Kapitel 22 – Abkommen

Liebe Hermine,

Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich hoffe, dass du und Ron alles gut überstanden habt. Ich wünschte, ich könnte bei euch sein (durchgestrichen). Ihr beide bedeutet mir mehr als ihr jemals wissen werdet und jemals begreifen könnt. Ich hätte es euch wahrscheinlich sagen sollen, aber ich konnte nie die richtigen Worte finden.

Ich hinterlasse dir die Karte des Herumtreibers. Ich bin sicher, dein geniales Gehirn wird sich fantastische Einsatzmöglichkeiten einfallen lassen, selbst wenn nur um herumtreibende Schüler zu erwischen, sobald du Professor für Verwandlung geworden bist. Tu mir einen Gefallen und sei gnädig zu ihnen, okay? Denk daran, wir sind auch einmal herumtreibende Schüler gewesen.

Wenn du die Karte nicht als Lehrerin einsetzt, gib sie zumindest einem von deinen und Rons Kindern, um unser Vermächtnis fortzuführen.

Pass für mich auf Ginny auf, Hermine. Sie wird dich brauchen (durchgestrichen).

Harry legte den Brief zur Seite, seufzend. Er hatte noch immer solche Schwierigkeiten damit, sie zu verfassen. Klang er wirklich so idiotisch, wenn er redete? Vielleicht rührte es daher, dass er es nicht ertragen konnte, Abschied zu nehmen...

Eine Hand durch sein zerzaustes Haar fahrend, schob er die Briefe beiseite und ließ seinen Kopf auf den Tisch fallen. Er hatte den ganzen Abend in der Bücherei verbracht, um Nachforschungen zu Rowena Ravenclaw anzustellen. Doch er fühlte sich kein bisschen näher an der Offenbarung als zu Anfang. Ron und Ginny hatten sich schon zurückgezogen, aber Hermine war noch irgendwo in der Bibliothek. Harry war nicht sicher, was sie suchte. Sie liebte es, den ganzen Ort zu durchrennen, und neigte dazu, ihre Arbeit auf mehreren Tischen auszubreiten und von einer Stelle zur anderen zu huschen, wenn ihr ein Einfall kam.

„Hermine", rief er. Er packte Pergament und Federkiele zusammen und warf sie in seine Tasche.

„Hier drüben, Harry", antwortete sie von einer dunklen Ecke. Er fand, dass ihre Stimme ziemlich panisch klang, und konnte Pergament rascheln hören. Er schloss daraus, dass ihre Recherche heute Abend mit dem verdammten Stück von Voldemorts Seele verbunden war, das in ihm steckte. Was auch immer sie tat, offensichtlich wollte sie es nicht teilen und Harry konnte nicht den Mut aufbringen nachzufragen.

„Es ist schon spät. Ich werde einen Abstecher zur Eulerei machen, um nach Hedwig zu sehen, bevor ich ins Bett gehe. Bist du fast fertig?", fragte er.

„Ja, ich komme gleich. Grüß Hedwig von mir", antwortete Hermine. Ihre Stimme beruhigte sich merklich.

„In Ordnung. Gute Nacht, Hermine", rief er, verließ die Bücherei und machte sich auf den Weg zur Eulerei.

Im Schloss herrschte unheimliche Stille. Obwohl die Korridore zu dieser späten Stunde normalerweise leer waren, fühlte sich etwas anders an. Die Wände schienen eine dumpfe Einsamkeit auszustrahlen, während Harrys Schritte auf den kalten Steinstufen widerhallten. Es hatte Spannung zwischen allen geherrscht seit der Enthüllung, dass Umbridge Wurmschwanz freigelassen hatte und einen Waffenstillstand mit Voldemort eingegangen war. Die Mitglieder des Ordens wussten, dass ihr Abkommen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, und arbeiteten an einer Möglichkeit, der Pressekonferenz verstohlen beizuwohnen, die am folgenden Abend angesetzt war.

Harry, Ron und Hermine hatten alle ebenfalls vor anwesend zu sein, doch Mrs. Weasley war unerbittlich, dass Ginny in Sicherheit zurückblieb. Percys Tod hatte Mrs. Weasley vollkommen zerrüttet und sie hatte ihre Bemühungen fortgesetzt, sie alle vor jeglicher weiteren Gewalt abzuschirmen. Obwohl Ginny nicht glücklich darüber war, konnte sie es nicht übers Herz bringen, ihre Mutter gerade jetzt zu reizen, und hatte zugestimmt, in Hogwarts zu bleiben.

Harry wusste nicht, welchen Zugeständnissen Umbridge zugestimmt hatte, doch er wusste, dass sie aufgehalten werden musste. Er hatte nur mit Mühe die Wut unterdrücken können, die Wurmschwanz' Freilassung in ihm heraufbeschworen hatte, nach allem, was sie durchlebt hatten, um ihn zu fangen. Ron war beinahe ums Leben gekommen! Wurmschwanz' Manipulationen hatten Sirius für zwölf Jahre ins Gefängnis gebracht. Harrys eigene Eltern hatten wegen der Feigheit der kleinen Ratte ihr Leben verloren – und Umbridge hatte ihn einfach laufen lassen.

Schon beim bloßen Gedanken daran rammte Harry seine Faust gegen die Wand, so dass eine Dame in Renaissance- Aufmachung in einem Porträt in der Nähe vor Schreck aufschrie. Harry ließ rasch seinen Blick durch den Korridor schweifen, bereit loszurennen, wenn er Anzeichen von Filch entdecken sollte. Er hatte den alten Hausmeister mehrmals beim Herumschleichen gesehen. Harry hatte keine Ahnung, ob Filch, da er eigentlich kein Schüler war, überhaupt Autorität über ihn hatte, doch er wollte es lieber gar nicht herausfinden.

Als Harry die letzten Stufen zur Eulerei hochstieg, erhaschte er ein blaues Blitzen aus dem Augenwinkel. Den Zauberstab gezückt, huschte er zur Tür hinein.

„Wer ist da?", rief er. „Zeig dich."

Hedwig segelte von ihrem Nest herunter und landete auf seiner Schulter, wo sie liebevoll an seinem Ohr knabberte. Harry konnte Pig mit einigen Schuleulen im Dachgebälk sitzen sehen und Errol lag bewusstlos neben dem Fenster. Errol wurde nach einer Reise immer ohnmächtig.

„Ich bin es nur, Potter", sagte Pansy, die hinter einer Säule am Fenster hervortrat. Sie hielt ihren dunkelblauen Umhang in ihren Armen gerafft, als wolle sie ihn nicht im Eulenmist auf dem Boden schleifen lassen.

„Was machst du hier so spät, Pansy?", wollte Harry wissen, die Augen misstrauisch verengt.

„Das ist meine Sache", keifte Pansy mit erhobener Nase.

„Es ist meine Sache, ob du eine Eule an jemanden schickst", entgegnete Harry und packte sie am Arm.

Sie riss sich los. Ihr Gesicht verfinsterte sich. „Sorry, wir können nicht alle so leichtes Spiel haben wie du", versetzte sie beißend. „Du und Weaselette müsst nur einer Mutter aus dem Weg gehen, wenn ihr einen Ort zum Knutschen finden müsst. Draco und ich haben unsere beiden und sie können wie Bluthunde sein, wenn sie denken, wir hecken etwas aus."

