Kapitel 15 – Noch ein langer Weg (Teil 2)

Harrys Welt drehte sich. Sein Sichtfeld verblasste und festigte sich wieder. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was um ihn herum geschah. Er konnte Schreie hören, doch sie klangen seltsam – verzerrt – als ob sie von dem Inneren seines Kopfes und gleichzeitig auch von irgendwo in der Nähe kamen. Er konnte kalten Stein unter seinen Händen spüren, der sich schmutzig anfühlte, doch es haftete auch etwas sehr Unnatürliches daran, das Harry nicht behagte. Er vermutete, dass er am Boden war, konnte sich aber nicht daran erinnern, wie er dorthin gelangt war. Er wünschte, dass das Schreien aufhörte – es verwirrte ihn, er konnte nicht denken.

Er bewegte seinen Arm, suchte nach seinem Zauberstab, fand ihn jedoch nicht. Er brauchte einen Patronus, konnte es aber nicht ohne einen Zauberstab. Er versuchte es trotzdem. Vergeblich.

Ihm war übel. Er krümmte sich zusammen und versuchte weiter, die Dunkelheit zu bekämpfen, die ihn zu übermannen drohte. Etwas warnte ihn, dass es wirklich schlecht um ihn stünde, wenn er jetzt nachgab. Das Schreien wurde immer lauter und andere Stimmen gesellten sich zu dem Chaos in seinem Geist. Er glaubte, Malfoy hören zu können, doch das machte keinen Sinn. Malfoy konnte doch niemals in Godrics Hollow sein.

Lily, nimm Harry und lauf! Er ist es!"

Da waren Schritte. Er konnte jemanden rennen hören und jemand anderes brüllte etwas, das er nicht verstehen konnte. Er sah Farben hinter seinen geschlossenen Augenlidern aufblitzen und wusste, dass Flüche abgefeuert wurden. Sirius fiel durch den Schleier. Ein heller Blitz von grünem Licht traf Professor Dumbledore und warf ihn vom Astronomieturm.

Etwas Kaltes und Faulriechendes berührte sein Gesicht. Sein Körper schüttelte sich, als er davon wegzukriechen versuchte. Er wusste, dass er panisch sein sollte, doch er war so müde und konnte sein Gehirn einfach nicht dazu bringen zu arbeiten...

Nicht Harry! Nicht Harry! Bitte – Ich tue alles – "

Geh zur Seite. Geh zur Seite, Mädchen!"

Nicht Harry!"

„Harry! Harry!"

Jemand schüttelte ihn und schlug ihm ins Gesicht. Er wand sich und versuchte, sich loszureißen, doch sein Körper war einfach zu schwach. Sein Kopf fiel auf die Seite. Er hörte jemanden etwas rufen – die Stimme einer Frau, die er kannte, aber nicht einordnen konnte. Andere Stimmen antworteten, als ob sie ihnen Befehle erteilt hätte.

Harry versuchte, an der Wirklichkeit festzuhalten, doch seine Gedanken entglitten ihm immer wieder, als wären sie Wasser zwischen seinen Fingern. Jemand stellte ihn auf die Füße und schlang ihm einen Arm um die Hüfte. Seine Beine wollten sein Gewicht jedoch nicht halten und beinahe stürzte er wieder zu Boden.

„Komm, Harry. Ich bringe dich hier raus", sagte Ron in sein Ohr.

Ron hat mich – Das hätte ich wissen müssen.

Ron bellte jemandem etwas zu, doch Harry konnte seine Worte nicht verstehen. Das Schreien hatte aufgehört, aber seine Zähne klapperten immer noch unkontrolliert. Er hörte eine schleppende Erwiderung, bevor eine Person seinen anderen Arm packte und ihn mit sich zog. Seine Beine fegten nutzlos über den Boden.

