Kapitel 15 – Noch ein langer Weg (Teil 3)

Es kostete Harry und Ron mehrere Tage, sich vollständig zu erholen, wovon sie die meiste Zeit mit Schlafen zubrachten. Am Ende der Woche jedoch spürte Harry wieder den rastlosen Drang, sich vorwärts zu bewegen. Er hatte einen weiteren Horkrux in seinen Händen – er war sicher, dass dieses Medaillon das Richtige war – und nun war alles, was er wollte, es zu zerstören.

Wie er es zerstören konnte, war eine andere Sache. Er hatte das Medaillon in den Keller des Grimmauldplatz' gebracht, um es zu öffnen. Anders als der gefälschte Horkrux, der sich bereitwillig geöffnet hatte, blieb dieses Medaillon mit dem komplizierten Gravur Slytherins fest verschlossen. Ron vermutete, dass es Regulus vielleicht gelungen war, den Horkrux zu zerstören, der sich darin verbarg, doch Harry war nicht überzeugt. Er konnte die Macht und das Böse fühlen, die davon ausgingen, und wusste, dass das Seelenstück von Voldemort noch lebte.

Er überlegte, ob er etwas gespürt hatte, als sie es zum ersten Mal im Grimmauldplatz gefunden hatten. Natürlich hatte er damals noch nicht um seine Bedeutung gewusst. Außerdem hatte er sich zu der Zeit mit einem solchen Chaos von Gefühlen herumschlagen müssen, dass eine zusätzliche Empfindung keinen großen Unterschied ausgemacht hätte.

Sich dessen bewusst zu sein, brachte ihn jedoch kein Stück weiter bei der Frage, wie er es zerstören konnte. Er hatte das Tagebuch und den Becher nach reinem Instinkt beseitigt. Er war jedes Mal in Panik gewesen. Diesmal aber, mit einem kühlen Gegenstand in einem warmen Zimmer sitzend und mit keiner Gefahr in Sicht, war seine Aufgabe nicht ganz so deutlich.

Malfoy hatte seine Anwesenheit im Haus offenkundiger gemacht seit Pansys Ankunft. Die beiden konnten oft dabei gesehen werden, wie sie sich in der Küche einen Snack teilten, im Wohnzimmer vor dem Kamin lagen oder sich aus leeren Räumen schlichen. Harry wollte sich nicht einmal vorstellen, was sie trieben. Die Tatsache, dass es in seinem Haus geschah, ließ ihn erschauern. Auch irritierte es ihn, dass Malfoy in der Lage war, den Krieg und all seine Probleme zu verdrängen, während Harry dies so außerordentlich schwer fiel.

Das ist mein Haus... Ginny und ich sollten es sein, die all diese Räume zusammen erkunden, dachte er gereizt.

Seit ihrer Ankunft schien Pansys größtes Vergnügen darin zu bestehen, die richtigen Worte zu finden, um entweder Hermine oder Ginny zur Weißglut zu treiben, was keineswegs schwer war. Vor allem bei Ginny brannten leicht die Sicherungen durch, wenn die Slytherin ins Spiel kam. Tatsächlich hatten Pansy und Iris scheinbar ihr Kriegsbeil begraben und verbündeten sich mit dem gemeinsamen Ziel, die Gryffindor- Mädchen auf die Palme zu bringen.

Mehr als einmal saß Harry mit offenem Mund da – Ron und Malfoy gleichfalls baff an seiner Seite – während die Mädchen sich gegenseitig ankeiften. Harry war fasziniert und gleichzeitig entgeistert darüber, welch niederträchtigen Hiebe Mädchen aufeinander abfeuern konnten. Jungs ließen sich viel schneller zu Schlägen hinreißen, doch Harry glaubte, dass sie auch rascher darüber hinwegkamen.


Eines Nachmittags, etwa eine Woche nach seinem Besuch in Azkaban, saß Harry in der Bücherei, sich abermals darum bemühend, eine Übersetzung für das rumänische Buch zu finden, als Remus sich zu ihm gesellte. Tonks hatte aufgehört, Harry jedes Mal anzublitzen, wenn sie ihm begegnete, war jedoch auch nicht zu ihrer üblichen scherzhaften Art zurückgekehrt.

