Kapitel 17 – Dolores' Erlässe
Der November brachte ungewöhnlich niedrige Temperaturen über das Land und das politische Klima passte ganz zum Wetter. Die einstweilige Ministerin Dolores Umbridge hatte eine strenge Ausgangssperre über Großbritannien verhängt. Alle Hexen und Zauberer, die nicht im Ministerium angestellt waren, mussten bei Einbruch der Dämmerung zu Hause sein. Jeder, der aus Arbeitszwecken eine Befreiung davon verlangte, musste eine Sonderfreigabe vom Ministerium beantragen – schriftlich – in dreifacher Ausfertigung.
Neue Gesetze und Ministeriumserlässe standen an der Tagesordnung. Einige widersprachen einander direkt, obwohl es keinen zu kümmern schien. Sie hatten alle Angst und die neue Ministerin war nicht darüber erhaben, diese Tatsache auszunutzen.
Wie Mr. Weasley befürchtet hatte, hatte der Tagesprophet am Morgen nach der Ermordung von Rufus Scrimgeour ein volles Bild vom Dunklen Mal über dem schönen Haus des toten Ministers in die Schlagzeilen gestellt. Obwohl die Details lückenhaft waren, war die erwartete Reaktion genau, wie Mr. Weasley es vorhergesagt hatte. Hexen und Zauberer stürzten sich in Massenhysterie auf die Straßen. Einige versuchten, außer Landes zu fliehen, und das Ministerium musste sein Internationales Portschlüsselbüro für einige Tage schließen, nachdem in der Lobby ein Aufstand ausgebrochen war.
Trotz Umbridges Bemühungen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Harry nur ein unqualifizierter Schuljunge und nicht entscheidend für eine Niederlage Voldemorts sei, hielten die Leute an der Hoffnung fest, dass Harry dem Wahnsinn irgendwie ein Ende setzen würde. Jeden Tag führte der Tagesprophet eine Liste von Harry- Sichtungen an und mehrere Reporter waren darauf angesetzt worden, Harrys Kommen und Gehen zu verfolgen. An jedem Tag verstärkte sich das Begehren der Öffentlichkeit, dass er sein Schweigen brach und eine Aussage abgab, was er unternehmen wolle, um den Krieg zu stoppen.
Mr. Weasley berichtete ihnen, dass die einstweilige Ministerin Umbridge zunehmend frustrierter wurde von ihren gescheiterten Versuchen, das Interesse an Harry zu dämpfen. Die Öffentlichkeit schien einverstanden, dass sie die Dinge organisierte. Doch es war Harry, von dem sie erwarteten, Voldemorts Schreckensherrschaft endlich zu beenden. Umbridge realisierte schnell, dass ihre Verleumdungskampagne keinen Erfolg haben würde. Sie zog sich von ihren öffentlichen Attacken auf Harry zurück und konzentrierte sich stattdessen auf verstohlenere Versuche, ihm die allgemeine Gunst zu entziehen.
Der Orden spürte bereits die Anspannung von Umbridges Herrschaft. Kingsley Shacklebolt, der für den Muggle- Premierminister gearbeitet hatte, wurde befohlen, seinen Dienst abzutreten. Laut Umbridge war die Zaubererbevölkerung in sehr viel größerer Gefahr als die Muggle und sie könne im Moment keine Hilfskräfte entbehren. Sie hatte sich geweigert, den Argumenten Gehör zu schenken, die dagegen sprachen, die Muggle ohne Verteidigung zu lassen, und versicherte dem Premierminister, dass sie in Kontakt bleiben würde, falls er etwas wissen müsse.
Sie hatte ihn ohne die geringste Möglichkeit verlassen, jemanden in der Zaubererwelt zu um Hilfe zu bitten, in einem Krieg, den er nicht begriff. Als mehrere hochgestellte Ministeriumsbeamte darauf hinzuweisen versuchten, legte sie dar, dass es der Muggle- Bevölkerung zugute komme, die beiden Interessensgruppen voneinander zu entfernen, da der Dunkle Lord die Vermischung zwischen Zauberer- und Muggle- Welt verachtete. Als Mr. Weasley und einige andere ihr widersprachen, drohte sie, sie wegen Verrats zu verurteilen.
Anschläge auf Muggle hatten sich beständig vermehrt und einige Londoner Landstriche hatten Schäden erlitten, einschließlich Tower Bridge und Big Ben. Die Zerstörung hatte die Muggle so beschäftigt, dass sie kaum die anderen seltsamen Vorfälle in der Stadt bemerkten.
Während Harry beunruhigt über die Schäden war, die Dolores angerichtete, galt seine Hauptsorge Ron. Drei Wochen waren vergangen, seit er verflucht worden war, und noch immer war er nicht aufgewacht. Er blieb an die Station für Zauberschäden gefesselt. Hermine hatte ihn jeden Tag besucht und kehrte zurück – bleich und matt – um zu berichten, dass keine Veränderung eingetreten war. Die Heiler glaubte immer noch, dass er es überstehen würde, doch keiner von ihnen war gewillt, ein genaues Datum zu nennen – oder ob er irgendein bleibendes Gehirntrauma zurückbehalten würde.
Harry hatte an jenem ersten Tag direkt ins Krankenhaus stürzen wollen, doch Mr. Weasley hatte ihn sachte auf die Gefahr für Ron hingewiesen, falls bekannt wurde, dass Harry Potter ein regelmäßiger Besucher war. Bisher war es ihnen gelungen, Rons Verletzungen vor der Presse geheim zu halten, aber Harrys Erscheinen würde das ändern. Harry war sich dessen wohl bewusst, doch es gab ihm keineswegs ein besseres Gefühl. Er hatte seine Zähne zusammengebissen und genickt. Er musste sich auf Hermine und Ginnys Berichte über Ron verlassen.
Eines Morgens saß Harry in der Küche und rührte in seiner Tasse Kaffee herum, als Mr. Weasley und Remus Lupin eintraten, beide mit grimmigen Gesichtern.
Harrys Herz machte einen Satz. „Was ist passiert?", erkundigte er sich.
Mr. Weasley setzte sich und fuhr sich mit einer Hand durch das schüttere Haar. „Ich denke, wir müssen Ron aus St. Mungos bringen, Harry", sagte er und seufzte.
„Warum? Was ist passiert?", fragte Harry. Ein Anflug von Furcht stieg in seiner Brust auf.
„Erklär du es ihm. Ich werde Poppy fragen, ob sie ihn hier behandeln kann", sagte Remus und drückte Harrys Schulter, als er an ihm vorbeilief.
„Dolores Umbridge hat Information erhalten, dass Ron sich im St. Mungos aufhält und ist dabei, einen Erlass zu verfassen, dass jeder Patient, der einen Zauberschaden von einem Unverzeihlichen Fluch erlitten hat, in einer Ministeriumseinrichtung festgehalten werden muss, bis über den Vorfall Nachforschungen angestellt worden sind", sagte Mr. Weasley.
„Festhalten? Wie? Ron ist nicht einmal bei Bewusstsein." Harry sprang vom Stuhl auf.
Mr. Weasley hob die Hände, um Harry zu beschwichtigen. „Das weiß ich, Harry. Sie ist frustriert, weil sie nicht erfahren kann, was du treibst. Sie will den Eindruck erwecken, dass das Ministerium die Fäden in der Hand hat, und im Augenblick hast du die Öffentlichkeit auf deiner Seite. Trotz all ihrer Bemühungen hat sie es nicht geschafft, sie davon zu überzeugen, dass du eine gefährliche Bedrohung für den Frieden darstellst, den sie einzustellen versucht. Es treibt sie auf die Palme.
Sie kennt dich und weiß, wie nahe du Ron stehst. Ich glaube, sie wird ihn als Druckmittel benutzen, sobald er unter ihrer Obhut steht. Wir müssen Ron aus St. Mungos bringen, bevor ihr Erlass verabschiedet ist."
„Woher wissen Sie davon?", wollte Harry wissen.
Mr. Weasley rieb sich die Nase. „Percy hat mir heute Morgen eine Eule geschickt. Er ist empört von den Plänen der Ministerin für Ron."
