Kapitel 13 – Bereinigungen
Die nächsten Wochen im Grimmauldplatz verliefen in Anspannung. Obwohl zwischen ihnen reinen Tisch gemacht wurde, waren alle trotzdem gereizt. Mrs. Weasley hielt die vier stets unter Beobachtung, als befürchte sie, sie würden vor ihren Augen verschwinden. Harry nahm an, dass sie, obwohl sie sich mit ihrer Beteiligung am Krieg abgefunden hatte, nicht gerade glücklich darüber war. Sie schien nur auf die Ankündigung ihrer nächsten Abreise zu warten.
Mr. Weasley hatte Wort gehalten und hielt sie über Scrimgeours Aktivitäten auf dem Laufenden. Er hatte ihnen ebenfalls erzählt, wie die Presse ihr Erscheinen in der Winkelgasse in allen Einzelheiten berichtet hatte. Harrys Instruktionen, wie man Inferi bekämpfen musste, hatten die Schlagzeilen für zwei Wochen eingenommen. Und das Ministerium hatte sich dem angenommen, als wäre es seine Idee. In jeder Ausgabe des Tagespropheten fanden sich nun regelmäßig Mahnungen und Aktualisierungen.
Percy war zur Arbeit zurückgekehrt, ohne viele Worte mit ihnen gewechselt zu haben, seine Nase missbilligend in die Luft gestreckt. Charlie jedoch war geblieben, da er, wie er sagte, Urlaub brauchte. Harry hatte den Verdacht, dass er versuchte, Bill von seiner Angst abzulenken. Bill war der einzige, der ihnen offenbar immer noch für ihr Verschwinden grämte, obwohl Harry in Mr. Weasleys Nähe ebenfalls Unbehagen verspürte.
Er hatte Helga Hufflepuff verkohlten Becher zusammen mit dem Tagebuch und dem Ring sorgfältig in seinem Koffer verstaut. Drei waren vernichtet und er wusste, was der vierte war, wenn auch nicht wo. Somit blieben noch er selbst und der andere unbekannte Gegenstand übrig. Die Aufgabe erschien ihm erdrückend, doch er machte stetig Fortschritte.
Harrys größte Sorge im Moment war jedoch Hermine. Sie hatte den Verlust ihrer Haare nicht gut aufgenommen, was jedoch nicht an einem Mangel ihrer Versuche lag, sie zu trösten. Diesbezüglich zeigte sie sich vollkommen irrational und weigerte sich, sämtlichen Vorschlägen Gehör zu schenken. Der arme Ron hatte die meiste Zeit damit verbracht, sich aus Fehltritten herauszuwinden, die er sich unabsichtlich geleistet hatte. Er hatte verzweifelt versucht, Mitgefühl aufzubringen, hatte aber am Ende nur erreicht, dass er ihr auf die Nerven ging.
Hermine hatte sich buchstäblich in der Bücherei verbarrikadiert und war selten woanders anzutreffen. Sie hatte sogar die meisten Mahlzeiten ausgelassen und es vorgezogen, dass ein Tablett zu ihr hinaufgeschickt wurde. Zuerst erschien ihr Verhalten nicht ungewöhnlich, aber als die Tage vergingen, machten die anderen sich langsam Sorgen. Es stimmte zwar, dass Hermine Bücher durchkämmte, doch Harry hatte den Verdacht, dass sie sich mehr versteckte als arbeitete.
Sie verbrachte ebensoviel Zeit damit, medizinische Bücher zu lesen, wie mit ihrer Arbeit an Voldemort. Hermine hatte große Schwierigkeiten, sich damit abzufinden, dass es für den Verlust ihrer Haare keine andere Lösung gab als es der Natur zu überlassen. Sie konnte es nicht ertragen, von der Bibliothek im Stich gelassen worden zu sein, und nahm es scheinbar als persönliche Beleidigung auf.
Wann immer jemand ihr Hilfe anbot, wies sie sie zurück und zog sich hinter ihre Bücher zurück. Rons Gefühle pendelten zwischen Verletztheit und Fassungslosigkeit umher, wenn Hermine ihre aufgestaute Aggression an ihm ausließ. Harry wusste, dass sie zu Irrationalität neigte, wenn sie sich überwältigt fühlte. Doch er war zuversichtlich, dass sie sich wieder sammeln würde, wenn die logische Seite ihres Gehirns die Kontrolle wiedergewonnen hatte. Darauf zu warten war jedoch schwer zu ertragen.
Hermine hatte ihr marineblaues Handtuch um den Kopf behalten und zuckte vor jedem weg, der versuchte, es zu berühren, vor allem bei Ron. Harry hatte bemerkt, wie oft sie es zurechtrückte, und schob es auf mangelndes Selbstbewusstsein. Er wünschte, ihm würde ein Weg einfallen, wie er ihr helfen konnte. Doch er war ratlos. Er wusste, dass Ginny sich ebenfalls Sorgen machte, da er sie mehrere Male ertappt hatte, wie sie das ältere Mädchen nachdenklich anstarrte.
Der einzige Vorteil von Hermines Leiden war das Auftauen des Verhaltens von Mrs. Weasley. Sie war mehrere Tage nach dem Ordentreffen distanziert und unnahbar geblieben, hatte aber offensichtlich Hermines ansteigende Erregung bemerkt. Ginny hatte sich schließlich hilfesuchend ihrer Mutter genähert, die sich mit üblichem Eifer auf die Aufgabe stürzte. Es war, als hätte sie nur auf eine Gelegenheit gewartet, um sich zurück in ihren Mutterzustand zu schwingen. Und Harry erfreute es zu sehen, dass sie sich mit Ginny vertragen hatte.
Harry war betroffen zu bemerken, dass Mrs. Weasley gebraucht werden wollte. Irgendwie hatte er stets angenommen, dass Erwachsensein bedeutete, diese Art von Unsicherheit zu überwinden. Es war erschütternd, es anders vorzufinden. Dennoch fühlte es sich richtig an, wieder ein warmes Lächeln und liebevolle Umarmungen von ihr zu empfangen. Harry verblüffte es festzustellen, wie sehr er es vermisst hatte. Ron und Ginny ebenfalls – er hatte bemerkt, dass sie beide seit ihrer Rückkehr sehr viel anhänglicher ihrer Mum gegenüber waren. Er hoffte, dass Mrs. Weasley ihnen helfen konnte, Hermine zu erreichen.
Tonks hatte vorgeschlagen, Hermine eine Perücke zu beschaffen. Beide Weasley- Frauen hatten sie verständnislos angestarrt, bis Tonks ihnen erklärt hat, wie Muggle- Frauen ihre Haare manchmal nach bestimmten medizinischen Behandlungen verloren und dass viele Geschäfte Perücken führten, die sie in der Zwischenzeit tragen konnte.
Obwohl sie genau wusste, was eine Perücke war, hatte Hermine es entschlossen zurückgewiesen, sie zu begleiten, um sich nach einer umzuschauen. Stattdessen war sie in Tränen ausgebrochen und hatte sie beschuldigt, es allen nur einfacher machen zu wollen, sie anzuschauen. Fleur schaltete sich in das Gespräch ein und versuchte, Hermine zu überreden. Sie sagte, dass sie nicht lächerlich sein sollte. Doch eine weinende Hermine war aus dem Zimmer gestürmt. Überraschenderweise hatte Ron – der immer hingerissen von Fleur gewesen war – diese angebrüllt, Hermine in Ruhe zu lassen, und war ihr hinterher gelaufen.
Später am Abend, als Harry und Ginny in der Bibliothek saßen – eigentlich um Nachforschungen anzustellen, doch mehr Zeit damit verbringend, einander zu studieren – stürmten Fred und George durch die Tür. Harry und Ginny sprangen schuldbewusst auseinander und rückten zu beiden Enden des Sofas.