„Ja, wir haben ja so ein Glück", sagte Harry trocken.

Pansys Gesicht färbte sich leicht rosa, doch ihr Blick blieb weiterhin finster. „Die Eulerei gehört ganz dir, Potter. Es ist hier für meinen Geschmack sowieso zu dreckig", sagte sie, bevor sie gebieterisch durch den Raum rauschte.

Harry schüttelte den Kopf, während er hinter die Säule spähte, wo Pansy sich versteckt hatte. Dort war nichts. Sanft hob er Errol vom offenen Fenster auf und legte ihn in ein Nest. Die Augen der alten Eule öffneten sich trübe und sie schuhute dankbar. Er trank einen Schluck Wasser, bevor er wieder auf die Seite plumpste.

„Was hat sie hier gemacht, Mädchen?", fragte Harry Hedwig abwesend. „Ich sehe keine neuen Eulen, die ihr einen Brief gebracht haben könnten, und alle Schuleulen haben den Auftrag bekommen, das Gelände nicht zu verlassen."

Hedwig schuhute und kniff Harry erneut ins Ohr. Er streichelte ihr über die Federn, während er etwas Eulenfutter aus seiner Tasche zog. „Sorry, ist etwas weich. Ist schon seit einer Weile in meiner Tasche", sagte Harry und hob die Schultern.

Vorwurfsvoll beäugte Hedwig das zerbröckelte Futter.

„Hey! Sie schmecken immer noch gleich", sagte Harry. Es kam ihm lächerlich vor, dass er sich von einer Eule gescholten fühlte.

Hedwig sammelte das Futter in ihren Schnabel und flog ohne einen weiteren Laut zu ihrem Nest hoch.

„Dann halt nicht", gluckste Harry.

Er machte sich an den Abstieg aus der Eulerei und spähte nach draußen zum hell erleuchteten Himmel. Es war Vollmond und Harrys Herz krampfte sich vor Sorge um Remus zusammen. Er vermutete, dass das der wahre Grund für seine Schlaflosigkeit war. Er fragte sich, wo sein Freund war und wie er mit dem Vollmond zurechtkam.

Er hoffte, dass Remus mit dem leben konnte, was auch immer er unternehmen musste, damit die anderen Werwölfe ihn akzeptierten. Harrys Hass auf Umbridge war von dem Leben, zu dem sie Remus gezwungen hatte, bestärkt. Die Pressekonferenz konnte nicht bald genug kommen.

Er schob die Tür zu seinem Schlafsaal auf und prallte beinahe vor dem lauten Schnarchen zurück, das drinnen toste. Harry hatte schon immer gewusst, dass Ron laut schnarchte, doch zusammen mit der Lautstärke von Fred, George und Charlie war Harry willens, in sein eigenes Zimmer umzuziehen, nur um etwas Schlaf zu bekommen.

Er zog sich aus und legte sich hin. Er versuchte, das Geräusch auszublenden, indem er ein Kissen über den Kopf drückte. Nach einigen langen, fruchtlosen Minuten gab er schließlich auf und legte einen Schweigezauber auf sein Bett. Das behagte ihm zwar, weil er sich Sorgen machte, dass er es nicht hören würde, falls es ein Problem geben sollte, doch er wollte sich heute Nacht wirklich erholen. Er hatte schlecht geschlafen, seit sie angekommen waren.

In sein Kissen lächelnd erinnerte er sich an die Szene vor zwei Nächten, als die Mädchen ihnen von Umbridge erzählt hatten. Die anderen Weasley- Brüder hatten sich kurz darauf alle in dem Zimmer versammelt und waren ziemlich verstimmt, als sie erfahren hatten, dass Ron und Harry getrunken hatte, ohne jemand anderen einzuladen.

Ron hatte Hermine eine Spielverderberin genannt, was seine Freundin zur Weißglut getrieben hatte. Bevor sie mit Ginny im Schlepptau aus dem Zimmer gestürmt war, hatte sie den Ernüchterungszauber aufgehoben, den sie auf Ron und Harry gelegt hatte. Die Zwillinge hatten irgendwie mehr Feuerwhiskey hergezaubert und alle Weasley- Brüder waren ziemlich lange aufgeblieben. Harry wusste, dass er irgendwann das Bewusstsein verloren hatte, und fühlte, dass sein Körper sich noch immer nicht ganz davon erholt hatte.

Die Decke hochgezogen und in der Stille endlich langsam einnickend, wurden Harrys Träume über Schnatze, Sommersprossen und Feuerwhiskey von dem Bild einer Ratte heimgesucht, die sich in und aus den Schatten stahl.


Die Pressekonferenz im Ministerium zog einen großen Teil der Zauberergesellschaft an. Hexen und Zauberer waren von ganz Britannien angereist. Einige brachten ihre Familien mit in der Hoffnung, ermutigende Neuigkeiten zu hören. Das Atrium war vergrößert worden, um die große Menschenmenge unterbringen zu können, und das Podium war so verzaubert, dass die Stimmen durch das ganze Gebäude schallten.

Auroren und Eingreifzauberer wurden um das gesamte Atrium aufgestellt, um die Ordnung zu bewahren. Tatsächlich waren so viele Beamte zum Gesetzvollzug anwesend, dass Harry sich fragte, ob noch irgendwer den Rest der Zaubererwelt bewachte.

Die Auroren umklammerten ihre Zauberstäbe, die Gesichter blass und angespannt. Wenigstens sie schienen den Ernst der Situation zu begreifen. Das war mehr als vom Rest der Menge behauptet werden konnte. Das Volk befand sich größtenteils in einer überglücklichen Stimmung und hielt nur mit Mühe ihre Freude im Zaum. Harry vermutete, dass sie feiern wollten und nur auf ein zustimmendes Nicken des Ministeriums warteten. Harry schüttelte angewidert den Kopf. Er wusste, dass der Krieg seinen Tribut von allen forderte, doch sie benahmen sich wie Narren – alle von ihnen.

Nach dem letzten Vollmond hatte sich die Neuigkeit von der Zerstörung eines Muggle- Dorfes an der Grenze zu Wales schnell verbreitet. Ein Rudel Werwölfe hatte eine örtliche Versammlung angegriffen und einen großen Teil der Ansässigen getötet oder verstümmelt. Viele junge Dorfbewohner waren gebissen und von dem Rudel verschleppt worden. Schreie wurden laut, dass alle Werwölfe ausgelöscht werden mussten, und die Opfer, die das Massaker überlebt hatten, fanden sich plötzlich unter den Angeklagten wieder.

Harrys Besorgnis um Remus war greifbar und er hoffte, eine Gelegenheit zu finden, am Abend mit Tonks zu sprechen und sie zu fragen, ob sie eine Nachricht erhalten hatte. Keiner der Weasleys oder Professor McGonagall hatte Kontakt zu ihm gehabt und Harrys Sorgen hatten sich vergrößert.

