Kapitel 21 – Verlust
Harry wachte auf, als ihn jemand grob schüttelte. Er versuchte, sich abzuwenden und wieder in sein Kissen zu vergraben. Er hatte dieses Mal einen sehr angenehmen Traum gehabt, der Schokoladenostereier, Besen und kichernde Schnatze enthielt. Das Schütteln verstärkte sich und bald bellte ihm eine laute Stimme ins Ohr.
„Steh auf, Potter, und zwar schnell. Weasley, steig aus dem Bett."
Harrys Augen sprangen auf, als er sich damit abmühte, seinen Kopf freizumachen und die Stimme zu erkennen. Das Zimmer war in Dunkelheit getaucht, das einzige Licht stammte aus dem dämmrigen Glühen eines Wandleuchters im Gang. Im großen, alten Haus schien es ungewöhnlich still, beinahe als wäre ein Schalldämpfzauber auf die Tür gelegt.
Harry tastete nach seiner Brille. Er realisierte, dass es noch mitten in der Nacht oder kurz vor Tagesanbruch sein musste. Er konnte Ron aus seinem Bett schläfrig fluchen hören. Als er seine Brille endlich gefunden hatte, schob Harry sie sich ins Gesicht, worauf sich seine Sicht verschärfte. Seufzend stellte er fest, dass er trotzdem kein Bisschen sehen konnte.
„Wer ist da?", fragte er, während er immer noch versuchte, den Schlaf aus seinem Kopf zu vertreiben.
„Was'n los?", murmelte Ron.
„Umpf", grunzte Harry, als etwas Klotziges – aber nicht besonders Hartes – mit seinem Kopf zusammentraf. Er hörte einen weiteren dumpfen Aufschlag, bevor Ron ein ähnliches Geräusch ausstieß.
„Packt diese Rucksäcke mit allem, das ihr in zwei Minuten zusammensammeln könnt", knurrte Moody irgendwo von der Tür her. Harry konnte Moodys Schatten sehen, der sich in den Korridor bewegte. „Macht, dass ihr runter in die Küche kommt. Macht so wenig Licht wie möglich. Wir evakuieren. Bewegt euch."
Plötzlich hellwach, das Adrenalin rauschend, sprang Harry aus dem Bett und riss den Schrank auf. Seinen Zauberstab erleuchtet, erweiterte er den Rucksack, den Moody ihm zugeworfen hatte. Sorgfältig verstaute er Dumbledores Denkarium darin, zusammen mit dem seltsamen silbernen Instrument, den Horkrux- Behältern und seinen wertvollsten Gegenstände. Er hatte gerade begonnen, einen Teil seiner Kleidung hineinzuwerfen – glücklicherweise hatte er noch nicht die Gelegenheit gefunden einzukaufen, so dass er nicht sehr viel besaß – als sein Kopf in quälenden Schmerz ausbrach.
Es war, als hätte jemand ihn in einen Schraubstock geklemmt und ihn bei voller Kraft zusammenpresst. Er fiel mit einem Grunzen auf die Knie und packte seinen Kopf mit den Händen, während er seine Stirn auf den kalten Boden drückte. Eine Welle von reinem, ungemildertem Zorn überfiel ihn, bevor der Schmerz beinahe so abrupt aufhörte wie er begonnen hatte. Wenn die Tatsache nicht gewesen wäre, dass er auf seinen Knien mit dem Kopf auf dem Boden war, hätte er gedacht, dass er es sich eingebildet habe. Eines wusste er ganz sicher: Voldemort war wütend über etwas – sehr wütend.
„Harry, alles in Ordnung, Kumpel?", fragte Ron benommen. Er hatte sich endlich aus dem Bett gehievt und war beinahe über Harry gestolpert.
„Ja, mir geht's gut", sagte Harry. Er stand auf und schüttelte seinen Kopf.
Er hob seinen Zauberstab und fuhr fort, Kleidung in seinen Rucksack zu stecken, beunruhigt. Er hatte seit über einem Jahr keine Vision gehabt oder Emotion von Voldemort gefühlt. Dumbledore hatte vermutet, dass er Harry mit Okklumentik ausgegrenzt hatte. Warum jetzt? Was war geschehen, das Voldemort so sehr erzürnt hatte, dass er seinen Okklumentik- Schild vorläufig hatte sinken lassen? Hatte es irgendetwas mit dem Grund zu tun, weshalb sie mitten in der Nacht das Hauptquartier räumten?
„Was machst du da auf dem Boden?", fragte Ron, während er willkürlich Gegenstände in seinen eigenen Rucksack stopfte.
„Gestolpert", murmelte Harry, da er Ron noch nicht mit der Enthüllung beunruhigen wollte, dass Voldemort wieder in seinen Kopf eingedrungen war.
„Ich frage mich, was passiert ist", sagte Ron mit einem besorgten Gesichtsausdruck. „Es muss etwas Großes sein."
„Ja", stimmte Harry zu, während er seine Tasche zuzog. „Bist du fertig?"
„Ich denke schon", antwortete Ron. Er schaute sich hilflos im chaotischen Raum um. „Ich kann sowieso nichts sehen. Wie soll ich denn wissen, was ich mitnehmen muss, wenn ich nicht einmal weiß, wohin es geht? Warum will er das Licht aushaben?"
Harry zuckte die Achseln. „Wahrscheinlich benimmt er sich einfach typisch Moody. Nimm einfach etwas zusätzliche Kleidung, deinen Besen und alles Wichtiges mit. Komm schon, lass uns nach unten gehen. Ich will herausfinden, was passiert ist", sagte er. Instinktiv berührte seine Hand das Häkelarmband, das Ginny ihm gegeben hatte.
Ron schrumpfte seinen Besen, bevor er seine Tasche zuzog und Harry aus dem Zimmer folgte. Sie eilten die dunkle Treppe hinunter in die Küche, wo die Lichter hell erleuchtet waren. Harry musste blinzeln und seine Augen vor der plötzlichen Helligkeit abschirmen.
Bill und Fleur waren die einzigen im Raum. In der Nähe des großen Kamins beugten sie die Köpfe und schienen mitten in einer Diskussion. Fleur hatte ihren Arm um Bills Schultern gelegt, die Seite ihres Gesichts noch immer bandagiert.
„Was ist los?", wollte Ron wissen. Er starrte zwischen ihrem Bruder und Fleur hin und her.
„Es ist schneller geschehen, als wir gedacht haben", sagte Bill grimmig. „Der Orden ist des Verrats gegen das Ministerium angeklagt worden. Es gibt eine Hand voll Haftbefehle und wir glauben, dass die Schutzzauber versagen."
„Whoa", machte Ron und ließ sich am Tisch nieder. „Wessen Verhaftungen? Dad?"
Bill nickte. „Und Moody, McGonagall und ich. Umbridge hatte schon einen Groll gegen McGonagall seit ihrer Zeit in Hogwarts. Wir vermuten, es werden mehr Namen hinzugefügt werden, während der Tag fortschreitet. Unsere Einstweilige Ministerin schien eine Quelle zu haben, die plaudert."
„Percy?", erkundigte sich Ron, das Gesicht leicht verzogen.
Bill zuckte zusammen und sog einen scharfen Atem ein.
„Nein! Nischt dein Bruderr", sagte Fleur und packte Bill an der Schulter. „Er hat uns seit Monaten Informationen geliefert."
„Mum und Dad sind schon nach Hogwarts vorgegangen und wir haben schon Eulen mitgeschickt", sagte Bill, das Gesicht teilnahmslos. „Professor McGonagall bereitet unsere Ankunft vor."
„Dahin gehen wir also? Hogwarts?", fragte Harry. Er war zugleich erleichtert wie angespannt, wieder zur Schule zurückzukehren. Er war seit Professor Dumbledores Tod nicht mehr dort gewesen.
„Ja", erwiderte Bill nickend. „Das ist der sicherste Ort. Und es gibt sehr viele Verstecke, falls das Ministerium eine Durchsuchung anordnet. Hogwarts hat Möglichkeiten, Dinge geheim zu halten. Wir müssen offen mit dem Flohpulver zum Eberskopf reisen. Aberforth Dumbledore und Hagrid erwarten uns."
„Wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird sie auch bekommen", murmelte Harry.
„Wie bitte?", fragte Bill.
„Nichts", sagte Harry kopfschüttelnd. „Nur eine Erinnerung. Wo sind Ginny und Hermine?"
„Sie sind noch nicht runtergekommen. Moody trommelt gerade alle zusammen", erwiderte Bill.
„Bewegt euch schnell, Mädchen", sagte Anastasia Parkinson, während sie ihre beiden Töchter durch die Küchentür schob.
Iris taumelte mit schläfrigen Augen herein, noch immer in ihrem Morgenmantel, während Pansy mit ihrer Mutter stritt und versuchte, sich loszureißen. Sie und Mrs. Parkinson hatten sich die Zeit genommen sich anzuziehen und sie trugen alle kleine Taschen.
„Mutter, ich will auf Draco warten", jammerte Pansy.
„Du überlässt es gefälligst Dracos Mutter, sich Sorgen um ihn zu machen. Wenn es Schwierigkeiten geben sollte, will ich euch Mädchen weit weg davon haben", widersprach Mrs. Parkinson bestimmt, das Gesicht blass und angespannt.
„Keine Bange, Mutter. Wahrscheinlich handelt es sich nur um eine weitere Episode ihres Melodramas", sagte Iris gähnend.
„Ich fürchte nicht", erwiderte Bill, der die Mädchen ignorierte und direkt Mrs. Parkinson anschaute. „Unsere Quellen berichten uns, dass unser Aufenthaltsort gefährdet ist. Wir müssen jetzt umziehen."
Mrs. Parkinsons Hand zitterte, als sie auf den Kamin deutete. „Los, Mädchen", befahl sie.
„Mutter!", sagte Pansy. „Wir wissen nicht einmal, wohin wir gehen. Ich will auf Draco warten."
„Das Flohnetz wird euch nur zu einem Ort lassen", sagte Bill, während er Iris Flohpulver reichte. „Wirf es einfach rein."
Iris nahm das Pulver entgegen, Besorgnis huschte über ihr Gesicht, während sie sich in der Küche umsah. Sie schien nach jemandem zu suchen, bevor sie in die Flammen trat und in einem Puff von grünem Rauch verschwand.
„Du als nächstes, Pansy", sagte Mrs. Parkinson und drängte ihre Tochter vorwärts.