„Alles in Ordnung, Harry?", erkundigte sich Remus, während er neben Harry Platz nahm.

„Ja." Harry streckte sich. „Ich lese gerade."

„Deine Gesichtsfarbe ist besser geworden", bemerkte Remus, Harry in Augenschein nehmend. Er deutete auf das Buch. „Was liest du da?"

„Ich habe es in dem großen Schlafzimmer unter dem Dachboden gefunden. Ich kann es aber nicht lesen, es ist nicht auf Englisch", antwortete Harry. Er wich Remus' Blick aus.

„Aha." Remus' Augen trübten sich. „Das war Regulus' Zimmer. Es ist in Rumänisch geschrieben."

Harry blickte scharf auf. „Ja, Sirius hat mir erzählt, dass er ein Todesser geworden ist. Kannst du Rumänisch lesen?"

„Nein." Remus schüttelte den Kopf. „Sirius' Onkel Alphard hat in Rumänien gelebt. Er und Regulus hatten ihn sehr gern. Dieses Buch sieht so aus, als würde es viel Dunkle Magie enthalten. Kein Wunder, dass es im Regulus' Besitz gewesen ist. Du ziehst doch nicht in Betracht, etwas daraus zu benutzen, oder, Harry?", fragte Remus mit gerunzelter Stirn.

„Nein, nicht benutzen", erwiderte Harry. Er wandte den Blick ab.

„Was genau heißt das?", wollte Remus wissen, in die strenge Lehrerstimme verfallend, die Harry noch aus dem dritten Schuljahr in Erinnerung hatte.

Harrys Gedanken rasten. Seine Beziehung zu Remus war angespannt gewesen, seit er seine Okklumentik- Stunden begonnen hatte, und das behagte ihm keineswegs. Remus stellte die letzte Verbindung zu seinen Eltern dar und das wollte er unter keinen Umständen verlieren. Er wusste, dass er Remus vertrauen konnte, und er konnte tatsächlich etwas Hilfe gebrauchen. Er wurde es allmählich überdrüssig, sich ständig Gedanken machen zu müssen, wem er trauen konnte.

„Sirius sagte, das Gerücht gehe um, dass Voldemort Regulus persönlich getötet habe. Aber Sirius hat das nicht geglaubt", sagte Harry, während er Remus genau beobachtete.

Remus hob die Schultern, immer noch verblüfft erscheinend. „Es scheint unwahrscheinlich."

„Da bin ich mir nicht so sicher", murmelte Harry, entschlossen, seinen Instinkten zu folgen.

„Wie bitte?"

Harry änderte seine Position, so dass er Remus zugewandt saß. Er holte tief Luft und wappnete sich. „Regulus hat etwas getan... etwas Großes... und ich denke, Voldemort könnte es herausgefunden oder zumindest bemerkt haben, dass er es vorhatte. Ich glaube nicht, dass er auch nur geahnt hat, wie weit Regulus seinen Plan ausgeführt hat. Es würde Voldemort nur ähnlich sehen, ihn zu unterschätzen. Sirius hat gesagt, dass er bei seinem Tod noch sehr jung gewesen war."

„Ja, er war erst achtzehn. Ich fürchte, ich kann dir nicht folgen, Harry", sagte Remus kopfschüttelnd.

Harry befeuchtete seine Lippen. „Remus. Kann ich dich etwas fragen und dich bitten, es niemand anderem zu erzählen?"

Remus änderte seine Position. Harry wusste, dass er mit sich um seine Antwort rang, doch schließlich nickte er. „Schieß los."

„Was kannst du mir zu Horkruxen sagen?", flüsterte Harry.

Remus sog einen scharfen Atem ein, während ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. „Woher weißt du von ihnen?", verlangte er mit angespannter Stimme. „Harry, du kannst nicht ernsthaft etwas so Abscheuliches in Erwägung ziehen – "

„Das tue ich nicht", unterbrach Harry, bevor Remus' Vorstellungskraft noch weiter ausschweifte. „Professor Dumbledore und ich haben uns darüber unterhalten... aber ihn kann ich nicht mehr fragen."