Er hatte eine wütende Ginny mit ihren Eltern und Hagrid zurückgelassen. Mrs. Weasley fühlte sich einer Ministeriumsveranstaltung nicht gewachsen und Hagrid war einfach zu groß, um sich verstecken zu können. Harry hatte den Verdacht, dass Mrs. Weasley ohnehin ein Auge auf Ginny halten wollte. Professor Slughorn hatte den Orden mit dem Bisschen Vielsafttrank ausgestattet, das er vorrätig hatte – was nicht viel war. Diejenigen, auf die bereits Haftbefehle herausgegeben worden waren, nahmen den Trank ein, während die anderen sich nur unauffällig kleideten und unter die Menge mischten.

Harry, Ron und Hermine hatten alle das Wappen von ihren Hogwarts- Roben abgenommen und ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen. Sie hielten sich im hinteren Bereich des Raumes, fern von den Auroren. Die Lobby war so voll, dass es schwer war, sich unter die Menge zu mischen. Harry hoffte beinahe, dass Umbridge versuchen würde, ihn bei der Veranstaltung verhaften zu lassen. Soll sie doch versuchen, damit still wegzukommen. Er hatte nicht vor, das zuzulassen.

„Harry, ist das nicht Tonks dort drüben an der Tür?", fragte Hermine, Harry aus seinen düsteren Gedanken reißend. Hermine wusste, dass Harry mit Tonks sprechen wollte, und es war offensichtlich, dass auch sie sich Sorgen um Remus machte. Er war dankbar, dass sie aufgepasst hatte.

„Wo?", wollte Ron wissen. „Ich sehe sie nicht."

„Ihr Haar ist nicht rosa", erwiderte Hermine und begann, sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menge zu bahnen. „Sie sieht nicht sehr gut aus."

Harry warf einen Blick auf Tonks und bemerkte, dass Hermine Recht hatte. Ihr Haar wies eine mausbraune Farbe auf und ihre Schultern sackten so stark herab, dass sie kleiner aussah als sie war. Sie erschien so teilnahmslos und abgehärmt, dass Harrys Besorgnis noch weiter wuchs.

„Ach du Scheiße, sie sieht furchtbar aus", stieß Ron unnötigerweise hervor.

„Schh, Ron. Sie hört dich sonst noch", zischte Hermine und funkelte ihn über ihre Schulter an.

„Was macht das schon? Irgendjemand muss es ihr doch sagen", erwiderte Ron achselzuckend.

Harry stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen. Er wollte sich im Moment nicht einen weiteren Streit zwischen Ron und Hermine anhören müssen.

„Tonks", sagte er, als sie bei ihr angekommen waren.

Sie schaute ihn nicht an und ihr Gesicht gab nichts preis, doch sie sprach leise aus dem Mundwinkel: „Tut so, als ob ihr miteinander redet. Ich werde beobachtet."

Das Trio drängte sich zu einem Kreis zusammen und machte den Eindruck sich zu unterhalten, aber sie standen nahe genug an der jungen Aurorin, dass sie einander hörten.

„Von wem beobachtet?", fragte Hermine. Ihre Augen flitzten nervös hin und her.

„Von Umbridges Leuten. Sie wartet nur darauf, dass ich einen Fehler mache, aber bisher hat sie noch nichts bekommen. Es gibt viele in der Abteilung, die ihr nicht so treu ergeben sind, wie sie denkt, und die Anzahl wächst mit jedem Tag. Sie finden, Umbridge hat Kingsley ungerecht behandelt, und wissen, dass dieses ganze Abkommen ein großer Fehler ist", berichtete Tonks leise.

„Warum passiert es dann trotzdem?", verlangte Harry zu wissen. Seine Stimme hob sich.

„Schh", zischte Hermine und trat ihm auf den Fuß. „Senk die Stimme, Harry."

„Au", machte Harry verdrossen. „Das hat wehgetan." Hermine trug Schuhe mit Pfennigabsätzen.

„Es gibt nichts, was sie dagegen ausrichten können. Wenn sie auch nur etwas Unangemessenes von sich geben, werden sie des Verrats angeklagt und sich in derselben Lage befinden wie Kingsley. Sie warten nur darauf zu sehen, wie es sich weiterentwickelt", antwortete Tonks. Sie schien vor ihren Augen zusammenzusinken.

„Geht es dir gut, Tonks?", erkundigte Hermine sich sanft.

Tonks schüttelte den Kopf. Tränen stiegen ihr in die Augen, bevor sie es verhindern konnte. „Nein. Gestern Abend habe ich einen Brief von Remus bekommen."

„Wirklich?", fragte Harry begierig. „Wie geht es ihm? Was hat er gesagt?"

„Er hat nicht viel gesagt, das ist das Problem. Er behauptet, nicht viel Zeit gehabt zu haben. Aber etwas im Tonfall des Briefes schien sehr formell und distanziert. Er sagte, er tut, was von ihm erwartet wird", sagte Tonks schniefend.

Schweigend beschwor Hermine ein Taschentuch herauf und reichte es unauffällig an die andere Frau weiter.

„Was heißt das?", wollte Ron wissen.

„Das weiß ich nicht, aber mir gefällt es nicht", sagte Tonks.

„Meinst du, es hat irgendetwas mit dem Angriff in Lyneham zu tun?", fragte Harry leise.

Tonks nickte. „Ich fürchte schon. Er hätte es niemals allein aufhalten können, aber wenn er gezwungen war, daran teilzunehmen..."

„Die Schuld wird ihn umbringen", sagte Harry mit ausdruckslosem Gesicht. In seinem Inneren verkrampften sich seine Eingeweide in dem Wissen, wie er sich fühlen würde, wenn er sich in einer ähnlichen Situation befände.

Tonks schniefte wieder, während Hermine sich an Rons Schulter lehnte.

„Er hat mir auch eine Nachricht für dich mitgegeben, Harry, aber ich verstehe sie nicht", sagte Tonks.

„Wie lautet sie?", fragte Harry mit steinerner Miene.

„Nur dass die Erschaffung mit der Intensität des Hasses zusammenhängt. Der Akt bewirkt die Teilung. Sagt dir das etwas?", sagte Tonks, die Augen misstrauisch verengt.

Harry nickte langsam. „Ja, das tut es. Danke." Er sah, wie Hermines Augen sich weiteten, und konnte beinahe hören, wie es in ihrem Kopf ratterte. Hass bewirkte die Erschaffung eines Horkrux', genau wie Glück die Erschaffung eines Patronus bewirkte. Warum überraschte es ihn keineswegs?

„Ich nehme nicht an, dass du es mir mitteilen willst?", fragte Tonks, als ihre Neugier endlich ihre Teilnahmslosigkeit durchbrach.

Harry hob die Schultern. „Sorry, Tonks. Aber sei dir gewiss, dass es hilft, in Ordnung?"

„Kannst es einem Mädchen nicht übel nehmen, es wenigstens zu versuchen", erwiderte sie. Ein Hauch ihrer ursprünglichen Ausgelassenheit zeigte sich kurz.

Die Lichter in der Lobby flackerten einige Male an und aus, bevor sich das Podium an der Vorderseite mit verschiedenen Ministeriumsbeamten füllte. Ein junger, penibel gekleideter Zauberer trat nach vorne und legte einen Sonorus- Zauber auf sich.