„Mutter, ich denke wirklich – "
„Ich will nicht hören, was du gerade denkst, junge Dame. Das ist ernst und ich habe genug von deinem Verhalten. Steig jetzt ohne ein weiteres Wort in den Kamin", befahl Mrs. Parkinson streng.
Pansy funkelte sie rebellisch an. Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch ihre Mutter hob eine Augenbraue und Pansy gab nach. Durch die Nase schnaubend nahm sie eine Handvoll Flohpulver und warf es in den Kamin.
Sobald sie verschwunden war, entspannte sich Mrs. Parkinson etwas. „Sie ist nur aufgewühlt", entschuldigte sie das Benehmen ihrer Tochter.
„Wir sind alle aufgewühlt, Madame", sagte Fleur, den Kamin finster anstarrend. „Einige kommen damit einfach besser zurescht als andere."
Mrs. Parkinsons Nase hob sich in die Luft, während sie sich ebenfalls eine Handvoll Flohpulver nahm. „Ich wünschen euch alles Gute", sagte sie steif, bevor sie verschwand.
Die Küchentür schwang wieder auf und Fred, George und Shannon eilten alle herein. George hatte seine Hand an Shannons Ellenbogen.
„Habt ihr Ginny und Hermine auf eurem Weg die Treppe herunter gesehen?", fragte Bill, sein raues Gesicht voller Anspannung.
„Hermine sucht nach Krummbein", erwiderte Fred. „Soll ich sie holen?"
„Ja. Treib sie an", sagte Bill. „Wo ist Moody?"
„Ich bin hier", antwortete Moody, der Draco und Narzissa Malfoy in die Küche führte. Narzissa war in einen Reiseumhang gehüllt und Harry bemerkte, dass sie sich die Zeit genommen hatte, Make-up aufzulegen.
„Was hat es zu bedeuten, dass wir zu dieser Zeit aufgeweckt wurden?", fragte sie herrisch.
„Es ist eine Art Notfall, Madame. Biitte, wir reisen mit dem Flohnetz", sagte Fleur. Sie wedelte mit der Hand, um die Malfoys anzutreiben.
„Was für ein Notfall?", erkundigte sich Narzissa.
„Todesser", sagte Bill ausdruckslos.
Narzissa Hand schoss an ihre Kehle. „Hier? Sie haben mir versprochen, dass Sie meinen Sohn beschützen würden", sagte sie, zu Moody herumwirbelnd.
„Das versuchen wir auch, Ma'am", erwiderte Moody schroff. „Wenn ich mich recht erinnere, habe ich mehrmals an Ihre Tür gehämmert, um Sie anzutreiben."
„Die Farbe, die Sie ausgewählt 'aben, ist so 'ärrlisch. Es ist immer so wieschtiesch, die rieschtigen Farben zu wählen. Wenn Sie getötet werden wegen der Zeit, die Sie verschwendet 'aben, werden Sie siescherliesch eine schöne Leische abgeben", sagte Fleur mit plinkernden Augenlidern.
Narzissa schnüffelte empört und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich werde gehen", sagte Shannon. Sie trat nach vorne und sah aus, als hätte sie mehr als genug Aufregung für eine Nacht.
„Bon", sagte Fleur. „Geh jetzt."
Shannon warf George einen Blick zu, der nickte und ihr Ginnys lila Haustier Pygmy Puff reichte. „Geh vor und nimm Arnold mit. Wir kommen sofort nach."
„Ich gehe nach den Mädchen sehen", sagte Fred. Er riss seinen Blick von Narzissa los, als hätte er entschieden, dass sie kein Problem mehr darstellen würde.
„Ich komme mit dir", sagte Harry, gerade als das ganze Haus von einer Druckwelle irgendwo von der Straße erschüttert wurde. Harry musste sich am Türrahmen festhalten, um aufrecht stehen zu bleiben. Gläser und Geschirr fielen aus den Regalen, als Schranktüren aufschwangen. Fleur taumelte mit dem Flohpulver und hätte es ohne Bills stützenden Arm fallen gelassen.
„Sieht aus, als wären sie hier", murmelte Fred mit weiten Augen.
„Mutter, geh, los", sagte Draco. Er klang panisch. Er schob seine Mutter auf den Kamin zu und sprang ihr beinahe hinterher.
„Ginny! Hermine!", rief Harry. Er sprintete aus der Tür, gefolgt von Fred.
Das Haus wankte abermals, so dass Fred und Harry auf die Knie fielen. Harry war sicher, dass er hörte, wie die Vordertür einkrachte. Er sah Ginny und Hermine auf der Treppe. Das Beben der letzten Druckwelle hatte beide Mädchen ihren Halt verloren lassen, so dass sie sich am Geländer festhalten mussten, um nicht herunterzupurzeln.
„Wer wagt, das Heiligtum des Hauses meines Vaters zu stören?", begann Mrs. Black hinter dem Vorhang zu kreischen, der ihr Portrait verdeckte. Sie hatten noch immer keine Möglichkeit gefunden, sie von der Wand zu entfernen. Doch die Vorhänge hatten zumindest ihre Aktivitäten vor ihr abgeschirmt. „Blutsverräter, Gesindel, Abschaum... Schlammblüter! Alle fallen sie in die unberührte Schönheit des Zuhauses meiner Vorfahren ein."
Auf die Füße kraxelnd sprintete Harry in den Korridor, von wo er gut er eine Schusslinie auf die Eingangshalle hatte, die Wand aber gleichzeitig als Deckung benutzen konnte. Er richtete seinen Zauberstab auf das offene Loch, wo sich zuvor die Tür befunden hatte, und lähmte die ersten beiden Todesser, die erschienen. Er hielt Stellung und feuerte weiter, doch es erwies sich bald als vergeblich, da sie einfach zu viele waren. Sie betraten das Hauptquartier wie eine Reihe von Arbeiterameisen, die alles niederrissen, was ihnen im Weg stand.
Das Haus zitterte und wankte alle paar Augenblicke und Harry fragte sich, was an der Außenseite vor sich ging. Offensichtlich versuchten die Todesser keineswegs, ihre Aktivitäten vor den Mugglen zu verbergen, und er glaubte, in der Ferne Polizeisirenen zu hören.
Er und Fred bemühten sich, die Treppe vor den angreifenden Todessern zu decken, um den Mädchen Zeit einzuräumen, ihren Halt wiederzufinden und den Abstieg fortzusetzen. Ein gut gezielter Sprengfluch vereitelte dies, als er das Geländer traf und es zerstörte. Harry stockte der Atem, als er Hermine über die Seite fallen sah, während Ginny den Rest der Stufen hinunterfiel. Sie landete am Treppenende, ihr Knie umklammernd.
Hermine schaffte es, sich am kaputten Geländer festzuhalten, und baumelte bedenklich über der Eingangshalle. Einige Todesser hatten ihre Zauberstäbe bereits erhoben. Hermines Beine schwangen wild hin und her, während sie versuchte, sich zurück auf die Treppe zu hieven. Harry bemühte sich, sie mit einem Schutzschild zu decken, und feuerte Flüche auf die nächsten Todesser. Hermine schrie, als ein Sprengfluch neben ihrem linken Ohr explodierte. Harry glaubte nicht, dass sie viel länger durchhalten konnte.
Ramponiert und geschunden stellte Ginny sich auf die Füße, gerade als Fred an ihr vorbeirannte.
„Ich helfe Hermine. Ihr geht gleich in die Küche", sagte er und deutete auf die Tür, durch die Krummbein gerade geschlüpft war.
Ginny nickte resolut und klammerte sich an der Wand fest, ihr Bein hinter sich herziehend. Ihr Blick heftete sich auf Harry, während sie durch die Küchentür humpelte. „Pass auf dich auf", raunte sie, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand.
Harry fuhr fort, Flüche abzufeuern, und deckte gleichzeitig Fred und Hermine. Fred war die Stufen hinaufgeklettert und hatte Hermine an den Handgelenken gepackt, während er sich unter den vereinzelten Flüchen wegduckte, die Harry nicht abblocken konnte. Hermine war jedoch so panisch, dass sie sich weigerte, das Geländer loszulassen und sich von Fred zurück auf die Treppe ziehen zu lassen. Die Todesser näherten sich immer weiter und Harry ermüdete zunehmend von der Energie, die er zum Aufrechterhalten seines Schildes aufwenden musste.
Er lehnte sich gegen die Wand und wünschte, ein Fluch würde Mrs. Blacks Porträt treffen und sie ein für alle Mal zum Schweigen bringen. Sie schrie Befehle und Instruktionen zu den Todessern, trotz der Tatsache, dass sie nicht sehen konnte, was vor sich ging. Harry wurde zurückgeworfen, als ein Zauber seine Schulter traf. Dieselbe, die noch immer wund vom Tag zuvor war.
Schmerz schoss durch seinen Arm, so dass er seine Zähne zusammenbeißen musste, um nicht laut aufzuschreien.
Plötzlich prasselte eine Flut von Flüchen auf die Todesser ein, die sie so überraschte, dass sie auseinander stoben. Harry blickte auf und sah Ron in der Küchentür stehen, ein mörderisches Funkeln in den Augen. Er hielt ein Auge auf Fred und Hermine, während er jeden angriff, der sich in Reichweite befand.
Harry grinste. Er war noch nie so glücklich gewesen, Ron zu sehen. Er hievte sich auf die Füße und erneuerte seinen mächtigen Schild. Er konnte das Zimmer beinahe vor Magie knistern hören, wusste aber, dass es Einbildung sein musste.
Als hätte der Anblick von Ron im Kampf gegen Todesser Hermine Mut eingeflößt, lockerte sie ihren Griff auf das Geländer und ließ sich von Fred hochziehen. Sie klammerte sich so fest an seinen Hals, dass Harry nicht sicher war, ob Fred sie von sich lösen konnte. Hermine hatten Höhen noch nie behagt. Fred schlang seinen Arm um sie und trug sie halb die Treppe herunter.
„Wir geben dir Deckung", rief Ron, der ihre Fortschritte sorgfältig beobachtete. „Bring sie hier raus."
„Komm uns gleich nach, kleiner Bruder", sagte Fred und zog Hermine durch die Küchentür. Hermine lehnte sich über Freds Schulter und befeuerte zwei Todesser, bevor die Tür sich hinter ihnen schloss.
Ron und Harry fuhren fort, die nahende Truppe mit allem, was sie hatten, zurückzuhalten. Flüche schossen hin und her, so dass regenbogenähnliche Reflektionen in den Fenstern aufleuchteten. Harry konnte die Blinklichter der Muggle- Polizei und Rettungswagen auf der Straße sehen und fragte sich, ob sie das Haus sehen konnten. Hatten die Schutzzauber so vollkommen versagt?