Als sie endlich stehen blieben, legten sie Harry auf etwas, das nicht weich, aber definitiv bequemer als der Boden war. Jemand hielt seinen Kopf und versuchte, ihm etwas in den Mund zu schieben. Harry biss instinktiv die Zähne aufeinander und wollte seinen Kopf wegdrehen.

„Entspann dich, Harry. Das ist Schokolade", sagte Tonks sanft und strich ihm die Haare aus der verschwitzten Stirn. „Da fühlst du dich gleich besser. Hier, Draco. Iss auch etwas."

Harry öffnete mühsam die Augen und nahm einen Bissen von der Schokolade, die Tonks ihm entgegenhielt. Als sein Sichtfeld sich langsam klärte, realisierte er, dass er zurück in dem Raum war, in dem Moody und Ron gewartet hatten. Die Schokolade zeigte seine Wirkung und Harry fühlte sich etwas besser. Er nahm die Tafel von Tonks entgegen und setzte sich auf.

Die Kühle ebbte allmählich ab, obwohl er immer noch das Gefühl hatte, als erholte er sich gerade von einer furchtbaren Grippe. Seine Handflächen waren zerkratzt und blutig und seine Knie wohl ebenfalls. Er musste die Schokolade mit seinen Fingerspitzen berühren, um sie nicht mit Blut zu beschmieren.

Er konnte Malfoy neben ihm sitzen sehen, zitternd und blass, aber immer noch mit finsterem Blick. Er knabberte ebenfalls an einer großen Tafel Schokolade. Tonks saß den beiden Jungen gegenüber, ihr Blick huschte zwischen ihnen hin und her. Ihr Gesicht war schmutzverschmiert und ihr Haar wirkte mehr grau als rosa.

„Was ist passiert?", wollte Harry fragen, doch konnte er die Worte nicht ganz hervorbringen. Ron hob Harrys schlaffe Hand mit der Schokolade in die Höhe und schob sie zu seinem Mund, um ihn zu ermutigen, einen weiteren Bissen zu nehmen.

„Ich weiß nicht, was sie dazu getrieben hat, sich so aufzuführen. Sie haben früher noch nie Besucher angegriffen", sagte Tonks zitternd. „Ich war auf dem Weg nach unten, um nach euch zu sehen, als ich Draco schreien hörte. Der Überwacher im Dienst wird das Ministerium informieren, dass die zurückgebliebenen Dementoren unsicher sind."

„Wir haben gerade die Zelle meines Vaters verlassen, als diese Dinger auf uns zu gekommen sind. Glauben Sie nicht, dass das Ministerium nicht auch von mir zu hören bekommt. Die Sicherheit in dieser Einrichtung ist erbärmlich", spie Draco. „Ich hätte getötet werden können, so lange wie Sie gebraucht haben, um diese Dinger von mir zu entfernen."

„Reg dich ab, Junge. Dich wollten sie gar nicht", brummte Moody. Sein magisches Auge blieb auf Harry liegen. „Sie sind direkt über dich rüber gestiegen, um zu Potter zu kommen."

Harrys Augen weiteten sich. Alles war für ihn wie in einen dichten Nebel gehüllt. Er sah, wie Malfoy sich zurücklehnte und bockig die Arme vor der Brust verschränkte.

„Potter war nutzlos", höhnte Malfoy. „Als was für ein e

Held du dich herausgestellt hast. Du bist wieder umgefallen, sobald sie auf uns zugekommen sind. Sicherlich sind sie unangenehm, aber warum beeinträchtigen sie dich so sehr? Was hast du gesehen?"

„Ich höre meine Eltern schreien, während Voldemort sie umbringt", blaffte Harry. Sein Kopf pochte.

Selbst Malfoy hatte den Anstand, verlegen zu wirken.

Harry war beschämt und außerordentlich irritiert von sich und Malfoy. Er wusste nicht, was ihn geritten hat, das zu sagen. Er konnte nicht klar denken. Er musste seine Konzentration wiedererlangen, wenn er nach den Horkruxen suchte. Er wandte sich von den mitfühlenden Blicken der anderen ab und stopfte sich ein Stück Schokolade in den Mund.