Harry biss sich auf die Lippe, nicht vollkommen überzeugt, dass es nicht Percy gewesen war, der Umbridge in erster Linie von Ron unterrichtet hatte. Doch das hatte er nicht vor, Mr. Weasley zu sagen. Seine Gefühle mussten sich auf seinem Gesicht gezeigt haben, denn Mr. Weasley seufzte schwer.
„Ich verstehe dein Misstrauen gegenüber Percy, Harry, und ich kann es dir nicht verübeln. Aber ich glaube daran, dass er seine Familie liebt. Ich denke, Percy hatte ein rüdes Erwachen bei Bills Hochzeit und versucht nun, es wieder gutzumachen. Ich muss es glauben", sagte er.
Seine Augen sahen so traurig und beinahe flehend aus, dass Harry sich der Hals zuschnürte. Falls sich herausstellte, dass Percy nicht auf der richtigen Seite stand, würde Harry sichergehen, dass er dafür bezahlte.
„Ich komme mit Ihnen", sagte er, nicht willens, sich von irgendeinem Argument davon abbringen zu lassen.
„Harry – "
„Ich habe mich ferngehalten, um keine Aufmerksamkeit auf Rons Aufenthalt dort zu lenken. Jetzt wird er es sowieso verlassen und seine Verbindung zu mir könnte sich tatsächlich einmal als nützlich erweisen. Meine Anwesenheit im St. Mungos sollte genug Ablenkung verschaffen, um ihn herauszubringen. Ich werde auch meinen Tarnumhang mitnehmen", sagte Harry.
Mr. Weasley lehnte sich in seinen Stuhl zurück und beobachtete Harry wachsam. Schließlich nickte er. „In Ordnung, Harry. Du bist sehr viel reifer geworden im letzten Jahr, was, Sohn?"
Verblüfft wirbelte Harry seinen Kopf zu Mr. Weasley herum.
Der ältere Mann lächelte liebevoll. „Du warst so ein dürres, kleines Kerlchen, als Ron dich das erste Mal nach Hause gebracht hat. Molly sagte immer, du warst so dünn, dass du verschwunden wärst, wenn du dich zur Seite drehst. Du warst immer höflich und hast immer so leise gesprochen, aber selbst ich konnte darunter einen starken Charakter spüren. Du bist zu einem bemerkenswerten jungen Mann geworden, Harry. Deine Eltern wären stolz auf dich."
Harry war nicht sicher, wie er antworten sollte. Daher nickte er nur, während ein warmes Glühen von Freude seine Wangen durchfluteten. Als Remus zurückkehrte, verließen die drei Grimmauldplatz und apparierten zu einer Gasse in der Nähe des St. Mungos- Hospital.
Londons Straßen waren für das Weihnachtsfest geschmückt und Harry realisierte erschüttert, dass er so mit dem Krieg beschäftigt war, dass er sich nicht einmal der Jahreszeit bewusst war. Distel- und Tannenzweige waren um die Straßenlaternen geschlungen und Harry konnte das entfernte Klingeln einer Glocke von einem Kaufhausweihnachtsmann hören. Die Straßen waren bereits dicht gedrängt von Einkäufern, die bunt verpackte Pakete trugen.
Sie schafften es, das scheinbar verlassene Kaufhaus zu betreten, das unauffällig das St. Mungos verbarg. Der Bereich vor der Rezeption war gedrängt von Hexen und Zauberern, die magische Behandlung forderten. Heiler in limonengrünen Roben gingen von Patient zu Patient, angefangen mit denen, die am nötigsten Hilfe bedurften.
Die Hexe hinter der Rezeption war jung mit einem pockennarbigem Gesicht und platinblondem Haar. Sie blies wiederholt Kaugummiblasen und schaute mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck auf, als sie sich näherten. Ihre Augen schossen zu Harrys Narbe. Ihre Kieferlade fiel herab, so dass ihr Kaugummi mit einem Plumps auf dem Schreibtisch landete.
„Meine Güte, das ist Harry Potter", sagte sie. In ihrer Stimme schwang ein näselnder Tonfall mit.
Alle Aktivität im Wartebereich hielt einen Moment lang inne und Stille senkte sich über den Raum. Es dauerte nur einen Augenblick, bevor Geflüster ausbrach. Die Menschen begannen, auf Harry zu zeigen und näher zu kommen, um ihn zu hören. Einige Heiler stießen sich gegenseitig die Ellenbogen in die Seite und nickten in seine Richtung.
Verärgert von der Rezeptionistin schnappte Mr. Weasley sich das Namensregister und notierte seinen Namen, bevor er die Schreibfeder an Harry weiterreichte. „Wir wissen, wo wir hinmüssen", sagte er kalt.
Harry am Ellenbogen gepackt, bewegte er sich rasch auf den Fahrstuhl zu. Remus folgte ihnen, während das Summen der Stimmen in der Lobby beständig anschwoll. Sie fuhren so schnell wie möglich in den vierten Stock, wo die Station für Zauberschäden lag. Doch die Neuigkeiten von Harrys Anwesenheit eilten ihnen voraus, so dass sich Hexen und Zauberer in den Korridoren drängten, um einen Blick auf den Auserwählten zu erhaschen. Mehrere stellten ihm Fragen, doch Harry hielt seine Augen fest auf den Boden gerichtet und verlangsamte seine Schritte nicht.
Die Krankenschwester am Schreibtisch vor der Station war ein junges, ziemlich plumpes Mädchen, das Harry immer wieder mit ihren Augenlidern zuplinkerte.
„Wir sind hier, um Ron Weasley zu besuchen", sagte er mit einem freundlichen Nicken.
„Es tut mir leid, Mr. Potter", erwiderte die Hexe nervös, ihren Blick auf sein Gesicht gerichtet. „Wir haben direkte Anweisung vom Ministerium erhalten, dass bis auf weiteres niemandem der Zutritt in die Station erlaubt ist. Wir haben jetzt zwei Besucher drinnen und warten darauf, dass sie wieder aufbrechen."
Harry lehnte sich über den Tisch und senkte verschwörerisch die Stimme. „Ach, kommen Sie schon. Wenn schon Besucher drinnen sind, werden ein paar mehr doch keinen Unterschied machen. Ich verspreche, dass wir so schnell wieder verschwunden sein werden, dass keiner es mitbekommt", sagte er.
Die Hexe öffnete und schloss ihren Mund mehrere Male wie ein Fisch, anscheinend um zu protestieren, doch unfähig Worte zu finden.
„Ich würde es als großen persönlichen Gefallen ansehen", sagte Harry. Er warf einen kurzen Blick auf ihr Namensschild. „Sandy. Meinen Sie, ich könnte meinen Freund besuchen?" Er hatte aus Erfahrung gelernt, dass Ginny stets dazu neigte, ihm seinen Willen zu lassen, wenn er den trotteligen Dackelblick aufsetzte, und er hoffte, dass es bei der Schwester ebenfalls seine Wirkung tat.
„In Ordnung, Mr. Potter", hauchte Sandy atemlos, „aber Sie müssen schnell sein. Ich werde in so großen Schwierigkeiten stecken, wenn jemand herausfindet, dass ich Sie hineingelassen habe."
„Danke, Sandy." Harry war sehr zufrieden. Schnell eilte er durch die Tür zu der geschlossenen Station. Remus und Mr. Weasley folgten ihm, beide mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
„Ich glaube, ich habe bei deinem Vater und Sirius solche Aktionen gesehen, Harry. Gut gemacht", sagte Remus glucksend.
Harry schoss das Blut ins Gesicht. „Ich hoffe, sie wird nicht auch noch gefeuert wie die Hexe im Appariertestzentrum", sagte er. Doch es war nicht zu ändern. Sie mussten Ron von hier rausschaffen.
„Zu seinem Zimmer geht es hier lang." Mr. Weasley führte Harry um die Ecke.
Als sie eintraten, fanden sie den Raum keineswegs leer vor. Ein beleibter Mann saß auf dem Stuhl an Rons Bett, den Rücken zur Tür gewandt. Harry zückte seinen Zauberstab und zielte auf den Mann. „Verzieh dich von seinem Bett und behalt deine Hände, wo ich sie sehen kann", blaffte er.