Harry bewegte sich nach vorne, doch Hermine packte ihn am Arm. „Hör dir erstmal an, was er zu sagen hat", zischte sie.

„Zauberer, Hexen und Repräsentanten der Presse", sagte der junge Zauberer steif. Harry traf schlagartig seine Ähnlichkeit zu Percy und er nahm an, dass dieser Mann Percys Stelle eingenommen hatte. „Ich heiße Sie zu diesem historischen Ereignis willkommen. Unsere einstweilige Ministerin hat einige aufregende Neuigkeiten, die wir alle ersehnt haben."

Er hielt einen Moment inne, als Jubelschreie und Pfiffe das Atrium erfüllten, so laut, dass Harry sicher war, das Gebäude würde davon erschüttert. „Sie hat großartige Pläne, um uns aus der Dunkelheit, die unser Leben für eine so lange Zeit gefüllt hatte, in eine neue, glänzende Ära der Kooperation herauszuführen, in der unsere Blutlinien blühen und gedeihen können und uns allen neue Möglichkeiten einräumen. Und nun, ohne weitere Umstände präsentiere ich Ihnen unsere einstweilige Ministerin – Dolores Umbridge."

Abermals brach im Raum tosender Applaus aus. Eine Gruppe von roh aussehenden Zauberern an vorderen Tisch, die offensichtlich schon lange vor der Einführung gefeiert hatten, begann ein Pfeifkonzert und unangemessen anzügliche Bemerkungen, welche von einigen Auroren in der Nähe zum Schweigen gebracht werden mussten.

Umbridge nahm das Podium mit einem Schwenken ihres neuen, aufgeputzten Umhangs ein. Das Grau war aus ihrem Haar gezaubert, welches sie mit einer pinken Schleife zurückgebunden hatte. Der bloße Anblick davon ließ in Harry das Verlangen aufkommen, es ihr vom Kopf zu reißen. Sie trug denselben blasierten krötengleichen Gesichtsausdruck, den sie immer aufgewiesen hatte, nachdem sie zur Inquisitorin von Hogwarts ernannt worden war.

Sie räusperte sich mit ihrem bekannten, nervigem Hüsteln.

„Verdammte Scheiße", murmelte Ron und Hermine schien zu entgeistert, um ihn zurechtzuweisen.

„Willkommen, alle zusammen. Ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie sich die Zeit nehmen, unserer kleinen Bekanntgabe beizuwohnen", sagte sie mit einem einfältigen Lächeln. „Das Zaubereiministerium hat stets danach gestrebt, den Wachstum und vorteilhaften Wohlstand der Zaubereigemeinschaft sicherzustellen. In den letzten Jahren haben einige unserer bestversuchten und wahren Traditionen den Weg für Modernisierung freigemacht und für den langsamen, beständigen Einfluss von der Muggle- Welt. Als Ministerin beabsichtige ich dafür zu sorgen, dass die Hinterlassenschaft und Gaben unserer Vorfahren, die an uns weitergegeben wurden, neugeboren und wieder zum Dreh- und Angelpunkt der Zauberergesellschaft werden."

Harry verdrehte die Augen. Sie ging damit um, als wäre es ihre Amtsantrittsrede – ohne jemals dazu berufen worden zu sein. Ihre hohe Stimme klang wie Nägel auf einer Tafel und er bemerkte, wie seine Aufmerksamkeit langsam nachließ. Die spitzen Stiche der Abneigung, die er bei Umbridges Reden immer spürte, hämmerten in seinen Kopf und eine nervöse, ruhelose Energie hatte von ihm Besitz ergriffen.

„Sie macht die Menge weich, die Einschränkungen auf Mugglegeborene anzunehmen", flüsterte Hermine entsetzt.

„Was?", zischte Ron bestürzt. „Sie hat kein Wort über Mugglegeborene gesagt, nur einen Haufen Mist."

Hermine schüttelte den Kopf. „Hör zu, Ron."

„Wir müssen bestimmte Praktiken zurechtstutzen, die zur Tagesordnung geworden sind, während andere wiedereingesetzt werden müssen, welche auf der Strecke geblieben sind", sagte Umbridge. Der Tonfall des kleinen Mädchens verschwand plötzlich und nahm harte Züge an. „Wie Sie sich alle bewusst sind, hat der Dunkle Lord seit einiger Zeit Angst und Schrecken in unserer Gemeinschaft verbreitet.

Trotzdem ist es mir gelungen, einen Weg zur Kommunikation freizumachen, und ich habe Maßnahmen eingeleitet, um eine Brücke von Vertrauen zwischen beiden gegnerischen Seiten zu schaffen. Das habe ich mit der Hilfe eines Jungen geschafft."

Bei dieser Aussage sank der Raum in tiefes Schweigen und Harry spürte, wie sich die Haare an seinem Nacken sträubten. Neugierig spähte er zum Podium und fragte sich, wohin das wohl führte.

„Es ging schon jahrelang das Gerücht um, dass es einem Auserwählten bestimmt ist, uns aus der Dunkelheit zu führen. Viele von Ihnen haben vermutet, dass dieser Auserwählte tatsächlich der Junge, der Lebte ist. Vor kurzem jedoch sind mir andere Informationen zu Ohren gekommen. Tatsachen, die ich mit Ihnen teilen werde, die andeuten, dass es vielleicht nicht Harry Potter ist, der uns aus der Dunkelheit führen kann, sondern stattdessen etwas in seinem Blut."

Gemurmel und Fragen brachen aus. Harry, Ron und Hermine starrten einander verblüfft an. Harry konnte sehen, wie verschiedene Ordensmitglieder ihm Blicke zuwarfen.

„Ich habe die Existenz einer alten Prophezeiung entdeckt", fuhr Umbridge fort, worauf Schauder an Harrys Rücken entlang liefen.

Wie konnte sie die Prophezeiung gefunden haben? Das Original war vor Jahren zerstört worden und er besaß nun Dumbledores Kopie. Es sei denn... Snape!

„Diese Prophezeiung deutet auf eine bestimmte Blutlinie hin, welche die Macht hat, uns aus der Dunkelheit zu führen", sagte Umbridge, süßlich lächelnd und augenscheinlich die begeisterte Aufmerksamkeit genießend.

Harry schüttelte den Kopf. Worauf will sie hinaus? Die Prophezeiung hat nichts von seiner Blutlinie gesagt.

„Da die Potter- Linie mit Ausnahme vom jungen Harry ausgelöscht ist, und seine Mutter war eine Mugglegeborene, schien es offensichtlich, dass Harry Potter der betreffende Junge ist. Ich habe eine andere Möglichkeit gefunden."

Wellen der Furcht stiegen in Harry auf. Oh nein. Das kann nicht ihr Ernst sein.

„Es gibt ein weiteres Mitglied von Harry Potters Familie, das über magische Fähigkeiten verfügt. Diese Person ist jahrelang vor dem Ministerium versteckt worden – und ich halte die Umstände dieses Versäumnisses für äußerst suspekt. Ich fürchte, dass diejenigen, die vor den Schutz vom jungen Mr. Potter verantwortlich waren, möglicherweise ihre eigenen Ziele verfolgten – und nicht das beste Interesse der Zauberergesellschaft", sagte Umbridge.