„Warum stürzen die Dementoren sich überhaupt direkt auf Harry?", wollte Ron neugierig wissen. Harry war dankbar, dass er die Aufmerksamkeit von ihm ablenkte.

„Höchstwahrscheinlich weil er ein wandelndes Festmahl für sie darstellt, bei all dem Mist, das er durchlebt hat", sagte Moody kurz. „Ich will nicht den ganzen Tag hier herumsitzen. Wir stehen uns hier nur die Beine in den Bauch. Lasst uns zum Lagerabteil gehen und holen, was du brauchst, damit wir endlich hier rauskommen."

„Da schließe ich mich an", sagte Harry und stand, auf Rons Arm gestützt, auf. „Ich will auch von hier verschwinden."

„Hast du Glück mit deinem Vater gehabt, Draco?", erkundigte sich Tonks, den Kopf schief gelegt.

Malfoy wandte den Blick an. „Nein."

Tonks starrte ihn einen Moment lang an, entschied aber, ihn in Ruhe zu lassen. Sie tätschelte Malfoy sanft die Schulter, als sie an ihm vorbeiging. „Also gut. Das Lager ist im zweiten Stock. Folgt mir."

„Warte eine Minute", sagte Harry, über den Treppenabsatz hinwegschauend, auf dem Tonks stand. Er fühlte sich schwach und erschöpft, doch er war sich durchaus bewusst, dass Tonks bestrebt war, sie von dem Stock zu scheuchen. „Wozu dient dieser Raum da unten?"

Abseits von den anderen Zellen befand sich eine weitere, die weiter den Gang hinunter lag.

„Es ist nur eine Zelle, die nicht länger benutzt wird", erwiderte Tonks. Ihr Blick wirkte gehetzt.

„Warum nicht?", wollte Ron wissen.

„Was macht das für einen Unterschied?", schaltete sich Draco ein. Seine Augen huschten nervös zu den anderen Zellen. „Lasst uns hier rauskommen."

„Du hast doch gesagt, dass das der Hochsicherheitsflügel ist, richtig? Hier halten sie die gefährlichsten Insassen", sagte Harry.

Tonks nickte. „Ja, deshalb sollten wir gehen", erwiderte sie. Sie nahm Harry am Arm und versuchte, ihn zur Treppe zu dirigieren.

Harry riss sich los und begann, den Gang hinunter zu gehen, sich an der Wand entlang tastend. „Und das ist die Zelle, aus der ein Gefangener geflohen ist. Deshalb benutzen sie sie nicht mehr", flüsterte er.

„Harry, tu dir das nicht an", bat Tonks.

Rons Augen weiteten sich, als er endlich realisierte, wer die Zelle einst besetzt hatte. „Harry, wir haben anderes zu tun", sagte er leise.

„Ich weiß", erwiderte Harry, blieb jedoch nicht stehen. „Ich muss sie aber sehen. Er hat zwölf Jahre hier verbracht und wenn ich sie nicht wenigstens sehe, wird es niemals jemand wissen."

Er erreichte die Zelle und blieb vor der Tür stehen. Seine Beine schienen ihn nicht mehr tragen zu wollen. Er schluckte schwer, während er die Öffnung anstarrte und seine Füße langsam vorwärts schleppte. Die Zelle war bedrückend klein und sehr dunkel – erbärmlich. An der Wand stand ein einzelnes Feldbett und Harry konnte geradeso die grobe Skizze eines Hundes, eines Wolfes und eines Hirsches ausmachen, die in den Stein eingeritzt war.

Ein dicker Knoten formte sich in Harrys Kehle, als er sich vorstellte, wie verlassen und einsam Sirius sich gefühlt haben musste. Er war in diesem kleinen Raum gefangen gehalten worden, der nicht viel größer war als ein Besenschrank. Die Ähnlichkeit belustigte ihn keineswegs. Zwölf Jahre. Zwölf vergeudete Jahre...

