Kapitel 11 – Löwen, Tiger und ... Drachen?
Der erste September erhob sich heiß und sonnig über dem albanischen Wald. Die Suche nach Hinweisen, wo Voldemort seine Horkruxe versteckt haben könnte, hatte sich bisher als vergeblich erwiesen. Während sie Voldemorts Versteck in seinen Exiljahren gefunden hatten, wie Harry vermutete, hatte es keine Spur eines Horkruxes aufgewiesen, nicht einmal einen Hinweis darauf, warum Voldemort sich dort sicher gefühlt hatte.
Als sie die Hütte durchsucht hatten, die im tiefen Wald stand, war Hermine über ein flaches Grab gestolpert, das einige menschliche Knochen enthielt. Harry hatte den Verdacht, dass es sich um die Überreste von Bertha Jorkins handelte. Das Quartett hatte der Gedanke nicht behagt, sie dort zurückzulassen – ungekennzeichnet und einsam für die Ewigkeit – doch sie konnten es sich nicht leisten, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem sie jemandem bescheid sagten.
Deshalb hatten sie einen kleinen Eckstein beritzt und ihn auf Berthas Grab gelegt. Sie hatten ihre Köpfe gebeugt, während Hermine einige Worte zur Andacht sprach. Bevor sie den Ort verließen, legten sie einen Ortungszauber auf das Grab, damit sie den Orden später über den Aufenthaltsort von Berthas Überresten informieren konnten. Es war das Beste, was sie tun konnten. Aber Harrys Gewissen nagte dennoch an ihm. Er wusste sehr wohl, dass in nicht allzu ferner Zukunft seine Überreste auf dem Boden herumliegen könnten. Wenn das sein Schicksal sein sollte, wollte er zumindest mit Würde behandelt werden.
Harry, Ginny, Ron und Hermine hatten sich am ersten Morgen den Luxus des Ausschlafens gegönnt. Sie hatten vor, am späten Nachmittag zurück nach London zu reisen und ein paar öffentliche Besuche in der Winkelgasse zu veranstalten, bevor sie zum Smith- Museum aufbrachen. Harry hielt Mr. Weasleys Vorschlag, sich gelegentlich der Öffentlichkeit zu zeigen, für stichhaltig. Doch er war nicht sicher, ob der ältere Mann ihm noch immer dabei helfen wollte, nachdem seine Tochter mit Harry verschwunden war.
Harry öffnete langsam die Augen, streckte sich ausgiebig und rollte sich auf die Seite. Er konnte Rons Schnarchen aus dem Bett unter ihm dröhnen hören. Das Zimmer erschien ohne Brille verschwommen. Harry kniff die Augen zusammen, während er zu Ginnys Bett hinüberlugte. Aber er sah nicht die vertraute Flut von Rot, die ihr Kissen üblicherweise bedeckte. Er fühlte Enttäuschung über ihre Abwesenheit in ihm hochsteigen, unterdrückte sie jedoch.
Er setzte sich die Brille auf und schaute sich um. Beide Betten der Mädchen waren leer und er glaubte, den Duft von Speck aus dem anderen Raum zu vernehmen. Harry schwang seine Beine über die Seite seines Bettes und sprang auf den Boden. Ron regte sich nicht, also ließ Harry ihn weiter schlummern.
Er fand Ginny und Hermine in der Küche. Ginny briet Speck auf dem Herd, während Hermine über einer Tasse Kaffee hockte. Harry war überrascht festzustellen, wie mürrisch Hermine am Morgen sein konnte. In Hogwarts kam sie immer hellwach und begierig, in den Unterricht zu gehen, die Treppe herunter. Während dieser gemeinsamen Reise jedoch hatte er entdeckt, dass Hermines Benehmen am Morgen, bevor sie sich duschte, dem Rons sehr ähnlich war
Ginny hatte ihm erzählt, dass Hermine schon immer so gewesen war. Sie kam normalerweise nicht in den Gemeinschaftsraum, bevor sie es geschafft hatte, sich voll aufzuwecken. Hermine mochte ihre Routine und ein Teil davon ging mit dem Vermeiden jeglichen menschlichen Kontakts einher, wenn sie aufwachte.
„Morgen, Harry", sagte Ginny und begrüßte ihn mit einem warmen Lächeln.
Das Biest in Harrys Brust schnurrte. „Morgen", erwiderte er, nicht in der Lage, das dämliche Grinsen zu unterdrücken, das sein Gesicht kreuzte.
„Das Frühstück ist noch nicht ganz fertig, aber in der Kanne ist Kaffee, falls Hermine bereit ist zu teilen", sagte Ginny und stupste Hermine mit dem Pfannenwender in die Rippen.
Hermine zuckte zusammen und schob die Kaffeekanne schweigend in Harrys Richtung.
„Guten Morgen, Hermine", sagte Harry, goss sich eine Tasse ein und atmete den Duft ein.
„Wie hast du geschlafen?", erkundigte sich Ginny, sein Haar zärtlich zerzausend, als sie zurück zum Herd ging.
„Könnte nicht besser sein", erwiderte Harry, während er zuschaute, wie sie auf der Anrichte Eier aufschlug.
„Ich habe über unsere Pläne, uns in der Winkelgasse sehen zu lassen, nachgedacht, Harry", schaltete sich Hermine ein. Sie hatte es geschafft, ihre Augen halb zu öffnen.
„Was ist damit?", fragte Harry vorsichtig. Er spürte, wie ein Streit sich anbahnte, und wusste, dass es eine rundum schlechte Idee war, Hermine am frühen Morgen zu widersprechen.
„Hältst du es wirklich für klug gesehen zu werden, bevor wir nach den Horkruxen suchen? Ich meine, was ist, wenn wir einem vom Orden über den Weg laufen oder vom Ministerium geschnappt werden? Ich finde, wir sollte direkt zum Museum und morgen in die Winkelgasse gehen", sagte Hermine.
Harry schüttelte den Kopf. „Wir haben das doch schon besprochen, Hermine. Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn wir einen Horkrux finden. Ich bin nicht sicher, wie wir es zerstören werden, oder... oder ob wir dabei verletzt werden", sagte Harry. Er schluckte schwer. Das Bild von Dumbledores Hand erschien in seinem Geist, gefolgt von Dumbledores Flehen, als Harry ihn genötigt hatte, die Flüssigkeit zu trinken. Harry schauderte, als er die Erinnerungen wieder in seinen Hinterkopf drängte. Er konnte jetzt nicht darauf verweilen.
„Ich weiß, dass es gefährlich sein wird", sagte Hermine, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Aber wir machen das alles freiwillig. Wir wissen, was wir tun, Harry."
Harry nickte und schluckte erneute. Er wusste, dass er es niemals ertragen könnte, wenn einem von ihnen etwas passieren sollte, egal was Hermine sagte. Er konnte nicht noch jemanden verlieren...
„Ich halte es immer noch für eine gute Idee, dein Erscheinen in den Zeitungen aufzuschieben", sagte Hermine, offensichtlich nicht willens, das Thema fallen zu lassen. Nun, da sie ihre erste Tasse Kaffee ausgetrunken hatte und an ihrer zweiten arbeitete, verhielt sie sich mehr wie die Hermine, die er kannte.
„Nein", widersprach Harry fest. „Ich habe einen weiteren Grund dafür, es heute zu tun. Heute ist der erste September und ich vermute, viele Schüler machen das gleiche wie Zacharias Smith und gehen woanders zur Schule. Ich will allen zeigen, dass ich immer noch in England bin. Das sollte Voldemorts Aufmerksamkeit von den anderen Schulen ablenken."
Hermine wandte den Blick ab und stierte in ihre Kaffeetasse. Harry bildete sich ein, Tränen in ihren Augen gesehen zu haben, bevor sie wegschaute. Er wusste, dass es Hermine am schwersten fiel, nicht zur Schule zurückzukehren. Sie hatte sich stets mit Leib und Seele ihren akademischen Errungenschaften verschrieben und Harry bewunderte ihre Opferbereitschaft für ihn.
Er streckte den Arm über den Tisch und drückte sanft ihre Hand. „Ich werde es auch vermissen", flüsterte er.
Hermine hob den Blick und lächelte zittrig. „Ich kann nicht glauben, dass in diesem Schuljahr in Hogwarts kein Unterricht stattfinden wird."
