Kapitel 9 – Schau, wer da zum Essen kommt

Harry erwachte früh am Morgen seines Geburtstags nach einer Nacht, die gnädigerweise von Träumen verschont geblieben war. Im Bett liegend und das Gefühl des warmen Sonnenlichts genießend, das durch einen Spalt zwischen den Vorhängen hindurch schien, atmete er tief ein.

Er war endlich volljährig, endlich ein Mann.

Kurz huschten die Dursleys durch seine Gedanken. Die Magie, die seine Mutter auf ihn gelegt hatte, indem sie ihr Leben für ihn gegeben hatte, war um Mitternacht aufgehoben worden. Er fragte sich träge, was das den Dursleys bedeutete. Er wusste, dass der Orden noch immer ein Auge auf den Ligusterweg hielt, und er war sich ebenfalls bewusst, dass die Dursleys niemals das Angebot akzeptieren würden, sich zu verstecken. Was sie betraf, waren sie fertig mit ihm und seiner Welt. Um ihretwillen hoffte Harry, dass das stimmte.

Er hatte den Verdacht, dass Ron und Hermine vor ihrer Abreise etwas getan hatten, um die Dursleys wissen zu lassen, dass sie mit der Behandlung nicht zufrieden gewesen waren, die sie Harry die Jahre hindurch angedeihen gelassen hatten. Außerdem war es nicht gerade so, als verdienten die Dursleys keine Qualen.

Kopfschüttelnd versuchte Harry, seine Gedanken von seinen Verwandten wegzusteuern. Er musste nie wieder zurückkehren und das fühlte sich großartig an. Er hatte einen anstrengenden Tag vor sich und morgen... morgen würde sein Abenteuer beginnen. Remus hatte ihn mit einem magischen Zelt versorgt, das nun in seinem Rucksack verstaut war. Die vier Jugendlichen hatten wenig eingepackt, da sie nicht sicher waren, wie lange sie unterwegs sein würden, und nicht allzu schweres Gepäck mit sich schleppen wollten.

Er und Ron hatten eine Verabredung im Ministerium um neun Uhr, um ihre Apparierprüfungen abzulegen. Mr. Weasley hatte angeboten, sie auf dem Weg zur Arbeit zum Prüfungszentrum zu begleiten. Harry freute sich darauf, obwohl er etwas Bedenken hegte, dass Rufus Scrimgeour versuchen würde, aus seinem Erscheinen im Ministerium einen Vorteil herauszuschlagen.

Harry blickte zu Rons Bett hinüber und war überrascht, es leer vorzufinden. Es war eine seltene Gelegenheit, dass Ron vor Harry auf war. Er wusste, dass Ron extrem nervös vor den Prüfungen war, und hoffte, dass sein Freund nicht zulassen würde, dass seine Nerven mit ihm durchgingen. Sie mussten in der Lage sein zu apparieren, wenn sie ihre Suche begannen. Harry sorgte sich darum, dass Ginny Seit- an- Seit- Apparieren würde müssen, bevor sie volljährig wurde, obwohl sie angedeutet hatte, dass sie bereits wusste, wie es funktionierte.

Die Tür schwang auf und er blinzelte bei dem verschwommenen Rot, das auf ihn zuströmte.

„Guten Morgen, Harry! Happy birthday", quiekte Ginny und küsste ihn geräuschvoll, bevor sie sich auf den Rand seines Bettes setzte.

Harry grinste breit. Ganz plötzlich fühlte er sich unerklärlich albern. „Danke, Ginny. Ich wäre schon früher siebzehn geworden, wenn ich gewusst hätte, dass ich so eine Begrüßung bekommen würde", sagte er und lachte frech.

Ginny grinste und ließ ihre Hand sanft über sein Gesicht streichen. „Mum bereitet gerade ein enormes Geburtstagsfrühstück vor. Ich hoffe, du bist hungrig."

„Das bin ich", antwortete er und küsste sie auf die Hand. „Ich hoffe, dieser Test geht gut für uns aus. Ich werde so froh sein, wenn es vorbei ist. Wo ist Ron? Hast du ihn gesehen?"

„Er ist in der Küche. Mum bemüht sich gerade darum, ihn zum essen zu bringen. Aber er wirkt wirklich nervös. Wann wird der Trottel endlich begreifen, dass er es nur vermasselt, weil er sich selbst davon überzeugt, dass er es tun wird?", fragte sie hoffnungslos.

„Ich weiß", sagte Harry und verzog das Gesicht. „Er ist aber kein Trottel. Er ist nur nervös."

„Er ist ein Trottel", widersprach Ginny fest. „Alles ist für morgen vorbereitet. Ich hoffe, Mum regt sich nicht zu sehr auf."

„Ja, ich auch", erwiderte Harry besorgt. Er wollte Mrs. Weasley wirklich nicht verletzen, doch er wusste, dass sie ihnen nie erlauben würde loszugehen, ohne zu wissen, was ihr Ziel war. Selbst wenn sie sich eine plausible Erklärung ausdachten, würde ihr die Idee höchstwahrscheinlich widerstreben, sie aus der Sicherheit des Hauptquartiers zu entlassen.

Hermines Mum hatte den Namen und die Adresse des Waisenhauses sehr schnell gefunden. Glücklicherweise wurde es noch immer geführt. Es lag nicht allzu weit weg vom Tropfenden Kessel, obwohl sie entschlossen hatten, dass es sicherer war, den Pub zu meiden und als Muggle zu reisen.

Sie planten, sich bei Morgendämmerung aus dem Grimmauldplatz herauszuschleichen, bevor die anderen aufstanden. Er war sicher, dass sie bei ihrer Rückkehr ein Donnerwetter zu erwarten hatten, doch er hoffte, dass sie bis dahin einen weiteren Horkrux vorweisen konnten.

„Hoffentlich wird dieser kleine Kampf mit Narzissa Malfoy sie so beschäftigen, dass sie sich nicht allzu sehr aufregt", sagte Ginny. Sie knabberte an der Unterlippe.

Narzissa Malfoy hatte sich, seit sie alle am Grimmauldplatz angekommen waren, noch kein einziges Mal blicken lassen. Sie war auf ihrem Zimmer geblieben und hatte verlangt, dass die Mahlzeiten zu ihr hochgebracht wurden. Mrs. Weasley hatte netterweise Tabletts vorbereitet, sich jedoch geweigert, sie auszutragen, was Narzissa zwang, sie entweder selbst zu holen oder jemanden anderen damit zu beauftragen. Mrs. Malfoy hatte zurückgewiesen, die Tabletts nach der Benutzung zurück in die Küche zu bringen, und Mrs. Weasley war fest entschlossen, den wachsenden Stapel im Flur nicht aufzusammeln. Sie verlangte, dass Mrs. Malfoy sie eigenhändig zurückbrachte und säuberte.

„Ich werde den Streit vermissen", sagte Harry grinsend.

„Ja. Ich habe bemerkt, dass Fred und George in letzter Zeit sehr viel hier herumgehangen sind. Ich glaube, sie hoffen zugegen zu sein, wenn es eskaliert", erwiderte Ginny.

„Ich hoffe, deine Mum und dein Dad werden nicht allzu wütend auf mich sein, wenn sie realisieren, dass wir fort sind", sagte Harry. „Sie haben so viel für mich getan." Obwohl er es nicht aussprach, plagte ihn der Gedanke an die Missbilligung von Seiten der Weasleys. Sie bedeuteten ihm so viel.

„Mach dir jetzt noch keine Sorgen, Harry. Wir werden die Dinge regeln, wenn sie kommen. Gemeinsam. Eigentlich glaube ich, Dad hat den Verdacht, dass wir etwas aushecken. Er ist nicht so unwissend, wie es manchmal scheint." Ginny lächelte liebevoll. „Er wird uns mit Mum helfen. Ihm fällt es längst nicht so schwer wie ihr zuzugeben, dass wir alle erwachsen sind."

Harry fragte sich, ob das auf Ginny genauso wie auf ihre Brüder zutraf. Irgendwie vermutete er, dass Mr. Weasley Schwierigkeiten damit hatte, den Gedanken zu akzeptieren, dass sein kleines Mädchen groß genug war, mit einem Jungen davonzulaufen, um einem wahnsinnigen Dunklen Zauberer und einem Haufen Todesser gegenüberzutreten.

Als Harry schwieg, streckte Ginny die Hand aus und streichelte seine Wange. Er lehnte seinen Kopf gegen ihre Handfläche, ihre Wärme suchend.

„Wie geht es dir?", fragte sie. Ihr Gesichtsausdruck war ernst. Er wusste auf Anhieb genau, worauf sie anspielte.