Rons Hand auf seiner Schulter brachte Harry zurück in die Gegenwart. Er blinzelte, um seine Augen zu klären, und riss sich zusammen. Sie folgten Tonks zurück zur hell erleuchteten Treppe. Während sie gingen, stützte Harry sich schwer auf Ron. Ihn verlangte nichts mehr, als auf dem kalten, kleinen Boot zurückzufahren, so dass er seine Augen schließen und eine Weile schlafen konnte. Er hoffte, dass Dungs Sachen leicht zu finden waren.

„Potter, wenn du nicht schneller machen kannst, dann geh mir wenigstens aus dem Weg", sagte Malfoy und drängte sich an Harry und Ron vorbei. „Ich will aus diesem widerlichen Gebäude raus."

„Kümmere dich nicht um ihn", sagte Ron zu Harry. „Er hat sich beinahe nass gemacht, als Moody und ich gekommen sind. Obwohl, wir hatten Glück, dass er wie ein kleines Mädchen schreit. Sonst hätten wir vielleicht nie erfahren, dass ihr in Schwierigkeiten seid", fügte er hinzu. Laut genug, dass Malfoy ihn hörte.

Der Blondschopf ignorierte ihn und eilte hinter Tonks die Treppe hinunter.

„Lass ihn in Ruhe", murmelte Harry matt. „Er rastet nur aus, weil sein Vater ein echtes Ekel war."

Ron plinkerte mit den Augen. „Du verteidigst Malfoy?", fragte er ungläubig.

„Nein", sagte Harry hastig. „Ich halte ihn immer noch für einen jämmerlichen kleinen Feigling. Er hatte nur einen harten Morgen."

„Ja, während du diesen Ort superlustig findest, was?", entgegnete Ron.

„Sei nicht albern", murmelte Harry. Er wollte seinem Kumpel dieses Grinsen aus dem Gesicht schlagen, fürchtete jedoch, dass er es ohne ihn nicht zum Lager schaffen würde.

Als Tonks endlich stehen blieb, stand sie vor einer dicken Stahltür. Mit ihrem Zauberstab schloss sie auf und musste sich mit dem ganzen Körper dagegen drücken, um sie halb auf zu stoßen. Harry starrte mit offenem Mund hinein. Dort standen Reihen über Reihen von wahllosen Gegenständen – das meiste Kleidungsstücke – alles in Kästen verstaut. Es schien nicht die geringste Ordnung in dem Raum vorzuherrschen.

„Meistens wenn die Leute entlassen werden, wollen sie einfach nur gehen", sagte Tonks und hob entschuldigend die Schultern. „Die Kästen sind nach der Zellennummer beschriftet. Dungs ist 3-R."

„Bist du verrückt? Es wird ewig dauern, uns hier durchzuwühlen", rief Ron entsetzt.

Tonks schürzte die Lippen. „Es kommt noch schlimmer. Ich kann jedes Mal nur einen von euch mit hineinnehmen."

Harrys Herz sank. Es sah nicht so aus, als würde er Azkaban bald verlassen können.


Die Abendessenszeit rückte unaufhaltsam näher und es hatte immer noch keine Nachricht aus Azkaban gegeben. Ginny konnte die Spannung förmlich spüren, die von den Erwachsenen ausging, was nicht gerade zur Beruhigung ihrer Nerven beitrug. Hermine hatte ihre Bücher zusammengesammelt und sich auf den Treppenabsatz über der Eingangshalle zurückzogen, mit niemanden auch nur ein Wort sprechend.

Remus lief wie ein eingesperrtes Tier auf und ab. Ginny hatte gehört, wie er Bill sagte, dass Tonks ihnen inzwischen eine Nachricht hätte zukommen lassen sollen. Er war besorgt. Tonks reguläre Schicht neigte sich dem Ende zu. Wenn sie kurz danach nicht auftauchten, plante Remus, sich auf die Suche nach ihnen zu machen. Ginny hatte es noch nicht verraten, doch wenn dies geschehen sollte, würde sie mit ihm gehen. Weder ihre Mutter noch irgendjemand anderes würde sie aufhalten können. Sie konnte dieselbe Entschlossenheit in Fred und Georges Augen aufblitzen sehen.

