache, dass er wirklich auf sich allein gestellt war. Es gab in der Tat keinen Ort, an den er wirklich hingehörte. Nicht dass er jemals wirklich zu den Dursley gehört hätte, doch er hatte damals zumindest eine Adresse vorzuweisen. Einen Ort, den er als Zuhause bezeichnen konnte.

Als ob sie sein plötzliches Unbehagen spüren könnte, legte Ginny ihre warme Hand auf Harrys Unterarm und drückte ihn beruhigend. „Mach dir keine Sorgen, Harry", flüsterte sie. „Du wirst immer hierher gehören, egal was sonst geschehen ist."

Harry erwiderte ihren Blick und verlor sich beinahe in den Tiefen ihrer Augen. Woher wusste sie es? Sie hatte schon immer die Begabung gehabt zu durchschauen, was er gerade fühlte, und alles auf den Punkt zu treffen.

Verdammt, das wird schwerer werden, als ich erwartet habe.

Er nickte leicht und sah ein kurzes Aufblitzen von Schmerz in ihren Augen, bevor sie es vertuschen konnte. Strahlend lächelnd wandte sie ihre Aufmerksamkeit Hermine zu und begann eine Unterhaltung über Brautjungferkleider. Harry konnte wieder atmen, aber der Knoten in seinem Hals würde Essen unmöglich machen. Ihm war übel und er musste sich wieder sammeln. Er hasste es, sich unsicher zu fühlen.

„Natürlich könntest du immer noch zum Grimmauldplatz gehen", sagte Ron, sich der erschrockenen und scharfen Blicken, die ihm vom Rest seiner Familie zugeflogen kamen, nicht bewusst. „Es gehört dir doch, nicht war, Harry?"

Harrys Herz verkrampfte sich. Er hatte Grimmauldplatz vergessen, doch es würde nie ein Zuhause für ihn darstellen können. „Ja", sagte er, als er endlich wieder seine Stimme gefunden hatte. „Ich gehe meinen Koffer in dein Zimmer stellen. Ich nehme deinen gleich mit."

Er schnappte sich alle geschrumpften Koffer aus Hermine Händen und rannte beinahe aus dem Raum. Er wusste, dass sie alle über ihn sprechen würden, doch es war ihm gleichgültig. Er konnte es keinen Moment lang mehr aushalten, ihr so nahe zu sein. Er musste wieder neuen Atem schöpfen. Und er hatte gedacht, dass es bei den Dursleys unerträglich war. Irgendwie kam ihm der leise Verdacht auf, dass das die längste Woche seines Lebens werden würde.

Erst als Harry die Farbenpracht von Rons orangefarbenem Zimmer erreichte, erinnerte er sich daran, dass er die Koffer nicht wieder vergrößern konnte, da er keine Magie benutzen durfte. Er stellte Ron und Hermines Miniatur- Koffer auf Rons Bett und setzte sich auf sein eigenes Feldbett. Er hatte den letzten Sommer in Fred und Georges Zimmer verbracht, aber mit so vielen Menschen im Fuchsbau wegen der Hochzeit würde er sicherlich zusammen mit Ron kampieren. So war es auch letzte Weihnachten gewesen.

Harry streckte sich auf dem Feldbett aus und ließ seine Gedanken zu der Weihnachtszeit im letzten Jahr schweifen. Zu der Zeit war alles so einfach gewesen. Er grinste, als er sich an die Kette erinnerte, die Lavender Ron geschickt hatte. Er fragte sich, was sein Freund damit gemacht hatte. Höchstwahrscheinlich aus dem Fenster vom Gryffindor- Schlafsaal geschleudert.

Er entspannte sich und gestattete seinen Gedanken, ihn in den Schlaf zu lullen. Er hatte in den vergangenen Nächten nicht besonders gut geschlafen und fühlte sich ausgelaugt. Er war nicht sicher, wie lange er gedöst hatte. Aufgeweckt wurde er von Hermine, die sich auf sein Bett plumpsen ließ und einen „Harumff"- Laut ausstieß.

Harry fuhr hoch und blickte wild um sich.

„Entschuldige, Harry", sagte Hermine. „Mrs. Weasley hat Ron zur Arbeit mit den Zwillingen eingeteilt und ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, ihnen für eine weitere Minute zuzuhören. Sie können manchmal so unsagbar herablassend sein."

Harry schüttelte den Kopf in dem Versuch, ihn zu klären. „Ja", murmelte er.

„Alles in Ordnung mit dir?", fragte Hermine, während sie ihn aus dem Augenwinkel musterte.

Harry zuckte die Achseln.

„Ginny sieht gut aus", brachte Hermine vorsichtig hervor und ließ ihren Satz offen im Raum hängen. Harry weigerte sich, darauf zu antworten.

