Kapitel 7 – Fortschritte

Langsam erwachte Harry, während ihm allmählich die Helligkeit bewusst wurde, die seine geschlossenen Augenlider durchbohrte. Träge rollte er sich, in der Hoffnung, wieder eindösen zu können, auf die Seite und fiel beinahe aus dem Bett. Es gelang ihm in letzter Sekunde, sich vor einem Sturz zu bewahren. Nun war er jedoch hellwach. Verwirrt blinzelte er mehrere Male.

Benommen blickte er sich im Zimmer um und bemerkte, dass er auf der Couch im Wohnzimmer vom Grimmauldplatz ausgestreckt war. Ginny war eng an ihn geschmiegt und schlief friedlich.

Sie regte sich im Schlaf, unwillkürlich nach der Wärme seines Körpers suchend, der durch seinen Beinahesturz von ihr entfernt worden war. Dünne Strähnen ihres Haares kitzelten ihn in der Nase.

Harry hatte vage Erinnerungen daran, sie in genau diesem Zimmer am vorherigen Abend gehalten zu haben. Doch es fiel ihm schwer zu glauben, dass Mrs. Weasley ihr erlaubt hatte, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben. Er war nicht einmal sicher, wie er überhaupt zum Grimmauldplatz gekommen war, geschweige denn, wie er und Ginny anscheinend die Nacht miteinander verbracht hatten.

Es war sein Glück, dass er sich das erste Mal, bei dem er sich in dieser misslichen Lage wiederfand, nicht mehr daran entsinnen konnte, wie es geschehen war. Dieses Szenario schien schrecklich widerzuspiegeln, wie sein Leben ablief, dachte er bitter. Er regte sich leicht und Ginnys Augen flatterten auf.

„Morgen", sagte sie benommen.

„Morgen", antwortete er, während er angesichts ihrer Schläfrigkeit zärtlich lächelte. Er schob ihr die Haare aus den Augen und küsste sie auf die Stirn.

„Geht es dir gut?", fragte sie und setzte sich aufrecht hin. Offensichtlich sind die Erinnerungen an den Abend zuvor wieder zurückgekehrt.

„Ja", sagte Harry verlegen, ihrem Blick ausweichend. „Danke, Ginny."

Sie war für ihn da gewesen, als er sie am meisten gebraucht hatte. Dieses Gefühl konnte er nicht in Worte fassen. Er wollte noch nicht mit dem konfrontiert werden, was er am vorherigen Tag erfahren hatte. Er musste es eigenständig verarbeiten, bevor er seine Freunde einweihte. Es war sogar noch schwieriger mit Ginny, da sie nichts von der Prophezeiung über die Horkruxe wusste. Das war jedoch zu wichtig, um es vor ihr geheim zu halten. Er musste nur noch entscheiden, wie viel er ihr genau erzählen sollte, ganz abgesehen davon, wie er es tun sollte.

„Letzte Nacht haben wir uns wirklich Sorgen um dich gemacht", sagte Ginny behutsam und Harry war ihr dankbar, dass sie nicht auf der Stelle Antworten verlangte. „Mum wollte dich nicht stören, als du eingeschlafen bist, aber sie hat einen Zauber auf dich gelegt, der sie alarmiert, sobald du aufgewacht bist. Du kannst sie jede Minute erwarten. Sie würde uns nie genug Zeit für Unanständigkeiten zugestehen."

Harrys Wangen färbten sich in einem tiefroten Ton, der jeden Weasley stolz machen würde, und versuchte, sich aus Ginnys Umarmung zu winden.

„Mach dir keine Sorgen. Du bist es wahrscheinlich nicht, dem sie nicht vertraut. Sondern ich", sagte Ginny grinsend. Sie hob ihre Augenbraue und blickte an ihm hoch und runter. „Wahrscheinlich hat sie damit auch Recht."

Ihre Worte fesselten ihn, während in seinem Geist alle möglichen Auslegungen dieser Aussage emporstiegen. Er wusste, dass all ihre Brüder ihn wahrscheinlich für seine Gedanken verhexen würden, doch in diesem Augenblick war es ihm völlig gleichgültig.

Er lehnte sich zu ihr, um sie zu küssen, als in diesem Moment Mrs. Weasley durch die offene Tür hereinstürzte, in ihr Nachthemd gekleidet und leicht gerötet im Gesicht. Es gab keinen Zweifel für Harry, dass sie aus ihrem Bett gesprungen und in dem Moment zum Wohnzimmer gerast war, in dem ihr Zauber ihr bescheid gegeben hatte, dass Harry wach war. Er war froh, dass Ginny von dem Zauber gewusst hatte, so dass sie nicht mitten beim Knutschen erwischt worden waren.

Ginny senkte ihren Kopf und legte ihn an Harrys Brust, kichernd. „Morgen, Mum", sagte sie, ihre Stimme gedämpft.

„Guten Morgen, Ginny, Harry. Wie geht es dir, Liebes?", fragte Mrs. Weasley, während sie zum Sofa eilte und sich zwischen Harry und Ginny setzte. Ginny stand auf und schnitt hinter dem Rücken ihrer Mutter eine Grimasse.

„Mir geht es gut, Mrs. Weasley", sagte Harry und grinste Ginny über den Kopf ihrer Mutter hinweg an.

„Ehrlich, Harry", sagte Mrs. Weasley streng. "Ich weiß nicht, was ich mit dir anfangen soll. Läufst einfach so allein los. Was hast du dir dabei gedacht? Du hättest ums Leben kommen können. Ich weiß, dass du es schon gewohnt bist, alles auf eigener Faust zu erledigen, aber es ist wirklich ein zu großes Risiko, wenn du ohne Schutz davonläufst. Ich liebe dich wie meinen eigenen Sohn, Liebes, und ich könnte es nicht ertragen, dich verletzt zu sehen."