Keiner von ihnen hatte den Siebten Horkrux mit ihm besprochen seit seiner alarmierenden Enthüllung. Es war, als wäre das Thema tabu geworden, und alle umgingen sie es sorgsam, während sie von der Suche sprachen. Mehrmals hatte er Ginny, Ron und Hermine dabei ertappt, wie sie zusammenhockten und wisperten. Doch sobald er den Raum betrat, stürzten sie sofort auseinander.

Er vermutete, dass sie sehr viel Zeit damit verbracht hatten, über ihn zu sprechen und einen möglichen Ausweg aus seiner Situation zu finden. Die Tatsache, dass keiner von ihnen an ihn herangetreten war, verhieß nichts Gutes und Harry konnte nicht den Mut aufbringen nachzufragen. Er hielt nur alles zusammen, indem er vorwärts schritt und seinen Blick auf den Preis gerichtet hielt.

Ein Horkrux zu einer Zeit war zu seinem Mantra geworden.

„Mir geht es gut", flüsterte er achselzuckend. „Das muss es doch, nicht wahr?"

„Nicht bei mir", wisperte sie sanft zurück. „Ich habe mir selbst versprochen, diejenige zu sein, die dich wieder aufrichtet, wenn du fällst. Du magst entschlossen sein, die Zaubererwelt zu retten. Aber ich bin entschlossen, dich zu retten."

Ein Knoten erschien in Harrys Kehle, während er seine Arme um sie schlang und sie an sich drückte. Er sagte in ihre Schulter: „Das wird vielleicht nicht möglich sein, Ginny."

Ginnys Griff verstärkte sich um ihn. „Es ist möglich. Alles ist möglich, wenn du genug Nerven dafür hast. Das habe ich dir schon einmal gesagt, erinnerst du dich?"

„Ja, ich erinnere mich", sagte Harry lächelnd. „Du bist auch zu meiner Rettung gekommen."

„Das bin ich, Ginny Weasley: Heldenretter", antwortete sie. Er konnte sie grinsen spüren.

„Ich bin kein Held", widersprach er schroff. „Ich weiß nicht einmal, was ich tue."

„Es kommt schon wieder in Ordnung, Harry. Ich weiß, es scheint unüberwindbar, wenn du es überblickst. Aber wenn wir es Stück für Stück angehen, werden die Puzzleteile früher oder später zusammenkommen und alles passt zusammen", sagte Ginny. Harry konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch ihre Stimme klang zuversichtlich. Und das beruhigte ihn.

„Du gibst mir das Gefühl, dass ich alles tun könnte", flüsterte er.

„Das kannst du ja auch."

„Ich habe die Gräber meiner Eltern gesehen, als ich in Godrics Hollow war", erzählte er. Er hatte diesen Teil der Geschichte ausgelassen, als er ihnen alles von Wurmschwanz berichtet hatte. Er wusste nicht warum, doch plötzlich spürte er den Drang, mit ihr darüber zu sprechen.

„Das muss sehr hart für dich gewesen sein", sagte sie und ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten.

Harry zuckte die Achseln und genoss das Gefühl ihrer Finger. „Es war seltsam. Ich habe schon immer über sie nachgedacht. Aber ich habe gedacht, dass ich, wenn ich endlich ihre Ruhestätte sehe, irgendeine Art von Verbindung zu ihnen oder so spüren würde. Ach, ich weiß nicht. Ziemlich dumm."

„Es ist nicht dumm, Harry."

„Es war hart, dort zu sein. Es ließ mich daran denken, wie anders die Dinge gestanden hätten. Aber ich hatte nicht das Gefühl, als wären sie da gewesen. Ich habe nicht anders darüber gedacht als ich es schon immer getan habe. Macht das Sinn?"

„Ich vermute", sagte Ginny vorsichtig, „dass es vielleicht nicht der Ort ist, wo sie begraben liegen, was uns mit den Menschen verbindet, die wir verloren haben, sondern die Gefühle, die wir in uns für sie hegen. Ich habe noch nie jemanden verloren, der mir nahe steht. Deshalb weiß ich nicht genau, wovon ich spreche. Aber Mum hat einige ihrer Brüder im letzten Krieg verloren. Ich habe sie nie gekannt, da sie gestorben sind, bevor ich auf der Welt war. Aber ich weiß, dass sie immer noch manchmal mit ihnen spricht, besonders wenn sie angespannt ist. Fred und George sind nach ihnen benannt. Naja, zumindest stimmen die Initialen überein. Ich kann mich nicht daran entsinnen, dass Mum jemals ihre Gräber besucht hat, doch das bedeutet nicht, dass sie sie deswegen weniger liebt. Vielleicht brauchen manche Leute ein Grab als einen Ort zum Trauern und andere nicht. Du hattest nie eine Grabstätte zum Besuchen, richtig? Du hast immer nur gewusst, dass sie gestorben ist. Deshalb hast du andere Wege gefunden, dich mit ihnen verbunden zu fühlen."

„Ich nehme an", stimmte Harry zu, während er sein Gesicht in ihrem Haar vergrub und diesen süßen blumigen Duft einatmete, den er so sehr liebte. Bis er elf geworden war, hatte er geglaubt, dass seine Eltern in einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Er konnte sich daran erinnern, wie er in seinem Schrank gelegen und eingebildete Unterhaltungen mit ihnen geführt hatte. Er hatte es noch nie als Form der Trauer betrachtet.

„Also? Was wünschst du dir zum Geburtstag?", wollte Ginny wissen. Er wusste, dass das ein Versuch war, ihn aufzuheitern. Da er sich in der Stimmung fühlte, seinen Geburtstag zur Abwechslung wirklich zu feiern, ließ er sie walten.

„Ich weiß genau, was ich tun will", sagte er und knabberte an ihrem Ohr, „aber ich glaube, deine Mum dürfte Einwände haben, wenn wir den Tag hier oben verbringen – ganz zu schweigen von deiner Armee von Brüdern."

Ginny kicherte und beugte ihren Kopf, um ihm besseren Zugang zu ihrem Hals zu verschaffen. Sie seufzte leise, während er fortfuhr, Küsse entlang ihrer schlanken Kehle zu verteilen. Er hatte das Gefühl, dass ihn dieser Klang wahnsinnig machte.

Harry hatte gerade geschafft sich zu entspannen und sich allmählich wohl zu fühlen, als er Mrs. Weasley brüllen hörte, dass das Frühstück fertig sei. Widerwillig lösten sich Harry und Ginny voneinander, beide keuchend und zerzaust.

„Tja", sagte Ginny. Sie stand auf und strich ihre Kleidung glatt. „Es ist doch schön zu sehen, dass das Timing meiner Mum so unfehlbar ist wie immer."

„Ja", erwiderte Harry mürrisch, während er vergeblich versuchte, sein Haar zu bändigen. „Es ist einfach brillant."

„Mach dir keine Sorgen, Harry. Wir werden noch viele Gelegenheiten haben, unsere Aktivitäten fortzusetzen, sobald wir außerhalb ihrer Sichtweite sind", sagte Ginny mit einem schelmischen Zwinkern. Sie warf ihr Haar über die Schulter zurück, wandte sich um und verließ das Zimmer. Ihre Worte hatten seine Fantasien angeregt und er konnte es plötzlich kaum noch mehr erwarten, ihre Suche zu beginnen, jedoch aus Gründen, die absolut nichts mit Horkruxen zu tun hatten.


Als sie die Küche betraten, fanden sie sie bereits gefüllt vor. Alle wandten sich um und starrten sie an, woraufhin ihnen beiden das Blut ins Gesicht schoss. Harry war überrascht, Ginny erröten zu sehen. Üblicherweise war sie besser darin, sich nicht von ihrer Familie reizen zu lassen, als er.

„Scheint, als hätte unserer Geburtstagskind schon eins seiner Geschenke bekommen", bemerkte Fred unschuldig.

Harry spürte Hitze in sein Gesicht steigen und war sich bewusst, dass er sogar noch röter wurde, sofern das überhaupt möglich war.

„Ach haltet die Klappe", sagte Ginny in einer tiefen Stimme, während sie sich eine Kelle Rührei auf den Teller tat. Sie reichte den Teller Harry und füllte einen weiteren für sich selbst.

„Ja, Ginny", antwortete George mit einem spitzbübischen Grinsen. „Warum hast du so lange gebraucht? War es schwer, Harry zum Aufstehen zu bringen?"

Harry verschluckte sich an seinem Ei und blickte wild um sich, um sicherzugehen, dass Mrs. Weasley am Ofen beschäftigt war und ihre Unterhaltung nicht gehört hatte.

