Kapitel 19 – Die Schlinge zieht sich zu
Zwei Tage nach Weihnachten setzte Harry den Orden davon in Kenntnis, dass er, Ron, Hermine und Ginny für einige Tage weggehen würden. Wie erwartet zeigte sich keiner besonders erfreut. Sie wollten alle wissen, wohin sie aufbrachen und was sie vorhatten. Harry konnte sehen, dass Mrs. Weasley mit sich rang, sie alle zu lähmen und in den Dachboden einzuschließen. Doch sie riss sich zusammen – wenn auch gerade so.
Wie versprochen übergab Harry die andere Hälfte des Spiegels, den Remus verzaubert hatte, an Mr. Weasley. Es bereitete ihn Beklemmung, ihn jemand anderem überlassen zu müssen. Er hatte sich stets vorgestellt, dass es Remus sein würde, mit dem er Kontakt behalten würde. Doch das sollte nicht sein. Er hatte in Betracht gezogen, ihn Mrs. Weasley zu geben. Aber er hatte den Verdacht, die Versuchung, nach ihnen zu fragen und sicherzugehen, dass sie auch genug aßen, wäre ihr zu groß. Er glaubte, in Mr. Weasley eine bessere Option gefunden zu haben.
Sie brachen am frühen Morgen auf, resolut gegen Mrs. Weasleys tränenüberströmtes Gesicht gewappnet. Ron umarmte sie sogar zweimal, als sie sich verabschiedeten.
Hermine hatte einige Nachforschungen angestellt und einen kleinen Zaubererbereich um Rowena Ravenclaws Herkunftsort gefunden. Sie hatte ihnen ein Zimmer in einem örtlichen Gasthaus gebucht, damit sie nicht im Schnee zelten mussten. Deshalb apparierten sie direkt dorthin.
Als sie die Einrichtung betraten, fanden sie einen dämmrig beleuchteten Pub vor, der dem Tropfenden Kessel ähnelte. Dieser Pub schien jedoch eher auf Familien ausgerichtete Kundschaft zu beherbergen, da mehrere Mütter jungen Kinder um ein Frühstücksbuffet herum nachjagten. Die Tische waren mit Papierdecken ausstaffiert und jeder wies einen Kasten mit Buntstiften in Kindergröße auf.
Mehrere Gäste blickten auf, als die Jugendlichen eintraten. Doch die vier hielten ihre Köpfe gesenkt, während Hermine ihren Zimmerschlüssel holen ging. Sie waren sich einig geworden, dass sie die am wenigsten Erkennbare von ihnen war, so dass sie den Kontakt mit dem Gastwirt aufnehmen würde. Harry verspürte wirklich nicht das Bedürfnis, sofort gesehen zu werden und eine Meute von Reporter – oder noch schlimmer, Todesser - auf den Fersen zu haben, bevor er seine Suche auch nur begonnen hatte.
„Ich hab ihn", sagte Hermine leise und deutete zur engen Holztreppe neben der Bar.
Die anderen folgten ihr nach oben, wo sie bei Zimmer Nummer drei hielt. Sie öffnete die Tür, worauf ein gemütlich aussehender Raum mit zwei großen Betten und einem langen, staubigen Kleiderschrank zum Vorschein kam. Die Bettdecken erschienen sauber, jedoch ziemlich alt und verschlissen.
„Tja, es ist nicht viel, aber es wird seinen Zweck erfüllen", kommentierte Hermine und warf ihren Rucksack auf eines der Betten.
Sie hatten nur das eine Zimmer genommen, weil sie es für sicherer hielten, beisammen zu bleiben. Trotz der Tatsache, dass sie sich alle ein Zimmer geteilt hatten, als sie im Sommer im Zelt übernachtet hatten, fühlte Harry eine Anspannung, als er die beiden Betten anstarrte. Eine brennende Wärme kroch in sein Gesicht und er senkte den Kopf, damit die anderen es nicht bemerkten.
Er und Ginny waren noch nicht viel weiter als übers Petting gekommen – und er glaubte nicht, dass es bei Ron und Hermine anders war – doch sie hatten sich schließlich unter der ständigen Überwachung durch die gesamte Weasley- Familie befunden. Ginny hatte für Harrys Geschmack viel zu viele Brüder und er hatte stets ein wachsames Auge auf die Tür gehalten, während er mit Ginny anderweitig beschäftigt war. Die Aussicht auf Mrs. Weasleys Zorn hatte sie alle anständig gehalten.
Sicherlich hatte er nicht vor, mit Ron im selben Zimmer irgendetwas anzustellen, doch das Wissen, dass die Gelegenheit da war, ließ seinen Magen flattern. Er warf Ron einen verstohlenen Blick zu und bemerkte ein Stirnrunzeln auf dem Gesicht seines Kumpels. Offensichtlich war Rons Gedankenstrom demselben Weg gefolgt wie der von Harry.
Die Mädchen jedoch schienen überhaupt nicht besorgt. Hermine fuhr fort, ihren Rucksack auszupacken, während Ginny auf das Bett gesprungen war, das Hermine belegte, und ausprobierte, welches Kissen ihr besser gefiel.
„Also... schlaft ihr beide da?", fragte Ron, während er sich seinen sehr roten Nacken rieb.
Hermine und Ginny blickten ihn an und blinzelten verständnislos.
„Äh... ziehst du dieses Bett vor, Ron?", erkundigte sich Ginny. Plötzlich blitzten ihre Augen auf. „Oder ziehst du einfach meine Bettpartnerin vor?"
„Was? Natürlich nicht! Äh... ich meine... Hermine", jammerte Ron und starrte Hermine an. „Du weißt, was ich meine."
Den Rücken kerzengerade, sagte Hermine schniefend: „Nein, Ron, ich weiß nicht, was du meinst. Vielleicht solltest du es erklären."
Harry bemühte sich nicht zu lachen, während er sich auf das andere Bett setzte und Ron mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck anschaute, den er aufbringen konnte.
„Halt die Klappe, Harry", blaffte Ron.
„Ich habe gar nichts gesagt", keuchte Harry. Scheinbar war seine Miene nicht unschuldig genug gewesen.
„Da du anscheinend ein Problem mit mir hast", sagte Hermine scharf, „kannst du ja mit Harry das Bett da drüben teilen, während Ginny und ich dieses hier nehmen."
„Ich schlafe nicht mit Harry", stieß Ron hervor. Wenn es irgend möglich war, hatten seine Ohren sich noch mehr gerötet.
„Würdest du es vorziehen, wenn ich mit Harry schlafe?", fragte Hermine. Ihre Augen verengten sich.
Harry konnte kaum sein Grinsen kontrollieren. Er biss sich in die Wange, um ein ernstes Gesicht zu bewahren.
„Ich bin es gewohnt, mit wenig Platz auszukommen. Deshalb macht es mir nichts aus. Warum teilen nicht Ginny und Hermine beide mit mir und Ron kann das andere Bett für sich allein haben?", schlug er vor. Bein Anblick von Rons Gesicht konnte er kaum seine Entzückung verhehlen.
„Okay", sagte Ginny fröhlich und sprang auf Harrys Bett, wo sie sich an ihn schmiegte. Sie spielte mit ihrer neuen Halskette herum, während sie fortfuhr, ihren Bruder aufzuziehen. „Ron hatte schon immer etwas gegen das Teilen."
„Ich habe nichts gegen das Teilen", entgegnete Ron empört. „Und du wirst nicht mit Harry schlafen... und Hermine auch nicht."
„Es gibt zwei Betten und wir sind zu viert, Ron. Du musst dich entscheiden. Du musst mit einem von uns schlafen, wer soll es sein?", fragte Hermine, die Hände auf den Hüften. Harry konnte die Herausforderung in ihrer Stimme hören und war froh, nicht in der Haut seines Freundes zu stecken. Natürlich schien die Antwort Harry schmerzhaft offensichtlich.
Anscheinend sah Ron es genauso. Er blickte zwischen Hermines grollendem Gesicht und Harry und Ginny zusammen auf einem Bett hin und her.
„Na schön." Ron warf die Hände in die Luft und funkelte Harry und Ginny an. „Ihr beide benehmt euch lieber. Ich schlafe auf dieser Seite des Bettes, um ein Auge auf euch zu halten. Glaub mir, Harry, wenn du irgendetwas mit meiner kleinen Schwester anstellst, schmeiß ich dich aus dem Fenster."
„Was ich entscheide zu tun oder zu lassen, geht niemanden etwas an außer mich und Harry, Ron Weasley", sagte Ginny. Sie erhob sich auf die Knie und stierte ihren Bruder wütend an. Sie erinnerte Harry an eine zornige Elfe – schön und feurig und doch gefährlich.
„Nicht wenn ich neben euch schlafe", erwiderte Ron heftig.
„Also teilst du das Bett mit mir?", fragte Hermine, die Arme noch immer vor der Brust verschränkt.
Ron wirbelte zu ihr herum, vielleicht weil er den kühlen Tonfall in ihrer Stimme bemerkt hatte. „Natürlich. Ich schlafe nicht mit Harry oder meiner Schwester."