„Ich weiß", sagte Ginny. Sie stellte Speck und Eier auf den Tisch und setzte sich zu ihnen. „Ich frage mich, was die Lehrer tun werden. Ich meine, sie leben während des Schuljahrs dort, nicht wahr? Wohin werden sie gehen? Werden sie zurückkommen, wenn Hogwarts wieder aufmacht? Denn das wird es eines Tages." Ginny starrte sie an, als ob sie sie dazu herausfordern wollte, ihr zu widersprechen.
„Natürlich wird es das", stimmte Harry mit einer Zuversicht zu, die er nicht empfand. „Es muss."
„Was ist, wenn wir auf Fred und George stoßen... oder Mum, während wir in der Winkelgasse sind?", fragte Ginny.
„Das können wir nicht geschehen lassen", sagte Harry fest. Er war sich bewusst, dass Ginny sich halb wünschte, auf ihre Familie zu treffen. „Wenn wir den Horkrux bekommen haben – wenn denn einer dort ist – werden wir zum Grimmauldplatz zurückgehen. Wir werden uns mit dem Nachspiel von unserem Verschwinden auseinandersetzen, wenn wir dort ankommen, aber wir können es nicht riskieren, dass jemand uns auf dem Weg zum Museum über den Weg läuft."
„Was ist, wenn wir keinen Horkrux finden?", fragte Ginny, ihren Blick unverwandt auf ihn gerichtet.
Harry schluckte. Er hatte mehrere Tage lang über diese Möglichkeit nachgedacht, obwohl ihm etwas wiederholt sagte, dass er dort etwas finden würde.
„Ich weiß es nicht", sagte er seufzend. „Ich will nicht zum Hauptquartier zurückgehen, ohne irgendeinen Fortschritt vorweisen zu können – ohne etwas zu haben, das die Reise sinnvoll gemacht hat."
„Aber du hast immer noch nicht vor, sie in die Horkruxe einzuweihen?", erkundigte sich Hermine.
„Nein", bestätigte Harry. „Ich habe das Gefühl, dass uns sehr viele Diskussionen erwarten, wenn wir zurückgehen, aber wir tun das Richtige. Einen gefunden zu haben wird es mir einfach angenehmer machen, mich ihnen entgegenzustellen."
„Mum dreht wahrscheinlich gerade durch. Sie wird bestimmt versuchen, uns in Ketten zu legen", sagte Ginny stöhnend.
„Ich weiß", antwortete Harry und drückte ihre Hand. „Aber wir sind die ganze Zeit weg gewesen und haben alles richtig gemacht. Du wirst es am schwersten haben. Wir sind alle volljährig, deshalb kann sie nicht wirklich etwas tun, aber du – "
„Es macht keinen Unterschied", unterbrach Ginny und hob ihr Kinn. „Ich bin kein kleines Mädchen mehr und ich lasse mich auch nicht wie eins behandeln. Ich liebe meine Mutter von ganzem Herzen, aber ich bin ihre Tochter durch und durch. Ich kann so dickköpfig sein wie sie."
Harry lächelte zärtlich und strich mit dem Finger an ihrem Unterarm entlang. In letzter Zeit verspürte er das ständige Verlangen, sie zu berühren, wann immer sie in seiner Nähe war. Er hatte bemerkt, dass sie das gleiche ihm gegenüber empfand. Nur kleine Liebkosungen, Händchenhalten, eine winzige Berührung, wann immer sie miteinander sprachen. Er war nie jemand gewesen, der sich nach körperlichem Kontakt sehnte, deshalb war er nicht sicher, was mit ihm geschah oder warum er ihre Berührung so beruhigend fand. Doch er tat es.
„Ich glaube nicht, dass Mum so strikt dagegen sein wird, dass ich euch begleite, sobald sie die Gelegenheit gehabt hat sich abzuregen", sagte Ginny, während sie Zucker in ihren Kaffee rührte.
Die anderen beiden blickten sie zweifelnd an und Hermine zog ihre Augenbrauen so hoch, dass sie in ihrem Haaransatz verschwanden.
„Ginny, wir sprechen hier von deiner Mutter, richtig?", fragte Hermine. „Derselben Frau, die dem Orden nicht erlauben wollte, in unserer Hörweite auch nur vom Wetter zu reden?"
Ginny schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht mehr so streng wie beim letzten Mal, als wir am Grimmauldplatz gewohnt haben. Nach dem, was im Ministerium geschehen ist, ist sie... ich weiß nicht... hat sie sich verändert. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie uns nicht aus dem Krieg heraushalten kann, egal was sie unternimmt. Direkt danach hat sie den Zwillingen erlaubt, voll in den Orden einzutreten. Es mag ihr vielleicht nicht gefallen, aber sie akzeptiert es. Sie wird uns am Anfang zusammenstauchen, dann wird sie sich abregen. Glaubt mir."
„Wenn du meinst", sagte Harry, noch immer zweifelnd. Er konnte sich lebhaft an Mrs. Weasleys Verzweiflung erinnern, als Sirius ihm gestattet hatte Fragen bezüglich der Machenschaften des Ordens zu stellen. Sie hatte Ginny sogar aus dem Zimmer geschleppt und zu Bett geschickt, damit sie nichts hören würde, was sie selbst als unangebracht empfand.
„Ihr müsst die Veränderung in ihr doch bemerkt haben", sagte Ginny. „Im Krankenflügel in der Nacht, in der Dumbledore gestorben ist, hat sie nicht versucht, uns aus dem Raum zu schicken. Sie war nicht einmal überrascht, dass wir alle in den Kampf verstrickt waren."
Hermines Augen weiteten sich. „Du hast Recht", sagte sie. „Ron hat mir erzählt, dass sie ihn in der Nacht, in der der Fuchsbau angegriffen worden, ebenfalls nach draußen geschickt hat, um seinen Patronus einzusetzen."
„Ganz genau. Ich habe viel über sie nachgedacht, seit wir hier sind", sagte Ginny. Ihr Blick senkte sich auf den Tisch.
Harry nahm ihre Hand, wissend, dass sie trotz ihrer gespielten Tapferkeit ihre Mum vermisste. Harry konnte es ihr nicht verübeln. Mrs. Weasley war die beste Mum, die er kannte.
„Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass meine Mum eine starke Frau ist", fuhr Ginny fort. Ihre Lippe zitterte leicht. „Ich bin sehr hart mit ihr ins Gericht gegangen, glaube ich. Sie mag vielleicht nicht jemand sein, der sich auf Kämpfe mit Todessern einlässt, aber sie hat nicht gezögert, als Professor Dumbledore sie gebeten hat, dem Orden beizutreten. Sie hat zugelassen, dass ihre ganze Familie mit verwickelt wird, weil es richtig war. Das hätte ich ihr hoch anrechnen müssen."
Hermine schniefte und warf plötzlich die Arme um Ginny. „Ich vermisse auch alle, Ginny. Du hast Recht. Alles wird wieder gut. Wir sind nicht mehr dieselben Leute wie bei unserem Aufbruch. Und ich denke, dass alle das sehen werden."
„Dass alle was sehen werden?", fragte Ron benommen, während er in die Küche taumelte und sich auf den einzigen leeren Stuhl plumpsen ließ.
„Das wir keine Kinder mehr sind und wir die richtige Entscheidung getroffen haben, Voldemort allein zur Strecke zu bringen", erwiderte Harry grinsend.
„Klar", sagte Ron und stopfte sich ein Stück Speck in den Mund. „Mum wird keine Probleme damit haben. Sie wird uns mit offenen Armen empfangen, nachdem sie Percy eine Eule geschickt hat, um ihn als Mistkerl zu beschimpfen, und den Fuchsbau den Zwillingen als Wetteinsatz bei einem Quidditch- Spiel überlässt."
Die anderen brachen in lautes Lachen aus, während sie ihr letztes Frühstück in Albanien genossen. Sie würden bald nach Hause gehen.
Sie apparierten in die Winkelgasse in die Nähe der Apotheke, in der Meinung, dass es weit genug von den Orten entfernt war, an denen sie auf Fred, George und dem Rest der Weasleys stoßen könnten.
„Mmm, es riecht nach Zuhause", sagte Ron und atmete tief ein. Der Himmel war bewölkt und es war nicht einmal annähernd so heiß wie in Albanien.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich es so sehr vermissen würde, Umhänge zu sehen", stellte Ginny fest, während sie sich mit einem breiten Lächeln im Kreis drehte.
Trotz seiner Freude, wieder in London zu sein, fühlte Harry sich angespannt. Er hoffte, dass das Glück auf ihrer Seite stehen würde und sie bald ein Reporter erspähte. Nun, da die Durchsuchung des Museums so nah anstand, konnte er seinen Eifer kaum im Zaum halten.