Sie gab die Schuld Dumbledore und streute wieder einmal Verdächtigungen in seine Richtung, ohne seinen Namen zu nennen. Wut brannte in Harrys Brust.

„Seitdem bin ich in Kontakt mit Mr. Potters einzigem Cousin – ein Junge, dem die Begünstigungen unserer Lehren und Instruktionen zu seiner außerordentlichen Begabung sein ganzes Leben lang verweigert wurden. Dennoch, anders als Mr. Potter, hat er willig und begeistert zugestimmt, uns zu helfen. Hexen und Zauberer, erlauben Sie mir, Ihnen die neue Hoffnung vorzustellen, die uns in diesen dunklen Zeiten Licht bringen wird, Mr. Dudley Dursley."

Dudley – der massive, runde Dudley – stieg behäbig auf das Podium, sein großer Leib mit teuren, feinen grünen Roben bedeckt. Er winkte der jubelnde Menge mit blasiertem Gesichtsausdruck zu, als wären sie alle gekommen, um ihm ihre Ehrerbietung zu erweisen. Harrys Kinn fiel herab, als er Onkel Vernon und Tante Petunia bemerkte, die an der Seite standen, strahlten und ihrem Sohn Beifall spendeten. Onkel Vernon warf immer wieder wachsame Blicke zu den Zauberern um ihn herum, doch er zeigte deutlich seinen Stolz auf Dudley.

Harry fühlte sich, als wäre seine gesamte Welt ins Wanken geraten, und er bemühte sich, aufrecht stehen zu bleiben. Das war nicht, was er erwartet hätte. Seine Tante und sein Onkel waren schon immer vernarrt in Dudley gewesen – bis zum Maß der Absurdität – doch solch eine Wende ihrer Einstellung zu Magie war mehr, als er begreifen konnte. Vielleicht waren ihre Bekanntschaften in der Muggle- Welt der Tyrannei Dudleys endlich überdrüssig geworden, so dass es den Dursleys es immer schwerer fiel, jemanden zu finden, den sie noch beeindrucken konnten. Vielleicht genossen sie einfach die großzügige Aufmerksamkeit, die Umbridge Dudley sicherlich zuteil werden ließ. Onkel Vernon und Tante Petunia waren schon immer übertrieben beeindruckt von ihrem durchschnittlichen Sohn gewesen.

Umbridge nickte Dudley zu und steckte ihm verstohlen ein kleines Stück Papier zu. Lesen hatte noch nie eine von Dudleys Lieblingsbeschäftigungen dargestellt und seine langen Pausen und sein Kampf mit den Wörtern war schmerzhaft offensichtlich.

„Seien Sie gegrüßt, Zauberergenossen", sagte Dudley zittrig. „Ich war mit einem von Ihnen aufgezogen worden – aber mir war gelehrt worden, Sie zu fürchten." Dudley hielt inne, höchstwahrscheinlich weil er an einem Wort hängen geblieben war, doch er schien die Reaktion zu genießen und zögerte den Augenblick noch weiter hinaus. „Mir wurde beigebracht, dass Sie alle abnormal wären – Missgeburten – und ich wurde zum Glauben gebracht, dass alles Magische mir Schaden zufügen würde. Ich hatte Unrecht. Meine Familie war irregeführt worden."

Dudleys Frustration mit dem Pergament übermannte ihn und er zerknüllte es. Dolores' Gesicht zeigte Schrecken, als Dudley es auf den Boden warf.

Harry schüttelte den Kopf. Er konnte deutlich sehen, warum Dolores sich Dudley angenommen hatte, sobald sie bemerkt hatte, dass das magische Register verschleiert worden war. Ihre Gründe, ihn zu benutzen, waren zweigeteilt. Einmal konnte sie Harrys starke Anziehungskraft auf die Öffentlichkeit auf sich übertragen, indem sie einen neuen „Helden" bereitstellte und diesmal hatte sie einen gefunden, den sie kontrollieren konnte. Harrys Blutverbindung zu Dudley zu manipulieren war ein Gewinn auf ganzer Linie für sie.

„Schauen Sie her. Ich bin ein Zauberer genau wie Sie. Laut dem, was sie mir erzählt", sagte Dudley und deutete mit einem Daumen in Umbridges Richtung, „habe ich eine Menge Macht. Meine Leute hatten Angst vor Magie, bis sie realisierten, wie besonders sie mich macht. Wir sind so viele Male bedroht worden. Wir haben gedacht – "

„Ja und wir schulden Ihnen alle eine Entschuldigung dafür, Mr. Dursley", griff Umbridge ein und schob Dudley hinter sich. „Ihre Familie hätte nie dazu gebracht werden sollen, Ihre Begabung zu fürchten."

Harry konnte sehen, wie Tante Petunia sich die Augen wischte, während sie ihr kleines Spätzchen zärtlich anhimmelte, der die halbe Bühne mit seiner Breite einnahm. Selbst Onkel Vernon schaffte es angesichts all der magischen Menschen um ihn herum Haltung zu bewahren. Stolz streckte er seine Brust heraus und klopfte Dudley auf den Rücken.

Harry musterte ihn wachsam, sorgsam darauf bedacht, keine seiner Gefühlsregungen zu zeigen. Er wusste, dass Ron und Hermine beide etwas in seinem Blick erhascht hatten und schaute stur in eine andere Richtung, um ihnen keinen weiteren Blick zu gewähren. Sein ganzes Leben hatte er damit verbracht, sich für das, was er war, entartet zu fühlen. Die Dursleys hatten alles Magische immer verabscheut. Nun, da es ihr teurer Dudley war, der für dieselbe Entartung gerühmt wurde, war es plötzlich eine Gabe.

Harry wünschte, er könnte sagen, es mache ihm nichts aus, dass es nicht wehtue. Doch er war sich bewusst, dass Ron und Hermine es anders gesehen hatten. Er fand es ironisch, dass er nun derjenige war, dem die Schuld für Dursleys Misstrauen gegen Zauberei zugeschoben wurde. Konnte der Abend noch seltsamer werden?

Umbridge hatte das Podium wieder übernommen. „Als ich das Unrecht entdeckt hatte, die diesem jungen Zauberer und seiner Familie zugefügt worden war, und die Irrvorstellungen realisiert hatte, die wir viele Jahre lang für wahr angenommen hatten, begann ich mich zu fragen, welchen anderen Täuschungen wir noch blind aufgesessen sind. Vielleicht war etwas von dem, was Du- weißt- schon- wer zu erreichen versucht hat, missverstanden worden."

Unruhe erhob sich im Saal. Dudley als möglichen Retter anzunehmen war eine Sache, doch über jemanden, der jahrelang gemordet hatte, falsch gelegen zu haben war etwas anderes. Zu viele erinnerten sich an die Schrecken des letzten Krieges, um Voldemorts Kooperation dieses Mal zu akzeptieren. Harry kam plötzlich die Erinnerung von Trelawneys zweiter Prophezeiung in den Sinn.

Der Dunkle Lord wird sich mit der Hilfe seines Dieners wieder erheben, mächtiger und schrecklicher denn je.

Voldemort hatte sich wieder erhoben und wenn es ihm endlich gelang, Kontrolle über das Ministerium zu ergreifen, würde seine Macht mit Sicherheit größer als jemals zuvor...