Harry kniff die Augen zusammen. Ron war noch nie gut darin gewesen, unterschwellige Körpersignale zu registrieren.
„Oh, ich verstehe. Also habe ich dich in Ermangelung eines anderen Kandidaten abbekommen? Ich Glückliche", sagte Hermine.
„Sei nicht albern", entgegnete Ron. „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich immer vorziehen, mit dir zu schlafen. Mir wäre es nur lieber, sie wären nicht im Zimmer. Du bist immer meine Wahl, Hermine."
Hermines Gesichtsausdruck wurde sanfter, während ihre Augen Ron warm anschauten. Leicht schniefend wedelte sie eine Hand vor ihrem Gesicht, als wäre ihr warm.
„In Ordnung, jetzt da die Schlafanordnungen geregelt sind, lasst uns an die Arbeit gehen. Wir werden uns aufteilen müssen, um so viel Gebiet wie möglich abzudecken."
Ron starrte sie ungläubig an. „Das gesamte Zaubererviertel deckt gerade mal etwa zwei Straßen ab. Wie viele Informationen kann es denn überhaupt geben?", fragte er.
„Das ist Ravenclaws Herkunftsort", sagte Ginny. „Ich kann mir vorstellen, es gibt irgendeine Art von Museum und der Rest des Dorfes enthält wahrscheinlich viele Erwähnungen von ihrem Leben."
„Ganz genau", bestätigte Hermine. „Genauso wie Liverpool den Beatles gewidmet ist."
Ron blickte sie fassungslos an. „Es ist Ungeziefer gewidmet?"
Hermine verdrehte die Augen. „Wie du nur so wenig über Muggle- Geschichte bescheid wissen kannst, geht über meinen Verstand."
„Ach ja? Naja, Muggle wissen auch wenig bescheid über das Zeug, das ich kenne", entgegnete Ron, seine Arme über der Brust verschränkt.
„Ja, aber nur, weil sie nicht wissen, dass es Zauberer gibt", schnappte Hermine gereizt. „Wir haben nicht die Zeit, den ganzen Morgen zu diskutieren. Wir müssen anfangen."
„Wozu überhaupt die Eile?", wollte Ron wissen und Harry hatte den Verdacht, dass er einfach nur störrisch sein wollte. Er und Ginny saßen auf ihrem Bett und sahen ihren Freunden müde beim Streiten zu.
„Alle im Pub haben uns mindestens einen neugierigen Blick zugeworfen. Es wird nicht lange dauern, bis jemand Harry erkennt", sagte Hermine.
Plötzlich setzte Harry sich alarmiert auf. „Du hast Recht. Mich würde es nicht überraschen, wenn Voldemort sowieso irgendwo hier einen Informanten hat. Er hat keine Möglichkeit zu erfahren, wie viel Dumbledore über die Horkruxe weiß. Da liegt es doch nur nahe, alle Möglichkeiten zu überwachen."
„Du hast Recht. Wir werden vorsichtig sein müssen. Immer wachsam", sagte Ginny, matt lächelnd.
„Lasst uns suchen, bis wir entdeckt werden. Dann machen wir einen weiteren öffentlichen Auftritt in der Winkelgasse, für den Fall, dass jemand unsere Bewegungen verfolgt. Dein Dad kann uns helfen, die Presse dort zu alarmieren", sagte Harry, in Ginnys Richtung nickend.
„Du findest mit Ron heraus, wo das Museum ist", sagte Hermine gebieterisch. „Ginny und ich werden etwas tiefer nachforschen."
Harry und Ron verbrachten den gesamten Tag im Rowena- Ravenclaw- Museum. Es war nicht schwer zu finden gewesen und Harry vermutete, dass das ganze Dorf drum herum errichtet worden war. Dennoch fand Harry nicht, dass es ein ertragreicher Tag gewesen war. Vielleicht weil er nicht wirklich viel über die Hogwarts- Gründer wusste, hatte er das Gefühl, als suchte er nach einer Nadel im Heuhaufen.
Er stellte keinen besonderen Gegenstand fest, der Ravenclaw in jedem der Portraits, die er gesehen hatte, begleitete, und keiner der Informationstexte erwähnte auch nur irgendetwas von großer Bedeutung, das als Horkrux verwendet worden sein könnte.
„Glück gehabt?", fragte Ron, die Augen rot und trübe.
„Das ist hoffnungslos – es könnte alles sein", sagte Harry. Er fühlte sich entmutigt.
„Selbst wenn wir herausfinden, was es sein könnte, sagt es uns immer noch nichts darüber, wo es versteckt ist", stöhnte Ron. „Wir haben es schon den ganzen Tag lang versucht und es hilft auch nicht gerade, dass ich immer wieder vergesse, wonach ich überhaupt suche. Ich bin am Verhungern."
Als Harry spürte, wie sein eigener Magen knurrte, beschloss er, für heute Feierabend zu machen. Rons Erinnerung verbesserte sich beständig, doch es traten immer noch Aussetzer ein und Harry wollte ihn nicht drängen. „Komm. Lass uns zum Gasthaus zurückgehen und etwas Essen bestellen. Vielleicht hatten die Mädchen mehr Glück."
Harry folgte Ron durch die Tür, doch gerade als sie nach draußen traten, packte er Rons Arm und zog ihn in eine Gasse in die Nähe.
„Was zur – ", beschwerte sich Ron, doch Harry klappte seine Hand über Rons Mund und zerrte ihn hinter mehrere Müllcontainer.
„Shhh", raunte Harry und deutete in die Richtung der Straße.
Er und Ron sahen, wie ein riesiger blonder Zauberer mit einem harten Gesicht langsam ins Blickfeld schritt. Er bewegte sich vorsichtig, seine kleinen Augen schweiften umher und lugten in Schaufenster und um Ecken, als suchte er nach etwas.
„Wer ist das?", fragte Ron, die Augen verengend. „Ich habe ihn irgendwo schon einmal gesehen."
Harry nickte, während er Ron bedeutete, die Stimme zu senken. „Er war bei Malfoy in der Nacht... auf dem Astronomieturm", erwiderte Harry, die Augen auf den blonden Todesser geheftet.
Plötzlich wandte sich der brutalgesichtige Mann zu der Gasse, als wüsste er, dass er beobachtet wurde.
Harry gefror das Blut in den Adern und sein Körper versteifte sich. Er hielt Rons Schulter fest umklammert, bereit, ihn aus der Bahn von Flüchen zu schleudern. Er hielt den Atem an, während er Rons abgehackten Atem neben sich hörte. Er machte sich Sorgen, dass es so laut in der dunklen Gasse klang, dass der Todesser ihn mit Sicherheit hörte. Dämmerung legte sich über das Dorf, was Ron und Harry zumindest mehr Schatten bot, in denen sie sich verbergen konnten. Wenn der Mann jedoch in die Gasse kam, war es für ihn unmöglich, sie zu verfehlen. Harry verfluchte sich dafür, seinen Tarnumhang im Gasthaus zurückgelassen zu haben.
Der Todesser zog seinen Zauberstab. „Lumos", murmelte er, worauf die Spitze aufleuchtete. „Wer ist da? Zeige dich oder begegne dem Zorn des Dunklen Lord."
Rons Augen weiteten sich, als der Mann die Gasse hereinlief.
Harry umklammerte seinen Zauberstab, wissend, dass es keinen Ausweg gab. Er wünschte, er wüsste, wo Ginny und Hermine waren, bevor er so große Aufmerksamkeit auf sie zog. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er war noch nie gut in wortlosen Zaubern gewesen, doch es war sicherlich einen Versuch wert und er hatte sich unter Druck stets behauptet.
Sowohl Ron als auch sich selbst mit seinem Zauberstab deckend, führte Harry einen Disillusionierungszauber aus, gerade als der blonde Todesser ihr Versteck erreichte. Er spürte ein kaltes Tröpfeln an seinem Rücken, der ihn in Kenntnis setzte, dass er erfolgreich war. Er wartete einige Augenblicke, ließ den Mann ein wenig mehr hineinlaufen, bevor er Rons unsichtbaren Arm nahm und ihn aus der Gasse zog.
Sobald sie das Gasthaus erreicht hatten, hob Harry den Zauber auf.
„Harry, das war genial. Wo hast du das gelernt? Ich dachte, du hättest noch Schwierigkeiten mit wortloser Magie", sagte Ron. „Fühlt sich aber ein bisschen seltsam an, nicht wahr?"
Harry zuckte die Achseln. „Übung. Lass uns nach oben gehen und nachsehen, ob die Mädchen da sind. Ich hoffe, sie sind nicht in Schwierigkeiten geraten."
Beide Mädchen befanden sich jedoch schon in ihrem Zimmer und aus ihren besorgten, wütenden Mienen zu schließen, nahm Harry an, dass sie schon eine ganze Zeit gewartet hatten.
„Wo habt ihr gesteckt?", verlangte Ginny zu wissen und stampfte mit einer verblüffenden Ähnlichkeit zu ihrer Mutter mit ihrem Fuß auf.