Der Mann zuckte zusammen und wandte sich um, worauf das überraschte Gesicht von Harrys Klassenkameraden Neville Longbottom zum Vorschein kam.
Harrys Körper sank zusammen, als die Luft und die Anspannung seine Lungen verließen. „Neville. Was machst du denn hier?"
„Hi, Harry", begrüßte ihn Neville fröhlich. Sein rundes Gesicht strahlte, als er Harry erkannte. „Hallo, Professor Lupin. Wie geht es Ihnen? Und Sie müssen Mr. Weasley sein."
„Schön, dich wieder zu sehen, Neville", sagte Remus herzlich.
„Oma und ich sind hier, um meine Eltern zu besuchen, aber hier geht etwas Seltsames vor sich. Sie haben es uns sehr schwer gemacht reinzukommen und sie haben versucht, uns diesen zusätzlichen Papierkram ausfüllen zu lassen. Oma ist nach oben gegangen, um dem Oberheiler ihre Meinung zu geigen. Ich beneide diesen Typen nicht", erwiderte Neville und verzog das Gesicht.
„Wie geht es Ron?", erkundigte sich Harry.
Er bewegte sich behutsam zum Bett und erhaschte den ersten Blick auf seinen Freund seit Wochen. Rons Haut war so blass, dass seine Sommersprossen dunkel hervortraten. Er wirkte jedoch friedlich, als schliefe er nur. Irgendwie hatte Harry erwartet, dass er schmerzerfüllt aussah. Es erleichterte ihn festzustellen, dass dies nicht der Fall war. Dennoch war es seltsam und unheimlich, Ron so zu sehen. Er war an einen Ron gewöhnt, der lebendig und voller Energie war. Er wollte seinen Freund zurück.
„Oma hat mir gesagt, dass er hier ist. Deshalb hab ich einen Zweig von meiner Mimbulus mimbletonia abgeschnitten und für ihn eingepflanzt. Es soll heilende Kräfte haben. Ich dachte, es könnte helfen", murmelte Neville.
Harry warf einen Blick auf die kleine grüne Pflanze, die auf Rons Nachttisch stand, und es fiel ihm schwer zu schlucken.
„Das ist eine wunderbare Idee, Neville", sagte Hermine, die gerade den Raum betrat. Harry bemerkte plötzlich, dass Hermines Jacke auf dem Stuhl neben Rons Bett lag.
„Hermione! Wann bist du hergekommen?", fragte Harry mit weiten Augen. Er hatte angenommen, dass sie noch geschlafen hatte, als er mit Remus und Mr. Weasley aufgebrochen war.
„Ich bin schon seit ein paar Stunden hier. Ich konnte nicht schlafen", erwiderte sie. Sie wich seinem Blick aus. Ihre Augen wiesen dunkle Ringe auf, die wie Veilchen aussahen. Sie ging zu Ron und strich ihm sanft das Haar aus der Stirn. „Es hat noch keine Veränderung gegeben. Was macht ihr alle hier? Was ist passiert?"
„Umbridge macht uns das Leben schwer und will versuchen, Ron in Gewahrsam des Ministeriums zu nehmen", antwortete Harry.
„Was? Das ist lächerlich", rief Hermine. Ihre Augen suchten nach Bestätigung von den älteren beiden Männern.
„Das ist eben Umbridge", versetzte Harry.
„Was werden wir tun? Wir können es nicht zulassen, Harry. Mr. Weasley? Sie kann ihn nicht einfach mitnehmen", sagte Hermine. Ihre Stimme wurde mit jeder Silbe schriller.
„Beruhig dich, Hermine." Remus packte sie an den Schultern. „Keiner wird Ron mitnehmen."
„Wir sind hier, um ihn hinauszustehlen. Selbst bewusstlos ist Ron ein Rebell", sagte Harry feixend.
„Wie? Sie bewachen alle Türen. Wie sollen wir einen bewusstlosen Körper unbemerkt an ihnen vorbeischmuggeln? Sie zählen, wer hineingeht und wer herauskommt. Sie wissen, dass Neville und ich die einzigen beiden hier drin sind", sagte Hermine in einem Atemzug.
„Nehmt Ron", meldete sich Neville plötzlich zu Wort. Ein entschlossener Ausdruck überquerte sein Gesicht. „Ihr nehmt Ron und ich lege mich in sein Bett. Es wird sie nicht lange täuschen, aber lange genug, damit ihr hier rauskommt."
„Neville – ", begann Hermine.
„Tut es. Ich komme schon klar", unterbrach Neville mit vorgeschobenem Kinn.
„Das Ministerium wird sich auf dich stürzen und dir alle möglichen Fragen stellen", sagte Harry. „Ich bin es, den sie wollen und sie werden versuchen, Ron dazu zu verwenden, mich zu kriegen. Sie werden dich auch benutzen."
„Das wird nicht klappen", erwiderte Neville. „Ich weiß nicht, wohin ihr ihn nehmt, und solange ihr es mir nicht verratet, kann ich ihnen sogar mit Veritaserum nichts liefern."
„Danke, Neville", sagte Mr. Weasley leise. Er streckte Neville die Hand entgegen.
„Ich will helfen, in jeder Weise. Wenn du etwas brauchst, Harry, weißt du, wo du mich findest", sagte Neville, während er jedem der Männer die Hand schüttelte.
„Danke, Neville", sagte Harry. Er verspürte außerordentlichen Stolz, Neville seinen Freund nennen zu können.
Als Neville sich Hermine zuwandte, zog er sie in eine Umarmung. Er reichte ihr die Topfpflanze, die einem pulsierenden Kaktus ähnelte. „Nimm sie, vielleicht wird sie helfen."
„Danke, Neville." Hermines Augen glänzten.
Mr. Weasley zückte seinen Zauberstab und zielte auf seinen Sohn. „Petrificus Totalis", sagte er, worauf Rons Körper sich versteifte. „Levicorpus."
Rons Körper erhob sich in die Luft und blieb unheimlich regungslos vor Mr. Weasley hängen.
Remus stellte sich neben ihm, um ihn vor Blicken abzuschirmen. Er wandte sich zu Harry, seine Augen funkelten. „Nun, Harry, wenn du jetzt deinen Charme an Sandy einsetzt, während wir uns hinausstehlen, wird sie uns anderen hoffentlich nicht einmal einen zweiten Blick gönnen."
Hermine küsste Neville auf die Wange, bevor er in Rons Bett stieg. Sie nahm ihren Platz vor Ron ein und sie bewegten sich auf die Tür zu.
Harry eilte zur Rezeption, während er sich bemühte, den Blick der Krankenschwester auf die anderen zu verdecken. „Danke, dass Sie mich meinen Freund haben sehen lassen, Sandy. Das hat mir wirklich viel bedeutet. Wir gehen jetzt alle."
Sandy blinzelte und starrte Harry verträumt an. „Okay, Mr. Augen... äh... Potter... Mr. Potter. Sie... äh... haben schöne Augen... die Farbe, meine ich. Sie ist verblüffend."
Harry spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. „Danke, Sandy."
„Ich glaube an Sie, Harry. Ich weiß, dass Sie ihn schlagen werden", sagte Sandy und ergriff seine Hand.
Harry hoffte inbrünstig, dass er Sandy nicht mit seinem Besuch in Schwierigkeiten brachte. „Ich werde es versuchen", versprach er aufrichtig. Seine Worte kamen ihm schrecklich unpassend vor.
Der Rest der Gruppe hatte inzwischen den Aufzug erreicht. Harry stieß gerade zu ihnen, als die Tür sich schloss. Er zog seinen Tarnumhang aus der Tasche, schüttelte ihm aus und schwang ihn über Rons Kopf.
„Ich bin sicher, die Reporter wissen inzwischen von meiner Anwesenheit hier. Wenn wir aufgehalten werden, lassen Sie mich mit ihnen fertig werden, während Sie Ron rausbringen", sagte er zu Remus und Mr. Weasley.
Keiner der beiden Männer wirkte glücklich damit, doch beide nickten zustimmend, wissend, dass er wahrscheinlich Recht hatte.