Hermine wirkte beleidigt, fuhr jedoch fort, in ihm herumzustochern. „Fleur treibt sie in den Wahnsinn mit den Hochzeitsplänen. Ginny sagt, dass sie nichts anderes getan hat als Pläne für die Hochzeit zu schmieden und dass sie einfach nur froh sein wird, wenn sie vorbei ist. Sie hasst das Kleid, das sie tragen muss. Sagt, dass es für eine Zehnjährige geschneidert ist. Ich soll ihr heute Nacht damit helfen."

Harry unterdrückte das Lächeln, das seinen gleichgültigen Gesichtsausdruck zu zerbrechen drohte. Er konnte sich Ginnys Tiraden nur zu gut vorstellen, etwas tragen zu müssen, das sie jünger aussehen ließ als sie war. Sie hasste es, wie ein Kind behandelt zu werden.

„Warum erzählst du mir das, Hermine?", fragte er.

Hermine zuckte die Schultern. „Ich dachte nur, du würdest es wissen wollen, da du doch vermeidest, mit ihr zu sprechen."

Harry runzelte die Stirn. „Ich... ich... habe nicht vermieden, mit ihr zu sprechen... ich habe nur – "

„Nur was?"

„Ich wusste nur nicht, was ich sagen sollte", flüsterte Harry.

Hermine lächelte traurig. „Du fehlst ihr, Harry, und ich weiß, dass du sie auch vermisst. Egal wie gut du es deiner Meinung nach verbirgst."

Harry schluckte schwer an dem Knoten in seinem Hals. „Es ist noch schwerer, als ich erwartet habe."

„Harry, wenn Professor Dumbledore gesagt hat, dass deine größte Macht Liebe ist, hältst du es dann wirklich für eine gute Idee, sie von dir weg zu schieben?", drängte Hermine, während sie an einem losen Faden auf Harrys Bettdecke zuckte.

Harry versteifte sich und bekämpfte mühsam seine Emotionen. „Es muss so sein, Hermine. Ich werde sie nicht der Gefahr aussetzen."

„Sie ist schon in Gefahr, Harry. Wir sind es alle. Hast du denn nicht die Zeiger der großen Uhr unten gesehen? Ginnys Zeiger ist immer noch auf Tödliche Gefahr gerichtet, ob du nun bei ihr bist oder nicht. Ich denke, sie könnte uns behilflich sein."

„Nein."

„Harry – "

„Dräng mich nicht dazu, Hermine. Ich kann sie nicht wegen mir sterben lassen. Und ich will nicht, dass sie es mit ansehen muss, wenn ich es sein sollte, der es tut", sagte Harry, ihren Blick ausweichend.

„Sag das nicht", zischte Hermine, schlang ihre Arme um seine Hüfte und umarmte ihn heftig. „Denk noch nicht einmal daran. Wir dürfen dich nicht verlieren, Harry."

„Sei nicht albern, Hermine", sagte Harry und sah ihr endlich in die Augen. „Wir wissen beide, dass es durchaus möglich ist. Sieh dir nur mal Dumbledores Hand an, während er den Dingern nachgegangen ist. Das ist kein Spiel und ich bin nicht einmal ansatzweise der Zauberer, der er gewesen ist. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass ich sterben werde. Aber, so wahr mir Gott helfe, ich werde ihn mit mir reißen, wenn es soweit ist."

„Hör auf!", flehte Hermine. Ihre Stimme brach.

„Hermine", sagte Harry sanft. Er hasste es, Tränen ihr Gesicht entlang strömen zu sehen. Er hatte noch nie gut mit weinenden Mädchen umgehen können. „Lass uns nur diesen einen Schritt auf einmal nehmen. Es ist der einzige Weg, wie ich imstande sein werde, vorwärts zu kommen. Ginny ist eine Ablenkung – eine sehr angenehme Ablenkung – die ich mir nicht leisten kann."

„Dann amüsiere dich wenigstens bei der Hochzeit. Tanz mit ihr, trinke, sei glücklich und knutsche mit ihr, wenn du dich danach fühlst", sagte Hermine mit verschränkten Armen.

„Hermine!"

„Was ist?"

„Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet du so etwas sagst", antwortete Harry, unfähig sein Lachen in Zaum zu halten.

Sie zuckte die Achseln. „Wenn du es nicht tust, hast du kein Recht dich zu beschweren, wenn es jemand anderes tut."

„Was meinst du damit?", fragte Harry vorsichtig. Das Biest in seiner Brust, das sich am Schuljahrsende trübselig zusammengerollt hatte, erhob plötzlich seinen Kopf und erschnupperte Feuer.

„Naja, Ginny hat mir erzählt, dass die beiden Trauzeugen Charlie und Fleurs Cousin Jean- Luc sind. Fleur hat kein Geheimnis draus gemacht, dass sie Ginny mit Jean- Luc als Pärchen zusammentun will", sagte Hermine mit der Nase leicht in der Luft.

„Was? Was hält Ginny davon?", wollte Harry empört wissen. Sein Monster knurrte. Kein umherstolzierender Franzose näherte sich seiner Ginny ohne ihre Einwilligung.