„Lasst uns herumgehen. Haltet die Augen nach bekannten Gesichtern offen, die wir meiden wollen", sagte er.
Die anderen nickten und sie liefen auf die Hauptstraße. Es dauerte nicht lange, bis sie ein vertrautes Klicken einer Kamera vernahmen. Harry blickte auf und sah einen Reporter auf sie zueilen, gefolgt von einem Kerl mit einer Kamera.
„Das ging schnell", murmelte Ron, als sie sich umdrehten und in die andere Richtung zusteuerten.
„Mr. Potter! Mr. Potter, warten Sie. Nur ein paar Fragen, Harry", rief der Reporter, was die Passanten auf der Straße auf seine Anwesenheit aufmerksam machte.
„Mum! Da ist Harry Potter." Ein kleiner Junge zeigte auf ihn.
„Lauft!", rief Harry. Es erstaunte ihn jedes Mal von neuem, wie seine bloße Anwesenheit solch einen Aufruhr veranstalten konnte.
„Ich frage mich, was passiert ist, während wir weg waren", keuchte Hermine, sich darum bemühend, mit ihnen Schritt zu halten.
Sie rasten in eine kleine Gasse und dachten schon, sie wären den Menschen entflohen, als ein weiteres Blitzlicht aufflammte.
„Harry, können Sie mir sagen, was Sie von den Inferi- Angriffen halten? Was planen Sie dagegen zu unternehmen?", fragte ein männlicher Reporter, einen Notizblock und eine Feder in der Hand.
Harry blinzelte verständnislos.
Inferi? Was für Inferi- Angriffe? Oh, nein.
„Äh", machte Harry und kramte in seiner Erinnerung nach dem, was Dumbledore ihm über die Inferi erzählt hatte. Wenn das Ministerium die Menschen nicht warnen wollte, wie man sich gegen einen Inferius zu verteidigen hatte, dann würde er das tun. „Ein Inferius, wie die meisten Kreaturen in der Dunkelheit, fürchten die Wärme und das Licht. Man muss sich also mit Feuer gegen sie verteidigen. Das ist der beste Schutz."
„Harry!", rief der erste Reporter wieder, ihn unterbrechend, als er sie endlich eingeholt hatte.
Harry fühlte sich, als wäre er in die Höhle des Löwen geworfen worden – und die Löwen waren hungrig.
„Bewegt euch", zischte er den anderen zu und stieß Rons Schulter in die eine Richtung, wo noch kein Reporter erschienen war. Sie erreichten das Ende der Gasse und wandten sich schnell nach rechts, wo sie in eine Traube von Passanten untertauchten.
„Wir müssen uns aufteilen", sagte Harry keuchend. Er hielt seinen Kopf gesenkt, um nicht erkannt zu werden. „Ihr drei lauft weiter geradeaus. Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung und schlüpfe unter den Tarnumhang, sobald ich es unauffällig tun kann. Wir treffen uns dort, wo wir herappariert sind."
Ron und Hermine nickten, aber Ginny schüttelte stur den Kopf. „Ich finde, wir sollten in Paaren losgehen. Ich werde Harry begleiten."
„Ginny – "
„Hör auf zu versuchen, uns zu beschützen, Harry. Wir verschwenden Zeit", sagte Ginny, packte ihn bei der Hand und zog ihn die Straße hinunter.
Ron feixte und Hermine zuckte hilflos die Achseln. Sie wandten sich um und rannten in die andere Richtung.
„Lass uns gehen", sagte Harry verstimmt.
„Sei nicht so mürrisch, Harry. Wie oft müssen wir dir sagen, dass du nicht allein drin steckst? Außerdem geht es jetzt nur darum, ein paar Reporter herumzuhetzen. Du weißt doch, dass ich damit fertig werde, oder?" Ginny hob eine Augenbraue.
Harry wusste, dass er darauf nicht antworten konnte, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Deshalb verkniff er sich jegliche Bemerkung.
Sie verbargen sich an einer Ecke, sobald sie Fußgetrampel hörten. Harry zog seinen Tarnumhang aus der Tasche und warf ihn über sie beide. Sie blieben still stehen, als der zweite Reporter und sein Kameramann direkt vor ihnen inne hielten.
„Wohin sind sie gegangen? Ich dachte, ich hätte ihn mit dem rothaarigen Mädchen hier lang rennen sehen", verlangte der Reporter zu wissen.
Der Kameramann zuckte die Achseln. „Dachte ich auch."
„Verdammt! Aber dafür habe ich ein direktes Zitat bekommen. Das sollte etwas wert sein", sagte der Reporter.
„Er hat geraten, gegen die Inferi Feuer zu benutzen", warf der Kameramann ein. „Stimmt das?"
„Keine Ahnung", antwortete der Reporter. „Ist aber auch egal. Das wird eine tolle Schlagzeile geben und die Öffentlichkeit wird es schlucken. Komm jetzt. Ich bin sicher, er ist in diese Richtung gerannt."
Harry fluchte lauthals, als die beiden verschwanden. „Hast du sie gehört? Feuer ist eine Waffe gegen einen Inferius, aber es war ihnen total egal", sagte Harry wutentbrannt.
„Ich weiß, Harry. Sie wollte nur ihre Story. Dennoch, es entspricht der Wahrheit und vielleicht werden sie eines Tages in der Lage sein, sich zu retten, und wenn sie dich direkt zitieren, hast du gerade eben mehr getan als Scrimgeour in seiner ganzen Amtszeit als Minister", erwiderte Ginny, während sie ihm tröstend den Arm tätschelte.
Harry seufzte. Es brachte nichts, frustriert zu werden. Und er hatte noch mit zu vielen Dingen fertig zu werden an diesem Tag.
„Lass uns zurück zu Ron und Hermine gehen", sagte er und führte Ginny zurück in Richtung Apotheke.
Sie begannen, sich durch die gedrängte Straße zu quetschen. Mehrere Menschen drehten sich erschrocken um, wenn entweder Harry oder Ginny gegen sie stieß.
„Ich wünschte, wir könnten einfach apparieren", flüsterte Ginny.
„Ich weiß. Das gleiche habe ich auch gedacht, als die Reporter uns gejagt haben. Es ist aber zu voller Menschen und wir haben keine Gewissheit, ob wir nicht vor deiner Familie oder dem Orden auftauchen. Ich vermute, es hat sich schon herumgesprochen, dass wir hier sind, und ich bin sicher, die Gegend hier wimmelt nur so von Weasleys", erwiderte Harry.
„Hey! Diese Bemerkung trifft dann wohl auch auf mich zu", sagte sie und stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen.
Harry grinste. „Ich habe nie gesagt, dass die Weasleys nicht zu meinen Lieblingsmenschen gehören. Ich will die meisten von ihnen nur nicht jetzt sehen."
„Geschickt, Potter", erwiderte Ginny lächelnd. „Ich sehe, dass dich das Zusammenleben mit Hermine und mir über den letzten Monat einige Dinge gelehrt hat."
„Mehr als du dir vorstellen kannst", erwiderte Harry, während sein Geist über die vielen Informationsfetzen wanderte, die er aus der Nähe der Mädchen gezogen hatte.
Plötzlich fluchte Ginny und riss Harry damit aus seinen Gedanken. Er erwartete diese Art von Sprache von Ron, es aber von Ginny zu hören, überrumpelte ihn. Verzweifelt versuchte er, seinen Drang zu lachen niederzuringen.
„Ginny", rügte er, während er sein Gesicht vergeblich ernst zu halten versuchte.
„Shhh", zischte Ginny und zog an seinem Arm, bis sie an eine Ziegelmauer gepresst standen. „Da drüben."
Harry schaute in die Richtung, in die sie deutete, und fühlte, wie ihm der Atem stockte. Auf der anderen Seite der Straße standen Mrs. Weasley, Bill und Kingsley Shacklebolt. Sie suchten offensichtlich nach etwas... oder nach jemandem. Sie stellten verschiedenen Hexen und Zauberern auf der Straße Fragen. Mehrmals blitzte Shacklebolt seine Aurorendienstmarke hervor. Er schien verstimmt.
Es war der Gesichtsausdruck von Mrs. Weasley, der Harrys Magen aufwühlte. Sie hatte das entschlossene Weasley- Funkeln in ihren Augen, das Harry so gut kannte. Doch sie wirkte erschöpft und ausgelaugt – als hätte sie im vergangenen Monat nicht gut gegessen oder geschlafen.