„Mrs. Weasley." Harry war gerührt von dieser Bekennung. Sie war für ihn in der Tat, was einer Mutter am nächsten kam. Doch sie musste einsehen, dass sie ihn nicht davon abbringen konnte zu tun, was seine Pflicht war. „Glauben Sie nicht, dass ich es nicht schätze, wie Sie versuchen mich zu beschützen. Das tue ich nämlich. Niemand hat es bisher für mich getan und es bedeutet mir so viel... Aber Sie können mich nicht davor beschützen. Ich bin mehr als nur verwickelt in diesen Kampf... Ich bin dieser Kampf. Es dreht sich mehr um mich als Sie merken – "

„Ich weiß, dass du mehr als alle anderen unter diesem verdammten Krieg gelitten hast, Harry, aber du bist noch sehr jung – zu jung, um zu kämpfen. Du gehst noch zur Schule", sagte Mrs. Weasley verzweifelt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und Harry fühlte sich elend bei dem Gedanken, sie nach allem, was sie für ihn getan hatte, zu verletzen. Doch er war schon so weit gekommen. Nun konnte er nicht mehr zurück.

„Es macht keinen Unterschied, Mrs. Weasley. Professor Dumbledore hat mir eine Aufgabe aufgetragen. Wir haben in der Nacht, in der er gestorben ist, daran gearbeitet und ich habe alle Absicht, sie zu beenden", sagte Harry fest, während er Ginny einen Blick zuwarf, um ihre Reaktion zu erhaschen.

Ginny hatte den Austausch schweigend und mit einem unlesbaren Ausdruck auf dem Gesicht beobachtet. Sie war im Zimmer geblieben, um ihre bedingungslose Unterstützung anzubieten. Doch Harry war sich bewusst, dass auch sie bald Antworten einfordern würde.

„Was meinst du damit, Dumbledore hat dir eine Aufgabe aufgetragen? Sicherlich hat Albus nicht damit gemeint, dass du dich selbst Gefahren aussetzt", erwiderte Mrs. Weasley mit schriller Stimme. Harry beobachtete, wie sie sich vor Empörung aufplusterte, bereit ihre Wut an einem Mann auszulassen, der sie nicht länger empfangen konnte.

„Wir sind alle den Gefahren ausgesetzt, Mrs. Weasley, und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um es aufzuhalten. Ich kann Ihnen im Augenblick nicht mehr verraten, sondern bitte Sie, mir zu vertrauen", sagte Harry und blickte Mrs. Weasley tief in ihre wässrigen Augen.

„Ich werde dir nicht sagen, dass ich darüber froh bin, Harry, weil das nicht der Wahrheit entspricht. Aber ich weiß, dass ich dich nicht aufhalten kann." Mrs. Weasley schniefte. „Ginny, geh nach oben und zieh dich um. Ich werde das Frühstück anfangen."

Harry ließ den Kopf hängen, während Mrs. Weasley aus dem Zimmer wuselte. Das war nicht so gut gelaufen, wie er erhofft hatte, und er fragte sich, ob der Rest des Ordens es ähnlich auffassen würde. Ihm grauste vor ihrer Reaktion, wenn sie herausfanden, dass Harry nicht nur nicht mehr zur Schule zurückkehren würde, sondern auch noch Ron und Hermine mitnehmen würde.

Aufmunternd drückte Ginny seine Schulter, bevor sie aus dem Zimmer ging. Harry stand auf und streckte sich. Er musste mit Ron und Hermine reden und beginnen, Pläne bezüglich der Horkruxsuche zu schmieden. Doch im Augenblick war alles, was er wollte, eine heiße Dusche. Er fühlte sich schmutzig und irgendwie missbraucht.

Wie er vermutet hatte, half die Dusche ungemein. Er hatte einen klaren Kopf und fühlte sich bereit dazu, Ron und Hermine mit seinen erschütternden Neuigkeiten zu begegnen. Am vorangegangen Abend war er so tief gesunken, wie er sich in seinem ganzen Leben noch nie gefühlt hatte. Er wollte nicht sterben, aber wenn das der einzige Weg war...

Ron und Hermine würden es nicht gut aufnehmen, aber sie setzten sich ebenso sehr dafür ein, Voldemorts Herrschaft zu beenden, wie er. Sie würden tun, was auch immer es bedurfte. Vielleicht konnten sie ihm sogar helfen, den einfachsten Weg festzustellen, um... um den siebten Horkrux zu eliminieren.

Harry war in einer besseren Verfassung als zu der Zeit, als er Wurmschwanz' Neuigkeiten vernommen hatte. Aber es war noch immer leichter, die Angelegenheit von sich abzuschirmen, selbst in seinem eigenen Geist. Es machte es ohnehin leichter darüber nachzudenken, was er zu tun hatte. Er würde es zur selben Zeit tun müssen, in der er Voldemort tötete. Vielleicht konnte Hermine ihm helfen, einen Weg zu finden, beide Dinge gleichzeitig zu tun.

Nachdem sein Schock abgeebbt war, war in Harry eine neue Entschlossenheit aufgekommen. Wenn es jemanden treffen musste, dann war es besser, wenn er es war. Er könnte es nicht ertragen, wenn jemand anderes für ihn starb, und seine gesamte Familie würde auf der anderen Seite auf ihn warten. Er wusste, dass seine Freunde ihn vermissen würden. Doch es war nicht so, als würde er Familie zurücklassen. Lieber er als einer von ihnen. Dies war seine ganze Triebkraft im Augenblick.

Harry war so in Gedanken verloren gewesen, als er aus dem Badezimmer trat, dass er mit jemandem zusammenstieß, der auf die Dusche gewartet hatte.

„Pardon", sagte er, bevor der Rest seiner Worte in seiner Kehle erstarb. Er blinzelte überrascht.

Direkt vor ihm, einen teuer aussehenden Morgenmantel mit einem goldenen „M" auf der linken Tasche und ein selbstzufriedenes Feixen tragend, stand Draco Malfoy. Sein üblicherweise geschmeidiges, blondes Haar war zerzaust, als ob er gerade aufgestanden wäre. Seine Augen verengten sich, als er Harry erblickte.

„Pass auf, wo du hingehst, Potter", sagte Malfoy und fegte sich unsichtbaren Schmutz von seinem Morgenmantel. „Ich kann nicht glauben, dass ich gezwungen werde, mir ein Badezimmer zu teilen, geschweige denn mit dir."

Harrys Schreck wich aufsteigendem Zorn. „Malfoy", spie er aus. „Ich habe vielleicht gesagt, dass du hier bleiben kannst. Aber das bedeutet nicht, dass ich mich darüber freue. Also bleib mir lieber aus dem Weg."

