Kapitel 20 – Verrat
Ginny keuchte und versuchte, Atem zu schöpfen, während Harrys Gewicht sie auf den Boden presste. Das Grollen von der Zerstörung des Gebäudes war so laut, dass sie ihre Hände auf die Ohren drücken wollte. Ihr Körper war mit Schnittwunden und Blutergüssen von den Trümmern übersät, so dass sie sich wund und misshandelt fühlte.
„Harry", sagte sie und wand sich unter ihm. „Geht es dir gut?"
Er stöhnte, rollte sich aber von ihr herunter und lag hechelnd auf dem Dach. Sie richtete sich auf die Knie auf, um ihn zu betrachten. Er hatte sie vor dem Großteil des Schwalls abgeschirmt und trug die Male, die es bewiesen. Er blutete an etlichen Stellen, obwohl nichts lebensbedrohlich zu sein schien. Die schwerste Wunde war offenbar noch immer seine Schulter. Ginny konnte das Kugelgelenk grotesk herausragen sehen, während sein Arm schlaff an seiner Seite hing. Er hatte ihn sich offensichtlich ausgekugelt, als er sie aufgefangen hatte.
Ginnys Herz war ihr in die Hose gesunken, als sie zugeschaut hatte, wie er über die Lücke zwischen den Gebäuden gesprungen war. Sie hatte sein Gesicht gesehen – der Sprung hatte ihn beschwingt. Sie liebte das Fliegen genauso sehr wie er, doch sie zog es vor, dabei einen Besen unter ihr zu haben. Der Sprung hatte sie in Angst und Schrecken versetzt, obwohl sie zugeben musste, dass sie stolz auf sich war, jetzt da sie es hinter sich gebracht hatte.
„M' geht's gut", brachte Harry mit Mühe hervor.
Ginny verdrehte die Augen. Ihm ging es alles andere als gut. Ehrlich, was hatte er überhaupt für ein Problem damit, eine Verletzung zuzugeben? Seine lebendigen grünen Augen waren vor Schmerz getrübt und sie wusste, dass er den Atem anhielt, um das Stöhnen zu unterdrücken. Sie stieß die Luft durch die Nase aus und versuchte, sich zu entspannen.
„Meine Brüder!", keuchte sie auf und sprang auf die Füße, als ihr plötzlich in den Sinn kam, dass die meisten von ihnen in den Kampf verwickelt gewesen waren. Sie hatten auf der Straße unter dem zusammengefallenen Gebäude gestanden. Die Luft war noch immer voller Rauch, so dass es ihr unmöglich war, den Boden richtig zu erkennen. Sie konnte Stimmen hören, doch kein Zeichen von Flüchen, kein Zeichen, dass der Kampf vorüber war. Ginny kämpfte gegen aufsteigende Panik an. Sie konnte keinen ihrer Brüder sehen und nicht einmal erkennen, welche Seite den Sieg davongetragen hatte.
Ihre Brust zog sich eng zusammen, während Furcht an ihrem Herzen nagte. Sie mussten wohlauf sein. Sie mussten einfach. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, falls sie jemals einen von ihnen verlor. Ob herrisch oder nicht – sie waren immer noch ihre Brüder.
„Wir müssen runter und herausfinden, was passiert ist", sagte Harry. Er keuchte, als er sich erhob.
„Harry, du bist verletzt. Lass mich wenigstens vorgehen", drängte Ginny, verärgert die Tränen, die vereinzelt aus ihren Augen quollen.
Harry schüttelte den Kopf. „Wir können zu einer Stelle am oberen Teil der Straße apparieren, um uns umzuschauen", sagte er. „Gib mir nur eine Minute."
Er taumelte zur Ziegelmauer hinüber. Bevor Ginny überhaupt realisierte, was er vorhatte, rammte er seine Schulter mit brutaler Gewalt gegen die Mauer. Ginny hörte ein Übelkeit erregendes Pop- Geräusch, als seine Schulter in seine Gelenkpfanne zurückgezwungen wurde. Er schrie auf und fiel auf die Knie.
„So ist es besser", stieß er zitternd hervor, bevor seine Augen sich nach oben verdrehten. Ginny fing ihn gerade noch rechtzeitig auf, so dass sein Kopf nicht auf den Stein traf.
„Oh, Harry", sagte sie schaudernd. Merlin, das musste wehgetan haben. Sie fuhr mit ihren Fingern durch sein weiches Haar und schüttelte ihn sanft, um ihn aufzuwecken. Sie wusste, dass sie gehen und nach der Situation unter ihnen sehen sollte, doch sie konnte ihn nicht einfach so zurücklassen. „Komm schon, Liebling. Wach auf."
Sie tätschelte leicht seine Wange, während sie sich selbst dafür verabscheute. Er stöhnte, aber seine Augenlider zuckten nicht.
„Okay, Harry. Ich werde runtergehen und Hilfe holen", sagte sie schniefend. „Ich bin gleich wieder zurück."
Harrys Augen flogen auf, als hätte sie ihn mit kaltem Wasser übergossen. „Ginny", krächzte er.
„Ich bin hier." Sie schüttelte leicht den Kopf. War die Sturheit des Jungen denn grenzenlos? „Kannst du aufstehen?"
„Ja", erwiderte Harry automatisch. Er versuchte es, schaffte es jedoch lediglich in eine Sitzposition, bevor er aufstöhnte und seinen Arm umfasste. „Ähm... vielleicht mit ein wenig Hilfe", sagte er verlegen.
Ginny schnaubte. Sie legte seinen linken Arm über ihre Schulter und half ihm mit Mühe auf die Füße. Er wankte und für einen kurzen Augenblick dachte Ginny, er würde umkippen, doch er fand sein Gleichgewicht wieder.
„Kannst du apparieren?", fragte sie, besorgt, dass er sie zersplintern würde. „Mein Langzeitziel ist definitiv, mich mit dir zu verbinden, Harry, aber ich habe nicht unbedingt Lust, deinen Arm aus meiner Stirn herausragen zu haben."
Harry gluckste. „Ha, ha, sehr witzig. Nimm einfach meinen Arm und wir werden sehen, ob das einzige Körperteil, das wir zurücklassen, dein loses Mundwerk ist."
Ginny grinste und hielt sich an seinem gesunden Arm fest, die Augen fest auf sein Gesicht gerichtet, während sie das enge Quetschen von Apparieren spürte. Er sah müde und blutbefleckt aus, aber nichtsdestotrotz großartig. Diese ruhige Macht strahlte wieder von ihm aus. Es geschah stets, wenn sie sich in einer gefährlichen Situation befanden, und sie glaubte nicht, dass er sich dessen überhaupt bewusst war.
Sie wusste, dass sie nicht gerade eine Lebedame war, doch sie konnte nicht umhin, sich unglaublich zu ihm hingezogen zu fühlen, wenn er in diesem Zustand war. Diese seltsame Mischung aus ruhiger Zuversicht mit einem Hauch von Unsicherheit war berauschend. Alles, was sie tun konnte, wann immer er die Kontrolle übernahm, war, nicht sein Gesicht zu packen und ihn zur Besinnungslosigkeit zu küssen. Er war auch sehr gut darin. Eines Tages würde er einen bemerkenswerten Auror abgeben.
Ginny Füße krachten wenige Zentimeter von einem der brennenden Gebäude entfernt auf den Boden. Sie wich vor der Hitze zurück, Harry stützend. Mit einem Blick auf sein Gesicht stellte sie fest, dass er während ihres Apparierens alarmierend blass geworden war.
„Alles in Ordnung, Harry?", erkundigte sie sich, während sie ihren Arm um seine Hüfte schlang und ihren Körper an seinen drückte. Sie wusste, dass er ihre Hilfe eher zulassen würde, wenn er das Gefühl hatte, in Wirklichkeit würde er sie trösten. Jungen waren so albern.
„Ja. Ist das Ron da vorne?", fragte er, die Augen durch den Rauch verengt.
Ginny drehte sich in die Richtung, in die er deutete. Sie konnte nicht weit entfernt Rons roten Haarschopf zwischen den anderen ausmachen. Da waren mehrere Todesser versammelt, doch die meisten von ihnen waren anscheinend disappariert. Sie und Harry rückten zu ihrem Bruder.
„Ron", rief sie, als sie nahe genug waren, dass er sie hören konnte.
„Harry! Ginny!" Offensichtliche Erleichterung zeigte sich auf seinem verschmutzten Gesicht. „Seid ihr in Ordnung?"
„Harry ist verletzt", antwortete Ginny zur selben Zeit, da Harry sagte, ihm ginge es gut.