„Bruder, hast du auch den entfernten Eindruck, dass wir da etwas unterbrechen?", fragte Fred und sprang über die Lehne des Sofas, um zwischen Harry und Ginny Platz zu nehmen. Verstimmt rückte Harry den Kragen seines Shirts zurecht, während Ginny ihre Brüder aus verengten Augen anfunkelte.
„Ja, mein Bruder. Aber was könnten wir nur unterbrechen, während diese Jugendlichen sich hier verkriechen, um fleißig zu arbeiten... hinter geschlossenen Türen... ganz allein... und so weit weg von den Augen unserer geliebten Mutter, die nur das Beste für sie will?", fragte George, der sich ebenfalls zwischen den beiden auf der Couch Platz schaffte.
„Was wollt ihr?", erkundigte sich Ginny und verdrehte dramatisch die Augen.
„Also was ist das für ein Verhalten von unserem winzigen, eigensinnigen Mädel? Man könnte meinen, du würdest uns auf Knien um Verzeihung bitten, nachdem du uns solch einen Schrecken eingejagt hast", erwiderte Fred, die Hände an die Brust gepresst und mit den Augenlidern klimpernd.
Bevor Harry die Gelegenheit hatte zu explodieren, legte George ihm eine Hand auf die Schulter. „Behalt deine Hosen an, Harry."
„Und du solltest deine übrigens auch anbehalten", fügte Fred zu Ginny gewandt hinzu.
Sie boxte ihm gegen die Schulter – hart.
„Ich bin nicht hier, um euch das Leben schwer zu machen. Das ist Bills Job", sagte George.
„Er ist unmöglich", bestätigte Ginny mit finsterer Miene.
„Er wird darüber hinwegkommen, Gin Gin. Er neigt immer noch dazu, dich als feurige, kleine Elfe anzusehen, die du gewesen bist, als er in Hogwarts angefangen hat", beschwichtigte George.
„Ich war damals gerade mal ein Jahr alt. Sicherlich kann er einen Unterschied feststellen", sagte Ginny und verschränkte störrisch die Arme.
„Ganz genau. Du warst ein Baby, Ginny, und nur ein kleines Kind, wenn er jedes Mal im Sommer zurückgekommen ist. Er ist schon ausgezogen, als du noch ganz klein warst", fuhr George fort.
„Also, nun kämpft ihr in dem Krieg, den er bestreiten will, aber er kann es nicht, weil alle ihn verhätscheln. Er war derjenige, der zurückbleiben sollte, um Mum zu beruhigen, nachdem ihr verschwunden wart, und sie war in dieser Zeit sogar noch eifriger dabei, ihn zu beschützen. Er konnte nicht zurück zur Arbeit und selbst auf Ordensmissionen war es Fleur, die die gefährlicheren Aufgaben bekommen hat, weil niemand Mum noch mehr aufregen wollte als bereits geschehen."
„Das verträgt sich nicht mit einem Zauberer mit Selbstrespekt", schloss Fred.
„Und wir haben wirklich nicht geholfen", gab George widerwillig zu.
„Ich vermute, wir haben uns ein wenig über ihn lustig gemacht", räumte Fred ein. „Aber wir haben gedacht, wir würden damit helfen."
„Als ihr und Ron zurückgekommen seid, hat er gerade seine Zerreißgrenze erreicht. Sein kleiner Bruder und seine kleine Schwester stecken mitten drin und das war ihm zu viel", sagte George. „Und in letzter Zeit scheint der Vollmond ihn immer ein bisschen griesgrämig zu machen."
Ginnys Gesicht hatte mildere Züge angenommen, aber sie schien trotzdem nicht gewillt, es vollkommen fallen zu lassen. „Dann wird er sich wohl an den Gedanken gewöhnen müssen. Denn ich bin kein kleines Mädchen mehr."
„Haben wir auch nicht behauptet", sagte Fred.
„Ja, wir haben schon genug von deinen Flüchen aufgehalst bekommen, um es besser zu wissen", bestätigte George seufzend. „Vielleicht solltest du ihn ein paar Mal verhexen, damit er es begreift."
Ginny kicherte und versetzte Georges Kopf einen sanften Stoß.
„Also ist es euch recht. Dass Ginny mir hilft, meine ich?", fragte Harry, während er an einem Faden auf der Couch zupfte.
„Aber klar doch. Wir wünschten nur, dass du uns auch mitnehmen würdest", sagte Fred eifrig. Als Harry den Mund aufmachte, um zu antworten, hielt Fred seine Hände in die Höhe. „Ich weiß, dass es nicht geht. Aber das heißt nicht, dass ich nicht wünschte, es wäre anders."
„Oder dass du uns zumindest helfen lassen würdest", fügte George hinzu. Er lehnte sich nach vorne.
„Ja, aber dann haben wir uns daran erinnert, dass du uns um Hilfe gefragt hast. Du hast uns gebeten, Dungs alte Wohnung ausfindig zu machen. Was wir auch getan haben", sagte Fred mit blitzenden Augen.
„Habt ihr?", fragte Harry und setzte sich auf. „Wann? Wo ist sie?"
„Sie ist in einer wirklich zwielichtigen Muggle- Gegend von Birmingham. Der Besitzer des Hauses hat uns eingelassen. Er war sehr verärgert, dass er seit Monaten kein bisschen Miete von Dung bekommen hat. Er sagte, er würde die Wohnung jemand anderem überlassen. Aber ich denke nicht, dass eine lange Schlange ansteht, da sie sehr nahe an dem Ort liegt, wo die Feuer über dem Sommer ausgebrochen sind", erklärte George.
„Wir sind hineingegangen und haben uns umgeschaut, aber dort gibt es nicht sehr viel. Es ist schmutzig und der Gestank hat uns vertrieben, bevor wir wirklich viel sehen konnten", sagte Fred mit einer Grimasse.
„Könnt ihr uns hinbringen?", fragte Harry.
George zuckte die Achseln. „Wann immer ihr wollt."
„Jetzt gleich", erwiderte Harry und stand auf.
„Harry." Ginny legte eine Hand auf seinen Arm. „Hermine ist nicht in der Verfassung dafür."
„Ich weiß." Harry seufzte. „Aber ich muss es überprüfen."
„Das verstehe ich und sie würde es ebenfalls tun, wenn sie in einem vernünftigen Geisteszustand wäre", sagte Ginny.
Harry sah, wie sie ihre Unterlippe bearbeitete, als ringe sie mit sich. „Warum gehst du nicht mit Ron und den Zwillingen heute Nachmittag, während ich bei Hermine bleibe?", schlug sie schließlich vor.
Harry runzelte die Stirn. „Macht es dir nichts aus, nicht mitzukommen?"
„Nur dieses eine Mal. Wir haben nachmittags etwas vor, was auch sehr wichtig ist. Außerdem wird es ein zusätzlicher Bonus sein, Hermine zu beschäftigen, so dass Mum uns leichter gehen lässt. Es könnte einfacher für sie sein, wenn es das erste Mal nur Ron betrifft."
„Was hast du mit Hermine vor?", erkundigte Harry sich.
„Sag ich dir nicht." Ginny erhob sich und küsste ihn auf die Wange. „Fleur hatte eine Idee und ich finde sie wirklich gut. Deshalb werden wir sie ausprobieren."
„Du machst bei einer Idee von Schleim mit?", fragte Harry ungläubig. Erfolglos versuchte er, das Grinsen zu unterdrücken, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Nenn sie nicht so, Harry", wies Ginny ihn zurecht, als wäre es nicht sie gewesen, die sich den Spitznamen ausgedacht hatte. „Es ist für Hermine."
Harry biss sich auf die Innenseite seiner Wange und nickte feierlich.
Nachdem Ginny die Bücherei verlassen hatte, hob er eine Augenbraue.
„Was meint ihr?", fragte er die Zwillinge.
„Ich denke, sie hat dich in der Tasche", bemerkte Fred grinsend. „Ich glaube, du hättest allem zugestimmt, egal was sie gesagt hätte, Kumpel."