„Dumbledore hat dir gesagt..." Plötzlich stockte Remus, seine Augen weiteten sich. „Natürlich", hauchte er. Seine Augen huschten zu Harrys Narbe. „So hat er überlebt, nicht wahr? Das ist der Grund, warum er nicht gestorben ist."

Harry nickte feierlich.

„Die Kette, die du aus Azkaban mitgenommen hast – Tonks war so wütend, dass du deinen Hals dafür riskiert hast – ist es das? Ist das ein Horkrux?", fragte Remus, seine Stimme bei dem Wort „Horkrux" senkend. „Glaubst du, dass Regulus ihn gestohlen hat? Erkundigst du dich deshalb über ihn?"

„Ich weiß, dass er es getan hat", erwiderte Harry ruhig. „Ich weiß, dass er diesen einen gestohlen hat."

Remus schluckte. „Diesen einen?"

Wieder nickte Harry, ohne den Augenkontakt zu brechen.

„Das ist, woran du mit Professor Dumbledore gearbeitet hast, nicht wahr?", erkundigte sich Remus.

„Ja. Frag mich nicht, wie viele es gibt oder wie viele ich schon gefunden habe. Ich hätte nicht einmal so viel sagen sollen, aber ich muss wissen, was dieses Buch über ihre Zerstörung sagt", sagte Harry.

Remus' Schultern sackten herab, als er seinen Kopf in die Hände legte. „Ich hätte dir vertrauen sollen", wisperte er mit gedämpfter Stimme.

„Warum hast du es nicht getan?", fragte Harry. Es gelang ihm nicht, die Bitterkeit völlig aus seiner Stimme zu bannen.

Remus lachte humorlos. „In meinem ganzen Leben bin ich ein Mitläufer gewesen. Als ich jünger war, wusste ich, dass einige von den Dingen, die Sirius und dein Dad ausgeheckt haben, falsch waren, doch ich habe es nie ausgesprochen. Letzte Weihnachten, als du dein Misstrauen gegen Snape zum Ausdruck gebracht hast, wollte ich kein Wort davon hören, weil Dumbledore beharrt hat, dass er auf unserer Seite stehe. Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr von deinem Rückgrat, Harry. Ich wünschte, nur einmal könnte ich für das einstehen, woran ich glaube, und einfach das Richtige tun.

Nachdem du von deinem Kampf mit dem Drachen zurückgekommen bist, waren wir alle so besorgt. Minerva und Kingsley haben darauf bestanden, dass wir erfahren müssten, was du unternimmst, um dich zu beschützen und zu unterstützen. Ich habe meine eigenen Zweifel ignoriert und mich ihnen angeschlossen. Du hattest Recht, Harry. Okklumentik hat nicht funktioniert und ich nehme es dir nicht übel, wenn du die Nase über uns rümpfst."

„Das werde ich nicht tun", sagte Harry, während er mit seinem Zeh Kreise auf dem Boden malte. Es war schwer, wütend auf Remus zu bleiben, wenn der ältere Mann so unglücklich dreinblickte. „Du kannst es wieder gutmachen, wenn du mir hilfst herauszufinden, wie man das Medaillon zerstören kann."

Remus zuckte die Achseln. Er lächelte traurig und öffnete die Arme mit einer Geste der Hilflosigkeit. „Ich weiß nicht viel. Das Thema wird als Tabu gehandhabt. Ich weiß, dass man einen Mord begehen muss, um einen zu erschaffen – einen voll beabsichtigten, gnadenlosen Mord – und dass man dabei den Gegenstand mit dem Zauberstab in der Hand halten muss."

„Du musst ihn mit deinem Zauberstab halten", wiederholte Harry. Diese Information war ihm neu.

„Ich kenne den Zauberspruch nicht, aber ich denke, ich könnte ihn herausfinden", sagte Remus zögerlich.

„Wie? Ich habe überall gesucht und es steht nichts darüber geschrieben", erwiderte Harry.

„Ich habe Zugang zu zwielichtigeren Gebieten als du, Harry." Remus senkte den Blick. „Willst du meine Hilfe?"

