Kapitel 12 – Nachspiel
Ginny öffnete die Augen und starrte auf die düsteren Umrisse des Grimmauldplatz' Nummer Zwölf. Sie war gerade auf ein kleines, grasbewachsenes Stück Land appariert, das von einem großen Baum nicht weit vom Haus entfernt beschattet war. Sie hoffte, sie würde keine Ermahnung vom Ministerium wegen Zauberei Minderjähriger erhalten, da sie sich in Begleitung mehrerer volljähriger Zauberer befand.
Die Sonne war lange untergegangen und auf der Straße war es ruhig und dunkel, nicht einmal ein Mugglefahrzeug unterbrach die Stille. Sie konnte mattes Kerzenlicht in einigen Fenstern des Hauptquartiers brennen sehen und war erleichtert, dass es noch immer besetzt war. Harry fiel gegen sie, als er schließlich seinen langen Kampf ums Bewusstsein verlor. Ginny bemühte sich, ihn sanft auf die Erde gleiten zu lassen, und endete unter ihm eingeklemmt. Merlin, für einen dünnen Kerl war er schwer. Sie schauderte, während sie die blauen Flecke auf seinem blassen Gesicht betrachtete.
Ron saß neben Harry auf dem Boden, Hermine in seinen Armen wiegend. Er wirkte teilnahmslos und hatte kaum die Kraft zu sprechen.
„Sorry, Ginny", sagte er keuchend. „Ich habe versucht, Funken an die Tür zu sprühen, aber ich habe daneben getroffen."
„Es ist okay. Alles wird wieder gut, Ron. Wie geht es Hermine?", erkundigte sich Ginny. Das ältere Mädchen war erschreckend ruhig und Ginny konnte es nicht ertragen, die schrecklichen Wunden an ihrem Kopf zu sehen.
„Sie wacht einfach nicht auf, Ginny", sagte Ron. Er klang wie der verängstigte kleine Junge, den Fred und George mit Spinnen zu ärgern pflegten.
„Das wird sie", sagte Ginny mit einer Zuversicht, die sie nicht empfand. Plötzlich fühlte sie sich überhaupt nicht erwachsen. „Es ist noch nicht zu Ende und Hermine ist viel zu störrisch, um in der Mitte eines Projekts aufzugeben. Bleib kurz bei ihnen. Ich bin gleich wieder zurück."
Sanft befreite sie sich von Harry. Ihre Hände waren von seinem Blut verschmiert.
Harry war großartig gegen den Drachen gewesen. Trotz ihrer Furcht hatte Ginny ihm beeindruckt zugeschaut. Nachdem er das erste Mal von dem Schwanz getroffen worden war, hatte sie angefangen zu versuchen, einen Besen zu erzaubern. Gegenstände heraufzubeschwören war ein Zauber für die sechste Klasse und sie hatte es nie auch nur versucht. Alles, worauf sie bauen konnte, war die Erinnerung daran, wie Harry seinen eigenen Besen erstellt hatte. Es hatte mehrerer Versuche bedurft, es hinzubekommen, und ihre Panik und Frustration hatte nicht gerade dazu beigetragen. Sobald sie endlich den Besen zur Verfügung hatte, wollte irgendeine Magie des Ortes ihr nicht gestatten, die Tribüne zu verlassen, um Harry zu Hilfe zu eilen.
Dennoch, trotz des Wissens, was er alles getan hatte und wie viel er in dieser Arena durchgemacht hatte, verspürte sie einen kleinen Stich der Verärgerung, dass sie die einzige Unverletzte war, die in der Lage war, sich dem Zorn zu stellen, der auf der anderen Seite der Tür auf sie wartete. Sie wusste, dass ihr ein Schwall von Fragen bevorstand, und sie wünschte, sie müsste ihm nicht allein entgegentreten. Es mochte kindisch sein, doch so empfand sie.
Sie würde den anderen Erholung gönnen, doch sobald sie wieder auf den Beinen waren, hatte sie alle Absicht darauf hinzuweisen, dass trotz all ihrer Proteste, dass sie minderjährig war, sie die letzte Stehende war. Ihre Entschlossenheit mit einem grimmigen Lächeln verstärkend stieg Ginny die Stufen zu Nummer Zwölf empor.
Sie drehte am Türknauf und fand die Tür unverschlossen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als ihr bewusst wurde, dass ihre Mum sie offen gelassen hatte für den Fall, dass sie zurückkehrten. An ihrer Unterlippe knabbernd schob sie die Tür auf und trat hinein.
Ich muss stark sein.
Direkt in der Eingangshalle waren Bill, Remus Lupin und Alastor Moody in einen hitzigen Streit verwickelt, doch Ginny war zu erschöpft, um ihren Worten Beachtung zu schenken. Keiner von ihnen bemerkte sie auf Anhieb. Remus blickte als erster auf und sah sie in der Tür stehen.
„Ginny", sagte er verblüfft.
Bill und Moodys Köpfe wirbelten herum.
„Ähm... ich brauche Hilfe draußen. Wir haben einige Verletzungen", brachte Ginny schließlich hervor.
Es war, als hätte ihre Worte sie wieder aus ihrer Erstarrung gelöst. Remus und Moody drängten sich an ihr vorbei und rannten hinaus. Doch Bill packte sie am Arm, bevor sie ihnen folgen konnte.
„Oh nein, du gehst nirgendwo hin", sagte er. Sie konnte sehen, dass er wütend war.
Sein Zorn befreite ihren Mut. Sie würde sich auf keinen Fall wieder wie ein Baby behandeln lassen – nicht von Bill – nicht von irgendjemandem.
„Lass mich los, Bill", verlangte sie und riss ihren Arm los. „Hermine ist ernsthaft verletzt und ich weiß, wo sie ist. Ich werde deine Fragen später beantworten, aber jetzt habe ich keine Zeit dafür."
Den überraschten Gesichtsausdruck ihres Bruders ignorierend, wandte sie sich um und eilte aus der Tür, um Lupin und Moody zu den anderen zu führen.
„Sie ist verbrannt worden", sagte Ron, als Remus sich über Hermine beugte. „Sie braucht Madam Pomfrey."
„Lass mich sie rein tragen, Ron", sagte Remus und hob Hermines Körper aus Rons Armen. „Ich werde Poppy holen und sie ist in Nullkommanichts da."
Ron nickte, während er sich darum bemühte aufzustehen. Moody zog ihn auf die Füße und legte ihm einen Arm um die Hüfte, als er schwankte.
„Ganz ruhig, Bursche. Ich hab dich. Lehn dich einfach an mir an und wir schaffen dich ins Haus", sagte der alte Auror, überraschend sanft.
Bill starrte auf Harrys gekrümmte Gestalt hinunter, einen unlesbaren Ausdruck im Gesicht. Nach einem Moment stupste Ginny ihn an. Er beugte sich über ihn, zog ihn hoch und warf ihn sich nicht allzu sanft über die Schulter. Ginny biss sich in die Wange, durch die Nase tief ausatmend, und ging ins Haus.
In der Eingangshalle angekommen, folgten sie Remus und Moody in eines der kleineren Wohnstuben, wo Bill Harry zu Boden fallen ließ.
Ginny konnte ihr Temperament nicht länger halten. Sie wirbelte zornig herum und richtete ihren Zauberstab auf ihren Bruder.
„Das reicht", fuhr sie ihn an.
„Ginny", sagte er, während Wut in ihm aufstieg.
„Ich will kein Wort mehr von dir hören", spie sie. „Du hast überhaupt keine Ahnung, was hier vor sich geht, und wenn du Harry noch ein Mal misshandelst, werde ich dafür sorgen, dass du wünschst, mir den Fledenwichtfluch beigebracht nie zu haben."
„Genug", warf Remus ein. „Wir werden nicht anfangen, uns untereinander zu zerwerfen. Wir werden diese Verletzungen behandeln, bevor wir uns hinsetzen und in aller Ruhe diskutieren, was geschehen ist. Ich werde Poppy mit Flohpulver rufen. Bill, ich denke, du solltest deine Eltern holen gehen."
Bill starrte Ginny einen Augenblick lang finster an, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte und den Raum ohne ein weiteres Wort verließ.
„Bleib bei Harry, Ginny. Ich bin gleich wieder zurück", sagte Remus und drückte sanft ihre Schulter.
Moody ließ Ron auf einen Stuhl gleiten, der sich jedoch sofort auf den Boden neben der Couch sinken ließ, auf der Hermine lag. Er hielt ihre Hand und blickte fest auf ihre geschlossenen Augenlider. Ginny stellte sich vor, dass er sie durch seinen schieren Wunsch dazu bringen wollte aufzuwachen.