Sobald sie Fred und Hermine Zeit zur Flucht verschafft hatten, gab Ron Deckung, während Harry, wieder seinen Arm an seinen Körper pressend, zur Küche sprintete. Ein Todesser sprengte ein Loch in die Wand, wo er kurz zuvor noch gestanden hatte, so dass er durch die Luft hechten musste, um die Sicherheit der Küche zu erreichen.
Eine weitere Druckwelle traf die Decke über Ron, worauf Trümmer auf seinen Kopf herabfielen. Ein heller Streifen Blut erschien über Rons Augenbraue, bevor er Harry hinterher rannte.
„Ihr Narren! Gebt ihnen keine Gelegenheit zu fliehen", ertönte Snapes Stimme deutlich aus der Eingangshalle.
Harry erstarrte und drehte sich zurück. Nie im Leben würde er Snape mit der Zerstörung von Sirius' Haus davonkommen lassen.
„Lass es, Harry", sagte Ron und packte ihn fest an den Schultern, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Sie sind zu viele. Die Chancen stehen nicht gerade zu unseren Gunsten. Es wird einen weiteren Kampf an einem anderen Tag geben."
Harry wusste, dass Ron Recht hatte, doch er scheute sich davor, es zuzugeben. Mit finsterem Blick und den verletzten Arm eng an den Körper gepresst, nickte er knapp. Ron klopfte ihm auf die Schulter.
Die beiden Freunde stolperten zum Kamin, gerade als ein großer, unmaskierter Todesser die Küchentür zerstörte. Harry griff sich Flohpulver und warf es, als Ron sie beide in den Kamin bugsierte. Der Todesser folgte ihren gleich auf den Fersen und Harry konnte schwören, dass er die Hände des Mannes auf seinem Rücken spüren konnte, während das Flohnetzwerk ihn verschluckte.
Beide Jungen fielen aus dem Kamin auf den Boden des Eberskopf. Harry hatte es gerade geschafft, sich auf den Rücken zu rollen und seinen Zauberstab zu heben, als der Todesser ihnen herausfolgte. Er taumelte, stolperte über Rons lange Beine und landete auf ihm.
„Expelliarmus", rief Harry und fing den Zauberstab auf, der aus dem Griff des Todessers flog.
Ron schubste den unbewaffneten Todesser von seinen Beinen, krabbelte weg von ihm und zog Harry zur gleichen Zeit auf die Füße.
„Schließ das Netzwerk, jetzt!", bellte Moody mit erhobenem Zauberstab.
Der große Barkeeper, den Harry als Aberforth Dumbledore erkannte, wedelte mit seinem Zauberstab zum Kamin. Einige andere Menschen, die in der Mitte des Pubs standen, zielten auf die Öffnung.
„Er ist versiegelt", sagte Aberforth nickend.
Ohne einen weiteren Blick auf die verschiedenen Menschen, die mit gezücktem Zauberstab in seinem Pub aufgetaucht waren, kehrte er hinter die Bar zurück und begann, Gläser abzuwischen. Der Pub war zu dieser späten Stunde nicht dicht gedrängt, doch die vereinzelten Gäste, die da waren, beobachteten das Geschehen interessiert.
„Amycus Carrow", knurrte Moody und starrte den Mann an, der auf dem Boden sitzen geblieben war. „Wie nett von dir, zu uns zu stoßen."
Der lumpig aussehende Mann blickte auf und grinste anzüglich. „Hast du mich also geschnappt, was, Moody? Und was hast du jetzt mit mir vor? Ihr Leute habt nicht den Mumm, mich auf der Stelle zu töten, und das Ministerium kooperiert nicht gerade mit euch in letzter Zeit, nicht wahr?"
Er machte Anstalten aufzustehen, aber Moody richtete seinen Zauberstab direkt zwischen seine Augen. „Führe mich nicht in Versuchung", sagte er.
Der Mann starrte ihn einen Augenblick an, bevor er zu einer Sitzposition auf dem Boden zurücksank.
„Er hat Recht", sagte Bill. „Wir können ihn nicht an das Ministerium ausliefern, also sollten wir uns gleich hier um ihn kümmern." Bill hatte ein wahnsinniges Glühen in den Augen, den Harry noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er fragte sich, wie nahe der nächste Vollmond wohl war.
„Das könntest du", warf Aberforth ein, ohne von dem Glas in seiner Hand aufzublicken. „Aber dann würdest du nicht besonders dem folgen, wofür mein Bruder einstand, oder?"
Bill fluchte leise. „Was machen wir dann?"
„Isch könnte ihn ins Ministerium bringen", sagte Fleur. „Sie 'aben noch keinen 'aftbefehl gegen miesch."
„Nein. Ich werde es tun", meldete sich eine Frau zu Wort, die sich von ihrem Tisch an der Hinterseite des Pubs erhob und auf sie zukam. Sie zog die Kapuze vom Kopf, worauf Rosmerta, die Barkeeperin der Drei Besen, zum Vorschein kam.
„Madam Rosmerta", sagte Bill überrascht.
„Minerva hat mich gebeten, heute Nacht ein zusätzliches Paar Auge hier zu sein", sagte Rosmerta. „Ich kann diesen Abschaum zum Ministerium bringen."
Moody schüttelte den Kopf. „Das kannst du nicht. Umbridge wird es verhunzen und es wird nur darauf hindeuten, dass du Bindungen zu uns hast", brummte er angewidert.
„Ich werde ihn nicht zu Umbridge bringen", entgegnete Rosmerta. Ihre Augen funkelten, während ein hässliches Lächeln ihr normalerweise attraktives Gesicht verzerrte. „Ich habe einige Freunde in Positionen von Autorität im Zaubergamot. Ich kenne zu viele ihrer Geheimnisse, als dass sie mich zum Verhör gezogen haben wollen."
Moody grinste und nickte anerkennend.
Carrow blickte alle finster an. „Es wird nicht ausreichen, um mich zu halten."
Rosmerta legte in einer dramatischen Pose eine Hand an ihren Kopf. „Sirs, ich glaube, mir sind einige Erinnerungen über die Nacht, in der ich mit dem Imperius belegt wurde, zurückgekommen. Es muss der Schock gewesen sein, sein Gesicht wiederzusehen. Ich weiß, wie sehr Sie alle sich darum sorgen, wer mir das angetan hat und was sie erfahren haben könnten, als sie es taten."
Moody gluckste. „Ich denke, das könnte funktionieren, Rosie. Du hast mich überzeugt."
„Danke, Liebchen", sagte Rosmerta und plinkerte mit ihren schweren schwarzen Wimpern. „Du hast nicht geglaubt, dass ich diesem kleinen Trick erlauben würde, für immer unentdeckt weiterzugehen, oder?"
„Ihr haltet euch alle für so clever", sagte Amycus schnaubend. „Ihr seid nicht besser als der Rest von uns. Ihr habt heute Nacht ohne Skrupel einen von euch aufgegeben. Sieht so aus, als könnte er sogar für einige von euch zur Familie gehören."
„Das reicht", knurrte Bill. Er hielt seinen Zauberstab auf den Gefangenen gerichtet. „Halt dein Maul. Okay, Rosmerta, nimm ihn mit. Hagrid, lass uns den Rest von ihnen zur Schule hochbringen."
Hagrid nickte. Sein Blick schweifte umher, während er seinen Hut in den Händen schwang. Er nickte in Richtung des Tischs, an dem die Slytherins saßen, und bedeutete ihnen, ihm zu folgen.
„Warte eine Minute", sagte George und schob Bill zur Seite. „Worauf will er hinaus?"
„Wen haben wir aufgegeben?", fragte Fred und stellte sich neben George.
„Keinen. Er versucht, Unruhe zu stiften. Ignoriert ihn", sagte Bill hastig und versuchte, die Zwillinge wegzuziehen, damit Rosmerta an Amycus herankam.
Harry spürte einen Knoten der Furcht in seinem Bauch. Er blickte durch den Raum zu Ginny, deren Augen weit aufgerissen waren und ihre Brüder anstarrten. Alle Weasley- Jungen standen angespannt da und warteten mit angehaltenem Atem.
„Der Ministerium- Arbeiter, der uns den Aufenthaltsort eures Hauptquartiers verraten hat. Zu schade, dass er einen Unbrechbaren Schwur geleistet hat. Hat ihn ziemlich schnell zur Strecke gebracht", jubelte Amycus entzückt.
Es waren weniger die Worte des Todessers als Bills Reaktion, die Harry wissen ließ, dass es der Wahrheit entsprach. Der älteste Weasley- Bruder schien zusammenzufallen. Er schloss die Augen, als wolle er die Worte ausblenden. Fleur rückte zu ihm und rieb ihm tröstend über den Rücken.
Harry hatte das Gefühl gehabt, dass Bill sich die ganze Nacht seltsam benommen hatte. Nun kannte er den Grund dafür. Percy war tot. Die Weasleys hatten einen aus ihren Reihen verloren.
„Ist das wahr?", fragte George und starrte Bill an, während die Farbe aus seinem Gesicht wich.
„Oui", erwiderte Fleur. „Euer Vater 'at es erfahren, bevor wir evakuiert sind."
Ron und die Zwillinge rührten sich nicht, als kämpften sie damit, diese neue Information zu verarbeiten. Es war Ginny, die schließlich sprach: „Weiß Mum davon?"
Ihre Stimme klang seltsam – überhaupt nicht wie ihre eigene. Harry durchschritt den Raum und stellte sich hinter sie, seine Hände auf ihre Schultern gelegt. Sie hob die Hand und ergriff seine Finger, doch ihr Blick blieb auf Bill geheftet.
„Ich weiß es nicht", antwortete Bill. „Ich denke, Dad hat es ihr wahrscheinlich inzwischen gesagt."
„Sie sin' oben im Schloss. Professor McGon'gall hat mich herjeschickt, um euch alle zum Gryff'ndor- Turm hochzubring'. Eure Leute sin' wahrscheinlich da", sagte Hagrid schroff.
„Ihr könnt später darüber rumflennen, dass es einen Blutsverräter weniger gibt", höhnte Draco. „Für den Augenblick habe ich keine Lust, meinen eigenen Hals damit zu riskieren, hier länger als nötig herumzustehen."
„Halt dein Schandmaul, Malfoy", schnauzte Ron und stieß den Slytherin rückwärts. Draco stolperte einige Schritte nach hinten, bevor er auf dem Boden landete.