Harry fühlte sich hin- und hergerissen. Er befürchtete, mit seiner Zustimmung Remus' Todesurteil zu unterschreiben. Ihm blieb jedoch keine andere Wahl. Er brauchte Hilfe.

„Ja, bitte."

„Betrachte es als erledigt", sagte Remus und nickte ihm zu.

„Weißt du irgendwas über ihre Zerstörung?", erkundigte sich Harry.

Remus schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid. Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß. Ich werde sehen, was ich herausfinden kann."

„Das ist schon in Ordnung. Ich habe eine weitere Idee auszuprobieren" entgegnete Harry. Ein Plan formte sich in seinem Kopf. Er wusste nicht, woher sie stammte, doch er war plötzlich überzeugt, dass es das Richtige war.

„Und was?"

„Ich muss zurück zu dem Strand gehen, an dem wir Crabbe gefunden haben", sagte Harry fest.

„Warum? Was ist da?", fragte Remus verblüfft.

„Dort sind Professor Dumbledore und ich in der Nacht hingegangen, in der er gestorben ist." Harry schluckte schwer. „Dort hat Voldemort ursprünglich das Medaillon versteckt. Ich habe es einfach im Gefühl, dass es auch dort zerstört werden muss."

Remus Augen hatten sich bei Harrys Enthüllung geweitet. „Willst du, dass ich dich begleite?"

Harry schüttelte den Kopf. „Nein, du musst Recherchen anstellen. Ron, Hermine und Ginny werden mit mir kommen."

„Sei vorsichtig, Harry." Remus drückte Harrys Schulter.

„Du auch", sagte Harry. Er lächelte.

Mit einem Plan im Kopf klappte er das Buch zu und machte sich auf die Suche nach seinen Freunden.


Wieder apparierten Harry, Ron, Hermine und Ginny zu der Stelle, zu der Remus sie das letzte Mal gebracht hatte. Ihre Ankündigung, dass sie aus dem Haus gehen würden, hatte Mrs. Weasley erschreckt. Sie hatte von ihnen verlangt, eine Begleitung mitzunehmen, jedoch unter Mr. Weasleys Beschwichtigungen nachgegeben. Die Jugendlichen waren nicht gerade präzise bezüglich ihres Ziels gewesen. Doch falls Mrs. Weasley eine Vorahnung hatte, teilte sie sie mit niemandem.

Als sie an der Küste ankamen, wehte ein kalter, stürmischer Wind über dem Meer. Es erinnerte Harry an seinen Ausflug nach Azkaban. Er schauderte und stählte sich. Er hörte den entfernten Klang einer Leuchtturmboje im Wind. Die vier Jugendlichen konnten ein Feuerlicht in der Ferne brennen sehen und duckten sich, während sie sich anschlichen.

Crabbe stand noch immer dort und wärmte sich am Feuer. Harry konnte es ihm nicht verübeln – der Wind, der vom Wasser kam, war bitterkalt.

„Der Eingang zur Höhle ist unten und es ist ein steiler Abstieg", raunte Harry. „Ich werde uns alle disillusionieren. Haltet einfach eure Hände auf der Schulter der Person vor euch. Ich werde euch zu der Stelle führen, an der wir runtersteigen müssen. Wir werden eine Strecke laufen müssen, aber sobald wir am Grund angekommen sind, sollten wir uns keine Sorgen mehr machen müssen, von Crabbe gesehen zu werden."

„Warum betäuben wir ihn nicht einfach und beleben ihn wieder, wenn wir gehen?", schlug Ron vor.

„Dann wird er Voldemort melden, dass jemand ihn angegriffen hat, so dass er weiß, dass wir hier waren", widersprach Hermine.

„Richtig", sagte Harry nickend. „Wir haben den Becher unbemerkt bekommen, weshalb er nicht weiß, dass wir es auf ihn abgesehen haben. So soll es auch möglichst bleiben."