„Wir waren krank vor Sorge", keifte Hermine, die Hände auf den Hüften. Harry fand, sie leistete ebenfalls gute Arbeit darin, Mrs. Weasley nachzuahmen. „Von jetzt an müssen wir Zeiten festlegen, wann wir uns austauschen, damit wir wissen, wann wir uns Sorgen zu machen haben."
„Ja, unsere Sorge zeitlich einplanen. Das sollte ganz hoch auf unserer Prioritätenliste stehen", sagte Ron, die Augen verdrehend.
Harry verzog das Gesicht. Er wusste, dass Ron in Schwierigkeiten steckte. Manchmal wusste sein Freund einfach nicht, wann er seine Zunge im Zaum halten musste.
Hermines Gesicht wurde rot. „Es ist eine hohe Priorität, da wir keine Ahnung hatten, ob ihr in Gefahr stecktet oder nicht, oder ob wir Hilfe holen sollten. Wie hätte es dir gefallen, wenn Ginny und ich verschwunden wären?"
„Wir hätten uns einfach auf die Suche nach euch gemacht", erwiderte Ron ungläubig.
„Schon gut, schon gut", beschwichtigte Ginny und stellte sich zwischen sie. „Das reicht. Ihr beide könnt später weiterstreiten. Ich will wissen, was geschehen ist."
„Wir sind um Haaresbreite einem Todesser in der Nähe des Museums entkommen. Ich glaube nicht, dass er wusste, dass wir es waren, aber er hat definitiv jemanden bemerkt", sagte Harry. „Die Gegend hier steht offensichtlich unter Beobachtung."
„Was ein gutes Zeichen ist, richtig? Wenn Voldemort sich sorgt, dass du hier etwas finden wirst, ist es vielleicht etwas von Ravenclaw, das wir suchen", sagte Hermine, ihr Kinn reibend.
„Vielleicht", erwiderte Harry. „Ich glaube aber nicht, dass wir hier Fortschritte erzielen werden. Ron und ich haben den ganzen Tag im Museum verbracht und nichts gefunden."
„Das denke ich nicht", sagte Hermine.
„Warum? Habt ihr etwas gefunden?", fragte Ron, noch immer mürrisch aussehend.
„Nichts Bestimmtes, aber in allen Portraits oder Beschreibungen, die wir gefunden haben, trägt sie immer irgendwelchen Schmuck. Schmuck kann leicht weitergegeben werden und ist stark genug, die Jahre hindurch zu überleben. Wenn es noch Ravenclaw- Relikte gibt, wette ich, sind es Schmuckstücke", sagte Hermine.
Harry kratzte sich am Kopf. Das machte Sinn, doch es half ihnen nicht viel weiter. „Ich denke immer noch, wir sind besser dran, wenn wir die mit Voldemort verbundenen Orte suchen, die Dumbledore mir gezeigt hat. Sobald wir den Ort festgestellt haben, können wir nach Schmuck Ausschau halten."
„Gib mir noch einen Tag hier, Harry", bat Hermine. „Es gibt noch ein paar Läden mehr, in die ich gerne gehen möchte, und wenn wir unsere Suche einengen können, würde es sicherlich helfen."
„In Ordnung", willigte Harry ein. „Ich werde mit Mr. Weasley in Kontakt treten und ihn bitten, der Presse einen Hinweis zu geben, dass ich in zwei Tagen in der Winkelgasse auftauchen werde. Selbst wenn die Todesser den Verdacht haben, dass ich hier bin, werde ich sie so abschütteln."
Harry öffnete seinen Rucksack und kramte den Spiegel hervor. Nachdem er ihn angehaucht hatte, sagte er: „Mr. Weasley."
Für einige Augenblicke geschah nichts und Harry machte Anstalten, es abermals zu versuchen, als Mr. Weasleys besorgtes Gesicht erschien.
„Harry? Geht es euch gut?", fragte.
„Uns geht es gut, Mr. Weasley. Uns geht es gut", erwiderte Harry.
„Hi, Dad." Ginny lugte über Harrys Schulter.
Mr. Weasleys Gesicht entspannte sich. Seine übliche Fröhlichkeit kehrte zurück. „Schön, das zu hören. Hallo, Ginny. Deine Mutter wird so erleichtert sein. Was kann ich für euch tun?"
„Wir werden übermorgen in der Winkelgasse sein. Könnten Sie es einen Ihrer Pressekontakte wissen lassen?", fragte Harry.
Mr. Weasleys Gesicht trübte sich. „Ah, ich werde sehen, was ich tun kann, Harry."
„Was ist los, Mr. Weasley?", fragte Harry. Er sah, wie der ältere Mann sich unbehaglich wand.
„Noch einige Reporter, die sich zum Ministerium und Friedensverhandlungen mit Du- weißt- schon- wen kritisch geäußert hatten, sind verschwunden. Die meisten von ihnen waren dem Orden zugeneigt", sagte Mr. Weasley und seufzte schwer.
„Verschwunden? Glauben Sie, Voldemort hat etwas damit zu tun?", fragte Harry. Seine Schultern versteiften sich.
„Nein. Ich denke nicht. Über ihren Häusern ist kein Dunkles Mal gesichtet worden und die Todesser haben immer peinlich genau darauf geachtet, sie in ganz Britannien erscheinen zu lassen", erwiderte Mr. Weasley.
„Das könnte aber beabsichtigt sein", sagte Hermine, die über Harrys andere Schulter spähte, um Mr. Weasleys Spiegelbild zu sehen. „Ich meine, sie könnten es mit Absicht nicht benutzt haben, wenn sie etwas unternommen haben, das verschwiegen bleiben soll, richtig?"
„Vermutlich, aber ich glaube es nicht", sagte Mr. Weasley und kratzte sich am Kopf. „Mehrere Ministeriumsbeamte, die sich Umbridge widersetzt haben, sind ebenfalls verschwunden. Sie verstärkt ihren Griff an der Macht und beschuldigt alle, die anderer Meinung sind, des Verrats."
„Diese alte Fledermaus", schimpfte Ron.
„Nimm dich vor ihr in Acht, Dad", sagte Ginny mit gerunzelter Stirn. „Sie ist sadistisch – schau dir nur an, was sie mit Harrys Hand angestellt hat."
„Ich bin mir ihrer Methoden bewusst, Mäuschen. Mach dir keine Sorgen um mich. Passt ihr nur auf euch selbst auf. Ich habe Angst, was als nächstes geschehen wird, wenn Schwierigkeiten auftreten, und ich würde es vorziehen, dass keiner von euch vier in der Nähe ist", sagte Mr. Weasley streng.
„Warum, was ist noch passiert?", fragte Harry.
„Es wurde heute ein neuer Erlass herausgegeben, der ausführlich die Regeln beschreibt, die die Auroren bei einer Auseinandersetzung mit Todessern zu befolgen haben. Sie bemüht sich schwer, Du- weißt- schon- wen damit zu besänftigen, soviel Bürokratismus festgesetzt zu haben, dass es beinahe unmöglich für die Auroren ist, bei einer Krise zu handeln. Der erste Angriff unter diesen Befehlen wird katastrophal enden", erwiderte Mr. Weasley.
„Toll", murmelte Harry. „In Ordnung, Mr. Weasley. Sehen Sie einfach zu, dass Sie jemanden von der Presse davon in Kenntnis setzen, dass ich in zwei Tagen in der Winkelgasse auftauchen werde."
„Das werde ich, Harry. Passt auf euch auf", sagte Mr. Weasley, bevor sein Abbild verblasste.
Harry erwachte an dem Morgen ihres geplanten Ausflugs in die Winkelgasse mit solch einem Gefühl der Wärme und Friedlichkeit, dass er nicht aufstehen wollte. Er war eng an Ginny geschmiegt und Strähnen ihres Haares kitzelten ihn in der Nase. Sie hatten sich äußerst anständig verhalten, als sie in der Nacht zu Bett gegangen waren. Rons Anwesenheit im Zimmer hatte Harrys Eifer beträchtlich abgekühlt. Dennoch, irgendwann während der Nacht hatten seine Instinkte die Oberhand behalten und er war aufgewacht, um sich in Ginnys Umarmung wiederzufinden. Es war etwas, an das er sich leicht gewöhnen konnte, und das bereitete ihm Sorgen.
Je näher er dem Auffinden des letzten Horkruxes kam, desto näher gelangte Harry seiner Pflicht, schmerzhafte Entscheidungen treffen zu müssen. Manchmal fragte er sich, ob er unterbewusst Informationen über Ravenclaw von sich schob. Er wusste, dass er es hinter sich bringen musste, doch der Gedanke erschreckte ihn. Dieser kleine Blick auf das Leben, das er mit Ginny führen könnte – jeden Morgen in ihren Armen aufzuwachen – war zugleich schmerzlich wie süß. Das Leben war nicht gerade sanft mit ihm umgesprungen, doch irgendwie war der Gedanke daran, diese neu entdeckte Zufriedenheit aufzugeben, mehr, als er ertragen konnte.