Rons Tonfall zeigte Harry, dass sein Freund dem Explodieren nah war, selbst ohne seine roten Ohren. Rons Gesicht war fahl und seine Augen trugen einen harten Ausdruck, der Harry beinahe um Malfoys Sicherheit fürchten ließ. Nicht dass er fand, Malfoys verdiene keine Lektion. Doch jetzt war nicht die Zeit dazu und er glaubte nicht, dass es den Weasleys etwas bringen würde.
„Bring ihn hier raus, Hagrid", sagte Harry und ruckte seinen Kopf in Malfoys Richtung. „Wir kommen sofort nach."
Hagrid nickte und riss Draco schnell vom Boden hoch.
„Lassen Sie mich los", protestierte Draco, während er sich aus Hagrids Griff befreite.
„Ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn misshandelt wird", rief Narzissa und sprang zwischen Hagrid und Draco.
„Ich würde Hagrid freundlich behandeln, wenn ich Sie wäre, Mrs. Malfoy", sagte Fred, ein gefährliches Funkeln in seinen Augen, „da er der einzige sein wird, der zwischen Ihnen und, was auch immer da draußen vor den Hogwarts- Toren herumlungert, stehen wird. Wenn Ihr Sohn darauf besteht, jemanden Älteren als einen Hogwarts- Zweitklässler anzuschnauzen, muss er lernen, ohne die Einmischung seiner Mummy zurechtzukommen."
„Aber jetzt ist nicht die Zeit dazu", meldete sich Anastasia Parkinson bestimmt zu Wort. „Narzissa und Draco, bitte folgt Hagrid hinaus. Iris, Pansy, ihr auch." Sie begann, alle Slytherins unerbittlich zur Tür zu scheuchen. Hagrid nickte den Weasleys kurz zu, bevor er aus der Tür eilte.
„Ron", sagte Harry. Er ließ eine Hand auf Ginnys Schulter, während er die andere auf Rons legte und sanft drückte.
Ron schüttelte ihn ab und funkelte ihn an, schien jedoch genauso schnell wieder zusammenzusinken. Er taumelte mehr als dass er ging, zu dem Tisch, wo Hermine mit Krummbein saß und ihn mit tränengefüllten Augen ansah. Er sank auf einen Stuhl neben ihr und atmete schwer.
„Wir müssen auch zum Schloss hochgehen", erinnerte Moody, während er den Weasleys unbehagliche Blicke zuwarf.
Harry schlang seinen gesunden Arm um Ginnys Taille und stützte sie, während sie zur Tür humpelte. Er kämpfte einen Moment mit ihren Rucksäcken, bevor Fleur und Bill sie ihm abnahmen. Zusammen mit Ginnys Familie traten sie den langen, stillen Spaziergang zum Schloss an, jeder in seinen eigenen Gedanken vertieft, während sie sich aneinander klammerten. Harry glaubte nicht, dass der Gang jemals so lange gedauert hatte.
Als sie durch Hogwarts Eingangstüren traten, stützte Harry beinahe Ginnys ganzes Gewicht. Sie hatte sich bei ihrem Sturz das Knie verdrehte, welches nun auf seine doppelte Dicke geschwollen war. Er konnte es unter ihrer Jeans hervorbeulen sehen und wusste, dass die Straffheit des Stoffes ihr höllische Schmerzen bereiten musste. Sie hatte sich überhaupt nicht beklagt und ihr Schweigen bereitete ihm Sorgen.
Seine Besorgnis um sie und den Rest der Weasleys hatte seine Anspannung, nach Hogwarts zurückzugehen, überspielt und nun war er einfach nur froh, zu Hause zu sein. Er mochte nichts für Ginnys tiefere, emotionale Wunden tun können, doch zumindest konnte er die körperlichen lindern.
„Ich werde Ginny zum Krankenflügel bringen", sagte er zur Gruppe. „Ich denke, Ron und Hermine könnten auch etwas Heilung vertragen."
Rons Kopf blutete immer noch und Hermine schien jeden Moment umzukippen. Sie taumelte, als sie sich gegen Rons breite Brust lehnte.
„Nein", knurrte Mad- Eye. „Wir haben schon zu viel Zeit verschwendet. Das Ministerium könnte jeden Moment hier aufkreuzen und wir müssen alle sicher verwahrt sein. Geht hoch zum Gryffindor- Turm. Wir werden Poppy zu eurer Behandlung hinaufschicken. Potter, dein Arm muss auch untersucht werden."
Harry konnte nicht bestreiten, dass sie viel Zeit vergeudet hatten, und sein Arm pochte in der Tat schmerzhaft. Die erschöpfte Gruppe von Wanderern kletterten in den siebten Stock und fanden Professor McGonagall, die besorgt von ihrer Position vor dem Porträt der Fetten Lady um die Ecke spähte.
„Um Himmels Willen! Es wird aber auch Zeit. Was hat so lange gedauert?", fragte sie und ließ ihren Blick über sie schweifen, bevor er auf Ginny und Hermine ruhen blieb. Ihre Augen wurden sanfter und sie rieb sich mit einem Taschentuch die Nase, während sie die Köpfe zählte.
„Wir wurden aufgehalten, aber wir sind alle anwesend", antwortete Moody.
Professor McGonagall nickte und richtete sich gerade auf. „Also schön. Ich habe Filius aufgetragen, das Ministerium abzufangen, wenn sie eintreffen. Er wird ihnen sagen, dass ich in den Urlaub gefahren und nicht zurückgekehrt bin. Hagrid hat mir erzählt, es gäbe Verletzungen. Er ist Poppy holen gegangen", sagte sie brüsk. Zur Fetten Dame gewandt, sagte sie: „Zuflucht."
Das Porträt schwang zur Seite und gewährte ihnen Einlass in den Gryffindor- Turm. Das Feuer prasselte im Kamin und trotz der angespannten Umstände fühlte Harry sich, als wäre er nach Hause gekommen. Mrs. Weasley saß am Feuer, ein abgenutztes Spitzentuch in der Hand. Ihr Kopf ruhte auf Mr. Weasleys Schulter, der abwesend seine Hand auf ihrem Rücken entlangstreichen ließ. Die Slytherins saßen am Fenster zusammengedrängt und starrten den Gryffindor- Gemeinschaftsraum mit offenkundiger Neugier an.
„Mum", flüsterte Ginny. Sie klang sehr jung, während sie zu ihren Eltern humpelte.
Mrs. Weasley wandte sich aufgeschreckt um. „Oh, Ginny", rief sie. Eine Flut von Tränen füllten ihre Augen. Sie sprang von der Couch auf und schloss ihre Tochter in die Arme.
Harry stand verlegen daneben, unsicher, was er tun sollte.
Mr. Weasley lief zu seinen Söhnen herüber und umarmte jeden von ihnen, bevor er Harry auf den Rücken klopfte. „Ihr hattet Schwierigkeiten", stellte er mit einem Blick auf die verschiedenen Verletzungen fest.
„Uns geht es gut", versicherte Bill. „Todesser sind ins Hauptquartier eingedrungen, aber wir sind alle ohne größere Verletzungen davongekommen. Einer von ihnen ist Harry und Ron durch das Flohnetz gefolgt, aber wir haben ihn geschnappt."
Shannon half Hermine zu einem Sessel und sank neben ihr nieder. Harry setzte sich zu ihnen in der Hoffnung, den Weasleys etwas Privatsphäre zu gewähren.
„Hagrid sagte, ihr habt alle die Neuigkeiten gehört", sagte Mrs. Weasleys. Sie schnaubte sich die Nase, während sie Ginny zur Couch half. Ginny legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Mutter. Tränen strömten still ihre Wangen herab.
„Der Todesser hat uns erzählt, dass Percy... das Percy tot ist", flüsterte sie und schmiegte sich enger an ihre Mutter.
Mrs. Weasley brach in Tränen aus und vergrub ihr Gesicht in Ginnys Haar.
Fred und George legten jeder eine Hand auf die Schultern ihres Vaters und führte ihn zu einem Sessel, während Fleur ihre Arme um Bill schlang. Ron ging zu Hermine und obwohl er schweigend ihre Hand in seine nahm, blieb sein Gesicht ausdruckslos. Er starrte gerade vorwärts, doch Harry glaubte nicht, dass er auch nur einem von ihnen Beachtung schenkte.
„Ich bin sicher, wir werden mehr Informationen haben, wenn Tonks kommt", sagte Moody und räusperte sich. Er war im Schatten am Porträtloch geblieben und hatte gedämpft mit Professor McGonagall gesprochen.
„Du!", kreischte Mrs. Weasley unerwartet. Sie ließ Ginny los und stand auf, einen zitternden Finger auf Moody gerichtet. „Ich wusste, dass der Unbrechbare Schwur ein Fehler gewesen ist. Aber du hast darauf bestanden. Du hast meinen kleinen Jungen dieses Versprechen machen lassen."
„Molly", beschwichtige Mr. Weasleys. Er nahm sie in die Arme, doch sie schüttelte ihn ab.
„Lass mich", keifte sie. „Er hat Percy diesen furchtbaren Schwur leisten lassen und schau nur, was mit meinem Baby passiert ist. Sie haben ihn wahrscheinlich gefoltert, um Informationen zu bekommen."
Moody verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und schien antworten zu wollen. Doch Professor McGonagall legte eine Hand auf seinen Arm.
„Das wissen wir nicht, Mum", sagte George, obwohl er ihren Blick mied. „Denk jetzt nicht daran. Nach allem, was wir wissen, könnte es ihm einfach rausgerutscht sein."
„Es sei denn, er hat es ihnen freiwillig gegeben", sagte Ron düster. Sein Gesicht färbte sich rot.
Mehrere der Weasleys brüllten protestierend auf, aber Ron starrte trotzig zurück. „Sagt mir nicht, der Gedanken ist niemandem von euch gekommen. Percy ist in letzter Zeit nicht gerade der zuverlässigste Typ gewesen."
Die anderen wanden sich unbehaglich, ohne einander anzusehen. Der Verdacht– obwohl unausgesprochen – hing greifbar im Raum.
Mrs. Weasley ließ sich zu Boden fallen und schluchzte hysterisch.
Ron verzog das Gesicht. Seine Unterlippe begann zu zittern, bevor er von seinem Stuhl aufsprang und die Treppe zum Jungenschlafsaal hocheilte. Hermine stand zittrig auf, als wolle sie ihm folgen. Doch Bill hielt sie zurück.