Moody half Ginny, Harry auf den leeren Stuhl zu hieven. Der Boden, auf den Bill ihn hatte fallen lassen, war mit Blut verschmiert und der Stoffüberzug des Stuhls, auf dem er nun saß, färbte sich langsam dunkelrot.
„Er wird einen Blutregeneriertrank brauchen, aber wir sollten es Poppy überlassen, ihn erstmal zu untersuchen", sagte Moody, sein gutes Auge auf Ginny fixiert, während sein magisches Auge herumwirbelte, um die anderen drei zu beobachten.
Ein Aufruhr im Flur ließ Ginny aufblicken. Ihre Eltern, Bill, Fred und George starrten sie an. Ihre Mum war blass, obwohl Ginny zwei leuchtende Flecken auf ihren Wangen erscheinen sah.
Das war nie ein gutes Zeichen.
Ginny warf einen Blick auf das Gesicht ihres Vaters. Sie konnte dort Erleichterung erkennen, zuckte aber vor der Enttäuschung zusammen, die sie in seinen Augen las. Was war es für eine Macht von Eltern, die einen so klein und unsicher machen konnten, unabhängig wie fest man an das eigene Handeln geglaubt hatte?
Sie wusste, dass es richtig gewesen war, mit Harry und den anderen zu gehen. Sie wusste, dass das, was sie taten, wichtig war, und dass sie Professor Dumbledores Anweisungen befolgten. Sie wusste auch um die große Last auf Harrys Schultern und dass er mit ihr an seiner Seite stärker war. Warum konnte dann der einfachste Blick von ihren Eltern in ihr das Gefühl erwecken, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hatte?
„Ronnie", jammerte ihre Mum, als sie die Brandwunden an Rons Arm entdeckte. Sie lief durch das Zimmer und ergriff seinen Arm, um die Wunden zu untersuchen.
Ron riss sich grob frei. „M' geht's gut", brabbelte er, was alle wissen ließ, dass er alles andere als in Ordnung war. „Hermine 'st verletzt."
„Ich will wissen, was im Namen des Merlin mit euch passiert ist, und zwar sofort. Mit ist bewusst, dass ihr heute in der Winkelgasse wart, und jetzt taucht ihr hier verletzt auf. Wo seid ihr gewesen und was habt ihr getrieben?", verlangte Molly zu wissen, während sie sich zu voller Größe aufrichtete. Sie funkelte Ginny an, ihre Hand noch immer auf Rons Schulter. Molly Weasley war keine große Frau, doch wenn sie wütend war, schien sie vor ihren Augen an Größe zuzunehmen.
„Die Fragen werden warten müssen, Molly", sagte Remus Lupin milde, der gerade den Raum betrat, Madam Pomfrey im Schlepptau. „Lass sie erstmal ihre Verletzungen behandeln."
Madam Pomfreys fachkundiger Blick schweifte durch den Raum über die vier Jugendlichen, bevor er an Hermine hängen blieb. Sie stellte ihre Tasche auf den Boden und befahl Ron zur Seite zu treten. Ron rückte weg, aber zugegeben nicht sehr weit weg.
„Bist du verletzt, Ginevra?", fragte Ginnys Mutter steif.
„Nein", erwiderte Ginny, wissend, was unvermeidlich kommen würde, und sich dagegen stählend.
„Dann will ich dich oben in deinem Zimmer. Ich werde raufkommen, um mit dir zu sprechen, nachdem ich sichergestellt habe, dass dein Bruder wieder in Ordnung kommt", sagte ihre Mum mit schriller Stimme.
Ginny schluckte und ballte ihre Fäuste. „Nein, Mum. Ich werde bleiben."
„Wage es ja nicht, mit mir zu streiten, junge Dame. Ich bin schon nicht gut auf euch zu sprechen. Verschwindet einfach mitten in der Nacht, ohne auch nur eine Nachricht zu hinterlassen! Da draußen herrscht Krieg. Du hättest getötet werden können", schrie ihre Mum.
„Molly", sagte ihr Dad und legte seiner Frau einen Arm um die Schultern.
„Nein, Arthur. Ich will sie oben haben", beharrte diese und deutete auf die Tür.
„Nein, Mum. Ich bleibe hier, bis ich weiß, dass sie alle wieder gesund werden", entgegnete Ginny und schluckte. „Hermine und Harry sind bewusstlos und Ron ist fast von Sinnen. Ich bin die einzige, die Madam Pomfrey alle Informationen liefern kann, die sie benötigt."
Sie wusste, dass sie das Wohlergehen der anderen als Trumpfkarte ausspielte, doch es war ihr gleichgültig. Sie würde den Raum nicht verlassen. Sie spürte, dass dieser Willenkampf ausschlaggebend dafür war, wie der Rest des Ordens sie sah. Außerdem war sie nicht bereit, Harry wehrlos mit ihren Brüdern in einem Zimmer zu lassen. Dennoch, es war Angst einflößend, sich ihrer Mutter zu widersetzen. Es hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Zeitpunkt gegeben, da sie es nicht einmal in Erwägung gezogen hatte.
„Sie hat Recht, Molly", sagte Remus und Ginny hätte ihn umarmen können. Sie schaute dankbar zu ihm hinüber, aber er mied ihren Blick.
Die Lippen ihrer Mutter kniffen sich zusammen und sie sah aus, als würde sie gleich zu weinen beginnen, was Ginnys Herz einen Stich versetzte. Was sie wirklich tun wollte, war, ihrer Mutter die Arme um den Hals zu werfen und sie an sich zu drücken, doch sie wusste, dass sie das nicht tun konnte. Wenn sie wollte, dass ihre Familie sie als Erwachsene ansahen, musste sie sich wie eine verhalten. Egal als wie schwer es sich herausstellen würde.
„Das ist Dunkle Magie", schrie Madam Pomfrey aus und zog sich von Hermine zurück. „Das Kind ist in Dunkle Magie gehüllt."
„Heißt das, dass Sie sie nicht heilen können?", fragte Ginny panisch. Sie hörte das Zittern in ihrer eigenen Stimme, konnte es aber nicht verbergen. Alles, was ihr in den Sinn kam, war Professor Dumbledores geschwärzte Hand und wie abgestorben sie gewirkte hatte.
„Ich weiß es nicht. Es wird einige Zeit dauern herauszufinden, wie groß der Schaden ist", antwortete Madam Pomfrey, offensichtlich erschüttert. „Ihr Zustand ist fürs erste stabil, aber ich kann diese Verbrennungen nicht heilen ohne zusätzliche Recherche."
„Wie hat Hermine diese Wunden bekommen, Ginny?", fragte Remus. „Kannst du uns das sagen?"
„Hermine", sagte Ron. Seine Stimme brach, während er versuchte, näher an sie heranzurücken.
„Setz dich, junger Mann", befahl Madam Pomfrey. „Lass mich einen Blick auf dich werfen, bevor du irgendwo hingehst. Ihr", sagte sie und deutete auf Bill und die Zwillinge. „Verwandelt diese Möbel in Betten und richtet mir eine Krankenstube ein. Ich will alle vier Patienten an einem Fleck haben."
„Ginny ist nicht verletzt", protestierte Bill und starrte seine Schwester mit einem unergründlichen Ausdruck an.
„Das ist an mir zu entscheiden. Tut einfach, was ich sage", keifte Madam Pomfrey und wandte sich wieder Rons Wunden zu.
„Ginny, wer hat den anderen diese Verletzungen beigebracht?", fragte Remus, während er versuchte, die Blutung an Harrys Brust mit seinem Ärmel zu stoppen. „Wir haben nichts von Todesser- Aktivitäten heute Nacht gehört."
„Voldemort", brachte Ginny matt hervor.
Alle schnappten nach Luft und Mrs. Weasley zuckte sichtlich zusammen.
„Ginny!", rief sie, als hätte Ginny geflucht. „Sag den Namen nicht."
Ginny verdrehte die Augen. Sie war erschöpft und angespannt und das Adrenalin von ihren nächtlichen Aktivitäten ließ allmählich nach. Sie hatte nicht die Geduld dafür. „Ich werde den Namen aussprechen. Ich werde nicht so heuchlerisch sein."
„Sprich nicht so mit deiner Mutter, Ginny", rügte ihr Vater. Es war so selten, von ihrem Dad zurechtgewiesen zu werden, dass es sie augenblicklich besänftigte.
„Es tut mir leid", sagte Ginny. „Es war eine stressige Nacht und ich mache mir Sorgen um sie."
Der Gesichtsausdruck ihrer Mutter wurde etwas weicher, obwohl sie noch immer keine Anstalten machte, sie zu berühren. Ginny wünschte, sie würde es tun. Sie könnte eine Umarmung gebrauchen.