„Oh, Mum", sagte Ginny, während sie sich fest an Harrys Brust klammerte. Er zwang sich nicht zusammenzuzucken, als ihre Nägel sich in sein Fleisch bohrten.
Kingsley hatte etwas gesagt, das bewirkte, dass Mrs. Weasley ihn ankeifte. „Ich werde nicht gehen, bis ich meine Babys gefunden habe. Sie sind hier irgendwo und ich werde sie finden."
Sie erinnerte Harry an eine Tigerin, die ihre Jungen beschützte, während sie die Straße auf und ab streifte, ihre Augen jedes Detail aufsaugend.
Bill legte eine Hand auf ihre Schulter und wisperte ihr etwas Beruhigendes ins Ohr. Mrs. Weasley brach in Tränen aus und vergrub ihr Gesicht in Bills Schulter.
Ginny versteifte sich in Harrys Armen und wandte rasch das Gesicht ab.
„Wir sollten uns besser beeilen und Ron und Hermine finden, um sie zu warnen", schlug Harry vor.
Ginny schluckte und sie bewegten sich weg, verborgen von dem Tarnumhang. Fest hielten sie sich an den Händen, während sie die Straße entlang eilten.
„Wir werden sie bald sehen können, Ginny", flüsterte Harry mit rauem Hals. „Das verspreche ich."
Ginny nickte steif, ihre Augen nach vorne gerichtet. Ihr Griff verstärkte sich.
Als sie die Apotheke erreichten, geriet Harry einen Augenblick lang in Panik, als er weder Ron noch Hermine sah. Eine Sekunde später streckten die beiden ihre Köpfe um eine Ecke. Harry und Ginny rannten zu ihnen hinüber.
„Wir sind da", wisperte Harry. „Wir müssen schnell hier raus."
„Wo seid ihr gewesen?", fragte Ron laut. Seine Augen trugen einen leicht wilden Ausdruck.
„Sei leise, Ron", zischte Ginny. „Wir haben Mum und Bill gesehen. Der Orden ist hier, um nach uns zu suchen. Appariert zum Smith- Museum. Da erzählen wir euch alles."
Harry und Ginny warteten darauf, dass Ron und Hermine verschwanden, bevor sie ihnen folgten. Gerade als er Ginny und sich zum Museum apparierte, sah Harry Bill und Mrs. Weasley um die Ecke biegen und auf die Apotheke zueilen.
Als sich Dunkelheit über die Stadt legte und Insekten um die Straßenlampen schwirrten, saß Harry am Eingang des Smith- Museum, vor sich hin stierend. Der späte Sommerabend war warm und viele Menschen wanderten auf der Straße herum. Ein Muggle schien auf einem Spaziergang zu sein und ging alle paar Minuten auf der anderen Straßenseite an ihnen vorüber, als umrundete er den Block.
Sie hatten als Abendessen Sandwichs heraufbeschworen – Gott sei Dank waren Ron und Ginny Weasleys und kannten alle Essen- Heraufbeschwörungs- Zauber – und sie auf einer Bank gegenüber dem Museum verzehrt. Harry konnte kaum glauben, dass er endlich diesen Punkt erreicht hatte. In dieser Nacht würde er Gewissheit darüber erhalten, ob es ihnen gelingen würde, einen weiteren Horkrux ausfindig zu machen... Mit etwas Glück würden sie nach dieser Nacht der letzten Konfrontation einen Schritt näher sein. Er schauderte leicht. Ginny legte einen Arm um ihn und rieb seinen Arm, in der Meinung, dass ihm kalt sei.
Sie neben sich zu haben fühlte sich angenehm an, doch der Gedanke nagte an ihm, dass es ihm umso schwerer fallen würde, sie gehen zu lassen und zu tun, was er tun musste, näher er sie bei sich hielt. In der Nacht, wenn der Schlaf nicht kommen wollte, egal wie anstrengend der Tag gewesen war, hatten Harrys Gedanken sich immer der Tatsache zugewandt, dass er nicht glaubte, die Endkonfrontation überleben zu können.
Er hoffte noch immer, dass Hermine mit einem brillanten Plan ankommen würde, doch bisher war dies noch nicht geschehen. Er fand es hochgradig ironisch, dass er nun – da bald sein letztes Stündlein schlagen würde – solch ein brennendes Bedürfnis nach Leben verspürte. In der Vergangenheit, obwohl er sicherlich niemals hatte sterben wollen, hatte er niemals eine große Leidenschaft für das Leben empfunden. Es hatte nie eine große Rolle für ihn gespielt.
Nun tat es das.
Je näher er Ginny kam, desto mehr dachte er, dass es ihn schon umbringen würde, sich von ihr zu verabschieden, ohne dass Voldemort jemals ins Spiel kam. Dennoch, er würde diese Zeit, die er mit ihr verbracht hatte, um nichts in der Welt eintauschen. Wenn er ihr keine Ewigkeit versprechen konnte, würde er ihr zumindest ein Jetzt geben. Und er wollte jeden Augenblick denkwürdig machen.
„Ich verstehe nicht, warum wir nicht einfach rein apparieren und dort warten können", stöhnte Ron zum hundertsten Mal.
„Also wirklich, Ron", sagte Ginny entnervt. „Zum letzten Mal: Wir wissen nicht, ob da drinnen noch jemand arbeitet. Wenn ja, sollten sie jetzt nach Hause gehen."
„Außerdem gibt es hier Anti- Apparier- Zauber", sagte Harry und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Hermine schaute von ihrem Sandwich auf. „Woher weißt du das?", wollte sie wissen.
Harry starrte sie an, leicht verwirrt. „Dieses Summen, hörst du es nicht? Das ist das gleiche Geräusch, das ich im Ligusterweg immer gehört habe. Ich kann es auch an den Toren von Hogwarts hören. Ich nehme an, das sind die Zauber, richtig?"
Drei Augenpaaren blickten ihn entgeistert an.
„Du... du kannst die Zauber hören?", brachte Ron schließlich hervor.
Eine Welle von Anspannung nahm Harry ein. Nicht schon wieder. „Ihr nicht?", fragte er, die Antwort schon ahnend.
Alle drei schüttelten den Kopf.
„Hört mal, das können wir später besprechen", sagte Ginny endlich. „Wenn hier Anti- Apparier- Zauber sind, wie schlägst du vor, sollen wir hineinkommen?"
„Bist du die Schwester von Fred und George Weasley oder nicht?", fragte Harry grinsend und zog eine Haarnadel aus seiner Hosentasche. „Sie haben mir gezeigt, wie man damit umgeht, nachdem ihr mich vor unserem zweiten Jahr von den Dursleys geholt habt."
Die Zwillinge hatten ganze Arbeit geleistet. Es kostete Harry nur einen kurzen Augenblick, das Schloss an der Vordertür zu knacken. Die vier schlüpften schnell und leise in das Museum und schlossen die schwere Tür hinter sich.
„Nun, da sind wir", wisperte Ron und blickte sich im Raum um. Das Licht von den Straßenlampen warfen lange Schatten an den Wänden und die Luft knisterte vor Spannung.
Harry konnte Rons Drang zu flüstern nachvollziehen, da er ihn selbst verspürte und sich dazu zwingen musste, ihn zu überwinden. Ein Prickeln von Anspannung lief seinen Rücken hinunter, während sie sich durch den Raum bewegten.
„Kommt. Lasst uns ausschwärmen und anfangen, uns umzuschauen. Ron, du nimmst wieder den Zauberdetektor", sagte Harry. „Hermine und Ginny, haltet einfach die Augen nach allem Außergewöhnlichen offen und wir können es mit dem Zauberdetektor überprüfen."
Sie nickten und machten sich an die Arbeit, obwohl Hermine voller Zweifel erschien. Harry schloss die Augen und rief sich die Szene aus dem Denkarium in Erinnerung. Riddle hatte Hepzibah Smith in einer Wohnstube getroffen, die nicht allzu nah an der Eingangshalle liegen konnte, da die kleine Hauselfe Hokey einige Minuten gebraucht hatte, um Riddle von der Eingangstür zu holen.
Harry wanderte von den anderen drei weg und spähte in mehrere Räume, bis er schließlich ein kleines Zimmer betrat, das weit von der Haupthalle entfernt lag. Ihm standen die Härchen im Nacken zu Berge, sobald er eingetreten war. Der Raum war sehr viel ordentlicher als in der Erinnerung, war jedoch unfehlbar derselbe. Tatsächlich enthielten mehrere der polierten Glasvitrinen einige der Himmelskugeln, an die er sich entsann, und in einem Schaukasten lag der juwelenbesetzte Spiel, in dem Hepzibah wiederholt ihr Erscheinungsbild überprüft hatte. Harry vermutete, dass der Spiegel nicht die ganze Wahrheit zeigte, was Hepzibah wahrscheinlich besonders angesprochen hatte.