Nachdem sie Mrs. Parkinson in ihr Zimmer geführt hatten, waren ihre Mutter und Professor McGonagall in die Küche verschwunden. Eine von beiden brachte gelegentlich Tee in die Wohnstube. Doch ansonsten ließen beide sich nicht blicken. Ginny hatte den entfernten Eindruck, dass sie sich über Mrs. Malfoy und Mrs. Parkinson beschwerten, während die anderen beiden Frauen im Obergeschoss wahrscheinlich dasselbe taten.

Iris hatte die Wohnstube kurz nach Hermines Wutausbruch verlassen, doch Pansy war in ihrem Sessel geblieben. Sie döste immer wieder ein, schien jedoch entschlossen, auf Dracos Rückkehr zu warten. Ihre kleinen schwarzen Augen funkelten alle an, wann immer sie wach war.

Ginnys Nerven standen auf Hochspannung. Ihre Brüder schienen es zu spüren und gingen ihr aus dem Weg. Immer wieder stellte sie sich alle möglichen Schreckenssituationen vor und war zur gleichen Zeit besorgt und wütend, dass keiner der vermissten Gruppe sich die Mühe gemacht hatte, eine Eule zu schicken. Wenn Harry zurückkam, wollte sie ihn sowohl küssen als auch erwürgen. Dummer, edelmütiger Trottel...

Als die schwere Eingangstür endlich aufschwang, war Ginny so verloren in ihren eigenen Gedanken, dass sie sie anfangs nicht hörte. Hermine jedoch schon. Sie war schon die halbe Treppe hinabgelaufen, bevor Ginny ihr nacheilte. Als Sportlichere von ihnen überholte Ginny sie schnell und gelangte in die Eingangshalle, als Moody die Tür schloss und versiegelte.

Tonks führte die erschöpfte und ausgelaugte Gruppe hinein. Harry sah besonders grauenhaft aus. Seine Augen suchten sofort nach Ginny und als er sie fand, kehrte etwas Farbe in seine Wangen zurück. Ginnys Herz wurde weicher, während sie sich auf ihn zu bewegte. Sie schlang ihre Arme um ihn und half ihm zu einem Sessel, erschrocken, dass er sich so schwer auf sie stützte. Nur die Tatsache, dass er ihre Hilfe annahm, zeigte ihr, wie müde er tatsächlich war.

„Ron!", rief Hermine und warf die Arme um ihn, worauf er, aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelte. „Wo seid ihr gewesen? Was ist passiert? Geht es dir gut?"

„Ganz ruhig, Hermine", beschwichtigte Ron. Er schloss sie in seine langen Arme und drückte sie fest an sich. Er versuchte zu lächeln, doch es wirkte eher wie eine Grimasse. „Uns geht es gut. Bin nur froh, dort rausgekommen zu sein."

Hermine wollte nicht loslassen und führte Ron zu dem Sessel neben Harry.

„Draco!", quiekte Pansy vom oberen Treppenabsatz. Sie rannte die Treppe herunter auf sie zu.

„Pansy?" Auf seinem Gesicht zeigte sich deutliche Verwirrung. Er war blass und seine Schultern hangen herab. Doch Ginny konnte aufrichtige Freude auf seinem Gesicht erkennen. Vielleicht lag ihm dieses unverschämte Slytherin- Mädchen wirklich am Herzen. Wer hätte das gedacht?

„Geht es dir gut?", gurrte Pansy, während sie Draco von den anderen wegführte.

„Was machst du denn hier?", wollte Draco wissen. Seine Stimme klang kratzig und heiser.