Es sei denn... Harrys Inneres verkrampfte sich. Was war, wenn Ginny die Aufmerksamkeit wollte? Er spürte das Biest wimmern und den Schwanz einziehen.

„Oh, Harry. Du kennst doch Ginny. Sie wird sich nicht zu etwas drängen lassen, das sie nicht will, vor allem nicht von Fleur. Aber sie ist auch verletzt und... naja... Ginny ist bekannt dafür, dass sie gelegentlich zu Gehässigkeit neigt", sagte Hermine beinahe entschuldigend.

Harrys Herz zog sich so fest zusammen, dass er dachte, er würde daran ersticken. Er ballte seine Fäuste, wohl wissend, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Er hatte es sich selbst zuzuschreiben und wenn er annahm, dass ein Mädchen wie Ginny nicht eine Horde von anderen Freiern in der Schlange stehen hatte, dann war er töricht. Er fühlte sich, als ob alle Luft aus seinem Körper gewichen wäre.

Harry schloss die Augen und ließ seinen Kopf nach vorn fallen.

„Es kommt noch schlimmer", sagte Hermine unbehaglich.

Er öffnete resigniert die Augen. „Wie kann es denn noch schlimmer werden, Hermine? Es sei denn, du willst mir erzählen, dass es den Zaubererbrauch gibt, dass alle Anwesenden auf einer Hochzeitsfeier einander vor Zeugen abknutschen müssen."

Hermine schnaubte. „Ehrlich gesagt betrifft es dich. Ginny hat gesagt, dass Fleur plant, dich beim Empfang zur Unterhaltung auf Gabrielle anzusetzen."

Harry blinzelte mehrmals, verblüfft. „Hä?"

„Du weißt schon, ihre kleine Schwester."

„Ich weiß, wer sie ist, Hermine. Aber ist sie nicht so um die zehn?", fragte Harry.

„Elf, um genau zu sein. Ich frage mich, ob sie im September in Beauxbatons anfängt. Ich habe gelesen, dass andere Zaubererschulen – "

„Hermine!"

„Was? Ach ja... Gabrielle."

„Elf. Gelte ich wirklich als so verzweifelt?", fragte Harry schaudernd.

Hermine kicherte. „Natürlich nicht, Harry. Aber ganz offensichtlich hat sie seit der zweiten Aufgabe beim Trimagischen Turnier einen Narren an dir gefressen. Fleur will ihren Traum wahr werden lassen, indem sie dich zu ihrem Tanzpartner erkoren hat."

„Großartig. Ich vermute, es ist ihr nicht in den Sinn gekommen, mich nach meiner Meinung zu fragen?", erwiderte Harry verärgert.

„Du weißt doch, wie Fleur ist. Wie andere Leute denken, ist ihr noch nie von Priorität gewesen", sagte Hermine.

Harry rieb sich die Stirn. Er konnte Kopfschmerzen in seinen Schläfen aufsteigen spüren. „Nun, das kann sie vergessen. Ich werde nicht nach ihrer Pfeife tanzen, nur weil sie es befiehlt."

Hermine schnaubte. „Oho. Jetzt klingst du genauso wie Ginny. Außerdem kannst du so wütend werden, wie du willst. Wir wissen doch alle, dass du nie die Gefühle des kleinen Mädchens verletzen würdest. Wenn du also wirklich nicht den ganzen Abend als ihre Begleitung herhalten willst, würde ich vorschlagen, dass du es auf der Stelle mit Fleur klärst."

„Oh, ich kann mir die Unterhaltung schon lebhaft vorstellen. Ich weiß, dass es dein Hochzeitstag ist, aber ich möchte mich wirklich nicht mit deiner Schwester abgeben. Treff also bitte andere Anordnungen. Als ob ich nicht sowieso schon auf der Liste der fiesen Schurken für die Weasleys stünde", sagte Harry und verdrehte dramatisch die Augen.

„Keiner hält dich für einen fiesen Schurken, Harry. Obwohl Fred und George den Gedanken von dir als Gabrielles Date höchst amüsant finden", erwiderte Hermine prustend.

„Darauf hätte ich wetten können. Hat Ginny noch andere Bomben zum Platzenlassen oder ist es genug für einen Tag?", fragte Harry, nun in einer schlechten Laune.

„Außer ihrem Leid, von dir getrennt zu sein, meinst du?", entgegnete Hermine, ihn unschuldig anblinzelnd.

„Hermine", sagte Harry genervt.

„Okay, okay. Sie hat gesagt, dass sie glaubt, etwas Zwielichtiges gehe am Grimmauldplatz vor sich. Ihre Mum war natürlich sehr verschwiegen, aber der Orden scheint in der letzten Zeit eine Menge Informationen erhalten zu haben. Sie hat Bruchteile von mehreren Unterhaltungen darüber aufgeschnappt, dass ein Gast sich da einquartieren würde."

„Ein Gast am Grimmauldplatz? Wer könnte es denn sein?", wollte Harry wissen, während er sich interessiert vorbeugte.