Harry stöhnte leise und änderte seine Position. Sofort wandte Ginny sich ihm zu und strich ihm das Haar aus den Augen. „Harry?", rief sie.
Sie konnte sehen, wie sich seine Augen unter den geschlossenen Lidern bewegten. Doch sie vermutete, dass es kein Zeichen dafür war, dass er versuchte aufzuwachen, sondern dass er träumte.
„Ich habe die meisten Verbrennungen von Mr. Weasley geheilt. Sie waren nicht so schlimm wie Miss Grangers. Dennoch muss ich eine kleine Recherche unternehmen, bevor ich sichergehen kann", sagte Madam Pomfrey. Ron schlief friedlich in dem Bett, das Fred und George heraufbeschworen hatten. Ginny vermutete, dass Madam Pomfrey ihm einen Schlafzauber eingeflößt hatte. Sie wünschte, sie würde ebenfalls einen verabreicht bekommen, um den Fragen zu entgehen, die ohne Zweifel kommen würden.
„Ich habe ein paar Fragen, die beantwortet werden müssen. Aber lasst mich zuerst einen Blick auf Mr. Potter werfen", sagte Madam Pomfrey.
„Ich glaube, wir haben alle viele ungeklärte Fragen", entgegnete Ginnys Dad. Sein Blick bohrte sich in Ginny und ließ sie zusammenzucken.
Als Madam Pomfrey Harry erreichte, wedelte sie ihren Zauberstab über ihm. „Das sind keine Verbrennungen", stieß sie verblüfft aus.
„Nein", bestätigte Ginny und schluckte. Sie wollte nichts enthüllen, über das sie Stillschweigen zu bewahren versprochen hatte, aber sie musste sicherstellen, dass die anderen Verletzungen behandelt wurden. Sie entdeckte, dass sie wünschte, die Entscheidung läge nicht bei ihr, und empfand neuen Respekt für die Last, die Harry auferlegt worden war. Kein Wunder, dass er oftmals gereizt war.
Sie verlangte verzweifelt danach, das Richtige zu tun. Doch was tat man, wenn es nicht ganz klar war, was das Richtige war? Wie sollte sie es wissen, geschweige denn entscheiden? Professor Dumbledores Worte nach der Dritten Aufgabe kamen ihr wieder in den Sinn. Etwas von der Entscheidung zwischen dem, was richtig und was leicht war. Es würde so leicht sein, einfach auf die Knie zu fallen und dem Orden alles zu gestehen, die Last auf ihre Schultern zu legen. Doch das war nicht das, was Harry tun würde. Er würde den richtigen Weg wählen, egal was es ihn kostete. Ginny musste ebenfalls tun, was richtig war.
„Diese Verletzungen sind von einem magischen Wesen, einem Drachen, wenn ich eine Vermutung anstellen darf", sagte Madam Pomfrey und starrte Ginny unverwandt an.
„Ein Drache?", riefen Fred und George. Ginny fand, dass sie ziemlich beeindruckt wirkten.
„Wo in aller Welt habt ihr einen Drachen gefunden?", kreischte ihre Mum, leicht verstört aussehend. Ihr Haar hatte sich aus ihrem Knoten gelöst und ihre Augen blickten sie wild an.
„Können Sie ihn heilen?", fragte Ginny, alle anderen im Raum ignorierend. Nichts war wichtiger als Harry wieder gesund zu bekommen. Sie brauchte ihn heil.
„Natürlich kann ich das", erwiderte Madam Pomfrey empört. „Er wird einen Blutregeneriertrank brauchen. Er muss ihn über die nächsten zwei Tage regelmäßig einnehmen. Wahrscheinlich wird er die meiste Zeit hindurch schlafen, aber er kommt wieder in Ordnung. Er wird nicht einmal Narben behalten."
Zwei Tage? Oh, das ist einfach großartig.
„Ich werde dabei helfen, ihm den Trank zu geben", sagte Ginny fest.
„Das wird nicht nötig sein, Ginny", widersprach ihre Mutter. „Wir werden schon sicherstellen, dass Harry seinen Trank bekommt. Du hast Fragen zu beantworten."
„Ich werde nirgendwohin gehen, bevor ich weiß, dass sie alle wieder in Ordnung kommen", entgegnete Ginny. „Und ich traue mich im Moment nicht, euch Harry anzuvertrauen."
„Ginevra Molly Weasley", rief ihre Mutter entsetzt. „Wir mögen gerade wütend über euch sein, aber wir würden ganz sicher nichts tun, um Harrys Genesung zu behindern."
„Bill hat ihn schon auf den Boden fallen lassen, obwohl er verletzt ist", feuerte Ginny zurück. Sie funkelte ihren ältesten Bruder an, immer noch kochend vor Wut.
„Er hat was?", brüllte ihre Mutter und wirbelte zu Bill herum.
Trotz der Tatsache, dass Bill ein voll ausgebildeter Zauberer war, ganz zu schweigen ein ausgewachsener und verheirateter Mann, erblasste Bill Weasley. „Ich hätte dasselbe mit Ron gemacht, wenn er derjenige gewesen wäre, den ich getragen habe. Sie hatten nicht das Recht, Ginny in ihr kleines Abenteuer hineinzuziehen."
„Kleines Abenteuer", kreischte Ginny. „Du hast nicht die geringste Ahnung, was wir getan haben, was wir durchgemacht haben."
„Wie wäre es dann, wenn du uns aufklärst", schnauzte Bill. „Sag uns, warum du fast das Herz deiner Mutter gebrochen hast. Hast du irgendeine Ahnung, wie sehr du sie aufgeregt hast? Am ersten Morgen musste Madam Pomfrey ihr einen Beruhigungstrank verabreichen. Aber du weißt natürlich nichts davon, weil du dir nie die Mühe gemacht hast nach uns zu schauen oder auch nur eine Nachricht zu schicken, um uns wissen zu lassen, dass es dir gut geht. Ich wusste, dass Harry etwas ausheckt, aber ich hätte nie gedacht, dass er euch alle in die Gefahr reinziehen würde."
„Er hat uns nirgendwo hineingezogen", keifte Ginny. „Eigentlich mussten wir ihn dazu zwingen, uns mitzunehmen. Professor Dumbledore hat ihm einen Auftrag erteilt. Seine Aufgabe zu erfüllen ist der einzige Weg, wie Harry Voldemort am Ende besiegen kann. Das ist genau das, was er tun muss, und wir werden ihm dabei helfen."
Abermals zuckten die anderen zusammen, als Ginny den Namen aussprach. Doch es war ihr gleichgültig.
„Ginny", begann Remus, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Schaut euch an. Ihr alle zuckt schon zusammen, wenn ihr den Namen hört. Wie könnt ihr überhaupt nur glauben, besser damit fertig zu werden als wir?", fragte Ginny ungläubig. „Professor hat ihm vertraut. Warum tut ihr es nicht?"
„Ihr seid nur Kinder", sagte ihre Mutter stur.
„Wir sind keine Kinder. Harry hatte nie die Chance auf eine Kindheit, und ich bin keins mehr gewesen, seit ich elf bin. Ich bin mehr mit dem Krieg in Berührung gekommen als jeder von euch, sogar mehr als du, Bill." Sie nickte zu den Narben ihres Bruders. „Wie irgendjemand von euch denken kann, dass ihr uns in Sicherheit halten könnt, geht über meinen Verstand. Ihr konntet es damals nicht, jetzt ist es nicht anders."
„Das reicht", unterbrach Madam Pomfrey streng. „Miss Weasley, steigen Sie in dieses Bett." Sie deutete auf das einzige leere Bett in der improvisierten Krankenstube.
„Wir müssen Ginny einige Fragen stellen, Poppy", erwiderte Mr. Weasley.
„Nicht jetzt", entgegnete Madam Pomfrey empört. „Minerva ist noch nicht einmal hier. Und diese Fragerei artet doch nur in einen Wettkampf im Schreien aus. Diese Kinder haben offensichtlich einen Schock erlitten und keiner wird sie aufregen, bevor sie eine gute Mütze Schlaf bekommen haben. Ich komme am Morgen zurück. Dann werde ich mehr Informationen zu Miss Granger haben."
Sie reichte Ginny eine Phiole mit einer purpurnen Flüssigkeit, die, wie Ginny vermutete, der Schlaftrank war. Dankbar nahm sie ihn ein, bevor sie jemand aufhalten konnte.
„Ich glaube nicht, dass irgendjemand heute klare Antworteten erhalten wird", sagte Moody. „Warum gehen wir nicht alle schlafen? Wir können über ihre Rückkehr auch am Morgen sprechen."