„Ron", rief Harry. „Kannst du den Zauberdetektor herbringen?"
Er blickte sich mit einem seltsamen Gefühl eines Déjàvus im Zimmer um, während er Rons Schritte näher kommen hörte. Alle Instinkte in Harrys Körper schrieen, dass hier etwas war. Er war angespannt und in Alarmbereitschaft. Und er hatte das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden.
„Was ist los?", fragte Hermine, die Ron ins Zimmer folgte. „Oh, das ist der gleiche Raum, nicht wahr?"
„Du kannst es also auch spüren?", fragte Harry erleichtert.
„Was spüren?", entgegnete Hermine.
Harry runzelte die Stirn. „Du wusstest, dass es der gleiche Raum war. Ich hab gedacht...", murmelte er.
Hermine schüttelte den Kopf. „Nein. Ich erinnere mich daran. Die Architektur ist dieselbe, selbst wenn es gestrichen worden ist. Ich erkenne diese Fenster und der Kamin ist leicht abgeschrägt."
Harry blinzelte. Sie hatte Recht. Der Kamin war abgeschrägt. Wieder einmal verblüffte ihn Hermines Vermögen, offensichtliche Details wahrzunehmen, die er irgendwie stets übersah.
„Wo ist Ginny?", erkundigte er sich.
„Sie meinte, es ergibt keinen Sinn, wenn wir alle im selben Zimmer suchen. Deshalb ist sie in der Eingangshalle geblieben. Sie hat gesagt, dass wir sie rufen sollen, falls wir etwas finden", antwortete Hermine.
„Hier ist viel magische Energie", stellte Ron fest, der sich mit dem Zauberdetektor umsah. „Aber ich sehe nichts Dunkles."
„Schau weiter", sagte Harry grimmig. „Es ist hier." Er wusste es. Er konnte es fühlen, als würde Felix Felicis es ihm zuflüstern.
Harry ging in die Mitte des Zimmers, während er sich die Szene in seinem Geist vorstellte. Er konnte Hepzibah an ihrem Tisch sitzen sehen. Riddle bewegte sich zum Medaillon und zog seinen Zauberstab. Hepzibahs Augen weiteten sich vor Angst, wahrscheinlich zu spät realisierend, dass sie in Schwierigkeiten war. Sie versuchte, den Becher und das Medaillon zu ergreifen, doch Voldemort hätte sie aus ihrem Griff befreit. Sie wären vom Tisch geflogen und... hier gelandet.
Harry öffnete die Augen. Die Vision verschwand, als er sich selbst in der Ecke des Zimmers wiederfand. Ein Teil der Wand war mit einem großen, kompliziert beschnitzen Schrank verdeckt. Er erschauerte, als wäre ein starker, kalter Luftzug durch ihn hindurch geweht. Er konnte Ron und Hermine im Hintergrund sprechen hören, doch er blendete ihre Worte vollkommen aus und war stattdessen auf das entfernte Summen konzentriert, das er um den Schrank herum wahrnehmen konnte.
Mit seinem Zauberstab entfernte Harry das große Möbelstück von der Wand und begann ihn zu untersuchen, ließ seine Hände über die raue, bemalte Oberfläche gleiten. Murmelnd ging er dieselben Bewegungen durch, die er Dumbledore vor mehreren Monaten abgeschaut hatte.
Es nutzte nichts. Die Wand hatte nicht die gleiche Energie. Sie war in dem Augenblick verschwunden, da er den Schrank bewegt hatte. Er ließ ihn wieder zurück schweben. Auf der Stelle kehrten die Schauer zurück.
„Was ist los, Harry?", fragte Hermine und kam neben ihn.
Harry antwortete nicht. Er fuhr mit seinen Händen an der Außenseite des Schranks entlang. Die Vibrationen erschütterten ihn bis ins Innere.
„Ist etwas drinnen?", wollte Ron wissen. Er legte seine Hand auf den Knauf und versuchte, die Tür zu öffnen.
„Pass auf", zischte Harry und schubste Ron zurück.
„Wofür war das denn?", fragte Ron irritiert.
„Leg nicht einfach deine Hände darauf, Ron", feuerte Harry. „Wir haben keine Ahnung, was für Schutzzauber darauf liegen."
„Wir wissen nicht einmal, ob es hier ist", konterte Ron. „Außerdem ist nichts passiert. Es lässt sich nicht einmal öffnen." Als ob er es demonstrieren wollte, zog Ron abermals als Türknauf. Die Tür rührte sich immer noch nicht.
Hermine und Harry versuchten es ebenfalls, doch die Tür gab nicht nach.
„Warum sollten sie einen alten Schrank behalten, wenn sie ihn nicht einmal benutzen können?", fragte Ron.
„Er ist wirklich alt und wahrscheinlich sehr wertvoll, Ron. Er hat das Familienwappen der Smiths oben eingraviert. Ich vermute, es ist ein Familienerbstück", sagte Hermine. „Sie sind offensichtlich stolz auf ihr Erbe und Riddle hat es sicher gewusst. Wenn er hier etwas versteckt hat, würden sie es für immer behalten."
„Woher weißt du, dass es das Wappen der Smiths ist?", wollte Ron wissen, während er die Eingravierung betrachtete.
„Schau dich um. Es ist überall", antwortete Hermine genervt.
Harry ignorierte sie. Er fuhr mit seiner Hand an der Vorderseite des Schranks entlang und fühlte die Hitze, die ihm entsprang.
„Es ist hier drin", flüsterte er. „Ich wette, er hat einen ähnlichen Zauber wie den benutzt, den Dumbledore in unserem ersten Jahr auf den Spiel Nerhegeb gelegt hat. Ich denke, dass es sich ohne Probleme öffnen lassen würde, wenn jemand die Tür einfach nur aufmachen möchte, um den Schrank zu benutzen. Aber irgendwie weiß er, dass wir wollen, was drinnen versteckt ist."
Hermine zückte ihren Zauberstab. „Sollen wir einen Aufschließzauber versuchen?", schlug sie vor.
Harry glaubte nicht, dass es so leicht sein würde. Doch er erinnerte sich daran, dass Dumbledore ihn einen Aufrufzauber versuchen ließ, bevor er etwas Raffinierteres ausprobierte.
„Versuch es", sagte er achselzuckend.
„Alohomora", rief Hermine fest.
Etwas versprühte Funken, doch der Schrank blieb verschlossen.
„Hast du nicht gesagt, dass der Eingang zur Höhle Bezahlung in Blut verlangt hat?", erkundigte sich Ron. Er schluckte schwer.
„Ja, aber ich glaube nicht, dass Voldemort den gleichen Zauber zweimal benutzen würde. Es ist etwas anderes", sagte Harry abwesend.
„Der Türknauf ist auch abgeschrägt, wie der Kamin", bemerkte Hermine.
„Ich frage mich...", sagte Harry.
„Was...", sagte Ron.
Harry bewegte seinen Zauberstab zur Mitte des Schranks, wo der Knauf eigentlich hätte sein sollen.
„Aparecium", sagte er.
Langsam erschienen die verschwommenen Umrisse eines Türgriffs. Er war verzerrt und schimmerte, beinahe als blickten sie ihn durch flimmernde Hitze hindurch an.
„Boah", machte Ron und holte tief Luft. Er setzte den Zauberdetektor auf die Nase. „Er ist in Rot gehüllt, Harry. Viel Dunkle Magie liegt drauf."
„Dann sollten wir ihn nicht direkt anfassen", sagte Hermine. „Ich werde meinen Zauberstab benutzen." Sie wedelte ihn wortlos.
„Hermine!", brüllte Ron und packte sie am Arm, als ein Blitz von weißen sengenden Flammen aus dem Knauf schoss. Der Strahl traf Hermine an der Seite ihres Kopfes und warf sie um, während ihr Haar in einem Feuerball aufging. Hermine schrie und schlug mit den Händen auf die Flammen ein.
„Hermine", rief Ron wieder, panisch. Seine Schulter und sein Arm waren ebenfalls mit einem Teil des Blitzes getroffen worden und die Flammen fraßen sich rasch durch den Ärmel seines Shirts. Hilflos wedelte er mit seinem Zauberstab, als könnte er sich nicht mehr an den Zauberspruch erinnern, der Feuer erstickte.