„Ja, also wann ist die Hochzeit? Das ist sicherlich eine Gelegenheit, um Mum aufzuheitern", antwortete George, mit dem identischen Ausdruck im Gesicht.
Harrys Gesicht brannte. „Ihre Tasche ist kein schlechter Ort", sagte er frech und verließ schnell den Raum, um Ron zu suchen, bevor sie Zeit hatten zu antworten – oder ihm eine reinzuhauen.
Da sie vor kurzem dort gewesen waren, apparierten die Zwillinge Ron und Harry direkt in Dungs alte Wohnung. Allen vier wurde beinahe übel von dem überwältigenden Gestank.
„Seid ihr sicher, dass Dung hier nicht irgendwo eine Leiche versteckt?", fragte Ron keuchend. Es hatte ihm nicht behagt, Hermine allein zu lassen. Doch Ginny hatte versprochen, bei ihr zu bleiben. Sie war sehr verschlossen über ihre Pläne für den Nachmittag geblieben, aber sie und Fleur hatten beide wie kleine Schulmädchen gekichert.
Sogar Hermines Laune schien sich verbessert zu haben. Das allein hatte Ron überzeugt, dass ihr etwas Zeit allein mit den Mädchen gut tun würde. Beim Mittagessen hatte er verkündet, dass er und Harry mit Fred und George eine Besorgung zu tätigen hatten.
Mrs. Weasley hatte lautstark Sorgen um sie beide bekundet und hatte Zwillinge schwören lassen, sie zu beschützen. Bevor sie aufgebrochen waren, hatte sie sie fest umarmt. Aber sie hatte Wort gehalten und ihnen erlaubt zu gehen.
„Ich glaube, es kommt aus dem Kühlschrank", sagte Harry, in dem Versuch, durch den Mund zu atmen, während er Dung dafür verfluchte, in einer Muggle- Wohnung zu leben. Er versuchte, den atemberaubenden Geruch zu ignorieren, hielt es schließlich jedoch nicht mehr aus und deutete mit seinem Zauberstab auf den Kühlschrank: „Ratzeputz."
Auf Anhieb verschwand der Gestank und war von einem frischen Zitronenduft ersetzt.
„Besser, als Dung es verdient", sagte Fred und atmete tief ein.
„Was soll das? Warum benutzt du Magie in einer Muggle- Gegend?", fragte Ron und blickte unruhig zu den Fenstern, als erwartete er jeden Moment, dass eine Ministeriumseule erschien.
Harry zuckte die Achseln. „Jetzt sind keine Muggle hier und ich konnte mich bei dem Gestank nicht konzentrieren."
„Also? Wonach suchen wir?", wollte Fred wissen.
„Das letzte Mal, als wir Dung gesehen haben, hatte er einen ganzen Koffer voll Tand, das er aus dem Hauptquartier geschmuggelt hat. Ich muss sehen, was in dem Koffer steckt", erwiderte Harry und warf Ron einen bedeutsamen Blick zu. Sie hatten den Zauberdetektor mitgenommen, doch er hoffte zu vermeiden, es Fred und George erklären zu müssen. Ron zog ihn aus der Tasche und schlüpfte leise ins Schlafzimmer.
Säuberungszauber waren ganz sicher etwas, womit Dung sich nicht auseinandergesetzt hatte. Denn die Wohnung war ein reines Chaos. Sie fanden einige leere Ogdens Feuerwhiskey- Flaschen und eine große Auswahl an Muggle- Alkohol.
Als Fred einen Stapel von Zeitschriften fand, die unter einem Schemel verstaut waren, pfiff er laut. „Dung, du alter Hund. Diese SpielZauberer gehen bis zu Dads Schulzeit zurück."
Ron und George lugten ihm über die Schulter, während er die Seiten durchblätterte. Harry, der Dungs Schrank durchsucht und nichts außer einem fiesen Doxy- Biss aufzuweisen hatte, war irritiert. Er machte gerade Anstalten, sie anzuschnauzen, als sein Blick auf die Aktfotos in der Mitte des Heftes fiel. Harry spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Er hatte die Kerle in seinem Schlafsaal darüber sprechen hören, aber es selbst zu sehen...
Nach einer ziemlich langen Verzögerung rissen sie ihre Aufmerksamkeit schließlich von den Magazinen los und gingen zurück an die Arbeit. Die vier Jungen stellten Dungs Wohnung so gründlich auf den Kopf, wie jugendliche Jungen es nur tun konnten. Sie hatten viele dubiose Gegenstände entdeckt, unter anderem einen fliegenden Teppich, der gefaltet unter Dungs Matratze steckte. Aber sie fanden keinen Koffer.
Fred und George beschlagnahmten den Teppich, neben verschiedenem Krimskrams, das sie in ihre Hosentaschen gestopft hatten.
„Es ist ja nicht so, als gehörte das alles rechtmäßig Dung", sagte Fred, als Harry seine Augenbrauen hob.
„Ja, er hat es nur von jemand anderem geklaut", fügte Ron hinzu, während er den Teppich bewunderte, den Fred noch immer in den Händen hielt. „Außerdem, Harry, erzähl mir nicht, dass du dieses Ding nicht auch einmal ausprobieren willst. Sie sind schon seit Ewigkeiten verboten. Dad hat es nicht einmal geschafft, einen nach Hause zu schmuggeln."
Harry grinste. „So wie ich das sehe, hat Dung eine Menge Müll hier, das Teil meiner Erbschaft ist. Der Teppich macht uns quitt – er hat ihn wahrscheinlich sowieso im Hauptquartier gefunden."
„Das stimmt", stellte George fest, die Unterseite des Teppichs betrachtend. „Es hat das Familienwappen der Blacks eingestickt."
„Dann darf ich ihn zuerst benutzen", sagte Harry grinsend.
Fred und George sahen sich an, ihre Gesichtsausdrücke wechselten in der seltsamen Weise der stillschweigenden Kommunikation, die Harry schon oft bei ihnen gesehen hatte.
„Klingt fair", sagte Fred. „Aber wir behalten das andere Zeug. Außerdem wird Dungs Vermieter sowieso alles rausschmeißen, bevor Dung überhaupt auf freiem Fuße wandelt."
„Der Koffer ist nicht hier", stellte Harry entmutigt fest. Als ihm eine letzte Idee einfiel, sagte er: „Accio Koffer."
Nicht geschah.
„Accio Medaillon", versuchte er wieder mit angehaltenem Atem. Wieder nichts.
„Was machen wir jetzt?", fragte Ron und schaute sich in der chaotischen Wohnung um. „Wo suchen wir als nächstes?"
Harry runzelte die Stirn, bedachte seine Optionen, bevor ihm ein Gedanke in den Sinn kam. „Weiß jemand von euch, was aus deinem Zeug wird, wenn du verhaftet wirst? Ich meine, wenn Dung vom Ministerium erwischt worden ist und der Koffer mit ihm, wo könnte er sein?"
„Wenn man bedenkt, dass sie ihn ohne einen Prozess nach Azkaban geworfen haben", sagte Fred bitter, „würde ich erwarten, dass der Koffer noch in einer Zelle im Gefängnis aufgehoben wird."
„Dann werden wir nach Azkaban gehen müssen", sagte Harry und schauderte. Er wusste, dass die meisten Dementoren das Gefängnis verlassen hatten, aber selbst einer war nach seinem Geschmack zu viel.
„Äh... Harry. Wie genau beabsichtigst du das zu tun?", fragte George verblüfft.
„Und was ist so verdammt wichtig, dass du dorthin gehen willst?", fügte Fred ungläubig hinzu. „Hör mal, Harry, ich weiß, dass es dein Zeug ist, das Dung geklaut hat. Aber... was könnte einen Ausflug nach Azkaban wert sein? Sie werden Dung schon irgendwann rauslassen und dann kannst du ihn fragen nach, was auch immer du zurückhaben willst."