Der Schlaftrank machte Ginny warm und so schläfrig. Nebel kroch in ihr Sichtfeld und die Stimmen wurden seltsam verzerrt. Bevor der Strom des Schlafes sie jedoch mit sich riss, glaubte sie zu sehen, wie Alastor Moody Madam Pomfrey kurz zuzwinkerte. Ihr Gehirn musste von Verwirrung geplagt sein, denn ihr Geist machte ihr Glauben, dass die strenge Krankenpflegerin tatsächlich errötete.
Als Harry die Augen öffnete, war das erste, was er merkte, wie steif sein Körper sich anfühlte. Als zweites wurde ihm bewusst, wie hell der Raum von dem Sonnenlicht erhellt wurde, das durch die unverhangenen Fenster hereinströmte.
Wie spät ist es? Und wie lange habe ich geschlafen?
Seine Augen durchschweiften das Zimmer, die vier Betten und Nachttische aufnehmend. Er befand sich offensichtlich im Grimmauldplatz, doch er konnte sich nicht daran erinnern, dort jemals eine Krankenstube gesehen zu haben.
Ihm gegenüber schlief Hermine, ihr Kopf in weiße Bandagen gewickelt. Die anderen Betten waren jedoch leer, was Harrys Magen vor Furcht verkrampfen ließ. Er wusste, dass Ginny nicht verletzt worden war, aber warum fehlten beide Weasleys? Hatte Mrs. Weasley sie verschwinden lassen?
Halb hoffte Harry, dass es stimmte, halb erschreckte ihn der Gedanke. Er glaubte nicht, dass er irgendwelche Hoffnungen hatte, ohne sie ans Ziel zu gelangen. Zusammen mit Hermine waren sie nun ein Teil von ihm. Er brauchte sie.
Ein leises Seufzen erregte seine Aufmerksamkeit. Er wandte den Kopf. In einem Sessel an seinem Bett schlief Ginny, die Füße angezogen. Ihr Kopf hing auf die Seite und sie hielt ein abgenutztes altes Buch in den Händen.
Harry lächelte erleichtert. Sie hatte ihn nicht verlassen. Sofort bemerkte er, dass sie ihre Kleidung gewechselt hatte. Wieder fragte er sich, wie lange er bewusstlos gewesen war. Eine Welle von Schuldgefühlen stürmte auf ihn ein. Er hatte Ginny damit allein gelassen, dem Zorn ihrer Eltern entgegenzutreten. Er war vielleicht ein toller Freund.
Aufstehend und sich streckend, um die steifen Muskeln zu lockern, beobachtete er Ginny einen Moment beim Schlafen. Ein paar Haarsträhnen bedeckten ihr Gesicht und bewegten sich, während sie atmete. Er lächelte bei dem Gedanken, dass es kitzeln musste. Sanft strich er ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie regte sich ein wenig, so dass ihr das Buch aus den Händen fiel.
Harry beugte sich und hob es auf, neugierig, was sie las und ob es ihnen bei ihrer Mission helfen würde. Das Buch umdrehend fand er auf dem Umschlag das Bild von einer Hexe und einem Zauberer, einander in einer leidenschaftlichen Umarmung umschlingend. Das Kleid der Hexe hing in einer Weise von ihr herunter, die er noch nie an einer anderen Hexe gesehen hatte, nicht einmal an Madam Rosmerta. Er blätterte einige Seiten um und begann zu lesen. Er nahm nur wenige Worte auf, die von einer bebenden Brust handelten und einem pochenden...
Harry schlug das Buch zu und ließ es auf sein Bett handeln, sein Gesicht leuchtend rot. Er starrte Ginny ungläubig an. Was zur Hölle las sie nur und wie in Merlins Namen hatte es sie in den Schlaf gelullt? Harry wand sich unbehaglich, plötzlich sehr besorgt darüber, was Ginny von ihren Knutschsitzungen halten mochte. In solcher Nähe zu Ron und Hermine zu leben, hatte ihnen nicht lange Zeit allein verschafft, doch sie hatten jede Gelegenheit genutzt, wann immer es möglich war.
Harry hielt ihre Zeit keinesfalls für unangenehm, doch nun war er ein wenig besorgt. Was genau erwartete Ginny? Er wünschte, er könnte mit Ron darüber sprechen. Doch er konnte sich den Gesichtsausdruck seines Kumpels lebhaft vorstellen, wenn er auch nur den Versuch wagte. Ron teilte ihm nie mit, was zwischen ihm und Hermine vor sich ging – eine Tatsache, für die Harry ihm unendlich dankbar war – aber er hatte sich als ziemlich stolz und geradeheraus bei seinen Aktivitäten mit Lavender gezeigt.
Kopfschüttelnd entschied Harry, dass er sich später darüber Gedanken machen müsste. Im Moment musste er herausfinden, was geschehen war, während er geschlafen hatte. Er verlangte sehnsüchtig nach einer Dusche, beschloss jedoch, dass selbst dieser Wunsch zu warten hatte. Er würde nach Ron suchen.
Er rannte die Treppe hinauf zu dem Zimmer, das er und Ron geteilt hatten, bevor sie aufgebrochen waren. Doch der Raum war leer. Dass das Haus so verlassen war, beunruhigte ihn. Das Zimmer wies nicht das geringste Zeichen auf, dass Ron sich dort aufgehalten hatte. Harry beschloss, sein Glück in der Küche zu versuchen, bremste aber kurz vor der Tür, die zu Ginny und Hermines Zimmer führte.
Leise die Tür öffnend, erblickte er auf Anhieb, wonach er gesucht hatte. Rotz saß auf Ginnys Bett, traurig und einsam aussehend. Harry hob den Bären auf und schloss die Tür hinter sich. Als er sich umwandte, fand er sich Malfoy gegenüber, der mit einem gehässigen Lächeln auf dem Gesicht direkt vor ihm stand.
„Endlich wach, Potter? Was ist passiert? Konntest du es einfach nicht mehr ertragen, ohne deinen Teddy zu schlafen?", fragte Malfoy. Er schnaubte verächtlich.
Harry spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Tapfer unterdrückte er den Drang, den Bären hinter dem Rücken zu verstecken, obwohl es dafür ohnehin schon zu spät war. Von allen Menschen, die ihn mit Rotz hätten sehen können... Warum musste es ausgerechnet Malfoy sein? Die einzige noch schlimmere Möglichkeit wären die Zwillinge gewesen. Etwas, das Malfoy sagte, lenkte Harry von seiner Verlegenheit ab.
„Was meinst du mit endlich wach´? Wie lange bin ich schon hier?", verlangte er zu wissen.
Malfoy hob eine Augenbraue. „Lange genug, damit deine kleine Freundin sich der ganzen Aufregung um dein Verschwinden stellen konnte. Schlauer Schachzug, Potter. Das ist genau, was ich auch getan hätte. Aber ich dachte, du wärst zu nobel dafür", sagte er mit einem Feixen.
Verdammt!
„Oh, da ist der Gryffindor- Stolz. Ich wusste, dass er irgendwo da drin steckt.", spöttelte Malfoy. „Keine Sorge, Potter. Weaslette kommt offenbar auch ohne deinen Schutz mit ihrer Familie zurecht. Sie macht sich auf jeden Fall besser als ihr erbärmlicher Bruder. Ich höre, Granger wird die nächsten Tage haarlos durch die Gegend wandern. Ich hätte nie gedacht, dass Weasley einen Faible für kahle Tussen hat."
Wütend schubste Harry Malfoy gegen die Wand. Der blonde Junge riss überrascht die Augen auf. „Halts Maul, Malfoy", brachte Harry durch knirschende Zähne hervor. Es verstörte ihn zu bemerken, wie viel Aufmerksamkeit Malfoy seinen Freunden geschenkt hatte. Wenn er nun ein Doppelspiel trieb...
„Lass mich los, Potter", schnauzte Malfoy. Er stieß Harry einen Schritt zurück und rückte seine Kleidung zurecht. „Lass deinen Ärger nicht an mir aus, nur weil du unglücklich bist, deine Freundin im Stich gelassen zu haben."
„Ich habe gesagt, halts Maul. Du weißt nicht, wovon du sprichst", erwiderte Harry ärgerlich.
„Oh ja. Ich weiß kein bisschen darüber, wie ich meine Freundin hängen lasse, nicht wahr, Potter?", fragte Malfoy und schnaubte. „Ich bin sicher, Pansy macht es Spaß, irgendwo rumzusitzen und sich zu fragen, ob ich noch lebe oder tot bin. Nur, sie ist nur schlau genug, nicht von mir zu erwarten, dass ich mich nur zu ihrer Beruhigung in Gefahr begebe."