Ginny schien ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt zu haben. Beiläufig warf sie Harry einen Blick zu und murmelte: „Nicht wirklich."

Fred und George saßen bewegungslos da, nur ihre Augen huschten zwischen Harry und Ginny hin und her. Sie trugen den gleichen entgeisterten Ausdruck auf dem Gesicht, bevor sie in herzhaftes Gelächter ausbrachen.

Harry wünschte sich, der Boden würde sich öffnen und ihn verschlucken. Er war sicher, dass jeder ihrer Brüder kurz davor ist, ihm einen Fluch auf den Hals zu jagen. Er war froh, dass er zumindest volljährig war, so dass er sich selbst verteidigen konnte, falls sie sich zum Angriff entschließen sollten. Vorsichtig blickte er zu Ron, nur um festzustellen, dass sein Freund ihnen nicht einmal Beachtung schenkte. Er stocherte gerade auf seinem Teller herum und schaute alle paar Sekunden auf die Uhr. Ron konnte es kaum erwarten aufzubrechen.

Als er Harrys Blick auf sich spürte, blickte er auf. „Beeil dich, Harry. Du hast keine Zeit zu essen. Dad ist bereit, uns zum Ministerium zu bringen. Er geht gerade seinen Umhang holen."

„Ron", sagte Ginny und ergriff Harrys Arm, als dieser sich erhob. „Das ist sein Geburtstagsfrühstück. Das sollte er genießen."

„Und er muss etwas in seinem Magen haben, um bei der Prüfung gut abzuschneiden", fügte Mrs. Weasley hinzu, die noch einige Streifen Toast auf Harrys Teller legte. „Harry, du bist ein wenig rot im Gesicht, Liebes. Geht es dir gut?"

Mrs. Weasley legte Harry den Handrücken auf die Stirn, um seine Temperatur zu überprüfen.

„Mir geht es gut, Mrs. Weasley", murmelte dieser, obwohl er sich alles andere als gut fühlte. Er hatte vollkommen den Appetit verloren und war genauso begierig wie Ron, die Küche und die gefährlich feixenden Zwillinge hinter sich zu lassen.

„Lass dir nicht von dem Test Angst einjagen, Liebes", sagte Mrs. Weasley, seine Unbehaglichkeit falsch deutend. „Ich bin sicher, du wirst dich toll schlagen. Und selbst wenn nicht, kannst du es immer nochmal machen."

„Wenn Harry Muffensausen hat, Mum, bin ich sicher, dass Ginny sich um ihn kümmern kann", erwiderte Fred mit einem bösen Grinsen. „Sie scheint sehr viel von seinen Bedürfnissen zu wissen in letzter Zeit."

Da er nichts mehr davon hören wollte, sprang Harry von seinem Stuhl auf und schaffte es, dabei seinen Kaffee über den ganzen Tisch zu verschütten. Eiligst schnappte Mrs. Weasley sich ein Handtuch und begann, die Sauerei aufzuwischen.

„Sorry, Mrs. Weasley", sagte Harry. Dies ließ Fred und George nur noch stärker lachen.

Ginny funkelte ihre Brüder an. „Ignorier sie, Harry", flüsterte sie und küsste ihn leicht auf die Wange. „Viel Glück. Dir auch, Ron."

„Ja", sagte Ron, nichts um sich herum wahrnehmend, während er Harry aus der Küche zerrte.


Sie mussten den Besuchereingang benutzen, als sie im Ministerium ankamen, was Harrys Magen in Aufruhr versetzte. Mr. Weasley legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht, während sie in der Telefonzelle hinunterfuhren. Harry war dankbar für die Unterstützung, schätzte jedoch noch mehr das Schweigen von Mr. Weasley. Er könnte es nicht ertragen, gerade jetzt darüber zu sprechen, was das letzte Mal geschehen war, als er sich hier befunden hatte. Diese Erinnerungen lagen viel zu nahe an der Oberfläche.

Als die Zellentür aufsprang, traten sie heraus ins Atrium. Harry hatte nur einen Augenblick Zeit zu bemerken, dass der Brunnen im Zentrum der Halle ersetzt worden war, bevor eine Horde von Reportern auf sie zugestürzt kam.

„Da ist er", rief einer von ihnen. „Mr. Potter, könnten Sie hierher schauen."

Ein Blitzlichtgewitter prasselte auf sie ein, während so viele Fragen auf Harry abgefeuert wurden, dass er nichts davon verstehen konnte.

Überrascht blieb er einen Augenblick lang regungslos und starrte verständnislos auf die Meute von Reportern. Mr. Weasley packte seinen Arm und scheuchte ihn zu einer Glastür. Ron lief auf seiner anderen Seite und versuchte, ihn vor den Blicken abzuschirmen.

Die Tür öffnete sich plötzlich und Percy Weasley erschien, der sie hineinwinkte. Sie sprinteten hindurch, bevor Percy die Tür zudonnerte und magisch versiegelte. Harry konnte sehen, wie die Reporter gegen das Glas pochten und ihm gleichzeitig immer noch ihre Fragen zuriefen und Fotos schossen.

„Hier lang", sagte Percy und führte sie einen Korridor hinunter.

„Was zum Teufel sollte das denn?", verlangte Mr. Weasley zu wissen, während er seine Roben zurechtrückte.

„Das", antwortete Percy grimmig, „war die Idee des Ministers. Er hat die Presse informiert, dass du heute hier ankommen würdest, Harry."

„Hat er sich die Mühe gemacht, ihnen zu erzählen, dass ich nur hier bin, um meine Apparierlizenz zu bekommen?", fragte Harry gereizt.

„Nein. Obwohl er nie gesagt hat, dass du eine Verabredung mit ihm hast, hat er den Grund für dein Erscheinen sehr schwammig gelassen", erwiderte Percy, wobei er Harrys Blick mied.

„Was verschweigst du mir noch?", fragte Harry instinktiv.

„Ich wurde zu dir geschickt, um dich von den Reportern wegzuführen und dich durch die Sicherheitskontrolle zu bringen, bevor du Zeit hast, irgendwelche Fragen zu beantworten", sagte Percy. Zwei rote Flecken erschienen auf seinen Wangen.

„Du hast nur getan, was du tun musstest, um deinen Job zu behalten." Harry wedelte mit der Hand. „Außerdem wollte ich sowieso nicht wirklich mit diesen Reportern sprechen."

Percy blinzelte ihn hinter seiner Hornbrille hervor an. Schließlich schluckte er schwer und sagte: „Danke, Harry."

Harry wedelte abermals seine Hand. „Vergiss es. Wir haben jetzt wichtigere Sorgen."

„Dennoch, ich habe dich sehr schlecht behandelt. Das habe ich jetzt eingesehen", sagte Percy unbehaglich. Harry konnte sehen, wie schwer es Percy fiel sich zu entschuldigen.

„Percy, das Beste, was du jetzt tun kannst, ist, dich wieder mit deiner Familie zu vertragen. Es herrschen gefährliche Zeiten und du willst doch nicht ungetan und ungesagt lassen, bevor es zu spät ist. Nimm den Rat von jemandem, der Ahnung hat", sagte Harry ernst.

Percy nickte feierlich. Seine Augen wanderten einen Moment lang zu Ron, der mit verschränkten Armen und einem finsteren Ausdruck im Gesicht neben ihnen stand.

„Deine Mutter wird erfreut sein zu hören, dass wir miteinander gesprochen haben, Percy", sagte Mr. Weasley. Seine Stimme klang leicht erstickt.

„Ich werde ihr bald einen Besuch abstatten. Ihr geht am besten direkt zum Prüfungszentrum. Sie erwarten euch", sagte Percy, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte und den Gang hinuntereilte.

„Ich kann nicht glauben, dass du ihn so leicht hast davonkommen lassen", bemerkte Ron kopfschüttelnd.

„Er ist dein Bruder, Ron", erwiderte Harry.

„Noch ein Grund mehr, warum er sich nicht wie so ein Depp aufgeführt haben sollte", versetzte Ron mit finsterer Miene. „Er muss sich noch ein bisschen mehr anstrengen, damit ich ihm verzeihe."

Harry warf Mr. Weasley einen Blick zu in der Erwartung, dass dieser Ron zurechtwies. Der ältere Mann tat es jedoch nicht, offensichtlich akzeptierend, dass Percy die Beziehung zu seinen Geschwistern schon selbst in Ordnung bringen müsste.