Du hast gesagt, dass ich hier bleiben kann?", sagte Malfoy ungläubig. „Ich bleibe hier, weil dein geliebter Orden mich braucht. Ich bin der einzige, der ihnen die Art von Information geben kann, die sie benötigen. Dieses Haus gehört sowieso rechtmäßig mir. Es gehört meiner Familie. Ich bin sicher, irgendwo liegt ein Testament herum, das es bestätigen wird. Meine Mutter wird schon dafür sorgen, dass es an mich übergeht. Sei lieber nett zu mir, Potter. Sonst werde ich deinen Orden hier rausschmeißen."

„Hier sind ein paar Neuigkeiten, Draco", brachte Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das Testament ist schon gefunden und bestätigt worden. Dieses Haus und alles darin gehören mir. Stell dir vor. Ich als Besitzer von all dem Zeug, das deiner Familie gehört hat."

Harry ignorierte Malfoys Ausdruck fassungsloser Entrüstung, hob eine antik- aussehende Vase auf, die auf einem Tisch in der Halle stand, und warf sie ungezwungen in die Luft.

„Sei vorsichtig damit", zischte Malfoy. „Die ist für Generationen in der Familie meiner Mutter gewesen. Sie geht bis zu den Blacks zurück, die zur Zeit der Gründer lebten."

Harry blickte die Vase konzentriert an, hob dann den Blick und starrte Malfoy in die grauen Augen. Er kippte seine Hand und gestattete der Vase, zu fallen und auf den Boden zu zerscheppern.

„Ups", machte er.

„Du Idiot!", kreischte Malfoy, während er sich auf den Boden kniete und die Bruchstücke auflas. „Meine Mutter wird dich dafür umbringen, Potter. Wie kann dieses Haus dir gehören, wenn du so leichtfertig seine Schätze zerstörst?"

„Sirius hat es mir hinterlassen. Ich denke, es war sein letzter Streich an eurem erbärmlichen Haufen", sagte Harry und hob trotzig sein Kinn. Es fühlte sich an, als würde er für Sirius seiner Familie, die sich gegen ihn gewendet hatte, den letzten Schuss verpassen.

„Sirius", wiederholte Malfoy. Aus seinen Worten troff förmlich die Verachtung. „Er hätte nie der Erbe sein sollen. Er hatte keinen Stolz, keine Familienehre. Regulus war der rechtmäßige Erbe des Hauses. Er kannte seinen richtigen Platz."

„Erzähl das den Goblins", sagte Harry und wandte Malfoy den Rücken zu. „Ich bin sicher, sie würden das liebend gern hören."

Er ließ Malfoy vor Wut schäumend in der Halle stehen und ging zurück in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Malfoy zu erzürnen war vielleicht kindisch gewesen, doch es hatte gut getan und Harrys Herz fühlte sich leichter an, als er die Treppen hinunter zur Küche rannte. Er fand Ron, Hermine und Ginny an dem langen Tisch sitzen, wo sie auf ihn warteten.

„Harry!", rief Hermine aus, sprang auf und eilte zu ihm, bevor Ron sie aufhalten konnte. „Geht es dir gut? Was ist gestern passiert? Was hast du dir dabei gedacht, einfach wegzulaufen und uns zurückzulassen? Wir haben darüber gesprochen, Harry. Ron und ich sollten doch mit dir gehen. Wir wollten alles zusammen unternehmen. Du kannst nicht so mir- nichts- dir- nichts unsere Pläne ändern und alleine solche Entscheidungen treffen. Warum hast du das getan? Warum?"

„Hermine!", sagte Ron, packte sie an den Schultern und führte sie zurück zum Tisch. „Gib ihm eine Chance, etwas zu sagen. Ich würde es gerne hören."

Harry konnte die verräterische Rotfärbung an Rons Ohren erkennen und wusste, dass Ron gleichermaßen aufgebracht darüber war, dass er sie zurückgelassen hatte.

Harry nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, seine Irritation in den Griff zu bekommen. „Es tut mir leid, dass ich euch nicht erzählt habe, wohin ich gehe. Ich habe nur beschlossen, dass ich die Gräber meiner Eltern alleine sehen musste." Er blickte zu Ginny hinüber. „Das ist, wohin ich gegangen bin: Zum Zuhause meiner Familie in Godrics Hollow."

„Ja. Das haben wir selbst schon festgestellt", sagte Ron.

„Aber warum?", rief Hermine klagend. „Es ist zu gefährlich, es auf eigene Faust zu tun, Harry. Wir haben es doch schon geplant."

„Die Pläne haben sich geändert", sagte Harry, während er frustriert eine Hand durch sein Haar fahren ließ. „Hört mal, ich weiß nicht, ob ihr es verstehen werdet, aber es war einfach etwas, das ich alleine unternehmen musste. Ich werde es nie wieder tun. Wir stecken gemeinsam darin."

„Was ist passiert, während du da warst?", verlangte Hermine zu wissen. Harry war nicht sicher, worüber sie wütender war: Die Tatsache, dass er auf eigene Faust losgegangen war oder dass er ihre sorgfältig ausgefeilten Pläne geändert hatte.

„Hermine", meldete sich Ginny zum ersten Mal zu Wort. Ihre Augen auf Harrys Gesicht geheftet, sagte sie: „Ich denke, das war sicher sehr persönlich für Harry."

Harry fühlte sich von ihrer Verteidigung ermutigt und lächelte matt. „Danke, Ginny. Es war schwer und ich muss mit euch allen über einen Teil davon sprechen. Vielleicht könnten wir nach oben gehen, wo es vertraulicher ist." Er hatte wachsam die Tür beobachtet in der Hoffnung, nicht gestört zu werden. Die Küche schien stets das Zentrum aller Aktivität im Hauptquartier zu sein.

Während die anderen ihm die Treppen hinauffolgten, raste Harrys Herz. Er hatte es diesmal wirklich verpfuscht. Er musste allein mit Ron und Hermine sprechen, um seine Gedanken zu ordnen, bevor er sich Ginny annäherte. Aber wie sollte sie bitten, sie allein zu lassen, ohne ihre Gefühle zu verletzen, oder schlimmer, selbst verhext zu werden? Ron nahm ihm das Problem ab.

„Zieh Leine, Ginny", sagte er und versperrte ihr den Eingang.

„Was?" Überraschung und Empörung zeigten sich deutlich auf ihrem Gesicht. Sie stützte die Hände auf die Hüften und funkelte ihren Bruder an.

Ron verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir haben Sachen zu diskutieren, die du nicht zu hören brauchst. Du kannst später mit ihm knutschen."