Harry blinzelte überrascht. Es klang beinahe, als sorgte Malfoy sich tatsächlich um Parkinson. Wer hätte das gedacht? Harry wusste nicht, warum er sich überhaupt noch überraschen ließ. Bevor er die Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken oder auch nur zu antworten, hallte Rons Stimme laut durch den verlassenen Korridor.
„Harry! Du bist wach. Was geht hier vor sich? Was machst du da mit ihm, Malfoy?"
„Reg dich ab, Weasel. Wenn du deinem Gesicht immer weiter diese Farbe aufzwingst, wird es eines Tages für immer so bleiben", erwiderte Malfoy, während er sich lässig gegen die Wand lehnte.
„Es ist in Ordnung, Ron", sagte Harry, die beiden unterbrechend, bevor der Streit eskalieren konnte. „Geht's dir gut?"
Ron zuckte die Achseln. „Ja. Madam Pomfrey hat mich aufgepäppelt. Worauf wartest du, Malfoy? Verkusch dich wie ein braves Frettchen."
Zwei leuchtend rote Flecken erschienen auf Malfoys Wangen. Doch er antwortete nicht. Stattdessen wandte er sich zu Harry und fragte: „Ich entnehme euren Verletzungen, dass ihr gefunden habt, was auch immer der Dunkle Lord bewachen lässt? Die einzige Möglichkeit, wie ihr noch immer am Leben sein könnt, ist, dass ihr auf Idioten wie Crabbe, Goyle oder Simmons getroffen seid. Also, Potter? Wonach sucht ihr überhaupt?"
„Das wüsstest du wohl gerne?", antwortete Harry kühl. „Du hast Ron gehört, Malfoy. Verzieh dich. Ich habe dir nichts zu sagen."
„Nicht bis du wieder Informationen benötigst", erwiderte Malfoy bitter. „Schön. Mach, was du willst. Aber erwarte nicht, dass ich mich das nächste Mal wieder so gastfreundlich zeige."
Harry und Ron blickten ihm schweigend nach, bis Ron schließlich „Trottel" murmelte.
„Wie konnte ich nur so blöd sein?", zischte Harry und schlug sich seine Hand vor den Kopf.
„Hä?", machte Ron verwirrt.
„Der Muggle, den wir vor dem Smith- Museum gesehen haben – derjenige, der den Block ständig umrundet hat. Das muss Simmons gewesen sein. Crabbe oder Goyle hätte ich erkannt. Er hat das Museum bewacht", sagte Harry.
„Hat es aber nicht besonders sorgfältig gemacht, was?", fragte Ron. „Wir sind ohne Probleme reingekommen."
„Das stimmt. Aber Malfoy hat auch gesagt, dass er dumm ist. Verstehst du denn nicht, Ron? Das ist ein Weg, den anderen Horkrux zu finden – den, von dem wir nicht wissen, was es ist. Entweder Crabbe oder Goyle bewacht ihn. Wenn wir sie finden, wissen wir wenigstens, wo er versteckt ist", rief Harry aufregt.
Rons Gesicht erhellte sich beträchtlich. „Was bewacht der andere von den beiden?", wollte er wissen.
„Ich vermute, er steht an der Höhle, wo das Medaillon versteckt war. Keiner außer uns vieren weiß, dass es nicht mehr dort ist. Ich muss es nachprüfen", sagte Harry. Er fuhr sich abwesend mit einer Hand durch das Haar.
„Äh, Harry. Du weißt schon, dass du hier herumwanderst und mit Malfoy redest, während du einen Teddybären in der Hand hast, oder?", fragte Ron belustigt.
Rotz! Er hatte vollkommen vergessen, dass er Ginnys Bären in der Hand hielt. „Äh... der ist von Ginny", entgegnete er lahm, Rons Blick ausweichend.
„Ich weiß, wer das ist. Was machst du damit?", fragte Ron, Harrys Verlegenheit genüsslich ausnutzend.
Verdammt! Was er nur alles für Ginny Weasley in Kauf nahm.
Er murmelte etwas Unverständliches, während er sich an Ron vorbeidrängte und zur Krankenstube eilte. Ron folgte ihm, den ganzen Weg über kichernd.
Mit finsterer Miene betrat Harry den Raum, wo er Ginny so vorfand, wie er sie zurückgelassen hatte.
Rons Anwesenheit ignorierend, schob er ihr Rotz unter den Arm und deckte sie sanft zu. Er ging zu Hermine hinüber, doch Rons Worte ließen ihn erstarren: „Du bist in meine Schwester verliebt."
Harry hielt im Schritt inne. Er schluckte schwer und bewegte sich weiter auf Hermine zu, nervös. Es war nicht, als hätte er nicht schon selbst darüber nachgedacht. Doch Ron es laut aussprechen zu hören, war erschreckend. Wie sollte er wissen, wie sich Liebe anfühlte? Er hatte vage Erinnerungen daran, Ginny im Parthenon seine Liebe gestanden zu haben, doch am Ende waren sie leicht verschwommen. Selbst wenn er es getan hatte, wollte er es nicht von Ron hören.
„Ist Hermine überhaupt schon aufgewacht?", fragte er nach einem Räuspern.
„Ich wusste, dass du auf sie stehst. Aber du bist tatsächlich in sie verliebt. Du liebst meine kleine Schwester", wiederholte Ron entzückt. Er tänzelte hinter Harry auf und ab und sah aus wie ein richtiger Vollidiot.
„Ron! Ich versuche ernst mit dir zu reden", sagte Harry. Ron ging ihm wirklich auf die Nerven.
„Du versuchst, das Thema zu wechseln", stellte Ron selbstgefällig fest.
„Dann lass ihn doch", ertöte eine schläfrige Stimme von hinten.
Harry wirbelte herum und sah Ginny aufrecht sitzen und sich die Augen reiben. Als sie Rotz entdeckte, blinzelte sie überrascht, bevor sie Harry ein strahlendes Lächeln schenkte.
Harrys Mund wurde trocken. Mist! Wie viel hat sie gehört?
„Schön, dich auf und gesund zu sehen", sagte sie, während sie ihn mit einem zärtlichen Blick bedachte.
„Hi", erwiderte Harry. Er war sich wohl bewusst, wie dämlich er klang. Ihm fiel aber nichts anderes ein.
Ron hatte keine solchen Probleme. „Hallooo", sagte er und schnipste mit seinen Fingern unter Harrys Nase. „Ihr könnt später ineinander versinken."
„Als ob du nicht derjenige gewesen wärst, der die letzten drei Tage an Hermines Bett gewacht hat", schnappte Ginny.
„Drei Tage?", brüllte Harry. „Wir sind seit drei Tagen hier?"
„Ja", antwortete Ginny und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Harry zu. „Schön, dass du auch zu uns stößt."
„Was ist passiert, als ich bewusstlos war?", erkundigte er sich aufgeschreckt. „Was ist passiert, als wir hier angekommen sind?"
„Reg dich ab, Kumpel", meinte Ron, während er sich auf einen Stuhl neben Hermines Bett niederließ. „Als ich aufgewacht bin, hat Madam Pomfrey uns schon alle geheilt", sagte er. Er verzog gequält das Gesicht, als sein Blick auf Hermine fiel. „Es hat bei dir länger gedauert, weil du soviel Blut verloren hast. Ginny hat dir Blutregeneriertrank eingeflößt. Sie wollte es niemandem anderen überlassen – hat Mum ganz schön auf die Palme gebracht."
Ginny zuckte die Achseln. „Ich wollte dich gesund haben. Und Bill war ein bisschen sauer auf dich, als du angekommen bist."
Harry schaute sie schuldbewusst an. „Tut mir leid, dass ich dich damit allein gelassen habe, Ginny. Was hast du ihnen erzählt?"
„Nicht Wichtiges, obwohl sie sich schon einiges zusammengereimt haben", erwiderte Ginny.
„Wie zum Beispiel, dass du wieder gegen einen Drachen angetreten bist", sagte Ron.
„Ja. Madam Pomfrey hat das aus deinen Verletzungen geschlossen", fügte Ginny hinzu.
„Der Becher!", fiel Harry plötzlich ein. „Wo ist er?"
„Keine Sorge. Ich habe ihn zusammen mit deinem Zauberstab in deinen Nachttisch gelegt", beruhigte Ginny. „Alle waren ganz schön angespannt, seit wir zurück sind."
„Das ist eine starke Untertreibung", murmelte Ron.
„Was meinst du damit?", wollte Harry wissen.
Ginny zuckte mit den Schultern. „Mum ist erstmal ausgerastet, als wir angekommen sind, aber seitdem war sie sehr... distanziert. Sie scheint traurig, beinahe als wüsste sie nicht, was sie zu uns sagen soll", berichtete sie. Ihre Stimme brach. „Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Manchmal denke ich, sie ist wütend. Aber..."