Sie traten aus dem Aufzug und umrundeten die Ecke in die Lobby, bevor die Hölle losbrach. Kameras blitzten auf. Ein Schwarm von Reportern schwärmte auf sie zu und feuerten so schnell Fragen, dass Harry nichts verstehen konnte.
Während er die hellen Punkte vor seinen Augen wegzublinzeln versuchte, warf er Remus einen bedeutenden Blick zu. Harry bewegte sich weg von den anderen, um ihnen die Gelegenheit zu verschaffen zu verschwinden, und hob die Arme in die Luft, um die Meute zum Schweigen zu bringen. Als das misslang, steckte er seine Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus.
Er sah, wie Remus und Mr. Weasley ungehindert durch den Eingang schlüpften und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Bestürzt bemerkte er jedoch, dass Hermine bei ihm geblieben war.
„Mr. Potter, was halten Sie von unserer einstweiligen Ministerin? Ich glaube, Sie standen im Konflikt mit ihr, als sie kurzzeitig das Amt in Hogwarts übernommen hat", fragte ein Reporter mit verengten Augen und einem glatten Gesicht, während er Harry einen Federkiel und Pergament unter die Nase hielt.
„Ja. Dolores und ich hatten unsere Uneinigkeiten in der Vergangenheit", erwiderte Harry, ihren Titel ignorierend, „aber ich hoffe, sie kann all das hinter sich lassen und sich auf die momentane Situation konzentrieren. Voldemorts Schreckensherrschaft zu beenden sollte jedermanns höchste Priorität sein."
Er verdrehte die Augen, als die Erwähnung des Namens Aufkeuchen und empörte Schreie hervorrief. Er fand sie einfach nur lächerlich. Wie konnten sie von Voldemorts Aktivitäten Bericht erstatten, wenn sie es nicht einmal ertragen konnten, seinen Namen zu hören?
„Halten sie sie für geeignet, uns anzuführen?", wollte eine Reporterin wissen, deren grellrote Nägel ihren Federkiel liebkosten.
Harry zuckte die Achseln. „Ich glaube nicht, dass Voldemort oder seine Anhänger sich um irgendeinen Erlass scheren, den das Ministerium herausgeben könnte. Sie werden ihn nicht aufhalten."
„Was wird ihn dann aufhalten, Mr. Potter?", fragte die Hexe begierig.
Harry musste ein Grinsen unterdrücken, als er sich fragte, ob sie tatsächlich anfangen könnte zu sabbern. „Ich", erwiderte er, ihr fest in die Augen schauend.
Die Federn der Reporter kritzelten wie verrückt, während das Dröhnen der Gespräche abermals gewaltige Ausmaße annahm.
„Was haben Sie heute im St. Mungos gemacht?", rief ein weiterer Reporter, worauf die Menschenmenge verstummte.
„Ich habe einen guten Freund von mir besucht, der vor kurzem in einem Kampf mit einigen von Voldemorts Todessern verletzt worden ist. Während dieses Kampfes wurde einer der Todesser gefangen genommen, der sich nun in Gewahrsam des Ministeriums befindet. Der Name dieses Mannes lautet Peter Pettigrew", sagte Harry.
In der Halle brach wieder Tumult aus. Hermine warf Harry aus weiten Augen einen Blick zu, nickte ihm jedoch aufmunternd zu.
„Wie ich dem Klitterer in dem Interview nach Voldemorts Wiederauferstehung mitgeteilt habe, war Pettigrew ihm bei seiner Rückkehr behilflich. Ich habe nicht viele Berichte über seine Gefangennahme gelesen, aber vielleicht sollten Sie das Ministerium fragen, ob er etwas ausgeplaudert hat."
Die Neuigkeiten von Wurmschwanz' Gefangennahme war geheimgehalten worden und Mr. Weasley hatte erfahren, dass die Ratte noch immer nicht in Azkaban festgehalten wurde, sondern sich in einer Einrichtung des Ministeriums aufhielt. Zugang zu ihm war nur handverlesenen Auroren von Dolores Umbridge gestattet worden. Harry hielt es für an der Zeit, dass die Öffentlichkeit die ganze Geschichte erfuhr. Hoffentlich würde sie Druck auf das Ministerium ausüben.
„Wo ist Pettigrew jetzt?", erkundigte sich ein Reporter mit einem dünnen Schnauzbart.
„Soweit ich weiß, ist er im Ministerium. Aber ich würde vermuten, sie bereiten sich darauf vor, ihn nach Azkaban zu schicken", erwiderte Harry achselzuckend. „Vielleicht haben sie erfahren, wo Voldemort sich versteckt."
„Sie glauben, dass der Dunkle Lord sich versteckt?", fragte ein anderer Reporter eifrig.
Wieder zuckte Harry mit den Schultern. Er hob seine Hände in die Luft. „Hab ihn in letzter Zeit nicht gesehen."
Fragen über Pettigrew und seine Gefangennahme flogen durch die Luft und Harry konnte das Gefühl von Freude nicht unterdrücken, das in seiner Brust aufstieg. Dolores würde sich mächtig darüber aufregen.
„Schaut, dort ist die einstweilige Ministerin Umbridge", rief Hermine, während sie Harrys Arm so fest packte, dass ihre Nägel sich in seine Haut bohrten. „Warum fragen Sie sie nicht über Pettigrews Schicksal?"
Die Meute von Reportern schwärmten auf die überraschte Dolores Umbridge zu. Ihr krötengleiches Gesicht errötete sich vor Zorn, als sie realisierte, welcher Natur die Fragen waren. Sie funkelte Harry durch den Raum an, verzweifelt darum bemüht, sich einen Weg zu ihm zu bahnen. Er konnte ihre affektierte Stimme hören, während sie versuchte, die Reporter aus dem Weg zu schaffen. Hermine packte Harrys Hand und sie flüchteten so schnell sie konnten.
Obwohl sich Weihnachten beständig näherte, blieb die Stimmung innerhalb des Hauptquartiers angespannt und düster. Eins der Gästezimmer war in eine notdürftige Krankenstation umgewandelt worden und Madam Pomfrey war in eines der angrenzenden Zimmer gezogen. Trotz ihrer fürsorglichen Pflege hatte Ron sein Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt. Hermine hatte die Pflanze, die Neville ihr übergeben hatte, auf Rons Nachttisch gestellt. Während der kleine Zweig wuchs, hatte sich Rons Gesichtsfarbe ebenfalls verbessert. Dennoch, diese kleine Veränderung hatte ihn nicht aus seinem Koma erlöst und die Hoffnung aller schwand.
Harry weigerte sich zu glauben, dass sein bester Kumpel den Rest seines Lebens in einem schlafähnlichen Zustand verbringen würde. Es konnte einfach nicht so enden.
Harrys Aussagen gegenüber der Presse über Wurmschwanz' Gefangennahme hatte das Ministerium zu dem Geständnis gezwungen, dass sie ihn tatsächlich in Gewahrsam hielten. Alle anderen Details waren lückenhaft und der Tagesprophet hatte bald einen Artikel abgedruckt, der Umbridges Führerqualitäten in Frage stellte. Nach zwei Artikeln solcher Art in rascher Abfolge hatten sie plötzlich aufgehört. Die Versuche des Ordens, den Reporter ausfindig zu machen, der die Artikel verfasst hatte, hatten bisher noch nicht gefruchtet. Es schien, als wäre der Reporter wie vom Erdboden verschluckt.
Neville hatte eine Eule geschickt, um sie in Kenntnis zu setzen, dass er in all dem Tumult, den Harrys Verkündigung bezüglich Wurmschwanz hervorgerufen hatte, St. Mungos hatte verlassen können, ohne vom Ministerium aufgehalten worden zu sein. Als sie zur Befragung zu ihm nach Hause gekommen waren, hatte die Ehrfurcht einflößende Anwesenheit seiner Großmutter die beiden Auroren bezwungen. Es schien, dass Dolores Umbridge nicht darauf gefasst war, gegen eine respektierte Reinblüter- Familie vorzugehen.