Ron hörte keinem wirklich zu. „War das dein Patronus, den ich gesehen habe, bevor das Gebäude zusammengestürzt ist?", fragte er.
Harry nickte.
„Das dachte ich mir. Ich habe anfangs nicht erkannt, was es war. Alles ging so schnell. Die meisten des Ordens verschwinden gerade von hier, weil die Ministeriumsbeamten eintreffen, jetzt da alles vorbei ist", sagte Ron kopfschüttelnd.
„Sind Fred und George wohlauf?", erkundigte sich Ginny.
„Ja. Sie waren gerade dabei, Moody zum Aufbruch zu überreden, bevor irgendjemand ihn zum Verhör abführen kann. Bill und Fleur sind beide ziemlich zu Schaden gekommen, sind aber schon zum Hauptquartier zurückgeschickt worden. Ihr solltet gehen und den Arm untersuchen lassen, Kumpel", sagte Ron mit einem Nicken zu Harry, der noch immer seinen Arm umklammert hielt.
Ginny hörte Ron und Harry kaum zu, während sie zuschaute, wie eine Delegation von Ministeriumsbeamten die Straße entlangmarschierten, angeführt von einer gedrungenen, krötengesichtigen Frau. Ginny stöhnte innerlich. Ihr Herz machte einen plötzlichen Satz, als sie den schlaksigen rothaarigen Zauberer erkannte, der hinter ihr lief, ein Notizbuch in den Händen. Percy schien sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, folgte Umbridges Befehlen aber nichtsdestotrotz.
„Harry, lasst uns jetzt einfach zurück zum Hauptquartier apparieren. Umbridge ist hier und wir müssen uns nicht unbedingt mit ihr herumschlagen", zischte Ginny.
„Geht ihr beide vor", sagte Ron, der mit seinem Rücken zu Umbridge stand und Harry so vor ihrem Blick abschirmte. „Ich muss nach Hermine sehen."
Ginny konnte sehen, wie Umbridge Kingsley Shacklebolt anschrie, das Gesicht rot vor Wut, während sie ihre Faust schüttelte. Harry brauchte keinen weiteren Antrieb. Ginny am Arm nehmend, apparierte er sie beide zurück zum Hauptquartier.
Harry stöhnte, als er langsam zu Bewusstsein gelangte. Sein Körper fühlte sich steif und wund an und sein Geist bemühte sich, an den letzten Überbleibseln des Schlafs festzuhalten. Er blinzelte einige Male, während er sich in Erinnerung zu rufen versuchte, wo er sich befand. Schließlich aufgebend streckte er seinen Arm aus und tastete auf dem Nachttisch nach seiner Brille. Er setzte sie auf und sein Zimmer im Grimmauldplatz fiel ihm ins Auge. Er runzelte vor Konzentration die Stirn, doch es war vergeblich. Seine Erinnerung war bestenfalls neblig.
Er und Ginny waren zurück ins Hauptquartier zurückgekehrt, wo sie Madam Pomfrey bei der Behandlung von verschiedenen Verletzungen angetroffen hatten. Er hatte Bill und Fleur gesehen, beide schwer bandagiert, doch aufrecht sitzend und redend, während Mrs. Weasley viel Aufhebens um sie machte. Madam Pomfrey hatte Harrys Arm in Nullkommanichts geheilt, musste ihm jedoch eine Art Schlaftrunk verabreicht haben, weil das nächste, woran er sich erinnerte, war, hier aufzuwachen.
Die Beine über die Bettkante geschwungen, streckte er sich und griff nach seiner Kleidung. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit seit seiner Rückkehr verstrichen war, doch er wollte herausfinden, was geschehen war, nachdem er die Winkelgasse verlassen hatte, und wie viele Auroren genau sie verloren hatten. Er erinnerte sich, dass Umbridge in Wut aufgelöst war, und normalerweise keilte sie aus, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlte. Alles in allem für niemanden eine gute Situation.
Er lief langsam die Treppen hinunter und reckte seinen Hals von einer Seite auf die andere. Er konnte einen köstlichen Duft aus der Küche riechen und wusste, dass es um die Abendessenszeit sein musste. Er konnte nicht sehr lange geschlafen haben.
Als er die Küchentür aufschob, fand er den Tisch mit vielen nüchternen Gesichtern umringt vor. Ginny saß neben ihrem Dad, dessen Arm sie umklammerte. Tonks war neben ihr, sehr blass, während sie besorgt an ihrer Lippe nagte. Mrs. Weasley murmelte vor sich hin und goss immer wieder für alle Tee ein, ob ihre Tassen leer waren oder nicht.
Hagrid, Moody, Professor McGonagall und die Zwillinge saßen ebenfalls am Tisch. Doch keine Spur von Ron und Hermine.
„Harry!", rief Ginny, als sie ihn in der Tür bemerkte. Sie sprang auf und führte ihn zu einem Stuhl.
„Oh, Harry, Liebes. Wie fühlst du dich?", fragte Mrs. Weasley und legte ihre Hand sanft an seine Wange. „Ich hätte gedacht, du würdest länger schlafen."
„Was ist passiert?", erkundigte sich Harry, während er sein Gesicht unbewusst an ihre Hand schmiegte.
„Kingsley Shacklebolt ist gefeuert worden", erwiderte Fred grimmig.
„Noch schlimmer", schaltete sich Mr. Weasley ein. „Er und Peter Melanson, der Befehlsgebende der Truppe in der Winkelgasse, sind des Verrats angeklagt worden. Auf sie wartet ein Prozess in Azkaban."
„Was? Warum?", platzte Harry hervor.
„Weil sie auf mich gehört und nicht auf Dawlishs Befehle gewartet haben", antwortete Moody, der einen großzügigen Schluck aus seinem Flachmann nahm. „Ich wusste, dass ich hätte zurückbleiben und die Verantwortung übernehmen sollen."
„Nein. Du hast das Richtige getan, Alastor", sagte Professor McGonagall behutsam. „Wenn du geblieben wärst, hätte Dolores einen Vorwand, das ganze sofort auf den Orden zu schieben. Das gibt uns Zeit zur Vorbereitung."
„Vorbereitung worauf?", fragte Harry. „Was meinen Sie? Wie kann sie das auf den Orden schieben? Dawlish war nicht einmal da und wenn er es gewesen wäre, hätte er sicherlich gesehen, dass die Verhandlungen nicht funktioniert haben."
„Ezriah Dawlish kümmert es nicht, ob es funktioniert hat oder nicht. Es kümmert ihn nur, dass seine Autorität untergraben wurde. Er ist ein Tyrann, Potter. Du kennst diesen Typ Mensch", erwiderte Moody. „Er hat sich hochgearbeitet, indem er Anteil an anderer Leute Erfolg genommen hat und Lorbeeren eingeheimst hat, wo keiner zu erwarten war. Ihm gefällt es, die Verantwortung zu tragen, und er ist überzeugt, dass jeder versucht, ihm diese Macht streitig zu machen, weil er selbst genau dies bei anderen tut."
„Der Tagesprophet hat eine Abendausgabe herausgegeben, die den Anschlag genau beschreibt", sagte Tonks säuerlich. „Darin zitieren sie die Einstweilige Ministerin Umbridge, dass die Auroren getötet wurden, weil eine Selbstschutzgruppe Kontrolle über die Verhandlungen übernommen und versucht habe, die Todesser allein zu bändigen. Laut dem Artikel haben die Todesser bis zu diesem Punkt kooperiert."
„Was?", brüllte Harry. Er sprang von seinem Stuhl auf und schaute die Gruppe wild an. „Das ist Schwachsinn."
„Das stimmt. Ich befürchte, sie wird die Schuld für den Tod der Auroren auf das Einmischen des Ordens schieben", seufzte Professor McGonagall.
„Ich mache mir auch Sorgen um Percy", sagte Mr. Weasley. „Jemand muss zwangsläufig die Anzahl von Rotschöpfen gemeldet haben, die heute beteiligt waren. Selbst Umbridge kann es sich zusammenreimen und wird Percy für Informationen bearbeiten. Es ist eine schreckliche Lage für ihn."
Mrs. Weasley schniefte laut, während sie weiter Tee eingoss. „Meinst du, ich sollte ihm eine Nachricht schicken?", fragte sie und sah zum leeren Käfig am Fenster. „Oh, diese dumme Eule ist wieder weg. Wir müssen uns wirklich eine neue anschaffen. Errol ist in seinem Alter so unzuverlässig geworden."
„Sie können Hedwig nehmen, Mrs. Weasley", bot Harry an.
„Oh, danke, Harry, Liebes." Mrs. Weasley, die zwischen Harry und Ginny stand, drückte ihre Köpfe an ihre Brust. „Ich will alle meine Kinder in Sicherheit haben."