„Ich weiß es nicht, Harry. Warum fragst du sie nicht? Es ist schließlich dein Haus", schlug Hermine vor.

„Ja... Ja, es ist mein Haus. Wenn ich wissen will, wer dort wohnt, sollten sie es mir verraten. Ich habe jedes Recht, es zu wissen", sagte Harry, sich mit dem Gedanken anfreundend.

„Natürlich hast du das. Aber seit wann hat es sie gestört?"

Harry zog eine Grimasse. „Tja, das wird sich nun ändern."

„Ich weiß, dass du dem Orden nicht von den Horkruxen erzählen willst, Harry, aber mach sie dir nicht zu Feinden. Es könnte eine Zeit kommen, in der wir auf ihre Hilfe angewiesen sind. Du weißt, dass du zumindest Remus und Professor McGonagall und den ganzen Weasleys vertrauen kannst", sagte Hermine.

Harry wusste, dass Hermines erster Gedanke stets war, zu einer Autoritätsperson zu gehen, doch Harry spürte, dass Dumbledore dem Orden sicherlich nicht ohne Grund die Existenz der Horkruxe verschwiegen hatte. Er hatte nicht vor, diese Entscheidung in Frage zu stellen.

„Ich werde mit dem Orden zusammenarbeiten, aber ich erzähle ihnen nichts von unserer Mission. Sie hatten keine Probleme damit, mich die letzten paar Jahre im Dunkeln zu lassen. Jetzt wollen wir mal sehen, wie sie es finden, dass sich das Blatt gewendet hat."

Hermine runzelte die Stirn und knabberte an ihrer Lippe. Doch für dieses eine Mal widersprach sie ihm nicht.

„Mach dir keine Sorgen, Hermine. Wenn Dumbledore sie nicht eingeweiht hat, muss er einen guten Grund dafür gehabt haben."

Dieser Einwand schien Hermine zu besänftigen. „Lass uns runtergehen und nach dem Abendessen schauen. Ron sollte inzwischen mit seiner Arbeit fertig sein. Er wundert sich wahrscheinlich schon, wo wir hingegangen sind."

„Geh du schon mal runter. Ich springe noch schnell unter die Dusche. Wir treffen uns in der Küche."

„Harry – "

„Ich brauche nur ein paar Minuten, um mich darauf gefasst zu machen, bevor ich ihr entgegentrete, in Ordnung?", sagte er mit dem Blick auf seinen Füßen.

„Ich wünschte, es müsste nicht so sein", sagte Hermine leise.

„Ich auch. Glaub mir. Ich auch."


Als Harry eine gute Weile später die Treppe herunterkam, steuerte er gerade auf die Küche zu in der Überzeugung, dort eine Horde von Weasleys vorzufinden. Was er nicht erwartet hatte, war, ein leises Murmeln aus dem Wohnzimmer zu vernehmen, als er daran vorbeilief. Der Klang seines eigenen Namens erweckte seine Aufmerksamkeit. Er hielt im Schritt inne, um zu lauschen.

Er musste bei der Düsternis des Zimmers die Augen zusammenkneifen. Doch trotzdem konnte er gerade so Ron und Hermine auf dem Sofa in gedämpften Stimmen miteinander sprechen hören. Ron hatte seinen Arm lässig über die Rückenlehne des Sofas gelegt und Hermine war in die Beuge geschmiegt. Sie verpackten gerade Geschenkpäckchen mit Schokolade – für die Hochzeit, vermutete Harry – aber es sah so aus, als aßen sie mehr als sie einpackten. Harry musste gegen seinen Willen grinsen, während er ihnen zusah.

„Also regt er sich auf und sie auch. Worin unterscheiden sie sich dann von allen anderen in diesem verfluchten Haus? Es regt sich doch immer irgendjemand auf", sagte Ron mit düsterem Blick.

„Es geht nicht nur darum, dass sie aufgebracht sind, Ron. Sie sind beide unglücklich und ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll", erwiderte Hermine, während sie sanft mit einem Finger einen Krümel Schokolade von Rons Mund wischte.

„Vielleicht liegt es nicht an dir, etwas zu tun", sagte Ron, seine Stimme angespannt.

„Ich weiß, dass du es für richtig hältst, sie daraus zu halten, Ron... aber was ist, wenn es falsch ist?", warf Hermine ein und ließ ihren Kopf nach hinten sinken.

Ron blickte sie verblüfft an. „Was meinst du damit? Wie kann es falsch sein, sie in Sicherheit halten zu wollen?"

„Weil sie nicht in Sicherheit ist, egal was er tut. Und er könnte derjenige sein, der in größerer Gefahr schwebt, wenn sie nicht da ist. Du hast doch gesehen, wie glücklich er war, als sie zusammen waren. Wie lange ist es her, dass du Harry das letzte Mal so erlebt hast? Selbst seine Noten haben sich verbessert."

Ron zuckte die Achseln. „Es geht nicht immer um Noten, Hermine."