Als hätte sie seinen inneren Aufruhr gespürt, rollte sich Ginny im Schlaf herum und kuschelte sich an ihn, die Nase an seine Brust gedrückt. Harry schlang seine Arme um sie, zog sie eng an sich und ließ seine Spannung abebben. Professor Dumbledore hatte ihm gesagt, dass seine größte Stärke Liebe war. Harry verstand nicht wirklich, wie es ihm helfen würde, Voldemort zu besiegen, doch er wusste, dass sie ihm ein so gutes Gefühl verlieh, wie er es nie empfunden hatte. Vielleicht würde dieses Gefühl – dieses starke Verlangen zu leben – ihm am Ende helfen.
Er wusste, dass Voldemort den Tod fürchtete. Er wollte einfach leben, weil er die Alternative fürchtete, nicht weil das Leben ihm etwas Erträgliches einbrachte. Harry spürte ein kurzes Aufflackern von Mitleid für Tom Riddle, der niemals die außerordentliche Erfüllung erfahren hatte, die Ginny ihm gewährte.
Dennoch, selbst wenn das Harry helfen würde, Voldemort am Ende zu besiegen, löste es nicht das Problem, dass das Stück von Voldemorts Seele immer noch in ihm wohnte. Er wusste, dass Hermine Recht hatte – die Objekte, die Voldemorts Seele enthielten, konnten heil gelassen werden, nachdem der Horkrux zerstört worden war. Er besaß noch die Artefakte, um dies zu beweisen, außer dem Medaillon. Dieses war mit dem Inferius, um dessen Nacken er es geschlungen hatte, auf den Grund des Sees gesunken. Dennoch, hatte Harry gesehen, dass es ganz geblieben war.
Also hatten die Artefakte überlebt, zerschlagen und ramponiert, doch er konnte keine Möglichkeit erkennen, wie er einen Horkrux aus ihm bekam, ohne sein eigenes Leben auszulöschen. Er zog an dem Armband an seinem Handgelenk. Der Aquamarin darin lag warm und tröstend an seiner Haut.
Harry seufzte, als das Bild des Schleiers, der ihm Sirius genommen hatte, in seinem Geist aufflackerte. Er fragte sich, ob es schmerzlos vonstatten gegangen war. Die Idee, den Schleier zu benutzen, suchte ihn heim, doch der Gedanke daran, Ron, Hermine und vor allem Ginny mit denselben lebhaften Albträumen zurückzulassen, die ihn bei dem Verlust von Sirius verfolgt hatten, hielt ihn zurück.
Er blickte zu Ron und Hermine hinüber, die im anderen Bett tief schlummerten. Ron hatte seine Arme weit ausgebreitet und nahm sehr viel mehr als die Hälfte des Bettes ein. Hermine, das blaue Handtuch um den Kopf geschlungen, welches sie immer noch in der Nacht trug, war an ihn geschmiegt, seinen Arm als Kopfkissen benutzend. Jeden Morgen sah Harry, wie Hermine beim Aufwachen blind nach ihrer roten Perücke tastete, wie Harry es mit seiner Brille tat.
Während die Zeit vorbeiglitt, hatte Harry das Gefühl, er sollte jedem von ihnen einen Abschiedsbrief schreiben und ihnen darin erklären, wie viel sie ihm bedeuteten. Es war etwas, das er gerne von Sirius gehört hätte. Doch er wusste, dass er seine Gefühle für sie niemals in Worte fassen könnte. Dennoch, seine Gedanken niederzuschreiben, würde die ganze Angelegenheit sehr viel realer und... näher machen.
Er schauderte unwillkürlich, worauf Ginnys Augen aufflatterten. Sie blinzelte ein paar Mal, um sich zu orientieren, bevor sie mit schläfrigen Augen zu ihm aufblickte.
„Morgen", sagte sie und vergrub sich in die Wärme seines Körpers.
„Morgen", erwiderte Harry und küsste sie auf den Scheitel. „Hast du gut geschlafen?"
„Hmm. Ich mag es, mit dir zusammen zu schlafen", sagte sie.
Harry spürte, wie eine Wärme sich in seiner Brust ausbreitete. „Ich mag es auch – auch wenn wir wirklich geschlafen haben", bemerkte er frech.
Er fühlte Ginnys Körper beben, während sie kicherte. „Lass es bloß nicht Ron hören. Sonst springt er auf dieses Bett und legt sich zwischen uns."
„Uähh", machte Harry und verzog das Gesicht. „Jetzt hast du meine Fantasievorstellung ruiniert."
„Fantasievorstellung", sagte Ginny lachend. „Ich komme in deinen Fantasien vor, Harry?"
„Du spielst die Hauptrolle in meinen Fantasien, bevor wir überhaupt angefangen haben, miteinander zu gehen", erwiderte Harry. Er gluckste bei der Erinnerung, während er stark hoffte, dass er nicht im Schlaf vor sich hin gemurmelt hatte, als er mit Ron einen Schlafsaal geteilt hatte.
„Hmm", machte Ginny. Sie wirkte ausgesprochen erfreut. „Gut."
„Gut?", fragte Harry. „Gut? Also gefällt es dir, ja?" Er rollte sich über, so dass sie unter ihm eingeklemmt war, und kitzelte sie, bis sie nach Luft keuchte.
„Harry!", quietschte sie und versuchte, sich wegzuwinden. „Hör auf! Ich mein es ernst, hör auf!"
„Nicht bevor du zugibst, dass ich diese Runde gewonnen habe", sagte Harry lachend.
„Hör auf", kreischte Ginny. „Harry, lass mich."
Harry wollte sie gerade loslassen, als er spürte, wie sein Körper durch die Luft geschleudert wurde. Er landete auf dem Boden und bevor er die Orientierung wiedergewinnen konnte, wurde er hochgezerrt und gegen die Wand gerammt, ein Arm gegen seine Kehle gedrückt.
„Was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?" Rons wutverzerrtes Gesicht ragte bedrohlich über ihm auf.
Benommen kämpfte Harry gegen Rons Arm an, während er nach Luft schnappte.
„Ron!", schrie Ginny. „Lass ihn sofort los."
„Ron, er kann nicht atmen", rief Hermine, hastig die rote Perücke aufsetzend.
„Ron", schrie Ginny und streckte den Arm aus, um Rons Ohr zu packen und zwischen ihren Fingern zu verdrehen.
„Au!", brüllte Ron und ließ Harry so plötzlich los, dass er wieder auf den Boden purzelte.
Harry bemühte sich, den Atem wiederzufinden, während er Ron finster anstarrte.
„Was sollte das?", fragte Ginny. Sie ließ Rons sehr rotes Ohr los.
„Ginny, das hat wehgetan", jammerte Ron.
„Was sollte das werden?", verlangte Harry, als er endlich seine Stimme wiedergefunden hatte. Er hievte sich auf die Füße und ballte die Fäuste.
„Was hast du mit meiner Schwester gemacht?", fragte Ron, als ob er sich plötzlich an den Grund seines Zorns erinnerte.
„Das nennt man Kitzeln, Ron, und die meisten Menschen werden dafür nicht durch den Raum geschleudert", blaffte Harry. Er hatte die Schnauze voll von Rons beschützerischem Gehabe und war ehrlich gesagt ziemlich verletzt. Sicherlich hatte er inzwischen bewiesen, dass seine Absicht gegenüber Ginny ehrenhaft war.
„Kitzeln?", wiederholte Ron verdutzt. „Ich habe gehört, wie sie dich angeschrieen hat aufzuhören."
„Natürlich habe ich geschrieen", sagte Ginny entnervt. „Er war am Gewinnen."
„Oh", machte Ron. Er sank ein wenig zusammen, als er vorsichtig einen Blick zu Harry warf.
Harry schnappte sich seine Jeans und ein T- Shirt und stolzierte zur Tür. „Ich gehe duschen. Ich werde versuchen, auf dem Weg niemandem zu nahe zu kommen", sagte er gereizt.
„Harry", rief Hermine, doch er ignorierte sie und knallte die Tür hinter sich zu. Er wusste, dass nun er der Unvernünftige war, doch er war wütend und Rons Verdächtigung hatte ihn getroffen. Die anderen Weasley- Brüder konnte er verstehen, aber Ron sollte ihn besser kennen.
Am späten Nachmittag kamen sie in die Winkelgasse. Ihre Interaktion war den ganzen Morgen lang steif und unbehaglich verlaufen, da beide Jungen stur ihren eigenen Stolz verarzteten. Ginny und Ron sprachen ebenfalls nicht miteinander, so dass Hermine die Vermittlerin zwischen ihnen spielte. Harry war glücklich, das Gasthaus verlassen zu können. Er war es leid, eingeschränkt zu sein.
In der Winkelgasse ging es ruhiger zu, als Harry es in Erinnerung hatte. Noch einige der Geschäfte waren geschlossen worden und Bretter bedeckten nun die Fenster. Es befanden sich weniger Menschen sich auf den Straßen und die, die sich herausgewagt hatten, erschienen wachsam und zaghaft, während sie ihren Geschäften nacheilten und jeglichen Augenkontakt vermieden.