„Lange Geschichte. Mutter und Iris sind auch hier. Komm nach oben und gesell dich zu uns. Da erkläre ich dir alles." Sie stiegen die Treppe hinauf. Pansy wandte sich um und warf einen siegesgewissen Blick über die Schulter, als ob sie erwartete, dass alle anderen sich wünschten, Draco fortführen zu dürfen.

Der Rest des Ordens erschien und alle versammelten sich in der Eingangshalle. Remus lief schnell auf Tonks zu und schloss sie in die Arme.

„Was ist passiert?", wollte er wissen, während er sie zu einem Sessel führte.

„Oh, Ron! Harry!", rief Mrs. Weasley, die auf die beiden Jungen zustürmte. Sie hielt vor ihnen inne und musterte sie besorgt. Sie wirkte verloren und fehl am Platz, als sie bemerkte, dass Ginny und Hermine sich bereits über die Jungen beugten und sie umsorgten, wie sie es üblicherweise getan hatte. Ginnys Herz zog sich vor Mitgefühl zu ihrer Mum zusammen, als sie auf deren Gesicht deutlich den Schmerz des Loslassens las.

„Scrimgeour ist passiert", sagte Tonks säuerlich.

„Und Percy", fügte Ron hinzu.

„Percy?", wiederholte Mrs. Weasley mit weit aufgerissenen Augen. „Was hat das mit Percy zu tun? Süßer Merlin. Sie haben ihn doch nicht nach Azkaban eingeteilt, oder?"

„Er war auf Scrimgeours Befehl dort", erklärte Moody mürrisch. Er hob sein hölzernes Bein auf den Schemel, den Mr. Weasley ihm brachte. „Scrimgeour hat ihm einen Stapel von notwendigem Papierkram mitgegeben, der ausgefüllt werden musste, bevor wir gehen durften. Er versucht nur zu erfahren, was Potter dort getrieben hat."

„Wollen wir das nicht alle?", bemerkte Tonks und warf Harry einen Blick zu. „Wir haben Probleme mit den zurückgebliebenen Dementoren. Sie sind unsicher. Sie haben Harry und Draco angegriffen."

„Was meinst du mit angegriffen´?", fragte Remus mit weiten Augen. Er schaute zu Harry, der immer noch schwieg.

Sein Kopf ruhte auf Ginnys Schulter, die Augen geschlossen. Ginny konnte die Spannung in seinem Körper spüren und wusste, dass er jedem Wort lauschte, das gesprochen wurde.

„Zwei von ihnen, die auf einem Rundgang sein sollten, haben Harry und Draco in die Enge getrieben, nachdem sie Lucius' Zelle verlassen hatten. Dracos Schreie haben uns alarmiert, dass etwas nicht stimmte. Weder Draco noch Harry hatten Zauberstäbe bei sich. Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn ich nicht rechtzeitig zu ihnen gelangt wäre", sagte Tonks schaudernd. Sie lehnte sich gegen Remus' Brust und schloss glückselig die Augen, als er ihr über ihr rosafarbenes Haar strich.

„Wir können das Küchenfeuer benutzen, um Kingsley bescheid zu sagen. Er ist im Ministerium heute Abend", schlug Professor McGonagall vor.

„Das Abendessen wartet. Ihr müsst völlig ausgehungert sein", meldete Mrs. Weasley. Die Erwachsenen bewegten sich auf die Küche zu.

Harry, Ron, Hermine und Ginny folgten ihnen nicht, sondern zogen sich in den Raum zurück, den Harry und Ron teilten. Ginny führte Harry sanft zu seinem Bett, wo er darauf zusammenbrach, ohne auch nur seine Jacke auszuziehen.

„War es schrecklich?", erkundigte sich Hermine. Sie half Ron, sich auf sein Bett zu setzen, und ließ sich neben ihm nieder. Sie strich ihm sanft das Haar aus dem Gesicht.