„Der ganze Orden war in Aufruhr. Shacklebolt und McGonagall waren die Strengsten. Aber Moody war der beste", fügte Ron hinzu.
„Naja, er wusste, dass wir etwas aushecken, und es war ihm recht", sagte Harry. Er fühlte sich leicht unbehaglich.
„Ich weiß, aber Remus wusste auch davon. Und er war definitiv sauer", entgegnete Ron. „Und Dad sieht einfach nur traurig aus."
Harry wand sich unruhig.
„Wag es ja nicht, dir die Schuld dafür zu geben, Harry. Wir haben nicht die Zeit dazu und es gab nichts anderes, was du hättest tun können", sagte Ginny fest.
„Hier bewusstlos aufzutauchen war außerdem das Beste, was passieren konnte. Es hat Mum gleich in einen mitleidigen Zustand versetzt. Ich glaube, es hat uns allen geholfen", fügte Ron hinzu.
„Großartig. Was ist mit Bill? Ihr meintet, er war sauer", wollte Harry wissen.
„Ja, er ist definitiv schlecht drauf", bestätigte Ron.
„Ich glaube, das hat mehr damit zu tun, dass wir etwas weg waren, um etwas wirklich Wichtiges zu unternehmen. Er fühlt sich ausgestochen. Wir haben gerade Vollmond hinter uns, weißt du. Seine Wunden sind nie ganz verheilt und Gringotts will ihn nicht wieder arbeiten lassen, bis sie vollkommen weg sind", sagte Ginny.
„Was? Warum nicht?", fragte Harry empört.
„Sie haben Angst", erwiderte Ginny seufzend. „Werwolfverseuchung und so."
„Das ist Schwachsinn", protestierte Harry.
„Sag das den Goblins", sagte Ron bitter.
„Ich glaube, genau das mache ich", antwortete Harry wütend.
Hermine regte sich, von ihren lauten Stimmen gestört.
„Madam Pomfrey hat es geschafft, Hermines Verbrennungen alle zu heilen, aber sie konnte ihr Haar nicht retten", sagte Ginny leise. „Der Fluch, der sie getroffen hat, war von Dunkler Magie, und die Haarzellen sind alle völlig zerstört worden. Madam Pomfrey hat gesagt, dass es auf natürliche Weise nachwachsen muss. Sie ist ziemlich verstört deswegen."
„Nein, ist sie nicht", sagte Ron, das Gesicht ausdruckslos. „Es sind nur Haare. Es wird nachwachsen."
„Ich weiß, dass es nur Haare sind, Ron", widersprach Ginny, „aber glaub mir, es ist nicht egal."
Ron schüttelte den Kopf. „Sie hätte tot sein können, Harry. Madam Pomfrey meinte, die Auswirkungen des Fluches sind höchstwahrscheinlich vermindert worden, weil er sich auf uns verteilt hat. Und ich glaube, es hat auch geholfen, dass wir beide versucht haben, uns wegzuducken. Wenn es eine Wahl zwischen Hermine und Haaren ist, nehme ich Hermine allemal."
„Natürlich tust du das. Wir alle tun das und das weiß sie auch. Das macht aber die Vorstellung, alle Haare zu verlieren, nicht weniger Furcht einflößend. Ich denke, es würde dir schwer fallen, eine Hexe zu finden, die nicht besonderen Wert auf ihr Haar legt", erwiderte Ginny und tätschelte Hermines Bein.
„Wie kommt es, dass sie immer noch bewusstlos ist, und du schon seit Tagen auf den Beinen bist?", fragte Harry Ron.
„Sie ist schon wach gewesen", antwortete Ginny und Harry merkte, dass sie sich ein Lachen verbiss. „Sie hat einen Haufen Medizinbücher in der Bibliothek gefunden. Und sie hat sich mit Madam Pomfrey über ihre Optionen verständigt. Ich habe festgestellt, dass sie jedes Mal, wenn Madam Pomfrey ihr einen Heiltrank verabreicht, schläfrig wird. Ich nehme an, Madam Pomfrey hat ihr einen Schlaftrank untergemischt."
„Ich wünschte, wir hätten etwas davon gehabt, als sie über Elfenrechte abgegangen ist", flüsterte Ron leise, obwohl Hermine fest schlief.
Harry schnaubte. „Lass es sie besser nicht hören."
„Das hab ich auch nicht vor", antwortete Ron.
„Wir sollten vielleicht allen bescheid geben, dass du aufgewacht bist. Sie haben nur darauf gewartet, eine Versammlung einzuberufen", schlug Ginny leise vor.
Instinktiv streckte Harry seinen Arm aus und nahm ihre Hand. „Dann sollten wir es hinter uns bringen."
Eine Versammlung mit vollem Andrang aus dem Phönixorden wurde am nächsten Abend abgehalten. Harry musste sich zwingen nicht herumzuzappeln, während er auf die anderen wartete, die ins Zimmer strömten. Ron und Ginny waren selbstverständlich beide anwesend. Doch Harry bemerkte, dass Mrs. Weasley ihnen alle paar Sekunden verstohlene Blicke zuwarf, als kämpfte sie mit dem Verlangen, sie aus dem Raum zu scheuchen. Sie behandelte Harry so herzlich wie immer und zeigte sich sehr besorgt um seine Gesundheit. Doch er konnte eine Entfernung spüren, eine Barriere, die er noch nie zuvor gefühlt hatte. Seine Brust verkrampfte sich, wann immer er darüber nachdachte.
Hermine war ebenfalls anwesend. Sie betrat das Zimmer mit einem marineblauen Handtuch um den Kopf, das die Verbände verdeckte, und an Ron gelehnt. Er hatte ihr seinen Arm beschützend um die Schultern gelegt und ihn auch nicht entfernt, nachdem sie sich niedergelassen hatten. Hermine war ungewöhnlich still, was Harry beunruhigte.
Bill und Lupin hatten sich Harry gegenüber sehr wortkarg gezeigt, seit er aufgewacht war, doch sie waren nun hier und verschossen missbilligende Blicke in seine Richtung. Nur Mad- Eye Moody schien glücklich zu sein, ihn zu sehen, und begrüßte ihn beinahe herzlich. Zumindest so herzlich, wie Mad- Eye sein konnte. Tonks saß neben Lupin, ihr Haar ein scheußliches Olivgrün. Sie zwinkerte Harry zu und streckte Remus die Zunge heraus, als er die Stirn runzelte.
Von allen Weasleys verhielten sich nur Fred, George und überraschenderweise auch Fleur, als wäre alles in Ordnung. Die Zwillinge beeilten sich, Harry von ihrem Geschäft zu berichten und Fragen zu dem Drachen zu stellen. Sie neckten Harry und Ron damit, unbeaufsichtigt mit den Mädchen gelebt zu haben. Diese Scherze hatten viele missbilligende Blicke vonseiten der älteren Weasleys hervorgerufen und Harry um die Stabilität ihres zaghaften Waffenstillstands fürchten lassen.
Charlie und Percy sind ebenfalls zur Versammlung erschienen, außerdem noch viele andere Mitglieder, die Harry nur gelegentlich gesehen hatte. Professor McGonagall und Kingsley Shacklebolt saßen am Kopf des erweiterten Küchentischs, beide mit einem grimmigen Ausdruck im Gesicht. Professor McGonagalls Lippen waren so fest zusammengepresst, dass sie sämtliche Farbe verloren hatten. Harry hatte diesen Ausdruck schon früher bei ihr gesehen. Darauf war stets eine ganz besonders üble Nachsitzstunde gefolgt.
Harry holte tief Luft, um seine Nerven zu beruhigen. Er war kein Kind, das vor einen Lehrer gerufen wurde. Er war nun ein Erwachsener mit einer größeren Verantwortung als irgendjemand auch nur ahnte. Er würde sich nicht einschüchtern lassen. Und er würde es nicht erlauben, dass sie ihn wieder wie ein Kind behandelten.
„Guten Abend", begann Professor McGonagall. „Ich halte es für das Beste, wenn wir gleich zur Sache kommen. Mr. Potter, was haben Sie zu sagen?"
Harry erwiderte ihren Blick, während er sich zur Ruhe zwang. „Was möchten Sie wissen?"
„Was ich gerne wüsste, ist, wo Sie den letzten Monat über waren", sagte sie ernst.
„Und warum meine Kinder mit dir gegangen sind, trotz meines ausdrücklichen Wunsches, dass sie nicht hineingezogen werden", fügte Mrs. Weasley hinzu, Ron und Ginny mit Tränen in den Augen anfunkelnd.