Im Hauptquartier verglichen Harry, Hermine und Ginny in der Bibliothek ihre Notizen zu den Fundorten der Horkruxe und ihrer Zerstörung miteinander. Keiner von ihnen konnte sich zu dem Vorschlag durchringen, ihre Suche ohne Ron fortzusetzen, obwohl Harry befürchtete, dass es wahrscheinlich eher früher als später dazu kommen würde. Er hatte entschlossen, während der Feiertage abzuschalten und einfach nur seine Zeit mit den Weasleys zu genießen, während sie noch die Gelegenheit dazu hatten.
Unerwartet hatten sich laute Stimmen in der Eingangshalle erhoben, worauf die drei ihre Köpfe aus der Tür streckten. Tonks, Mad- Eye Moody, Bill und Mr. Weasley standen alle beisammen und schienen einen Streit mit Remus zu führen.
Remus hatte seine Arme resolut vor der Brust verschränkt und trug einen resignierten, aber entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht. Die anderen schienen erregt und Tonks sah aus, als hielte sie mit Mühe Tränen zurück. Bill zeigte wieder diesen wütenden, frustrierten Ausdruck, bei dem die Haare in Harrys Nacken sträubten.
„Was ist los?", fragte Harry und schritt in die Mitte des Treppenabsatzes.
„Umbridge schlägt wieder zu", sagte George mit finsterer Miene.
Harry schreckte zusammen, da er Georges Anwesenheit nicht bemerkt hatte, der mit Fred in der Tür zur Küche verborgen stand. Beide trugen den gleichen verstimmten Ausdruck.
„Was hat sie jetzt schon wieder getan?", erkundigte sich Hermine stöhnend.
„Sie hat einen Erlass herausgegeben, dass alle Personen, die unter Lycanthropy leiden, sich in ministeriumsgebilligte Einrichtungen zu begeben haben, bis die jetzige Krise vorüber ist", sagte Remus leise.
„Was?" Harry wirbelte zu dem alten Freund seines Vaters herum. „Du machst Witze."
„Ich fürchte nicht", erwiderte Remus mit einer Grimasse.
Harry blickte kurz zu Bill, der finster dreinblickte. „Es betrifft nicht mich, weil bei mir nicht offiziell Lycanthropy diagnostiziert wurde... noch nicht. Ich zeige lediglich ein paar der Symptome, aber du hast aus erster Hand miterlebt, wie meine Stimmung... irrational werden kann. Lass ihr einfach etwas Zeit. Es wird nicht lange dauern, bis sie die Einschränkungen umstuft."
„Wir werden es nicht dazu kommen lassen, Bill", sagte Mr. Weasley. Harry wusste, dass es das Versprechen eines Vaters zu seinem Sohn war. Eins, das er verzweifelt halten wollte, aber nicht unbedingt kontrollieren konnte.
„Was meinst du? Eingeschränkt bei jedem Vollmond?", fragte Hermine mit gerunzelter Stirn. „Sie werden dich jeden Monat einsperren?"
„Nein. Eingeschränkt im Sinne von dauerhaft für eine unbestimmte Zeitspanne, unabhängig davon, ob Vollmond ist oder nicht", widersprach Mr. Weasley, der einen besorgten Blick in Remus' Richtung warf. Remus wand den Blick ab. „Die Strafe für einen Verstoß gegen den Erlass ist umgehende Vollstreckung."
„Das kann sie nicht machen", rief Ginny, zwischen ihrem Vater und Remus hin- und herblickend. „Ihr seid genau wie jeder andere auch, außer an Vollmond. Sie kann euch nicht einfach wie Tiere behandeln."
„Umbridge hatte schon immer Vorurteile gegen gefährliche Halbblüter. Schau dir nur die Anti- Werwolf- Legislation an, die sie vor vier Jahren eingeführt hat", sagte Tonks. Ihr Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Grimasse. Sie wandte sich zu Remus und zog flehend an seinem Arm. „Das ist ihre eigene persönliche und törichte Kampagne."
„Wie hat sie vor, diese Einrichtung zu bewerkstelligen?", wollte Hermine wissen, ihre Arme empört vor der Brust verschränkt.
„Das tut sie nicht, und offen gesagt, schert es die Menschen im Augenblick auch nicht", sagte Remus müde. Er trat einen Schritt von Tonks weg. „Selbst die, die sich normalerweise der Notlage annehmen würden, sind zu beschäftigt mit dem Krieg. Eine gewaltige Anzahl von Lycanthropy- Betroffenen haben sich bereits auf Voldemorts Seite gestellt. Die Menschen haben Angst und in verzweifelten Zeiten greifen sie zu verzweifelten Maßnahmen."
„Wie hat sie vor, all diesen Leuten Wolfbanntrank zu verabreichen?", fragte Hermine und starrte Mad- Eye an, als wäre es alles seine Schuld.
„Wer sagt, dass sie es tun wird?", entgegnete Mad- Eye mürrisch.
„Sie kann euch doch nicht einfach alle zusammensperren", rief Hermine, ihren Blick entsetzt auf Remus gerichtet.
„Warum nicht? Ich glaube nicht, dass das Schicksal von jemandem, der wie ich betroffen ist, sie kümmert", sagte Remus träge. „Ehrlich, die einzigen, die sich stellen werden, sind diejenigen, die versuchen, ein normales Leben unter Zauberern zu führen. Die Mehrheit von Voldemorts Anhängern wird dem Erlass nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken. Die, die sich stellen, werden sich gegenseitig umbringen während der Vollmonde. Wenn das vorbei ist, wird niemand mehr übrig sein, der sich darüber beschweren kann."
„Und Umbridge wird hier nicht aufhören", fügte Bill hinzu. „Sie wird auch gegen Zentauren, Meermenschen und Goblins vorgehen. Das wird nicht schön."
„Das ist barbarisch", rief Ginny mit glitzernden Augen.
„Das ist Krieg", blaffte Moody. „Der springende Punkt ist, das zu ihrem Vorteil auszunutzen."
„Was habt ihr vor zu tun?", fragte Fred Remus.
Erst jetzt bemerkte Harry, dass eine kleine Tasche zu Remus' Füßen stand. Hermine musste es zur gleichen Zeit festgestellt haben.
„Du wirst dich doch nicht ihnen stellen", rief sie panisch.
„Ganz sicher nicht", sagte Harry. Er spürte, wie Wut in ihm aufkam. Der Gedanke daran, Remus zu verlieren, nagte nun mit fieberhaftem Eifer an seinem Inneren. Zuerst Sirius, dann Dumbledore und nun Remus...
„Nein, werde ich nicht", sagte Remus. Seine Augen waren traurig und er schaute Harry an, als wäre niemand anderes im Zimmer. „Ich werde untertauchen, wie ich es für Dumbledore getan habe. Vielleicht kann ich etwas darüber erfahren, was die anderen planen. Jedenfalls gibt es mir eine ausgezeichnete Deckung dafür, der Zauberergesellschaft meinen Rücken zuzukehren."
„Nein", sagte Harry, schwer atmend. Er spürte, wie Ginny ihre Hand in seine gleiten ließ und ihre Finger miteinander verschränkte. „Es muss einen anderen Weg geben."
Remus legte Harry die Hände auf die Schultern und drückte sie sanft. „Harry, wir haben keine andere Wahl."
„Das ist Selbstmord, Remus", schaltete sich Tonks ein. Ihre wässrigen Augen begannen endlich, Tränen zu vergießen. Sie kullerten ihr Gesicht in dicken Tropen herunter, während ihr Haar die pinke Farbe verlor und in ein Mausbraun überging. „Sie werden dich töten, wenn sie auch nur den geringsten Verdacht schöpfen."
„Mir wird es gut gehen, Nym", erwiderte er, während er sanft ihre Wange streichelte. „Wir müssen alle tun, was wir tun müssen."
„Nein", wiederholte Harry. Er war entschlossen, Remus zu lähmen, wenn das nötig war, um ihn davon abzuhalten.
„Es ist mein Weg, in diesem Krieg zu kämpfen. Sicherlich kannst du es von allen Menschen verstehen, Harry", sagte Remus sanft.
Harry wandte den Blick ab, verzweifelt nach einer Alternative suchend. Er fragte sich, ob Ginny sich so fühlte, wenn er versuchte, sie zurückzulassen. Nicht in der Lage zu antworten, nickte er kurz. Seine Kehle verschloss sich.