„Ich gehe schon, Hermine. Du musst dich von Madam Pomfrey untersuchen lassen", sagte er leise.
Hermine schniefte. Sie lehnte ihren Kopf auf Harrys Schulter und brach in Tränen aus. Harry schloss sie unbehaglich in die Arme und tätschelte ihr den Rücken.
Als Madam Pomfrey im Turm eintraf, ging sie direkt auf Hermine zu und schob Harry resolut beiseite. Er bewegte sich zur Couch, auf der Ginny saß, ihr gesundes Knie an die Brust gedrückt und so verlassen wirkend, dass es Harry das Herz brach. Er verspürte den verzweifelten Wunsch, sie zu trösten, war sich jedoch nicht sicher, wie. Er sah ihren Rucksack auf dem Boden liegen, wo sie ihn fallen gelassen hatte.
Er kniete sich daneben und öffnete ihn. Er wühlte darin herum, bis er fand, wonach er gesucht hatte. Ginny, so stellte er fest, packte genau wie Ron ohne jegliche Ordnung. Er setzte sich wieder neben sie und zog sie eng an sich. Er reichte ihr mit einem traurigen Lächeln Rotz.
Ginny schniefte, lächelte jedoch zittrig, während sie den Bären in ihre Arme schloss. „Er sieht wirklich blöd aus, oder?", fragte er mit einem leisen Glucksen.
„Äh... nur ein bisschen", erwiderte Harry und zupfte an einem von Rotz' zerrissenen Ohren.
„Oh, Harry. Ich weiß einfach nicht, was ich denken soll. Percy konnte zwar ein Ekel sein, aber er war unser Ekel. Arme Mum. Ich weiß nicht, was es ihr antun wird", sagte sie und legte den Kopf auf Harrys Schulter.
Harry erinnerte sich an Mrs. Weasleys Irrwicht und schauderte, wissend, dass sie gerade ihre schlimmste Furcht durchlebte. Er hoffte, dass sie einen Weg finden würde, es ebenfalls zu überwinden. Er hoffte, sie würden es alle tun.
Die nächsten paar Tage verliefen nur verschwommen für Harry. Tonks war endlich in Hogwarts eingetroffen und hatte sie alle von den unklaren Details, die Percys Tod umgaben, in Kenntnis gesetzt. Ihrer Quelle zufolge, war Severus Snape in jener Nacht im Ministerium gesichtet worden und Percy war zu einem privaten Treffen gerufen worden. Keiner wusste genau, was hinter den geschlossenen Türen vor sich gegangen war. Doch das Treffen hatte mit Percys toten Körper und einem vor Wut rasenden Severus Snape geendet.
Eine Untersuchung von Percys Körper hatte ergeben, dass er in der Tat gefoltert worden war. Doch aus Snapes wütendem Verhalten war vermutet worden, dass Percy nicht die Information aufgegeben hatte, die der ehemalige Zaubertränkemeister gesucht hatte.
Das war zugleich eine Erleichterung und eine neue Quelle von Elend für die Weasley- Familie. Percy hatte sie doch nicht verraten. Tatsächlich hatte er anscheinend sein eigenes Leben geopfert, um sie zu beschützen, doch er war gestorben, bevor sie jemals wirklich die Chance hatte, ihren Streit zu beheben. Mrs. Weasley nahm es am schwersten und Madam Pomfrey hatte ihr regelmäßig einen Beruhigungstrank verabreicht. Der Rest der Familie kämpfte sich ebenfalls durch.
Charlie war aus Rumänien gekommen und versuchte, das Ministerium dazu zu bringen, ihm Percys Leichnam zu überlassen, doch das Ministerium hatte sich geweigert. Sie wollten mit Arthur und Molly sprechen und verlangten ihren Aufenthaltsort zu wissen. Charlie hatte darauf beharrt, dass er es nicht wusste, und war kaum geflohen, als für ihn ebenfalls ein Haftbefehl herausgegeben worden war.
Während Bill, Fred, George und Ginny sich damit abgefunden zu haben schienen, drückte Ron seine Trauer mit Wut aus. Sein Gemüt kochte schnell über und er schnauzte alle ständig an. Fred und George waren viel weniger ungestüm als sonst und Harry hatte unzählige Male gesehen, wie sie in die Leere gestarrt hatten.
Das, was ihn am meisten an der Weasley- Trauer berührte, was, wie sie alle aneinander hangen und offenbar von der gegenseitigen Gesellschaft Unterstützung schöpften. Selbst Ron in seiner schlechten Laune zog es vor, im Raum zu bleiben und sich mit seinen Geschwistern zu streiten, als die Einsamkeit seines Zimmers aufzusuchen. Harry erinnerte sich daran, wie er sich nach Sirius' Tod gefühlte hatte – er hatte nach Gesellschaft verlangt, doch sobald er sie hatte, wollte er allein sein. Keiner der Weasleys sehnte sich überhaupt nach Einsamkeit.
Harry, Ron, Charlie, Fred und George teilten alle einen einzigen Raum im Jungen- Schlafsaal. Bill und Fleur waren auf einem anderen Stockwerk, während Mr. und Mrs. Weasley einen weiteren belegten. Ginny hatte ihm erzählt, dass sie mit Hermine und Shannon im Mädchen- Schlafsaal schlief. Harry hatte noch nicht genau herausgefunden, wo Moody wohnte. Die Slytherin- Frauen teilten sich eins der Mädchen- Schlafsäle, doch Draco hatte sich geweigert, mit den Gryffindor- Jungen zusammenzuwohnen. Stattdessen hatte er ganz allein den Schlafsaal der Erstklässler belegt.
Eines Nachmittags, nach einem weiteren Streit zwischen den Weasleys bezüglich der Weigerung des Ministeriums, Percys Leichnam auszuhändigen, entdeckte Harry den fliegenden Teppich, den er inmitten von Dungs Habseligkeiten am Boden seines Rucksacks aufgerollt fand. Mit einem erfreuten Grinsen versammelte er Ron, Hermine und Ginny und forderte sie auf, ihm zum Quidditch- Feld zu folgen.
„Also wirklich, Harry", meckerte Hermine und blies sich mürrisch eine Haarsträhne aus dem Mund. „Ich will nicht zum Quidditch- Feld. Was auch immer du uns zeigen willst, ich bin sicher, wir ha haben es schon Hunderte von Malen gesehen. Ich will unsere Zeit hier nutzen und Nachforschungen in der Bibliothek anstellen."
„Du hast es noch nicht gesehen", sagte Harry, weiter lächelnd, während er zum Feld marschierte. „Wir haben uns in der Bücherei vergraben, seit wir angekommen sind, Hermine. Ich denke, wir können alle etwas Ablenkung vertragen."
Er konnte sehen, dass er Ginny Neugier angestachelt hatte, und Ron war immer auf einen Ausflug zum Feld auf. Es war jedoch nur die Tatsache, dass er nicht seinen Besen mitgenommen hatte, die Hermine in Bewegung versetzte. Er hatte den Teppich in seinen Tarnumhang gewickelt und fest unter seinen Arm geklemmt.
„Natürlich bin ich oft dort gewesen", sagte Hermine brüsk. „Die Hogwarts- Bücherei ist ausgedehnt und jetzt, da ich volljährig bin, kann ich alles aus der Verbotenen Abteilung holen, was ich will."
„Wenn du in einer Stunde zurückgehen willst, werde ich dich nicht aufhalten", sagte Harry und verdrehte die Augen. „Das ist etwas, da dich interessieren könnte, Hermine. Es ist etwas, das ich von Sirius geerbt habe. Ich habe es bei Dung gefunden und zurückgeklaut."
„Du hast es nicht geklaut, wenn es dir gehört", entgegnete Hermine mit gerunzelter Stirn. „Du hast nicht erwähnt, dass du außer dem Medaillon noch etwas anderes genommen hast."
Rons Augen öffneten sich weit, plötzlich in heller Aufregung. „Mensch, Harry... das habe ich ganz vergessen. Kann ich ihn nach dir ausprobieren?"
„Was ausprobieren?", fragte Ginny, den Kopf zwischen ihnen beiden hin und her drehend.
Harry hielt an, als sie das Feld erreichten. „Das hier", sagte er und zog den Tarnumhang ab, so dass der fliegende Teppich zum Vorschein kam.
„Abgefahren", kommentierte Ron und beäugte ihn bewundernd.
„Wow, Harry!", rief Ginny. „Wie konntest du nur vergessen, es zu erwähnen?"
„Die sind illegal", sagte Hermine, doch Harry konnte erkennen, dass es eine automatische Reaktion war. Sie ließ ihre Hände neugierig über den Stoff fahren und betrachtete jede Seite.
„Ich weiß, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sirius' Familie den Gesetzen viel Beachtung geschenkt hat. Ich denke, sie waren so ähnlich wie die Malfoys und haben gedacht, dass sie über ihnen stehen", erwiderte Harry.
„Sirius hätte es eh nicht gekümmert", schnaubte Ron. „Hast du mir nicht erzählt, dass er auch ein Motorrad verzaubert hat?"
„Ja", sagte Harry grinsend. „Damit hat Hagrid mich zum Ligusterweg gebracht. Ich hatte als Kind immer wieder Träume über fliegende Motorräder. Ich hätte aber nie im Leben gedacht, dass es eine echte Erinnerung sein könnte. Die Dursleys haben es mir verboten, darüber zu sprechen."
„Wie funktioniert er?", erkundigte sich Hermine.
„Kein Schimmer", erwiderte Harry grinsend. „Sollte aber Spaß machen, es herauszufinden." Er legte den Teppich auf den Boden und rollte ihn aus. „Ich denke, wir passen alle darauf."
„Ich werde nicht auf dieses Ding steigen! Du weißt noch nicht einmal, wie man darauf fliegt", rief Hermine.
„Hat mich noch nie aufgehalten", erwiderte Harry und kniete sich hin. Es konnte doch nicht so schwer sein. Als er das Fliegen auf einem Besen gelernt hatte, hatte er einfach „Auf" gesagt und der Rest hatte sich ganz von selbst eingestellt.
„Auf", sagte er.
Nichts geschah, obwohl er glaubte, ein Kräuseln von Magie durch den Stoff fahren zu sehen.
Ron schnaubte, während Ginny und Hermine beide versuchten, ihr Kichern zu unterdrücken.
„Gebt mir eine Minute", sagte er. Er lehnte sich nach vorn, so dass seine Hände auf der Kante des Teppichs ruhten. Er schloss die Augen und entspannte seinen Körper.
„Auf", wiederholte er. Und diesmal klappte es.