„So leicht wirst du mich nicht los, Ron. Ich will auch wissen, was in Godrics Hollow passiert ist. Es macht dir doch nichts aus, oder? Harry?", fragte sie und sah ihn an.

Harry konnte eine Spur von Unsicherheit in ihren Augen erkennen und verfluchte Ron für seine Taktlosigkeit. „Weg da, Ron. Gib mir eine Minute", sagte er und schob Ron ins Zimmer. Er wandte sich zu Ginny um. Ihre Augen glitzerten und sein Magen verkrampfte sich bei ihrem Anblick.

„Ginny, ich will dir wirklich von Godrics Hollow erzählen. Es gibt Dinge, über die ich mit dir reden muss und die ich nicht mit Ron und Hermine besprechen kann. Aber es gibt auch etwas, das ich mit ihnen diskutieren muss und das ich nicht mit dir teilen kann. Ich habe es versprochen. Bitte versteh es", sagte Harry. Sein Herz sank ihm in die Hose, als er das entschlossene Funkeln in Ginnys Augen erblickte.

„Überwindet euch", keifte sie und schob Harry rückwärts ins Zimmer. Nachdem sie einen Muffliato- Zauber ausgesprochen hatte, trat sie ebenfalls durch die Tür.

Ron und Harry starrten sie verblüfft an, während sich auf Hermines Gesicht die Andeutung eines Lächelns zeigte.

„Ginny, du hast gezaubert", sagte Harry dümmlich.

„Ja, na und? Wir beide sind die einzigen Minderjährigen in einem Haus voller qualifizierter Zauberer. Sie werden mich nie aufspüren können. Außerdem ist dieses Haus sowieso unortbar", sagte Ginny und fegte sich frustriert das Haar aus den Augen.

„Was denkst du, was du da machst?", brüllte Ron. „Ich erzähle es Mum."

„Ja, warum rennst du nicht zu ihr und tust das, Ron? In der Zwischenzeit kann Harry uns erzählen, was in Godrics Hollow passiert ist und was er zu den Horkruxen plant", erwiderte Ginny ruhig, setzte sich auf die Couch und schlug die Beine übereinander. Sie blickte Harry erwartungsvoll an.

Ron und Harry starrten sie beide an, die Münder weit aufgerissen. Hermine, so bemerkte Harry, sank immer tiefer in die Ecke der Couch, auf der sie saß.

„Was hast du gerade gesagt?", fragte Ron. Seine Stimme war kaum mehr als ein Quieken.

Ginny ignorierte ihn und wandte sich Harry zu. „Also?", fragte sie und hob eine Augenbraue. Nur dank der Tatsache, dass er sie so gut kannte, konnte er ein nervöses Zittern in ihrer Hand erkennen, während sie ihr Haar zwischen den Fingern verdrehte. Das tat sie immer, wenn sie in Sorge war.

Harry schaute zwischen Ginny und Hermine hin und her. Hermine wich seinem Blick aus.

„Du hast es ihr erzählt", schnauzte er sie an. „Dumbledore hat uns gebeten, es für uns zu behalten. Ich habe ihm mein Wort gegeben."

Ginny sprang von der Couch auf und stellte sich vor Hermine, während sie Harry ansah. „Sei nicht blöd – natürlich hättest du es mir nicht erzählt – du warst derjenige, der es versprochen hat, nicht Hermine. Du hättest nichts sagen können, weil es deinem verfluchten Edelmut widersprochen hätte. Egal wie sehr es einen auf die Palme bringen kann, wir wollen deiner Persönlichkeit nicht in die Quere kommen. Und ich denke, es ist wichtig für dich, diese Rechtschaffenheit zu bewahren.

Von euch dreien ist Hermine diejenige, die am ehesten Hilfe ersuchen würde. Sie will Fakten und Daten und wird alles Nötige in die Wege leiten, um die Antworten zu bekommen. Natürlich hat sie es mir erzählt. Sie wusste, dass ich helfen kann. Sie ist auch eine gute Freundin und wusste, dass ich langsam verrückt wurde. Ich wusste genug, um Angst um dich zu haben, aber nicht, was Wirklichkeit war. Und ich glaube, meine Vorstellungskraft hat alles noch schlimmer gemacht."

„Hermine?", fragte Ron schockiert. Harry hätte seinen Gesichtsausdruck komisch gefunden, wäre er nicht so wütend gewesen.

„Es tut mir leid!", quiekte Hermine. „Ich habe mit meiner Recherche nichts erreicht und ich brauchte jemanden, der mir Bücher aus der Bibliothek herausschmuggelt. Ginny wäre mit deinen Eltern zu den Treffen gekommen und hätte in der Bücherei auf sie gewartet, so dass sie ein paar Bücher für mich holen könnte. Ich weiß, dass du es versprochen hast, Harry, aber ich glaube ehrlich, dass Dumbledore dir erlaubt hätte, Ginny miteinzuschließen, wenn er die Situation gekannt hätte. Du brauchst sie."

Harry fluchte übel und drehte seinen Kopf weg. Er war nicht einmal sicher, warum er so zornig war. Dies bot die Lösung, die er gesucht hatte: Ein Weg, Geheimnisse mit Ginny zu teilen, ohne sein Wort brechen zu müssen. Aber verflucht, er hatte Ginny raushalten wollen und doch war sie die ganze Zeit dabei gewesen. Es war zum Haareraufen.

„Wie hast du das tun können, Hermine?", brüllte Ron, als er endlich explodierte. „Sie wird nicht mit hineingezogen. Es ist zu gefährlich."

„Ehrlich, Ron. Ich verstehe, dass du sehr beschützerisch gegenüber deiner Schwester bist, aber – "

„Meine kleine Schwester, Hermine. Sie ist zu jung, um darin verwickelt zu werden", sagte Ron.

„Wärst du Harry gefolgt, wenn das alles im letzten Jahr geschehen wäre?", wollte Hermine wissen. „Natürlich wärst du das. Sie ist im selben Alter, in dem du damals gewesen bist. Der Altersunterschied zwischen ihr und Harry ist beinahe so groß wie zwischen Harry und mir. Findest du, er ist zu jung, um hineingezogen zu werden?"

„Was? Natürlich nicht. Es ist nicht dasselbe", schrie Ron und warf die Arme in die Luft. „Es ist sein Kampf. Ginny wird nicht darein gezogen, weil es zu gefährlich für sie ist."