Dolores ignorierte das Geflüster und fuhr fort: „Die Erleuchtung, die mir nach meinem Gespräch mit Dudley gekommen war, gab mir die Stärke und den Mut dazu, einen Waffenstillstand einzuberufen. Vielleicht hatte die Rolle dieses sogenannten Auserwählten den Spalt überbrücken und nicht tatsächlich etwas gegen die Gewalt ausrichten sollen. Vielleicht könnten wir mit unserer überlegenen Intelligenz und unseren Fähigkeiten einen Weg finden, das Kerngerüst der Zaubererwelt vereinen und wieder in Harmonie leben."

Gemurmel und Stimmen erfüllten wieder die Halle, lauter und hoffnungsvoller diesmal. Scheinbar war die Zaubererwelt verzweifelt genug, um so gut wie alles zu akzeptieren, was dem Chaos ein Ende setzen würde.

„Durch die ausgedehnten geheimen Operationen des Ministeriums ist es mir gelungen, mit einem Delegierten des inneren Kreises von Du- weißt- schon- wem Kontakt aufzunehmen. Wir diskutierten die Pläne des Dunklen Lords für die Zauberergemeinschaft und entdeckten, dass es viele Bereiche gibt, in denen seine Ziele mit denen des Ministeriums übereinstimmen. Mit Zugeständnissen auf beiden Seiten bin ich überzeugt, dass ich einen Kompromiss arrangiert habe, der uns alle zufrieden stimmen wird."

Das Gemurmel setzte sich fort und verbreitete gleichermaßen Hoffnung wie Misstrauen im Raum. Die Hälfte schien gewillt, eine Feier zu beginnen, während die andere Hälfte wachsam und drauf und dran war, aus den Türen zu stürzen.

„Was für ein Kompromiss?", fragte eine mutige junge Hexe, die zurückschreckte, als sich alle Augen auf sie richteten.

„Ich bin froh, dass Sie das fragen", sagte Umbridge, obwohl ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie ganz und gar nicht erfreut war.

„Die meisten der Vereinbarungen, die wir besprochen haben, bezogen sich auf Muggle- Geborene. Es kam der Gedanke auf, dass sie eine formellere Einführung in unsere Sitten brauchen, und wir dachten, es wäre besser, wenn sie getrennt unterrichtet würden, außerhalb von Hogwarts."

Hermines Mund war zu einem grimmigen Strich zusammengekniffen und sie warf Ron einen Ich- hab's- dir- doch- gesagt- Blick zu.

„Wir haben uns auch darauf geeinigt, dass es am besten wäre, wenn die Rolle des Ministers und verschiedene Positionen im Zaubergamot von jenen alteingesessenen Mitgliedern der Zauberergemeinschaft eingenommen werden. Schließlich ist es die Erfahrung, die ihnen gezeigt haben, wie unsere Gesellschaft funktioniert", sagte Umbridge. Sie lächelte, obwohl ihre Augen einen harten, flackernden Ausdruck aufwiesen.

„Für die offene Kommunikation und Kooperation zwischen unseren beiden Gruppen habe ich einige aus dem inneren Kreis von Du- weißt- schon- wem eingeladen, sich heute zu uns zu gesellen. Bitte senken Sie Ihre Zauberstäbe und gestatten Sie ihnen, friedlich einzutreten", sagte Umbridge. Das einfältige Lächeln stahl sich wieder in ihr Gesicht.

Die Auroren schauten einander unbehaglich an. Einige senkten sofort ihre Zauberstäbe, während andere sich weigerten und ihre Vorgesetzten erwartungsvoll anstarrten. Umbridge musste ihre eigenen Leute in der Abteilung für Magische Strafverfolgung eingesetzt haben, da diese die Menge anfunkelten, bis deren Zauberstäbe gesenkt wurden.

Harry sah in stummem Entsetzen zu, wie ein halbes Dutzend Todesser den Raum betrat. Sie liefen in einem Halbkreis auf das Podium zu, Severus Snape im Zentrum, seine schwarzen Roben hinter ihm flatternd. Sie hatten den Raum zur Hälfte durchquert, während Umbridge ihnen mit einem sehr selbstgefälligem Lächeln zuschaute, als die Türen sich plötzlich abermals öffneten und weitere Reihen von Todessern auftauchten, die sich über den ganzen Raum verteilten.

Harry konnte sehen, wie sich die Gesichter der Auroren alarmiert verzogen, als sie schnell in Unterzahl gerieten. Voldemort hatte ganz offensichtlich Rekruten angeworben. Dolores Umbridge starrte sie einen Moment lang verständnislos an, bevor sich Schrecken über ihrem Gesicht ausbreitete und sich langsam in Panik verwandelte.

„Mr. Snape", sagte sie süßlich. Ihre Hand zitterte nervös, als sie ihr Haar zurückstrich. „Hier sind mehr von Ihnen als ich erwartet habe."

Snape nickte knapp. „Sie werden feststellen, dass das Abkommen sich leicht geändert hat", erwiderte er abfällig, die Lippe gekräuselt.

„Wie geändert?", fragte Umbridge. Ihre Hand umklammerte ihren Hals. Jene wenigen Ministeriumsbeamten, die mit ihr auf der Bühne standen, waren alle zurückgewichen, die Augen geweitet und panisch, während sie über die Menge schweiften.

Harry bemerkte, dass selbst Dudley begriffen hatte, dass ein größerer Tyrann auf dem Spielplatz aufgetaucht war. Er war von der Bühne heruntergetreten und stand bei seinen Eltern, wo er das Geschehen genau beobachtete. Onkel Vernon wirkte verstimmt, dass Dudleys Glanzmoment unterbrochen worden war, doch Tante Petunia schien den Ernst der Situation zu erfassen. Er konnte die straffen Venen an ihrem Hals sehen, während sie Onkel Vernon und Dudleys Arme umklammerte.

Snapes Augenbrauen hoben sich. Er neigte seinen Kopf leicht schaute und die vor sich hin stammelnde einstweilige Ministerin wortlos an.

„Ein Abkommen kann nicht einfach geändert werden, nachdem es von beiden Parteien unterzeichnet worden ist. So geht es einfach nicht", sagte Umbridge, als rede sie mit einem kleinen Kind.

„Vielleicht fühlen Sie sich ungerecht behandelt?", fragte Snape.

Umbridges Augen weiteten sich. „Nein", hauchte sie und trat zwei Schritte zurück. „Natürlich nicht."

„Vielleicht", fügte Snape hinzu, „würden Sie gerne mit dem Dunklen Lord selbst sprechen?"

Die Temperatur fiel um zehn Grad, als Voldemort in den Raum rauschte, seine langen Roben hinter ihm flatternd. Er ließ seine engen, schlangenartigen Augen über die Menge schweifen, worauf entsetzte Zuschauer zusammenzuckten und zurückwichen, um ihm den Weg zum Podium frei zu räumen. Hinter ihm erkannte Harry Fenrir Greyback mit Haar so verfilzt wie eh und je, der die Menge angrinste. Eine große Gruppe von Fenrirs Rudel folgte ihnen in den Raum, die Kleidung schmutzig, zerrissen und blutbefleckt. Alle trugen einen wahnsinnigen Blick in den Augen.