Harrys erste Schulstunden sprangen ihm in den Kopf, als er erwog, sie auf den Boden zu schubsen und sie zu rollen. Doch sein Zauberstab würde schneller sein.
„Aguamenti", rief er. Ein Strahl von Wasser entfloh seinem Zauberstab und regnete auf Ron und Hermine herab.
Hermine lag auf dem Boden, stöhnend und nur halb bei Bewusstsein. Das Haar auf der gesamten Seite ihres Kopfes war versengt und ihre Kopfhaut war mit schrecklich roten Verbrennungen bedeckt, die schmerzhaft trieften. Ron kauerte neben ihr auf dem Boden, benommen blinzelnd. Die Haut auf seinem Oberarm und seiner Schulter war geschwärzt und offen. Er war zu Hermine gekrochen und streichelte die unverletzte Seite ihres Kopfes.
„Hermine", flüsterte er mit gebrochener Stimme.
Harry spürte Übelkeit in seiner Brust aufsteigen, als er zwischen seinen Freunden hin und herblickte. Er fuhr sich mit einer Hand durch sein zerzaustes Haar. Er hatte gewusst, dass das passieren würde. Er hatte nicht gewollt, dass sie mit ihm kamen, weil er gewusst hatte, dass sie verletzt werden würden. Doch er war schwach gewesen und hatte ihnen erlaubt, mitzukommen, weil er ihre Gesellschaft erwünscht hatte.
Er hatte den schrecklichen Schaden an Professor Dumbledores Hand gesehen und sie trotzdem hier hineingehen lassen. Er war erstarrt, seine Hände zitterten und sein Atem kam in schmerzhaften Stößen.
„Ron? Hermine?", sagte er und sank neben ihnen auf die Knie.
Ich muss mich zusammenreißen. Was ist los mit mir? Ich bin unter solchem Druck noch nie zusammengebrochen.
„Episky", sagte er, seinen Zauberstab auf die Verbrennungen an Rons Arm gerichtet. Er wusste, dass es nicht die beste Wahl von einem Zauberspruch war. Es musste einen Heilzauber speziell für Verbrennungen geben, doch dieser war der einzige, den er kannte. Die Wunden an Rons Arm verheilten leicht, zumindest genug, bis sie Hilfe holen konnten.
Harry machte sich mehr Sorgen darüber, den Zauber an Hermine anzuwenden, deren Verbrennungen sehr viel ernster aussahen.
„Harry, Ron", erklang Ginnys Stimme aus dem Flur. „Wo seid ihr?"
„Ginny!", rief Harry verzweifelt.
„Bei Merlins Bart! Was ist passiert?", wollte Ginny wissen, während sie zu ihrem Bruder eilte und entsetzt seinen Arm anstarrte.
„Mir geht es gut", murmelte Ron und schob ihre Hände von sich. „Hermine ist verletzt."
Harry hielt seinen Zauberstab neben eine der kleineren Verletzungen an Hermines Hals.
„Episky", wisperte er. Er verzog das Gesicht, als Hermine aufstöhnte. Er spürte ein Brennen in den Augen und blinzelte mehrmals. Die Wunde verheilte. Daher wandte er sich zögernd ihrem Kopf zu. Er fuhr fort, Hermine, so gut es ging, zusammenzuflicken, verzweifelt wünschend, dass Madam Pomfrey hier war.
„Es tut mir leid", flüsterte Harry, als Hermine vor Schmerz aufschrie. „Das der einzige Heilzauber, den ich kenne."
„Es ist in Ordnung, Harry", wisperte Ginny und rieb sanft seine Schultern. Sie hatte die ganze Zeit über hinter ihm gestanden, ihn sachte angetrieben und er war ihr für ihre beruhigende Anwesenheit dankbar.
„Das ist etwas, das wir später tun müssen – mehr Heilzauber lernen. Für den Augenblick müssen wir einfach unser Möglichstes tun, ihren Schmerz zu lindern", sagte sie. Ihre Stimme zitterte leicht.
„Auf dem Schrank sind überall Spuren Dunkler Magie. Wir haben einen verborgenen Türgriff gefunden. Aber sie sind verletzt worden, als Hermine versucht hat ihn zu öffnen", berichtete Harry.
Ginny nickte und ging zum Schrank hinüber, bevor jemand sie aufhalten konnte. Sie zielte mit ihrem Zauberstab auf den seltsamen Knopf und öffnete ihn mit Leichtigkeit.
Harry stand der Mund offen. „Wie hast du...? Ginny, was in Merlins Namen tust du da? Das ist genau, wie Ron und Hermine verletzt worden sind. Ich weiß nicht, wie du ihn geöffnet hast, aber wir können keine dummen Gefahren riskieren."
„Es war nicht dumm, wenn es funktioniert hat", keifte sie zurück. „Professor Dumbledore hat dir gesagt, dass du das letzte Mal mit ihm gehen konntest, weil du minderjährig warst, richtig? Er hat gesagt, dass Voldemort dumm genug war anzunehmen, dass Minderjährige und nicht voll Qualifizierte ihm niemals etwas anhaben könnten. Tja, ich bin immer noch minderjährig – wie ihr mir alle so gerne sagt – deshalb sollte meine Magie nicht mehr zählen als deine es getan hat."
Harry starrte sie mit offenem Mund an, wissend, dass sie Recht hatte, und doch wünschend, dass sie es nicht tat. Er brauchte Hilfe und sie war in der Lage, ihm diese zur Verfügung zu stellen. Es sollte eine einfache Entscheidung sein, doch trotz der Tatsache, dass sein Kopf es wusste, verlangte ein primitiver Teil von ihm noch immer, sie vor allem zu beschützen.
„Wir haben keine Zeit für deine heldenhaften Urinstinkte, Harry", sagte Ginny in einem gelangweilten Tonfall, beinahe als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Ich werde mit dir gehen. Ich habe dir schon gesagt, dass wir dich nicht alleinlassen werden. Also halt einfach den Mund und steck dir all deine Gründe, die dir auf den Lippen liegen, sonst wohin." Ihre Augen funkelten ihn an.
„Ginny – "
„Kommst du jetzt oder nicht?", fragte sie fest.
„Wir können nicht einfach gehen. Wir müssen Hilfe für Ron und Hermine holen", sagte Harry. Er wusste, dass er sie hinhielt. Doch sie konnte so erzürnend sein, dass es schwer war, gerade zu denken. „Wir werden sie zurück zum Grimmauldplatz apparieren und Madam Pomfrey holen."
„Nachdem wir den Horkrux bekommen haben", sagte Ginny. Sie schluckte schwer, als ihre Augen kurz zu Ron flackerten, dessen Augen geschlossen waren.
„Was? Nein – ", wand Harry ein.
„Doch, Harry", sagte Ron. Er öffnete die Augen und zog sich an einer Wand hoch. „Wir sind nicht so weit gekommen, um jetzt aufzugeben."
Harry sah die stählerne Entschlossenheit im bleichen Gesicht seines Freundes, wissend, dass er Recht hatte, und doch unfähig sich zu bewegen.
Ron keuchte, als er sich näher an Hermine schleppte. „Bring den verdammten Horkrux mit, Harry."
„Schickt euren Patronus, falls ihr Hilfe braucht", sagte Harry und blickte Ron in die Augen. „Meinst du, du kannst apparieren?"
„Ja", sagte Ron. „Wenn ihr in einer Stunde noch nicht zurück seid, werde ich Hermine zurückbringen und Hilfe holen. Ich muss bei Hermine bleiben."
Er sah aus, als schmerzte es ihn, das zu sagen. Als ob es ihn innerlich zerriss, sich zwischen seinen beiden besten Freunden zu entscheiden.
„Mach dich nicht lächerlich, Ron. Du bist verletzt und du kannst Hermine nicht hier alleinlassen. Wir kommen schon zurecht und kehren so bald wie möglich zurück", sagte Harry.
Die beiden blickten sich in die Augen, jeder wissend, dass der andere jederzeit sein eigenes Leben geben würde, um seinen Freund zu retten.
„Passt aufeinander auf", sagte Ron. „Hör auf Harry, Ginny. Unternimm nichts Dummes, nur um dich zu beweisen."
Ginnys Miene verfinsterte sich, doch sie nickte. Sie wandte ihm den Rücken zu und trat in den Schrank, die Hände vor ihren Körper gestreckt, als wäre sie blind.