Harry belegte seine Freunde und schließlich sich selbst mit dem Disillusionszauber. Er ging langsam und vorsichtig am Strand entlang zum Kliff. Sein Herz hämmerte ihm in der Brust und er konnte den scharfen Metallgeschmack von einem Adrenalinrausch im Mund schmecken. Er war nahe genug, um Crabbe atmen zu hören. Crabbe saß auf den Felsen und las eine zerknitterte Ausgabe des Tagespropheten. Er machte sich nicht besonders gut als Wächter, doch es musste hier auf Dauer langweilig werden.

Harry erreichte das Kliff und begann den gefährlichen Abstieg. Obwohl er seine Freunde nicht sah, konnte er ihre Atemstöße hinter ihm hören. Mehrmals fluchte Ron leise, als die Mädchen über ihm Steine ins Rollen brachten. Harry war unter Ron, so dass er von den zusätzlichen Kieseln getroffen wurde, die Ron losgetreten hatte, während er den andern Steinen ausgewichen war.

„Ron! Halt still", zischte Harry entnervt, nachdem ein besonders scharfer Stein von seiner Schläfe abgeprallt war.

„Oh. Tschuldigung, Harry", sagte Ron, als er endlich realisierte, dass er Geröll auf Harrys Kopf hatte regnen lassen.

Schließlich kam Harry an den rutschigen Felsen unten an.

Das Wasser stand niedrig und der Geruch der abklingenden See war beinahe überwältigend. Doch dank des niedrigen Wassers ragte ein größerer Teil des Stegs heraus als bei ihrem vorherigen Besuch, und die Felsen waren weniger glitschig.

Hermines Stimme riss ihn aus den Gedanken. „Wohin gehen wir als nächstes?"

Harry hob den Disillusionierungszauber auf und deutete zur Kluft zwischen den Felsen, die er mit Professor Dumbledore erklommen hatte. „Wir müssen hinüber schwimmen", sagte er.

„Schwimmen?", wiederholte Ron, widerwillig ins Wasser anstarrend. „Es wird verdammt kalt sein."

Hermine, der ebenso unbehaglich zu sein schien, tätschelte ermutigend seinen Arm. „Keine Sorge, Ron. Wir können uns gleich danach trocknen und wärmen."

Sie starrten beide ins Wasser, holten tief Luft und wappneten sich für den Sprung. Ginny verdrehte die Augen und schob sie aus dem Weg. „Oh, um Himmels willen. Je eher wir es tun, desto schneller haben wir es hinter uns", sagte sie und sprang in die kalten Wellen. Schnell tauchte ihr Kopf an der Oberfläche auf und sie schleuderte sich das kurze Haar aus den Augen. Ihre Zähne klapperten, während sie begann, in anmutigen Zügen auf die Kluft zuzuschwimmen.

Harry tat es ihr gleich und hörte gleich darauf die Platsch- Geräusche, die zeigten, dass Ron und Hermine ihm gefolgt waren. Er war froh, dass die Wellen geräuschvoll gegen die Felsen prallten. Denn er war sicher, dass es jegliche zusätzlichen Geräusche übertönen würden, die Crabbe hören könnte.

Harry überholte Ginny schnell, als er sie zu der Wölbung im Felsen führte und seine Finger gegen mit Tang überzogene Felsen streiften. Seine Gliedmaßen fühlten sich taub an, als er endlich die große Höhle erreicht und sich aus dem Wasser gehievt hatte. Seine schwere Winterkleidung war voll gesogen und erschwerte ihm jede Bewegung.

Harry half einer zitternden Ginny aus dem Wasser. Dann wandte er sich Hermine und schließlich Ron zu.

„Verdammte Scheiße", sagte Ron, heftig zitternd.

Geschäftsmäßig wie immer, befahl Hermine ihm still zu stehen, um einen Zauber auszuüben, der seine Kleidung trocknete.

Die Haare an Harrys Nacken stellten sich warnend auf. Er blickte sich unbehaglich um. Noch immer vor Kälte schaudernd, schoss seine Hand hervor und packte Hermines Zauberstab, bevor sie einen Trocknungszauber auf ihre eigene Kleidung anwenden konnte.

„Harry, was – "

„Schhh", machte Harry und schaute sich wachsam um. „Keine Zauberei, bis wir drinnen sind."