Der Eintritt der Werwölfe weckte Unruhe und Unbehagen in der Menge und einige begannen zu flüchten. Harry suchte nach Remus, konnte ihn in der riesigen Menge jedoch nicht entdecken. Er bemerkte, wie Tonks sich ebenfalls bemühte, über die Menschen hinwegzusehen. Sie benutzte ihre Metamorphmagus- Fähigkeiten, um größer zu werden, während ihr Blick durch den Saal schweifte.

Umbridge ängstliches Wimmern klang deutlich in der Stille der Halle, bevor Panik ausbrach. Hexen und Zauberer begannen, zu den Ausgängen zu drängen. Sie schrieen vor Furcht und trampelten über einander in ihrer Hast. Die Auroren versuchten vergeblich, sie zur Ruhe zu bringen und ihre panische Flucht zu organisieren. Immer wieder warfen sie besorgte Blicke in die Richtung der Ministerin, da sie auf die Erlaubnis zum Gebrauch ihrer Zauberstäbe warteten – doch sie wurde niemals gegeben. Die einstweilige Ministerin Umbridge war vor Panik erstarrt – ihr Gehirn weigerte sich offenbar, die Wende der Ereignisse zu akzeptieren. Harry vermutete, dass viele von ihnen versucht waren, ihre Zauberstäbe dennoch einzusetzen, doch sie wussten, dass es sinnlos war. Sie würden außer Gefecht gesetzt werden, bevor sie überhaupt die Gelegenheit hatten, etwas zu bewirken.

Die Mitglieder des Phönixordens, die sich unter die Menge gemischt hatten, waren die einzigen, die nicht in Panik verfielen. Sie beobachteten die Geschehnisse wachsam, bereit in Aktion zu treten.

Charlie Weasley stellte sich hinter das Trio und lehnte sich vor, um in Harrys Ohr zu flüstern: „Es gibt hier Anti- Apparier- Zauber außer an bestimmten Bereichen im Ministerium. Wenn Gewalt ausbricht und ihr es nicht schafft, einen von diesen Apparier- Stellen zu erreichen, habe ich einen Portschlüssel, der euch hier herausbringt."

Harry wollte protestieren, als Charlie den Griff auf seinen Arm verstärkte. „Ich weiß, dass du Umbridge gegenübertreten willst, aber bist du bereit, ihm heute zu begegnen?", fragte er.

Harry gab nach, da er wusste, dass es keinen Zweck hatte. Er musste noch immer einen weiteren Horkrux finden und er wusste, dass er noch nicht bereit war, Voldemort gegenüberzutreten. Er hätte keine Chance. Egal wie sehr er bleiben und dem Orden helfen wollte, für die Menschen hier zu kämpfen, er wusste, dass seine beste Chance, sie zu retten, an einem anderen Tag kommen würde. Diese Wirklichkeit schaffte jedoch keine Abhilfe gegen die kalte Wut, die in seinem Bauch brannte.

Als hätte er Harrys Einlenken gespürt, nickte Charlie und trat einen Schritt zurück.

Auf dem Podium verbeugte Snape sich tief, so dass seine Nase beinahe den Boden berührte. „Mein Lord", sagte er.

„Erhebe dich, Severus. Du hast gute Arbeit geleistet", zischte Voldemort, der noch immer mit seinen kalten, gefühlslosen Augen die Menge musterte.

Snape nickte. „Vielen Dank, mein Lord."

Endlich wandte Voldemort sich ganz Dolores Umbridge zu, die versuchte, trotz ihres Zitterns den Anschein von Kontrolle wiederzuerlangen.

„W-willkommen im Zaubereiministerium. Wie S-sie sehen k-können, haben sich heute viele Individuen eingefunden, die eine f-friedliche Koexistenz erwünschen", sagte sie mit einer ekelerregend süßlichen Stimme.

„Frieden ist für Schwache", entgegnete Voldemort und wedelte mit der Hand. Die Türen zum Atrium schlossen sich plötzlich, so dass der Rest der Menge eingesperrt war. Nur sehr wenigen war es tatsächlich gelungen zu entkommen.

Harry sah eine kleine, braunhaarige Hexe, die, wie er wusste, Mad- Eye Moody unter Vielsafttrank verbarg. Sie versuchte erfolglos, die nächste Tür aufzubrechen.

„Keiner verlässt das Gebäude, bevor ich sie entlasse", raunte Voldemort bedrohlich. „Danke, Ministerin, dass Sie es mir so leicht gemacht haben, indem Sie alle hier versammelten."

„Lei-leicht für Sie? W-was meinen Sie?", fragte Umbridge. „Wir haben ein Abkommen unterzeichnet, um Tod und Zerstörung ein Ende zu setzen. Ich habe Ihnen in gutem Glauben Ihren Diener wiedergegeben."

Mit einem lässigen Flicken seines Zauberstabes beschwor Voldemort einen dicken Stapel Pergamente hervor. Er ging vor ihren Augen in Flammen auf. „Ich habe mich umentschieden", flüsterte er.

„A-aber... Sir... das ist höchst regelwidrig. Ich habe Ihren Mann freigelassen, nachdem das Abkommen unterzeichnet worden war", jammerte sie, offensichtlich geschockt. Harry wusste, dass sie nicht dumm war, doch sie schien so auf dieses Detail fixiert, als hätte der Rest ihres Gehirns einfach abgeschaltet.

Wieder wedelte Voldemort träge mit seinem Zauberstab und eine dicke schwarze Box erschien auf dem Podium vor Umbridge, die es verständnislos anstarrte. Der Deckel begann zu rütteln und erhob sich langsam. Umbridge bewegte sich nicht darauf zu und die Luft im Saal schien bedeutungsvoll still zu stehen.

Harrys Blick kehrte sich zu Voldemort, der ihn an eine Katze erinnerte, die mit einer hilflosen Maus spielte, bevor sie sie verzehrte – oder eine Schlange mit einer Kröte. Seit Voldemorts Ankunft verblüffte Harry die Tatsache, dass seine Narbe nicht wehtat – nicht mehr als ein Flackern von Schmerz. Er realisierte, dass Tom ihn noch immer durch Okklumentik ausblendete in der Hoffnung zu verbergen, was er trieb. Das hieß jedoch, dass Tom nicht bemerkt hatte, dass Harry bereits hier war.

Seine Gedanken wurden zurück zum Geschehen gezogen, als ein angsterfüllter Schrei die Luft zerriss. Hermine packte ihn am Arm, ihre Nägel bohrten sich in seine Haut, als Wurmschwanz' Kopf aus der Box auftauchte. Noch vor frischem Blut tropfend schwebte er über der Box. Leere Augen starrten die sprachlose Umbridge an.

„Ich habe entschieden, Ihr Geschenk zurückzugeben. Ich habe keinen Nutzen für schwache Narren, die sich von Schulkindern fangen lassen", sagte Voldemort mit aufgeblähten Nüstern. „Unglücklicherweise heißt das, dass Ihre Beteiligung nicht länger notwendig ist."