Harry gesellte sich eilig zu ihr. Es war pechschwarz und tief. Harry ging einige Schritte, bevor er realisierte, dass hier nicht so viel Raum sein sollte.
„Ginny", flüsterte er. Er wusste, dass sie nur einen Schritt vor ihm war, konnte sie aber nicht sehen.
Wie soll ich sie beschützen, wenn ich sie nicht einmal sehen kann?
„Ja?", antwortete sie. Zum ersten Mal klang sie verängstigt.
Er konnte es ihr nicht verübeln. Obwohl er es niemals zugeben würde, hatte er ebenfalls Angst. Die Dunkelheit brachte ihn aus der Fassung und die nagende Sorge um Ron und Hermine machte ihn fast wahnsinnig. Er streckte seinen Arm aus und fand ihre Hand.
Sie umklammerte seine fest, ihre Finger mit seinen verschränkend, und ihm fuhr der Gedanke durch den Kopf, dass es eines größeren Zauberers bedurfte, um sie dazu zu bringen loszulassen.
Sie rückten eine lange Zeit, so fühlte es sich jedenfalls an, schweigend vorwärts. Plötzlich hörte die Dunkelheit auf und sie traten in strahlendes Sonnenlicht.
„Wo sind wir?" Ginny schaute sich mit offenem Mund um.
Harry drehte sich um die eigene Achse. Sie befanden sich an einem Ort, der Harry wie der Parthenon im antiken Athen vorkam.
Ginny trat einen Schritt zurück. „Ich habe kein gutes Gefühl, Harry", flüsterte sie.
Ein gleitendes Geräusch ließ sie beide herumwirbeln. Sie starrten auf eine steinerne Wand.
„Was ist mit der Tür geschehen?", fragte Ginny panisch.
Die Tür war vollkommen verschwunden. Nur eine kleine Kerbe in der Form eines Bechers war übrig geblieben.
„Offensichtlich gibt es kein Zurück ohne den Horkrux als Schlüssel", stellte Harry grimmig fest. „Aber wo ist er?"
„Und was bewacht ihn?", fragte Ginny schluckend.
Ein riesiges Holztor am anderen Ende des Parthenons ächzte, während es sich aus dem Boden hob.
„Du musstest ja fragen", sagte Harry tonlos. Er trat einen Schritt vor Ginny.
Sie warteten mit angehaltenem Atem, währnend das Tor sich völlig öffnete. Für einen Augenblick regte sich nichts und Harry und Ginny wagten kaum zu atmen. Plötzlich hallte ein gewaltiges, grollendes Brüllen durch die Arena und erschütterte den Stein. Sie hielten sich die Ohren zu.
Ihre Augen weiteten sich, als ein riesiges Monster aus der Höhle stapfte. Es war grün mit einem gelben Kopf und gewaltigen blauen Flügeln. Die Klauen an seinen Füßen waren messerscharf und seine Flügel und sein Schwanz waren ähnlich bestückt. Der Drache hob den Kopf. Die Iris in seinen glühenden gelben Augen verengten sich gefährlich, als er sie sah. Er brüllte erneut, wobei er einen so großen Feuerschwall ausstieß, dass er einen Feuerball auf sie losschickte.
Harry und Ginny sprangen zur Seite und duckten sich, während die Flammen vorbeisegelten und die Sitzplätze über ihnen versengten.
Harry fluchte, schwer keuchend. „Ich habe geschworen, nie wieder gegen einen Drachen zu kämpfen, solange ich lebe."
„Das ist eine serbische Sensenspitze", sagte Ginny. Sie umklammerte Harrys Arm und klang eingeschüchtert.
„Woher weißt du das?", fragte er ungläubig.
„Du kannst nicht im selben Haus wie Charlie aufwachsen und nichts von Drachen wissen. Die serbische Sensenspitze und der Ungarische Hornschwanz sind die gefährlichsten Drachen und deshalb die Coolsten, soweit es Charlie betrifft", erklärte Ginny und spähte vorsichtig über den Felsvorsprung.
„Großartig", kommentierte Harry. „Klingt nach Hagrid."
„Ja. Harry, ich kann den Horkrux sehen!", rief Ginny.
„Was? Wo?", fragte Harry. Er erhob sich auf die Knie, um über den Stein zu lugen.
„Dort!" Sie zeigte ihm die Richtung.
Harry konnte nur ein Nest ausmachen, das in das Tor gesteckt war, durch das der Drache aufgetaucht war. Die Sensenspitze stolzierte vor der Öffnung auf und ab, als forderte er sie heraus.
„Du kannst es schaffen, Harry", ermutigte Ginny. „Das ist wie die Erste Aufgabe, nur ist diesmal der Horkrux dein goldenes Ei."
„Aber Ginny. Ich habe meinen Feuerblitz nicht bei mir. Er ist in London und irgendwie glaube ich nicht, dass der Aufrufzauber durch diese Steinwand funktioniert", entgegnete er und deutete auf den nun verborgenen Gang, der zum Schrank zurückführte.
„Harry, du bist ein Zauberer mit mehr Erfahrung, als du damals besessen hast. Beschwöre einen herauf! Es muss nicht lange halten, nur lang genug", rief Ginny entnervt.
„Richtig", sagte Harry, nervös schluckend. Seine Handflächen waren verschwitzt, doch er wusste, dass er es schaffen konnte. Seinen Feuerblitz im Geist aufrufend, beschwor er eine beinahe identische Kopie herauf.
„Du hast es geschafft!", jubelte Ginny.
„Freu dich nicht zu früh. Ich muss immer noch den Becher holen", sagte Harry.
Ginny lächelte zittrig und zog ihr Haarband vom Kopf. Sie befestigte es an Harrys Oberarm.
„Wofür ist das?", wollte er wissen, auf das gelbe Band schauend.
Ginny zuckte die Achseln. „Naja, ich bin nicht Hermine, deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich es richtig in Erinnerung habe. Aber ich glaube, vor einem Turnier bindet die Lady ihre Farben um den Champion ihrer Wahl, um ihm viel Glück zu wünschen."
„Danke", murmelte er verlegen. Er starrte auf seine Schuhspitzen, während er mit seinen Füßen auf dem Boden umherscharrte.
„Danke mir noch nicht", sagte Ginny. „Nach allem, was ich weiß, ist Gelb die Farbe, die einen Drachen anstachelt."
„Danke, Ginny. Deine Ermutigung ist überwältigend", erwiderte er. Doch er musste dabei grinsen. Unabhängig von den Umständen gelang es ihr immer, ihm ein besseres Gefühl einzuflößen.
„Du schaffst es, Harry", sagte sie ernst, bevor sie sein Gesicht in die Hände nahm und ihre Lippen auf seine presste.
Er erwiderte den Kuss, bis ein weiteres Aufbrüllen des Drachens seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Dann mal los", sagte er, bevor er den Besen bestieg und in den blauen Himmel schnellte.
„Sei vorsichtig, Harry", rief Ginny ihm nach.
Harry flog über die Arena, umrundete sie und versuchte, den besten Winkel zu finden. Es dauerte nur einen Moment, bis das große Monster ihn erspähte. Zornig schnaubend breitete es seine gewaltigen Flügel aus und folgte ihm in den Himmel.
Trotz allem konnte Harry nicht anders, als von der Kreatur beeindruckt zu sein. Seine Flügelspanne war so groß, dass sie beinahe die gesamte Breite des Parthenons beschattete. Der Drache schraubte sich anmutig in den Himmel, bevor er seine gelben Augen auf Harry richtete.
Harry trieb den Feuerblitz in einen Sturzflug, in dem Versuch, unter den Drachen zu fliegen, bevor dieser sich umdrehen konnte. Harry hatte jedoch nicht mit dem Schwanz gerechnet. Der Schwanz des Drachen war lang und dünn und das Biest benutzte ihn als Peitsche, die auf Harry zuschnellte. Die sensenähnliche Spitze zerriss sein Shirt und schnitt ihm in die Brust. Er blutete.
Das Biest fauchte und seine Nüstern flackerten bei dem Geruch von Harrys Blut. Harry tauchte erneute, doch der Schwanz peitschte diesmal auf seinen Rücken zu. Zwei weitere Male versuchte Harry es und zwei weitere Male wurde er vom dem scharfen Schwanz des Drachen getroffen. Sein Shirt hing in Fetzen an ihm herunter und triefte vor Blut. Sein Feuerblitz war schnell, doch dieser Drache war schneller.