Harry hatte Mr. Weasley keine besondere Stelle genannt, an der er auftauchen würde, und sie hatten entschieden, diese seltene Freiheit auszunutzen und einen Schaufensterbummel zu unternehmen. Es war jedoch bitterkalt, so dass Harry wünschte, er hätte einen spezifischeren Plan geschmiedet. Er zog seinen Umhang enger an sich und wandte seinen Rücken gegen den Wind.
„Lasst uns zu Fred und Georges Geschäft gehen", sagte Ginny, die Stimme über den kühlen Windzug hebend, der sich plötzlich erhoben hatte. „Da ist normalerweise eine große Menschenmenge und du wirst wahrscheinlich ziemlich schnell gesehen."
„Streich dir das Haar aus der Stirn", sagte Ron brüsk. Er zog an Hermines Arm. „Deine Narbe ist kaum sichtbar. Versteck sie nicht, wenn du gesehen werden willst."
Harry funkelte ihm finster hinterher, befolgte jedoch seinen Rat.
Ginny zog ihren Schal ins Gesicht und ließ ihre Hand in seine gleiten. „Komm schon", murmelte sie. „Es ist nur für eine kurze Weile."
Die vier liefen zu Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen, vor Kälte gebückt. Der Knoten in Harrys Magen wuchs, als er die Menge der geschlossenen Geschäfte bemerkte. Die Kombination von Voldemort und Umbridge richtete verheerenden Schaden in der Zaubererwelt an und das Schlimmste war, dass sie Umbridge freie Hand ließen.
„Harry, du tust meiner Hand weh", sagte Ginny und versuchte, ihre Hand aus seinem Todesgriff zu begreifen.
„Oh!" Er zuckte zusammen. „Sorry, Ginny. Ich war abgelenkt."
„Offensichtlich." Sie bewegte ihre Finger in ihren flauschig gelben Fäustlingen. „Was treibt dich überhaupt so auf die Palme? Es ist dieser Schwachsinn von Ron? Er benimmt sich einfach typisch Ron – es dauert manchmal eine Weile, bis sein Gehirn aufholt."
Harry schnaubte. „Nee, ich weiß auch nicht, was mich stört. Etwas fühlt sich einfach nicht richtig an –"
„Oi, Ron! Ginny!", rief Fred, der seinen Kopf aus der Tür seines Geschäfts streckte. „Dad sagte, dass ihr heute Nachmittag vorbeischauen könntet. Was ist passiert?"
Harry reckte den Hals, um hineinzuspähen. Einige wenige Kunden streiften in den Gängen umher, doch es war nichts im Vergleich zu der Menschenmenge, die er das letzte Mal, als er hier gewesen war, gesehen hatte. „Wie läuft das Geschäft?", fragte er.
Fred zuckte die Achseln. „Es läuft langsam, aber die Postbestellung blüht. Die Leute haben Angst, aus dem Haus zu gehen."
„Wahrscheinlich eine gute Sache. Sonst könnte Um- blöd demnächst noch einen Erlass herausbringen, dass es illegal ist, hier zu shoppen", sagte George.
Ron, Ginny und Harry schnaubten bei der Beleidigung und selbst Hermines Mundwinkel zuckten nach oben.
„Wir sind nicht gerade ihre Lieblingspersonen", sagte Fred und kratzte sich am Kinn. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand uns nicht liebt. Ihr etwa?"
„Pansy und Iris scheinen sich nicht viel um euch zu scheren", schnaubte Ginny. Fred funkelte sie und an und wandte den Blick ab.
„Dad hat gesagt, ihr müsstet irgendwo in der Öffentlichkeit gesehen werden. Das Geschäft neben uns verkauft Kaffee und hat ein großes, offenes Fenster. Wollt ihr eine Tasse trinken gehen?", fragte George.
„In Ordnung", erwiderte Harry.
„Kannst du eine Weile auf den Laden aufpassen, Shannon?", rief George einem hübschen Mädchen hinter dem Verkaufstresen zu. Sie nickte und die Zwillinge führten sie hinaus.
„Wer ist das?", fragte Ginny. „Sie ist neu."
„Ja. Wir verlieren immer wieder Angestellte. Wir vermuten, ein paar von ihnen werden vom Ministerium unter Druck gesetzt, ihre Verbindung zu uns zu lösen. Anscheinend hegt Um- blöd einen Groll gegen uns", erwiderte Fred. „Shannon kann ein bisschen ruppig sein, aber George mag sie."
George schoss das Blut ins Gesicht und er lief hastig weiter.
Es war nicht schwierig, einen großen Tisch am Fenster zu bekommen, da der Laden beinahe leer war. Sie hatten gerade ihre Bestellungen aufgegeben, als das gesamte Geschäft von dem Druck eines Stoßes erschüttert wurde, der irgendwo an der Straße abgefeuert worden war.
„Was war das?", fragte Hermine alarmiert.
„Keine Ahnung", antwortete Fred, der aufstand, um aus dem Fenster zu spähen. Der zweite Stoß ließ ihn auf die Knie fallen. Kaffeetassen klapperten auf dem Tisch und Harry hörte, wie etwas in der Küche zerschellte.
Die wenigen Menschen im Raum blickten einander wachsam an, unsicher, ob sie fliehen sollten oder nicht. Harry half Fred auf die Füße und lugte hinaus. Zu seinem Entsetzen sah er die halbe Straße in Flammen stehen. Todesser liefen ungehindert daran entlang und feuerten auf dem Weg Flüche auf die verschiedenen Geschäfte. Sie schienen sich in der Nähe von Gringotts zu versammeln.
Harry wandte sich um. Die Kellnerin war an den Tresen zurückgewichen, einen panischen Ausdruck auf dem Gesicht.
„Sind Sie ans Flohnetz angebunden?", fragte er.
Das Mädchen starrte ihn nur an. Ihre Augen flackerten zu dem Chaos draußen.
„Hören Sie", sagte Harry. Er sprach sanft, aber bestimmt. „Sind Sie ans Flohnetz angebunden?"
Das Mädchen nickte mit weiten Augen.
„Ich will, dass Sie gleich jetzt einen Notruf an das Ministerium ausrichten gehen. Sorgen Sie dafür, dass auf der Stelle Auroren hergeschickt werden", trug Harry auf.
Das Mädchen nickte abermals, bewegte sich jedoch nicht.
„Jetzt", sagte Harry, diesmal lauter.
Sie zuckte zusammen und warf Harry einen erschreckten Blick zu. Leicht wimmernd drehte sie sich um und flüchtete zur Küche. Harry wandte sich wieder der Tür zu, an der Hermine stand und nach draußen spähte.
„Hermine, du musst zurück zum Shop der Zwillinge gehen und über ihr Flohnetz den Orden alarmieren", sagte er. Er schluckte schwer. „Sei vorsichtig und halt die Augen offen. Sie sind noch nicht hier lang gekommen, aber wenn sie es tun, würde ich erwarten, dass Fred und Georges Laden ein primäres Ziel abgibt. Schnapp dir Shannon und verschwinde, wenn sie kommen."
Hermine nickte. Ihr Blick traf sich kurz mit Rons, bevor sie aus der Tür schlüpfte.
„Sei vorsichtig", rief Ron ihr nach.
„Was sollen wir tun, Harry?", fragte George.
„Wir müssen versuchen, sie aufzuhalten, bevor Hilfe kommt", sagte Harry, seinen Zauberstab fest packend. „Ginny, behalt diese Menschen im Haus. Benutz das Flohnetz oder bring sie aus der Hintertür raus, falls die Todesser hier lang kommen."
Das Wort „Todesser" zu hören, bestätigte den wenigen anderen Gästen, was draußen vor sich ging. Mehrere Schreie ertönten, während sie ihre Stühle zurückschoben und begannen, zur Tür zu rennen.
Harry stellte sich vor sie. „Hören Sie mir zu. Hier drinnen ist es sicherer als draußen. Sie müssen Ruhe bewahren. Hilfe ist unterwegs."
Murrend nahmen die Gäste ihre Plätze wieder ein und starrten nervös zwischen Harry und dem Fenster hin und her.
„Ich werde nicht hier zurückbleiben, Harry", sagte Ginny.
Harry wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu und realisierte zu spät, wie außer sich vor Wut sie war. Ihr Kiefer war entschieden vorgeschoben und ihre Augen blitzten zornig, als ob sie ihn dazu herausforderten, ihr zu widersprechen.
„Wenn du versuchst, mich zurückzulassen, werde ich zwei Schritte nach dir aus der Tür raus sein. Ich komme zurecht und ihr vier seid den ganzen Todessern nicht gewachsen. Ihr braucht alle Hilfe, die ihr kriegen könnt", sagte sie.
Harry wusste, dass sie Recht hatte. Er brauchte in der Tat die Hilfe und sie konnte auf sich selbst Acht geben. Dieses Wissen konnte jedoch nicht verhindern, dass die primitivere Seite in ihm sie in Sicherheit und unter allen Umständen beschützt haben wollte. Er verzog die Lippen, während er mit sich rang.
Schließlich drehte er sich zur Tür und fluchte lauthals. „Na schön, folgt mir und bleibt dicht zusammen."
„Harry!", sagte Ron. „Du kannst sie nicht mitkommen lassen. Sie wird verletzt werden."