Ginny schleuderte ihren Kopf so schnell herum, dass Ron erschrocken einen Schritt rückwärts trat. „Wage es ja nicht zu sagen, dass du mich raushalten willst oder dass es nichts mit mir zu tun hat, Ron Weasley. Es hat mehr mit mir zu tun als mit dir. Diese Horkruxe sind Stücke von Scheiß- Voldemorts eigener Seele. Ich hatte eins dieser Stück in mir und ich werde verdammt noch mal dafür sorgen, dass es niemand anderem passieren wird! Und was mein Alter angeht: Ich bin älter als du es warst, als wir ins Ministerium gegangen sind. Wenn ich mich recht entsinne, bin ich heiler aus dem Kampf gegangen als du."

Sie wandte sich zu Harry. Entschlossenheit glomm aus ihren Augen. „Das, das ist mein Kampf und du wirst mich nicht ausschließen. Ich habe einen genauso großen Anteil daran wie du."

Harry dachte bei sich, dass Ginny noch nie schöner war als jetzt, während ihr das Haar in Wellen über den Rücken hing. Ihr Blick war leidenschaftlich und wild und Harry ging auf, dass er es nie auf diese Weise betracht hatte, aus ihrer Sicht. Natürlich hatte sie persönlichen Anteil daran. Sie war von einem dieser Horkruxe besessen worden. Wenn jemand wusste, wie es sich anfühlte, ein Stück von Voldemort in sich zu haben, dann war es Ginny.

Was geschehen war, war geschehen. Sie konnten nicht zurück und sie hatte Recht. Für sie, ebenso wie für ihn, war es ein persönlicher Kampf.

„Also gut, Ruhe!", brüllte er über die Argumente der anderen drei hinweg, die einander anschrieen und ankeiften. Die gespannte Atmosphäre im Zimmer hatte sich in vollkommenes Chaos aufgelöst. „Das bringt uns keinen Schritt weiter. Ginny weiß, was uns bevorsteht. Aber von jetzt an behalten wir diese Information für uns. Sind wir uns da einig?", fragte er und starrte Hermine streng an.

Sie nickten alle und schaute ihn erwartungsvoll an. Harry bemerkte, dass Ron noch immer verstimmt wirkte, während Ginny triumphierend dreinblickte und Hermine einen befriedigten Gesichtsausdruck aufwies. Sie waren in der Tat die besten Freunde, die er sich jemals erhoffen konnte.

Tief einatmend sagte er: „Also, wir müssen nach den Horkruxen suchen, bevor ich Voldemort gegenübertreten kann. Das Problem ist, dass ich wirklich keine Ahnung habe, wo wir anfangen können. Professor Dumbledore hat mir all diese Erinnerung von Riddles Vergangenheit gezeigt und er nahm an, dass in ihnen Hinweise stecken."

„Warum musst du derjenige sein, der Voldemort gegenübertritt?", wollte Ginny wissen, die Augen weit aufgerissen. Es war, als ob sie endlich in den Kreis ihres Vertrauens aufgenommen worden war. Diese Realität flößte ihr Furcht ein.

Harry blickte Hermine scharf an.

„Ich habe ihr von den Horkruxen erzählt, weil ich Hilfe mit den Recherchematerialien gebraucht habe. Und ich dachte, dass du einige moralische Hilfe gebrauchen könntest. Ich habe ihr nicht von der Prophezeiung erzählt. Ich war der Meinung, dass du das tun solltest", sagte Hermine und lächelte ihm matt zu.

„Der Auserwählte", flüsterte Ginny. „Es ist also wahr?"

Harry nickte und beobachtete, wie ihre Unterlippe leicht zitterte. Seine Eingeweide verkrampften sich, während er darauf wartete, dass sie ihre Entschlossenheit stählte. „Alles in Ordnung?"

Ginny schenkte ihm ein tränenfeuchtes Lächeln. „Sollte ich dich das nicht fragen?"

Er nahm ihre Hand in seine und streichelte sie. „Ich hatte genug Zeit, mich damit abzufinden. Glaub mir, am Anfang ist es mir überhaupt nicht leicht gefallen."

„Ich habe Angst um dich, aber ich weiß, dass du es schaffen kannst. Du bist ein mächtiger Zauberer, Harry. Du kannst ihn besiegen und du wirst überleben", sagte Ginny feierlich.

Harry schluckte schwer. Das ist es. „Das ist, worüber ich mit euch sprechen muss. Ich war gestern nicht allein in Godrics Hollow. Jemand ist mir gefolgt."

Rons Kopf wirbelte herum und Hermine keuchte auf. „Wer?"

„Wurmschwanz", antwortete Harry grimmig. Der Name hinterließ in seinem Mund einen säuerlichen Geschmack.

„Wurmschwanz? Was hat die kleine Ratte gewollt?", schnauzte Ron. „Ich bin überrascht, dass du ihn am Leben gelassen hast."

„Ron", zischte Hermine vorwurfsvoll.

Harry ignorierte sie. „Er ist eifersüchtig auf Snape. Er ist der Meinung, dass Snape ihm die Schau gestohlen hat. Er wollte von mir, dass ich Snape für ihn aus dem Weg räume."

„Du nimmst mich doch auf den Arm!", sagte Ron. Ihm traten beinahe die Augen aus den Höhlen.

„Ich meine es todernst", sagte Harry. Seine Kinnlade begann zu schmerzen vom vielen Verkrampfen. „Er hat gesagt, dass er sehr viel mehr weiß, was in Voldemorts innerem Kreis vor sich geht, als selbst Voldemort ahnt."

„Ich finde das schwer zu glauben", sagte Hermine stirnrunzelnd. „Benutzt Voldemort nicht Legilimentik bei seinen Todessern?"

„Ja, aber niemand hält Krätze für eine wirkliche Bedrohung, oder?"

Harry nahm einen tiefen Atemzug. „Er weiß von den Horkruxen", sagte er leise.

„Verdammte Scheiße", fluchte Ron.

„Was?", schrie Hermine zur selben Zeit. „Hat er das gesagt? Hat er tatsächlich Horkrux gesagt?"

Ginny verschränkte die Arme vor der Brust und schürzte die Lippen. „Der Kreis der Leute, die von diesem Geheimnis wissen, wird größer und größer. Vielleicht wird diese Tatsache zu seinem Untergang führen."