Harrys Gesicht rötete sich, während seine Brille zur Seite rutschte. Er war gegen Mrs. Weasleys Brust gepresst und hatte keine Ahnung, wohin er schauen sollte. Er konnte Ginny auf Mrs. Weasleys anderer Seite in derselben Zwickmühle sehen, doch sie bemühte sich krampfhaft, sich bei Harrys offensichtlicher Verlegenheit ihr Lachen zu verkneifen.
„Ich halte es für keine gute Idee im Moment, Molly", sagte Mr. Weasley. Er räusperte sich. „Hedwig ist sehr leicht zu erkennen und ich denke, es wäre vielleicht besser für Percy, wenn wir uns im Augenblick etwas absondern."
Mrs. Weasley ließ Harry und Ginny los, ihr Gesicht erblasst. Sie nickte und kehrte mit zitternder Lippe zu ihrem Sitzplatz zurück.
„Sie wird versuchen, den Orden aufzulösen", sagte Professor McGonagall.
„Tja, das kann se aber nich, oder?", fragte Hagrid. Er schlug mit seiner fleischigen Faust auf den Tisch. „Is egal, ob se's macht. Dumbledore hat den Orden jegründet und ich bleib dabei. Der Orden hat Du- weiß- schon- wen in beiden Kriegen bekämpft. Sie kann's nich einfach ausenanderbrechen."
„Vielleicht nicht tatsächlich, aber sie kann es uns sehr schwer machen zu agieren", entgegnete Mr. Weasley seufzend.
„Stuss!", brüllte Hagrid.
„Immer mit der Ruhe, Hagrid", beschwichtigte George, der Hagrids massive Schulter tätschelte. „Keiner von uns will das."
„Wo sind Ron und Hermine?", erkundigte sich Harry.
„Sie sind noch nicht zurück", antwortete Tonks. Als sie den Schrecken auf Harrys Gesicht bemerkte, wedelte sie mit der Hand durch die Luft. „Ist aber nichts, worüber man sich sorgen müsste. Das Ministerium hat jeden festgenommen und führt Interviews durch. Ich hab einen Kontakt, der es mich wissen lassen wird, falls es Schwierigkeiten gibt. Im Augenblick warten sie wahrscheinlich nur, dass sie an der Reihe sind verhört zu werden."
„Was passiert denn, wenn Umbridge wirklich versucht, den Orden aufzulösen?", fragte Harry. „Sie kann uns für illegal erklären, aber sie kann uns nicht finden, richtig? Ich meine, das Hauptquartier ist immer noch unter einem Fidelius- Zauber, oder nicht?"
Professor McGonagall schürzte die Lippen. Ihre Wangen röteten sich leicht. „Das ist richtig. Es wird uns für den Augenblick beschützen, aber nicht für immer", sagte sie. „Die Mysteriumsabteilung führt ein Register von allen Fidelius- Zaubern und hat die Möglichkeit, jene aufzuheben, die ohne richtige Genehmigung ausgeführt wurden. Gewöhnlich muss jeder, der den Zauber durchführen will, es dem Ministerium melden, sonst würde jeder, der sich vor dem Gesetz versteckt, ihn benutzen. Da unsere Beziehung zu Rufus Scrimgeour bestenfalls schwankend ist, habe ich den Zauber ohne richtige Genehmigung vollzogen. So wie ich es verstanden habe, ist es sehr kompliziert rückgängig zu machen, aber mit etwas Zeit ist es möglich."
„Klingt so nutzlos wie eh und je", murmelte Harry.
Unruhe an der Vordertür zog alle Aufmerksamkeit auf sich und Professor McGonagall bedeutete Mrs. Weasley zu bleiben, während sie nachsehen ging.
„Wir sollten alle eine Tasche mit unseren persönlichen Gegenständen packen, für den Fall dass wir zur Flucht gezwungen werden", sagte Mr. Weasley und rückte seine Brille zurecht. „Meine Kontakte sollten in der Lage sein, mit rechtzeitig eine Nachricht zukommen zu lassen, falls das Hauptquartier durchsucht werden soll, aber ich kann nicht viel Zeit garantieren. Ich vermute, Umbridge wird ebenfalls ein Auge auf mich halten."
„Du könntest deinen Job verlieren, Arthur", sagte Mrs. Weasley zittrig.
„Ja." Mr. Weasley tätschelte ihre Hand, „aber wenn die Ministerin stichhaltige Beweise für unsere Beteiligung am Orden des Phönix in die Hände bekommt, werden wir größere Sorgen haben als mein Job."
Bevor irgendjemand Zeit hatte zu antworten, schwang die Küchentür auf und Professor McGonagall kehrte zurück, dicht gefolgt von Ron, Hermine und Shannon, der Verkäuferin in Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen. Alle drei sahen erfroren und müde aus, als wären sie eine sehr lange Zeit im Freien gewesen.
„Shannon!", rief George und sprang so schnell auf, dass sein Stuhl über den Boden kratzte, worauf alle das Gesicht verzogen.
Shannons Gesicht brach in ein breites Grinsen aus und sie warf sich in Georges Arme. Er hob sie von den Füßen und wirbelte sie in einem Kreis herum. „Oh, ich bin so froh, dass es dir gut geht", sagte sie atemlos.
„Was machst du denn hier?", fragte George, das heitere Grinsen durch ein sanftes Lächeln ersetzt, das Harry noch nie an dem überschwänglichen Zwilling gesehen hatte.
Anscheinend die meisten der anderen Weasleys ebenfalls nicht. Sie saßen regungslos da und gafften George an, der ihre Blicke nicht zu bemerken schien. Alle außer Fred. Der verdrehte angewidert die Augen, als ob er es als Einziger schon vor langer Zeit geahnt hätte. Er ignorierte die gesamte Szene und fuhr fort, sein Brot mit einer ekelerregenden Menge von Butter einzuschmieren.
„Ehem", machte Mr. Weasley.
Professor McGonagall nahm wieder Platz. Ihre Mundwinkel zuckten verdächtig. Harry fing Ginnys Blick auf und sie hob kaum merklich die Schultern.
Als ob er gerade realisierte, dass alle anderen noch immer anwesend waren, ließ George Shannon los und fuhr sich mit einer Hand durch sein Haar, während er Fred einen schnellen Blick zuwarf.
„Äh... Leute, das ist Shannon, Larkin. Shannon, das ist meine Familie", strahlte George.
Shannons Wangen röteten sich, doch sie lächelte die Weasleys einnehmend an. „Hallo", sagte sie und schob sich eine Strähne ihres nussbraunen Haares hinter das Ohr.
„Hallo, Shannon", antwortete Mrs. Weasley. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, während sie Shannon zu einem Stuhl führte. „Setz dich, Liebes, du musst erschöpft sein. Ich mache dir etwas zu essen."
„Hi, Mum", sagte Ron und führte Hermine zu einem leeren Stuhl gegenüber von Harry, bevor er sich neben ihr niederließ. „Uns geht es gut. Mach dir bloß keine Umstände."
Mrs. Weasleys Augen weiteten sich. „Sorry, Ron... Hermine, Liebes. Ich mache euch auch etwas zu essen." Errötend reichte sie ihnen Teller, doch ihr Blick blieb auf Shannon gerichtet, die alle paar Augenblicke einen Blick mit George wechselte.
„Was ist passiert?", wollte Harry wissen. „Was hat euch so lange aufgehalten?"
Ron schaufelte sich einen großen Happen Kartoffelbrei in den Mund. „Zuerst bin ich zu Fred und Georges Laden zurückgegangen, um Hermine zu suchen, aber sie war nicht da."
Harry blickte zu Hermine hinüber, die gerade einen großen Schluck von ihrem Kürbissaft nahm und die ganze Zeit nickte. „Wo war sie?", fragte er. Er bemerkte die Risse in ihrer Kleidung und einen Kratzer auf ihrer Wange.
„Shannon und ich hatten einen unerwarteten Besucher im Laden, nachdem ich dem Orden eine Nachricht geschickt hatte", ergriff Hermine das Wort.
„Es war echt unheimlich", sagte Shannon schaudernd, „aber Hermine war genial."
„Was hast du gemacht?", fragte Ginny, zu Hermine gebeugt.
„Naja, wir waren zu weit von der Tür entfernt, um unbemerkt rauszuschlüpfen, und der Todesser wusste, dass jemand im Laden war. Er hat angefangen, Gegenstände aus den Regalen zu schleudern und ein Chaos anzurichten, während er uns die ganze Zeit verhöhnt hat", berichtete Hermine mit einem missbilligenden Stirnrunzeln.