„Wir sollten besser hochgehen", sagte Mr. Weasley strahlend und drückte den Knopf für den Aufzug, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, das ihn jünger erscheinen ließ als er die letzten Monate gewirkt hatte.

Als sie das Prüfungszentrum erreichten, fanden sie es verlassen vor. Nur eine junge Hexe saß an der Rezeption. Sie lächelte einnehmend und bedeutete ihnen, Platz zu nehmen. Sie saßen in bequemen Sesseln, während die Hexe ihnen ein kokettes Lächeln schenkte. Harry wand sich unbehaglich, während Ron sich kerzengerade hinsetzte. Nach mehreren Momenten begann die Hexe einen Schmollmund zu ziehen, indem sie ihre stark bemalten Lippen dramatisch hervorstreckte. Offensichtlich suchte sie Harrys Aufmerksamkeit, doch er ignorierte ihre Avancen.

Rons Gesicht verfinsterte sich, als er realisierte, dass die Hexe ihm keine Beachtung schenkte, und fing an herumzuzappeln. Er ließ sein Bein schnell auf und ab wippen, während er sich in seinem Sessel wand.

„Mach dir keine Sogen", zischte Harry schließlich. „Du wirst es gut machen. Du hast es doch schon vorher geschafft."

„Ich hasse Prüfungen", zischte Ron zurück.

Mr. Weasley saß mit seinem Kopf hinter einer Zeitschrift verborgen und tat, als würde er sie nicht hören. Harry konnte seinen Körper jedoch von unterdrückten Glucksern zucken sehen. Gnädigerweise wurde Harry zuerst aufgerufen und er folgte einer streng dreinblickenden Hexe den Korridor entlang, weg von der Rezeptionistin und Rons Nerven.

Zwanzig Minuten später erschien er wieder mit einem weiten Grinsen und seiner Apparierlizenz in der Hand.

„Gut gemacht", lobte Mr. Weasley und klopfte ihm auf den Rücken. „Wirklich gut gemacht. Warum setzt du dich nicht eine Weile, während wir auf Ron warten?"

Harry hatte den Eindruck, dass Mr. Weasley etwas auf dem Herzen hatte. Harrys Magen verkrampfte sich.

„Nun, da du volljährig bist, denke ich, werden sich einige Dinge ändern", sagte Mr. Weasley ein wenig zu beiläufig, während er an einem Faden seines Umhangs herumzupfte.

„Ja, Sir", erwiderte Harry, dem Drang widerstehend, an seinem Kragen zu ziehen. Sein Hals fühlte sich plötzlich sehr heiß und kratzig an.

„Ich bin mir bewusst, dass du an etwas gearbeitet hast mit Albus, bevor er gestorben ist. Und ich kann nur vermuten, dass du beabsichtigst zu beenden, was ihr begonnen habt", fuhr Mr. Weasley fort.

Harry zwang sich selbst, nicht herumzuzappeln und seinen Drang unter Kontrolle zu bekommen, alles herauszuplatzen. Es war sehr viel schwerer, die Wahrheit vor Mr. Weasley geheim zu halten als vor Moody oder Remus. „Ja, Sir. Es tut mir leid, Mr. Weasley. Aber ich kann wirklich nicht – "

„Ich bitte dich nicht darum, mir zu erzählen, was du nicht verraten willst, Harry. Ich will dich nur wissen lassen, dass du immer zu mir kommen kannst oder zu jedem anderen im Orden, um Hilfe zu suchen, wenn du dich danach fühlst", sagte Mr. Weasley feierlich. „Du kannst jederzeit zu mir kommen, Harry."

„Danke", sagte Harry überrascht. Er wusste, dass Mrs. Weasley eine Einbindung von ihm in den Orden nicht guthieß. Doch er hatte nie die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Mr. Weasley es anders sehen mochte, objektiver.

„Ich verspreche nicht, dass alle im Orden es auf die gleiche Weise sehen", sagte Mr. Weasley. „Ich vermute, es wird mehrere Leute geben, die ziemlich sauer auf dich sind. Aber ich habe dich die Jahre über aufwachsen sehen, Harry, und ich weiß, dass du ein mehr- als- kompetenter Zauberer bist. Du und Ron, ihr seid jetzt Erwachsene und ich kann nicht länger erwarten, die Entscheidungen für euch zu treffen."

„Und Mrs. Weasley?", fragte Harry, die Antwort fürchtend. Harry grauste es vor ihrer Missbilligung beinahe ebenso stark wie es vor Dumbledore gewesen war.

„Molly wird wütend sein, aber ich glaube, dessen bist du dir bewusst. Du und Ron, ihr werdet immer ihre kleinen Jungs sein. Sie will nicht loslassen. Sie ist aber eine starke Hexe. Sie wird in Ordnung kommen. Sie liebt dich, Harry. Sie wird dir verzeihen", erwiderte Mr. Weasley. Sein Gesichtsausdruck wurde weicher.

Harry bemerkte, dass Mr. Weasley, obwohl er den Verdacht hatte, Ron würde mit Harry gehen, keine Ahnung von Ginny hatte. Er fragte sich, ob sich seine Einstellung ändern würde, wenn seine Tochter ebenfalls verschwand. Irgendwie vermutete Harry, dass es Mr. Weasley leichter fiel, seine Söhne als Männer zu sehen als Ginny als Frau.

„Das hoffe ich", erwiderte er ernst.

„Dürfte ich dir vorschlagen, einen öffentlichen Ausflug durch die Winkelgasse zu unternehmen, nachdem du von hier weggegangen bist?", warf Mr. Weasley auf. Seine Augen funkelten vor Übermut, was Harry stark an Fred und George erinnerte.

„Aber... wird das nicht viel Aufmerksamkeit erregen?", fragte Harry verwirrt. Der Orden hatte immer einen solchen Wert darauf gelegt, seine Tätigkeiten geheim zu halten.

„Genau. Und wie immer wenn du in der Öffentlichkeit gesehen wirst, werden diese Schwachköpfe unten mehr als glücklich sein, davon zu berichten. Es würde dir dienen, wenn Du- weißt- schon- wer nicht den Verdacht bekommen soll, dass du fort bist", erwiderte Mr. Weasley.

„Das ist eine großartige Idee, Mr. Weasley", sagte Harry grinsend.

„Ich kann durch einige Kontakte im Ministerium sichergehen, dass die Presse in Bereitschaft steht, wo auch immer du dann hingehst. Ich glaube, Percy könnte uns auch dabei helfen", bot Mr. Weasley lächelnd an.

„Danke." Harrys Kehle fühlte sich plötzlich eng an.

Sie wurden unterbrochen, als Ron durch die Tür trat, strahlend und seine Apparierlizenz in der Hand.

„Augenbrauen und alles", sagte er grinsend.

„Gut gemacht." Harry klopfte ihm auf den Rücken.

„Gratulation, mein Sohn. Ich wusste, dass du es in dir hast", sagte Mr. Weasley.

„Danke, Dad", erwiderte Ron, während sich seine Ohren leuchtend rot färbten.

Die Rezeptionistin erhob sich von ihrem Stuhl und öffnete eine Tür zu ihrer Rechten. „Herzlichen Glückwunsch Ihnen beiden. Direkt vor der Tür gibt es eine Apparierstelle, die Sie benutzen können", erklärte sie. Sie blickte Harry abermals hoffnungsvoll an.

Mr. Weasley legte den Jungen je einen Arm um die Schulter und schob sie auf die Tür zu. Harry lief einige Schritte, bevor er anhielt.

„Gibt es keine Apparierstelle in der Eingangshalle, Mr. Weasley?", fragte er.

„Doch, gibt es", antwortete die Hexe, bevor Mr. Weasley den Mund aufmachen konnte. Plötzlich erschien sie nervös und unsicher. „Wir haben diesen getrennten Ort, da unsere Prüflinge es üblicherweise kaum erwarten können, ihre neue Lizenz zu benutzen. Direkt durch diese Tür."

Sie versuchte, sie durch den Ausgang zu steuern, noch immer lächelnd, doch Harry konnte einen panischen Ausdruck in ihren Augen erkennen.

„Danke, aber ich denke, ich würde den Gang gern unternehmen", sagte Harry. Er befreite seinen Arm und ging durch dieselbe Tür, durch die sie eingetreten waren.

„Was hast du vor, Harry?", wollte Ron wissen, während er ihm zum Aufzug folgte.

Mr. Weasley lächelte wissend. „Jungs, ich muss hoch in mein Büro. Ich nehme an, ihr schafft es auch allein zurück?"

„Ja, Mr. Weasley. Wir kommen klar... und danke", erwiderte Harry.