„Klappe, Ron." Ginny schob ihren Bruder beiseite. „Die letzten beiden Male, als wir in Schwierigkeiten steckten, habe ich geholfen, dich rauszutragen."
Die Zwillinge unterdrückten ein Feixen, als sie zur Seite traten, um Ginny den Weg freizumachen. Die Zauberstäbe in den Händen gepackt folgten sie ihr aus der Tür. Harry gesellte sich rasch zu ihnen, während Ron ihnen hinterherlief, vor sich hin murmelnd.
„Harry!", sagte er.
„Wir haben keine Zeit dafür", schnappte Harry. „Wir bleiben alle zusammen. Wir werden uns auf der rechten Seite der Straße halten. Da ist es schattiger. Die Todesser sind auf ihre Zerstörung fokussiert und scheinen keinen Widerstand zu erwarten. Wenn wir nahe genug sind, so dass unsere Flüche sie treffen können, müssen wir zuerst Deckung suchen. Verstanden?"
Die anderen nickten, die Gesichter grimmig, aber entschlossen.
Geduckt führte Harry sie die plötzlich verlassene Straße hinunter. Neue Explosionen erschütterten alle paar Augenblicke mit einer alarmierenden Häufigkeit den Boden. Er konnte Gelächter und grausame Witze von den Todessern hören, doch die Straße selbst war unheimlich leer. Als sie diesen Weg vor nicht einmal einer Stunde entlanggegangen sind, hatten sie ein paar verstreute Einkäufer und mehrere offene Geschäfte gesehen. Nun ähnelte es einer Geisterstadt. Harry nahm an, dass alle in den Häusern Schutz gesucht hatten.
Als sie sich dem ersten Geschäft näherten, konnte Harry die Hitze von den brennenden Gebäuden auf dem Gesicht spüren. Die Temperatur draußen schien anzusteigen, ja näher sie der Bank kamen. Schwere Rauchwolken erfüllten die Luft, so dass es schwierig war zu erkennen, was geschah. Er deutete auf eine Gasse, in der mehrere Mülltonnen auf dem Boden verstreut lagen. Die Weasleys suchten Deckung dahinter.
„Wieder zurück im Dreck", murmelte Ron.
„Ron, duck dich", rief Fred und drückte Ron zu Boden, als ein grüner Lichtblitz die Gasse herunterfuhr.
Gedämpfte Schreie und Flüche tönten von der großen Straße her. Fred zerrte Ron hinter die Tonnen.
„Verdammte Scheiße. Danke, Fred", sagte Ron. Er wirkte etwas benommen.
„Ich habe jemanden hier langgehen sehen", erklang eine barsche Stimme vor ihnen.
Die Luft war plötzlich gefüllt mit den Geräuschen von Apparieren, als Hexen und Zauberer in Ministeriumsuniform auftauchten. Die Blitze von abgefeuerten Flüchen wurden heller und intensiver.
„Stupor", rief Harry.
Ein Strahl roten Lichts schoss aus seinem Zauberstab und lähmte den Todesser, der ihnen in die Gasse gefolgt war. Um die Ecke eines Gebäudes spähend, konnte Harry sehen, wie Ministeriumsauroren ausschwärmten und an der Straße entlang Deckung suchten. Die Todesser befeuerten sie mit wilder Heftigkeit und es dauerte einen Augenblick, bis Harry begriff, dass die Auroren keineswegs mit Zaubersprüchen antworteten.
„Was haben sie vor?", fragte er laut, entsetzt zusehend, wie die Auroren abgeschlachtet wurden.
„Was geht da vor sich?", flüsterte Ginny hinter ihm.
„Die Auroren sind angekommen, aber sie wehren sich überhaupt nicht. Es wirkt für die Todesser wie ein Kinderspiel", berichtete Harry.
Er beobachtete, wie der führende Auror mehrere Versuche wagte, mit den Todessern zu verhandeln. Sein Magen zog sich angewidert zusammen, als einige der Todesser mit dem Levicorpus- Zauber die Körper von toten Auroren in der Luft hängen ließen.
„Stupor", brüllte George, das Gesicht vor Zorn verzerrt.
Einer der Todesser, die die Körper geschändet hatten, sackte zusammen. Doch sein Opfer fiel ebenfalls zu Boden.
Georges Lähmfluch hatte die anderen auf ihr Versteck aufmerksam gemacht und eine Ladung von Flüchen begann an den Wänden und den Mülltonnen in der Gasse abzuprallen.
„Zurück, geht zurück", schrie Harry und schob Ginny aus dem Weg.
Ron, Fred und George nahmen eine Seite der Gasse, während er und Ginny sich an die andere drückten. Wenn die Todesser ausschwärmen sollten, saßen sie in der Falle. Harrys Augen schweiften hektisch umher und verharrten schließlich auf einer rostigen Metallfeuerleiter, die einige Meter über ihren Köpfen hing. Er wurde von einem lauten Knacken nicht weit von seinem Standpunkt aus den Gedanken gerissen. In rascher Folge ertönten einige mehr.
„Potter", sagte Mad- Eye Moody, der plötzlich mit Hestia Jones erschien. „Wie sieht die Lage aus?"
Moody und Jones wechselten einige Flüche mit den Todessern. Das waren die ersten auf Todesser gezielten Zauber, seit Harry im Geschehen angelangt war. Er sah Bill und eine andere Hexe, die er nicht kannte, zu Ron und den Zwillingen stoßen. Sie begannen alle, Flüche auf die Treppen von Gringotts zu feuern. Einige andere Ordensmitglieder hatten sich dem Schlachtgetümmel angeschlossen.
„Diese Auroren benutzen überhaupt keine Flüche. Sie versuchen, mit ihnen zu verhandeln", sagte Harry und duckte sich vor einem purpurnen Lichtstrahl, der nahe an seinem Kopf vorbeischoss.
Moody besiegte zwei Todesser, bevor er seinen Zauberstab wieder sinken ließ.
„Was tut ihr da?", fragte ein Auror, der auf sie zu rannte.
„Wir retten euch den Arsch", blaffte Moody. „Warum versucht ihr nicht, sie aufzuhalten? Sie benutzen Unverzeihliche."
Wie um dies zu bestätigen, erfüllte Geschrei, das offensichtlich vom Cruciatus- Fluch erzeugt wurde, die Luft.
Die Augen des Aurors flackerten, bevor seine Miene wieder versteinerte. „Wir folgen neuen Ministeriumsrichtlinien, die versuchen, eine friedliche Lösung aus der Krise zu finden", sagte er in einer monotonen Stimme.
„Schwachsinn", erwiderte Moody. „Das ist mehr auf Umbridges Mist gewachsen."
Der Auror verkrampfte seinen Kiefer. „Wir haben unsere Befehle. Es liegen strenge, ministeriumsgebilligte Richtlinien vor, die befolgt werden müssen. Bis wir das richtige Signal von unserem Kommandanten erhalten haben, wird nicht mit Zaubern geantwortet."
„Und wo ist euer Kommandant?", brummte Moody. „Kann er nicht sehen, dass hier Menschen vernichtet werden?"
„Dawlish", sagte Kingsley Shacklebolt, der sich ihnen näherten. Seine Augen warfen Harry einen kurzen Blick zu, doch er ließ kein Zeichen der Erkennung zeigen. Er wandte sich zu dem Auror, der bei Moody stand. „Sir, Bradford und Hennessey sind weg, so dass Sie der nächste Befehlshaber sind. Was wollen Sie tun?"
Kingsleys Kiefer war verspannt, als halte er sich nur mit Mühe im Zaum. Seine Hand ballte sich fest um seinen Zauberstab. Harry konnte die Reflektionen von verschiedenen Zaubern im Gold von Kingsleys Ohrring sehen.
„Sie wollen sich vor diesen Todessern schützen", sagte Harry, als der Auror zögerte. „Dolores' Erlass funktioniert offensichtlich nicht."
Der Blick des Mannes flackerte zu Harry und erstarrte, als er die Narbe bemerkte. Er fluchte leise. „Wir haben keine Befehle erhalten, von Dawlish abzulassen", sagte er. „Die hohen Tiere im Ministerium waren unerbittlich, dass wir die Prozedur befolgen."
„Wir wissen nicht, ob Dawlish noch am Leben ist", erwiderte Kingsley steif. „Und unsere Leute sind am Sterben, Sir."
Als der Auror noch immer zögerte, fluchte Moody angewidert. „Hör mal, ihr tut, was immer ihr tun müsst, und wir werden unsers tun. Harry, steig auf das Dach und schau, ob du auf die Todesser auf der obersten Stufe von Gringotts zielen kannst. Sie schienen die Befehlgebenden zu sein."
Harry nickte. Mit seinem Zauberstab rief er die Leiter herab und ließ Ginny vor ihm hinaufsteigen. Das Metall war kalt und brannte an seinen Händen. Während ihres Aufstiegs konnte er immer noch Moody und Shacklebolt mit dem Auroren streiten hören. Der Rauch wurde schwerer und er verlor sie aus den Augen, doch er hörte, wie der Auror Moodys Forderung endlich nachgab.