„Das habe ich auch nicht behauptet", schnauzte sie mit einem verletzten Unterton. „Ron, siehst du denn nicht, was vor sich geht?"

„Was denn?"

„Harry hatte ein hartes Leben und es ist ihm nicht besonders gut ergangen. Ginny ist vielleicht das Beste, was ihm jemals passiert ist. Sie hat ihn glücklich gemacht und er ist bereit, sie und all das aufzugeben, um die Welt von Voldemort zu befreien, so dass der ganze Rest von uns in Sicherheit leben kann.

Ginny hat Harry schon geliebt, bevor sie überhaupt wusste, was Liebe ist. Sie stand außen und hat ihm zugesehen, wie er sich abgerackert hat. Dabei hat sie sich eher weiterbewegt als ihm ihre Gefühle aufgezwungen. Als sie endlich zusammengekommen sind und einander ihre Gefühle gestanden haben, ist für Ginny ein Traum in Erfüllung gegangen. Nun ist sie bereit, ihn und all ihre Träume aufzugeben, weil sie weiß, dass unser Leben von seinem Erfolg abhängt und er nicht mit sich ins Reine kommen könnte, wenn er es nicht zumindest versuchen würde.

Verstehst du denn nicht? Sie sind sich so ähnlich, dass es wehtut. Es ist wie diese Weihnachtsgeschichte", rief Hermine.

Rons Gesicht zeigte einen benommenen Ausdruck. „Was?"

„Weißt du, diese alte Weihnachtsgeschichte von dem Mann, der seiner Frau ein Geschenk kaufen wollte und den einzigen wertvollen Gegenstand verkauft hat, den er besaß – die Taschenuhr seines Vaters – um ihr eine Haarspange für ihr herrliches Haar zu schenken. Seine Frau hat in der Zwischenzeit ihr Haar abgeschnitten und verkauft, um genug Geld zu haben, ihrem Mann eine Goldkette für seine Taschenuhr zu kaufen. Es ist wunderschön und romantisch auf eine bittersüße Art und Weise", sagte Hermine und lächelte traurig.

„Du meinst, sie hatten zum Schluss beide ein Geschenk, womit sie nichts anfangen konnten?", fragte Ron entsetzt.

„Oh Ron. Das ist nicht der Punkt", schnappte Hermine. „Sie hatten einander."

Harry zog sich schnell zurück und taumelte zur Küche. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, schwer atmend. War es das, was er und Ginny gerade taten? Opferten sie beide das, was für sie am meisten bedeutete, für das größere Wohl? Und würden sie beide auch mit nichts enden?

Er hatte nie die Absicht gehabt, Ginny leiden zu lassen. Er ließ den Kopf auf die Brust fallen und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar

Ich weiß nicht weiter.

Er hatte es nie als irgendeine Art von edler Handlung angesehen,sondern sie nur in Sicherheit wissen wollen. Harry begann zu glauben, dass es keinen Weg gab, dies zu realisieren.

„Harry?"

Er blickte auf und sah Mrs. Weasley in der Tür stehen. Sie musterte ihn, besorgt darüber, ihn allein im Dunkeln aufzufinden.

„Ist alles in Ordnung mit dir, Liebes?", fragte sie sanft.

„Ja, Mrs. Weasley. Mir geht es gut."

„Nun, ich vermute, das würdest du auch sagen, wenn es dir nicht gut ginge."

Harry grinste verlegen. „Schuldig in allen Anklagepunkten."

Mrs. Weasley füllte ein Glas mit kaltem Kürbissaft und stellte es vor ihm auf den Tisch. Sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand in die ihre. „Das einzige auf der Welt, das knapp vorhanden zu sein scheint, ist Liebe. Und doch ist sie das einzige, was wächst und sich vervielfacht, wenn es geteilt wird. Wir sollten niemals die Chance verwerfen, mehr davon in unserem Leben zu haben."

Harry blickte in Mrs. Weasleys Augen und fand dort nur Wärme und Mitgefühl. Er spürte, wie ihm Tränen in die eigenen stiegen, und blinzelte wütend, um sie zurückzuhalten. „Ich versuche nur zu tun, was richtig ist, Mrs. Weasley."

„Das weiß ich, Liebes", sagte sie sanft. Sie erhob sich und küsste ihn auf den Kopf. „Und sie weiß es ebenfalls."

Harry nickte schweigend, während Mrs. Weasley ihm ein Stück warmes Brot in die Hand drückte. „Das sollte bis zum Abendessen ausreichen. Wir werden heute Abend draußen im Garten essen. Da ist mehr Platz. Sei so gut und fang an, den Tisch für mich zu decken, ja?"

Sobald er nach draußen gegangen war, wusste er, dass es geplant war. Ginny war bereits dort und legte neben jeden Teller eine Serviette. Harry begann, ihr dabei zu helfen, das Silberbesteck auszulegen.

„Lass mich raten – Mum hat dich hier rausgeschickt?", sagte sie, ohne den Blick vom Tisch zu heben. Der tiefe, rauchige Ton in ihrer Stimme sandte einen Schauer über seinen Rücken.