„Also hat Hermine ein Fenster erschaffen", sagte Shannon, George anstrahlend. „Es ist direkt über deinem Schreibtisch und es ist fantastisch. Du wirst es wahrscheinlich dort behalten wollen."
„Ein Fenster?", wiederholte Harry und schaute Hermine skeptisch an.
„Naja, ich dachte, ich könnte es schaffen, aber ich war mir nicht ganz sicher. Ich habe von dem Zauber in diesem Dekorationsbuch gelesen, das ich in einem der Zimmer oben gefunden hatte. Ich bin sicher, der Orden hat es benutzt, als sie diesen Platz hier hergerichtet haben – "
„Hermine", unterbrach Ron mit einem liebevollen Lächeln. „Der Todesser..."
Sie wedelte ihre Hände in der Luft. „Oh! Richtig! Also, wir haben das Fenster geöffnet und Shannon ist nach draußen geklettert – "
„Aber bevor Hermine rauskommen konnte, hat der Todesser das Hinterzimmer betreten", fuhr Shannon fort.
Hermine runzelte die Stirn. „Richtig. Naja... zuerst ist mir nichts eingefallen, was ich hätte tun können, und ich bin ziemlich in Panik ausgebrochen."
„Du?" Ron knuffte sie spielerisch gegen die Schulter. „Das kann ich mir nicht vorstellen."
Hermine funkelte ihn an. „Nein, es stimmt. Ich hatte meinen Zauberstab direkt auf ihn gerichtet, aber mir fiel einfach nicht der Fluch ein, den ich wollte."
Harry schüttelte den Kopf. Nun da es ihr offensichtlich gut ging, fand er die Vorstellung komisch. Nur Hermine brachte es fertig, in einer lebensbedrohlichen Situation aufgehalten zu werden, weil sie einen bestimmten Zauber wollte.
„Und was hast du dann gemacht?", fragte Ginny.
„Eigentlich hat Shannon etwas getan", berichtigte Hermine.
„Ich habe mich reingelehnt und ihm eine Kotzpastille in den Mund gestopft", erzählte Shannon nickend. „Das war das erste, was ich in die Hand bekommen habe."
„Ha!", machte George. „Was für ein Mädchen! Das ist auch ein Weg, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze- Produkte zu benutzen, was, Fred?"
Fred verdrehte die Augen, obwohl sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausgebreitet hatte.
Shannon nickte, offensichtlich erfreut. „Und während er gewürgt hat, hat Hermine ihn dahin getreten, wo es wehtut, und ist aus dem Fenster gestiegen."
Alle männlichen Anwesenden zuckten zusammen.
„Hermine!", sagte Fred schockiert. „Ich bin beeindruckt."
Hermines Wangen röteten sich, aber sie reckte trotzig das Kinn vor. „Ich musste von ihm loskommen, oder nicht?"
„Sie hat gut getroffen", sagte Shannon. Sie lächelte Hermine anerkennend an. „Er hat sich gekrümmt und ist wie ein Stein umgefallen, während er sich seine Nüsse gehalten hat."
Harry schauderte abermals. Er sah, wie Ron Hermine stolz anlächelte. Offensichtlich hatte er diese Geschichte bereits gehört.
Mrs. Weasley räusperte sich leicht. „Noch mehr Kartoffeln, Liebes?", fragte sie Shannon.
„Gute Arbeit", brummte Moody. „Aber ihr hättet nicht zulassen dürfen, dass er sich an euch ranschleicht. Immer wachsam! Es herrschen gefährliche Zeiten und es wird noch sehr viel schlimmer werden."
„Alastor", sagte Professor McGonagall, während sie Hermine und Shannon anlächelte. „An alle in der Winkelgasse wurde sich heute herangeschlichen. Diese Hexen haben bewundernswerte Arbeit geleistet."
„Und nicht nur das", sagte Ron und zog einen Zauberstab aus seinem Umhang. „Hermine hat den Zauberstab des Todessers mitgenommen, bevor sie aus dem Fenster geklettert ist. Wir dachten, es wäre besser, wenn ihr ihn untersucht, als ihn dem Ministerium zu überlassen."
Er übergab den Zauberstab an Tonks. „Das kann ich machen", sagte sie, während sie das Holz zwischen ihren Fingerspitzen untersuchte. „Soweit ich weiß, bin ich noch nicht gefeuert worden. Aber sobald der Ministerin aufgeht, wie oft ich die Partnerin von Kingsley gewesen bin, denke ich, bin ich dran."
Alle am Tisch ernüchterten wieder und sahen einander vorsichtig an.
„Wir sind geblieben, bis wir eine Aussage gegenüber dem Ministerium gemacht haben. Natürlich müsst ihr inzwischen den Propheten gesehen haben und wie sie alles verdreht haben", sagte Ron.
„Ja. Wir haben es gesehen", erwiderte Professor McGonagall brüsk.
„'N Haufen Mist isses", brummte Hagrid.
„Ich habe es geschafft, Umbridge aus dem Weg zu gehen, aber ich habe gehört, wie sie Percy verhört hat", sagte Ron zögernd.
„Was hat sie gesagt?", fragte Mr. Weasley besorgt.
„Sie hat ihn nach uns gefragt. Warum so viele Weasleys an diesem Nachmittag in der Winkelgasse waren", berichtete Ron. „Er hat ihr erzählt, dass zwei seiner Brüder einen Laden dort betreiben und dass wir anderen wahrscheinlich alle da aushelfen. Sie war aber immer noch misstrauisch. Sie hat viele Fragen zu Bill gestellt und wie die Wunden, die Fenrir Greyback ihm beigebracht hat, ihn beeinträchtigen. Es hat sich nicht gut angehört."
Hermine schüttelte den Kopf. „Percy hat sich wirklich bemüht, sie davon zu überzeugen, dass mit Bill alles in Ordnung ist. Aber ich konnte förmlich sehen, wie es im Kopf dieser fiesen Fledermaus gerattert hat. Ich denke, sie wird als nächstes versuchen, gegen Bill vorzugehen."
„Verdammt", stieß Mr. Weasley hervor.
„Arthur", rief Mrs. Weasley mit einem Blick zur Tür. Harry vermutete, dass Bill und Fleur ebenfalls ein Beruhigungsmittel verabreicht bekommen hatten.
„Keine Sorge, Molly." Mr. Weasley tätschelte wieder ihre Hand. „Es kommt alles in Ordnung."
„Was kommt, wird komm', und wenn's soweit is, werden wa schon damit fertich", sagte Hagrid.
„Also vermute ich, seid ihr die Selbstschutzgruppe, über die sich Ministerin Umbridge beklagt, richtig?", fragte Shannon und blickte sich am Tisch um.
Professor McGonagall nickte. „Ja, Shannon. Wir sind der Orden des Phönix oder zumindest, was davon übrig ist. Professor Dumbledore hat diese Gruppe während des letzten Krieges gegründet."
„Wie werde ich Mitglied?", fragte sie.
„Shannon." George stand auf. „Es gibt keine Garantie, dass es überhaupt noch einen Orden geben wird, nachdem Umbridge mit uns fertig ist."
„Das ist mir egal. Ich war heute dort. Ich habe gesehen, was geschehen ist. Ihr wart die einzigen, die überhaupt etwas unternommen haben, und ich habe gesehen, wie das Ministerium es verdreht hat. Ich will helfen", entgegnete Shannon. Ihre blauen Augen blitzten.
„Es ist gefährliche Arbeit", wand George ein. Er schaute sich hilfesuchend zu Fred um, der sie beide unerschütterlich ignorierte.
Shannon richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. „Nur weil ich eine Hufflepuff bin, heißt das noch lange nicht, dass ich vor der Gefahr weglaufe, George Weasley. Vergiss das ja nicht Ich habe das Ministerium verlassen, weil mir nicht gefallen hat, was sie treiben. Und ich trete dem Orden bei, weil es mir richtig erscheint. Wir müssen alle unseren Beitrag leisten."
„Gut gesagt, Miss Larkin", sagte Professor McGonagall. Ihre Lippen zuckten wieder. „Ich war schon immer der Meinung, dass ein wenig Gryffindor in Ihnen steckt."
Shannon errötete vor Freude, obwohl sie den Kopf schüttelte. „Nein. Ich bin durch und durch treu – genau wie alle Hufflepuffs."
„Also warst du in Hogwarts?", fragte Harry neugierig. Sie kam ihm keineswegs bekannt vor.
Shannon nickte. „Ich war in Fred und Georges Jahrgang, aber ich erinnere mich an dich. Es tut mir leid sagen zu müssen, dass ich während des Trimagischen Turniers eine dieser schrecklichen Anstecker getragen habe, bis Cedric mich gebeten hat, es zu lassen", sagte sie. Sie blickte Harry an. „Tut mir leid."