Harry Hände begannen zu zittern und er ballte sie zu Fäusten, um es vor den anderen zu verbergen. „Er... er hat mir von dem siebten Horkrux erzählt. Demjenigen, von dem er meint, dass ich ihn nicht zerstören kann."

„Der siebte Horkrux. Das ist doch er selbst, oder nicht?", fragte Ron verwirrt.

„Technisch gesehen muss das Stück in seinem Körper als letztes zerstört werden. Aber es ist das Stück, aus dem die anderen entstanden sind, also ist es eigentlich der erste. Der siebte ist der zuletzt Erschaffene", erwiderte Harry. Seine Stimme klang sogar in seinen Ohren angespannt.

„Also ist es Nagini, richtig?", fragte Hermine, während sie ihn aufmerksam beäugte.

Nein", widersprach Harry. Seine Kehle war staubtrocken. „Dumbledore hatte Unrecht... oder zumindest ist er irregeführt worden. Nagini war niemals ein Horkrux. Alle von Voldemorts Horkruxen waren erschaffen worden, bevor er seine Macht verloren hat."

„Aber wie ist das möglich?", verlangte Hermine zu wissen. „Ich habe gedacht, du hättest gesagt, dass er den siebten Horkrux mit deinem Tod schaffen wollte."

„Das hat er auch getan", sagte Harry.

„Aber wie... Oh!" Hermine schlug eine Hand vor den Mund.

„Was?", fragte Ron verloren.

„Oh nein, Harry. Das kann nicht stimmen", schrie Hermine, während ihr die Tränen in die Augen strömten.

„Wovon redet ihr?", verlangte Ron frustriert zu wissen.

„Wie ist das passiert? Er muss sich irren. Er hat nur versucht, dir Angst zu machen", sagte Hermine schrill und klammerte sich an Harrys Arm, während sie von Minute zu Minute hysterischer wurde.

Ginny legte Hermine einen Arm um die Schultern und sagte angsterfüllt: „Ich glaube, du solltest uns lieber aufklären, Harry."

Und das tat er auch. Er erzählte ihnen alles von seiner Konfrontation am vorherigen Tag und wie Wurmschwanz ihm erklärt hatte, dass Voldemorts eigene Zuversicht und Erregung aus Lilys Tod den Horkrux hergestellt hatte, und wie das Seelenstück in Harry gelandet war.

Die anderen lauschten schockiert, die Gesichter von Betroffenheit gezeichnet. Harry räusperte sich. „So wie ich das sehe, müssen wir einen Weg finden, Voldemort und den siebten Horkrux auf einmal zu zerstören."

„Nein!", schrieen alle gleichzeitig.

„Seid nicht albern", schnauzte Harry gnadenlos. „Glaubt ihr etwa, ich hätte nicht darüber nachgedacht? Es gibt keine andere Möglichkeit. Voldemort muss aus dem Weg geräumt werden und wenn ich mich selbst aufopfern muss, dann... ist es genau das, was ich tun werde."

Hermine wischte sich die Tränen aus den Augen und knabberte nachdenklich an der Unterlippe. „Nein, Harry. Es muss einen anderen Weg geben. Es kann nicht so enden. Professor Dumbledore hätte dir nie Hoffnungen gemacht, dass du überleben kannst, wenn es nicht möglich wäre", sagte sie heftig. „Riddles Tagebuch war immer noch ein Tagebuch, nachdem du den Zahn darin versenkt hast. Und der Ring! Dumbledore hat ihn noch als Ring getragen, nachdem er das Stück von Voldemorts Seele entfernt hat."

„Ja, aber mit einem großen Riss in der Mitte. Ich will nicht den Rest meines Lebens wie die Longbottoms fristen, Hermine. Lieber sterbe ich", entgegnete Harry.

Ginny wimmerte leise von der Couch her. Harry streckte die Hand aus und nahm ihre Hand. Er konnte sie zittern spüren, obwohl sie es zu verbergen versuchte.

„Aber das Tagebuch ist nicht beschädigt gewesen", beharrte Hermine. „Professor Dumbledore hat seine Hand schrecklich verletzt, als er den Ring zerstört hat. Aber du hast keinen Schaden davongetragen, als du das Tagebuch zerstört hast. Und das Tagebuch ist auch heil geblieben. Nur das Seelenfragment ist verschwunden. Es muss einen Weg geben."

Ron starrte Hermine hoffnungsvoll an und nickte eifrig. Sein Adamsapfel sprang auf und ab.

„Vielleicht", erwiderte Harry. Er weigerte sich, den Samen der Hoffnung zu voll erblühen zu lassen. „Aber wir können uns nicht darauf verlassen. Wir werden beide Optionen bedenken müssen – einen Weg, beide verbliebenen Seelenstück zu zerstören, und einen möglichen Weg zu überleben." Noch immer konnte er sich nicht dazu überwinden laut auszusprechen, dass er der Horkrux war.

„Ich werde dich jetzt nicht verlieren", sagte Ginny ruhig, doch fest.

Harry kniete sich vor sie und nahm ihr Gesicht in die Hände. Er senkte die Stimme, so dass nur sie ihn hören konnte. „Ich kann dir keine Versprechungen machen, Ginny. Merlin weiß, wie sehr ich es mir wünsche. Aber wenn es etwas gibt, das einen Kampf wert ist, dann ist es das, was du aus meinem Leben gemacht hast. Ich will es wirklich, Ginny. Ich will dich", sagte er. Er lehnte sich zu ihr und küsste sie sanft. Er konnte das Salz ihrer Tränen schmecken und hasst sich selbst dafür, sie zum Weinen gebracht zu haben.

„Wir werden das zusammen durchstehen", flüsterte sie. „Wir werden schon einen Weg finden."

Harry schlang seine Arme um sie und presste sie an sich. Hier und jetzt entschied er, dass er leben würde und mit Ginny glücklich sein würde, solange er es konnte. Es war genau das, was seine Eltern getan hatten. Sein größtes Leidwesen darüber, Sirius verloren zu haben, war, dass sie nie genug Zeit miteinander verbracht hatten. Er würde Ginny Zeit zum Geschenk machen. Es war alles, was er ihr geben konnte.

Während er Ginny umarmte, fiel sein Blick auf den Teppich an der Wand, was eine Erinnerung wachrief.

„Oh, ich bin heute in Malfoy hineingelaufen", sagte er, setzte sich neben Ginny und legte ihr einen Arm um die Schultern. Sowohl Ron als auch Hermines Kopf schossen in die Höhe.