Harry seufzte vor Erleichterung. Wenigstens etwas.
Als die Auroren schließlich ernsthaft gegen die Todesser zu kämpfen begannen, brach am Himmel ein Farbenschauer von verschiedenen Zaubern aus. Gerade als Harry und Ginny das Dach erreichten und von der Feuerleiter stiegen, wurde ein Fluch in die Luft abgegeben. Harry keuchte auf, als das Dunkle Mal den Himmel über Gringotts erfüllte. Ein kalter Schauer von Furcht lief seinen Rücken entlang. Dieser Fluch war nicht vom Boden gekommen. Langsam drehte er sich um und starrte in kalte, dunkle Augen hinter einer Todessermaske. Der Zauberer hielt einen Zauberstab direkt auf Harrys Brust gerichtet.
Hermine wandte sich von dem Kamin weg, durch den sie einen Notruf zum Hauptquartier geschickt hatte, und fand Shannon, die Verkäuferin bei Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen, direkt neben ihr stehen. Das Mädchen war ein paar Jahre älter als Hermine, erschien jedoch viel jünger im Augenblick. Tränen strömten aus ihren schönen, strahlend blauen Augen und sie rang die Hände, als sie darauf wartete, dass Hermine ihr Anweisungen gab.
Instinktiv richtete Hermine ihre Perücke und spielte mit den Haaren, während sie abwesend feststellte, wie anders sie sich im Vergleich zu ihrem eigenen Haar anfühlten. Nun da sie keine besondere Aufgabe mehr hatte, pochte ihr das Herz wild in der Brust.
„Es kommt alles wieder in Ordnung, Shannon", sagte Hermine, in der Hoffnung, dass es der Wahrheit entsprach. „Es ist Hilfe unterwegs."
Shannon schniefte. „Wo sind Fred und George?", fragte sie zittrig.
Hermines Augen schweiften zur Tür und sie musste tief Luft holen, um ihre eigene ansteigende Panik zu bändigen. „Sie sind nachschauen gegangen, ob die anderen Hilfe brauchen."
„Warum?", stöhnte Shannon. „Das da draußen sind seine Anhänger. Sie werden getötet werden."
„Sie kommen klar. Sie haben es schon einmal getan", erwiderte Hermine bestimmt. Shannons Furcht besänftigte Hermines Nerven. Sie konnte damit fertig werden. Sie musste Shannon zur Ruhe bringen, was ihr helfen würde, ebenfalls Ruhe zu bewahren.
„Aber was ist, wenn Du- weißt- schon- wer auch da ist?", fragte Shannon. Ihre Augen quollen beinahe aus ihrem Kopf.
Hermine biss sich auf die Lippe und betete, dass dem nicht so war. Sie waren nicht bereit. Sie brauchten mehr Zeit. Sie hatten immer noch einen Horkrux zu finden und Hermine hatte noch keinen vollständig ausgefeilten Plan, wie sie Harry retten konnten.
Sie war nahe, doch noch nicht am Ziel. Der schwerste Teil würde darin bestehen, Harry davon zu überzeugen. Aber sie glaubte, Ginny könnte für diese Aufgabe besser geeignet sein. Obwohl es ihr missfiel, musste Hermine zugeben, dass Harry eher dazu neigte, auf Ginny zu hören, als auf sie. Es irritierte das ältere Mädchen, doch so war es nun einmal. Dennoch, wenn Voldemort sich unter den angreifenden Todesser befand, könnten sich all ihre sorgfältig geschmiedeten Pläne als nutzlos erweisen. Sie waren noch nicht bereit.
Hermines Gedanken wandten sich zu Ron. Sie hatten sich den ganzen Morgen über angezickt und ihren Streit nicht wirklich beigelegt, als er mit den anderen gegangen war. Sie war wütend gewesen über die Art und Weise, mit der er Harry am Morgen behandelt hatte. Er konnte manchmal tatsächlich ein unerträglicher Trottel sein. Doch er hatte es nur gut gemeint. Er hatte nur seine Schwester beschützen wollen. Sein unfassbar männliches Gehirn hatte einfach nicht die Tatsache begreifen können, dass Ginny seinen Schutz weder brauchte noch wollte.
Hermine hatte den Schmerz bemerkt, der in Harrys Augen aufgeflackert war, selbst wenn er Ron entgangen war. Sie wusste, dass Ginny es ebenfalls gesehen hatte. Ron mochte an diesem Morgen offensichtlich auf Harrys Gefühlen herumgetrampelt sein, doch wenn es an diesem Nachmittag darauf ankam, würde Ron sein Leben für Harry geben. Hermine wusste es und es erschreckte sie zutiefst. Sie musste einen Weg finden, dass ihre Jungs es beide überstanden – ganz und heil – unabhängig davon, was es sie kostete.
Ein weiterer Luftschwall erschütterte das Geschäft, worauf verschiedene Gegenstände aus den Regalen fielen und Hermine und Shannon zu Boden stürzten. Hermine hielt sich am Kamin im Hinterzimmer des Ladens fest.
Shannon schrie und wollte zur Tür stürzen, doch Hermine packte sie am Arm. „Hier drin ist es sicherer", zischte sie.
Das Geräusch der Tür im vorderen Teil des Ladens ließ beide Mädchen erstarren. Wachsam starrten sie sich an, einander an den Händen gepackt.
„Guck mal, guck mal, die ganzen Spielsachen", erklang eine böse Singsangstimme im Geschäft. „Ist jemand zu Hause? Kommt raus, kommt raus, wo auch immer ihr seid."
Hermine klappte ihre Hand über Shannons Mund, bevor sie schreien konnte. Im Laden war es nicht mehr länger sicherer als auf der Straße.
Ron stand neben seinen Brüdern und sah zu, wie Harry und Ginny die Feuerleiter zum Dach hinaufstiegen. Er konnte sehen, dass Mad- Eye Moody ihnen etwas zurief, doch der Lärm des Kampfes übertönte seine Worte. Nachdem der Orden eingetroffen war, hatte Bill Ron und die Zwillinge durch eine Tür des gegenüber liegenden Gebäudes geführt, und sie waren wieder auf der Straße aufgetaucht.
„Wohin gehen Harry und Ginny?", fragte George und gab Bill Deckung, während sie auf eine Gruppe von Todessern zu rückten.
„Weiß nicht." Ron zuckte die Achseln. Er machte sich nicht wirklich Sorgen darüber. Er wusste, dass Harry Ginny mit seinem Leben beschützen würde und er konnte sich einfach aus jedem Schlamassel herauswinden. Das hatte er früher schon viele Male bewiesen. Plötzlich überkamen Ron Schuldgefühle darüber, wie er Harry am Morgen behandelt hatte. Ron war sich bewusst, dass Harry sein Leben für jeden der Weasleys geben würde – selbst für Percy. Das hätte er wissen müssen.
Auf einmal begannen die Auroren endlich das zu tun, wofür sie gekommen waren, und schossen Flüche auf die Todesser.
„'s ist Zeit", sagte Fred. Er schüttelte angewidert den Kopf. „Die Auroren haben endlich aufgehört, große Reden zu schwingen, und stürzen sich in den Kampf." Er duckte sich, als ein roter Lichtblitz alarmierend nah an seinem Ohr vorbeisauste.
„Mistkerl!", rief Ron. Als er den Blick hob, konnte er sehen, wie ein riesiger grüner Totenkopf sich am Himmel bildete, aus dessen Mund eine gewaltige Schlange kroch.
„Dieser Zauber kam vom Dach", bemerkte George unbehaglich.
Ron schluckte. „Harry kann auf sich selbst aufpassen und er wird sich auch um Ginny kümmern."
Sie bewegten sich weiter vorwärts, bis sie eine zusammengedrängte Gruppe von Auroren erreichten.
„Tag auch, Ron", sagte eine vertraute Stimme.
„Tonks!", rief Ron.
„Verdammtes Durcheinander, was?" Tonks warf ihren Kopf herum. „Umbridge ist eine bescheuerte Idiotin. Wir müssen um die zwanzig Auroren verloren haben, bevor Kingsley Melanson dazu gebracht hat, ihre Befehle über Bord zu werfen."
„Haben sie die Bank in ihre Gewalt gebracht?", erkundigte sich Ron.
„Nö. Sie werden niemals reinkommen. Die Goblins haben ihre eigenen Schutzvorrichtungen. Das ist eine Art Einschüchterung. Die Leute werden in Panik ausbrechen, wenn sie davon hören. Es ist Voldemorts Weise, allen zu zeigen, wer genau die Verantwortung trägt", sagte Tonks kopfschüttelnd.
Ron feuerte mehrere Flüche auf die Todesser, die sich nun zurückzogen und Deckung suchten.
„Einige von ihnen sind an uns vorbeigekommen. Deshalb könnten ein paar Läden weiter unten in Schwierigkeiten stecken", berichtete Tonks. „Wir werden uns später darum kümmern müssen. Im Augenblick müssen wir versuchen, uns zu den obersten Stufen von Gringotts durchzuschlagen. Die Todesser, die das Sagen haben, haben sich dort verkrochen."