„Was ist los?", wollte Ginny wissen. Sie rieb sich ihre Arme, um sie zu wärmen.

„Ich weiß es nicht", antwortete Harry, sich noch immer umsehend. „Ich habe Angst, dass Voldemort vielleicht einen Alarm eingestellt hat, der ausgelöst wird, wenn hier Zauberei ausgeführt wird – wie im Ministerium. Ich denke nicht, dass er drinnen funktioniert, weil dort schon so viel Zauberei herrscht, aber hier draußen... Warte einfach ein paar Minuten, okay?"

Hermine nickte, die Augen geweitet, während sie sich angsterfüllt umschaute.

Sie warteten einige Minuten, Zauberstäbe gezückt. Doch es kam niemand. Schließlich war Harry sich sicher, dass es sich um Einbildung gehandelt hatte. Während seine Anspannung abebbte, kehrte das unangenehme Gefühl der Kälte und Nässe mit aller Macht zurück.

Harry bewegte sich so schnell er konnte zur Steinmauer und versuchte, das vertraute Summen zu spüren. Wieder zitterte er so stark, dass er sich unmöglich sicher sein konnte, was er da fühlte. Er zog ein Messer vom Gürtel und schnitt sich rasch in den Arm.

„Was machst du da?", schrie Ginny und riss das Messer von seinem blutenden Arm.

„Es braucht ein Opfer", erklärte Harry.

Er ließ ein paar Blutstropfen aus seiner Wunde fließen und verschmierte sie an der Mauer der Höhle. Das helle weiße Licht des Durchgangs erschien in der Wand und formte den Eingang. Harry schritt schnell hindurch, den anderen bedeutend, ihm zu folgen. Ginny, Ron und Hermine waren alle sprachlos vor Staunen und traten mit wachsamen Augen hinter ihm in die pechschwarze Dunkelheit.

Im Inneren der Höhle heilte Harry schnell die Wunde an seinem Arm und trocknete seine Kleidung, während Hermine dasselbe an sich selbst und Ginny ausführte.

„Hierher bist du in jener Nacht gekommen", sagte Ron. Seine Stimme hallte unnatürlich laut in der Stille wider.

„Ja", bestätigte Harry. Er verzog das Gesicht, während er auf den bewegungslosen schwarzen See blickte. Interessiert bemerkte er, dass sein Zentrum noch immer unheimlich grün glühte. „Was ihr auch macht, berührt nicht das Wasser. Sonst werden wir früher mit den Inferi zu tun haben als erwartet."

„Ich will überhaupt nicht mit ihnen zu tun haben", sagte Ron schaudernd. Er hatte seinen Arm um Hermines Schultern geschlungen und zog sie enger an sich.

„Ich auch nicht." Trotz all der anderen Schrecken, die Harry begegnet waren, ließen die Inferi ihm stets die Haare zu Berge stehen. „Ich muss auf die kleine Insel in der Mitte vom See, um das Medaillon zu vernichten. Ihr haltet Wache, für den Fall, dass Crabbe herkommt. Ich weiß nicht, ob er regelmäßig das Innere der Höhle überprüft. Aber falls das der Fall ist, wird er sicher bemerken, dass der Durchgang geöffnet worden ist. Ihr werdet ihn dann aufhalten müssen."

Hermine schüttelte empört den Kopf. „Du wirst nicht allein gehen, Harry. Dieses Mal werden wir es alle zusammen durchstehen."

„Das können wir nicht", widersprach Harry. Seine Augen suchten bereits nach der Stelle, an der Dumbledore das Boot herbeigerufen hatte. „Das Boot wird uns nicht alle aushalten. Es ist zu klein."

„Du bist mit Dumbledore darin gefahren", warf Ginny ein. „Es muss auf jeden Fall groß genug sein, um zwei tragen zu können."

Harry schüttelte den Kopf. „Das war nur, weil meine Magie nicht gezählt hat, da ich minderjährig und unqualifiziert war. Dumbledore hat gesagt, dass nicht das Gewicht den Ausschlag gibt, sondern die magische Macht."

„Eigentlich bist du immer noch unqualifiziert. Wir alle sind es", bemerkte Hermine.