„Wirklich?", fragte Hermine.

„Was hatte der Wichser zu sagen?", wollte Ron düster wissen.

„Er hat vom Besitz dieses Hauses gelabert. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen, als ich ihm erzählt habe, dass ich der Besitzer bin. Er meinte, Regulus hätte es erben sollen, nicht Sirius", erwiderte Harry, während er sich Malfoys schockierten Gesichtsausdruck in Erinnerung rief.

„Regulus?", fragte Hermine stirnrunzelnd.

„Sirius' Bruder", erklärte Harry. Er hatte vergessen, dass keiner der anderen diese Geschichte gehört hatten, als Sirius sie ihm erzählt hatte.

„Regulus Black?", sagte Hermine.

„Ja, sein Name steht immer noch auf dem Teppich da drüben." Harry deutete darauf. Hermine sprang auf und rannte beinahe zu dem Teppich. „Sirius hat es mir in dem Sommer gezeigt, den wir hier verbracht haben. Seine Mum hat seinen Namen daraus ausgebrannt, aber sie hat Regulus' darauf gelassen, weil er die Familienehre aufrecht gehalten hat, indem er ein Todesser geworden ist."

„Klingt ganz nach Mrs. Black", bemerkte Ron. „Nicht mehr alle Tassen im Schrank, die Gute."

„Regulus Alphard Black", quiekte Hermine und wedelte mit den Händen in der Luft herum. „Harry! R.A.B. – seine Initialen sind R.A.B."

Harry starrte sie an und blinzelte verständnislos. Es konnte nicht so einfach sein. Nie im Leben klärten sich die Dinge in dieser Art und Weise.

„Das ist nicht dein Ernst", sagte Ron und sprach damit Harrys Gedanken aus.

Sie bewegten sich alle auf den Teppich zu, wo Hermine immer wieder mit ihrem Finger auf Regulus' Namen einstach.

Harrys Gedanken rasten, während er sich sämtliche Informationen in Erinnerung zu rufen versuchte, die er erlangt haben könnte. „Er ist ein Todesser geworden und dann in Panik ausgebrochen, als er realisiert hat, in was er da hineingeraten ist. Deshalb hat er versucht wegzurennen. Remus meinte, er habe nur ein paar Tage überstanden, bevor sie ihn geschnappt haben."

„Vielleicht ist er panisch geworden, weil er davon erfahren hat, dass Voldemort Horkruxe erschuf. Dumbledore hat besonders betont, wie tabu sie waren. Vielleicht hat er tatsächlich versucht, das Richtige zu tun, indem er einen zerstörte", sagte Hermine, in Gedanken versunken.

„Und wo ist dann das Medaillon?", wollte Ron wissen.

Ginny furchte die Augenbrauen. „Glaubt ihr, es könnte hier im Grimmauldplatz sein? Was ist mit all dem Zeug passiert, dass wir in meinem vierten Schuljahr ausgeräumt haben?"

„Ist es nicht alles weggeschmissen worden?", fragte Hermine entsetzt.

„Ich glaube, einige Dinge sind auf dem Dachboden verstaut", widersprach Ginny. Ihre Augen weiteten sich, als hätte sie endlich ein Puzzlestück entdeckt, nach dem sie gesucht hatte.

Harry drehte sich um und stürzte aus dem Zimmer, Ron und die Mädchen dicht an seinen Fersen. Mrs. Weasleys scharfe Stimme gebot ihnen in der Halle Einhalt.

„Was heckt ihr aus? Warum habt ihr es so eilig?", verlangte sie misstrauisch zu wissen.

„Harry hat eine abfällige Bemerkung über die Cannons abgelassen und Ron fühlt sich angegriffen", log Ginny seelenruhig.

„Also wirklich, Ron, du und dieses lächerliche orange Team. Lass Harry in Ruhe und hör auf, im Haus herumzurennen", schimpfte Mrs. Weasley und eilte zurück zur Küche.

Harry hob beeindruckt eine Augenbraue in Ginnys Richtung. Sie zuckte die Achseln und bewegte sich zum Dachboden. Die anderen folgten ihr mit schnellen Schritten, bemühten sich aber nicht zu rennen.

Der Dachboden war mit Kästen voll gestellt, die sich in Reihen vom Boden bis unter die Decke und von der Tür bis zur entferntesten Ecke des Zimmers stapelten.

Harry stöhnte bei dem Anblick auf.

„Verdammte Scheiße", ächzte Ron und blickte sich hilflos um. „Hermine, es sieht aus wie etwas, das du geordnet hast."

Hermine seufzte. „Es wirkt abschreckend, ich weiß. Aber die Tatsache, dass es geordnet ist, könnte sich noch als hilfreich erweisen. Die Gegenstände sind höchstwahrscheinlich danach geordnet, in welchem Zimmer sie gefunden worden sind. Sobald wir das richtig Zimmer ausfindig gemacht haben, sollte es unsere Suche beträchtlich einengen."

Für Harry schien Hermine bei dieser Aussicht beinahe fröhlich zu klingen. Er fing Rons Blick auf und sie beide verzogen das Gesicht.

„Woher sollen wir wissen, welches Zimmer wir suchen?", fragte Ron.

Harry zog den falschen Horkrux aus der Tasche und zeigte es den anderen. „Wir suchen nach einem Medaillon, das diesem hier ähnelt."

„Ich glaube, ich entsinne mich an so etwas Ähnliches, das mir beim Saubermachen eines der Zimmer untergekommen ist", sagte Ginny, während sie das Medaillon entgegennahm. „Ich erinnere mich daran, dass es sich nicht öffnen ließ. Aber ich weiß nicht mehr, in welchem Zimmer wir es gefunden haben."

„Aber das hilft uns trotzdem", warf Hermine eifrig ein. „Wir haben zusammen mehrere Räume im zweiten Stock saubergemacht. Lasst uns also dort unsere Suche beginnen."

Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, Kasten um Kasten zu durchsuchen, aber nicht das Richtige zu finden. Harry wurde immer frustrierter und lustloser, als ein Schrei von Ginny seine Aufmerksamkeit erregte.

„Hast du es gefunden?", wollte Ron begierig wissen.

„Nein, nicht das Medaillon", sagte Ginny. „Aber schaut euch das an."