„Ach was", tat Mr. Weasley ab und eilte in die entgegen gesetzte Richtung davon.

Als Ron und Harry die Eingangshalle erreichten, fanden sie eine große Anzahl von Reportern vor, die noch immer herumlümmelten, in der Hoffnung, Harry zu sehen. Beinahe sofort erblickten sie ihn und drängten auf ihn zu. Harry hob eine Hand in die Höhe und zeigte ihnen allen seine neu erworbene Lizenz. Auf der Stelle flammte ein Blitzlichtgewitter auf.

„Ich habe es geschafft", jubelte er, wohl wissend, dass es nun keinerlei Zweifel mehr gab, weshalb er dem Ministerium seine Aufwartung gemacht hatte.

Er tauschte ein Lächeln mit Ron, während sie zur Apparierstelle sprinteten und den Reportern entkamen.


Als sie am Grimmauldplatz ankamen, nach einem langen und sehr öffentlichen Spaziergang durch die Winkelgasse, erwartete sie ein Geburtstagsfestessen, würdig eines Königs. Sie hatten mehrere Zwischenstopps unterwegs gemacht, so zum Beispiel bei Weasleys Zauberhaften Weasleyscherzen. Fred und George hatten Harry sein Geburtstagsgeschenk überreicht mit dem Ratschlag, es lieber fern von Mrs. Weasleys scharfen Augen auszupacken.

Harry öffnete das Päckchen und enthüllte zwei Flaschen von Ogdens Feuerwhiskey.

„Das sind Immerwährende Party- Flaschen", erklärte Fred.

„Sie halten garantiert jede einzelne Party hindurch", fügte George hinzu.

„Oder zumindest bis du umfällst", sagte Fred grinsend.

Als sie die volle Straße entlang schlenderten, hatten sie mehrere Klassenkameraden getroffen und wurden einige Male um ein Foto gebeten. Insgesamt bewertete Harry es als einen erfolgreichen Ausflug.

Bei ihrer Rückkehr war Harry überwältigt von der Menge an Speisen, die Mrs. Weasley zubereitet hatte. Schuldgefühle bezüglich seiner geplanten Täuschung stiegen in ihm auf und er versuchte Mrs. Weasley deutlich zu machen, wie dankbar er ihr für ihre Freundlichkeit war.

Sie spielte es herunter, doch Harry glaubte einen Ausdruck von Verständnis in Mr. Weasleys Augen zu sehen.

„Mmm, Lammbraten", sagte Ron, während er sich hinsetzte und sich einen Teller nahm.

„Vergiss das Essen, Ron. Wie war es?", wollte Hermine besorgt wissen.

„Wie war was?", brachte Ron durch seinen Mund voll von Kartoffeln hervor.

Hermine war entgeistert. „Wie war was? Deine Prüfung natürlich. Also wirklich, Ron. Wo seid ihr die ganze Zeit gewesen?"

„Oh. Bestanden", sagte Ron.

„Ich wusste, dass du es schaffen würdest", rief Hermine und warf ihm die Arme um den Hals.

Rons Augen weiteten sich, bevor ein selbstzufriedenes Lächeln über sein Gesicht huschte. Fred und George kicherten.

„Und du, Harry? Wie lief es bei dir?", erkundigte sich Ginny, die sich neben ihn setzte.

„Hab meine Lizenz bekommen", sagte Harry grinsend.

„Ich wusste, dass du es schaffen würdest", erwiderte sie, lehnte sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange. Harry spürte sein Gesicht brennen.

„Sie haben es geschafft, obwohl Rufus Scrimgeour versucht hat, sie abzulenken", sagte Mr. Weasley.

„Was meinst du damit?", wollte Remus Lupin wissen. Er blickte ihn alarmiert an.

„Es war nichts", beschwichtigte Harry kopfschüttelnd.

„Was war nichts?", drängte Remus.

„Scrimgeour hat dafür gesorgt, dass eine Horde von Reportern Harry auflauert", antwortete Ron. „Du weißt, wie er Harry bedrängt hat, sich im Ministerium blicken zu lassen. Er wollte, dass sie ihn alle dort sehen. Nachdem wir unsere Prüfungen hinter uns gebracht hatten, haben sie versucht, uns rauszuscheuchen. Aber Harry hat es nicht zugelassen. Er ist direkt durch die Lobby marschiert und hat allen seine Apparierlizenz gezeigt, damit sie alle wissen, warum wir dort waren. Ich würde zu gern Scrimgeours Gesicht sehen, wenn er davon erfährt."

„Das hat er bereits", sagte Mr. Weasley grimmig.

„Was ist passiert?", fragte Harry, alarmiert von Mr. Weasleys Gesichtsausdruck.

„Er war nicht glücklich. Die Abendausgabe des Tagespropheten ist schon draußen. Sie ist voll von deinen Bildern und einigen Geschichten. Überhaupt gar nichts von deiner Unterstützung zum Ministerium, wie er gehofft hat. Er hat die Hexe gefeuert, die an der Rezeption des Prüfungszentrums gearbeitet hat", erwiderte Mr. Weasley.

Harry fühlte sich schrecklich. Er hatte Scrimgeours Pläne durchkreuzen, jedoch doch nicht die Rezeptionistin in Schwierigkeiten bringen wollen.

„Nicht deine Schuld, Harry", sagte Ginny fest. „Du kannst nicht kontrollieren, was alle anderen machen. Was du getan hast, war richtig. Und du kannst nichts dafür, dass Scrimgeour sich wie ein Trottel aufführt."

Mr. Weasley lächelte liebevoll. „Obwohl ich nicht so weit gehen würde, den Zaubereiminister als einen Trottel zu bezeichnen, " seine Lippen zuckten, „hat Ginny Recht. Es war nicht deine Schuld, also lass dir keine Schuldgefühle machen."

„Genug davon", warf Mrs. Weasley stirnrunzelnd ein. „Es ist Harrys Geburtstagsessen. Lasst uns von etwas Angenehmen sprechen."

Harry erinnerte sich daran, wie aufgebracht sie im letzten Jahr gewesen war, als die Nachricht von Krieg sein Geburtstagsfest unterbrochen hatte. Er wusste, dass sie es gut meinte. Doch sie weigerte sich immer noch zu akzeptieren, dass er Teil des Krieges war, ob es ihr gefiel oder nicht.

Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Tonks den Raum betrat, blass und müde aussehend. Ihr pfefferminzgrünes Haar hing ihr schlaff auf die Schultern. „Entschuldigt die Verspätung", sagte sie und sank auf den Stuhl, den Remus für sie herausgezogen hatte.

„Du siehst schrecklich aus, Tonks", sagte Mrs. Weasley erschrocken.

„Harter Tag", erwiderte Tonks mit dem Versuch eines Lächelns.

„Haben sie dich wieder in Azkaban gebraucht?", erkundigte sich Remus, während er ihr ein Glas Wein reichte.

Tonks nickte und nippte dankbar am Wein. „Der Ort ist grauenhaft."

„Azkaban?", wiederholte Harry. „Was machst du in Azkaban?"

„Das Ministerium lässt Auroren die Gefangenen bewachen, seit die meisten der Dementoren geflohen sind", erklärte Tonks.

„Die meisten von ihnen?", fragte Harry. „Es gibt immer noch einige dort?"

„Ein paar von den Älteren, Unsichereren", antwortete Tonks. „Erbärmliche Kreaturen. Ich vermute, manche von ihnen sind nur geblieben für die leichte Beute. Sie wollten nicht nach ihrem Essen suchen müssen. Macht aber keinen Unterschied, dass nicht mehr viele übrig sind. Die Mauern von Azkaban leben beinahe von ihrem Geruch, weil sie so lange dort gewesen sind. Es ist ein furchtbarer Ort."

Mrs. Weasley erschauerte. „Ich kann nicht glauben, dass sie dich dorthin geschickt haben. Ich erinnere mich daran, als Arthur einmal dorthin musste. Es hat ihn Tage gekostet, sich wieder davon zu erholen", sagte sie mit Tränen in den Augen.

Mr. Weasley drückte tröstend ihre Hand. „Molly, irgendjemand muss doch die Gefangenen bewachen, oder nicht? Es gibt keine andere Möglichkeit."

„Ich finde, das Ministerium sollte in Erwägung ziehen, ein vollkommen neues Gefängnis zu erbauen, gelöst von dem Effekt der Dementoren auf Azkaban", sagte Bill. Er und Fleur waren vor kurzem von ihren Flitterwochen zurückgekehrt und beide waren gebräunt und offensichtlich gut erholt. „Wir könnten Zauberbänne verwenden, um sie gefangen zu halten, und Hauselfen, um Essen zu bringen."