Harry schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so einfach. Es ist... äh... es ist von persönlicher Wichtigkeit", sagte Harry, etwas rot im Gesicht. Er hasste es, die Zwillinge anzulügen. „Und ich bin nicht derjenige, der danach suchen könnte."
George zuckte die Achseln. „Ich begreife immer noch nicht, wie du nach Azkaban kommen willst. Es ist nicht so, als könntest du einfach hineinmarschieren. Oder vielleicht kannst du es. Rufus Scrimgeour würde es lieben, dich in seiner Schuld stehen zu haben."
Harry schüttelte den Kopf. „Ich würde es vorziehen, Scrimgeour nicht einzuschalten, wenn möglich. Ich werde mit Tonks sprechen. Sie ist dort zur Wache eingeteilt. Zumindest war sie das, bevor wir weggegangen sind."
„Ja, sie ist danach immer noch dahin gegangen und jedes Mal als Häuflein Elend wiedergekommen. Bist du dir dabei wirklich sicher, Harry? Du hattest es nicht gerade leicht mit den Dementoren", fragte Fred und duckte den Kopf. Seine Ohren waren leuchtend rot, etwas, das Harry früher an Ron und anderen Weasleys, aber nie bei den Zwillingen gesehen hatte.
„Ich weiß. Damit beschäftige ich mich, wenn ich dort bin", nickte Harry.
„Wir werden uns damit beschäftigen", sagte Ron. Sein Blick bohrte sich in Harrys Augen. „Glaub ja nicht, dass du allein dort rausgehen wirst, Kumpel."
„Ron, ich weiß nicht einmal, ob ich rausgehen kann, geschweige denn, ob ich jemanden mit mir nehme", brachte Harry entgegen. Er fuhr sich mit einer Hand durch das Haar.
„Dann wirst du einen Weg finden müssen", beharrte Ron stur.
Die Mahlzeit an diesem Abend war eine ruhige Angelegenheit. Harry hatte gehofft, mit Tonks über ihre Aufgaben in Azkaban sprechen zu können. Doch weder sie noch Remus waren anwesend. Mrs. Weasley erzählte, dass sie miteinander ausgegangen waren. Harry erfreute es, dies zu hören. Remus verdiente es, ein wenig Glück zu ergreifen, wenn er es fand.
Mr. Weasley machte Überstunden, wie so oft, und seit ihrer Rückkehr von Dungs Wohnung hatte Harry keines der Mädchen gesehen. Mrs. Weasley berichtete, dass sie sich schon den ganzen Tag in Bill und Fleurs Zimmer verkrochen hätten. Sie hatten sogar Bill hinausgeworfen, ohne ihm zu verraten, was sie trieben. Dieser saß nun neben Charlie mit einer Flasche Wein am Küchentisch.
„Wollt ihr Wein, Harry? Ron?", bot Charlie an.
Als sie nickten, füllte er zwei zusätzliche Gläser.
„Wie ist es heute für euch gelaufen?", wollte Charlie wissen, und Harry bemerkte, dass Bill aufmerksam lauschte, obwohl er Desinteresse vorzutäuschen versuchte.
„Es war ein Tiefschlag", sagte Harry seufzend. Er wusste, dass es zu viel war zu hoffen, das Medaillon so leicht zu finden. Doch er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
„Ich vermute, ihr wollt uns nicht einweihen, wonach ihr sucht?", erkundigte sich Bill beiläufig.
„Nicht wirklich", erwiderte Harry, an seinem Wein nippend.
Die Spannung wurde unterbrochen, als Mrs. Weasley verblüfft aufkeuchte. Harry blickte auf und fand Ginny allein in der Tür stehend. Seine Aufmerksamkeit wurde auf Anhieb auf ihren Kopf gelenkt, wo ihr herrliches, ehemals hüftenlanges Haar ihr nun kaum bis auf die Schultern herabhing.
Ginny stand still dort, ihre Augen eifrig das Zimmer durchschweifend, bis sie Harry fanden.
„Oh, Ginny! Was hast du mit deinen wunderschönen Haaren gemacht?", stöhnte Mrs. Weasley. Sie bewegte sich auf ihre Tochter zu und zupfte an den kurzen Strähnen.
„Warum hast du das getan?", verlangte Ron mit vollem Mund zu wissen. Bill und Charlie starrten sie einfach nur an.
Harry fühlte sich, als hätte er einen Faustschlag in den Magen erhalten. Er schluckte schwer. Ginnys Haar hatte ihn schon immer angezogen. Er hatte nicht realisiert, wie sehr, bis er sie nun ohne es sah. Er war wie vom Donner gerührt.
Plötzlich wurde ihm alles klar, als eine strahlende Fleur und eine zögernde Hermine Ginny in den Raum folgten. Harry spürte, wie sich Wärme in ihm ausbreitete. Hermine nicht mehr das Handtuch, das ihre Zuflucht geworden war, sondern stattdessen eine kurze Frisur im selben Weasley- Rot wie alle anderen am Tisch, ausgenommen Harry.
Verlegen beobachtete Hermine die Reaktionen der Anwesenden und schien bereit, bei der kleinsten Provokation aus dem Zimmer zu stürzen.
„Genau, was dieses Haus braucht", kommentierte Charlie grinsend. „Einen weiteren Rotschopf. Ich war schon immer der Meinung, dass wir nicht genug davon hier haben."
„Es kann nie genug davon geben", stimmte Bill zu. Er strahlte Fleur mit dem ersten aufrichtigen Lächeln an, das Harry seit ihrer Rückkehr an ihm gesehen hatte.
„Ist es nischt großarrrtisch? Werrr 'ätte gedacht, dass isch so talentierrt mit 'aaren wärrr? Es warrr Ginnys Idee, die Muggle nachzuahmen und eine Perücke zu ferrtigen. Aber 'Ermine wollte nischt schoppen gehen. Das ist sehrrr komiesch, niescht? Sie 'at uns errrlaubt, es selbst zu verrrsuchen. Isch 'abe noch nie jemandäm die 'aare geschnitten, aberrr isch dachte, isch könnte es schaffen", sagte Fleur, ließ sich auf Bills Schoß fallen und küsste ihn geräuschvoll. „Und das 'abe isch auch."
„Hermine." Ron plinkerte mit den Augenlidern, sein Weinglas hing halb erstarrt in der Luft.
Hermine lächelte vorsichtig, bevor sie sich neben ihm niederließ. Ron beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr, worauf sie errötete und gleichzeitig breit lächelte.
„Was war das, mein Bruder?", fragte Fred. „Habe ich gerade vernommen, dass du zu dem anständigen Mädel gesagt hast, du hättest schon immer gewusst, dass sie eine Weasley sein wolle?"
„Und warum sollte sie auch nicht?", fuhr George fort. „Natürlich liegt es nicht bei dir, diese Situation zu ändern?" Er lächelte selbstgefällig, als den beiden das Blut ins Gesicht schoss.
„Zieh Leine", sagte Ron und schlug nach George, ohne auch nur einen Moment den Blick von Hermine zu nehmen.
„Harry", sagte Ginny leise. Sie hatte auf dem Stuhl neben ihm Platz genommen und blickte ihm zögernd in die Augen. Sie bearbeitete ihre Unterlippe, während sie auf eine Antwort wartete.
Harry spürte, wie sich ein großer Klumpen in seiner Kehle festsetzte. Er konnte nicht stolzer auf das sein, was sie für Hermine getan hatte. „Du bist das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen habe", raunte er ihr zu und ließ seine Hände durch ihren kurzen Haarschnitt gleiten. Er zog sie näher, um sie zu küssen.
Ginnys Augen füllten sich mit Tränen, während sie sich zu ihm lehnte. „Findest du es wirklich okay? Ich weiß, dass du es länger lieber mochtest, aber es wird nachwachsen", sagte sie schniefend.