Hermine nahm ihr das Gemälde aus der Hand. Der Rahmen war verkratzt und abgenutzt und es wirkte unglaublich alt.

„Süßer Merlin", sagte Hermine und keuchte schwer.

„Was ist das?", fragte Harry neugierig.

„Ist es das, was ich denke?", wollte Ginny wissen.

Harry blickte Ginny über die Schulter, um das Gemälde zu betrachten. Es zeigte zwei Paare, die scheinbar in der großen Halle von Hogwarts standen. Sie waren in herrliche Festumhänge gekleidet. Einer der Männer stand etwas entfernt von den anderen drei.

„Das sind die Gründer von Hogwarts", sagte Hermine ehrfürchtig. „Schau, Harry, Godric Gryffindor trägt das Schwert, das du gegen den Basilisken geführt hast."

Harry schaute genauer hin und bemerkte, dass sie Recht hatte. Sorgfältig betrachtete er die anderen Gründer und erkannte Helga Hufflepuff aus einem Gemälde von Hogwarts wieder. Die andere Frau, eine streng dreinblickende Hexe mit einem glitzernden Diadem auf dem Haarschopf, erinnerte ihn an Professor McGonagall. Er vermutete, dass es sich um Rowena Rawenclaw handelte. Die vierte Person – derjenige, der etwas abseits stand und einen finsteren Ausdruck auf dem Gesicht trug – war Salazar Slytherin.

„Wie ist es nur hier gelandet?", fragte Hermine. „Das ist ein unschätzbares Stück Geschichte. Harry, du musst es Professor McGonagall zeigen."

„Ich wette, es ist ein Vermögen wert, Kumpel", sagte Ron.

„Ich werde es ihr geben, wenn sie zu dem Ordentreffen heute Abend kommt. Sie wollen mit mir über gestern sprechen und darüber, was ich mit Professor Dumbledore unternommen habe. Ich werde sie vertrösten müssen und sie werden es nicht gut aufnehmen. Vielleicht kann das hier eine Art von Friedensangebot sein." Harry lächelte matt.

„Harry! Ruf Kreacher. Vielleicht kann er uns helfen", sagte Hermine plötzlich.

Harrys Augen weiteten sich. „Kreacher!", bellte er.

Augenblicklich ertönte ein lautes Knacken und der schmutzige, zerzauste Hauself erschien, sie finster anfunkelnd. Er trug das Wappen von Hogwarts auf der Brust.

„Der Halbblut- Welpe ruft ihn und der arme, alte Kreacher muss gehorchen. Oh, wenn seine Meisterin nur wüsste, wie Kreacher erniedrigt wird", murmelte der Elf, während er traurig den Kopf von einer Seite auf die andere schwang.

Hermine kniete sich vor ihn. „Es tut uns schrecklich leid, dass wir dich gestört haben, Kreacher. Aber wir brauchen deine Hilfe", sagte sie freundlich.

„Das Schlammblut wagt es, Kreacher direkt anzusprechen. Kreacher wird ihr nicht antworten", brummte der Hauself.

„Das reicht, Kreacher", rief Harry wütend. „Du wirst dieses widerliche Wort nie wieder benutzen. Hast du mich verstanden?"

„Das macht nichts, Harry. Er weiß nicht, was er sagt", verteidigte Hermine.

„Lass dich nicht in die Irre führen, Hermine", schaltete sich Ron ein, während er Kreacher bedrohlich anstarrte. „Er weiß genau, was er sagt. Wir wollen Informationen über Regulus Black."

„Meister Regulus war ein großartiger und ehrbarer Zauberer. Er hat seiner armen Mutter nie das Herz gebrochen. Er ist im Dienste des Dunklen Lords gestorben", sagte Kreacher ehrerbietig.

„Er ist gestorben, weil seine Freunde ihn ermordet haben", widersprach Harry. „Hör mal, wir sind nicht hier, um dir beim Herumschwärmen zuzuhören, wie großartig es ist, dem Dunklen Lord zu dienen. Ich will wissen, ob Regulus jemals etwas besessen hat, das so aussieht", sagte er und hielt den gefälschten Horkrux in die Höhe. „Ich will, dass du mir erzählst, was damit geschehen ist."

Kreacher kniff die Lippen zusammen und grunzte, offensichtlich in dem Versuch, nicht zu antworten. Doch schließlich konnte er sich dem Befehl nicht mehr widersetzen. „Es war hier, auf einem Regal im Salon. Dieser scheußliche Halbblut- Dieb, der viele Schätze meiner Herrin gestohlen hat, hat es genommen."

„Mundungus!", rief Ron aus.

„Natürlich", machte Hermine. „Erinnerst du dich noch, Harry? Wir haben ihn in Hogsmeade mit einem Koffer voll von deinen Besitztümern getroffen."

„Aber wo wohnt Mundungus?", fragte Ron.

„Ich wette, Fred und George wissen es", sagte Ginny.

„Das ist also unser nächster Schritt. Wir müssen herausfinden, wo Dung gelebt hat, bevor er verhaftet worden ist, und dann sein Zuhause durchsuchen", entschied Harry. „Ich nehme an, das Ministerium hält ihn immer noch fest?"

„Ja, Dad hat vor kurzem etwas dazu gesagt. Lass mich mit Fred und George reden. Ich wette, sie wissen, wo er gelebt hat. Ich denke, mir werden sie es verraten", schlug Ginny vor.

„Warum sollten sie es dir erzählen und nicht mir?", fragte Ron.

„Sie können mich besser leiden", erwiderte Ginny schlicht.

Bei Rons verstimmtem Gesichtsausdruck feixte Harry. Nun, da sie endlich Fortschritte machten, fühlte er sich wesentlich besser. Ein klares Ziel beruhigte ihn stets. Zwei Horkruxe waren zerstört worden und sie hatten eine Spur zu einem weiteren. Er wusste, was die zwei letzten Stücke waren. Somit waren nur noch zwei zu finden. Es ging ihm besser als am Tag zuvor.

Ron, Hermine und Ginny waren fest entschlossen, für ihn einen Weg zum Überleben zu finden. Er glaubte nicht daran, dass sie Erfolg haben würden. Doch die Tatsache, dass sie so darum fixiert waren, erwärmte ihm das Herz. Er konnte es schaffen. Er konnte Voldemort besiegen, so dass seine Freunde und die Menschen, die er liebte, Chancen auf ein besseres Leben bekamen.