„Es war schlimm", erwiderte Ron. Er ließ seinen Hals knacken, worauf Hermine zusammenzuckte. „Nachdem die Dementoren Harry und Malfoy angegriffen hatten, mussten wir das gesamte Lager auf den Kopf stellen. Es war bis zur Decke mit Müll zugestopft. Es hat Ewigkeiten gedauert und es durfte immer nur einer rein."

„Habt ihr es gefunden?", fragte Hermine, während sie Rons Hand drückte.

Harry grub seine Hand in die Jackentasche und zog das schwere Medaillon hervor, das an einer Kette baumelte. „Wir haben es", sagte er, ohne die Augen zu öffnen. Er setzte sich mühsam auf und lehnte den Kopf gegen das Kopfbrett des Bettes.

Einen Moment lang starrten sie alle schweigend auf den Horkrux, während sie dem Geräusch ihres Atems lauschten.

„Als wir es endlich gefunden haben, mussten wir uns mit Percy herumschlagen", fuhr Ron schließlich fort. „Er hatte diese ganzen Extraformulare und Fragebögen dabei. Er hat jeden von uns sie ausfüllen lassen, obwohl Harry der einzige war, der etwas mitgenommen hat. Tonks war danach ganz schön genervt."

„Tonks? Was ist los mit ihr? Sie schien vorhin ganz schön fertig", fragte Ginny.

„Sobald sie das Medaillon gesehen hat – Percy hat darauf bestanden, dass wir zeigen, was wir mitnehmen wollten – hat sie sich wirklich aufgeregt. Sie dachte, Harry hätte sich beinahe umbringen lassen, nur um dir ein Geschenk mitzubringen." Er zwinkerte Ginny zu, obwohl das Lächeln seine Augen nicht ganz erreichte.

„Jetzt müssen wir also herausfinden, wie wir es zerstören können", sagte Ginny, Rons Stichelei ignorierend.

„Ja. Das ist wohl der nächste Schritt", stimmte Ron zu.

„Ich habe einen Übersetzungszauber gefunden, als ich recherchiert habe. Ich habe ihn an dem rumänischen Buch ausprobiert, aber es funktioniert nicht bei dem Abschnitt über Horkruxe. Es ist fast so, als würde dieser Teil des Buches überhaupt nicht existieren", sagte Hermine. Ihre Frustration war offensichtlich. „Es ist lächerlich. Das einzige Wort, das ich entschlüsseln konnte, ist Objekt, was uns nicht wirklich weiterbringt. Es kommt mehrmals vor, deshalb vermute ich, dass es auf den Gegenstand anspielt, der als Horkrux verwendet wird."

„Ich wünschte, wir könnten Professor Dumbledore fragen", sagte Ron mürrisch. „Das würde es so viel leichter machen."

„Vielleicht können wir das auch", schaltete sich Harry an, die Augen halb geöffnet. „Sein Porträt hängt in McGonagalls Büro in Hogwarts. Ich habe es dort gesehen."

Hermine schüttelte den Kopf. „Es wird davon abhängen, wann das Porträt in Auftrag gegeben worden ist. Wenn es geschehen ist, bevor Professor Dumbledore den Verdacht hatte, dass Voldemort Horkruxe erschaffen hat, wird das Porträt nichts davon wissen."

„Hast du nicht gesagt, dass Professor Dumbledore nicht von ihnen wusste, bis du diese Erinnerung von Slughorn beschafft hast, Harry?", fragte Ginny, erschrocken. „Das würde heißen, das Porträt müsste in den letzten Monaten der Schule entstanden sein."

„Nein", sagte Harry resigniert. „Dumbledore hat von den Horkruxen Verdacht geschöpft, seit ich ihm das Tagebuch gebracht habe – vielleicht sogar schon vorher. Er wusste nur nicht, wie viele."

„Er muss gewusst haben, dass es mehr davon gibt, richtig? Ich meine, Voldemort ist zurückgekommen, nachdem das Tagebuch gefunden wurde, und er hat persönlich nach dem Ring gesucht, bevor du die Erinnerung bekommen hast", sagte Hermine.