Remus tätschelte ihm die Schulter. Seine Stimme brach. „Guter Junge. Ich bin sehr stolz auf alles, das du erreicht hast, Harry. Ich bin schon immer außerordentlich stolz auf dich gewesen. Sirius und dein Vater wären es auch. Ich werde mich so oft melden, wie ich kann."
Remus nickte den anderen in der Eingangshalle zu. Dann nahm er Tonks bei der Hand und führte sie zur Tür, um im Stillen von ihr Abschied zu nehmen. Als er an Ginny vorbeitrat, beugte er sich herunter und flüsterte, laut genug, dass Harry es hörte: „Pass auf ihn auf."
„Das werde ich", murmelte Ginny. Eine einzelne Träne lief ihre Wange herab.
Unbeweglich sah Harry zu, wie Remus Tonks aus der Tür führte. Ein schmerzendes Loch wuchs in seiner Brust. Wut brodelte in ihm. Voldemort musste aufgehalten werden, bevor noch mehr Leben auseinander gerissen wurden. Er musste den verbliebenen Horkrux finden. Und dann musste er es ein für alle Mal beenden, unabhängig davon, was das für ihn bedeuten mochte.
Harry saß in einem Sessel neben Rons Bett und starrte aus dem Fenster auf den leicht fallenden Schnee. Er hatte erst vor wenigen Minuten eingesetzt und er schaute zu, verloren in seinen eigenen Gedanken, während die wirbelnden Flocken auf dem Fenstersims zu tanzen schienen. Er war nach Remus' Aufbruch aus der Eingangshalle geflüchtet, da er die besorgten Blicke der anderen und Hermines Verlangen, den Erlass im Detail zu diskutieren, nicht ertragen konnte.
Er wünschte, Ron könnte aufwachen. Doch sein Freund blieb bewusstlos. Untätig kickte Harry gegen den Fuß des Bettes und beobachtete, wie das Gummi seiner Turnschuhe bei jeder Berührung abrollte.
„Ich wünschte, du würdest damit aufhören und aufwachen, Ron. Die Mädchen treiben mich in den Wahnsinn, wo ich jetzt der einzige bin, den sie schikanieren können", sagte er. Er schnaubte leicht. „Wenn du so gelangweilt von unserer Gesellschaft bist, werde ich vielleicht Lavender Brown bitten, herzukommen und eine Weile hier zu bleiben. Ich wette, das würde dir gefallen."
Harry grinste, als er sich Rons entsetzten Gesichtsausdruck vorstellte, hätte er diesen Kommentar gehört. Abwesend fragte er sich, was Lavender und die anderen nun trieben, da Hogwarts ihre Zeit nicht mehr beanspruchte.
„Wir haben darauf gewartet, dass du aufwachst, bevor wir uns auf die Suche nach dem nächsten Horkrux machen. Aber ich kann nicht mehr länger warten, Kumpel. Zu viel geschieht gerade. Umbridge versucht, die Kontrolle zu übernehmen und alles in Ordnung zu bringen. Ich bin sicher, du weißt noch, wie gut es das letzte Mal funktioniert hat", sagte Harry, die Augen verdrehend.
„Hermine wird noch einmal das Denkarium durchsehen. Ich weiß nicht, was sie hofft zu finden. Aber ich vermute, es gibt ihr etwas zu tun.
Du musst bald aufwachen, Kumpel. Wenn es mir gelingt, diesen letzten Horkrux in einem vernünftigen Zeitraum zu finden, warte ich nicht zögern, Voldemort gegenüberzutreten. Er muss aufgehalten werden, Ron. Und ich bin der einzige, der es tun kann. Ginny und Hermine wollen nichts davon hören, aber ich weiß, dass du es verstehst. Ich brauche dich, um sie aus dem Weg zu halten, damit ich tun kann, was ich tun muss. Wann wirst du aufwachen, Ron?"
Harrys Hals war wund und er musste mit dem Sprechen aufhören, um es zu lindern. Er fuhr fort, das Bett mit dem Fuß zu bearbeiten, während er Rons blasses Gesicht anstarrte.
„Remus ist gegangen", sagte er. Seine Stimme klang seltsam in der Stille des Zimmers.
Er beobachtete das beständige Heben und Senken von Rons Brust. „Er hätte sich hier verstecken können, denke ich. Er wäre aber wie Sirius hier gefangen."
Harry blinzelte und starrte wieder aus dem Fenster.
„Wir wissen alle, als wie schlecht sich das herausgestellt hat. Und ich glaube nicht, dass Remus daran erinnert werden wollte, wie unglücklich Sirius am Ende war", fuhr Harry fort. „Ich habe es gar nicht gemocht, als sie mir das angetan haben. Deshalb vermute ich, dass es nicht richtig gewesen wäre, wenn wir es mit ihm versucht hätten.
„Diesmal muss es anders enden, Ron", flüsterte er, den Kopf senkend.
Er zuckte zusammen, als sich ein warmer Arm um seine Schultern schlang. „Es wird anders sein dieses Mal, Harry", sagte Ginny sanft.
Er blickte ihre warmen braunen Augen und öffnete die Arme, so dass sie sich mit ihm auf den Sessel kuscheln konnte. Er schlang seine Arme um sie und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Sein Herzschlag beruhigte sich, während seine Atemzüge gleichmäßiger wurden.
„Wie geht es ihm?", erkundigte sich Ginny mit einem Nicken in Rons Richtung.
„Genauso wie vorher", erwiderte Harry. „Ich weiß nicht. Ich hatte einfach das Gefühl, ich müsste ihn auf dem Laufenden halten, weißt du?"
„Ja, nun, selbst wenn er bei Bewusstsein ist, weiß Ron sowieso nicht, dass er auf dem Laufenden ist", bemerkte Ginny, während sie die Bettdecke an Rons Schulter feststeckte.
Harry fühlte, wie seine Lippen zuckten, und obwohl er versuchte, es zu unterdrücken, konnte er dem Glucksen nichts entgegensetzen, das in seinem Bauch wuchs, bis er sich nicht mehr halten konnte.
„Er fehlt mir", sagte er, während sein Lächeln verblasste.
„Das weiß ich. Mir auch. Er lässt sich seine eigene süße Zeit mit dem Aufwachen, was?", fragte Ginny.
Harry zog sie näher an sich. „Sorry", flüsterte er. „Du bist hergekommen, um mich aufzumuntern, und jetzt habe ich dich traurig gemacht."
„Ja. Du bist schon eine Art Spielverderber", erwiderte Ginny und schmiegte ihre Nase an seine Wange.
Harry schnaubte. Er lehnte sich im Sessel zurück und legte seine Füße auf Rons Bett.
„Hier", sagte Ginny und zog einen Schokofrosch aus ihrer Tasche. „Das habe ich Bill geklaut und ich glaube, es ist die letzte Schokolade in diesem Haus. Remus sagt immer, dass es dir ein besseres Gefühl gibt."
Harry lächelte, als er sich daran entsann, wie Remus während seiner Lehrzeit in Hogwarts stets einen Vorrat an Schokolade in seinem Schreibtisch hatte. Er nahm den Frosch entgegen und zerbrach ihn in zwei Hälften.
„Wollen wir teilen?", fragte er.
„Danke", erwiderte Ginny und steckte sich die Süßigkeit in den Mund. Sie lehnte sich zurück und legte ihre Beine auf Harrys.
„Ich wünschte, er hätte hier bleiben können, aber ich weiß, dass er unglücklich gewesen wäre. Ich wäre es. Ich denke, es ist leichter, wenn man das Gefühl hat, etwas zu unternehmen, als wenn man sich zurücklehnt und darauf wartet, dass jemand anderes es tut", erwiderte Harry und kaute seine Schokolade.
„Ich weiß. So fühle ich mich", sagte Ginny leise.
Harry nickte. „Es tut mir leid, Ginny."
„Das muss es nicht. Es ist nicht deine Schuld, es ist nicht Remus' Schuld. Es ist einzig und allein die Schuld vom verdammten Tom Riddle", sagte Ginny. Sie packte sein Kinn und zwang ihn, sie anzusehen. „Remus will dich nicht mehr verletzen, als du mich verletzen wolltest. Die Umstände sind jenseits unserer Kontrolle und jeder tut, was er tun muss, um zu überleben."