„Ja", gab er zu.

Für einige Augenblicke arbeiteten sie schweigend. Schließlich konnte Harry die angespannte Stille nicht mehr ertragen. „Es tut gut, dich zu sehen, Ginny."

„Wirklich?", fragte Ginny ausdruckslos.

Harry schluckte. „Du hast ja keine Ahnung."

„Warum hast du Ron und Hermine erlaubt dich zu begleiten? Sie gehen doch mit dir, nicht wahr? Wenn du aufbrichst, um deine Mission zu erfüllen", sagte Ginny, ihm zugewandt.

„Was?"

„Du meintest, du hättest Dinge allein zu erledigen. Ron und Hermine mit dir ist nicht wirklich das, was man unter allein´ versteht."

„Nein. Sie hören nie auf mich."

„Vielleicht hätte ich auch nicht auf dich hören sollen", sagte Ginny. Ihre Augen blitzten.

„Ginny – "

„Nein. Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich weiß, dass du nur deine Pflicht erfüllst, und ich weiß, dass es für dich kein bisschen leichter ist. Aber das hilft nicht immer." Ihre Schultern sackten herab.

„Ich weiß", antwortete er. Es brach ihm das Herz. Sie hatte absolut Recht, doch er hatte keine Ahnung, was er sagen könnte, um es ihr leichter zu machen, abgesehen von der einen Sache, die sie hören wollte. Und das war das Einzige, das er nicht tun konnte – nicht tun sollte.

„Also? Was soll jetzt geschehen? Mit uns, meine ich. Machen wir einfach weiter und tun so, als ob sich nichts verändert hätte?", fragte Ginny.

„Ich weiß nicht. Kannst du das? Ich glaube nämlich wirklich nicht, dass ich es kann", gestand Harry.

Ginny zuckte die Schulter. „Ich werde tun, was ich tun muss."

„Das tust du immer", sagte er und versuchte dabei zu lächeln.

„Ja. Das heißt aber nicht, dass es mich nicht ankotzt."

Harry schnaubte. „Nein."

Sie wurden unterbrochen von dem Anmarsch des restlichen Weasley- Clans, begleitet von Fleur, Hermine und Ekaterina, Charlies rumänische Freundin. Diese hatte langes, dunkles Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und dunkle Augen, die sie alle intensiv zu studieren schienen. Sie war, was die Farbe betraf, so gegensätzlich zu Fleur, wie es nur ging, jedoch von gleichem Maße schön.

„Du bist Harry Potter", sagte sie mit einem starken Akzent, während sie ihm die Hand entgegenstreckte.

„Ja, der bin ich", sagte Harry und senkte den Blick.

„Ich fühle mich geehrt, dich kennen zu lernen. Ich habe Geschichten von dir gehört, seit ich ein kleines Mädchen war", sagte sie.

Harry spürte sein Gesicht brennen und sehnte sich danach, irgendwo anders zu sein. Er bemerkte, wie Ginny sich in die Innenwand ihrer Wange biss, um sich das Lachen zu verkneifen.

„Komm, Katia. Du hast das Kind verlegen gemacht. Lass ihn in Ruhe", sagte Charlie glucksend und zog seine Freundin an der Hand fort.

Ginny kicherte. „Du hast dich nie daran gewöhnt, oder?"

Harry zuckte die Achseln. „Ich wünschte, nur einmal würde jemand einfach sagen Hallo, Harry. Schön, dich kennen zu lernen´ und es dabei bleiben lassen."

Ginny grinste und streckte ihre Hand aus. „Hallo Harry. Schön, dich kennen zu lernen."

„Ha ha."

„Oh 'Arry. Errr iiist immerrr noch so bescheiden", sagte Fleur, was noch zusätzlich zu Harrys Verlegenheit beitrug. „Errr wirrrd all die Mädschen in einer Schlange aufgestellt 'aben, die mit ihm tanzen wollen beim Empf'ang."

„Solange er einen Tanz für mich reserviert", sagte Ginny. Harry konnte die Schärfe in ihrer Stimme hören. Sie forderte ihn heraus.

„Das kann ich machen", antwortete er, seine Augen in ihre gebohrt.

„Aber, Ginny. Verrrsprisch nischt all deine Tänze vorrr derrr 'ochzeit. Jean- Luc kann es kaum errrwarrrten, disch zu treffen. Du könntest wünschen, dass du eine freie Tanzkarrrte 'ättest", warnte Fleur, während sie mit ihrer fein gebogenen Augenbraue wackelte.

„Ich denke, ich schaffe es schon alleine, mir meine Tanzpartner auszusuchen. Danke, Fleur", brachte Ginny zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Aberrr natürrrlisch kannst du das", erwiderte Fleur, herablassend abwinkend. „Isch denke nurrr, dass du disch freuen wirrrst, ihn zu treffen."

„Da bin ich mir sicher, Fleur", sagte Ginny zuckersüß.

