Kapitel 10 – Verzögerungen, Verdruss und Verabredungen
Harry erwachte mit einem Ruck, einen Moment lang panisch, da er seine Umgebung nicht wieder erkannte. Er setzte sich seine Brille auf und starrte wild die hellgelben Wände an und die großen Mengen an Blumen und Kosmetika und naja... Mädchenzeug. Dann erinnerte er sich: Sie hatten in der letzten Nacht mit Ginny und Hermine die Zimmer getauscht. Er hatte sich einen Wecker gestellt, dann einen Dämpfzauber um sein Bett gelegt, damit niemand anderes geweckt wurde.
Er konnte Ron laut schnarchen hören und musste sich das Lachen verkneifen, als er sah, wie die Füße seines groß gewachsenen Freundes am Ende des Bettes hervorragten, während er Rest seines Körpers in eine flauschige Decke mit großen pinken Blumen eingewickelt war. Er wünschte, er hätte eine Kamera zur Hand. Fred und George würden eine große Summe für dieses Foto zahlen.
Harry legte sich einen Augenblick lang zurück und streckte sich ausgiebig, den Duft seines Kopfkissens einatmend... Ginnys Kopfkissen. Er ließ seine Augen durch das Zimmer schweifen, nun hellwach und in der Lage, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Es war leicht, Ginnys Seite des Zimmers von Hermines zu unterscheiden. Eine Hälfte war sauber und ordentlich, alles war an der richtigen Stelle, große Stapel von Büchern an beiden Ecken aufgestellt. Der Boden der anderen Hälfte war bedeckt mit Anziehsachen, Kaugummipapier, Federkielen und mehreren Ausgaben der Hexenwoche. Harry bemerkte verstimmt, dass ihm sein eigenes Abbild aus einem Foto eines der Magazine zuzwinkerte.
Er wand sich auf dem Bett, da er etwas unter seinem Rücken spürte. Er langte unter die Bettdecke und zog ein zottiges Stofftier hervor. Es sah aus, als wäre es früher einmal ein Bär gewesen, doch nun war es nur noch ein Häufchen Elend. Harry grinste, wissend, dass er nun etwas hatte, womit er Ginny später aufziehen konnte.
Er stellte die Füße auf den Boden und trat sofort auf etwas. Er hob es auf. Ihm schoss das Blut ins Gesicht, als er realisierte, dass er Ginnys BH in der Hand hielt.
„Was ist das?", murmelte Ron, der ihm von der anderen Seite des Zimmers aus schläfrig zublinzelte.
„Nichts", quiekte Harry mit unnormal hoher Stimme. Schuldbewusst schob er den BH hinter seinen Rücken und versuchte, das Thema zu wechseln. „Du musst aufstehen. Wir müssen schnell los."
„Was hast du da hinter deinem Rücken?", fragte Ron beharrlich bei dem Anblick des nervösen Harry.
Unauffällig versuchte Harry das Kleidungsstück unter Ginnys Bettdecke zu schieben. Trotz seiner Verlegenheit konnte er nicht anders als zu bemerken, wie weich und seidig sich das Material anfühlte, und er rieb seinen Daumen an der Kante entlang, während er versuchte, es zu verbergen.
Ron sprang aus dem Bett und griff um Harry herum. „Was versuchst du da zu verstecken?", verlangte er zu wissen.
„Nichts", sagte Harry panisch.
In diesem Augenblick schwang die Schlafzimmertür auf und Hermine und Ginny erschienen in der Tür. Die beiden Mädchen standen dort, auf ihren Gesichtern eine Mischung aus Überraschung und Belustigung, während sie Ron und Harry anstarrten, die einander in der Mitte des Zimmers gegenüberstanden, Ginnys BH straff zwischen ihnen gespannt.
„Also", sagte Ginny schließlich. „Ich hatte keine Ahnung, dass ihr beide so perverse Tendenzen habt. Ich habe noch andere BHs, wisst ihr. Ihr müsst euch nicht um den einen kloppen."
Hermine brach in lautes Gelächter aus. „Habt ihr vielleicht auch Unterhosen von uns an?", fragte sie, während sie sich beim Anblick von Harry und Rons hochroten Gesichtern vor Lachen krümmte.
„Ich – Was – He – Was machst du mit dem BH von meiner Schwester?", brüllte Ron, Harry anfunkelnd.
Harrys Augen weiteten sich, als alle drei ihre Blicke auf ihn fixierten. „Nichts", stammelte er. „Ich bin drauf getreten, als ich aufstehen wollte, und habe versucht, ihn zurückzulegen. Und da bist du gerade aufgewacht."
„Wollt ihr wohl leise sein", zischte Hermine. „Wollt ihr das ganze Haus aufwecken?"
Lachend ging Ginny durch das Zimmer und nahm Harry und Ron ihren BH aus den Händen. Sie küsste Harry leicht auf die Nase. „Du bist so süß, wenn du verlegen bist", sagte sie.
Plötzlich realisierte Ron, dass er nur in Boxershorts dastand, und wickelte sich schnell die Decke mit den pinken Blumen um den Körper. „Was macht ihr beide hier?", fragte er. „Wir sind noch nicht angezogen."
„Das sehe ich", erwiderte Ginny trocken. „Ich würde dir aber nicht raten, die Farbe zu tragen, Ron. Es beißt sich mit deinen Haaren. Deshalb habe ich es auch Hermine gegeben."
Hermine kicherte, ihre Wange rosa. „Wir haben schon alles bereit. Wir treffen uns in fünf Minuten unten. Beeilt euch", sagte sie. Sie wandte ihren Blick zu Ron. „Eure Mutter ist normalerweise die erste, die auf ist."
Die Mädchen gingen nach unten, während Ron und Harry sich rasch anzogen. Sie trafen Hermine und Ginny in der Eingangshalle.
„Sind wir bereit dazu, es zu tun?", fragte Hermine. Nun da die Zeit gekommen war, wirkte sie unsicher.
„Ja", sagte Harry, die Stimme mit einer Zuversicht erfüllt, die er nicht wirklich fühlte. Nach den Horkruxen zu suchen würde sich besser anfühlen als darauf zu warten, da war er sich sicher. Er legte seine Hand auf die Tür, holte noch einmal tief Luft und die vier stahlen sich leise in die graue Morgendämmerung.
Bald erreichten sie die Adresse, die Mrs. Granger ihnen für das Waisenhaus gegeben hatte, doch es war noch zu früh, es zu betreten. Sie kauften sich Muffins in einem Café in der Nähe und setzten sich an einen Tisch an der Straße, der einen klaren Blick auf das Waisenhaus bot.
Harry verengte die Augen, während er es betrachtete. Er konnte eine vage Ähnlichkeit mit dem Gebäude erkennen, das er im Denkarium gesehen hatte. Doch etwas war anders, aber er konnte es nicht in Worte fassen.
„Es ist definitiv die richtige Adresse", sagte er langsam. „Diese Treppen da sind gleich, aber-"
„Es ist renoviert worden", erklärte Hermine. „Der Artikel, den mir meine Mutter geschickt hat, besagt, dass es 1972 ganz neu gemacht wurde. Sie haben ein Stück des alten Gebäudes behalten und diesen Bereich dort drüben hinzugefügt." Hermine deutete auf die andere Seite des Baus, der weiter die Straße entlang reichte, als Harry realisiert hatte.
„Sie haben es renoviert? Woher wissen wir dann, ob sie den Bereich behalten haben, wo Riddle gelebt hat?", fragte Harry alarmiert.
„Gar nicht", antwortete Hermine und zuckte die Achseln. „Aber das müssen wir sowieso überprüfen, oder nicht? Es ist nicht so, als könnten wir etwas dagegen tun, dass es renoviert wurde, Harry. Schließlich ist es schon Ewigkeiten her, dass Riddle hier war. Es mussten einfach Veränderungen geschehen, damit es noch immer geführt werden kann."
„Naja, sogar die Renovierungen haben vor unserer Geburt stattgefunden. Wahrscheinlich folgen bald wieder welche", sagte Ron.
Harry zuckte mit den Schultern. Hermine hatte Recht. Er wusste nicht, warum er die Möglichkeit noch nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Riddle musste vor über sechzig Jahren das erste Mal hier gewesen sein. Alles konnte nicht gleich geblieben sein.
„Wie kommen wir da rein?", wollte Ginny wissen. „Sie sind zwar Muggle, aber sie müssen Sicherheitskontrollen haben."
„Ja, aber ich denke, da kommen wir durch", sagte Harry. „Dumbledore hat ein leeres Blatt Papier benutzt, um die Leiterin davon zu überzeugen, dass Tom Riddle nach Hogwarts gehen sollte. Ich denke, ich kann denselben Zauber ausführen. Sobald ich drinnen bin, muss ich nur eine abgeschottete Stelle finden, wo wir später apparieren können. Ich denke, es wird besser sein, wenn wir heute Nacht mit dem Tarnumhang zurückgehen."