„Das weiß ich. Er tut genau das, was ich an seiner Stelle tun würde." Harry presste die Zähne zusammen. „Aber das nimmt mir nicht die Sorgen um ihn."
„Ich weiß", sagte Ginny, sein Haar streichelnd.
„Wir müssen diesen letzten Horkrux finden", seufzte Harry.
„Ich habe darüber nachgedacht", ertönte Hermines Stimme von der Tür her. Sie bewegte sich zur gegenüberliegenden Seite von Rons Bett und küsste Ron auf die Stirn, bevor sie sich niederließ.
„Toll! Wo ist er?", fragte Ginny strahlend.
„Ha, ha, sehr witzig. Professor Dumbledore hatte den Verdacht, dass der andere Horkrux irgendeine Verbindung zu entweder Ravenclaw oder Gryffindor hat. Also müssen wir damit anfangen, Nachforschungen über die Gründer anzustellen", sagte Hermine.
„Das sollte nicht allzu schwer sein. Über sie wurde sehr viel geschrieben", erwiderte Ginny.
„Meinst du, wir sollten in Hogwarts nachschauen?", fragte Harry.
„Ich denke nicht." Hermine rieb sich das Kinn. „Ich habe schon alles über sie in der Bücherei hier gelesen. Ich kann mich nicht entsinnen, etwas gesehen zu haben, das wir nicht bei Flourish und Blotts bekommen. Wir müssen mehr allgemeine Informationen finden, denke ich. Nur über sie und nicht über ihre Verbindung zu Hogwarts. Rowena Ravenclaw wurde in England geboren, während Godric Gryffindor aus Wales stammte. Ich glaube, wir sollten bei den Büchereien in ihren Geburtsstädten anfangen."
„Gryffindor war Waliser?", fragte Harry ungläubig.
„Natürlich war er das, Harry. Du bist doch nach Godrics Hollow gegangen." Hermine verdrehte die Augen, als wäre er bescheuert.
Vielleicht war er das auch. Denn er hatte diese Verknüpfung nicht bedacht. „Dort ist Godric Gryffindor geboren?", fragte er.
„Natürlich. Wusstest du das nicht?" Hermine klang entsetzt, dass er Godrics Hollow besucht hatte, ohne diese Information zu wissen.
„Nein", erwiderte Harry kopfschüttelnd. Er kam sich sehr langsam vor, nun da er darüber nachdachte. Godric Gryffindor. Godrics Hollow. Es machte vollkommen Sinn.
Hermines Stimme zog seine Aufmerksamkeit zu der Unterhaltung zurück. „Helga Hufflepuff war Irin, während Salazar Slytherin aus Schottland stammte. Deshalb vertreten die Gründer je ein Viertel von Großbritannien."
„Woher weißt du das alles?", erkundigte sich Harry.
Hermine warf genervt die Hände in die Luft. „Ganz einfach. Ich lese, Harry. Das solltest du auch mal ausprobieren. Wenn du dir jemals die Zeit genommen hättest, Die Geschichte von Hogwarts zu lesen, wüsstest du das auch. Es stand alles sehr detailliert in den ersten paar Kapiteln."
Diesmal war es Harry, der die Augen verdrehte. Er ignorierte Hermine. „Also, wo sollen wir anfangen? Ich bin nicht gerade scharf darauf, nach Godrics Hollow zurückzugehen. Aber ich wäre froh, eine Weile aus dem Haus zu kommen."
Hermine verengte die Augen. „Was ist mit deinen Okklumentik- Stunden?", fragte sie.
„Ich hatte in letzter Zeit nicht wirklich welche", erwiderte Harry achselzuckend. „Ich denke, wir alle stimmen überein, dass sie nichts bringen. Ich habe keinerlei Fortschritte darin gemacht, Malfoy auszublenden. Und ich bin es leid, mir ständig seine höhnischen Bemerkungen über Erinnerungen von Dudley anzuhören."
„Hast du versucht, in der Nacht deinen Kopf freizumachen?", forschte Hermine.
Harry knirschte mit den Zähnen. „Ich habe alles getan, das sie von mir verlangt haben, Hermine. Ich kann keine Okklumentik. Ich habe ihnen gesagt, dass ich es noch einmal versuchen würde, aber wenn ich es für nutzlos halte, würde ich es beenden. Es funktioniert nicht."
Hermine öffnete den Mund, als Ginny ihr dazwischenfuhr: „Professor Dumbledore hat es ohnehin nicht für zwingend erforderlich gehalten. Das hat er letztes Jahr gesagt. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht angenehm ist, Malfoy in deinem Kopf zu haben und ihn über deine Kindheitserinnerung höhnen zu hören", sagte sie, während sie Harrys Arm rieb.
„Nein. Der Wichser kann darüber richtig abgehen", sagte Harry.
„Ich weiß nicht, wie du es überhaupt erträgst, dich ihm gegenüber höflich zu verhalten", entgegnete Ginny.
Harry zuckte die Achseln. „Weiß nicht. Als ich zugesehen habe, wie Lucius ihn in Azkaban behandelt hat, hatte ich etwas Mitleid mit ihm. Es hat nicht lange angehalten – er ist gleich zu seinem üblichen ekelhaften Selbst zurückgekehrt, aber trotzdem... ich verstehe nicht, wie ein Vater seinen Sohn so behandeln kann. Ich meine, ich mag ihn auch nicht. Aber er ist auch nicht mit mir verwandt."
„Du planst doch nicht, dem Arsch ein Weihnachtsgeschenk zu überreichen, oder?", fragte Ginny feixend.
Hermine schniefte bei der Ausdrucksweise, obwohl Harry bemerkte, dass ihre Lippe zuckte, als unterdrückte sie ein Grinsen.
„He, schon allein für Rons Gesichtsausdruck würde es sich lohnen, Malfoy ein Geschenk zu besorgen", sagte Harry, während er sich die Szene vorstellte. „Aber was schenkt man einem laufenden, sprechenden Frettchen?"
„Wie wär's mit einer Leine?", schlug Hermine schnaubend vor. „Wir könnten eine pinke mit einem kleinen Strasshalsband kaufen und Pansy könnte ihn wie einen Schauhund herumführen."
„Tut sie das nicht jetzt schon?", fragte Ginny. Beide Mädchen quiekten vor Lachen.
Harry schüttelte grinsend den Kopf. Er dachte immer noch an Draco und Lucius' Streit und es führte ihn zurück zu Gedanken an seine eigene sogenannte Familie. „Meint ihr, der Aufmunterungszauber liegt immer noch auf Dudley?", fragte er.
Hermine wandte ihren Blick zum Fenster. Der Schnee hatte begonnen, sich gegen das Glas zu schichten.
„Du hast einen auf ihn gelegt, richtig?" Er beobachtete sie genau.
„Ja, habe ich", sagte Hermine nickend.
Harry wusste, dass sie ihm etwas verschwieg, doch er sah keine Notwendigkeit, sie weiter zu drängen. Wenn sie und Ron etwas getan hatten, um die Dursleys zu quälen, nachdem sie aufgebrochen waren, hätten sie es allemal verdient. Harrys Gedanken schweiften jedoch oft zu Dudley. Er fragte sich, ob Dudley über seine unterdrückten magischen Fähigkeiten nachdachte und ob er überhaupt neugierig war. Onkel Vernon und Tante Petunia könnten den Gedanken so abstoßend für Dudley gemacht haben, dass er wirklich nicht mehr erfahren wollte. Wenn es Harry wäre – wäre er neugierig.
Er entschied, dass er Dudley dieses Jahr ein Weihnachtsgeschenk schicken würde. Er hatte noch immer ein Exemplar von Erstklässler- Zauber. Dudley mochte es einfach in die Mülltonne werfen, doch vielleicht war er neugierig...
Im Moment gab es jedoch dringende Angelegenheiten.
„Woher in England stammt Ravenclaw?", wollte er wissen.
„Canterbury", antwortete Ginny prompt.