„Das ist, was wirrr in Frankreisch tun", sagte Fleur, während sie Bill bewundernd anstarrte. „Es ist ein viel bessererr Weg, denke isch."

„Vielleicht wird hier nach dem Krieg so etwas gemacht. Jetzt sind alle Mittel auf Du- weißt- schon- wen und die Zerstörung, die er verursacht, fokussiert", erwiderte Mr. Weasley.

Die Zeitungen hatten beinahe täglich neue Dementorenangriffe zu berichten, während das Dunkle Mal immer öfter in Mugglebereichen entdeckt wurde. In den letzten Wochen hatten mehrere Gebäude in Birmingham Feuer gefangen und trotz ihrer besten Bemühungen waren die Beamte des Ministeriums nicht in der Lage gewesen, die Flammen zu löschen.

„Wenn wir mit dem Essen fertig sind, habe ich Siruppudding gemacht. Das ist dein Lieblingsessen, nicht wahr, Liebes?", schaltete sich Mrs. Weasley ein. Sie funkelte Bill und Mr. Weasley an.

„Ja, Mrs. Weasley", antwortete Harry. Trotz seines Verlangens, mehr davon zu hören, was in Azkaban vor sich ging, konnte er nicht anders als sich auf Mrs. Weasleys Siruppudding zu freuen.

Um Mrs. Weasleys Wunsch nach einem erfreulicheren Gesprächsthema zu gewähren, ließen die Gäste die Unterhaltung über Krieg für den Augenblick auf sich beruhen. Der Rest des Abendessens wurde in Gelächter und mit Neckereien Rons von Seiten der Zwillinge bezüglich seines ersten gescheiterten Versuchs der Apparierprüfung verbracht.

Alle waren so versunken in den Festlichkeiten, dass keiner bemerkte, wie die Küchentür wieder geöffnet wurde. Narzissa Malfoy trat mit einem wachsamen Gesichtsausdruck herein, einen Stapel von leeren Tabletts in der Hand. Sie ging zur Spüle und legte sie daneben, während sie angeekelt die Anrichte anstarrte.

„Narzissa", sagte Mrs. Weasley freundlich. „Möchtest du etwas zu essen?" Harry bemerkte, dass Mrs. Weasley nicht sofort aufsprang, um sie zu versorgen, wie sie es normalerweise tat, wenn jemand die Küche betrat.

Ginny lehnte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr. „Ich glaub es nicht. Sie hat die Tabletts heruntergebracht. Sie muss Hunger haben. Sie hat den ganzen Tag nichts gegessen."

Mrs. Malfoy erschien von der Einladung gekränkt. „Ich ziehe es vor, ein Tablett nach oben zu nehmen", sagte sie steif.

„Na dann. Hier ist massenhaft Essen und ich sehe, du hast ein paar Tabletts heruntergebracht. Du müsstest sie nur saubermachen, da keine sauberen mehr übrig sind, und dann kannst du dich bedienen", sagte Mrs. Weasley lächelnd. Sie wandte sich ohne einen weiteren Blick wieder ihrem eigenen Essen zu.

Mrs. Malfoy stand mit offenem Mund da, Mrs. Weasley voller Abscheu anstarrend. Ihre langen, knochigen weißen Finger verkrampften sich geschockt umein Tablett. „Sicherlich gibt es Hauselfen, die solche Dinge erledigen", sagte sie entgeistert.

Mrs. Weasley lächelte und schüttelte den Kopf. „Nicht seit Kreacher nach Hogwarts gegangen ist. Nicht dass er jemals eine große Hilfe gewesen ist. Nein, wir müssen alle mit anpacken, wenn wir etwas fertig bringen wollen."

„Malfoy Manor hat eine ganze Besatzung von Hauselfen. Sicherlich würde es keine Schwierigkeiten bereiten, wenn ich einige herkommen lasse, um hier zu arbeiten", sagte Mrs. Malfoy hochmütig.

„Nein", widersprach Remus wütend. „Wir haben es besprochen, als du angekommen bist. Du hast selbst bewiesen, dass die Treue von Hauselfen nicht garantiert werden kann."

Harrys Magen verkrampfte sich, als Narzissa ihre Nase in die Luft hob.

Hermine verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick verfinsterte sich bei der Erwähnung von Hauselfen. Harry wusste, dass es sie all ihrer Überwindung kostete, nicht anzufangen, über Elfenrechte zu diskutieren. Sie musste sich bewusst sein, dass ihre Apelle auf taube Ohren stoßen würden. Dennoch, er kannte Hermine gut genug, um zu realisieren, dass sie nicht in der Lage sein würde, lange Zeit Schweigen zu bewahren.

„Es wird von mir erwartet, dass ich mein eigenes Essen zubereite?", fragte Mrs. Malfoy ungläubig. Ihre blassblauen Augen weiteten sich.

„Nur, wenn du essen möchtest", antwortete Mrs. Weasley. Sie lächelte noch immer, doch ihr Tonfall war frostig geworden.

Harry lehnte sich in seinem Stuhl zurück und grinste. Das war für ihn eines der besten Geburtstagsgeschenke, das er hätte erhalten können. Harry glaubte nicht, dass Mrs. Weasley den Aufenthalt der Malfoys so unerfreulich gestalten würde, wie es hätte sein sollen. Narzissa Malfoy hatte jedoch ihren Gegner in Molly Weasley gefunden und Harry war sich sicher, dass die arrogante Frau keine Ahnung hatte, mit wem sie es zu tun hatte.

Er warf einen Blick zu Fred und George, die an ihrem Wein nippten und ihre Köpfe hin und her schwingen ließen, als ob sie einem Tennisturnier zuschauten. Ginny biss sich auf die Lippe, um sich vom Lachen abzuhalten. Niemand sagte ein Wort.

Narzissa schäumte. Sie verschoss wütende Blicke an alle Anwesenden. Harry dachte schon, dass sie sich auf dem Absatz umdrehen und aus der Küche stürmen würde. Doch ihr Hunger musste wohl ihren Stolz niedergerungen haben. Sie schnappte sich ein Tablett und knallte es in die Spüle, um es angeekelt abzuwischen.

Als sie mit hoch erhobenem Kopf steif zum Tisch schritt, ließ Narzissa ihren kalten Blick über die köstlichen Speisen gleiten, bis er schließlich auf dem Kuchen mit den Worten Happy Birthday, Harry auf der Oberfläche ruhen blieb.

Ihre eisblauen Augen wandten sich zu Harry. „Das ist dein Geburtstagsessen", sagte sie arrogant. Es war keine Frage.

„Ja", bestätigte Harry, feixend.

Narzissa legte das Tablett zurück auf die Anrichte. „Ich habe meinen Appetit verloren", sagte sie. Sie ließ ihren Blick über die Weasleys und die anderen Gäste schweifen. „Ich bin überrascht, dass es so viele gibt, die bereit sind, dir so nahe zu kommen. Die Leute, die die schlechte Angewohnheit haben, tot zu enden."

Harry knirschte die Zähne und zwang sich selbst zur Ruhe. Sein Gesicht musste jedoch bleich geworden sein. Denn sofort ergriff Ginny seine Hand und drückte sie beruhigend.

Sie wandte sich zu Narzissa und sagte: „Während die dir nächsten Menschen die schlechte Angewohnheit haben, im Gefängnis zu landen."

Narzissas Augen verengten sich. Doch bevor sie antworten konnte, schaltete sich Mrs. Weasley ein: „Das reicht."

Narzissa wirbelte herum und verließ den Raum.

Harry stieß einen Atem durch die Nase aus.

In der Küche herrschte einen Moment lang Stille. Schließlich lehnte sich Ron über den Tisch und flüsterte dramatisch: „Ich frage mich, ob sie ihre Nase so hoch in die Luft streckt, nachdem sie so viele Jahre lang mit Lucius und Draco gelebt hat. Sie hat angefangen hoch zu schauen, damit sie nicht sie ansehen musste."

Ginny schnaubte und blies sich wütend eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Schenk ihr keine Beachtung, Harry. Lass dir nicht von ihr deine Party verderben."

Die Unterhaltungen setzten wieder ein und Narzissas Besuch war schon bald wieder vergessen. Trotz seiner besten Bemühungen jedoch war Harry Stimmung gedrückt. Ob in Wut gesagt oder nicht, Narzissas Worte entsprachen der Wahrheit. Und sie erneuerten Harrys Sorgen für die Menschen, die ihm am nächsten standen. Er zwang ein Lächeln auf sein Gesicht, als er seine Geschenke auspackte. Doch er hatte das Verlangen, ihnen allen zu entfliehen und seinen Kopf zu klären.