„Das ist eine gute Idee", sagte Hermine. „Wir gehen uns Zimmer für die Nacht mieten. Dann haben wir einen Ort zum Warten."
„In Ordnung", stimmte Harry zu. „Wir treffen uns in zwei Stunden wieder hier. Dann kannst du mir zeigen, wohin wir gehen müssen. Ich will um das Gebäude herumgehen und sehen, ob ich etwas wieder erkenne, bevor ich hineingehe."
Hermine, Ron und Ginny brachen auf und Harry lief die Straße vor dem Waisenheim auf und ab. Er hatte das seltsame Gefühl eines Déjavùs, als er den steinernen Eingang passierte. Das war definitiv der richtige Ort und die geziegelte Vorderseite war intakt geblieben.
Das Gebäude war offensichtlich modernisiert worden, doch Harry fand es erkennbar. Er konnte die Steinstufen sehen, die zu den Büros hinter einem bequemen Sitzbereich in beruhigendem Blau führte. Ein großer Holzschreibtisch bewachte die Treppen, hinter dem eine grauhaarige Rezeptionistin Papiere durchsah. Sie schürzte die Lippen und schob sich die Lesebrille auf die Nase. Etwas auf dem Papier, das sie in der Hand hielt, schien ihr nicht zu gefallen. Denn ihre Miene verfinsterte sich, während sie das Papier zur Seite legte.
Etwas im Gesicht der Frau erinnerte Harry an seine Tante Petunia. Denselben missbilligenden Blick erinnerte er sich so viele Male gesehen zu haben, während er im Ligusterweg aufgewachsen war. Seine Tante hatte immer angenommen, dass ihr alle ein Schnippchen schlagen wollten.
Zuversichtlich ging Harry auf den Tresen zu. Seinen Instinkten folgend, näherte er sich der Frau, als wäre sie seine Tante.
„Guten Morgen, Mrs... Hatcher", sagte Harry, vorgebend von dem Papier abzulesen, das er in der Hand hielt. In Wirklichkeit hatte er einfach einen Blick auf das Namensschild geworfen, das an ihrer Jacke befestigt war. „Ich wurde zu ihnen geschickt, um ein Problem zu beheben, das Sie mit einem Ihrer Computer haben. Ich habe erfahren, dass Sie in letzter Zeit viele Schwierigkeiten damit hatten."
Mrs. Hatcher, die Harry mit ausgesprochenem Argwohn betrachtet hatte, als er sich ihr genähert hatte, reckte ihre Brust heraus. „Ja, das stimmt, junger Mann. Diese neumodischen Apparate stürzen immer ab, so dass wir all unsere Daten verlieren. Ich weiß nicht, wie Sie damit davonkommen, solche minderwertigen Geräte zu verkaufen."
„Es tut mir leid, Madam", sagte Harry und neigte steif den Kopf. „Wenn Sie mir einfach den Weg zu dem Gerät beschreiben, werde ich Sie nicht mehr weiter bei Ihrer Arbeit stören."
Mrs. Hatcher schien dadurch besänftigt, dass Harry ihre Arbeit als wichtig zu erachten schien. „Heute kommt noch eine Familie zur Adoption. Mrs. Thompson wird sehr aufgebracht sein, wenn sie die Papiere nicht fertig bekommt. Nun, welche Maschine ist es? Wer hat den Anruf getätigt?", fragte Mrs. Hatcher.
„Ich glaube, es war Mrs. Thompson", log Harry.
Mrs. Hatcher nahm eines der Papiere vor ihr in die Hand und runzelte die Stirn. „Sie stehen nicht auf der Besucherliste", stellte sie fest.
Harry zwang sein Gesicht zu einem Ausdruck der Verwirrung. „Nicht?", fragte er und lehnte sich über das Papier. Seinen Zauberstab unter der Hand verborgen, führte er wortlos einen Zauber aus.
„Oh! Hier ist es. Es ist Mrs. Thompson. Sie sollten sich am besten beeilen. Ihr Büro ist gleich rechts, wenn Sie die Treppen hinaufgehen. Ich glaube, sie ist bereits dort", sagte Mrs. Hatcher und winkte ihn durch.
Während Harry sich entfernte, hörte Mrs. Hatcher missbilligend murmeln: „Sie werden von Mal zu Mal jünger."
Schnell lief Harry durch den Korridor. Er konnte einige Klassenräume am Ende eines Ganges sehen und vermutete, dass sich die Unterkünfte an der anderen Seite der Einrichtung befanden. Die Kinder in dem Klassenraum wirkten gut versorgt, doch Harry glaubte Traurigkeit und Einsamkeit spüren zu können.
Onkel Vernon hatte regelmäßig gedroht, ihn in ein Waisenheim zu stecken, und oft hatte Harry geglaubt, er wäre dort besser aufgehoben gewesen. Nun wusste er, dass er dieses Leben ebenfalls nicht genossen hätte. Er wäre vielleicht körperlich besser dran gewesen, doch er hätte die erzwungene Konformität gehasst. Er war sich sicher, dass er in sehr viele Schwierigkeiten geraten wäre, und schauderte bei der seltsamen Ähnlichkeit, die er einmal mehr zum jungen Tom Riddle verspürte.
Ihm behagte dieser Ort nicht und er wollte ihn so schnell wie möglich wieder verlassen. Er musste eine ruhige Stelle finden, die in den Abendstunden höchstwahrscheinlich verlassen sein würde. In eins der Büros lugend sah er, wie ein Hausmeister ein zerbrochenes Regal reparierte.
„Sie sind hier, um den Computer wieder in Gang zu bringen?", fragte der Mann und warf Harry einen kurzen Blick zu. Er war alt und grauhaarig, was Harry stark an Mad Eye Moody erinnerte.
„Äh... ja", sagte Harry unsicher.
„Ruth hat mir erzählt, dass sie dich vorbeigeschickt hat. Dieser da hat auch seinen Geist aufgegeben." Der Mann hämmerte auf dem Regal herum. „Können Sie da auch einen Blick drauf werfen?"
„Das scheint ein wirklich altes Regal zu sein", bemerkte Harry, während er sich an den Schreibtisch setzte und vorgab, den Computer zu untersuchen. „Ich vermute, sie bekommen hier nicht sehr oft neue Möbel."
„Nö, wir kommen mit dem aus, was wir haben. Sie haben einen Haufen alter Möbel von vor der Renovierung unten im Abstellraum untergebracht. Wir bringen es rauf, immer wenn etwas von dem neuen Zeug kaputt geht. Sie stellen die Möbel einfach nicht mehr so her, wie sie es früher getan haben. Der alte Krempel mag zwar grob bearbeitet aussehen, ist aber sehr viel robuster als der Müll, den sie heutzutage verkaufen", sagte der Mann.
Harry nickte in einer, so hoffte er, mitfühlenden Art und Weise. Er dachte schnell nach. „Haben sie alte Computer in diesem Abstellraum? Welche, die man als Ersatzteile benutzen könnte?", erkundigte er sich. „Es könnte Ihnen einiges an Kosten sparen."
Der Mann zuckte die Achseln. „Weiß nicht. Sie können nachsehen gehen. Die Tür am Ende des Korridors führt dahin. Können Sie den da wieder in Gang bringen?", fragte er.
Harry betrachtete den Computer, ohne den blassesten Schimmer, was mit ihm nicht in Ordnung war oder wie er ihn reparieren konnte. Er spähte zum Hausmeister hinüber, der ihm den Rücken zugekehrt hatte. Unauffällig wedelte er mit seinem Zauberstab und führte wortlos einen Reparierzauber aus.
Der Computer begann beinahe fröhlich zu summen.
„Alles wieder in Ordnung", sagte Harry. „War nett, Sie kennen gelernt zu haben."
Der Mann nickte knapp, antwortete jedoch nicht.
Harry eilte den Korridor hinunter und schlüpfte durch die Tür zum Abstellraum. Glücklicherweise war sie nicht verschlossen.
Harry war überwältigt von der ungeheuren Weite des unterirdischen Abstellraums. Reihen über Reihen von Metallbetten und Kleiderschränken waren auf jedem vorhandenem Fleckchen gestapelt. Sie zu durchsuchen würde sie die ganze Nacht kosten.
Harry zog den Zauberdetektor aus seiner Tasche und setzte ihn auf. Vielleicht würde er wieder Glück haben. Schnell durchschweifte er den Raum, konnte jedoch keine Spur von Rot entdecken, was auf Dunkle Zauber hindeuten würde. Sie mussten wohl in der Nacht zurückkehren und genauer nachsehen. Für den Augenblick musste er zurück zu den anderen.
In dieser Nacht apparierte Harry mit Hermine in den staubigen Abstellraum, wo er ihr Gelegenheit gab, sich umzuschauen und sich mit dem Grundriss vertraut zu machen. Dann apparierten sie zurück zu dem kleinen Gasthaus, in dem sie Zimmer gemietet hatten, und nahmen Ron und Ginny mit.