„Es macht nichts. Was du für Hermine getan hast, macht dich schöner, als jede Frisur es jemals könnte." Wieder küsste er sie trotz der Anwesenheit ihrer Familie am Tisch.
„Harry hat Recht", meldete sich Bill zu Wort. Harry und Ginny blickten auf und begegneten Bills Blick. In seinen Augen blitzte es verdächtig. „Das ist eine wundervolle Tat, Ginny. Du hast mich daran erinnert, wie stark eure Freundschaft zueinander ist. Das habe ich aus den Augen verloren. Halt daran fest, umfasse sie und lass nicht zu, dass sich irgendjemand – vor allem empfindliche ältere Brüder – ihr in den Weg stellt. Ich glaube nicht, dass V- V- Voldemort eine Chance dagegen hat."
Ginny erhob sich vom Tisch und rauschte zu Bill hinüber. Sie warf ihre Arme um ihn und drückte ihn heftig an sich. „Danke, Bill."
„Es tut mir leid, Ginny", flüsterte er ihr ins Ohr. Er ließ sie los und starrte Harry an. „Dir schulde ich ebenfalls eine Entschuldigung."
„Schon gut", sagte Harry abwinkend. „Es ist, wie du gesagt hast: Solange wir zusammenhalten, kann Voldemort nicht gewinnen."
„Richtig. Selbst wenn wir uns manchmal wie Idioten benehmen", antwortete Bill mit einem Lächeln.
„Mach dir keine Sorgen. Harry weiß, dass selbst Weasleys sich gelegentlich idiotisch aufführen können", schaltete sich Ron ein.
„Tja, dem muss er sich sehr wohl bewusst sein, wo er die letzten sieben Jahre mit dir zusammengesteckt hat." Bill gluckste.
„Und es hat ihn glücklich getroffen, ihn zu haben", sagte Hermine, während sie Ron mit glitzernden Augen anstrahlte.
„Das stimmt", bestätigte Harry. Dieser nervige Klumpen in seiner Kehle erschien hartnäckig. „Es hat mich glücklich getroffen, euch alle zu haben."
„Außer wenn wir uns wie Idioten aufführen", bemerkte Ginny, während sie sich eine Kelle Kartoffelbrei auftat.
„Ja", antwortete Harry. „Außer dann."
Das Abendessen wurde in sehr viel weniger Anspannung fortgesetzt, als an Abenden zuvor geherrscht hatte. Zwischendurch war Mr. Weasley eingetroffen und nach dem anfänglichen Schock beim Anblick von Ginnys Haar, drückte er seinen Stolz aus. Harry hatte beinahe das Gefühl, als wären sie nie fort gewesen, und amüsierte sich im Grimmauldplatz zum ersten Mal seit langer Zeit. Als das Abendessen vorüber war, führte eine kichernde Fleur Ginny und Hermine aus der Küche.
Bevor Harry die Gelegenheit hatte, sich den Mädchen anzuschließen, legte Mr. Weasley ihm sanft eine Hand auf den Arm.
„Harry, könnte ich dich auf ein Wort sprechen?", fragte er.
Sein Tonfall war sachte, beinahe beschwichtigend. Doch Harry war trotzdem unbehaglich zumute. Er nickte steif und folgte Mr. Weasley in die Wohnstube.
Mr. Weasley entzündete ein Feuer im Kamin und füllte zwei Gläser mit Brandy aus einer Karaffe auf dem Tisch. Er reichte Harry eins, bevor er sich neben ihm auf die Couch setzte. Mehrere Sekunden lang schwenkte er die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas, ohne ein Wort zu sagen. Harry zwang sich nicht herumzuzappeln, doch fühlte sich der Kragen seines Shirts plötzlich sehr eng an.
„Also, Harry. Ich vermute, du weißt, warum ich mit dir sprechen wollte", begann Mr. Weasley. Seine Ohren wurden so rot wie bei Ron, wenn dieser verlegen war.
„Ja, Sir", antwortete Harry.
„Ich schulde dir eine Entschuldigung", sagte Mr. Weasley plötzlich, was Harry überraschte.
„Hä?", machte er. Oh großartig. Sehr eloquent, Harry.
„Wie du weißt, habe ich den Verdacht gehabt, dass ihr eine Verschwinden- Nummer abziehen wolltet. Ich habe auch vermutet, dass Ron und Hermine mit dir gehen würden. Es war Ginny, auf deren Verschwinden ich nicht vorbereitet gewesen war", sagte Mr. Weasley, während er sich die Nase rieb.
„Es tut mir leid, Mr. Weasley. Ich wusste, dass Sie es nicht erwartet hätten. Aber ich konnte nichts sagen." Harry fühlte Hoffnungslosigkeit in sich aufsteigen.
„Das weiß ich, Harry. Und anders als Kingsley oder Minerva glaube ich, dass du mehr als imstande bist, dich in den meisten Situationen zu behaupten. Die Person, die ich unterschätzt habe, war Ginny. Sie ist meine Tochter – "
„Und Sie wollten sie in Sicherheit behalten. Das verstehe ich, Sir", bekundete Harry aufrichtig.
„Nein, Harry. Du hast mich missverstanden. Natürlich will ich sie in Sicherheit wissen. Ich will es von all meinen Kindern und da schließe ich dich mit ein", sagte Mr. Weasley sanft, was Harry schlucken ließ. „Was ich unterschätzt habe, war die Entschlossenheit meiner eigenen Tochter. Ich kenne Ginny. Ich habe sie aufgezogen. Ich hätte nichts weniger von ihr erwartet."
Harry lächelte liebevoll. „Sie ist etwas Besonderes."
„Das ist sie ganz sicher. Ich bin nicht blind, Harry. Ich sehe, wie viel euch aneinander liegt, aber es ist sehr schwer loszulassen", erwiderte Mr. Weasley.
„Ich verstehe, Sir – "
„Lass mich ausreden, Harry. Es ist sehr schwer loszulassen, aber wenn ich den Zauberer auswählen müsste, der das Herz meines einzigen Mädchens erobern soll, weiß ich, dass ich eine nicht bessere Entscheidung hätte treffen können, als sie es mit zehn Jahren getan hat. Ich kann mir keinen anderen denken, in den sie sich eher verlieben sollte, als dich", sagte Mr. Weasley. Er änderte seine Position und nahm einen großen Schluck von seinem Brandy.
Harry konnte sein Zappeln nicht mehr länger unterdrücken und bewegte sich, während er sich zu entschließen versuchte, wohin er schauen sollte. Schließlich nahm er einen Schluck vom Brandy. Harry konnte nicht verstehen, warum er sich wie ein kleines Kind vorkam, wenn er vor Mr. Weasley saß.
„Danke, Mr. Weasley", sagte er. „Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um sie in Sicherheit zu behalten."
„Das weiß ich, Harry", erwiderte Mr. Weasley. Er räusperte sich. „Was sagst du? Sollen wir uns zu den anderen gesellen? Wenn meine Ohren mich nicht täuschen, höre ich Musik aus der Richtung. Bei Merlins Bart, ich hoffe, Molly hat nicht schon wieder die Celestina Warbeck- Sammlung ausgepackt."
Harry grinste, als er sich an das letzte Weihnachten entsann, und folgte Mr. Weasley aus dem Zimmer. Sie setzten sich zu den anderen, wo Celestina aus dem alten Plattenspieler in der Ecke des Zimmers trällerte. Mrs. Weasley saß mit glasigen Augen davor und wiegte sich zur Musik. Bill und Fleur hockten in einer Ecke und tuschelten miteinander, während Fleur hinter Mrs. Weasleys Rücken Nachahmungen von Celestina zum Besten gab. Ginny stand in einer Ecke und unterhielt sich mit Hermine und Fred. Ron schaute zu, wie Charlie und George eine Partie Schach ausfochten.
Harry schlenderte zu Ron hinüber und stieß ihm leicht in die Seite.