Als das Essen vorbei war, scheuchte Mrs. Weasley sie alle aus der Küche und bestand darauf, dass sie das Geschirr abspülte. Harry versuchte, sich zu lösen und zu dem Zimmer zu eilen, das er mit Ron teilte. Doch seine Freunde wussten anscheinend, dass er sich nicht gut fühlte, und folgten ihm.

Ginny ließ sich neben ihm auf dem Bett nieder, während Ron und Hermine sich auf Rons Bett setzten. Fred und George nahmen auf dem Boden Platz, wo sie begannen, sich durch Harrys Stapel von Geschenken durchzuwühlen.

„Hier ist es", sagte Fred endlich und zog eine der Feuerwhiskey- Flaschen hervor, die er und George Harry geschenkt hatten.

„Harry, Kumpel, ich glaube, du brauchst das", bemerkte George und reichte Harry die geöffnete Flasche.

Harry blickte sie schweigend an. Dann nahm er einen großen Schluck.

„Harry!", rief Hermine entsetzt.

„Was denn? Er ist volljährig", sagte Ron. Er nahm Harry die Flasche ab und nahm ebenfalls einen Schluck. Er reichte die Flasche an Fred weiter. Beide Zwillinge tranken daraus, bevor sie die Flasche an Ginny weitergaben.

„Ginny ist noch nicht volljährig", sagte Hermine, während sie wachsam die Flasche beobachtete. Harry vermutete, dass ihre Nervosität eher davon herrührte, dass sie als nächstes dran war, als von Ginnys Alter.

Ginny verdrehte die Augen und nahm einen großen Schluck. Sie schaute sie triumphierend an, bevor ihre Augen zu tränen begannen. Sie hustete und keuchte.

Harry klopfte ihr grinsend auf den Rücken. „Hast du jemals Feuerwhiskey getrunken, Ginny?", fragte er.

Nicht in der Lage zu sprechen, schüttelte Ginny den Kopf.

„Ich hab es das erste Mal an Bills Junggesellenabend getrunken. Ich habe mich am nächsten Tag furchtbar gefühlt", sagte Harry.

„Ah ja, wir haben an alles gedacht." George kramte in der Box, die noch die andere Flasche Feuerwhiskey enthielt. Er nahm eine Phiole mit einer grauen Flüssigkeit heraus und nahm einen Schluck.

„Vermeidet garantiert einen Kater", sagte Fred, trank einen Schluck und reichte die Phiole an Harry weiter.

Ginny hielt Hermine, die sie alle wachsam beobachtete, die Flasche Whiskey hin. „Ich denke wirklich nicht, dass es eine gute Idee ist. Eure Mutter könnte jede Minute hier hochkommen", sagte sie.

Träge wedelte Fred mit seinem Zauberstab in Richtung Tür. „Wir werden sie auf der Treppe hören. Außerdem wird sie nicht kommen. Tonks ist hier und Mum hat einen Tee gemacht. Immer wenn die beiden anfangen sich zu unterhalten, dauert es Stunden, bevor sie fertig sind. Die Luft ist rein, Hermine." Er grinste.

Hermine straffte die Schultern, atmete tief ein und nahm einen winzigen Schluck aus der Flasche.

„Das kannst du besser", kommentierte Ron, als Hermine aufgehört hatte zu husten. „Betrachte es als Experiment. Du kannst Harry und mich nicht dafür ausschimpfen, wenn du nicht aus erster Hand die Effekte kennst."

Hermines Augen verengten sich, während sie Ron anfunkelte. Ohne den Augenkontakt zu brechen kippte sie abermals die Flasche. Diesmal nahm sie einen großen Schluck, was die Zwillinge vor Entzücken aufheulen ließ.

„Zeig's ihm, Hermine", jubelte Fred.

„Ich habe schon immer geglaubt, dass in dir mehr steckt als das prüde und korrekte Äußere", sagte George, während er ihr die Flasche abnahm.

Hermine runzelte die Stirn und Ron schlang ihr einen Arm um die Schultern. „Lass sie in Ruhe", knurrte er.

„Reg dich ab, kleiner Bruder", beschwichtige Fred. „Keiner hackt auf deiner Hermine herum."

Rons Ohren färbten sich rot, was der Farbe von Hermines Wangen entsprach.

Während sie die Flasche herumreichten und den lustigen Geschichten der Zwillinge lauschten, versuchte Harry, seine Unbehaglichkeit zu verscheuchen. Der Feuerwhiskey fühlte sich warm an in seinem Bauch. Doch er nicht so entspannt und sorgenfrei, wie er das letzte Mal gewesen war, da er es getrunken hatte. Narzissa Worte klangen in seinen Ohren nach.

Die Menschen, die dir nahe stehen, haben die schlechte Angewohnheit, tot zu enden...

Wütend nahm Harry Ginny die Flasche aus der Hand und trank einen weiteren Schluck, während er verzweifelt versucht, die Bedeutung der Worte auszublenden.

Ron, Hermine und Ginny sind die Menschen, die mir jetzt am nächsten stehen...

Ron hatte begonnen zu lallen, während Ginny in unkontrollierbares Kichern ausgebrochen war. Trotz seiner verdrießlichen Gedanken konnte Harry nicht anders, als belustigt zu sein. Zuerst hatte sie über alles gelacht, was die Zwillinge gesagt hatten. Aber allmählich kicherte sie immer, wenn jemand sie auch nur anschaute.

Überraschenderweise schien Hermine sich besser zu machen als alle Weasleys. Sie benahm sich noch nicht albern. Stattdessen war sie sehr viel stiller geworden als üblich.

Ginny wandte sich zu Harry und runzelte die Stirn, während sie ihn betrachtete.

„Was ist?", verlangte er schließlich zu wissen.

„Ich weiß nicht, wie ich auf frisch gepökelte Kröte gekommen bin. Sie sind wirklich mehr smaragdgrün. Ich vermute, es war schwieriger, einen Reim auf Smaragd zu finden", sagte sie und kicherte so stark, dass sie nach Luft schnappen musste.

Die anderen brüllten vor Lachen, während Harry spürte, wie ihm Blut in die Wangen schoss, als er sich an den schrecklich peinlichen Valentinstag im zweiten Schuljahr erinnerte.

„Äh... gut", sagte er. Er änderte seine Position, so dass er sich gegen die Wand lehnen konnte. „Vielleicht hast du genug vom Whiskey gehabt, Ginny." Er begann sich Sorgen zu machen, was sie noch ausplaudern könnte in ihrem betrunkenen Zustand. Er saß in einem kleinen Zimmer mit drei ihrer Brüder.

„Zur Hölle, Harry, werd locker", meldete sich Hermine zu Wort. Alle starrten sie schockiert an. Rons Mund sprang auf.

„Hermine", sagte er. „Du hast geflucht."

„Ich habe die letzten sechs Jahr praktisch mit dir zusammen gelebt, Ron. Hast du geglaubt, ich hätte nicht einige von deinen verdammten Angewohnheiten aufgeschnappt?", fragte Hermine und nahm einen weiteren Schluck.

Fred und George vergaßen alles von Harrys Valentinstag, als sie sich zu Hermine umdrehten.

„Welche anderen Angewohnheiten hast du aufgeschnappt, Hermine?", fragte Fred eifrig.

„Naja, ich habe nicht gelernt, wie er eine gesamte Kartoffel auf einmal in seinen Mund stopft, aber ich glaube auch nicht, dass ich es überhaupt wissen will", sagte sie ernst, worauf die anderen auflachten. „Ich habe aber eine Menge Flüche aufgeschnappt und kann mein Gesicht aufmerksam wirken lassen, wenn ich in Wirklichkeit ganze Aufsätze plane. Natürlich glaube ich nicht, dass Ron an Aufsätze denkt, wenn er das tut, sondern eher an Quidditch. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so besessen vom verdammten Quidditch ist. Als wir noch jünger waren – bevor er im Team war – hat er Fakten und Rekorde über sämtliche Turniere in der Geschichte der Zauberei zitiert, während wir Harry beim Spielen zugesehen haben."

„Ich hätte nie gedacht, dass du mir wirklich zugehört hast", sagte Ron erstaunt.

„Oh, ich habe nicht aufgepasst, aber ich mag es, deiner Stimme zuzuhören. Du hast eine angenehm klingende Stimme, wenn du nicht gerade fluchst oder herumgrölst. Du neigst dazu, herumzubrüllen", sagte sie ernst.