„Dieser Ort ist ganz schön gruselig", sagte Ron. Wachsam blickte er auf die alten Möbel, die aufgestapelt waren. Die Luft war feucht und muffig und das fahle Licht von ihren Zauberstäben erzeugten lange Schatten an den Wänden. „Ich frage mich, warum dieser Raum so tief unter der Erde ist."
„Ich denke, es ist wahrscheinlich als Luftschutzbunker im Krieg benutzt worden", sagte Hermine abwesend, während sie sich umschaute.
„Das ist ein Muggle- Gebäude, Hermine. Sie wussten nichts von dem Krieg", erwiderte Ron erstaunt.
„Nicht gegen Voldemort. Also wirklich, Ron, du hättest Mugglekunde belegen sollen. Etwa um die Zeit, als Grindelwald die britische Zaubererwelt terrorisiert hat, waren die Muggle ebenfalls in einen großen Krieg verwickelt. Beim Blitz, als London schwer bebombt wurde, haben die Menschen Bunker benutzt, um sich selbst davor zu schützen."
„Sie haben Kinder hier unten gehalten?", fragte Ron schaudernd.
„Ich denke schon", antwortete Hermine.
„Dieser Ort ist ganz schön gruselig", wiederholte Ron.
„Hier herrscht sehr viel Trauer", sagte Harry leise. „Kommt, ich habe ein paar Schränke da drüben entdeckt."
Er sah, wie Hermine und Ron Blicke wechselten, bevor sie ihm folgten.
„Glaubst du wirklich, dass, wenn hier ein Horkrux ist, er ihn in einem Schrank versteckt hat, Harry?", fragte Hermine. „Wie kannst du sicher sein, dass er denselben wiedergefunden hätte, den er benutzt hat, als er hier war?"
Harry zuckte die Achseln, eingeschüchtert von der großen Auswahl an Orten, an denen sie nachzuschauen hatten. „Wenn er zurückgekommen ist, um einen hier zu verstecken, bin ich sicher, dass er ihn dort versteckt hätte. Es ist nur eine Intuition, aber das ist alles, was wir haben. Er hätte den richtigen Schrank schon gefunden – da bin ich mir sicher. Aber je länger ich heute hier gewesen bin, für desto weniger wahrscheinlich halte ich es, dass er einen Horkrux hinterlassen hätte."
„Warum?", wollte Hermine wissen.
Ihre Augenbrauen hatten sich bei seinen Worten zusammengezogen. Hermine verlangte immer solide Gründe für alles. Harry vermutete, dass ein Großteil dieser Suche beinhalten würde, einfach den Instinkten zu folgen, und er fragte sich, wie sie damit umgehen würde. Er wusste, dass ihr seine Antwort zu ihrer Frage ebenfalls nicht gefallen würde.
„Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Ich kann es nicht in Worte fassen", sagte Harry.
„Harry, du musst schon etwas Besseres bieten. Wir können unsere ganze Suche nicht auf deinen Instinkte aufbauen", entgegnete Hermine.
„Seine Instinkte haben ihn früher schon aus engen Situation gebracht", schaltete sich Ginny ein. Sie lächelte Harry matt an.
„Seine Instinkte haben in auch in enge Situationen gebracht", keifte Hermine. „Wir können uns keine Fehler leisten. Wir können uns einfach nicht aufs Bauchgefühl verlassen."
„Wir müssen aber, Hermine", sagte Harry. „Das ist genau das, was Dumbledore in der Nacht in der Höhle getan hat. Es war eher Spüren als Wissen."
„Aber woher wusste er es?", verlangte Hermine zu wissen und stampfte mit dem Fuß auf.
Harry fuhr sich frustriert mit einer Hand durchs Harry. „Hör mal, dieser Ort enthält schlechte Erinnerungen für Riddle, keine mächtigen. Hier war er hilflos. Diese Erinnerung, die ich im Denkarium gesehen haben – wo er die ersten Gegenstände verstaut, die er anderen abgeknöpft hat. Das hat mich glauben lassen, dass er vielleicht einen dort drin versteckt hat. Aber jetzt glaube ich es nicht mehr. Er liebt Macht und das Gefühl der Kontrolle. Als er das erste Mal erfahren hat, dass er ein Zauberer ist... war es Dumbledore, der die Macht in den Händen hatte. Dumbledore hatte all die Antworten und Tom war auf ihn angewiesen. Voldemort hätte diese Erinnerung niemals gefallen. Es hätte ihm niemals gefallen, so zu empfinden."
„Also glaubst du nicht, dass hier etwas ist? Wonach suchen wir dann noch?", wollte Ron wissen, nicht in der Lage seinen Eifer zu verbergen, all diese Schränke doch nicht durchsuchen zu müssen.
„Nur weil ich es glaube, heißt es noch lange nicht, dass es auch stimmt", erwiderte Harry. „Es ist sicherlich möglich, dass er etwas hier versteckt hat. Selbst wenn wir nichts finden, bin ich sicher, dass es nicht die letzte Sackgasse sein wird, in die wir geraten, bevor das alles vorbei ist."
„Es wird uns einige Übung verschaffen", sagte Ginny strahlend. „Wer weißt, vielleicht haben wir Glück."
„Du hast gesagt, du fühlst nichts, Harry. Was meinst du damit?", erkundigte sich Hermine.
Harry seufzte. „Ich kann es nicht wirklich erklären. Bei dem Tagebuch und auch, als ich mit Dumbledore in der Höhle war... konnte ich etwas spüren. Ich habe dem nicht viel Beachtung geschenkt, bis Moody mir erzählt hat, wie man mit dem hier Magie spüren kann." Er hielt den Zauberdetektor in die Höhe. „Ich hoffe, dass es wieder passieren wird, wenn wir es schaffen, einen Horkrux zu finden. Dann werde ich es besser in Worte fassen können."
Hermine runzelte die Stirn, offensichtlich nicht zufrieden mit seiner Antwort. Doch für den Augenblick ließ sie es auf sich beruhen.
Vor Reihen über Reihen von alten Schränken stehend, wirkte Ron überwältigt. „Sollen wir etwa jeden einzelnen durchgehen? Das dauert Ewigkeiten. Außerdem sind sie leer."
„Tja, er wird auch nichts da lassen, wo du es sehen kannst", versetzte Hermine bissig.
„Hier, nimm das", sagte Harry und reichte Ron den Zauberdetektor. „Ich weiß nicht, ob er noch nach sechzig Jahren Magie aufspüren kann, aber halte nach einer glühenden Farbe Ausschau. Wenn es rot ist, heißt es Dunkle Magie."
„Und was machst du?", wollte Ron wissen.
„Ich werde unter dem Umhang durch die Schlafsäle gehen und schauen, ob ein paar der älteren Schränke noch immer da oben sind", erwiderte er.
„Ich komme mit dir", sagte Ginny. „Es wird schneller gehen mit zwei Paar Augen."
Harry nickte und hob den Arm, damit sie mit ihm unter den Umhang schlüpfen konnte. All seine Sinne wurden hellwach, als sie sich eng an ihn presste. Alles, was er tun konnte, war sich einfach darauf zu konzentrieren, zur Treppe zu gehen.
„Sucht nur nach den Schränken", sagte Ron mürrisch. „Kein Rumgeknutsche, während ihr da oben seid."
„Lass sie in Ruhe, Ron", griff Hermine ein. „Komm schon, lass uns anfangen."
Harry und Ginny stiegen die Treppe hinauf und liefen leise zu dem Flügel, in dem die Waisen schliefen. Mit großer Mühe zwang Harry seinen Körper sich zu beruhigen und seine Gedanken von der Entdeckung wegzureißen, wie perfekt seine Hand in die Beugung von Ginnys Taille passte.
Mehrere Male sahen sie Angestellte durch die Korridore patrollieren. Doch der Tarnumhang verbarg sie, so dass sie einfach erstarrten, bis die Person vorbeigegangen war. Es war während dieser „Erstarrungen", da Harrys Geist sich wieder Ginnys Nähe bewusst wurde. Er musste seine Gedanken zurück zur Gegenwart reißen, sobald sie sich wieder frei bewegten.
Es kostete sie eine lange Zeit, alle Räume zu durchsuchen. Sie fanden keine Spur von alten Schränken. Mehrere der Waisenkinder waren immer noch wach und gaben nur vor zu schlafen, wenn die Angestellten die Räume betraten. Harry lächelte, als er sich daran erinnerte, dasselbe Petunia gegenüber getan zu haben, als er jünger war. Regelmäßig hatte er sich aus seinem Schrank geschlichen und das Haus durchstreift, sobald die Dursleys zu Bett gegangen waren. Gelegentlich hatte er Essen aus der Küche mitgehen lassen.
„Ich glaube nicht, dass wir hier etwas finden, Harry", sagte Ginny, als sie das Ende eines Flügels erreichten.
„Nein. Es war sowieso schon unwahrscheinlich, aber nötig zu überprüfen", antwortete Harry, leicht entmutigt.