„Harry", meldete sich Remus Lupin zu Wort. „Wir würden gerne wissen, warum du so verschwunden bist, wie du es getan hast. Ohne uns zu sagen, wie wir Kontakt zu euch aufnehmen können. Kannst du dir vorstellen, was für Sorgen wir uns gemacht haben? Wie hilflos du uns alle hast fühlen lassen?"
„Der Orden hat den Auftrag erhalten, dich zu beschützen. Von Albus Dumbledore, jemandem, den du angeblich respektiert hast", sagte Shacklebolt, offensichtlich ungeduldig gegenüber der emotionalen Wende, die die Versammlung genommen hatte. „Und doch hast du jede Schutzmaßnahme missachtet, die wir getroffen haben. Ich wüsste gerne, warum. Was kann so wichtig gewesen sein?"
Harry erwartete eine Flut von Fragen, doch er war leicht erschüttert von dem Tonfall in Remus' Stimme. Er räusperte sich, bevor er die Stimme hob. Beim Sprechen schaute er Remus direkt in die Augen.
„Ich schätze eure Besorgnis um mich. Und es tut mir leid, dass ihr euch Sorgen gemacht habt, aber ich habe wirklich keinen anderen Weg gesehen. Wenn ich euch von meinen Plänen zu gehen in Kenntnis gesetzt hätte, wäret ihr aus dem Weg gegangen und hättet uns durch die Tür gehen lassen?", fragte er.
„Harry, wir sind hier, um dir zu helfen", sagte Remus. „Wir wollen dir helfen."
„Das könnt ihr aber nicht", fauchte Harry.
„Was meinen Sie mit Das können wir nicht´?", verlangte Professor McGonagall zu wissen. „Natürlich können wir, Potter. Das ist genau die Absicht des Ordens."
„Wir sind uns bewusst, dass du glaubst, Albus hätte dir eine Aufgabe hinterlassen. Aber wir können nicht glauben, dass er damit dich allein gemeint hat, Harry", sagte Mrs. Weasley und legte ihm eine Hand auf den Arm.
Harry riss sich los. „Ihr versteht es immer noch nicht, oder? Er hat mir keine Aufgabe hinterlassen. Es ist meine Aufgabe. Alles, was der Tagesprophet von dem Auserwählten- Zeug erzählt hat – naja, das ist so ziemlich das einzige, womit sie jemals Recht behalten haben. Ich weiß es und Professor Dumbledore wusste es. Ihr sagt alle, dass ihr ihm vertraut, dass alles, was ihr tut, darauf ankommt, ob ihr seinem Urteil vertraut oder nicht. Also, diese Aufgabe auf mich zu übertragen, war sein Entschluss."
„Aber er ist tot, Harry", entgegnete Professor McGonagall. „Die Dinge haben sich geändert."
„Nicht hat sich geändert. Was getan werden muss, bleibt dasselbe", widersprach Harry heftig. „Dumbledore hat einmal gesagt, dass er uns erst wirklich verlassen hat, wenn keiner ihm mehr treu ist. Ihr müsst euch entscheiden, ob ihr es noch immer sein könnt, selbst wenn es nicht leicht ist, was er verlangt."
„Ihr müsst euch zwischen dem entscheiden, was richtig und was leicht ist", flüsterte Ginny. „Das müssen wir alle."
„Wie können wir uns für das Richtige entscheiden, wenn wir nicht einmal wissen, was ihr treibt?", verlangte Kingsley. „Du hast es offenbar deinen Freunden erzählt. Warum kannst du uns nicht einweihen?"
„Ich habe es ihnen verraten, weil Professor Dumbledore es mir gestattet hat. Er war der Meinung, dass ich Unterstützung gebrauchen könnte und sie sind mir am nächsten", erklärte Harry, wobei er bewusst ausließ, dass Ginny erst später eingeschlossen worden war.
„Ich kann nicht glauben, dass Albus das tun würde", stöhnte Mrs. Weasley. „Ginny ist nicht einmal volljährig."
„Ron auch nicht, als Professor Dumbledore die Erlaubnis dazu erteilt hat", keifte Ginny. „Ihr müsst aufhören, auf unser Alter zu pochen, und einsehen, dass wir das Richtige tun. Es funktioniert und es ist das Einzige, was Voldemort aufhalten wird."
Wieder keuchten mehrere auf und zuckten zusammen. Die Mitglieder des Ordens hatten sich daran gewöhnt, dass Dumbledore den Namen verwendete, doch es erschreckte sie immer noch, es von jemand anderem zu hören.
„Hört mal", sagte Harry. Er hatte einen Entschluss gefasst. Etwas sagte ihm, dass es richtig war. „Ich weiß, dass euch genauso viel daran liegt, diesen Krieg zu beenden, wie mir. Und ich brauche tatsächlich Hilfe. Wenn ich einigen von euren Bedingungen zustimme, könnt ihr euch dann damit zufrieden geben, dass ich euch nicht alles erzählen kann?"
„Das klingt fair. Dumbledore hat sowieso nicht immer alles mit uns geteilt", sagte Mad- Eye, bevor irgendjemand zustimmen oder ablehnen konnte. Sich am Tisch umschauend, konnte Harry an den Gesichtern erkennen, dass nicht alle mit Moodys Entscheidung zufrieden waren. Dennoch schien die Mehrheit von ihnen bereit, einen Kompromiss einzugehen.
„Das nächste Mal, wenn ihr weggeht, wollen wir davon bescheid wissen. Wir wollen nie mehr aufwachen und feststellen, dass ihr verschwunden seid", sagte Moody. Harry wusste, dass er mit etwas begann, das Harry ohne Umstände akzeptieren würde. Es war ohnehin nicht so, als könnten sie sich abermals hinausschleichen.
„Einverstanden", sagte er.
„Und wir wollen wissen, wohin ihr geht, und eine Möglichkeit haben, mit euch Kontakt aufzunehmen, falls der Bedarf bestehen sollte", fuhr Remus fort.
Harry schüttelte den Kopf. „Ich kann euch nicht sagen, wohin wir gehen. Es tut mir leid, aber es geht nicht."
„Harry...", begann Mr. Weasley.
„Nein. Voldemort würde euch für diese Information nicht nur töten, es würde auch alles aufs Spiel setzen, das wir tun. Ich kann euch nicht sagen, wo wir sind. Aber ich denke, ich habe eine Möglichkeit, wie ihr uns kontaktieren könnt", entgegnete Harry.
„Und wie?", fragte Mr. Weasley.
Harry schaute zu Remus. „Sirius hat mir einmal einen Spiegel gegeben. Er sagte, er habe dadurch mit meinen Dad gesprochen, wenn sie beim Nachsitzen waren. Weißt du, wovon ich spreche?"
Ein Grinsen erschien auf Remus' Gesicht. „Ja."
„Ich – äh... habe den zerbrochen, den ich hatte. Meinst du, du könntest andere Spiegel verzaubern, dass sie auch so funktionieren? Wir nehmen einen mit und ihr könnt einen anderen hier behalten", schlug Harry vor.
Remus nickte. „Ja, kann ich. Ich denke, das wird gehen."
„Das scheint zu bedeuten, dass du denkst, Ron und Ginny werden wieder mit dir losziehen", schaltete sich Bill stirnrunzelnd ein.
„Verdammt richtig, das werden wir", sagte Ron hitzig.
„Wir werden Harry nicht allein lassen", meldete sich Hermine zum ersten Mal zu Wort.
„Ginny wird nirgendwohin gehen", schrie Mrs. Weasley, ihr Gesicht sehr rot. „Das lasse ich nicht zu."
„Oh doch, das werde ich", widersprach Ginny. „Die anderen wären nie rausgekommen, wenn ich nicht gewesen wäre. Sie brauchen mich."
„Du bist minderjährig", keifte Mrs. Weasley.
„Gerade weil ich minderjährig bin, ist meine Magie nicht entdeckt worden. Professor Dumbledore hat es letztes Jahr entdeckt, als Harry mit ihm gegangen ist. Voldemort ist zu arrogant, um zu glauben, dass jemand Minderjähriges eine Drohung für ihn darstellen könnte. Mach nicht denselben Fehler, Mum", sagte Ginny. Ihre Augen blitzten.
„Das reicht, Ginny", unterbrach Mr. Weasley streng.
„Ginny ist deine kleine Schwester", fauchte Bill Ron an. „Du hättest nie erlauben dürfen, dass sie euch begleitet."
„Sie ist kein Baby mehr, Bill", entgegnete Ron und hob das Kinn.
Ginny errötete vor Freude und schenkte Ron ein dankbares Lächeln.
„Errr ist norrmalerrweise verrnünftigerr, außerrr wenn es um seine kleine Schwesterrr geht", bemerkte Fleur, Bill auf den Rücken klopfend.