Die entzückten Gesichter von Fred und George verrieten Harry, dass sie Ron das nie vergessen lassen würden.

Die Menschen, die dir nahe stehen, haben die schlechte Angewohnheit, tot zu enden... Wenn sie darauf bestehen, mir zu folgen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass einer oder alle es tun könnten...

Harry schauderte, wohl wissend, dass er einen solchen Verlust nicht überleben könnte. Voldemort könnte nie wissen, dass der sicherste Weg, Harry zu zerstören, wäre, einen von ihnen zu verletzten. Er könnte das niemals zulassen. Er würde es nicht zulassen.

„Harry", rief Ginny sanft und nahm seine Hand in ihre. Ihre Augen waren leicht glasig, doch sie schien trotz alledem seinen inneren Aufruhr zu spüren.

In seinem Kopf drehte sich alles und plötzlich kam er sich sehr alt und erschöpft vor. Er mochte zwar gerade erst siebzehn geworden sein. Doch er fühlte sich, als hätte er bereits mehrere Menschenalter durchlebt.

„Alles kommt wieder in Ordnung", flüsterte Ginny. „Versuch, dir nicht allzu viele Sorgen zu machen."

„Oh, was ist das nur für ein Anblick", erklang eine affektierte Stimme von der Tür.

Harry blickte auf und sah Draco Malfoy gegen den Türrahmen gelehnt. Sein blondes Haar war ungekämmt und hing in einer sehr unüblichen Art über seine Augen.

„Was willst du?", fragte Ron. Er sprang auf die Füße und taumelte leicht.

„Ich bin gekommen, um die Ursache für den ganzen Krach ausfindig zu machen. Ich habe nicht realisiert, dass ich eure erbärmliche kleine Party unterbrechen würde", höhnte Malfoy.

Ginny begann zu lachen. Sie schlang sich die Arme um die Taille, um ihr Kichern zu unterdrücken.

Harry lächelte sie belustigt an, während sie versuchte, neuen Atem zu schöpfen.

„Er sieht wirklich wie ein Frettchen aus", sagte sie keuchend.

„Halt die Schnauze, Weaslette", brüllte Malfoy. Seine grauen Augen blitzten. „Du erbärmliche kleiner Blutsverräterin. Lässt dich auf Potter und das Schlammblut ein – du bist eine Schande für euer Erbe. Natürlich hast du schon immer eine Neigung für Potter gehabt, oder nicht?"

„Pass auf, was du sagst", schnauzte Ron und ballte die Fäuste.

„Lass sie da raus, Malfoy", knurrte Harry, während er vom Bett aufsprang und seinen Zauberstab zückte. Er hatte nur auf jemanden gewartet, an dem er all die Spannung auslassen konnte, und der Blondschopf stellte die perfekte Gelegenheit dar. „Ich will nie wieder hören, dass du so über sie redest."

Ginny hat aufgehört zu kichern und versuchte verzweifelt sich darauf zu konzentrieren, was um sie herum geschah.

„Sie da raus lassen? Sie ist schon im Zentrum davon, Potter. Gott, du bist wirklich naiv, was? Snape hat dem Dunklen Lord schon alles von deiner kleinen Freundin erzählt. Es ist nicht wahrscheinlicher, dass sie diesen Krieg überlebt, als dass du es tun wirst", sagte Malfoy.

Die Menschen, die dir nahe stehen, haben die schlechte Angewohnheit, tot zu enden...

„Was willst du, Malfoy?", verlangte Harry zu wissen, sich weigernd, ihm die Genugtuung zu bereiten zu sehen, welchen Effekt seine Worte auf Harry hatten. „Ich bin sicher, du warst nur allzu glücklich, das zu bestätigen, bevor Voldemort sich dir zugewandt hat."

„Ich habe mich gerade gefragt, warum der teure Auserwählte sich in einem Schlafzimmer verkriecht und sich mit seiner kleinen Bande von Busenfreunden betrinkt, während alle darauf warten, dass er die Welt rettet. Ich glaube nicht, dass ihr Vertrauen so stark sein würde, wenn sie dich jetzt sehen könnten, Potter."

„Warum nicht?", fragte Ron angriffslustig und stellte sich vor Harry. „Ich denke, es würde allen gut tun zu sehen, dass Harry nicht zulässt, dass V- Voldemort ihn beim Leben stört."

Malfoy zuckte bei dem Namen zusammen. Seine Augen weiteten sich darüber, dass Ron ihn ausgesprochen hatte. Harry glaubte, dass es das erste Mal war, da Ron es getan hatte, und fragte sich, welch große Rolle der Feuerwhiskey dabei spielte.

„In diesen dunklen Zeiten braucht jeder ein wenig Spaß", sagte Fred und stellte sich neben Harry.

„Harry hat uns das vor ein paar Jahren gesagt und er hatte Recht. Er wird gewinnen und er wird überleben. Und wir werden alle direkt neben ihm sein und sichergehen, dass er es tut", fügte George hinzu, während er sich auf Harrys andere Seite stellte.

Harrys Herz schwoll an vor Stolz. Er konnte Unsicherheit auf Malfoys Gesicht erkennen. Ihm kam in den Sinn, wie ähnlich seine und Malfoys Situation waren. Beide hatten sie den unausführbaren Auftrag, den mächtigen Anführer einer gegnerischen Gewalt zu zerstören. Doch ihre Wahl unterschied sich gravierend voneinander. Harry war umgeben von einer treuen Gruppe von Freunden, die bereit waren, mit ihm zu sterben, wenn es nötig war, während Malfoy allein war und sich nun vor den Leuten versteckte, denen er seine Treue geschworen hatte. Ihre Wahl und Konsequenzen waren so verschieden.

„Dann werdet ihr alle sterben", spie Malfoy. „Ihr Idioten habt keine Ahnung, worauf ihr euch da einlasst. Der Dunkle Lord blödelt nicht herum. Er wird eure kleinen Witze nicht tolerieren."

„Vielleicht ist das sein Problem", sagte Fred.

„Jeder braucht einen guten Witz", fuhr George fort.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Harry Ginny. Mit finsterer Miene stand sie vom Bett auf und richtete ihren Zauberstab auf Malfoy.

„Ginny, tu es nicht", sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. Er fürchtete, dass sie in ihrem berauschten Zustand sich schließlich nur selbst verfluchen würde. Sie fiel zurück und es gelang ihm gerade noch, sie aufzufangen, bevor sie aufschlug. Harry hörte das entfernte Geräusch eines Fluches, von dem er wusste, dass er nicht aus Ginnys Zauberstab stammte.

Er wandte sich um und sah, wie Ron, Fred und George schockiert zur Tür blickten, wo ein weißes Frettchen aufquiekte und in den Gang verschwand.

Sie schauten einander an, sprachlos, bevor sie sich zu Hermine umdrehten. Diese saß auf Rons Bett und polierte gelassen ihren Zauberstab. „Ginny hat Recht", sagte sie einfach. „Der verdammte Wichser sieht wirklich aus wie ein Frettchen."

Die Zwillinge brüllten vor Lachen, als Ron vor ihr auf die Knie fiel. „Ich liebe dich, Hermine", sagte er.

„Es wäre nett, wenn du es auch ab und zu sagen könntest, wenn ich nicht gerade deine Hausaufgaben für dich gemacht oder eine brillante Verwandlung ausgeführt habe", sagte sie.

Rons Ohren glühten. „Ich werd dran arbeiten", antwortete er mit tiefer Stimme.

„Geliebter Bruder, ich denke, es ist Zeit, sich zu verabschieden", schaltete sich George ein.

„Ja. Mum dürfte jeden Moment hier auftauchen und ich will nicht, dass sie denkt, wir hätten irgendetwas mit eurem Zustand zu tun", fügte Fred hinzu.

Sie wünschten Harry Happy Birthday und sagten ihnen Gute Nacht.

Harry sah, wie Ginny sich auf seinem Bett wie eine Katze zusammengerollt hatte und schlief. Er deckte sie zu und küsste sie sanft auf den Kopf.

„Komm, Ron. Lass die Mädchen hier schlafen und wir übernachten in ihrem Zimmer. Wir müssen morgen früh aufstehen", sagte Harry.

„In Ordnung", erwiderte Ron, der Hermine noch immer mit einem seltsamen Gesichtsausdruck betrachtete.

In dieser Nacht kuschelte sich Harry in Ginnys Bett. Er atmete tief ein und vernahm den blumigen Duft, der Ginny zueigen war. Ihre Suche würde am nächsten Morgen beginnen. Doch nun hier zu liegen, verlieh ihm ein seltsam tröstliches Gefühl.