Ginny hielt im Schritt inne, drehte sich zu ihm um und drückte ihn gegen die Wand. Er konnte in ihren Augen ein entschlossenes Funkeln sehen, dass ihm gänzlich unbekannt war, und langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Augenblicklich wurde Harry sich jedem Teil ihres Körpers bewusst, der sich gegen seinen presste. Er schlang seine Arme um sie und drückte sie an sich.
„Was hat Ron übers Knutschen gesagt?", fragte sie heiser, ihre Lippen so nah bei ihm, dass er ihren warmen Atem spüren konnte. Die Temperatur im Korridor musste um zehn Grad gestiegen sein und Harry konnte nicht verstehen, wie seinem Körper so warm sein konnte und ihm dennoch Schauer über den Rücken liefen.
„Das wir es nicht tun dürfen", flüsterte Harry, bevor er seine Lippen auf ihre legte und sie ausgiebig küsste.
Seine Hände fuhren an ihrem Rücken hoch und runter. Das Bedürfnis sie zu berühren übermannte ihn und er verlor sich in der Leidenschaft ihres Kusses. Ginny verschränkte ihre Finger in seinem Haar. Ihr Körper schien sich seinem anzupassen, als wäre sie flüssig. Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Er fühlte seine Knie weich werden. Glücklicherweise war er immer noch gegen die Wand gedrückt. Es wäre schließlich vollkommen unmännlich, wenn er von der Intensität ihrer Küsse umfallen würde.
Harry hatte keine Ahnung, wie lange sie sich küssten – es könnte schon Morgendämmerung sein – bevor Ginny keuchend von ihm abließ. Sie stützte sich an der Wand ab, ihren Kopf auf seine Brust gelegt. Es dauerte mehrere Minuten, bis sie sich wieder beruhigt hatten und zu Atem gekommen waren.
„Ich glaube nicht, dass ich jemals so geküsst worden bin", sagte Ginny. Sie hob den Kopf. Ihre Augen waren glasig.
„Wie denn?", fragte Harry. Nervosität stieg in ihm auf. Hat es ihr nicht gefallen? Mir nämlich schon...
„Wie... wie eine Frau", antwortete Ginny und wandte den Blick ab. Selbst in dem begrenzten Lichtschein ihrer Zauberstäbe konnte er eine entzückende Röte ihre Wangen hoch kriechen sehen.
Harrys Brust schwoll vor Stolz. „So solltest du auch geküsst werden", sagte er. Nach einem Augenblick runzelte er die Stirn und stellte klar: „Aber nur von mir."
„Sind wir aber Besitz ergreifend", bemerkte sie grinsend.
„Absolut", erwiderte Harry strahlend. Plötzlich kam ihm sein Herz leichter vor und ihm machte die Fruchtlosigkeit ihrer bisherigen Suche nicht mehr ganz so stark zu schaffen.
Seine Finger mit ihren verschränkt, machten sie sich auf den Weg zurück zum Abstellraum. Den ganzen Weg über streichelte Ginny seine Hand mit ihrem Daumen. Er konnte ihren süßen blumigen Duft vernehmen. Es erinnerte ihn an etwas.
„Tut mir leid, dich letzte Nacht deines Bettpartners beraubt zu haben", sagte er feixend.
Ginny runzelte die Stirn. „Meines was?", fragte sie.
„Ich bin heute Morgen aufgewacht und hab etwas unter der Bettdecke gespürt. Ich habe hervorgezogen, von was ich denke, dass es dein Teddybär war", erklärte Harry.
„Oh! Du hast Rotz gefunden", sagte Ginny kichernd.
„Rotz? Dein Teddybär heißt Rotz?" Harry starrte sie ungläubig an.
„Hast du ein Problem damit?", fragte Ginny grinsend.
„Ich mag vielleicht noch nie einen gehabt haben. Aber ich dachte, man mag sie." Harry hob eine Augenbraue.
„Aber ich liebe Rotz." Ginny gab ihm einen Klaps auf den Arm.
„Warum hast du ihn dann Rotz genannt?", fragte er.
„Ich hab ihn bekommen, als ich ganz klein war, und er hatte keinen Namen. Die Jungs haben mich immer wegen ihm gehänselt. Sie haben gesagt, er wäre kindisch und solche Sachen. Und sie haben jedes Mal gesagt, er sähe aus wie Rotz, und angefangen, ihn so zu nennen. Seitdem heißt er so", erklärte Ginny. Sie lachte. „Obwohl ich sauer auf sie bin, ist es ein lustiger Name und er passt."
Harry lachte, als er sich eine jüngere Gruppe von Weasleys vorstellte, die einander neckten. Sie hatten das Leben, für das jedes Kind, das in diesem Heim wohnte, sein Ein und Alles hergeben würde. Und er glaubte nicht, dass sie wirklich wussten, wie glücklich sie sich schätzen konnten.
„Du hast ihn aber nicht eingepackt. Wie kommt es, dass du Rotz zurückgelassen hast?", fragte Harry, als sie die Tür erreichten, die zum Abstellraum führte.
„Ich muss dann wohl etwas anderes finden, an das ich mich kuscheln kann." Sie küsste ihn schelmisch auf die Nase, bevor sie unter dem Tarnumhang hervorschlüpfte und die Treppe hinunter rannte.
Harry blieb mit offenem Mund allein oben stehen. Hitze kroch in sein Gesicht und er musste mehrmals tief Luft holen, bevor er ihr folgte.
Ron und Hermine waren immer noch dabei, mit dem Zauberdetektor die alten Schränke zu durchsuchen. Strähnen von Hermines Haar waren aus ihrem Pferdeschwanz entflohen und hingen ihr ins Gesicht. Ron schwitzte und hatte einen Schmutzfleck auf der Wange.
„Wo seid ihr gewesen?", fragte Ron mürrisch. „Ihr seid Ewigkeiten weg gewesen."
„Das ist ein großes Gebäude, Ron", erwiderte Ginny trocken.
„Habt ihr etwas gefunden?", erkundigte sich Hermine. Harry glaubte, Hoffnungslosigkeit aus ihrer Stimme klingen zu hören.
„Nein. Wir haben keinen der alten Schränke oben gesehen", antwortete Ginny seufzend. „Was ist mit euch? Habt ihr etwas gefunden?"
„Nein. Nichts", sagte Ron knapp. „Es wäre einfacher, wenn wir mehr als nur einen Zauberdetektor hätten. Wir bräuchten dann nur halb so lange."
„Ich fange am anderen Ende des Raumes an", sagte Harry. „Ich weiß nicht, ob ich etwas spüren kann. Aber es schadet nicht, es zu versuchen."
Sie verbrachten mehrere Stunden damit, jede Reihe sorgfältig durchzugehen. Harry fühlte sich entmutigt. Er hatte nichts spüren können, traute sich jedoch nicht, die Schränke als sauber zu erklären. Ron musste wohl weiterhin den ganzen Raum mit dem Zauberdetektor untersuchen.
„Harry!", rief Ron plötzlich, was Harry erschreckte. „Ich glaube, ich hab was. Es ist schwach, aber ich kann definitiv Rot erkennen." Rons Stimme, die nur Augenblicke zuvor so erschöpft geklungen hat, war auf einmal mit Aufregung erfüllt.
Schnell bewegte Harry sich zu dem Schrank, auf den Ron deutete. Er schloss die Augen und ließ seine Hände über ihn fahren, in Konzentration versunken. Er spürte etwas, doch er konnte es nicht in Worte fassen. Da war ein sehr entferntes Summen und die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf, beinahe als wäre der Schrank elektrisch aufgeladen.
„Kannst du etwas spüren?", fragte Ginny nach einigen Augenblicken.
„Ja... kann ich", antwortete Harry verblüfft.
„Was meinst du? Was spürst du?", verlangte Hermine zu wissen. Sie folgte Harrys Beispiel und ließ ihre Hände an dem Schrank entlangfahren.
„Kannst du eine Energie fühlen?", fragte Harry. „Es lässt mich fast schaudern. Ich denke, wenn die Spuren stärker wären, würde es das tun."
Hermine erschien außerordentlich frustriert. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Harry. Ich fühle nichts."
„Aber er hat Recht, Hermine", entgegnete Ron und schob ihr den Zauberdetektor in die Hand. „Schau."
Hermine setzte ihn auf und keuchte. „Ich sehe schwache rote Linien. Sie sind fast durchsichtig, aber sie sind da."
Harry nickte. „Ich danke, sie sind durchsichtig, weil die Magie so alt ist. In letzter Zeit war hier keine Magie gewesen. Ich wette, das war einst Tom Riddles Kleiderschrank."
Unwillkürlich trat Ginny einen Schritt von dem Schrank zurück.
„Es ist nicht hier", sagte Harry. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, was es noch stärker zerzauste. „Wir sind nicht auf der richtigen Spur."