Der Teppich erhob sich ziemlich zittrig in die Luft und ließ ihn beinahe das Gleichgewicht verlieren, als er sich bewegte. Es dauerte einige Minuten, doch er kam schnell auf den neuesten Stand. Sich von einer Seite zur anderen zu lehnen, kontrollierte die Bewegung und die Vorderseite auf und abzuziehen steuerte die Höhe. Er war nicht so windschnittig wie ein Besen und reagierte nicht auf die leichteste Berührung, wie sein Feuerblitz es tat, doch es war nichtsdestotrotz wunderbar.
Er jubelte, als er an Geschwindigkeit zunahm und um die Quidditch- Tore herumzischte. Sobald er sicher war, dass er ihn im Griff hatte, sauste er hinunter und hielt kurz vor seinen Freunden an, wie wahnsinnig grinsend.
„Wie ist es?", fragte Ginny mit blitzenden Augen.
„Es sah genial aus", sagte Ron und lächelte, wie Harry es nicht mehr seit Percys Tod gesehen hatte.
„Es ist nicht so gut wie ein Besen, aber es schlägt sicherlich einen Portschüssel", erwiderte Harry grinsend. „Steigt auf."
Ginny brauchte keine weitere Aufforderung. Sie ließ sich neben ihn nieder und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel, was Schauer an seinem Bein entlang sandte.
Ron setzte sich hinter ihn und hielt einer widerwilligen Hermine seine Hand entgegen.
„Ich weiß nicht", sagte sie, während sie vorsichtig aufstieg. „Ich mag Höhen nicht besonders."
„Ich erinnere mich", lachte Harry. „Es ist leichter als bei Seiden... äh... Federflügel, Hermine. Zumindest wird der Teppich dir nicht die Hand abbeißen."
„Das ist nicht besonders ermutigend", kommentierte Hermine. Sie schrie auf, als Harry an der Kante des Teppichs zog, so dass er sich scharf in die Höhe hob.
Sie kreischte, als Harry weiter die Geschwindigkeit antrieb und über den See schoss. Ginnys Lachen stachelte ihn nur an, noch höher zu steigen.
Hermine schrie wieder und vergrub ihr Gesicht in Rons Jacke. Ron schlang seine Arme um sie und zog sie eng an sich, von einem Ohr zum anderen grinsend.
„Entspann dich einfach und genieß es, Hermine", brüllte Ron über den Wind.
„Es genießen?", schrie Hermine. Ihre Stimme klang etwas gedämpft, da sie sich an Rons Brust drückte. „Es genießen? Ich hasse Fliegen!"
Harry lenkte den Teppich zur Spitze des Astronomieturms und jubelte vor Entzücken, als sie einen starken Wind erhaschten, der sie vorantrieb. Es war nicht annähernd so schnell wie sein Feuerblitz, doch mit den anderen die Erfahrung teilen zu können, war neu und aufregend.
Er surrte um das Schloss herum und überflog den Wald, wo er Grawp zuwinkte, der gerade dabei war, einige Bäume an ihren Wurzeln auszuziehen. Schließlich gab Harry Hermines Schreien nach und landete auf dem Quidditch- Feld, glücklicher als er seit Tagen gewesen war.
„Das war toll", stieß Ginny hervor, die Nase und Wangen von der Kälte gerötet. Ihre Augen funkelten und Harry war glücklich, dass er ihr diese Freude hatte bereiten können. Als er nach seinem Verlust von Sirius und Dumbledore getrauert hatte, hatte das Fliegen ihm stets ein besseres Gefühl bereitet.
Hermine dagegen schien mehr als glücklich, wieder auf festem Boden zu stehen. Sie kraxelte hastig vom Teppich, nachdem sie gelandet waren, und richtete ihre Perücke. Harry erwartete halb, dass sie sich auf den Boden werfen und ihn küssen würde.
„Hat es dir überhaupt nicht gefallen, Hermine?", erkundigte er sich, ein wenig enttäuscht.
Hermine holte tief Luft. „Naja", sagte sie und hob die Schultern. „Ich mag es wirklich nicht, so hoch zu sein, aber es war schön, die Zeit mit euch allen zu verbringen."
„Aber jetzt willst du zurück in die Bücherei", beendete Ron ihren Gedanken.
Hermine rümpfte die Nase. „Naja..."
„Ist schon in Ordnung. Ich will es selbst noch einmal versuchen, dann treffen wir uns zum Abendessen", sagte Ron.
Hermine runzelte die Stirn. „Ich denke...", begann sie.
„Du denkst was?", fragte Ron, deutlich verwirrt.
„Naja, es ist ein langer Weg zum Schloss und mir ist ziemlich kalt. Meinst du, du könntest mich mitnehmen?"
Rons Gesicht strahlte vor Glück. „Du willst, dass ich dich mitnehme? Auf dem Teppich?", fragte er entzückt.
Hermine nickte vorsichtig. „Nur flieg nicht so hoch wie Harry es getan hat."
Harry nahm Ginnys Hand und wich zurück. „Er gehört dir. Wir warten hier", sagte er grinsend.
Ron und Hermine stiegen auf und begannen, auf das Schloss zuzuschweben. Harry erschuf einen kleinen Feuerball, um Ginny und sich warmzuhalten, während sie auf Rons Rückkehr warteten. Ginnys Lächeln verblasste langsam und sie wurde ruhig, während sie ihre Hände darüber hielt.
„Alles in Ordnung, Ginny?", fragte Harry leise und stupste sie mit seiner Schulter an.
„Mir geht's gut", sagte sie. „Es ist seltsam. Manchmal werde ich so beschäftigt, dass ich vergesse. Dann, wenn es mir wieder in den Sinn kommt, bekomme ich deswegen Schuldgefühle. Macht das irgendeinen Sinn?"
Harry lächelte. „Vollkommen."
Ginny nickte. „Ich habe mir gedacht, dass du es verstehen würdest."
„Ja", sagte Harry. „Versuch, dich nicht schuldig zu fühlen, Ginny. Ich weiß, wie das für dich klingen muss, aber ich weiß auch, dass die Schuld dich bei lebendigem Leib auffressen kann, und du kannst überhaupt nichts an dem ändern, das geschehen ist."
„Das weiß ich", sagte Ginny. Sie warf die Hände in die Luft. „Aber ich wünschte trotzdem, ich hätte etwas mehr zu ihm gesagt, bevor es zu spät war. Wir haben an Weihnachten geredet, aber nur wenig. Er war mein Bruder und ich war so wütend auf ihn. Jetzt ist er nicht mehr da und ich werde nie die Chance haben, mich mit ihm auszusöhnen."
Harry sah bestürzt, wie eine einzelne Träne an Ginnys Wange herablief. Er wischte sie sanft mit einem Finger weg.
„Ich weiß", sagte er. Sein Hals schmerzte. „Aber weißt du was? Egal wie viel Zeit ihr hattet oder wie viel ihr gesprochen haben könntet, der Schmerz würde immer noch da sein. Ich denke nicht, dass man jemals genug Zeit haben kann."
Ginny lehnte ihren Kopf gegen Harrys Schulter. „Danke, Harry. Ich liebe meine Familie von ganzem Herzen. Manchmal fällt es mir schwer, mich von ihnen zu entfernen."
Harryn nickte. „Ja, das habe ich bemerkt." Ein Gedanke kam ihm in den Sinn und er blieb abrupt stehen und hielt ihr seine Hand hin. „Komm mit mir. Ich haben einen Ort, den ich dir zeigen will."
Ginny schaute ihn neugierig an, nahm aber seine Hand und folgte ihm. Als sie am Rand des Sees entlang gingen, konnten sie Ron über ihnen fliegen sehen. Harry gluckste, während er zusah, wie Rons lange Beine über jeder Seite des Teppichs baumelten.
„Er hat Spaß", sagte Ginny lächelnd. „Danke, dass du das für ihn getan hast, Harry. Ich glaube, Ron macht die schlimmste Zeit von uns allen durch, da er nie wirklich mit Percy gesprochen hat, nachdem er zurückgekommen war."
„Ich weiß", sagte Harry leise. „Teilweise ist es meine Schuld."
„Deine Schuld?", fragte Ginny verwirrt. „Wie kann es deine Schuld sein?"
„Percy hat Ron am Anfang von unserem fünften Schuljahr einen Brief geschrieben, in dem er ihn vor mir gewarnt hat. Er hat gesagt, Ron sollte besser seine Bindungen zu mir kappen. Ron hat überhaupt nicht gezögert und den Brief vernichtet", erzählte Harry mit einem Lächeln. „Er hat sich für mich entschieden", flüsterte er und blinzelte gegen die plötzliche Feuchtigkeit in seinen Augen an.
„Ja natürlich hat er das. Es ist nicht deine Schuld, dass Percy sich wie ein Idiot benommen hat", feuerte Ginny sofort los. „Selbst Percy hat es am Ende eingesehen. Das ist auch, was mich am meisten trifft – dass er seinen Fehler bemerkt hat, aber all die Zeit verschwendet hat, in der wir ihn in der Familie hätten haben können. Es hätte nicht so sein sollen."
„Nein, hätte es nicht. Voldemort hat die Neigung, Familien zu zerstören. Hier", sagte er und deutete auf eine Stelle am See, die gut von Dickicht verdeckt war. Es war eine kleine, friedliche Lichtung, die einen wunderbaren Ausblick aufs Wasser bot.
„Ich bin ein paar Mal hier hergekommen, als ich allein sein wollte nach Sirius' Tod", erklärte Harry.
„Es ist wunderschön", erwiderte Ginny und blickte sich gedankenverloren um.
„Ich dachte... äh... vielleicht könntest du es auch benutzen... äh... naja, wenn du jemals etwas Zeit mit deinen Gedanken verbringen willst", sagte Harry und fuhr sich mit der Hand durch sein Haar.
„Danke, Harry", sagte Ginny. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Macht es dir etwas aus, wenn ich jetzt ein bisschen hier bleibe? Nur um nachzudenken?"
Harry schüttelte den Kopf. „Es macht mir nichts aus. Ich gehe Ron suchen."
Harry war zurück zum Quidditch- Feld gelaufen und hatte beinahe eine ganze Stunde lang gewartet, doch keine Spur von seinem Freund. Schließlich entschied er, dass Ron bereits zum Schloss hochgegangen sein musste, und Harry machte sich auf den Weg, um ihn zu suchen. Er bemerkte eine gespannte Atmosphäre im Gemeinschaftsraum, sobald er eingetreten war.