Ginny spürte, wie Harry sich versteifte, und stellte fest, dass er seine Augen weit aufgerissen hatte. „Dumbledore ist dem Horkrux lange, bevor wir die Erinnerung von Slughorn beschafft haben, nachgegangen", sagte Harry. „Das habe ich vergessen. Also wusste er, dass es mehr als einen gibt, vielleicht wusste er sogar, dass ich einer bin."

„Er hat vermutet, dass es mehr als einen gibt, Harry. Das hast du selbst gesagt. Slughorns Erinnerung hat nur die Anzahl bestätigt", berichtigte Hermine.

„Er muss es gewusst haben." Harry wirkte in Gedanken versunken. „Er hat es mir nur nicht verraten."

„Harry, wenn er es nur angenommen hat, warum sollte er es dir sagen?", entgegnete Hermine vernünftig. „Er muss gewusst haben, dass es dich nur beunruhigen würde, und offenbar hat er sich sehr um dich gesorgt. Falls er es überhaupt gewusst hat, wollte er sichergehen, bevor er es erwähnt. Du glaubst doch, dass er keine Ahnung hatte, dass Snape ihn in dieser Nacht verraten würde."

Harrys Nasenflügel bebten, als Snapes Name fiel. Doch er ließ sich wieder gegen das Kopfbrett sinken.

„Ich denke, das werden wir nie erfahren", sagte er. Ginnys Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie.

„Mensch, ich bin am Verhungern", stöhnte Ron, die Spannung durchbrechend. „Wir haben das Mittagessen verpasst, während wir dort draußen festgesteckt haben."

Hermine lächelte. „Ich gehe runter und hole ein paar Sandwichs." Ron grinste selbstzufrieden.

„Danke, Liebes", sagte er sanft. Hermine strahlte und verließ rasch das Zimmer.

Ginny legte sich mit ihrem Kopf gegen die Wand und lauschte, wie Harrys Atem tief und gleichmäßig wurde. Sie beobachtete das leichte Heben und Senken seiner Brust und wusste, dass er schon eingeschlafen war. Seine dunklen Wimpern standen gegen die Blässe seines Gesichts hervor. Ginny gefiel es, ihn schlafen zu sehen, weil er dann so jung und sorglos wirkte. Alle Anspannung und Kummer, die sein Gesicht in den letzten Monaten so regelmäßig gezeichnet hatten, verschwanden und er war nur noch Harry.

Sie erinnerte sich daran, als Kind ihre Mutter belauscht zu haben, als diese mit einer Freundin sprach. Ihr Dad war für das Ministerium nach Azkaban gefahren und zutiefst erschüttert zurückgekehrt. Ihre Mutter hatte erzählt, dass Azkaban ein furchtbarer Ort war, und ihr Dad war empfindlich. Sie sagte, dass die Atmosphäre stets die weichherzigen Menschen am schlimmsten traf.

Weichherzig traf sicherlich auf Harry zu. Er besaß mehr Mitgefühl als jeder andere, den Ginny kannte. Kein Wunder, dass er eine schwere Zeit durchlebt hatte.

Als Hermine mit dem Essen zurückkehrte, schnarchte Harry leise an Ginnys Schulter. Sie fand sein Gewicht seltsam tröstlich. Ron war ebenfalls fast eingedöst, schreckte jedoch hoch, als Hermine eintrat. Selbst das Essen brachte nicht wieder Farbe in sein Gesicht zurück. Er stocherte und schob es mehr herum, als es zu essen. Ginny und Hermine warfen sich besorgte Blicke zu. Es muss wirklich schlimm für Ron gewesen sein, um vom Essen abgeschreckt zu werden. Nachdem sie das Abendessen beendet hatten, schlummerte Ron endlich ein. Ginny und Hermine deckten die Jungen zu, bevor sie in ihr eigenes Zimmer zurückkehrten.