„Aber woher spürst du es ohne den Zauberdetektor, Harry? Ich verstehe nicht, wie du das machst", sagte Hermine und stampfte frustriert mit dem Fuß auf.
„Ich weiß es nicht", sagte Harry. „Ich kann es einfach."
„Also was jetzt?", wollte Ron wissen und verkniff sich ein Gähnen.
„Wir sollten zurück zum Gasthaus und etwas schlafen", schlug Harry vor. „Morgen werden wir sehen, ob wir Hepzibah Smiths frühere Adresse ausfindig machen können. Ich wette, wir finden sie in den Unterlagen von Borgin und Burkes."
„Wie willst du sie dazu bringen, sie uns zu geben?", fragte Hermine.
„Eine Ablenkung und der Tarnumhang sollten reichen", sagte Harry mit einem Grinsen. „Lasst uns zurückgehen."
Ein plötzliches Geräusch am anderen Ende des Abstellraums riss sie aus ihrer Unterhaltung.
„Wer ist da?", schallte die Stimme eines Kindes in die Dunkelheit.
Sie löschten ihre Zauberstäbe und Harry hob den Umhang wie einen Vorhang vor sie, gerade als der Junge den Lichtschalter betätigte. Ron zuckte zusammen, als die hellen Neonlampen den Raum erhellten.
„Ich weiß, dass hier jemand ist", sagte das Kind mit zitternder Stimme. Harry konnte ihn nun sehen. Er war jung – acht oder neun – und trug Pyjamas, die ihm zwei Nummern zu klein waren. Er durchschritt den Raum mit einer Zuversicht, die verriet, dass er trotz des Zitterns in seiner Stimme nicht das erste Mal nachts aus dem Bett war.
Der Junge begann, die Reihe entlangzulaufen und unter einige der Möbelstücke zu lugen. Wenn er ihnen zu nahe kam, würde er sie mit Sicherheit sehen.
Harry hob seinen Zauberstab und schickte einen Zauber in die andere Richtung. Deutlich ertönte ein raschelndes Geräusch aus einem Spalt in der Wand.
„Nur Ratten", murmelte der Junge. „Wahrscheinlich hat jemand Essen hier runtergeschmuggelt." Er wandte sich um und eilte schnell die Treppe hinauf. Als er aus der Tür trat, löschte er das Licht.
„Das war knapp", kommentierte Ron. „Nette Ablenkung, Harry."
„Wir können ihn nicht gewähren lassen", sagte Hermine. „Er wandert allein herum. Er könnte verletzt werden. Ich bin sicher, das ist gegen die Regeln."
„Es schadet doch niemandem, Hermine. Ich glaube nicht, dass es das erste Mal war. Hast du etwa nie Mitternachtsspaziergänge gemacht, als du jünger warst?", entgegnete Harry. Wieder entsann er sich der zahllosen Male, da er dasselbe getan hatte. Manchmal war es das einzige Bisschen Freiheit, dass er bekommen konnte.
„Ich bin immer noch der Meinung, wir sollten sichergehen, dass jemand ihn findet", widersprach Hermine und rang besorgt ihre Hände. „Er war wirklich zu jung, um alleine umherzustreifen."
„Er kommt ganz gut zurecht. Wir werden ihn nicht ausliefern", sagte Harry, eine Seelenverwandtschaft mit dem rebellischen Jungen verspürend. Er apparierte aus dem Abstellraum, bevor irgendjemand ein weiteres Wort sagen konnte.
Die vier kehrten zu dem Gasthaus zurück und schliefen sich bis zum Nachmittag des nächsten Tages aus. Sobald sie aufgestanden waren, entwarfen sie einen Plan, wie sie sich die Adresse von Hepzibah Smith beschaffen würden. Harry und Ron brachen unter dem Tarnumhang in die Winkelgasse auf. Sie waren kaum imstande, durch die von Menschen dicht gedrängten Straßen durchzukommen, ohne gesehen zu werden. Es war nicht mehr so einfach für sie beide, unter dem Umhang Platz zu finden, wie es früher gewesen war.
Harry verspürte Stiche von Schuldgefühlen, als sie Fred und Georges Laden passierten. Es drängte sich eine große Menschenmenge herum, doch er konnte keinen der identischen Rotschöpfe erspähen. Er hoffte, der Rest der Weasleys war nicht zu sehr in Panik über ihrem Verschwinden. Ron lief an dem Laden vorbei, seine Augen fest nach vorne gerichtet. Und Harry wusste, dass er ebenfalls von Sorgen geplagt wurde.
Als sie die Knockturngasse erreichten, glitt Ron unter dem Umhang hervor und betrat Borgin und Burkes. Er hielt die Tür lang genug offen, damit Harry unbemerkt hindurchschlüpfen konnte. Ron schaute sich einen Augenblick lang um, während Harry sich zum Tresen schlich. Im Laden befand sich nur ein weiterer Kunde und der Verkäufer hielt die ganze Zeit ein wachsames Auge auf Ron.
Als der andere Kunde dem Verkäufer eine Frage stellte, nutzte Ron die Gelegenheit und warf eine Auslage von beißenden Münzen um. Der Verkäufer eilte hinüber, warf Ron einen finsteren Blick zu und die beiden versuchten, die Münzen aufzusammeln, ohne dabei ihre Finger in Gefahr zu bringen.
Unter dem Umhang verborgen glitt Harry hinter den Tresen und schlug eine Mappe auf. Rasch fand er mehrere Karteien mit der Aufschrift „Smith", die er alle unter die Lupe nahm, bis er die gesuchte Information gefunden hatte. Es gab viele Erben des Smith- Vermögens seit Hepzibahs Tod. Der derzeitige Name lautete auf Sebastian Smith. Harry prägte sich die Adresse ein und legte die Mappe zurück.
Er tippt Ron leicht auf die Schulter, bevor er sich zur Tür bewegte, was Ron einen Augenblick lang ablenkte. Sofort wurde Ron gebissen und ließ die Münze fallen, die er gehalten hatte.
„Äh... Verzeihung", murmelte er zu dem verärgerten Verkäufer.
„Verschwinde", schnauzte der Mann.
Das ließ Ron sich nicht zweimal sagen. Er eilte zur Tür und hielt sie weit auf, so dass Harry hinausschlüpfen konnte, bevor er ihm auf die Knockturngasse folgte. Sie traten in eine Seitenstraße, wo Ron sich wieder mit dem Umhang bedeckte.
„Hast du sie?", zischte Ron, als sie wieder beide verborgen waren.
„Ja, hab ich. Es ist hier in London. Wir können am nächsten Morgen hingehen – jetzt ist es zu spät. Ginny und Hermine fragen sich bestimmt schon, wo wir bleiben", sagte Harry. Sie hatten die Mädchen im Gasthaus zurückgelassen in der Meinung, dass es leichter wäre, wenn nur zwei von ihnen unter den Umhang waren.
Plötzlich schlug Ron Harry auf die Schulter. „Schau mal dort drüben", zischte er.
Harry wandte den Kopf und sah Dean Thomas mit Parvati Patil Hand in Hand die Straße entlangschlendern.
„Ich habe gedacht, Parvatis Eltern hätten sie und Padma aus Hogwarts genommen, weil es zu gefährlich ist. Wie kommt es, dass sie sie durch die Winkelgasse streifen lassen?", fragte Harry kopfschüttelnd.
„Keine Ahnung. Ich wüsste gern, wann sie und Dean ein Paar geworden sind. Wie kommt es, dass alle von Ginnys alten Freunden mit deinen alten Freundinnen zusammenkommen?", fragte Ron feixend.
„Halt die Klappe", sagte Harry aus der Fassung gebracht. „Parvati war nie meine Freundin. Wir sind nur zusammen zum Weihnachtsball gegangen und das war nicht gerade ein einschlagender Erfolg, was ein Date angeht."
Ron gluckste. „Ja aber, Harry, du hattest auch nicht wirklich eine leidenschaftliche Beziehung mit Cho. Sie hat die meiste Zeit geweint, weißt du noch? Du hattest... was? Einmal richtig Knutschen. Soweit ich mich erinnere, hat sie sogar dabei geweint. Ein Draufgänger bist du offensichtlich nicht. Warum sonst denkst du, macht es mir nichts aus, dass du mit meiner Schwester gehst?", fragte Ron fröhlich.
Harry wusste, dass Ron ihn nur veräppelte. Dennoch war er verstimmt. Er versetzte Ron einen Stoß mit der Schulter, was den Rotschopf beinahe unter dem Umhang hervor stolpern ließ. „Wenn du keine Details von dem Liebesleben deiner Schwester hören willst, würde ich damit aufhören."
„Hab ich da einen wunden Punkt getroffen?" Ron gluckste.