Shannon und George saßen in den Sesseln am Feuer. Harry nickte ihnen zu, während er zur Treppe lief.
„Ich würde nicht hochgehen", riet George. „Ron hat gerade üble Laune."
„Warum? Was ist passiert?", fragte Harry.
„Das gleiche wie immer – wieder ein Weasley- Streit. Mum und Moody sind übereinander hergefallen und Ron hat Moodys Seite eingenommen. Mum ist in Tränen ausgebrochen und Charlie hat Ron dafür zusammengestaucht, dass er Mum aufgeregt hat. Es war nicht schön."
Harry nickte. „Danke für die Warnung. Ich gehe ihn trotzdem besuchen."
„Sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt", erwiderte George achselzuckend.
Als Harry den Schlafsaal betrat, fand er Ron auf seinem Bett vor, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und leer an die Decke starrend.
„Hey", sagte Harry und rückte vorsichtig in den Raum.
„Hey", erwiderte Ron regungslos.
Harry ging hinüber zu seinem eigenen Bett und setzte sich auf die Kante.
„Warum bist du gegangen? Ich dachte, wir würden mehr herumfliegen", sagte er.
Ron zuckte die Achseln. „Ich habe gesehen, wie du mit Ginny geredet hast, und es sah ziemlich ernst aus. Ich wollte nicht unterbrechen und ich wollte ganz sicher nicht mehr über Percy reden. Deshalb bin ich reingekommen."
„Ron...", begann Harry, unsicher, was er sagen sollte. Es war nicht, als hätten er und Ron jemals etwas von dem emotionalen Zeug miteinander besprochen. Das war üblicherweise Hermines Bereich.
„Lass es, Harry", schnauzte Ron. „Was ist? Willst du sagen `Ich hab's dir doch gesagt´? Willst du mich daran erinnern, wie du mich davor gewarnt hast, dass ich bereuen würde, das zu tun, was wichtig war, als ich noch die Chance hatte?"
„Nein", erwiderte Harry.
„Was dann? Was kannst du sagen, das irgendetwas ändert?", brüllte Ron.
Tief Luft holend, um seine aufsteigende Wut zu unterdrücken, sagte Harry: „Nichts. Es gibt nichts, was ich sagen könnte, das irgendetwas ändern würde, Ron. Du bist wütend, dass du nicht dazu gekommen bist, dich mit Percy auszusöhnen. Aber dich mit dem Rest deiner Brüder anzulegen wird auch nichts ändern."
„Ja, du bist so ein Experte in solchen Sachen, was, Harry?", raunzte Ron.
Harry zuckte zusammen. „Unglücklicherweise hatte ich einige Erfahrung", brachte er mit Mühe hervor.
Ron erblasste. „Mist, Harry. Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was mit mir los ist – Hermine schnauze ich auch immer wieder an. Merlin, ich könnte etwas zu Trinken gebrauchen."
Harry schürzte die Lippen und starrte Ron einen Moment lang an, bevor er zu seinem Rucksack ging und darin herumwühlte. Er zog die übrige Flasche Immerwährender Feuerwhiskey hervor und sagte: „Das ist ein Problem, dass ich lösen kann."
Ein Mundwinkel von Ron zuckte nach oben. Er nahm die Flasche und trank einen großen Schluck. Er ließ sich auf den Boden gleiten und lehnte sich mit dem Rücken gegen sein Bett. Er verschränkte die Beine und reichte die Flasche an Harry weiter, der ebenfalls einen Zug nahm.
Als er die Flasche wieder Ron gab, überquerte ein kurzes Aufflackern von Besorgnis das Gesicht seines Freundes. „Hermine wird uns umbringen. Wir hatten noch nicht einmal Abendessen", sagte er. Trotz seiner Sorgen nahm er einen langen Zug vom Feuerwhisky, das Gesicht vom Brennen verzogen.
Harry zuckte die Achseln. „Und? Wir nehmen grad Abendessen – es ist nur flüssiges Abendessen", erwiderte er grinsend.
„Ja", gluckste Ron. „Sag du das Hermine, wenn sie hereinplatzt und uns beide besoffen findet."
Harry schüttelte den Kopf. „Nö. Sie ist deine Freundin. Du musst dich mit ihr auseinandersetzen, während ich still und heimlich aus dem Zimmer schleiche", erwiderte er lachend.
„Vielen Dank, du Mistkerl", versetzte Ron.
Sie saßen auf dem Boden und reichten die Flasche einige Zeit lang hin und her. Wenn es eine normale Flasche gewesen wäre, wäre sie schon längst leer gewesen, bevor der Winterhimmel sich verdunkelte und die Kerzen im Schlafsaal zum Leben erwachten. Keiner von beiden spürte Schmerz und der Feuerwhiskey hatte längst aufgehört beim Schlucken zu brennen. Beide Jungen hatten ihre Beine ausgestreckt und saßen ausgebreitet auf dem Boden – einander ab und zu gut gemeinte Tritte verpassend.
Schon nach einiger Zeit glücklichen Trinkens kehrte die Unterhaltung zu Percy zurück.
„Ich wünschte einfach, ich hätte Fröhliche Weihnachten sagen können, als er am Grimmauldplatz war, weißt du? Was war so schwer daran, Fröhliche Weihnachten zu sagen?", nuschelte Ron.
Aus irgendeinem Grund fand Harry es ungeheuer schwer, Rons Gedankengang zu folgen. Er runzelte die Stirn und konzentrierte sich darauf, seine Worte herauszubringen. „Gar nicht schwer. Fröhliche. Weihnachten. Leicht, siehst du. Nur zwei Worte."
„Ganz genau. Zwei Worte. Wie kommt's dann, dass ich sie nicht sagen konnte?", fragte Ron.
„Weiß nich", erwiderte Harry. „Aber er hat se auch nich gesagt."
Ron blinzelte verblüfft. „Was?"
„Du machs dich dafür fertig, nicht Fröhliche Weihnachten gesagt zu haben", sagte Harry. Er dehnte jedes Wort, um sicherzugehen, dass er einen korrekten Satz herausbekam. „Aber hat Percy es zu dir gesagt?"
„Äh... nein", antwortete Ron, „aber er ist zum Essen aufgetaucht."
„Ja.. naja, er hat dir die Entschulligung geschuldet, richtig?", fragte Harry. Er nahm einen weiteren Schluck.
Rons Augen weiteten sich, bis sie aus seinem Kopf hervortraten. „Wir ham beide Fehler gemacht!", rief er.
„'Tüllich habta das – ihr seid Weasleys", sagte Harry und trat Ron gegen das Bein.
Ron grinste. Sein Blick richtete sich auf irgendeine Stelle hinter Harrys Kopf. „Pass auf. Sonst sag ich meiner Schwester, dass du es gesagt hast, Potter."
Harry versuchte, das Grinsen zu unterdrücken, das sein Gesicht einnahm, doch es war nutzlos. Er fühlte sich albern und ihm war es gleichgültig, ob Ron es wusste.
„Du liebst meine Schwester", stellte Ron grinsend fest.
„Ja", antwortete Harry. Das Grinsen blieb an seinem Gesicht hängen.
„Du meinst es ernst", sagte Ron.
Harry hob die Schultern. „Sie macht mich glücklich. Sie läss mich Dinge wolln, von den ich nie geglaubt hätt, dass se für mich bestimmt sind... und ich könnt echt jeden wachen Moment damit verbringen, sie zu knutschen."
„Uähh, Harry", machte Ron. „Ich bin noch nich besoffen genug für Details."
„Ich aber", sagte Harry und legte den Kopf auf sein Bett. Als er realisierte, dass es Übelkeit in ihm verursachte, hob er ihn schnell wieder, worauf der Raum zu schwanken begann. „Whoa."
„Hermine ist extrem gut im Küssen", sagte Ron mit gerunzelter Stirn. „'S gefällt mir aber gar nich, dass Vicky es ihr vielleich beigebracht hat."
„Vielleicht war er's nich", erwiderte Harry, während er versuchte, die Größe einer Kerzenflamme mit seinem Finger abzumessen. „Vielleich isse 'n Naturtalent."
„Vielleicht mag sie's einfach, mich zu küssen", sagte Ron. Sein Kopf kippte mit einem albernen Grinsen zur Seite. „Es gibt ne Menge, das sie gern mit mir tut."
Harry Augen traten heraus. „Wie viel genau tut sie gern mit dir?", fragte er, nicht sicher, ob er es wirklich wissen wollte.
„Willste das wirklich wissen?", fragte Ron kichernd.
„Äh... nein, nich unbedingt", entgegnete Harry. Plötzlich gab er dem unkontrollierbaren Drang zu lachen nach. „Ich stell mir vor, wie du und Hermine euch gehen lasst und sie unterbrechen will, um ihre Notizen rauszuziehn."
Ron trat Harry gegen das Bein, hart. Harry schüttelte sich vor Lachen. Er kippte zur Seite und fand es unmöglich, sich wieder aufzusetzen.
„Wenn Hermine irgendwelche Notizen darüber gelesen hat, wie sie ihrn Mann erfreun kann, will ich mich nich beschwern", antwortete Ron. „Das Mädel hat schon immer ihre Hausaufgaben gemacht."
Harry begann, mit seinen Armen in der Luft zu wedeln. „Stopp! Das reicht. Ich will's nich wissen."
„Ich dachte, du hast gesagt, du bist betrunken genug dafür", kommentierte Ron. Er hob seinen Zauberstab auf und ließ die Flamme der ihm nächsten Kerze abwechselnd aufleuchten und verdunkeln.
„Ich nicht betrunken bin", sagte Harry, den Blick auf die Decke gerichtet. Er runzelte die Stirn. Das klang irgendwie nicht richtig.
„Ja, du liegst immer auf dem Boden mit deinen Füßen aufm Bett, Harry", sagte Ron und krümmte sich plötzlich vor Lachen. Dabei ließ er seinen Zauberstab fallen, der unter Harrys Bett kullerte. „Oh... Mist."
„Ich krieg ihn!", brüllte Harry. Er wusste, dass er es schaffen würde. Er tauchte unter das Bett, packte den Zauberstab und rollte sich auf der anderen Seite heraus. „Ha! Hab dir ja gesagt, dass ich ihn krieg."
„Ja, du bist mein Held", schnaubte Ron.
Harry warf den Zauberstab und traf Ron am Kopf.
„Au!", rief Ron und rieb sich energisch die Stirn.
„Ernsthaft", sagte Harry und lugte über den Rand seines Bettes, hielt es aber zwischen sich und Ron wie ein Schild. „Wie weit genau bis' du mit Hermine gekomm?", nuschelte er.