Harry grinste, als er sich entsann, wie sehr ihn diese Anstecker zu der Zeit gestört hatten. „Kein Problem. Alle haben sie getragen."
„Weil sie lustig waren und jeder sich gefreut hat, zugeben zu können, dass Potter stinkt", sagte Draco Malfoy, der in die Küche hereinstolzierte.
Harry stellte fest, dass Mrs. Weasley nicht aufsprang, um ihn mit Essen zu versorgen, so wie sie es bei den anderen getan hatte. Sie saß mit finsterem Blick am Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Herz schwoll an vor Zuneigung zu Mrs. Weasley.
„Halt's Maul, Malfoy", knurrte Ron.
„Du bist im Orden?", fragte Shannon erschüttert. „Warst du nicht derjenige, der diese Anstecker hergestellt hat?"
„Das ist richtig", sagte Draco stolz, während er sich Essen auf einen Teller tat.
„Er ist nicht im Orden", sagte George. „Er versteckt sich nur hier, bis es vorbei ist."
„Ich verstecke mich nicht." Dracos Gesicht rötete sich.
„Nein? Wie nennst du es dann?", fragte Fred.
„Ich nenne es meine besten Interessen schützen", erwiderte Draco höhnisch. „Ich habe eine strahlende Zukunft vor mir. Das heißt, falls Potter jemals die Kurve kriegt und dem ganzen ein Ende setzt."
Ein Chor von wütenden Stimmen erhob sich. Doch Draco ignorierte sie alle, während er sein Mahl zu essen begann.
„Genug!", dröhnte Hagrid, worauf alle erschrocken schwiegen.
„Meine Mutter und die Parkinsons lesen gerade die Abendausgabe des Tagespropheten", sagte Draco gedehnt, als hätte es keinerlei Unterbrechung gegeben. „Wir machen uns Sorgen, was es bedeutet. Wenn der Orden verhaftet und nach Azkaban gesteckt wird, was wird aus uns? Ihr wisst ja, dass es Möglichkeiten gibt, diesen Platz ausfindig zu machen."
„Die Malfoy und die Parkinson – du erinnerst dich vielleicht an Iris – wohnen auch hier", erklärte George Shannon.
„Ich erinnere mich an Iris. Sie war ganz in Ordnung, denk ich... für eine Slytherin", sagte Shannon.
„Iris ist in Ordnung. Nicht wie der hier", versetzte Fred mit einem wütenden Blick zu Draco.
„Wir feilen an einem Notfallplan, Mr. Malfoy", schaltete sich Professor McGonagall ein. „Keiner wird nach Azkaban gehen."
„Das scheint aber nicht der Plan der Ministerin Umbridge zu sein", entgegnete Draco träge.
„Wie dem auch sei", erwiderte Professor McGonagall. Sie blickte über den Rand ihrer Brille hinweg. „Wir werden dafür sorgen, dass Sie und Ihre Familie beschützt sind."
„Was, denkst du, wird Voldemort als nächstes unternehmen?", fragte Moody, sein magisches Auge auf Draco fixiert, der bei dem Gebrauch des Namens zusammenzuckte.
„Er wird das Verlangen der Ministerin nach einem Waffenstillstand zu seinem Vorteil ausnutzen", erwiderte Draco. „Er wird ihr den Abbruch des Fidelius- Zaubers in den Kopf einpflanzen und sie denken lassen, es wäre ihre eigene Idee. Dann wird er wahrscheinlich die Schutzzauber testen lassen, um herauszufinden, ob sie schwächer werden."
„Wie wird er das tun?", fragte Harry. „Wie wird er die Schutzzauber austesten, wenn keiner enthüllen kann, wo das Hauptquartier sich befindet?"
Malfoy verdrehte die Augen und sprach langsam, wie zu einem kleinen Kind: „Er wird jemanden finden, von dem er glaubt, dass er den Aufenthaltsort kennt, und ihn foltern, bis er es verrät. Wenn sie anfangen, Antworten zu geben, wird er wissen, dass die Schutzzauber versagen."
Harry schluckte. Seine Sorge um Remus vergrößerte sich noch mehr. Wenn entweder Voldemort oder das Ministerium ihn nun fingen, würde keine Seite zögern, ihn zu benutzen.
„Wir suchen nach einem anderen sicheren Haus. Ich werde es euch wissen lassen, wenn wir etwas Geeignetes finden", beendete Professor McGonagall die Besprechung. „Wir werden uns vielleicht eine Zeit lang trennen. Wahrscheinlich ist es das Beste."
Die Unterhaltung am Essenstisch war danach sehr gedrückt, besonders für Weasleys- Verhältnisse.
Lieber Ron,
tja, ich denke, wenn du das hier liest, heißt das, ich bin tot. Ich hoffe, ich habe ihn mit mir genommen. Ich will, dass du meinen Feuerblitz behältst – ich weiß, dass du ihn gut verwenden wirst. Bring den Teppich zu Fred und George, vielleicht können sie ihre eigene Serie entwickeln oder so...
Ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll. Ich wollte diesen Brief schreiben, um mich zu verabschieden, aber das ist schwer, wenn ich weiß, dass du gleich unten mit Hermine bist. Ich bin froh, dass ihr beide euch zusammengerauft habt. Passt aufeinander auf.
Ich hoff, die Cannons spielen gut.
Harry zerknüllte das Pergament und warf es in den Mülleimer, in dem schon mehrere andere Bögen lagen. Das war unmöglich. Es war viel schwerer, einen Abschiedbrief zu schreiben, als er ursprünglich gedacht hatte. Als ob die Cannons überhaupt jemals gut spielen könnten...
Er zog ein weiteres Stück Pergament hervor und entschied, es noch einmal zu versuchen. Er setzte sich auf sein Bett und ordnete seine Gedanken. Mrs. Weasley hatte nach dem Abendessen bemerkt, wie er an seinem Arm gerieben hatte, und ihn auf sein Zimmer geschickt. Sie hatte darauf bestanden, dass er nicht wieder aufstehen solle bis zum nächsten Morgen. Ehrlich gesagt war er zu müde gewesen, um ihr zu widersprechen.
Er schaute auf, als die Tür zu seinem Zimmer knarrend aufschwang und Ginny in einem zerfransten gelben Morgenmantel hereinschlüpfte. Harrys Blick wurde sofort zu den verschlissenen Stellen gezogen, die den Ansatz von zartem blauem Material freigaben.
„Hi", flüsterte sie und stieß ihn mit ihrer Hüfte zur Seite, damit sie sich setzen konnte. „Ron und Hermine sagen sich gerade Gutenacht in meinem Zimmer und haben mich rausgeschmissen."
Harry rückte zur Seite und sammelte sein Pergament auf, damit sie nicht sah, was er getrieben hatte.
„Was schreibst du da?", fragte sie.
Harry zuckte die Achseln. „Nur ein paar Notizen", erwiderte er vage. „Sie haben dir also einen Tritt verpasst, ja? Ich Glücklicher."
Ginny grinste. „Warum schläfst du nicht? Ich dachte, ich würde sicherstellen, dass du auch gut zugedeckt bist."
„Du wolltest mich zudecken?", fragte er und hob eine Augenbraue. Eine angenehme Wärme durchfuhr seinen Körper. Er konnte sich nicht entsinnen, dass jemand es jemals getan hatte, es sei denn im Krankenhaus.
Ginny küsste ihn sanft auf die Stirn. Ein etwas trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Du solltest eigentlich schlafen. Mum würde die Wände hochgehen, wenn sie wüsste, dass du hier arbeitest."
„Konnte nicht schlafen", saget Harry. „Mein Körper ist erschöpft, aber mein Gehirn rattert noch. Du warst fantastisch heute, weißt du."
„War ich das?" Ginny starrte ihn unverwandt an. „Harry, war das ein Kompliment?"
Harry versetzte ihr einen Stoß in die Rippen. „Das warst du! Ich war so stolz auf dich, als du trotz deiner Angst über diese Lücke gesprungen bist. Du warst großartig. Mache ich dir nicht genug Komplimente, Ginny?"
„Hier sind Neuigkeiten für dich, Harry. Du neigst dazu, ein bisschen... zurückhaltend zu sein", sagte Ginny und rollte mit den Augen.
Harry verzog das Gesicht. „Dann lass es mich gutmachen", sagte er. Er schlang einen Arm um sie und zog sie zurück, so dass sie Seite an Seite lagen. „Ich finde, du bist wunderschön."