Harry wollte ihn schlagen. Plötzlich war er sehr nervös bei dem Gedanken, dass seine Küsse mit anderen verglichen wurden, die Ginny erhalten hatte. Was wäre, wenn sie seine mangelhaft fände und es ihm nur nicht ins Gesicht sagen wollte? Beinahe sofort verwarf er diesen Gedanken wieder. Ginny behielt nie eine Meinung für sich. Von dem Kuss ganz zu schweigen, den sie in der vorherigen Nacht geteilt hatten. Sie hatte ihn mit genauso viel Leidenschaft erwidert, wie er selbst empfunden hatte. Sein Selbstvertrauen war wieder hergestellt. Dennoch konnte er Ron nicht ungestraft davonkommen lassen.
„Ich habe keine Sorgen, Kumpel", sagte er und stieß Ron den Ellenbogen in die Rippen. „Wenigstens ist Ginny niemals mit jemandem Älteren oder Erfahreneren gegangen. Michael und Dean waren auch nur Hogwarts- Schüler."
Harry blickte Ron aus dem Augenwinkel verschlagen an. Sein Freund war sichtlich erblasst, als ihm die Bedeutung von Harrys Worten aufging. Harry feixte zufrieden.
„Halt die Klappe", sagte Ron mürrisch. Er schubste Harry ein wenig gröber vorwärts als nötig.
Am nächsten Morgen erreichten sie die Adresse, die Harry von der Kartei bei Borgin und Burkes abgelesen hatte. Irgendwann im letzten Jahrhundert hatte die Smith- Familie das Haus in ein Museum umgebaut. Laut der Kartei war ein Teil des Hauses als Wohnhaus beibehalten worden, während ein anderer Bereich der Zaubereröffentlichkeit zugänglich war.
Ein Schild an der Tür trug die Aufschrift „Geöffnet", so dass die vier einfach hineingingen.
Es ähnelte überhaupt nicht mehr dem, an das Harry sich von dem Denkarium erinnerte. Verschwunden waren all die Altdamenmöbel, ersetzt durch Glasschaukästen und Ledersesseln.
„Potter! Was machst du denn hier?", rief eine unangenehm vertraute Stimme.
Harry wandte sich um und sah einen groß gewachsenen, dünnen blonden Jungen auf sich zukommen. Zacharias Smith war ein Mitschüler aus Hogwarts, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, ein nerviger Dorn in Harrys Auge zu sein.
„Smith", sagte er und nickte ihm zu.
„Ich hätte gedacht, dass du irgendwo untergetaucht bist. Es kann nicht allzu schwer sein dich zu finden, wenn du hier in aller Öffentlichkeit herumstreifst. Das heißt, wenn Du- weißt- schon- wer wirklich versucht, dich zu töten" sagte Smith, wobei er klang, als wäre es völlig ohne Belangen.
Harry zuckte die Achseln. Er wollte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Ich hatte zu tun."
„Ganz offensichlich. Ich habe neulich dein Foto im Propheten gesehen, nachdem du deine Apparierlizenz bekommen hast", erwiderte Smith.
„Was willst du?", schaltete sich Ginny wütend ein. Sie hatte Smith die abschätzigen Kommentare bei ihrem Quidditch- Spiel gegen Slytherin im letzten Jahr nie verziehen.
Harry sah, wie Ginny nach ihrem Zauberstab griff, und stellte sich schnell vor sie.
„Zacharias Smith, natürlich", sagte Hermine. „Deine Familie führt das Museum. Ich weiß nicht, warum ich es nicht gleich gemerkt habe."
Smith starrte sie an. „Du meinst, ihr seid nicht gekommen, um mich zu sehen? Ihr seid hier, um die Artefakten zu sehen. Ich kann dein Interesse verstehen, Granger. Du warst schon immer ein Überstreber. Aber der Rest von euch schien mir nie besonders an der Hufflepuff- Abstammungslinie interessiert zu sein. Was habt ihr vor?"
„Nichts", sagte Harry und schüttelte den Kopf. „Es war Hermines Idee herzukommen und wir hatten nichts Besseres zu tun. Wir wussten nicht, dass du hier bist."
Smith nickte, obwohl er noch immer leicht misstrauisch wirkte. „Na dann schaut euch um, aber fasst nichts an. Ihr könnt froh sein, jetzt gekommen zu sein. Wir werden im September für zwei Wochen schließen."
„Wirklich? Warum?", fragte Hermine.
„Ich nehme an, du hast gehört, dass Hogwarts nicht wieder aufmacht. Ich werde mein letztes Jahr in Beauxbatons verbringen. Meine Eltern begleiten mich, bis ich mich eingewöhnt habe. Ich bin überrascht, dass du nicht das gleich tust, Granger. Wie wirst du deine Ausbildung beenden?", verlangte Smith zu wissen.
„Meine Mum unterrichtet uns alle zu Hause", sagte Ron. Seine Ohren färbten sich rot.
„Ich verstehe", antwortete Smith verächtlich und blickte sie von oben herab an. „Ich bin sicher, dass wird angemessen für euch sein, wenn ihr es euch nicht leisten könnt, nach Frankreich zu gehen. Ich lasse euch jetzt allein, damit ihr die Schätze bewundern könnt."
„Ich lasse euch jetzt allein, damit ihr die Schätze bewundern könnt", äffte Ron nach. „Warum kann der kleine – "
„Ron", sagte Hermine vorwurfsvoll. „Sei einfach leise und schau dich ein bisschen um, damit wir zurück apparieren können, wenn wir fertig sind."
Sie betrachten die antiken Reliquien und lasen sich die bekannten Information über Helga Hufflepuff durch, damit sie nicht weiter Zacharias' Misstrauen erregten. Als sie sich wieder draußen trafen, hatte Harry eine Entscheidung getroffen.
„Okay. Wenn das Museum nach dem 1. September leer ist, werden wir zurückkommen für unsere Suche", sagte er.
„Hast du etwas gespürt, als wir drinnen waren, Harry?", fragte Ginny.
„Nein, aber ich war abgelenkt. Wir werden es gründlich unter die Lupe nehmen müssen, wenn wir zurückkommen", erwiderte er.
„Wo suchen wir in der Zwischenzeit?", erkundigte sich Ron.
„Der einzige andere Ort, von dem ich mit Sicherheit weiß, dass Voldemort dort einige Zeit verbracht hat, ist Albanien", antwortete Harry grimmig.
„Albanien?", wiederholte Ron mit weit aufgerissenen Augen.
„Ich weiß, dass Wurmschwanz sich in unserem vierten Jahr auf die Suche nach Voldemort gemacht und ihn in einem Wald in Albanien gefunden hat. Ich kann nur vermuten, dass er dorthin gegangen ist, nachdem er seine Kräfte verloren hat, weil er sich aus irgendeinem Grund dort sicher fühlte. Dumbledore hat mir erzählt, dass er für eine Weile verschwunden ist, nachdem er Borgin und Burkes verlassen hat. Deshalb dachte ich, hat er vielleicht etwas Zeit dort verbracht", erklärte Harry.
„Ich nehme an, das ist die nächstliegende Wahl", kommentierte Ginny.
„Was ist aber mit Borgin und Burkes?", warf Ron ein. „Du hast gerade gesagt, dass er dort gearbeitet hat. Vielleicht hat er dort einen versteckt. Wir hätten nachschauen sollen, als wir gestern dort waren."
„Ich glaube es nicht", erwiderte Harry. Er schüttelte den Kopf. „Er war nur ein Angestellter und er liebt es, die Kontrolle in der Hand zu haben. Außerdem wäre dort die Gefahr zu groß, dass ein versteckter Gegenstand gefunden und verkauft wird. Ich denke, er hat nicht das Waisenheim gewählt, weil er sich dort nicht mächtig gefühlt hat. Dementsprechend hat er den Ring direkt im Gaunt- Haus versteckt, nachdem er Morphin getötet hat. Ich glaube, das Töten lässt ihn sich mächtig vorkommen. Er hat Hepzibah im Smith- Haus umgebracht. Deshalb glaube ich, dass er den Horkrux direkt im Haus versteckt hat."
„Also gehen wir nach Albanien. Irgendeine Idee, wohin wir apparieren müssen?", fragte Ron. „Ich denke mal, Albanien ist groß."
„Also", meldete sich Hermine. Sie hatte den Tonfall angenommen, dessen sie sich immer bediente, wenn sie tonnenweise Fakten auf die niederprasseln ließ. „Etwa dreißig Prozent von Albanien ist von Wald bedeckt. Die Schwarzen Kiefern sind größtenteils zentral gelegen. Ich denke, wir sollten da anfangen, weil es wie die Art von Ort wirkt, in der Voldemort sich verstecken würde. Es gibt in Elbasan einen Apparier- Kontrollpunkt. Wir könnten dort beginnen und dann in weniger besiedelte Gebiete rücken."
„Was bist du, ein wandelnder Atlas?", fragte Ron ungläubig.
„Hast du gedacht, Ginny und ich hätten uns gestern verdrückt, als ihr in der Winkelgasse wart? Ich vermute, das ist, was du getan hättest. Wir sind zur Muggle- Bücherei gegangen. Ich hatte schon geahnt, dass unser nächstes Ziel Albanien sein würde", schniefte Hermine.