„Biste betrunken genug dafür?", fragte Ron.
„Ja, bin ich", erwiderte Harry und hickste bekräftigend.
„Wir sind noch nich den ganzen Weg gegangen... nicht, dass es von meiner Seite an Versuchen gemangelt hat. Auf jedn Fall weiter als bei Lavender", sagte Ron.
Harry schürzte die Lippen, ohne zu antworten.
Ron verzog das Gesicht. „Wassis mit dir und Ginny?", erkundigte er sich. Sein ganzer Körper verspannte sich.
Harry schnaubte und nahm einen weiteren Schluck Feuerwhiskey.
„Was ist? Ich hab's dir auch erzählt", sagte Ron empört.
„Ja, aber ich sag's dir nich. Du wirst mich haun", entgegnete Harry. Der ganze Raum drehte sich und er hatte Schwierigkeiten sich darauf zu konzentrieren, wo Rons Stimme herkam.
„Ich werd dich nich haun", versicherte Ron und hievte sich auf die Knie. „Sag's mir schnell – und keine Details."
„Ich sag dir gar nichts. Du hast mich fast erwürgt, nur weil ich sie gekitzelt hab. Wer weiß, was du machst, wenn ich dir sag, dass ich se nackt gesehn hab", sagte Harry und schluckte schwer. „Naja... fast nackt auf jeden Fall."
„Ich hab dir gesagt, dass du mir das nich erzähln sollst!", rief Ron und schlug sich die Hände über die Ohren.
„Deshalb werd ich dir auch nicht von dem beinahe nackten Teil erzählen", sagte Harry genervt.
„Tja, jemand hat's mir gesagt, weil ich's jetzt weiß. Jetzt muss ich was dagegen tun", entgegnete Ron. Sein Gesicht färbte sich alarmierend rot. „Das ist meine kleine Schwester, Harry."
„Ich weiß. Deshalb werd ich dir nich auf die Nase binden, wie viel von ihr mit Sommersprossen voll ist", entgegnete Harry ernst.
Ron griff nach seinem Zauberstab, doch er rollte abermals unter das Bett. Ron tauchte von einer Seite nach ihm, während Harry es von der anderen Seite tat. Beide kämpften auf dem Boden darum, ihn zuerst zu erreichen.
So fanden Hermine und Ginny sie, als sie endlich in den Schlafsaal hochkamen, um nachzusehen, weshalb die Jungen das Abendessen verpasst hatten. Ginny hatte eine lange Zeit unten am See verbracht, in ihren Gedanken verloren, und fand Hermine bei ihrer Rückkehr aufgebracht vor, dass Ron sich nicht zum Abendessen zu ihr gesellt hatte. Sie hatten eine nette Mahlzeit miteinander eingenommen, bevor sie sich auf die Suche nach den Jungen gemacht hatten. Und Ginny fühlte sich besser als sie es seit einiger Zeit getan hatte.
„Was in Merlins Namen tut ihr da?", fragte sie und kicherte bei dem Anblick von Harrys schaukelndem Bett, unter dem die beiden Jungen rangelten, während ihre Beine von jeder Seite hervorlugten.
Beide sprangen bei dem Klang ihrer Stimme auf und stießen sich die Köpfe am Bett. Nach einer beträchtlichen Zeit gelang es ihnen, auf verschiedenen Seiten des Bettes hervorzukriechen und sich auf den Boden zu setzen, wo sie sich die Köpfe rieben. Beide trugen benommene Gesichtsausdrücke und eine dunkle Farbe auf den Wangen. Sie hatten offensichtlich getrunken – viel. Ginny kicherte, als ihre Augen sich weigerten, sich zu fokussieren. Hermine jedoch war nicht belustigt.
„Ron!", rief sie und stampfte mit dem Fuß auf. „Ihr beide habt getrunken und ihr hattet noch nicht einmal Abendessen. Ich dachte, du wolltest dich mit mir treffen."
Ron wandte sich seiner Freundin zu, die Augen glasig. „Oh, ja... wollte ich. Ich hab's gesagt, nachdem wa diesen romantischen Flug aufm Teppich hingelegt ham, richtig?", fragte er, sichtlich zufrieden mit sich, dass er sich noch daran erinnerte.
„Ginny!", sagte Harry, ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Es war die Art von Lächeln, die er normalerweise beim Fliegen trug und Ginny fand dieses Grinsen immer wunderbar.
Sein Haar war zerzaust und er fuhr sich mit einer Hand hindurch, während er sich bemühte, mit der Unterhaltung weiterzumachen. Mit einem ungläubigen Ausdruck zu Ron gewandt, sagte er: „'S war nich romantisch. Hermine hasst Fliegen."
Ron streckte seine Brust hervor und nuschelte: „War wohl romantisch. Ich hab nich wie du versucht, es so schnell wie möglich anzutreiben, so dass die Mädels schreien."
Harry sah geknickt aus und wandte sich mit großen Augen zu Ginny um. „Fandst du, dass es romantisch war, Ginny?"
Ginnys Mundwinkel zuckten – sie fand ihn in diesem Zustand hinreißend. „Natürlich, Harry", antwortete sie.
„Sie sagt's nur, weil du es bist. Unser Flug war garantiert romantischer, oder, Hermine?", wollte Ron wissen.
„Warum ist alles für euch immer ein Wettkampf?", fragte Hermine genervt.
„Ich glaube, es ist immer so unter Kerlen", erwiderte Ginny kichernd. „Ich weiß noch, wie Mum einmal ausgeflippt ist, als wir noch jünger waren, weil alle meine Brüder darum wetteifert haben, wer den größten Berg von Kartoffelbrei hatte."
„Ja! Meiner war definitiv der größte. Charlie hat seinen mit der Gabel aufgeplustert, um ihn größer zu machen, als er war", erzählte Ron.
Hermine schüttelte den Kopf und hob die Flasche Feuerwhiskey auf. „Ihr habt genug davon gehabt", sagte sie und ließ sie verschwinden.
„Hey!", keuchte Harry blinzelnd auf. „Das war'n Geburtstagsgeschenk. Und ich bin noch nich fertig."
„Wo ist sie denn?", fragte Hermine. Ginny war beeindruckt von ihrem schnellen Denken.
Harry wirkte verblüfft. „Ich... Du... Ich weiß nich, aber ich bin noch nich fertig."
„Komm, aufs Bett mit dir, Harry", sagte Ginny. Sie zog ihn auf die Füße. „Die Party ist vorbei."
„Ist sie?", fragte Harry und erlaubte es ihr, ihn auf sein Bett zu bugsieren.
„Ja. Wir haben Neuigkeiten", erklärte Ginny. Ein Schauder jagte ihren Rücken hinunter. Sie wünschte, sie könnte ihn einfach in diesem Zustand lassen und ihn seine Party mit Ron fortsetzen lassen. Doch das konnte nicht warten. Sie setzte sich neben ihn und zerstrubbelte ihm das Haar.
„Was für Neuigkeiten?", erkundigte sich Ron, der sich auf sein eigenes Bett setzte.
„Ich brauche euch nüchtern", sagte Hermine und wedelte ihren Zauberstab durch die Luft. Harry und Ron schüttelten blinzelnd den Kopf.
„Oi. Das fand ich nicht gut", beschwerte Harry sich und klatschte wiederholt seine Hände gegen die Ohren. „Es hat meine Ohren poppen lassen."
„Warum hast du das gemacht, Hermine?", jammerte Ron.
„Weil ich euch etwas Wichtiges zu sagen habe und ich wollte nicht, dass ihr die ganze Zeit dabei kichert. Der Orden hält unten ein kurzfristig organisiertes Treffen zu Umbridge ab. Anscheinend hat sie eine Pressekonferenz im Ministerium in drei Tagen einberufen. Sie behauptet, eine Abmachung mit Voldemort getroffen zu haben, um den Frieden sicherzustellen."
„Was? Voldemort wird sich nie dran halten", sagte Harry, plötzlich mit voller Aufmerksamkeit bei der Sache.
„Der Orden ist auch der Meinung", erwiderte Hermine. „Tonks Quelle zufolge, wollte Umbridge einen Haftbefehl gegen dich erlassen, Harry. Sie hat noch nicht genug Einfluss auf den Zaubergamot, um es durchzubringen, aber sie haben eingewilligt, dich zu einem Verhör vorzuladen."
„Müssen mich erstmal finden, oder?", versetzte Harry mit finsterem Blick.
„Es kommt noch schlimmer, Harry", sagte Hermine.
„Was meinst du?", fragte er und Ginny konnte spüren, wie sein ganzer Körper sich anspannte.
Hermine holte tief Luft, bevor sie Harry eine Hand auf den Arm legte, als wolle sie ihn ruhig halten. „Diese Abmachung, die sie angeblich mit Voldemort getroffen hat, ist sehr zwielichtig. Keiner weiß genau, was sie enthält, aber als einen Beweis von ihrem guten Willen hat sie Wurmschwanz freigelassen."
„Was?" Harry explodierte. Er sprang vom Bett und riss sich von Hermine los. Seine Augen waren wild und Ginny konnte die Macht von ihm ausstrahlen fühlen. Es war beinahe beängstigend.
Hermine wich zurück. „Sie wird alle Details bei ihrer Pressekonferenz bekannt geben. Tonks hat den Verdacht, dass sie es als Anstoß benutzen wird, um sich selbst als vollwertige Ministerin einsetzen zu lassen."
„Das werden wir ja sehen", sagte Harry. Seine Stimme war ruhig. Ginny bewegte sich zu ihm und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Er war so verspannt, dass sie fürchtete, er würde entzweibrechen.
„Was meinst du? Harry, du kannst nicht dorthin gehen. Sie hat den Befehl, dich zum Verhör zu bringen, und wenn sie Erfolg darin hat, das Ministerium abzusichern, wird sie dich verhaften lassen", flehte Hermine mit Tränen in den Augen.
Harrys Gesicht verhärtete sich, als sich ein stählerner Glanz in sein Auge stahl. Ginny konnte nicht anders, als unbändigen Stolz für den Mann zu verspüren, der er geworden war.
„Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass der Auserwählte den Leuten erzählt, was wirklich vor sich geht – ob sie es hören wollen oder nicht", sagte Harry, den Kiefer entschlossen vorgeschoben.
Ginny ließ seine Hand in seine gleiten und drückte sie sanft. Was auch immer passieren würde, sie wusste, dass sie alle an seiner Seite sein würden.