„Hey. Wo bist du gewesen?", fragte Ron und lenkte seine Aufmerksamkeit vom Spiel.
Harry zuckte die Achseln. „Ich habe mit deinem Vater geredet. Wie macht sich Hermine?"
„Großartig." Ein breites Grinsen nahm Rons Gesicht ein. „Sie ist wieder ganz die Alte."
Auf Harry Gesicht breitete sich ebenfalls ein Lächeln aus. „Das ist toll. Es läuft ganz offensichtlich besser zwischen euch beiden."
Ron schaute auf seine Schuhe, während er mit ihnen den Boden bearbeitete. „Ich habe sie fast verloren, Harry. Sie hätte sterben können, bevor ich auch nur die Gelegenheit hatte, ihr zu sagen, dass... Naja, bevor ich alles in Ordnung bringen konnte. Mir sind ihre Haare egal. Es wird nachwachsen. Sie beinahe zu verlieren hat mich erkennen lassen, was du meintest mit ´das Glück umfassen, solange es da ist, dass es keine Garantien gibt", sagte Ron schroff. Seine Ohren färbten sich leuchtend rot.
„Also... geht ihr miteinander?", erkundigte sich Harry verlegen. Er und Ron sprachen selten von solchen Dingen. Doch manchmal, so hatte er festgestellt, war der einzige Weg, eine Antwort von Ron zu erhalten, geradeheraus zu sein.
„Ja, das tun wir. Ist es dir recht?", fragte Ron, plötzlich nervös wirkend.
Harry schaute zu, wie Mr. und Mrs. Weasley in der Mitte des Zimmers zu tanzen begannen. Bill und Fleur gesellten sich bald dazu und Harry sah, wie Bill seiner Frau warnend mit dem Finger drohte, die hell auflachte.
Es war ihm recht, dass Ron und Hermine miteinander gingen. Er hatte sich früher darüber Sorgen gemacht, sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn es nicht funktionierte oder noch schlimmer, wenn sie ihn verließen. Nun jedoch, da er mit Ginny zusammen war, vervollständigte es sie irgendwie. Außerdem konnte er ihnen nie die Versuche verweigern, ein wenig Glück in all dem Chaos zu finden. Sie hatten ihm mit Sicherheit dabei geholfen, seins zu finden.
„Nö, es ist mir recht. Ich bin nur froh, dass du dir endlich ein Herz gefasst und sie gefragt hast", sagte er und lachte.
Ron versetzte ihm einen Stoß. „Oh, das sagt genau der Richtige."
„Hey! Warum schubst du Harry?", fragte Ginny, die mit Hermine auf sie zukam.
„Dafür, dass er ein Idiot ist", antwortete Ron, während er Hermines Hand in seine nahm.
„Du siehst toll aus, Hermine", sagte Harry.
Hermine strahlte. „Danke, Harry. Ginny und Fleur haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Jetzt müssen wir noch etwas unternehmen, damit dein Haar auch rot wird." Sie lachte und zupfte an einer Strähne.
Harry duckte sich.
„Harry will rotes Haar?", fragte Fred. "Ich denke, ich weiß eine Lösung."
Harrys Augen weiteten sich alarmiert. Ginny an der Hand, wich er zurück. „Ist schon okay. Ich bin zufrieden mit meinen Haaren, danke."
Schnell schlang er einen Arm um Ginny und zog sie auf die Tanzfläche. Sein Kinn auf ihren Kopf gelegt, während sie sich zur Musik wiegten, sah er, wie Ron und Hermine sich zu ihnen gesellten. Die Musik wäre vielleicht nicht seine erste Wahl gewesen und ihr Aufenthaltsort ließ ganz sicher zu wünschen übrig. Doch es machte ihm nichts aus. Das, das war, warum er kämpfte. Momente wie diese, mit seinen Freunden zusammen zu sein... seiner Familie... das war alles wert, was Voldemort ihm entgegenschleudern könnte. Er würde mit allem kämpfen, was er hatte, um Augenblicke wie diesen möglich zu machen.
Als der September verstrich und das Wetter merklich kühler wurde, kam das Ereignis, vor dem Harry es so grauste. Seine erste Okklumentik- Stunde mit den Malfoys stand an. Er traf sich mit Remus in einem kleinen Raum im zweiten Stock und nahm Platz, um auf die Ankunft von Narzissa und Draco zu warten.
Er und Remus begrüßten einander herzlich. Doch eine unbehaglich Stille legte sich auf den Raum, sobald sie sich niedergelassen hatten. Harry wusste, dass der Orden die Okklumentik- Stunden für wichtig hielten, doch er hatte auch den Verdacht, dass einige von ihnen versuchen könnten, die Malfoys zu benutzen, um zu erfahren, was Harry trieb. Harry konnte nicht anders als Enttäuschung darüber zu verspüren, dass Remus mitspielte. Er versuchte sich zur Vernunft zu rufen und Remus' Standpunkt nachzuvollziehen, wie Hermine gedrängt hatte. Doch wenn er zuließ, dass die Dunkelheit seine Gedanken einnahm, flüsterte sein Geist, dass Sirius nie so gehandelt hätte.
„Ich muss sagen, ich war positiv überrascht, dass du eingewilligt hast, Harry. Ich hätte es nicht erwartet", sagte Remus.
Harry zuckte die Achseln. „Ich denke nicht, dass es die richtige Lösung ist, aber ich bin bereit, es auf einen Versuch ankommen zu lassen." Er wich Remus' Blick aus.
„Ich verstehe dein Zögern, Harry", sagte Remus sanft.
„Wirklich? Verstehst du wirklich, was du da von mir verlangst, Remus? Dieselben Gefühle, die zwischen den Herumtreibern und Snape herrschten, während ihr in der Schule wart, bestehen zwischen Malfoy und mir. Hättest du Snape damals in deine Gedanken und Erinnerungen gelassen? Hätten Sirius oder mein Dad es getan? Vor allem, wenn ihr etwas Bestimmtes hättet, dass ihr vor ihm verbergen wollt?", verlangte Harry zu wissen. Der Zorn brach allmählich durch.
Remus seufzte schwer und ließ den Kopf hängen. „Professor Dumbledore war sich sicher gewesen, dass Okklumentik dir letztes Jahr helfen würde. Er hat seine Meinung nur auf Severus' Rat hin geändert. Jetzt wissen wir, dass Snape nicht vertrauenswürdig war. Ich glaube nicht, dass er sich Mühe gegeben hat, dich zu unterrichten. Wenn Severus nicht wollte, dass du es richtig beherrschst, dann ist es umso wahrscheinlicher, dass es dich beschützen kann. Es ist zumindest einen weiteren Versuch wert. Ich verstehe, was du fühlst, Harry. Aber ich halte es für das Beste."
„Das weiß ich", sagte Harry leisen, ein unangenehmes Ziehen im Bauch. „Ich bin dazu bereit, ein paar Gegenleistungen zu bringen, um den Orden zufrieden zu stellen."
„Was genau soll das heißen?", fragte Remus scharf.
Endlich hob Harry den Blick zu Remus' Augen. „Das heißt, dass ich ein paar eigene Vorkehrungen getroffen habe."
Remus runzelte die Stirn, doch die Tür schwang auf und unterbrach ihre Unterhaltung. Draco Malfoy stolzierte selbstsicher in den Raum und schenkte Harry ein amüsiertes Grinsen, das sofort Harrys Wut entfachte. Narzissa folgte ihrem Sohn, ihre Nase arrogant in die Luft gestreckt. Sie trug fließende mitternachtsblaue Gewänder und wischte ihren Stuhl ab, bevor sie sich setzte.
„Also, du willst die feine Kunst der Okklumentik erlernen, Potter?", fragte Malfoy. Er schnaubte, behielt dabei jedoch das irritierende Grinsen im Gesicht. „Ich bezweifle stark, dass du die nötige Gerissenheit dazu besitzt. Schließlich neigt ihr Gryffindors dazu, das Herz auf der Zunge zu tragen."