Harry schwang sich nach oben und gewann an Höhe. Der Drache war verwirrt und brüllte in Zorn. Er musste sich umdrehen und aufwärts fliegen. Harry nutzte die Gelegenheit und stürzte auf die Höhle zu. Er hatte sie beinahe erreicht, als der peitschenähnliche Schwanz hervorschnellte und ihn wieder in den Körper schnitt.
Harry zischte vor Schmerz auf und musste sich in die Höhe schwingen, um einem weiteren Feuerschwall auszuweichen. Er wurde allmählich frustriert und fühlte sich benommen von dem Blutverlust. Etwas musste bald geschehen, sonst war es aus mit ihm. Er flog zurück zwischen die Säulen. Er hielt nicht inne, um zu überprüfen, ob der Drache ihm folgte, sondern zielte stattdessen direkt auf das Nest, so schnell ihn der Besen tragen konnte.
Der Drache schrie erzürnt. Statt zu wenden krachte er direkt durch die Säulen. Die Wucht ließ das Biest langsamer werden. Harry flog auf den Boden zu und zog sich gerade rechtzeitig in die Höhe, um seinen Besen auf den Eingang der Höhle zuzusteuern. Als er sich hinunterlehnte, um den Becher zu ergreifen, verschwand sein Besen.
Harry fluchte. Er hatte niemals von sich behauptet, ein Experte in Heraufbeschwörungszaubern zu sein. Doch verdammt noch mal, sein Timing hätte nicht schlechter sein können.
Bevor er Zeit fand, einen neuen zu erzeugen, hörte er das stechende Kreischen des Drachen. Und es klang, als näherte es sich mit hoher Geschwindigkeit. Harry steckte den Becher in den Bund seiner Jeans und rannte nach draußen. Er hechtete zur Tribüne, als ein Feuerball über ihm vorbeischoss.
Der Drache bellte vor Zorn, während er sich an der niedrigen Wand festklammerte, die die Arena von Harrys Versteck trennte. Harry duckte sich und versuchte sich wegzustehlen. Doch die Wand fiel in sich zusammen und hinterließ Harry ungeschützt. Der Arm des Drachen donnerte in das hölzerne Tor, das den Eingang zur Höhle flankiert hatte und nun zerschellte. Harry schrie auf, als Hunderte von scharfen Splittern auf seinen Rücken herabregneten.
Der Arm des Drachen schnellte wieder herab, diesmal näher bei Harry, und die spitze Klaue stach in seine Seite unter den Rippen. Die Wucht schleuderte Harry in die Höhe und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Er stürzte in den Dreck, keuchend und sich an den Boden klammernd, während er versuchte, von dem wütenden Drachen wegzukriechen.
Bevor er sich bewegen konnte, bevor er einen Laut von sich geben konnte, wickelte sich der Schwanz des Drachen um seinen Fuß und begann, ihn näher zu ziehen. Harry war sicher, Siegesgewissen in den gelben Augen erkennen zu können. Er zwang sich, Ruhe zu bewahren, obwohl er am ganzen Körper zitterte.
Der Schwanz zuckte in die Höhe, so dass Harry kopfüber neben dem Mund des Drachen hing. Er konnte sehen, wie sich Rauch aus den Nüstern kräuselte.
Wenn das Ding jetzt einen Feuerball aushaucht...
Zerschrammt und blutbespritzt wartete Harry, bis er dem Drachengesicht so nahe war, wie er es wagte. Er zog seinen Zauberstab, zielte direkt auf diese gelben Augen und ließ den stärksten Conjunktivitis- Fluch los, zu dem er fähig war.
Der Drache bäumte sich auf und brüllte, was eine Hitzwelle aussandte. Harry war aus seinem Griff befreit und fiel mit einem lauten Plumpsen zu Boden. Sein Körper schmerzte. Er konnte nicht die Kraft aufbringen, sich vom den Drachen wegzubewegen. Das Biest heulte vor Schmerz, die riesigen Arme an seine Augen gedrückt, die von weißem Schleim bedeckt waren.
Wenn Harry es nicht schaffte sich aufzuraffen, würde er unter dem Schwanz oder einem der gewaltigen Füße zerdrückt werden. Schwer atmend versuchte er aufzustehen, doch es war nutzlos. Was würde mit Ginny geschehen, wenn Harry hier getötet würde? Er musste ihr den Becher zuspielen, damit wenigstens sie fliehen konnte. Stöhnend rollte er sich auf die Seite und zog den glühenden Becher aus dem Hosenbund.
Er war überrascht zu bemerken, wie sehr das Gold glänzte, obwohl es für eine so lange Zeit nicht poliert wurde. Helga Hufflepuffs goldenes Wappen blitzte in der Sonne auf.
Als der Drache weitere Flammen auf ihn zu spie, hob Harry den Becher instinktiv wie einen Schild und warf ihn in das nahende Feuer. Er rollte sich auf die Seite, um nicht gegrillt zu werden.
Als der Becher mit dem Feuer in Berührung kam, erfüllte ein Blitz von hellem, weißem Licht die Arena. Harry bedeckte sein Gesicht mit dem Gefühl, als hätte er einen schrecklichen Sonnenbrand bekommen. Ein unheimlicher Schrei zerriss die Luft. Der Drache heulte elendig, bevor er zu Boden fiel und sich auflöste, als wäre er niemals da gewesen.
Eine Flut von feurig rotem Haar streifte plötzlich an Harrys Gesicht entlang, als Ginny neben ihm von einem Besen stieg.
„Was ist passiert? Wo ist er hin?", rief sie. „Geht es dir gut?"
„Der Becher", krächzte Harry und deutete auf die Stelle, an der er lag.
Ginny nahm ihn in die Hand. Das Gold war versengt und geschwärzt, jedoch unversehrt.
„Nur noch ein Becher jetzt", murmelte Harry benommen. „Ich frag mich, ob er immer noch als Schlüssel funktioniert?"
„Los, lass uns hier rauskommen", sagte Ginny und half ihm auf ihren Besen.
Harry lehnte sich schlaff gegen sie, als sie in die Höhe stiegen und zur anderen Seite der Arena flogen.
„Ich dachte, die Lady bleibt auf der Tribüne und fordert ihren Champion auf aufzustehen", sagte er und lächelte matt.
„Wer sagt, dass ich eine Lady bin?", erwiderte Ginny.
Harry grinste. „Ich liebe dich, Ginny", flüsterte. Er konnte die Augen nicht mehr länger offen halten.
Er spürte, wie ihr Körper zusammenzuckte. „Ich habe versucht, dir früher zu Hilfe zu kommen. Aber das Monster war eine Art Barriere, die mich gehindert hat. Ich konnte nicht an ihr vorbei, bis du am Boden lagst", sagte sie schniefend.
„'st okay", murmelte Harry.
Ginny schüttelte ihn. „Bleib bei mir, Harry. Nur noch ein paar Minuten. Hier ist der Eingang. Steck den Becher in die Kerbe."
Harry versuchte seinen Arm zu heben, doch er fühlte sich wie Gummi an und ließ sich nicht dirigieren.
„Hier, ich mach es", sagte Ginny. Sie nahm ihm den Becher aus der Hand und steckte ihn in die Kerbe. Die Tür glitt auf und gab die tiefe Dunkelheit frei.
Ginny flog direkt in den Gang. Augenblicke später tauchten sie in der Wohnstube im Smith- Museums auf. Ron und Hermine kauerten noch immer zusammen an der Wand.
„Habt ihr ihn bekommen?", fragte Ron besorgt.
Harry nickte zu dem Becher. „Gefunden und zerstört", antwortete er schwach. Seine Beine konnten sein Gewicht nicht halten, als er vom Besen stieg. Ginny hielt ihn fest und ließ ihn zu Boden gleiten.
„Kumpel, was ist mit dir passiert?", wollte Ron mit weit aufgerissenen Augen wissen.
„Das erzählen wir dir am Grimmauldplatz", sagte Ginny. „Ron, meinst du, du kannst mit Hermine apparieren?"
Ron nickte. Eine bewusstlose Hermine in den Armen, disapparierte er.
Ginny schlang ihre Arme um Harry. „Halt dich an mir fest, Harry", flüsterte.
„Ich bringe uns zurück", sagte Harry stur.
„Danke, aber nein. Ich fühle mich heute nicht danach zu zersplintern. Ich hatte genug Aufregung für einen Tag."
Mit einem frechen Grinsen küsste sie ihn auf die Wange und brachte sie zurück zum Hauptquartier... zurück zu ihrer Familie.