Instinktiv griff Ginnys Hand nach ihrem kurzen Haar. Eine entzückende Röte kroch ihre sommersprossigen Wangen hoch. Harry ergriff ihre Hand und zog sie weg, während er mit ihrem Haar spielte. „Ich finde, alles an dir ist wunderschön, Ginny – innen wie außen. Ich finde, du bist lustig und feurig und bringst mich immer zum Lachen."
„Toll!", sagte Ginny. „Ich kann einen guten Witz erzählen. Das ist genau, was mein Freund fühlen soll, wenn er an mich denkt."
„Nein", entgegnete Harry. „Lachen ist gut. Manchmal ist es die einzige Art und Weise, wie ich zurechtkomme, und du bist immer da mit einem Lächeln. Du zeigst mir ein anderes Leben – wie ich mein Leben haben will. Wenn ich am Morgen aufwache, kriege ich dieses komische Gefühl in meinem Bauch, nur weil ich weiß, dass ich dich sehen werde."
Harry blickte verlegen weg.
Ginny nahm sein Kinn und drehte es zurück. „Erzähl mir mehr", raunte sie heiser mit einem sanften und doch blitzenden Blick in ihren Augen, der Harry schwer schlucken ließ.
„Du versuchst nicht, mich zum Reden zu bringen, wenn ich noch nicht bereit dazu bin. Und wenn ich es bin, bist du immer die erste Person, mit der ich sprechen möchte", fuhr er fort. Plötzlich fiel es ihm sehr schwer sich zu konzentrieren.
All seine Nervenenden standen auf Hochspannung und er wurde immer wieder von ihrem Hals und einer dünnen Spur von Sommersprossen abgelenkt, die unter ihrem Morgenmantel verschwanden. Plötzlich erschien ihm der Drang, diese Sommersprossen zu zählen, von äußerster Wichtigkeit.
Er spürte seinen Adamsapfel auf und abspringen, als er erneut schluckte. Sein Mund war staubtrocken. Er konnte diesen süßen, blumigen Duft riechen, der träge Sommertage im Sonnenschein andeutete.
„Ginny", flüsterte er.
„Harry."
Plötzlich lagen sie einander in den Armen und rollten sich auf seinem Bett herum, als gäbe es kein Morgen. Der Krieg, die Schlacht, seine wunde Schulter, Umbridge und die Scherereien des Ministeriums... alles schmolz weg, als Harry sich in den Augenblick fallen ließ. Das war, was er versprochen hatte, nachdem er vom Siebten Horkrux erfahren hatte – dass er das Leben genießen würde, solange er es noch konnte, und Ginny so viel Zeit wie möglich gewähren würde.
Nach einigen Momenten reiner, ungehemmter Seligkeit zog Ginny sich keuchend zurück. „Harry, wir müssen aufhören. Ron wird jede Minute hier aufkreuzen."
Harry wollte nicht aufhören und fuhr fort, eine Spur von feuchten Küssen an Ginnys Kehle entlang zu verteilen. Ron konnte sich zum Teufel scheren.
„Harry!", rief Ginny lachend, während sie ihn von sich schob und vom Bett glitt, um sich auf Rons leerem Bett niederzulassen. „Ich meine es ernst. Ron wird jede Minute hier sein, ganz zu schweigen von Mum. Ich bin sicher, sie wird nach dir sehen."
Harry blickte verstimmt drein. „Na schön."
Ginny kicherte und versuchte, ihr zerzaustes Haar zu richten. Ihr Morgenmantel hatte sich gelockert und Harry bewunderte den Blick auf ein sehr kurzes blaues Nachthemd, bevor sie ihn enger schnürte.
„Du musst deinen Rucksack packen. Erweitere den Innenraum, damit du auch Dumbledores Denkarium hineinkriegst. Man kann nie wissen, ob wir irgendwann überstürzt aufbrechen müssen, und du wirst es mitnehmen wollen", sagte sie. „Verstau all deine wichtigsten Sachen darin."
Harry klopfte neben sich aufs Bett, wo sie vor kurzer Zeit noch gesessen hatte. „Okay. Warum kommst du nicht wieder rüber und wir können es besprechen", sagte er so unschuldig, wie er konnte.
„Sei nicht so ein Schurke", entgegnete Ginny in gespielter Missbilligung. Genau in diesem Augenblick knallte die Tür auf und Mrs. Weasley eskortierte Ron mit einem festen Griff auf seinem Ohr herein.
Harry bemerkte ein rotes Mal an Rons Hals und mühte sich ab, seine Miene unbeteiligt zu lassen. Ginny warf ihm einen triumphierenden Ich hab es dir doch gesagt- Blick zu.
„Ginny! Was machst du denn hier drin?", fragte Mrs. Weasley und blickte alarmiert zwischen Ginny und Harry hin und her, schien sich jedoch zu entspannen, als sie realisierte, dass sie auf getrennten Betten saßen.
„Ich bin nur hereingekommen, um Harry Gutenacht zu sagen, Mum. Ich war überrascht, ihn noch wach zu finden. Er hat gearbeitet", sagte Ginny und machte ihre Missbilligung in einem Stirnrunzeln deutlich. Als Mrs. Weasley sich mit demselben tadelnden Blick zu Harry umwandte, streckte Ginny Harry hinter dem Rücken ihrer Mutter fröhlich die Zunge heraus.
Mrs. Weasley ließ Ron los, die Aufmerksamkeit nun voll auf Harry gerichtet. „Harry! Ich habe doch gesagt, dass du dich die ganze Nacht über ausruhen sollst. Du wirst noch krank, wenn du nicht eine gute Mütze Schlaf bekommst, vor allem nach einer Verletzung. Ich will dich auf der Stelle im Bett haben, junger Mann.
Ginny, dich will ich in deinem eigenen Zimmer in deinem eigenen Bett haben, bitte. Ronald... steig ins Bett. Ich werde morgen dafür sorgen, dass dein Vater ein Wörtchen mit dir redet."
Ginny ging aus dem Zimmer und warf Harry eine Kusshand zu, während Ron wutentbrannt zu seinem Bett stampfte. Mrs. Weasley schaltete das Licht aus und schloss die Schlafzimmertür.
Harry wartete einige Minuten. Bei allem, das an diesem Tag in der Winkelgasse geschehen war, hatte er vergessen, dass er und Ron sich am Morgen gestritten hatten. Irgendwie erschien es alles nun ziemlich sinnlos.
„Was ist passiert?", fragte er.
Ron grunzte und rollte sich geräuschvoll auf die Seite. Harry konnte ihn mehrmals Luft holen hören, bevor er lospolterte: „Sie behandelt mich, als wäre ich sieben, nicht fast achtzehn. Das geht mir verdammt auf den Geist."
Harrys Körper verspannte sich. Er war nicht sicher, ob er es wirklich wissen wollte, kam jedoch zu dem Schluss, dass er als guter Freund fragen sollte: „Was ist diesmal passiert?"
„Sie kam ins Mädchenzimmer und hat Hermine und mich beim Knutschen erwischt", sagte Ron verstimmt. „Naja... vielleicht waren meine Händen ein bisschen, wo sie nicht sein sollten, aber das tut nicht zur Sache. Ich bin volljährig! Und das ist nicht einmal ihr Haus. Es gehört dir."
Harry grunzte. Er wollte definitiv nicht diese Unterhaltung führen oder hören, was Ron und Hermine trieben, wenn sie allein waren. Niemals.
„Mum ist in das Zimmer gestürzt und hat mich am Ohr da rausgeschleift. Hermine war erschüttert. Sie wird mich bestimmt eine Woche lang nicht mehr ansehen, geschweige denn küssen", stöhnte Ron.
„Oi, Ron", sagte Harry. „Musst du mit mir darüber reden?"
„Harry, du bist derjenige, der meine Schwester knutscht", entgegnete Ron ungläubig.
„Ich weiß und dir gefällt es nicht, davon zu hören. So denke ich auch über dich und Hermine. Ihr... Es ist... Ihr beide... Es ist einfach nicht richtig", brachte Harry heraus.
Ron schnaubte. „Heuchler."
„Wichser. Was wird dein Dad morgen mit dir machen?", erkundigte sich Harry neugierig. Mrs. Weasley hatte Ron mit einer Unterhaltung mit seinem Vater gedroht.
„Nichts", gluckste Ron. „Er wird, wenn überhaupt, stolz sein. Aber sag es nicht Mum. Sie ist die einzige, die sich darüber aufregt. Natürlich ist es bei Ginny etwas Anderes. Du solltest lieber aufpassen, Kumpel."
„Ja, danke", brummte Harry.
„Jederzeit", erwiderte Ron und Harry konnte das Grinsen in seiner Stimme förmlich hören.
Harry schlug mit der Hand auf sein Kissen und driftete in einen unruhigen Schlaf.