„Na na, Draco", sagte Narzissa. „Lass uns ihn nicht entmutigen, bevor wir überhaupt angefangen haben." Obwohl sie ihren Sohn zu tadeln schien, tat Narzissa es offensichtlich mehr amüsiert als missbilligend.
„Draco, Narzissa", begrüßte Remus und nickte ihnen zu.
„Das ist alles", sagte Narzissa und wedelte ihre Hand, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. „Mein Sohn und ich können jetzt übernehmen."
„Eigentlich werde ich bleiben, um zuzuschauen", erwiderte Remus freundlich.
Narzissa Nasenflügel bebten. „Okklumentik bedarf großer Anstrengung und Konzentration. Mein Sohn soll sich um einen Werwolf- Angriff sorgen müssen, während er es versucht."
„Ich verstehe deine Bedenken, aber wir sind keineswegs in der Nähe vom Vollmond", sagte Remus milde. „Ich versichere dir, dass ihr in Sicherheit seid."
„Was soll das heißen?", schaltete sich Harry zornig ein. „Malfoy ist hier in sehr viel geringerer Gefahr vor Remus als wir vor ihm."
„Das reicht, Harry", beschwichtigte Remus. Seine beiläufige Akzeptanz der Art und Weise, in der die Malfoys ihn behandelten, machte Harry wütend. Er ballte die Fäuste, um sich davor zusammenzureißen, den alten Freund seines Vaters durchzuschütteln.
„Oh, ja. Natürlich verteidigst du die Kreatur", sagte Narzissa und nahm so weit wie möglich von Remus entfernt Platz.
„Mach dir keine Sorgen, Mutter. Ich war gezwungen, Lupins Anwesenheit für ein ganzes Jahr zu ertragen, als er in Hogwarts unterrichtet hat. Und es ist mir gelungen, einem Anschlag zu entgehen. Ich werde schon mit ihm fertig", sagte Malfoy und feixte.
„Danke dafür, Draco." Remus verdrehte die Augen. „Nun, ich glaube, wir sind für Okklumentik hier."
Harry war erfreut zu sehen, dass Remus Irritation endlich zum Vorschein gekommen war.
„Das ist richtig. Draco ist ein hervorragender Okklumentiker. Ich glaube zu wissen, dass du bereits Instruktionen erhalten hast?", fragte Narzissa. Ihre eisblauen Augen nagelten Harry auf seinen Stuhl.
„Ja, von Snape", spie Harry. „Er meinte aber, ich sei ein hoffnungsloser Fall."
„Das klingt ganz nach Severus", antwortete Narzissa. Der Schatten eines Lächelns berührte ihre Lippen.
„Ich habe es nach meinem fünften Jahr aufgegeben. Ich sehe wirklich keinen Sinn darin", fuhr Harry fort.
„Ja, nun, ihr habt Snape nie wirklich gut beurteilt, oder nicht?", höhnte Malfoy. „Ihr habt tatsächlich gedacht, dass er auf eurer Seite steht."
„Ich nicht. Ich habe ihm nie vertraut", widersprach Harry und biss die Zähne zusammen.
„Eine Schande, dass du ihn nie überführen konntest", versetzte Malfoy grinsend.
Harrys Blut kochte. Es bedurfte all seiner Selbstbeherrschung, Malfoy nicht an Ort und Stelle zu verfluchen. Tatsächlich zuckte sein Zauberstab schon in seiner Hand.
„Meine Mutter und ich sind beide ausgebildete Okklumentiker. Wir werden zusammenarbeiten, um herauszufinden, wozu du fähig bist. Dann lassen wir dich wissen, ob es Hoffnung gibt", verkündete Malfoy hämisch. Offensichtlich weidete er sich daran, in einer Machtposition über Harry zu stehen.
Harry konnte es nicht erwarten, ihn von seinem hohen Ross herunterzustürzen, selbst wenn es bedeutete, dass er dafür Okklumentik durchleiden musste.
„Nur du und deine Mutter?", fragte Harry. Seine Neugier übermannte ihn. „Was ist mit deinem Vater. Ist er ebenfalls ausgebildet?"
Dracos Miene verfinsterte sich und Narzissa senkte den Blick. „Nein. Er hat nie einen Sinn darin gesehen, seine Gedanken zu verschleiern", sagte Draco bitter.
„Draco, das reicht", unterbrach Narzissa. Und diesmal klang sie wirklich wütend. „Warum fangt ihr nicht an? Ich werde zusehen."
Harry holte tief Luft und stellte sich in die Mitte des Zimmers, Malfoy wachsam anschauend. Sein Zauberstab fühlte sich in seinen schwitzigen Händen glitschig an. Aber er rang damit, seine Nerven unter Kontrolle zu behalten.
Malfoys graue Augen funkelten gefährlich.
„Atme tief, Potter. Entspann deinen Körper, während du eine feste Steinwand in deinem Geist zeichnest. Konzentriere dich auf nichts anderes als auf die Steinwand", wies Narzissa an, was Harry überraschte. Das war die erste tatsächliche Instruktion, die er jemals erhalten hatte, bezüglich, wie er seine Gedanken verdrängen konnte.
Er holte tief Luft und schloss die Augen, während er sich den kalten Stein des Kamins in der Hütte vorstellte, in der Onkel Vernon mit ihnen untergetaucht war, um Harrys Hogwarts- Briefen zu entgehen.
„Legilimens", rief Malfoy.
Harrys Sichtfeld verschwamm. Die Steinwand, die er so sorgfältig errichtet hatte, brach in seinem Geist zusammen.
Er befand sich in der Hütte auf dem Meer, auf dem Boden liegend in dem Versuch, trotz der Kälte zu schlafen, während Dudley auf der Couch über ihm schnarchte...
Er saß in Dumbledores Büro nach der Dritten Aufgabe, zitternd, mit Fawkes auf den Knien. Er war so müde. Ihn verlangte nichts mehr als zu schlafen, nichts zu denken und zu fühlen...
Er und Professor Dumbledore saßen bei Professor Slughorn. Der rundliche, pensionierte Zaubertrankmeister beharrte, dass er nicht nach Hogwarts zurückkehren wolle, dass er zu alt und gebrochen sei...
Er küsste Ginny auf der Couch in ihrem magischen Zelt und war in dem Moment gefangen. Seine Hand glitt unter ihr Shirt, um die köstliche warme Haut ihres Rückens zu fühlen...
„Genug!", brüllte Harry und zwang Malfoy endlich aus seinen Gedanken, erzürnt. „Das ist privat." Er war erschöpft und keuchte schwer. Er schaffte es gerade so, stehen zu bleiben.
„Keine Sorge, Potter. Es könnte mich nicht weniger interessieren, was du mit Weaslette anstellst, aber es hat dazu geführt, dass du dich endlich gewehrt hast. Warum hast du mich die anderen Erinnerungen sehen lassen?", fragte Malfoy belustigt. Ein dünner Schweißfilm glitzerte auf seiner Stirn, doch ansonsten schien er ungerührt.
„Was ist passiert, Draco? Wie hat er sich gemacht?", erkundigte sich Narzissa, während sie träge mit den Fingern auf den Stuhl trommelte.
„Ich konnte ohne viel Widerstand einbrechen", erwiderte Draco schadenfroh. „Sein erbärmlicher Versuch von einer Wand ist fast auf der Stelle zusammengebröckelt. Ich habe Potter als Kind gesehen, mit einem fetten Lümmel in einer zugigen kleinen Hütte. Die nächste Szene war in Dumbledores Büro. Es schien ziemlich angespannt gewesen zu sein. Potter sah schrecklich aus und Sirius Black war dort."
Bei der Erwähnung von Sirius' Namen schoss Remus' Kopf in die Höhe.
„Ach ja. Dein lieber, verschiedener Pate", sagte Narzissa. Ihre Stimme troff vor falschem Mitleid. „Wie tragisch. Hast du die Erinnerung erkannt, Potter?"