„Also hältst du Elbasan für den besten Ort, um anzufangen?", warf Harry schnell ein, um einen Streit zu verhindern.
„Naja ich denke, Voldemort hätte ein Gebiet gewählt, das nur spärlich bewohnt ist. Aber wir wissen, dass Wurmschwanz in einem nahe gelegenen Gasthaus auf Bertha Jorkins getroffen ist. Also konnte er nicht vollkommen abgeschottet gewesen sein", sagte Hermine.
„Gutes Argument. Es sieht so aus, als hätten wir einen Ausflug vor uns", sagte Harry. Er erinnerte sich daran, wie Onkel Vernon sich über jugendliches Gesindel beschwert hatte, das mit einem Rucksack auf dem Rücken durch den Kontinent zog, und erfreute sich an dem Gedanken, dass er nun eine Sache mehr zu der Liste von Dingen hinzufügte, die sein Onkel nicht an ihm ausstehen konnte.
Nach beinahe zwei Wochen in Albanien hatten sie nicht mehr vorzuweisen als bei ihrer Ankunft. Sie fühlten sich entmutigt und wurden einander gegenüber immer gereizter.
Sie waren durch Dörfer gezogen, hatten Fragen gestellt und nach allem Ausschau gehalten, das ihrer Meinung nach mit Voldemorts Anwesenheit zu tun haben könnte. Alles, was sie erreicht hatten, war das wachsende Misstrauen der ansässigen Muggle.
Sie benutzen auf ihrer Reise das Zelt als Unterkunft. Und obwohl das Wetter mitgespielt hatte, wurden sie es allmählich leid, zusammen eingepfercht zu sein.
Das Zelt besaß zwei Räume, der eine mit einer Sitzecke und einer kleinen Küche, der andere ein Schlafzimmer mit zwei Paaren von Feldbetten. In der ersten Nacht hatten Ron und Harry die unteren Betten belegt. Doch Hermine, der Höhen noch nie behagt hatten, wollte nicht oben liegen, so dass sie mit Harry tauschte. Ron war einfach zu groß, um in das obere Bett zu passen, er hätte sich den Kopf an der Decke gestoßen.
Ron und Hermines Zankerei war mit neuer Schlagkraft weiter fortgeschritten, während die Tage vergingen. Harry entschied, dass er und Ginny eine Auszeit von ihnen brauchten, selbst wenn es nur ganz kurz war.
Am elften August, Ginnys sechzehnten Geburtstag, setzt Harry Ron und Hermine in Kenntnis davon, dass er Ginny zu einer richtigen Verabredung ausführen wolle. Er riet ihnen, ebenfalls auszugehen und sich zu amüsieren, nur in ein anderes Restaurant zu gehen. Sie konnten eine Aufhellung der Stimmung gebrauchen und das schien die perfekte Gelegenheit dafür zu sein.
Ginny, die bei dem Gedanken, ihren Geburtstag fern von zu Hause zu verbringen, von Heimweh geplagt wurde, war entzückt. Sie quietschte vor Begeisterung, warf Harry die Arme um den Hals, als er es verkündete, und küsste ihn wiederholt.
„Hey", rief Ron. „Das will ich nicht sehen."
„Dann schau nicht her", sagte Harry, grinsend und weitere Küsse von Ginny im Empfang nehmend.
Hermine gab Ron einen Klaps auf den Arm, ihre Stirn in Missbilligung gerunzelt. „Also wirklich, Ron. Lass sie in Ruhe. Es ist ihr Geburtstag."
„Geht nur sicher, dass das Feiern nicht außer Kontrolle gerät", sagte Ron düster.
„Ja, Mum", erwiderte Ginny. Sie verdrehte die Augen.
Keiner von ihnen hatte Kleidung mitgebracht, die fürs Ausgehen geeignet war. Deshalb entschlossen sie sich, eine kleine Verwandlung vorzunehmen. Harry trug eine schwarze Hose und ein weißes Shirt mit Knöpfen, während Ginny ihnen ein salbeigrünes Sommerkleid vorführte, das ihr um die Beine flatterte, wenn sie sich bewegte.
Harry entschied, dass es ihm gefiel, sie sich bewegen zu sehen.
„Du siehst großartig aus", sagte er, als er endlich wieder die Fähigkeit zum Sprechen erlangt hatte.
„Oh, Ginny. Du siehst wirklich toll aus", bestätigte Hermine, während sie Ginnys Jacke in ein leichtes Tuch verwandelte.
Ginny errötete. Ihre Augen waren noch immer auf Harry gerichtet, als sie das Tuch entgegennahm. „Danke, Hermine."
„Du kannst ja wirklich gut aussehen, wenn du dich mal zur Abwechslung wie ein Mädchen anziehst, Ginny", sagte Ron. „Das ist viel besser als das, was du zu Bills Hochzeit angehabt hast."
Hermine verdrehte verärgert die Augen. „Ron! Kannst du nicht einmal an ihrem Geburtstag etwas Nettes sagen?"
Ron blinzelte sie ungläubig an. „Hab ich doch gerade. Ich habe gesagt – "
„Ich weiß, was du gesagt hast. Du solltest nur ab und zu deine Klappe halten." Hermine wandte ihm den Rücken zu.
Harry entschied zu fliehen, solange sie noch konnte. Er nahm Ginny bei der Hand und zog sie weg von Ron und Hermine. „Wir gehen jetzt. Ich wünsche euch einen schönen Abend", rief er ihnen zu.
„Wartet nicht auf uns", fügte Ginny hinzu. Als Harry eine Augenbraue hob, kicherte sie.
Im Zentrum des Dorfes gab es eine kleine Schenke, die Art von Schenke, die jedes Dorf zu besitzen schien, wie Harry bemerkte. Sie hatten an ihrem ersten Abend hier einige Zeit dort verbracht. Diese Orte waren immer geeignet für eine Unterhaltung mit den Ansässigen und um Details zu erfahren, die anders schwer zu finden waren.
Mit Absicht hatte Harry nicht diesen Ort für sein Date mit Ginny gewählt. Er hatte nicht weit davon entfernt ein kleines Gasthaus entdeckt, das ein nettes Restaurant und eine ruhigere Atmosphäre aufwies. Als sie dort ankamen, war Harry höchstzufrieden mit seiner Wahl. Das Restaurant war dämmrig beleuchtet mit Kerzen, die auf jedem Tisch standen. Leise Musik klang im Hintergrund und ein kleiner Teil des Raumes war fürs Tanzen eingerichtet.
Harry schluckte, als er die Tanzfläche erblickte. Das hatte er nicht bedacht und wusste nicht, ob Ginny gerne tanzte. Er erinnerte sich daran, wie sie sich über Neville beschwert hatte, der ihr beim Weihnachtsball immer wieder auf die Füße getreten war, und erwartete nicht, dass er selbst es besser machen würde. Vielleicht tanzte Ginny ja gar nicht gerne.
„Oh, Harry. Das ist wunderbar", sagte Ginny. Ihre Augen glänzten.
Harry fand, dass es atemberaubend war, wie das Kerzenlicht ihre Augen blitzen ließ. Er entschloss, dass er schon mit dem Tanzen fertig werden würde, wenn es das war, was sie wollte.
Der Kellner führte sie zu einem ruhigen, romantischen Tisch in der Ecke, der einen großartigen Ausblick auf die Berge gewährte. Sie hatten das meiste ihres Essens ins Zelt gerufen, so dass sie noch kaum etwas von der umgebenden Landschaft zu Gesicht bekommen hatten.
Ginny las sich die Speisekarte sorgfältig durch, bevor sie ihre Entscheidung traf. Harry war schon immer nicht besonders wählerisch gewesen, was Essen betraf. Normalerweise war er schon glücklich gewesen, überhaupt welches zu bekommen.
Eine Kellnerin, die sie wiederholte angestrahlt hatte, brachte ihnen die Speisen, die sie miteinander teilten. Die meiste Zeit jedoch hatten sie nur Augen füreinander. Wenn er hinterher gefragt worden wäre, was er an diesem Abend gegessen hatte, wäre Harry nicht in der Lage gewesen, die Frage zu beantworten. Dafür könnte er genau beschreiben, wie ihr Kleid sich an ihren Körper schmiegte und der Feuerschein ihr Haar mit einem Goldton überzog.
Ginny war sich offensichtlich seiner Blicke bewusst. Denn ihre Wangen waren leicht gerötet. Harrys verräterischer Geist fragte sich, ob sich diese Röte wohl an ihrem ganzen Körper ausbreitete, und er war außerordentlich froh, dass sie keine Legilimentik beherrschte. Je länger sie Zeit miteinander verbrachten, desto weniger war er in der Lage, die Richtung seiner Gedanken zu bestimmen.