Fred, George und sogar Charlie mussten sich ein Schnauben verkneifen. Bill wirbelte zu ihnen herum.
„Ihr könnt mir nicht erzählen, dass es euch nicht stört, wenn Ginny in der Gegend rumlatscht und mit Harry zusammenwohnt", versetzte er ungläubig.
Wut flammte in Harry auf. Wie konnten sie sich über die Ungehörigkeit aufregen, wo Ginny schlafen könnte, während Voldemort Inferi losgeschickt hatte, um Menschen zu töten? Das war einfach zu viel.
„Das glaube ich nicht", brüllte Harry. „Ich wünschte, die größte Sorge in meinem Leben wäre es, vor euch zu verbergen, was Ginny und ich so treiben. Aber das ist nun mal nicht so. Wir kämpfen in diesem Krieg, genauso wie ihr."
„Wir wissen das, Harry", besänftigte Mrs. Weasley. Wieder legte sie ihm eine Hand auf den Arm. Diesmal wehrte er sich nicht. „Aber du musst verstehen, dass sie unser Kind ist. Wir werden nicht aufhören, Eltern zu sein, nur weil ein Krieg da draußen tobt."
Harry nickte. „Das verstehe ich. Ihr habt wirklich nichts zu befürchten. Ich würde Ginny mit meinem Leben beschützen."
„Das wissen wir, Liebes. Das ist auch zum Teil, worum wir uns Sorgen machen", sagte Mrs. Weasley mit Tränen in den Augen.
„Hört mal", sagte Harry. „Ihr kennt alle die Prophezeiung. Oder zumindest was sie besagt. Ihr wisst, womit ich konfrontiert werde. Ich habe vielleicht nicht mehr viel Zeit, die ich ihr geben kann – "
Schreie von Widerspruch und Betroffenheit ertönten. Aber Harry hielt die Hände in die Höhe, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Lasst uns der Wirklichkeit ins Auge sehen, in Ordnung? Wir haben keine Garantien – keiner von uns. Das ist schmerzhaft deutlich geworden. Dieses bisschen Zeit könnte alles sein, was ich ihr geben kann. Deshalb habe ich vor sie zu nutzen, solange ich es noch kann", sagte Harry.
„Und was geschieht danach?", fragte Bill. „Wenn der Krieg vorbei ist und du es geschafft hast zu überleben. Was passiert dann mit dir und Ginny?"
Harry lächelte und schaute in Ginnys warme braune Augen. „Tja, wenn wir es schaffen, wird alles, was danach kommt, nur das Sahnehäubchen sein."
Ginny strahlte ihn an.
„In Ordnung, zurück zum Thema", sagte Kingsley, noch immer mit finsterer Miene. „Ihr werdet uns nicht verraten, wohin ihr geht, aber ihr hinterlasst uns eine Methode zur Kommunikation."
Harry nickte. „Und was ich gebrauchen könnte, sind Informationen von euch. Was macht ihr, wenn ihr einen Zauberer aufspüren wollt?"
„Man kann Du- weißt- schon- wen nicht aufspüren, Harry. Glaubst du, das hätten wir nicht schon versucht?", entgegnete Mr. Weasley.
„Ich spreche nicht von ihm", erwiderte Harry. „Ich will den Aufenthaltsort der Väter von zwei meiner ehemaligen Klassenkameraden feststellen. Vincent Crabbe und Gregory Goyles Väter sind beide Todesser. Ich wette, die Gäste oben kennen ihre Vornamen. Ich muss wissen, wo sie sind. Das ist alles."
Moody nickte. „Darum kann ich mich kümmern. Hat das irgendetwas mit dem zu tun, was sie bewachen?"
„Ja", bestätigte Harry knapp. Er vermutete, den Ort von einem der beiden bereits zu kennen. Doch er hielt es für besser nicht zu verkünden, dass er bald aufbrechen würde, um es zu überprüfen. Es würde sie glauben lassen, dass er einer ihrer Spuren folgte.
„Es gibt noch etwas, das ich von dir verlange", sagte Kingsley Shacklebolt und starrte Harry an.
Er sah, wie Professor McGonagall sich leicht regte, während Remus den Blick abwandte. Tonks packte unterstützend seine Schulter. Instinktiv ahnte Harry, dass es ihm nicht gefallen würde.
„Und was?", fragte er.
„Ich will, dass du deine Okklumentik- Stunden fortführst", antwortete Shacklebolt ruhig.
„Was?", brauste Harry auf. „Sie waren eine Katastrophe. Sogar Professor Dumbledore war der Meinung. Außerdem hat Voldemort schon seit einem Jahr nicht mehr versucht, in meinen Kopf einzudringen."
„Der Grund dafür, warum sie eine Katastrophe waren, könnte gewesen sein, dass Snape", Shacklebolt spie den Namen förmlich aus, „nicht gerade sein Bestes gegeben hat. Wenn du etwas so Brisantes verbirgst, wie du sagst, können wir nicht die Gefahr auf uns nehmen, dass Du- weißt- schon- wer es ohne unser Wissen herausfindet."
„Das könnte er nicht", sagte Harry.
„Er hat es schon vorher getan", feuerte Shacklebolt, was Harry zusammenzucken ließ.
„Harry", sagte Remus sanft. „Ich halte es für eine gute Idee. Dumbledore hat es ebenfalls gut gefunden, bevor Snape ihn vom Gegenteil überzeugt hat. Ich denke, es ist die Mühe wert."
Harry Schultern sackten ergeben herab. Er konnte ihre Worte nicht verleugnen, doch etwas in seinem Inneren sagte ihm, dass Okklumentik keine Lösung war. „Na schön. Wer wird mich unterrichten? Du?"
„Nein. Ich bin nicht dafür qualifiziert. Wir haben aber ein paar Leute hier, die es sind. Wenn du einverstanden bist, heißt das", sagte Remus. Er wandte abermals die Augen ab.
„Hier? Wer? Ich dachte, Snape musste mich unterrichten, weil niemand anderes qualifiziert ist?", wollte Harry wissen.
„Damals standen sie nicht auf unserer Seite", erwiderte Remus.
„Das kann nicht euer Ernst sein!", rief Hermine. Sie blickte zwischen Remus und Kingsley hin und her. „Ihr könnt sie nicht in Harrys Kopf lassen. Das geht nicht."
Harry blinzelte einen Moment lang verwirrt, während er versuchte, den Sinn von Hermines Worten zu begreifen. Die Antwort traf ihn wie ein Faustschlag im Magen.
„Nie im Leben! Wenn ihr auch nur eine Minute lang denkt, dass ich Draco Malfoy in meinen Kopf lasse – "
„Er ist ein guter Okklumentiker, Harry", beschwichtigte Remus milde. „Warst du nicht derjenige, der gesagt hat, dass er letzte Weihnachten Snape ausgeblendet hat?"
„Ja, aber...", stotterte Harry wie vom Donner gerührt. „Er ist Malfoy."
„Er hat es von seiner Mutter und seiner Tante gelernt. Ofensichtlich können wir ihnen nicht vollkommen vertrauen, aber wir können sie benutzen, während sie hier sind. Sie benutzen uns aus demselben Grund. Es ist auf beiden Seiten von Vorteil", sagte Kingsley. „Remus hat sich bereit erklärt, die Situation die ganze Zeit zu überwachen, so dass du nicht mit ihnen alleine sein wirst."
„Das glaube ich nicht", brüllte Ron, nicht in der Lage, sich weiter zusammenzureißen. „Zuerst pocht ihr die ganze Zeit darauf herum, dass Harry zu jung ist und euch nicht die Antworten anvertraut, die er euch einfach nicht sagen kann. Und jetzt wollt ihr Malfoy und seiner Mutter freien Zugang zu seinem Kopf verschaffen? Seid ihr alle bekloppt?"
„Das reicht, Ron", fauchte Mrs. Weasley. „Ob volljährig oder nicht, ich werde nicht zulassen, dass du so respektlos mit uns sprichst."
„Ihr seid vollkommen übergeschnappt", murmelte Ron.
„Die Entscheidung liegt bei dir, Harry. Was sagst du?", fragte Remus.
Harry seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Ich habe euch gesagt, dass ich bereit bin, Kompromisse einzugehen. Aber das ist sehr viel verlangt. Ich werde es versuchen, aber ich verspreche nicht, dabei zu bleiben, wenn es übel ausgeht. Und ich will, dass ihr das alle im Hinterkopf behaltet, wenn ich etwas tun muss, worüber ihr nicht sehr erfreut sein werdet."
Ginny umklammerte seine Hand unter dem Tisch.
Was hatte er sich da nur eingebrockt?