Harry und Hermine starrten sie beide überrascht an.
„Woher weißt du das?", fragte Harry.
„Was? Ich lese auch, Harry", sagte Ginny mit einem strengen Gesicht. Als Harry eine Augenbraue hob, kicherte sie und sagte: „Naja, Canterbury ist nicht weit von Ottery St. Catchpole entfernt, oder? Einige meiner Vorfahren haben mal dort gewohnt. Tatsächlich ist das Diadem von Auntie Muriel – das, das Fleur bei der Hochzeit getragen hatte – eine Nachbildung von einem, das Rowena Ravenclaw getragen hat."
„Glaubst du, dass du ein Nachfahre von Ravenclaw bist?", erkundigte Harry.
„Nein", erwiderte Ginny. Sie schüttelte den Kopf, so dass ihr Haar um ihre Schultern wirbelte. „Weasleys sind Gryffindors gewesen, soweit ich zurückdenken kann. Die Prewetts auf Mums Seite auch. Ich hatte einen Großonkel ein paar Generationen zurück, der eine aus Ravenclaw geheiratet hat, und sie hat das Diadem machen lassen. Es ist nur eine Kopie, nicht das Original, aber es ist Tantchen Muriels ganzer Stolz. Fred und George haben Ron, als wir klein waren, immer damit aufgezogen, indem sie ihn gezwungen haben, sie zu tragen, wann immer wir zu Besuch waren."
Harry und Hermine schnaubten beide. Es faszinierte Harry stets, Geschichten von der Kindheit der Weasleys zu hören.
„Ron fand, dass das Muster der Edelsteine wie Spinnen aussieht. Und er hat jedes Mal angefangen zu zittern, wenn sie ihn damit nachgejagt sind", fuhr Ginny lachend fort. „Er hat finster dreingeschaut und ist mürrisch geworden und hat Sachen gesagt wie: Das verdammte Ding sieht aus, als hätte es Spinnen drauf."
„Also, da es nicht allzu weit ist, warum fangen wir nicht in Canterbury an?", schlug Harry vor, erfreut, endlich zu einer Entscheidung gekommen zu sein.
Hermine hatte ihre Stirn in Falten gelegt und schien tief in Gedanken versunken. „Ginny, dieses Diadem...", begann sie, wurde aber von einer benommenen Stimme unterbrochen, die kratzig und heiser klang.
„Ich habe Hunger", sagte Ron, während er versuchte, sich aufzusetzen.
„Ron!", quietschte Hermine. Sie sprang auf und half ihm, sich aufzurichten. Sie stopfte ihm Kissen hinter den Kopf und warf die Arme um seinen Hals. „Oh, Ron! Du bist wach. Du bist endlich wach."
Rons Augen hatten sich vor Überraschung geweitet und er versuchte, mit der Zunge eine Strähne von Hermines Rotem Haar aus seinem Mund zu entfernen. „H'mine", grunzte er.
„Oh!", rief sie, zog sich zurück und goss ihm Wasser vom Nachttisch ein.
Ginny hatte Harrys Hand gepackt, als Rons Stimme erklungen war. Und nun drückte sie sie kurz, bevor sie herumwirbelte und aus dem Zimmer rannte.
Harry blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen, starrte Ron an und widerstand dem Drang, seine Arme um seinen Kumpel zu werfen, sowie Hermine es getan hatte.
„Ron", brachte er heiser hervor.
„Hey", sagte Ron und blickte sich im Raum um, als versuchte er, aus seiner Umgebung schlau zu werden. „Wir sind zurück im Hauptquartier, ja?"
Harry nickte, nicht auf seine Stimme vertrauend. Hermine klammerte sich an Rons Hand, schniefend. Sie schien nicht in der Lage zu sprechen. Ron war verwirrt von den Reaktionen der beiden.
„Was ist heute für ein Tag?", wollte er wissen.
Die Frage war genug, um Hermine den Rest zu geben. Sie brach in Tränen aus und plapperte unzuhängende Sätze zwischen den Pausen, in denen sie nach Luft schnappte. Rons Gesichtsausdruck zeigte Panik.
„Ist Weihnachten schon vorbei? Habe ich Geschenke verpasst?", fragte er entsetzt.
„Nein", erwiderte Harry grinsend – seine Belustigung riss ihn endlich aus seiner Betäubung. „Du hast nicht die Geschenke verpasst. Natürlich werde ich shoppen gehen müssen, um dir etwas zu besorgen. Danke, Kumpel."
Ron grinste schläfrig. „Also sind wir heil aus Azkaban herausgekommen. Was ist passiert?", erkundigte er sich.
„Azkaban? Ron... erinnerst du dich nicht mehr an die Inferi? Und dass du von Bellatrix Lestrange verflucht worden bist?", fragte Harry, in der Hoffnung, dass Rons Erinnerungen nur verwirrt waren.
„Oh! Richtig... Wir haben Wurmschwanz, nicht wahr?", fragte Ron, obwohl er sehr verunsichert schien.
Die Tür platzte auf und Mrs. Weasley kam hereingerauscht, dicht gefolgt von Ginny, Bill und Fleur.
„Oh, Ron." Mrs. Weasley warf ihre Arme um ihn. „Als Ginny sagte, du seiest wach, hatte ich das Gefühl, als wären all meine Weihnachtsgebete in Erfüllung gegangen. Tu mir nie wieder so etwas an!"
Ron riss die Augen weit auf, als er in der tränenreichen Umarmung seiner Mutter geklemmt war.
„Es tut gut, dich wieder unter den Lebenden zu sehen, kleiner Bruder", sagte Bill und tätschelte liebevoll Rons Arm. „Ich werde Dad und den Zwillingen bescheid sagen. Sie werden es wissen wollen."
„Oui, und isch werrrde Eulen an Scharrrlie und Perrrcy schiiicken", sagte Fleur. Sie lächelte Ron strahlend an, bevor sie Bill aus dem Zimmer folgte.
Ron blinzelte verdattert und versuchte, sich aus Mrs. Weasleys Armen zu befreien. „Uääh, Mum, lass mich los. Willst du mich wieder in die Bewusstlosigkeit zurückbefördern?"
Prompt brach Mrs. Weasley in Tränen aus.
„Gut gemacht, Ron", kommentierte Ginny mit finsterem Blick, während sie den Rücken ihrer Mutter tätschelte. Harry konnte jedoch Belustigung in ihren Augen blitzen sehen und wusste, dass sie außer sich vor Freude war, Ron zurückzuhaben, ob sie es nun zugab oder nicht. Sie stand dort und rieb ihrer Mutter den Rücken, während sie ihren Bruder anstrahlte. Harry stellte sich neben sie und schlang ihr den Arm um die Schultern.
„Es ist toll, dich wiederzuhaben, Kumpel", sagte Harry. „Alles in Ordnung, Hermine?"
Hermine war in ihrem Sessel geblieben und schaute die Weasleys aus weiten, tränengefüllten Augen an, gelegentlich schniefend.
„Ich denke, wir sollten alle Ron und Hermine ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk machen, indem wir uns hier raustrollen und ihnen etwas Zeit allein gönnen", schlug Ginny vor. Ihre Augen blitzten wissend.
„Ich werde dir etwas Suppe kochen gehen, Ron. Du musst am Verhungern sein. Poppy sollte bald zurücksein und ich werde sie sofort hochschicken, um einen Blick auf dich zu werfen", sagte Mrs. Weasley und rauschte aus dem Zimmer, während sie Harry und Ginny zur Tür scheuchte. Ein bedächtiger Ausdruck überquerte ihr Gesicht, als sie sich zurück zu Ron und Hermine wandte, die einander in die Augen starrten. „Ich bin gleich unten... und mir wäre es lieb, wenn ihr die Tür offen lasst, damit ich euch rufen hören kann."
Harry und Ginny versuchten, ihr Kichern zu verbergen, während sie den Korridor hinuntereilten. Sie stürmten in die Bücherei und brachen auf der Couch zusammen, wild lachend. Plötzlich schien alles sehr viel heller in der Welt. Rons Genesung hatte etwas Hoffnung zurückgebracht, als sie verzweifelt gebraucht wurde.