„Willst du riskieren, dass wir alle in das Boot steigen und vielleicht die Inferi aufschrecken, falls es uns nicht aushält?", fragte Harry.

„Es spielt keine Rolle", erwiderte Ginny. Sie zuckte die Achseln. „Ich kann dich begleiten. Ich bin minderjährig, weißt du noch?"

Es irritierte Harry, dass seine eigenen Argumente, weshalb er Ginny nicht mitnehmen wollte, sich nun gegen ihn wandten. Dennoch, Ginny bei Ron und Hermine am Ufer zu lassen, hieß nicht, dass sie sicherer sein würde, wenn diese Inferi sich zum Angriff entscheiden sollten.

„Okay", willigte er ein. „Ginny und ich werden in die Mitte hinausfahren, Ron und Hermine, ihr haltet Wache."

„Warum kannst du es nicht einfach hier zerstören?", fragte Ron, offensichtlich nicht gerade begeistert von Harrys Entschluss.

Harry zog das Medaillon hervor und starrte es einen Moment lang an. Schließlich hob er die Schultern und erwiderte: „Etwas sagt mir, dass es dort draußen zerstört werden muss. Ich fühle es einfach. Der Zahn des Basilisken hat das Tagebuch zerstört. Das Feuer des Drachens hat den Becher vernichtet. Etwas sagt mir, dass es der Zaubertrank ist, der das Medaillon beseitigen wird. Es muss dort draußen geschehen."

„Das gefällt mir nicht, Harry", sagte Hermine händeringend.

„Mir auch nicht. Aber je schneller wir damit anfangen, desto schneller können wir von hier verschwinden", erwiderte er. Er nahm Ginnys Hand und führte sie von Ron und Hermine weg.

„Seid vorsichtig", mahnte Ron.

Harry blieb stehen, drehte sich zurück und nickte. Dieser Ort hatte Dumbledore, der der mächtigste Zauberer aller Zeiten gewesen war, den Untergang beschert. Hier gab es keine Garantien für jeden von ihnen.

„Ihr auch. Passt aufeinander auf. Der Durchgang sollte sich selbst wieder verschließen, obwohl ich nicht weiß, wie lange es dauert. Gebt einfach darauf Acht. Ich weiß nicht, was die Inferi tun werden, sobald wir dieses Ding zerstört haben."

Hermine ließ Rons Hand los und rannte auf sie zu. Sie umarmte Harry und dann Ginny. „Wir können euch hier Deckung geben. Seid bloß vorsichtig dort draußen und kommt schnell wieder zurück."

Harry nickte und zog an Ginnys Hand. Vorsichtig liefen sie am Wasser entlang, bis sie die Stelle erreichten, an der Dumbledore das letzte Mal das Boot gefunden hatte.

Tief Luft holend, schloss Harry die Augen und konzentrierte sich auf seine anderen Sinne. Er konnte Ginnys rasche Atemzüge hören und wusste, dass sie Angst hatte, selbst wenn sie es nicht zeigte. Er konnte die See riechen und bildete sich ein, beinahe das Salz auf den Lippen schmecken zu können. Er streckte den Arm aus und ließ sie durch die Luft gleiten, um das Seil zu ertasten, das das Boot freigab. Es dauerte einige Augenblick, doch Ginny wartete still. Schließlich hörte Harry das entfernte Summen und spürte, wie Wärme seinen Arm emporkroch.

Er zog an dem unsichtbaren Tau und das kleine Boot erschien vor ihnen. Ginny keuchte auf, als die Ketten es auf das Wasser setzte.

„Ich kann nicht glauben, dass du und Dumbledore reingepasst habt." Ginnys Stimme bebte.

„Es war ziemlich knapp", sagte Harry. Ein schmerzhafter Knoten schnürte ihm den Hals zu und machte ihm das Sprechen schwer. Er nahm Ginnys Hand und streichelte sie mit seinem Daumen, während er sie zum Boot führte.