Beim Dessert – eine köstliche Schokoladenkreation, die schon beim Anschauen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ – überreichte Harry Ginny ein kleines Päckchen, das in goldfarbenes Papier mit einer grünen Schleife eingewickelt war. Ginny quietschte entzückt auf und begann auf der Stelle, das Papier abzureißen. Harry lachte, als ihn der Anblick an Ron bei jedem Weihnachtsmorgen erinnerte.
Ginnys Lächeln verblasste ein wenig, als ein langes samtenes Schmuckkästchen zum Vorschein kam. Ihre Augen suchten unsicher Harrys Blick. Sie kaute auf ihrer Lippe herum, was Harry zum Anbeißen fand.
„Harry", sagte sie zögernd.
„Mach es einfach auf", forderte er sie auf, wissend, dass sie sich Gedanken um die Kosten machte. Ihr das Geschenk nun zu geben, machte ihn leicht nervös.
Ginny öffnete den Deckel und zog eine Armkette aus feinem Gold mit einem großen Anhänger in Form eines goldenen Herz hervor. Das Herz schien beinahe an der Kette zu schweben. Ginnys kleine Hand spielte mit dem Herz, während sie es genau betrachte.
Harry schluckte. „Du hast mir gesagt, dass es meine Aufgabe wäre, alle vor Voldemort zu beschützen, dass es aber deine Aufgabe ist, mich zu beschützen", flüsterte er. „Ich wollte dich nur wissen lassen, dass – egal was passiert – du das wirklich getan hast. Mein Herz wird immer bei dir sein, Ginny."
Er hatte die Kette in einem lokalen Geschäft gefunden, nachdem er realisiert hatte, wie nahe ihr Geburtstag war, und die Verkäuferin hatte darauf bestanden, dass Ginny es lieben würde. Nun hier bei ihr sitzend, kamen ihm die Worte plötzlich dumm und schmalzig vor – wie etwas, was Bill zu Fleur sagen würde. Er wünschte, er hätte sich etwas anderes ausgedacht.
Ginny blickte zu ihm auf. Tränen glänzten in ihren Augen. „Oh, Harry", sagte sie und ergriff seine Hand. „Es ist wunderschön. Es ist das Schönste, was ich jemals besessen habe. Willst du es mir umlegen?"
Sie streckte ihren Arm über den Tisch, damit er ihr die Kette am Handgelenk befestigen konnte, schniefend und gleichzeitig strahlend.
Harrys Herz schwoll, als er realisierte, wie sehr Ginny das Geschenk wirklich gefiel. Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass Bill doch ein Händchen für Mädchen hatte.
Er wurde wieder auf die Erde geholt, als Ginny fragte: „Willst du tanzen?"
Sein Gesichtsausdruck muss wohl seine wahren Empfindungen gezeigt haben, bevor er sie verbergen konnte. Denn sie lachte, erhob sich von ihrem Stuhl und zog an seinem Arm. „Komm schon. Du hast bei der Hochzeit getanzt und es war super, weißt du noch? Es war der Tanz, der für uns alles wieder gerade gebogen hat", sagte sie.
Harry folgte ihr auf die Tanzfläche und schlang seine Arme um sie, während sie sich zur Musik bewegten. Alle paar Minuten streckte Ginny ihren Arm aus, um das Glitzern ihres Geburtstagsgeschenks zu bewundern, was Harry das Gefühl verlieh, zu allem imstande zu sein. Er musste zugeben, dass Tanzen seine Vorzüge hatte. Ihm gefiel die Freiheit, sie zu halten und seine Finger über ihr Kleid fahren zu lassen.
Später an diesem Abend, nach mehr Tanzen als Harry jemals in seinem Leben gehabt hatte, flüsterte Ginny ihm zu: „Das war der beste Geburtstag in meinem ganzen Leben. Danke, Harry."
„Er ist noch nicht zu Ende", erwiderte er und grinste sie an. „Was sagst du dazu, jetzt zu unserem Zelt zurückzugehen?"
Als sie das Zelt erreichten, stellte Harry erfreut fest, dass Ron und Hermine noch nicht zurückgekehrt waren. Er setzte sich auf die Couch und zog Ginny auf seinen Schoß. Sie verschränkte ihre Beine über seinen und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen.
Er lehnte seine Wange an ihren Kopf und genoss das Gefühl ihrer weichen Haare. „Wir müssen öfter solche Abende haben", sagte und schloss die Augen. „Etwas Spaß haben, um die Spannung zu verdrängen."
Ginny begann, Küsse an seinem Hals und Ohr zu verteilen. „Harry", flüsterte sie heiser. „Mein Geburtstag dauert noch eine Stunde, also können Voldemort und seine Horkruxe sich erstmal verziehen, bis er vorbei ist."
Harry grinste und neigte den Kopf zur Seite, um ihr besseren Zugang zu verschaffen. Er stöhnte bei den Empfindungen, die sie in ihm erregte. Plötzlich war es vollkommen egal, wo oder wer er war. Alles, was zählte, war dieses Mädchen in seinen Armen und was sie mit ihm anstellte. Sein Magen spielte verrückt, als er ihre Position so veränderte, dass er ihre Lippen in Besitz nehmen konnte.
Zeit verlor all ihre Bedeutung. Irgendwie fand sich Harry auf Ginny wieder, als sie auf der Couch lagen. Ihre Hände wanderten und erkundeten, als hätten sie einen eigenen Willen. Harry stockte der Atem, als seine Hand die nackte Haut an Ginnys muskulösem Bein berührte.
Stimmen außerhalb des Zeltes rissen sie wieder in die Wirklichkeit. Sie sprangen von der Couch auf und versuchten verzweifelt, ihr zerzaustes Haar und die Kleidung zu glätten.
Ron und Hermine waren zurückgekehrt.
Harry und Ginny rasten ins Schlafzimmer, das sie alle teilten, gerade als die Klappe am Eingang zurückgeschlagen wurde. Ginny sprintete ins Badezimmer, um sich ihre Schlafsachen anzuziehen, während Harry im Schlafzimmer blieb. Er lag bereits auf seinem Feldbett, als Ginny wieder hereinkam. Schnell kletterte sie in ihr Bett gegenüber von ihm und sie beide lagen still, auf Ron und Hermine wartend.
Sie lagen still da, bereit Schlaf vorzutäuschen, wenn sich die Tür öffnete. Harrys Herz hämmerte in seiner Brust. Er konnte Ginnys Umriss in der Dunkelheit erkennen und er grinste sie an. Sie erwiderte das Lächeln. Mehrere Minuten vergingen, doch die Tür öffnete sich immer noch nicht.
„Meinst du, sie kommen noch nicht ins Bett?", flüsterte Harry schließlich.
„Ich denke, sie tun wahrscheinlich genau das, was wir gerade getan haben", sagte Ginny kichernd.
Harry riss die Augen auf. „Meinst du?"
Er horchte, konnte aber keine Geräusche aus dem Hauptraum hören.
„Ja", flüsterte Ginny. Sie kicherte wieder. „Harry", sagte sie und kaute auf ihrer Lippe herum.
„Was?", fragte Harry.
„Ähm... es war wirklich ein toller Abend. Es war der beste Geburtstag in meinem ganzen Leben", sagte sie.
„Aber?" Harry wusste, dass noch etwas kam.
Ginny schluckte. „Aber... ich denke, es war gut, dass Ron und Hermine gerade in dem Augenblick zurückgekommen sind. Wir haben uns etwas... hinreißen lassen", sagte sie stockend.
„Es tut mir leid." Harry fühlte sich ernüchtert. Es war nicht seine Absicht gewesen, sie zu erschrecken, aber sie hatte Recht. Er hatte nicht das Gefühl gehabt, sich im Griff gehabt zu haben.
„Nein! Es ist nicht dein Fehler. Ich war genauso eingebunden wie du. Wenn mein Kopf so klar ist wie jetzt, weiß ich, dass ich noch nicht bereit bin für den nächsten Schritt. Aber wenn ich in deinen Armen liege und dich küsse, will ich mehr", erklärte Ginny. Ihre Augen baten ihn um Verständnis.
Harry wusste genau, was sie meinte. Sie machte ihn gedankenlos. „Du nimmst mir meine Fähigkeit zu denken", sagte er nickend.
„Gut", erwiderte Ginny feixend. „Ich bin froh, dass ich nicht die einzige bin, die so fühlt. Wir werden einfach versuchen müssen, es langsam anzugehen."
„Aber wir müssen doch nicht aufhören uns zu küssen, oder?", wollte Harry wissen. Ein Schaudern von Gespanntheit lief seinen Rücken hinab.
„Absolut nicht... Versuch es erst gar nicht, mich loszuwerden, Potter", sagte Ginny. Sie grinste schelmisch. „Außerdem... gefällt mir das Küssen."
„Gut", murmelte Harry.
Einige Zeit später stürmte Ron ins Schlafzimmer, entschlossen, nach Harry und seiner kleinen Schwester zu schauen, um Harry gegebenenfalls zu Hackfleisch zu verarbeiten. Er hielt abrupt inne, als er die beiden tief schlafend in ihren Betten vorfand, beide mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht.