„Wie sollen wir das anstellen?", fragte Fred ungläubig. „Es gibt keine Deckung."
„Deshalb haben sie sich die Stelle auch ausgesucht", blaffte Ron. „Es ist eine gute Strategie."
Ron beobachtete, wie Bill einen Versuch unternahm näher zu kommen, das verwüstete Gesicht mit Ruß und Schmutz überzogen. Plötzlich erleuchtete etwas Helles und Großes den Himmel über ihnen, welches auf Gringotts zu rückte.
„Was war das?", fragte George. Doch bevor sie Zeit hatten, es eingehend zu betrachten, griffen die Todesser mit neuer Heftigkeit an. Die Schlacht war feurig und Ron rang damit, sich auf den Kampf zu konzentrieren und nicht darauf, was mit Hermine geschehen sein könnte.
Aus dem Augenwinkel sah Ron einen großen, maskierten Todesser aus einem angrenzenden Gebäude auftauchen. Neugierig beobachtete er, wie der Mann etwas zu seinen Kollegen in der Nähe bellte. Die anderen Todesser rückten vom Gebäude weg, während der, der aufgetaucht war, seinen Zauberstab auf die Tür richtete.
„Was zum – " Bill brachte den Satz nie zu Ende.
„Morsmordre", rief der Mann.
„Verdammte Scheiße, er hat es in das Gebäude geschossen", brüllte Fred.
„Fleur!", schrie Bill. Er kam hinter seiner Deckung hervor und rannte auf seine Frau zu, die direkt gegenüber von dem Gebäude stand.
Fleur wandte sich zu ihm um, das schöne Gesicht vor Konzentration verzogen. Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie sah, wie Bill sich zu ihr durchkämpfte, bevor die Erde zu erschüttern begann.
Auf dem Dach erstarrte Harry. Er schluckte nervös, als er dem Todesser gegenüberstand, der einen Zauberstab auf ihn gerichtet hielt.
„Na, wen haben wir denn da", sagte der Todesser. Harry erkannte die Stimme nicht. „Mein Meister wird so erfreut sein über seinen zusätzlichen Bonus."
Bevor Harry antworten konnte, wirbelte Ginny hinter Harrys Rücken hervor und schwang ihren Zauberstab. „Stupor", rief sie.
Der Todesser bekam den Zauber direkt in die Brust und sackte auf den Boden. Bevor Harry die Zeit hatte, ihr zu gratulieren, tauchten zwei weitere Todesser von der Treppe, die zum Dach führte, auf.
Harry und Ginny feuerten Flüche ab, doch die Todesser benutzten die Tür zur Treppe als Deckung, während sie im Freien waren. Harry nahm Ginnys Hand und zog sie zum Rand des Gebäudes.
„Komm", rief er.
Er sprintete zur Kante mit Ginny auf den Fersen, während sie Flüchen auswichen.
„Was hast du vor?", fragte Ginny atemlos.
„Denk nicht nach, spring einfach", brüllte er.
Als er sich der Kante näherte, holte er tief Luft und sprang auf das Dach des nächsten Gebäudes. Einen Augenblick lang, als er durch die Luft segelte, verspürte er den Rausch, den das Fliegen ihm stets verlieh. Er landete und bereitete sich darauf vor, Ginny aufzufangen.
Sie stand mit weit aufgerissenen Augen auf der anderen Seite, während die Todesser auf sie zu rannten.
Harry spürte Panik in der Brust aufsteigen. Er zielte und rief „Stupor!"
Die Todesser waren noch zu weit entfernt, so dass er sie verfehlte. „Ginny, du musst springen", sagte er und streckte seine Hand aus. „Ich verspreche dir, dass ich dich auffange."
Ginny starrte auf die Lücke zwischen den Gebäuden. Dann drehte sie sich um und sah die Todesser auf sie zu rennen. „Harry", rief sie mit zitternder Lippe. „Deine Beine sind länger als meine."
„Du schaffst es, Ginny. Tu es jetzt", verlangte Harry.
Ginny nickte entschlossen, die wässrigen Augen auf Harry gerichtet. Sie wich ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und stürzte zur Kante. Sie hätte es locker geschafft, wenn sie nicht leicht gewankt hätte vor dem Sprung. Dieses winzige Zögern ließ sie gerade zu kurz landen.
Harry beugte sich vor und packte sie an der Hüfte, bevor sie vom Rand abglitt. Seine Schulter bekam die Hauptlast ab und er hörte ein schreckliches Pop- Geräusch, bevor ein unerträglicher Schmerz seinen Arm hinaufschoss. Der Schmerz verursachte ihm Übelkeit und er musste seine Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzubrüllen.
Ginny schrie, als sein rechter Arm schlaff herabfiel und seinen Griff lockerte. Harry lehnte sich vor, während er sie mit seinem linken Arm festhielt. Im Moment befanden sie sich außerhalb des Sichtfelds der Todesser, doch es würde nicht lange dauern, bis sie die Kante erreicht hatten.
Ginny schlang ihre Arme um seinen Hals und klammerte sich fest, während er sie hochzog. Er konnte spüren, wie ihre Nägel sich in seine Haut bohrten, und wusste, dass sie nicht loslassen würde. Sie zitterte heftig und konnte durch ihre Tränen kaum Atem schöpfen. Er zerrte sie weg von der Kante hinter eine Mauer, die sie vor Flüchen der Todesser abschirmte.
Gegen die Mauer gelehnt, keuchte er vor Schmerz, während er Ginnys bebenden Körper an sich presste. „Ginny", sagte er sanft. „Du bist in Sicherheit. Wir sind in Sicherheit."
Ginny holte tief Luft und riss sich zusammen. Ihre Augen weiteten sich, als sie realisierte, dass Harry starke Schmerzen hatte. Sich die Augen trocknend, beugte sie sich über ihn und spähte um die Mauer herum.
„Petrificus Totalis", rief sie.
Harry sah, wie ein Todesser auf dem Dach, das sie gerade besetzten, zu Boden sank.
„Noch ein Schritt und du bekommst das gleiche verpasst. Nur verspreche ich dir, dass du währenddessen in der Luft sein wirst", schnauzte Ginny den anderen Todesser an, der gerade Anstalten gemacht hatte zu springen.
Die Entschlossenheit des Mannes schwankte. Er zögerte einen Moment, bevor er von der Kante zurückwich.
„Weise Entscheidung", murmelte Ginny und wandte sich zurück zu Harry. „Alles in Ordnung?"
Harry wischte sich das Blut von seiner Lippe. Er hatte sich darauf gebissen, als er sich die Schulter verletzt hatte. „Ja", keuchte er. „Wir müssen den anderen helfen."
Ginny nickte und half ihm hoch. Schnell bewegten sie sich zu der gegenüber liegenden Kante, wo sie einen klaren Blick auf Gringotts hatten. Die Stufen waren übersät mit gefallenen Todessern, während viele Leichen von Auroren die Straße bedeckten. Feuer brannten unkontrolliert in einigen Gebäuden und dicker Rauch füllte die Luft.
Harry konnte zwei Todesser auf der obersten Stufe von Gringotts sehen, die den anderen Befehle erteilten. Die Tür zur Bank musste sich gegen den Angriff verschlossen haben, denn keiner versuchte auch nur, sie zu öffnen.
Harry musste seinen Zauberstab in die linke Hand nehmen, weil seine rechte nutzlos an seiner Seite baumelte. All seine Energie auf die beiden Todesser fokussiert, die diese ganze Zerstörung angerichtet hatten, zielte er und rief „Expecto Patronum."
Krone sprang aus seinem Zauberstab, schwebte anmutig durch die Luft und landete auf den Stufen von Gringotts. Den Kopf senkend, stürzte sich der Hirsch auf die Todesser. Erschrocken sprangen sie zur Seite, so dass sie ihre Deckung aufgaben und Harry ein gutes Ziel boten. Mit seinem Zauberstab in der falschen Hand fühlte er Unsicherheit über den Erfolg seiner Flüche, aber nichtsdestotrotz zielte und konzentrierte er sich.
„Stupor! Stupor!"
Die beiden Todesser zuckten und brachen auf die Stufen zusammen. Ginny zielte auf mehrere der maskierten Angreifer auf der Straße.
Als ob sie realisierten, dass ihre Anzahl schwand, begannen die verbliebenen Todesser zu disapparieren, so dass nur der Orden und eine Gruppe unorganisierter Auroren auf der Straße unter ihnen zurückblieben.
Bevor Harry etwas sagen konnte, erschütterte ein gewaltiges Grollen das Gebäude, auf dem Harry und Ginny standen. Das Beben zwang sie auf die Knie und Harry brüllte auf, als seine Schulter schmerzhaft zuckte. Mit weiten Augen sahen sie zu, wie das Gebäude neben ihnen – das, von dem sie gesprungen waren – plötzlich in einer wirbelnden Wolke von Staub und Rauch zusammenstürzte. Die Augen fest zusammengekniffen, warf Harry sich über Ginny und versuchte, sie vor den Trümmern zu schützen, die durch die Luft flogen.