Harry nickte steif. „Es war nach der Dritten Aufgabe."
„Eine andere Erinnerung zeigte ihn, Dumbledore und Slughorn. Es schien, als versuchte Dumbledore Slughorn zu überreden, nach Hogwarts zurückzukehren. Aber warum warst du dort, Potter?", wollte Malfoy wissen. Seine Augen verengten sich.
Harry zuckte die Achseln. „Professor Dumbledore hat gesagt, er müsse etwas erledigen, während wir auf dem Weg woandershin waren. Warum warst du überhaupt so interessiert an meinen Erinnerungen von Professor Dumbledore?", fragte Harry misstrauisch.
Malfoy zuckte mit den Schultern. „Das waren die ersten Erinnerungen, über die ich gestolpert bin, Potter. Entweder sind sie vor kurzem in deinen Gedanken erschienen oder es war reiner Zufall. Dein Geist ist schließlich ein offenes Buch. Der Dunkle Lord wird dich in Nullkommanichts zu Hackfleisch verarbeiten."
„Das reicht", schnauzte Remus. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag tönte eine Spur von Verärgerung aus seiner Stimme. Doch Harry war sich der Ursache nicht sicher.
„Sonst noch etwas, Draco?", fragte Narzissa. Sie schien sich ganz offensichtlich großartig zu amüsieren.
„Eine Knutschsitzung zwischen Potter und dem Weasley- Mädchen. Ich weiß nicht, wo sie waren, aber es sah aus, als hätte er sehr viel Spaß daran. Bei dieser Erinnerung hat er es endlich geschafft, mich rauszudrängen", sagte Draco gedehnt.
„Das wird nicht funktionieren, wenn Potter sich schon Sorgen darüber macht, dass du Dinge findest, die du nicht sehen sollst, Draco. Halte dich von Erinnerungen an seine Freundin fern. Ich möchte ohnehin nicht, dass du das zu Gesicht bekommst", erwiderte Narzissa verächtlich. „Versuch es wieder und halte dich an Gedanken, bei denen ihr jünger wart – euer erstes Jahr in Hogwarts, vielleicht als ihr beide zusammen wart. Ist das weniger beängstigend, Potter?"
Harry knirschte mit den Zähnen. Er wollte Malfoy von all seinen Erinnerungen fernhalten, ließ jedoch nicht seine Unschlüssigkeit zum Vorschein kommen. Er würde Malfoy keinen Anlass geben zu glauben, dass er ihm Furcht einflößte.
„Na schön", brachte er hervor, seinen Kiefer so fest verkrampft, dass er schmerzte.
Remus schien zu zögern, doch er nahm wieder Platz und gestattete ihnen fortzufahren.
„Arbeite wieder an der soliden Steinwand, Potter. Mach sie diesmal stärker, festige sie. Benutze sie als Schild", sagte Narzissa. „Draco."
„Legilimens."
Er war zum ersten Mal in Madam Malkins Laden, ein nervöses Gefühl im Magen. Malfoy stand auf dem Stuhl neben ihm und stellte ihm Fragen zu Häusern, Quidditch und verschiedenen anderen Dingen, von denen Harry keine Ahnung hatte. Er hatte das entfernte Gefühl, dass er diesen Jungen nicht leiden konnte...
Sie waren in Hogwarts zu ihrer ersten Flugstunde. Malfoy hatte Nevilles Erinnermich geklaut und forderte Harry heraus. Harry hatte noch nie zuvor auf einem Besen gesessen, doch er würde den Blondschopf nicht davonkommen lassen...
Er war in seinem Schrank eingeschlossen, gelangweilt und unglaublich hungrig. Er konnte sich nicht entsinnen, wie lange er dort gewesen war. Doch er wusste, dass es eng und unbequem war und dass es ihn danach verlangte, die Beine zu strecken. Wenn er nur etwas zu essen finden könnte...
Dudley und seine Kumpels Piers und Malcolm jagten ihn von der Schule nach Hause. Sie waren immer der Meinung, Harry zu jagen sei die beste Möglichkeit sich abzureagieren. Harry hatte sich seinen Fuß verstaucht, als er über einen Zaun gesprungen war. Sein Herz pochte laut in seiner Brust aus Furcht, gefangen zu werden. Sie hatten ihn in diesem Monat kein einziges Mal erwischt und dürsteten nach Rache...
Malfoy strauchelte leicht, als er endlich herausgedrängt wurde. Harry fiel auf die Knie, schweißgebadet, keuchendund mehr als gedemütigt, dass Malfoy diese Erinnerungen gesehen hatte. Merlin, wie ich das hasse. Es ist eine bescheuerte Idee.
„Harry, geht es dir gut?", erkundigte sich Remus alarmiert und eilte herüber, um ihm aufzuhelfen.
Harry fühlte sich zittrig, ihm war übel. Und seine Narbe brannte auf seiner Stirn. Abwesend rieb er sie, während er versuchte, seine Übelkeit zu bezähmen.
„Was ist passiert, Draco?", fragte Narzissa verblüfft.
Malfoy zuckte die Achseln und starrte Harry mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an. „Ich habe keine Ahnung. Ich habe nur ein paar Kindheitserinnerungen gesehen. Ich weiß nicht, warum es ihn so schlimm berührt."
„Tut dein Kopf weh, Harry?", fragte Remus, seinen Blick bedeutsam auf Harrys Narbe gerichtet.
Harry versuchte zu nicken, ließ es jedoch rasch sein, als das Zimmer sich zu drehen begann. „Ja", flüsterte er. „Das erste Mal seit langer Zeit."
„Ich denke, es reicht für heute", entschied Remus, wobei er Harry nicht aus den Augen ließ.
„Ich wusste nicht, dass Potter Migräne hat", höhnte Malfoy. „Natürlich kann Okklumentik sie auslösen. Ich bin überrascht, dass Snape es dir nicht gesagt hat. Das ist höchstwahrscheinlich der Grund, warum du sie nie beherrschen konntest. Menschen, die unter Migräne leiden, können es selten."
„Ich habe keine Migräne", sagte Harry mit knirschenden Zähnen. Er wünschte, sie würden alle den Mund halten, bis sein Kopf aufhörte zu pochen.
„Wie du meinst." Malfoy feixte, obwohl sein Gesichtsausdruck nicht die gewohnte Rachsucht aufwies.
„Schön. Wenn es nicht Migräne ist, können wir es in ein paar Tagen noch einmal versuchen", sagte Narzissa. Sie drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte aus dem Raum, gefolgt von Malfoy.
„Kann ich dir irgendetwas bringen, Harry?", erkundigte sich Remus und drückte Harrys Schulter.
„Nein. Mir wird es wieder gut gehen, wenn ich mich eine Weile aufs Ohr gelegt habe. Sag den anderen einfach, ich komme später herunter", flüsterte Harry.
„Also gut. Irgendwann würde ich aber gerne mit dir besprechen, was du mit Vorkehrungen gemeint hast", sagte Remus und half ihm auf.
Harry grunzte.
Behutsam stieg er die Treppe zu seinem Zimmer hoch, sich alt und müde fühlend. Sein Kopf schmerzte, wie er es seit einem Jahr nicht mehr getan hatte, und es beunruhigte ihn. Er öffnete die Tür und schlüpfte hinein, wobei er im Spiegel an der Tür einen Blick auf sein blasses Gesicht erhaschte.
Seinen Koffer öffnend, holte er vorsichtig das Denkarium hervor, das Professor Dumbledore ihm hinterlassen hatte. Eine nach der anderen zog er langsam weiße Fäden von Erinnerungen aus dem Denkarium und ließ sie wieder in seinen Geist fließen.
Weder Malfoy noch der Orden hatten in dieser Nacht etwas von den Horkruxen erfahren. Und solange er wachsam blieb, würde es auch so bleiben.