Harry musste sich zusammenreißen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Sie klang so ehrlich, doch er konnte einen höhnischen Tonfall in ihrer Stimme ausmachen. Sein inneres Monster tanzte einen Walzer bei dem Wissen, dass sie sich nicht mit Jean- Luc einlassen würde. Harry hasste den Namen bereits.

Natürlich hatte dasselbe Monster noch Augenblicke zuvor vor Wut geschäumt, als Fleur den Versuch unternommen hatte, für seine Ginny die Kupplerin zu spielen.

Er musste aufhören, so zu denken. Sie war nicht mehr seine Ginny.

„Fleur, Liebling, du musst dich davon zurückhalten, dir über die Tanzpartner von allen anderen Sorgen zu machen", sagte Bill, während er seinen Arm um Fleurs Taille schlang und ihren Hals liebkoste. „Du musst nur daran denken, alle deine Tänze für mich aufzuheben."

Fleur Blick wurde weicher, als sie sich umwandte, um ihre Nase gegen die von Bill zu reiben. Harry drehte sich verlegen weg und schlenderte zum anderen Ende des Tisches.

„Da sträuben sich einem die Haare, was? Ich hoffe, sie lassen es etwas ruhiger angehen, wenn sie ihre Flitterwochen hinter sich haben", sagte Ginny mit gerümpfter Nase. „Vielleicht hilft ja regelmäßiger Sex."

„Ginny!"

„Was ist? Ach komm schon, Harry. Sie haben hier mit Mum gewohnt, die in jedem Zimmer Detektoren für unanständiges Benehmen hat. All die sexuelle Spannung muss doch irgendwo freigelassen werden", sagte Ginny.

Harry wusste nicht, ob sie scherzte oder es ernst meinte, und starrte sie unsicher an. „Ähm."

„Oh, ich werde so froh sein, wenn die Hochzeit endlich vorbei ist", rief sie aus.

Harry wusste nicht, was ihn geritten hat, doch er konnte die Worte einfach nicht zurückhalten: „Ja. Und vielleicht wirst du dich ja mit Jean- Luc blendend amüsieren und die ganze Nacht durchtanzen. Du solltest die Detektoren von deiner Mutter besser im Hinterkopf behalten."

Er wusste, dass er tief in der Patsche steckte, noch bevor die Worte vollkommen verklangen waren.

„Keine Sorge, ich weiß, wie ich sie umgehen kann", sagte Ginny mit vor Wut erhobener Stimme. „Was geht es dich überhaupt an? Dir geht es wohl darum, niemanden wissen zu lassen, dass mal etwas zwischen uns gelaufen ist, richtig? Vielleicht ist es eine gute Methode, dieses Gerücht in die Welt zu setzen, wenn ich mit einem gut aussehenden Franzosen auf den Putz haue."

„Ach ja? Warum versuchst du es nicht einfach?", erwiderte Harry hitzig.

„Vielleicht werde ich genau das tun", schnauzte Ginny mit blitzenden Augen.

„Schön."

„Schön."

Harry wirbelte auf dem Absatz herum und stürmte vom Tisch fort. Er wusste, dass ihre erhobenen Stimmen die Aufmerksamkeit der anderen erweckt hatten. Doch im Augenblick war es ihm vollkommen gleichgültig.

Vor dem Fuchsbau hielt er im Schritt inne und atmete tief durch. Keiner der Dursleys hatte solch eine Wut in ihm zu entfachen vermocht in den gesamten zwei Wochen, die er bei ihnen verbracht hatte. Wie hatte sie es geschafft, dies dreimal innerhalb von wenigen Stunden zu erreichen?

Verdammt, sie konnte ihm unter die Haut gehen.

Harry bemerkte, wie ein fetter kleiner Gartengnom offen, ohne überhaupt den Versuch es zu verbergen, an einem von Mrs. Weasleys Rosenbüschen mampfte. Mit seinen Sucherreflexen schoss Harrys Hand vor und packte den kleinen Gnom um die Körpermitte. Um seinen Ärger und Frust herauszulassen, schleuderte Harry die Kreatur von sich und sah zu, wie sie über den Zaun segelte, den ganzen Weg über schreiend.

Das tat gut.

Harry begann tatsächlich nach Gnomen zu suchen und einen Teil seiner aufgestauten Wut abzulassen, indem er sie aus dem Garten trieb. Er war nicht sicher, wie lange er damit zugebracht hatte – zumindest lang genug, um in Schweiß auszubrechen – als Ron sich zu ihm gesellte. Seine Ohren hatten eine dunkelrote Farbe und sein Blick war finster.

Ohne ein Wort zu sagen, reichte Harry ihm einen um sich tretenden Gnom. Ron blickte einen Moment lang auf das hässliche Wesen, dann warf er es mit einem Brüllen über das Gartentor.

„Guter Wurf", sagte Harry bewundernd.

Schweigend schleuderten sie noch einige Gnome umher, bevor Harry schließlich fragte: „Was hat dich denn so in Rage gebracht?"