Percy Weasley saß in einem ausdruckslosen Verhörraum im Zaubereiministerium in den frühen Stunden des Morgens, der dem Anschlag auf die Winkelgasse folgte. Percy hatte noch nicht in seine Wohnung zurückkehren können, um etwas Schlaf zu bekommen, und war erschöpft. Während der Tag voranschritt, war er immer schlimmer geworden und Percy fühlte sich ziemlich im Stich gelassen von allem, an das er einst geglaubt hatte.
Schwer seufzend ließ er seinen Kopf auf den Holztisch fallen, an dem er saß, um ihn auf den Armen ruhen zu lassen, während er wartete auf, wen auch immer er treffen sollte. Er war früher an diesem Tag in der Winkelgasse angekommen – nun war es gestern – mit der Einstweiligen Ministerin Umbridge, um sich ein Bild über die Situation zu verschaffen. Was er vorgefunden hatte, war vollkommenes Chaos.
Dreiundzwanzig Auroren waren tot. Auroren! Sie sollten zu den besten und hellsten Köpfen gehören, die die Zaubereigesellschaft anzubieten hatte. Sie waren die Elite und dreiundzwanzig von ihnen waren in einer Schlacht getötet worden, als wäre es ein Kinderspiel gewesen. Berichten von Augenzeugen zufolge waren es der Orden des Phönix' und Harry Potter gewesen, die schließlich die Situation in den Griff bekommen haben. Nicht das Ministerium, nicht die Auroren, sondern dieselben Menschen, denen Percy vor einigen Jahren den Rücken zugekehrt hatte.
Er fuhr sich mit einer Hand durch das kurze Haar und rückte seine Brille zurecht.
Natürlich enthielten die offiziellen Berichte, die über die Geschehnisse in der Winkelgasse gedruckt wurden, nichts von der Wahrheit. Percy hatte zugeschaut, wie Dolores Umbridge alle Fakten geändert und sämtliche Worte so verdreht hatte, wie es ihrer Propaganda passte. Und jeder hatte unbehaglich daneben gestanden und sie walten lassen. Keiner wollte derjenige sein, der einen Einwand äußerte, höchstwahrscheinlich im Wissen, dass es nur ein Ticket nach Azkaban bedeuten würde.
Percy konnte nicht begreifen, wie alles so schief gegangen sein konnte. Nachdem er Schulsprecher geworden war und seinen Lebenstraum, für das Ministerium zu arbeiten, begonnen hatte, war alles außer Kontrolle geraten. Er hatte das Ministerium seiner Familie vorgezogen und war zu der Zeit über jeden Ansatz von Zweifel erhaben gewesen, dass er das Richtige tat.
Er war schockiert und empört, als Cornelius Fudge gezwungenermaßen zugeben musste, dass Professor Dumbledore und Harry die ganze Zeit über Recht gehabt hatten. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, war tatsächlich wiedergekehrt. Er war zurück und das Ministerium hatte wertvolle Zeit damit vergeudet, es abzustreiten. Nach Fudges Rücktritt und der Einsetzung von Rufus Scrimgeour war Percys Vertrauen wieder erweckt. Scrimgeour war ein Ministeriumsmann durch und durch. Er spielte nach klaren Regeln. Alles ging streng nach Vorschrift, genau wie Percy es gefiel.
Doch auch das lief nicht nach Plan. Scrimgeour wurde besessen von Harry Potter und davon, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, an die Richtigkeit seiner Handlungen zu glauben. Percy musste widerstrebend zugeben, dass er in Wirklichkeit jedoch nicht viel zustande brachte. Dann, schockierend, grauenhaft, war das Undenkbare geschehen. Scrimgeour war in seinem eigenen Haus ermordet worden. Alle Sicherheit des Ministeriums hinter ihm und sie konnte nicht einmal das Leben des Zaubereiministers beschützen.
Inzwischen hatte Percy sich mit seiner Familie ausgesöhnt – nun ja, zumindest mit seinen Eltern – und ihnen sogar Informationen geliefert, die ihnen behilflich sein könnten. Percy war nicht dumm. Er konnte sehen, dass der Orden Du- weißt- schon- wen bekämpfte und es schon seit langer Zeit getan hatte. Sie wussten, wie er funktionierte, und sie machten stetig Fortschritte. Man musste kein Genie sein, um das zu erkennen – nur jemand, der von seinem eigenen Ehrgeiz geblendet war, konnte es übersehen. Beschämt musste Percy gestehen, dass er genau solch eine Person gewesen war.
Er kannte Dolores Umbridge persönlich. Sie, genau wie er, ersehnte Regeln und Ordnung und erwartete, dass alle dementsprechend handelten. Er hatte ehrlich geglaubt, dass sie eine ausgezeichnete Ministerin abgeben würde. Vielleicht war er misstrauisch geworden, während er den Untergang seiner einstigen Helden erlebt hatte, doch es dauerte nicht lange, bis Percy erkannte, dass auch Umbridge viele Fehler machte. Schwerwiegende Fehler.
Als er von ihren Plänen bezüglich einer Einkerkerung Rons erfahren hatte, hatte Percy die Nase voll. Er war zu einem ernsthaften Informanten für den Orden geworden, der ihnen alles meldete, das ihnen möglicherweise bei ihrer Kampagne helfen könnte. Er hatte sich damit abgefunden, dass es der Orden sein würde, der die Kontrolle wiedererlangte. Er hoffte nur, dass das Ministerium nach dem Krieg zu der großartigen Institution zurückgestaltet würde, die es einst gewesen war.
Er hatte an diesem Tag mit schwerem Herzen zugehört, wie Dolores Umbridge ein vollkommen falsches Bild dieses Ordens gezeichnet hatte. Sie würde seine Mitglieder verfolgen und sie versuchen zu zerstreuen. Percy wusste, dass er sie aufhalten musste. Er konnte nicht zulassen, dass sie ihre beste Chance ruinierten, die sie zum Besiegen von Du- weißt- schon- wen besaßen. Sie hatte auch angefangen, ihn mit Fragen über Bill und jegliche Effekte von Lycanthropie, die er aufweisen könnte, zu löchern. Die Fragen hatten einen Schauer über Percys Rücken gejagt.
Nachdem er Stunden vor Ort mit dem Sammeln von Aussagen verbracht hatte, hatte er sie am Abend an seinem Schreibtisch geordnet und Berichte vorbereitet, empört über die falsche Darstellung der Aussagen. Dann, gerade als er Anstalten gemacht hatte, nach Hause zu gehen, hatte Dolores Umbridge persönlich sein Büro aufgesucht.
Trotz seiner Wachsamkeit konnte Percy nicht anders als erfreut sein, dass sie ihn für einen Auftrag ausgewählt hatte. Er war eine engagierter Arbeitskraft und kannte die Funktionsweise des Ministeriums in und auswendig. Er schätzte es, wenn Autoritätspersonen all seine Bemühungen registrierten. Ministerin Umbridge hatte ihn gebeten, ein privates Gespräch mit einem Würdenträger über ein mögliches Bündnis zu führen.
Percy vermutete, dass es sich um einen Abgeordneten entweder aus der Schweiz oder aus Frankreich handelte, da beide Länder ein Bündnis mit England im Kampf gegen Du- weißt- schon- wen bisher verweigert hatten. Wenn es ihm gelang, das Abkommen erfolgreich zu besiegeln, wäre es ihm endlich geglückt, etwas Großes für das Ministerium und die Zaubererwelt verbucht zu haben. Es war eine Gelegenheit, der er nicht widerstehen konnte.
Nun saß er hier um drei Uhr morgens und wartete seit einer Stunde auf einen unbekannten Würdenträger. Percys Geduld erschöpfte sich langsam. Er zuckte zusammen und setzte sich aufrecht, als die Tür aufschwang. Doch die Person, die ins Zimmer stolzierte, was der letzte Mensch, den Percy zu sehen erwartet hätte.
„Guten Abend, Mr. Weasley. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung", sagte Severus Snape seidig.
„P-Professor S-Snape", stotterte Percy. Er schluckte schwer. "Was machen Sie denn hier?"
Professor Snape staubte den einzigen anderen Stuhl im Zimmer ab und setzte sich bedächtig. „Ich glaube, Ministerin Umbridge hat Sie von meinem Kommen in Kenntnis gesetzt, dass ich einen möglichen Waffenstillstand zwischen dem Ministerium und dem Dunklen Lord aushandeln möchte."