Er stieg zuerst hinein und brachte es zum Stillstand, bevor er die Beine weit spreizte, so dass Ginny sich dazwischen niederlassen konnte. Als sie sich mit dem Rücken gegen seine Brust lehnte, konnte er ihren Körper zittern spüren. Er vermutete, dass es nichts mit der Kühle zu tun hatte.

„Behalt einfach die Hände im Boot und berühr nicht das Wasser", flüsterte er. „Es wird alles gut gehen."

Das Boot begann seinen Weg über das unheimlich stille Wasser. Harry ließ seinen Zauberstab erleuchtet, versuchte aber, nicht zu genau ins Wasser zu schauen, da er wusste, was er zu sehen bekommen würde.

„Mach dir keine Gedanken über mich, Harry. Es ist ziemlich Angst einflößend, aber mir geht es gut. Mit geht es immer gut, wenn ich bei dir bin", sagte Ginny und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen.

Ihre Worte klangen unheimlich vertraut und erinnerten Harry an etwas, dass Dumbledore in jener Nacht gesagt hatte. Er schauerte und zog sie an sich, während das Boot dem glühenden grünen Licht immer näher glitt. Als sie den kleinen Felskreis erreichten, der das Steinbecken trug, waren Ron und Hermine nicht mehr zu sehen. Nur zwei leuchtende Punkte von ihren Zauberstäben gaben Harry ihren Standort preis.

Er und Ginny stiegen aus dem Boot und bewegten sich rasch zum Becken. Harry überraschte es zu sehen, dass es wieder aufgefüllt war. Doch es machte wohl Sinn. Regulus musste es einst geleert haben, um das Medaillon zu bergen. Harry und Dumbledore hatten es jedoch wieder gefüllt aufgefunden.

Harry nahm den Horkrux aus seiner Tasche und starrte ihn an. Er fragte sich, was er als nächstes tun sollte. Einige seiner letzten Entscheidungen waren getroffen worden, als hätte er einen falsch gebrauten Felix Felicis getrunken. Er wusste genau, was er zu tun hatte. Doch sobald er den ersten Schritt hinter sich gebracht hatte, entfiel ihm der Rest des Planes. Dennoch, die Situation hätte schlimmer sein können. Schließlich hatte er nun den Horkrux. Er musste ihn nur noch vernichten.

Ich werde es schaffen.

Während Harry sich dem Becken näherte, konnte er Ginnys Blick im Nacken spüren. Er war ihr für ihr Schweigen dankbar, während er eine Lösung zu finden versuchte.

Plötzlich brach unvermittelt Lärm und Licht von der Uferseite aus. Harry konnte hören, wie Flüche niederprasselten, und wusste, dass Ron und Hermine in Schwierigkeiten steckten. Sie waren entdeckt worden.

„Ron und Hermine", sagte Ginny. Ihr Gesicht wurde noch blasser, als es bereits war. „Das sieht nach mehr Leuten aus als nur Crabbe, die sie bekämpfen müssen, Harry. Er muss Verstärkung gerufen haben."

Harry spürte Panik in seiner Brust aufsteigen. Er wusste nicht, mit wie vielen Todesser Ron und Hermine es zu tun hatten, doch es war eindeutig mehr als einer. Würden sie sie in Schach halten können, bis er und Ginny ihnen zu Hilfe kommen konnten. Und was würde mit dem Horkrux geschehen, wenn sie gefangen genommen werden sollten? Er musste ihn zuerst zerstören, doch wie konnte er Ron und Hermine im Stich lassen?

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als der See um ihre Felsinsel herum aufzupeitschen begann. Skelettartige weiße Hände, Arme und Schädel hoben sich aus dem Wasser. Ginny schrie, als ein Körper wie am Bein streifte. Sie rückte näher an Harry heran, stellte sich mit dem Rücken an seinen, so dass sie einander Deckung geben konnten.

Bei dem Kampf am Ufer hatte offenbar jemand das Wasser berührt.

Die Inferi stiegen aus dem See. Ihre blicklosen Augen starrten geradeaus, während sie ruckweise nach ihrer Beute griffen.

Harry schluckte schwer, während er zusah, wie sie Ginny und ihn umzingelten. Es waren so viele von ihnen. Die Situation hatte sich gerade gravierend verschlimmert.