„Hast du die Gästeliste für die Hochzeit gesehen?", wollte Ron wissen.

„Aber klar doch, Ron. Das war das erste, was ich getan habe, als ich hier angekommen bin", sagte Harry sarkastisch. „Wie soll ich die Gästeliste denn gesehen haben? Warum fragst du überhaupt? Was stimmt damit nicht?"

„Hat sich rausgestellt, dass du und Fleur nicht die einzigen Trimagischen Champions seid, die bei der Hochzeit sein werden", erklärte Ron, während er einen Gnom in wilden Kreisen durch die Luft schwenkte.

„Hä?"

„Victor Krum, Harry. Vicky ist eingeladen. Und er hat geantwortet, dass er natürlich hier sein würde und sich darauf freut, alte Freunde wieder zu treffen. Ich wette, ich weiß ganz genau, wen er in Wirklichkeit wieder treffen will", spie Ron aus.

„Ron. Fleur und Victor sind in einem aufreibenden Turnier gegeneinander angetreten. Wir haben in einer seltsamen Art und Weise einen Bund geschlossen. Es macht nur Sinn, dass wir alle hier versammelt sind, wenn einer heiratet", sagte Harry, obwohl er selbst nicht wirklich daran glaubte.

„Cedric wird nicht da sein", sagte Ron heftig.

Harry zuckte zusammen.

„Sorry", warf Ron schnell ein. „Es ist nicht deine Schuld. Es geht mir nur auf den Senkel."

„Ja, das habe ich bemerkt."

„Du hast gut reden. Ich habe dich aus dem Garten stürmen sehen. Ginny sah aus, als ob sie gleich in Tränen ausbrechen würde", sagte Ron und verschränkte die Arme vor der Brust.

Harry zuckte erneut zusammen. Wenn er sich vorher schon schlecht gefühlt hatte, so kam er sich nun verflucht schändlich vor. Vielleicht würde es helfen, sich von Ron und seinen Brüdern verkloppen zu lassen.

„Mach dir keine Sorgen. Sie kommt wieder in Ordnung. Mum wird schon dafür sorgen. Ein paar von meinen Brüdern könnten aber bereit sein, dir einen Fluch auf den Hals zu jagen, also nimm dich in Acht", warnte Ron.

Harry blickte ihn angespannt an. Er hob eine Augenbraue, wagte jedoch nicht, die Frage auszusprechen.

Ron verstand seine Geste auf Anhieb. „Nein, ich bin nicht wütend auf dich. Du bist genauso aufgebracht wie sie. Du versteckst es nur besser. Das hat mir Hermine gesagt." Er grinste.

„Erinnere mich daran, Hermine zu sagen, dass ich ihr was schuldig bin", sagte Harry.

„Du wirst es schon schaffen. Du und Ginny könnt mehr wegstecken als die meisten Menschen. Zumindest bist du strapazierfähiger als ich. Das hat mir ebenfalls Hermine gesagt. Es wird sich am Ende schon alles klären. Da bin ich mir sicher. Vielleicht können wir Vicky und Jean- Lucifer so verhexen, dass sie aufeinander stehen", sagte Ron, nur halb im Scherz.

„Vielleicht ist Jean- Lucifer genau das, was Ginny braucht", erwiderte Harry mutlos, nicht in der Lage zu widerstehen, den Spitznamen von Ron zu übernehmen.

„Sei nicht albern. Was Ginny braucht, bist du, genauso wie du sie brauchst. Ich kenne meine kleine Schwester, Harry. Sie hat nicht wer- weiß- wieviele Jahre auf dich gewartet, um jetzt, da du ihr endlich Aufmerksamkeit schenkst, aufzugeben. Ginny ist sehr viel hartnäckiger", sagte Ron kopfschüttelnd.

Harry lächelte und fühlte sich ein wenig besser.

„Was geht zwischen dir und Hermine vor, Ron? Seid ihr zusammen oder nicht?", fragte er, nicht ganz sicher, ob er es wirklich wissen wollte. Dennoch, Ron hatte ihn wohler in seiner Haut werden lassen. Er sollte zumindest versuchen, das gleiche zu tun.

Für ein paar Minuten schwieg Ron. „Ich glaube schon. Ich meine... wir haben es nie wirklich besprochen, aber... nach Dumbledores Beerdigung... es hat einfach Klick gemacht, weißt du? Wir mussten gar nicht darüber sprechen."

„Äh, Ron. Ich denke, vielleicht solltest du doch etwas sagen. Es ist Hermine, über die wir hier reden. Sie mag Worte", sagte Harry mit einer Grimasse.

„Meinst du?" Ron wirkte wie vom Donner gerührt.

„Ja", erwiderte Harry zuversichtlich.

„Verdammte Scheiße."

Harry schnaubte. „Nach all der Zeit sollte man denken, wir hätten kapiert, was wir tun müssen."

„Das denkst du vielleicht." Ron reichte Harry einen weiteren Gnom.

„Trottel."

„Blödmann."