Percys Mund klappte auf. Sicherlich konnte er es nicht ernst meinen. Was genau hatte Umbridge angeboten, das den Dunklen Lord interessiere? Und wie konnte sie auch nur in Betracht ziehen, eine Abmachung mit Severus Snape zu treffen? Der Mann hatte Albus Dumbledore getötet, um Merlins Willen. Er sollte umgehend verhaftet und nach Azkaban geschickt werden, wo ihm der Prozess gemacht würde.
„Ähm...", sagte Percy zögernd, unsicher, was er sagen sollte.
Professor Snape lächelte kalt, in derselben kalkulierenden Art und Weise, die Percy noch aus seiner Hogwarts- Zeit in Erinnerung hatte. Ein Feixen, das normalerweise die Schüler in die andere Richtung laufen ließ, nur um zu vermeiden, ihn im Korridor zu treffen.
Percy hatte nie die Schwierigkeiten mit Snape gehabt, die Ron, Ginny und den Zwillingen begegnet waren – höchstwahrscheinlich weil er ein sehr guter Zaubertränke- Schüler gewesen war und die strengen Regeln und Richtlinien, die am Zaubertrankbrauen beteiligt waren, hoch geschätzt hatte. Professor Snape hatte ihn nie gemocht, weil er ein Gryffindor war, doch er hatte es nie auf ihn abgesehen, sowie es bei einigen von Percys Klassenkameraden der Fall gewesen war.
„Ministerin Umbridge ist an eine Zusammenarbeit mit dem Dunklen Lord interessiert, um die Anzahl von Verlusten, die die Zaubereiwelt erfahren hat, zu senken", sagte Professor Snape mit seiner öligen Stimme.
„Verluste, für die er verantwortlich ist", entgegnete Percy hitzig.
„Das mag sein", erwiderte Snape mit einem kalten Lächeln, „aber Ministerin Umbridge scheint gewillt, Zugeständnisse zu machen."
„Z-Zugeständnisse?", wiederholte Percy. „Was für Zugeständnisse?"
„Sie hat eingewilligt, uns mit einigen Informationen auszustatten. Die Preisgabe dieses Wissens an uns wird sich sowohl für den Dunklen Lord als auch für das Ministerium als nützlich erweisen", sagte Snape. „Ich brauche Ihre Hilfe, um diese Information zu beschaffen, Mr. Weasley."
Die Haare auf Percys Nacken sträubten sich plötzlich. Er befeuchtete sich die trockenen Lippen, während er versuchte, seinen Herzschlag zu beruhigen. „Nach was für Informationen suchen Sie?", fragte er.
„Den Aufenthaltsort des Hauptquartiers für den Orden des Phönix", erwiderte Snape. Seine Augen blitzten.
Percy schluckte erneut. Er spürte, wie ihm der Schweiß den Rücken lang lief. „Hauptquartier", wiederholte er starr.
„Ja", sagte Snape, während er sich mit einem langen, dünnen Finger an seiner Lippe entlang fuhr. „Ich glaube, Sie kennen seinen Aufenthaltsort."
„Es-Es gibt einen Zauber", sagte Percy.
„Ja, ich bin mir des Fidelius- Zaubers und seiner Funktionsweise durchaus bewusst, Mr. Weasley. Ich bin mir des Weiteren bewusst, dass es Wege gibt, ihm entgegenzuwirken. Ich habe bestimmte Schritte getan und nun würde ich gerne sehen, was Sie mir verraten können", sagte Professor Snape.
Percy faltete die Hände in seinem Schoß, um ihr Zittern zu verbergen. Er hatte wirklich Angst. Er hatte versprochen, den Orden zu informieren, bevor Ministerin Umbridge gegen sie einschritt, doch nun, da er tatsächlich handeln musste, fühlte er sich allein. Er hatte Alastor Moody einen Unbrechbaren Schwur geleistet, dass er niemandem etwas vom Orden enthüllen würde. Wenn er auch nur eine Einzelheit über den Aufenthaltsort vom Hauptquartier oder seinen Beteiligten verriet, würde er sein eigenes Leben verwirken.
Er wusste, dass seine Mutter die Weasley- Familienuhr bei sich trug, wo auch immer sie hinging, und er wusste auch, dass sie sie sofort von seinem Tod in Kenntnis setzen würde. Es würde genug Warnung für den Orden sein. Doch Percy glaubte nicht, dass er den Nerv dazu aufbringen könnte. Er warf Professor Snape einen wachsamen Blick zu, unsicher, was er tun sollte. Plötzlich fühlte sich Percy sehr jung nicht imstande, mit der Situation fertig zu werden.
Snape setzte wieder sein kaltes, gefährliches Lächeln auf. „Ministerin Umbridge war der Meinung, Sie würden das Ministerium in seinem Unternehmen eifrig unterstützen. Aber vielleicht benötigen Sie etwas Überredung."
Er hob in Zeitlupentempo seinen Zauberstab und knurrte: „Crucio."
Der Schmerz war so intensiv, dass er alles andere verdrängte. Percy konnte jemand aus der Ferne schreien hören und nur die Rauheit seiner Kehle ließ ihn wissen, dass er derjenige war, der schrie. Endlich erlosch der Schmerz und er lag keuchend auf dem Boden. Er musste von seinem Stuhl gefallen sein, obwohl er sich nicht daran erinnerte.
„Ich werde Ihnen erneut die Frage stellen, Mr. Weasley. Wo befindet sich das Hauptquartier des Phönixordens?", sagte Snape ruhig, als ob er ihm lediglich eine Unterrichtsstunde gab.
„Wissen Sie es nicht?", fragte Percy hechelnd. Seine eigene Frechheit überraschte ihn. Folter bewirkte seltsame Dinge, so vermutete er
„Ich glaube, es muss einen neuen Geheimniswahrer geben, da das Wissen sich mir entzieht", sagte Snape und zeigte das erste Zeichen von Verärgerung.
„Wenn Sie sich nicht mehr daran erinnern, müssen Sie wissen, dass ich es Ihnen nicht verraten könnte, selbst wenn ich es wüsste", sagte Percy. Er setzte sich mühsam auf.
„Mr. Weasley, meine Geduld erschöpft sich. Wenn ich einfach in Ihren wertlosen Geist eindringen und die Information hervorholen könnte, nach der ich verlange, würde ich es tun. Legilimentik funktioniert jedoch nicht gegen den Fidelius. Wenn der Zauber schwächer wird, ist es das Unterbewusstsein, das diese Information zuerst aufnimmt. Nun haben wir der weiteren Abschwächung der Schutzzauber mehr Zeit eingeräumt. Verraten Sie mir den Aufenthaltsort des Hauptquartiers", verlangte Snape. Er trat auf Percys Finger.
Percy wimmerte, als der Druck sich verstärkte, gewiss, dass seine Finger brechen würden. Er wusste, was er tun sollte. Doch er hatte Angst, so große Angst. Der Sprechende Hut hatte ihn aus gutem Grund nach Gryffindor gesteckt. Sicherlich musste er irgendwo tief in ihm drin die Tapferkeit sitzen, die ihn unterstützten würde. Es war der Unterschied zwischen dem Tun, was richtig und was leicht war. War das nicht, was Professor Dumbledore einmal gesagt hatte?
„Crucio", zischte Snape wieder.
Percy schrie. Als Professor Snape den Fluch aufhob, erbrach Percy sich auf den Boden. Er musste seine Familie beschützen. Sie hatten Recht gehabt und er hatte falsch gelegen. Er hoffte nur, dass sie eines Tages wissen würden, dass er seinen Fehler am Ende realisiert hatte. Was konnte er jedoch tun, um sicherzustellen, dass seiner Familie nichts zuleide getan wurde? Was konnte er Snape erzählen, das er nicht bereits wusste? Was konnte er sagen, das seinen Schwur brechen, aber gleichzeitig nicht zusätzlich zu der Gefahr, die seiner Familie ohnehin schon drohte, beitragen würde?
Eine Eingebung traf Percy wie ein Blitzschlag.
„Harry Potter arbeitet mit dem Orden", sagte er, den Blick fest auf Professor Snape gerichtet.
„Dessen bin ich mir bewusst, Sie unfähiger Narr. Ich fragte Sie nach dem Aufenthaltsort ihres Hauptquartiers. Wo versteckt sich Potter?", drängte Snape.
Percy spürte, wie seine Brust sich zusammenzog. Plötzlich fiel es ihm sehr schwer zu atmen, als wäre jeglicher Sauerstoff aus seinen Lungen gepresst worden. Percy blickte zu seinem ehemaligen Zaubertränkemeister auf, dessen Gesicht verblüfft dreinschaute, bevor seine Augen sich verdrehten und er nichts mehr fühlte. Sein letzter Gedanke, bevor die Dunkelheit ihn umhüllte, war Erleichterung, dass er überhaupt keinen Schmerz spürte.