Umbridge richtete ihren panischen Blick auf den Dunklen Lord, den Mund wie ein Fisch aufgerissen. Trotz seines Hasses auf sie und all ihre Verbrechen, konnte Harry nicht anders, als ein winziges Bisschen Mitleid für sie zu empfinden. Er konnte sehen, wie die Auroren nach ihren Zauberstäben griffen, während sie immer noch auf Befehle zum Angriff warteten. Umbridges treue Gefolgsleute – diejenigen, die nun im Amt waren – schienen auf einmal unsicher, was sie tun sollten.

Voldemorts Gesicht verzog sich zu einem scheußlichen Lächeln – ein Lächeln bar jeglicher Freude oder Beglückung. Es war ein wirklich beängstigender Anblick, der Harry zum Schaudern brachte.

„Fenrir", sagte Voldemort, während er seinen Zauberstab mit den Fingern liebkoste. „Ich glaube, du und deine Leute habt noch etwas zu klären mit der Ministerin. Vielleicht würdet ihr euch gerne mit ihr unterhalten... direkt."

Freyback lächelte und ließ seine langen, gelben Fingernägel durch seine Schnurrhaare fahren. „Ja... das wäre äußerst... köstlich."

Umbridge kreischte und wich zurück, als Greyback auf sie zu schlich. Sie hielte ihre Hände vor den Körper, als würden sie sie irgendwie beschützen können. Greybacks Rudel von wütenden Werwölfen näherten sich und folgten Fenrir in die Jagd. Umbridges panisches Gesicht verschwand, als sie vom Rudel eingeschlossen wurde und Harry sah, wie ein Blutregen die Wand bespritzte.

Umbridges Schreie wirkten als Signal, dass Gewalt ausgebrochen war. Mehrere Ministeriumsbeamte versuchten, den Angriff der Werwölfe aufzuhalten, doch die Todesser streckten sie ohne Gnade nieder.

Wissend, dass sie nun hoffnungslos in der Unterzahl waren, bemühten die Auroren sich dennoch, die Kontrolle wiederzugewinnen. Sie kämpften tapfer, doch die Verzögerung kam ihnen teuer zu stehen. Einige der anwesenden Hexen und Zauberer beteiligten sich am Kampf und griffen die Todesser an in dem Versuch, sich einen Weg zu den verschlossenen Ausgängen zu bahnen. Die Todesser waren gnadenlos und Schreie von denen, die mit dem Cruciatus belegt wurden, erfüllten die Halle. Grüne Blitze des Tötungsfluches flogen in alle Richtungen.

Voldemort nahm das Podium ein und begann, zu den Massen zu sprechen, ohne das Chaos um ihn herum zu beachten. Gelegentlich schoss er träge einen Tötungsfluch auf jemanden ab, der zu nahe gekommen war, selbst wenn er nur nach einem Unterschlupf gesucht hatte.

„Von diesem Augenblick an obliegt die Kontrolle des Ministeriums mir. Gewaltige, glorreiche Veränderungen werden eintreten und unseren Rang dorthin heben, wo er rechtmäßig hingehört", sagte er. „Ihr alle, antwortet mir nun."

Charlie packte Harry am Arm. „Wir müssen hier raus. Der Portschlüssel wird nur außerhalb der Schutzzauber funktionieren. Also müssen wir da durch."

„Was wird aus dem Rest des Ordens?", fragte Hermine panisch.

„Wir haben alle unsere Befehle", erwiderte Charlie. „Sie wissen, was zu tun ist."

Harry nickte hilflos. Einige waren an die Seiten des Raumes gewichen und mit den Händen über den Köpfen auf die Knie gesunken, doch die Mehrheit rannte wild durcheinander und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Die Todesser richteten ihren Kampf größtenteils gegen die Auroren und diejenigen, die Flüche abfeuerten. Dennoch waren viele Unschuldige getroffen worden.

Harry, Ron und Hermine bewegten sich unauffällig in die entgegen gesetzte Richtung zur Glastür, die zur Appariertestabteilung führte. Trotz des Wissens, dass das Ziehen ihrer Zauberstäbe die Aufmerksamkeit der Todesser anziehen würde, begannen sie schließlich Flüche abzufeuern, um einigen der panischen Opfer zu helfen.

Harry wies mehreren Menschen mit kleinen Kindern an, Deckung zu suchen und unten zu bleiben, bis der Kampf vorbei war. Die meisten waren schon fassungslos, als sie realisierten, wer da mit ihnen sprach.

„Man muss immer wissen, ob man kämpft oder flieht", keuchte Ron leise und Harry vermutete, dass er ebenso wie er selbst mit sich rang. Trotz allem fiel es ihm schwer, einfach zu gehen und es geschehen zu lassen.

Als sie die Türen erreichten, versuchte Ron vergeblich sie zu öffnen. Sie waren fest versiegelt.

Harry murmelte: „Alohomora." Doch die Türen blieben verschlossen.

„Du!", kreischte eine Stimme neben ihnen.

Harrys Kopf schoss in die Höhe und er starrte in die entsetzten Augen seiner Tante Petunia.

„Ich hätte wissen müssen, dass du hier bist, als das ganze Fiasko angefangen hat", zischte sie, sichtlich zitternd. „Wie sollen wir hier rauskommen?"

„Hallo, Tante Petunia", stieß Harry hervor.

„Erzähl mir nicht, dass das ganze Chaos nichts mit dir zu tun hat", sagte Onkel Vernon, der einiges seiner Tobsucht wiedererlangt hatte. „Wie ich so gehört habe, scheint das Ding dich zu verfolgen, Bengel. Was wirst du dagegen unternehmen?"

„Ich habe keine Zeit dafür", sagte Harry unwirsch und schob sich an seinem Onkel vorbei. „Voldemort wird euch ohne Zögern umbringen, sobald er realisiert, wer ihr seid. Wenn ihr leben wollt, dann folgt mir."

„Ich bin auch ein Zauberer, Potter. Ich kann alles, das du kannst", sagte Dudley und stieß Harry in die Brust. Es verärgerte ihn offensichtlich, dass seine Eltern sich an Harry wandten statt an ihn, um aus der Sache herauszukommen.

„Dann geh vor und rette dich, Dudders", versetzte Harry und wandte ihm den Rücken zu.

Ein Schatten huschte über Tante Petunias Gesicht. Sie packte Dudley am Arm und drückte ihn hinunter. „Nicht jetzt, Spätzchen. Lass uns einfach von hier und diesen Leuten wegkommen. Ich werde nicht zulassen, dass du dafür stirbst. Du bist zu besonders."

In diesem Moment platzte Harrys Narbe und er fiel vor Schmerzen auf die Knie. Heiße Stiche durchsetzten seinen Kopf und er biss sich auf die Lippen, um nicht aufzubrüllen. Der Metallgeschmack von Blut füllte seinen Mund, doch der Schmerz war zu unerträglich, um auch nur auszuspucken.

„Harry", keuchte Hermine und kniete sich neben ihn.

„Beeilt euch", stöhnte Harry. „Er weiß, dass ich hier bin."

„Was soll dieses theatralische Gehabe?", verlangte Onkel Vernon. „Ihr verschwendet Zeit." Die Furcht und aufsteigende Panik in seiner Stimme zeigte sich mit jedem Wort deutlicher.

Grob stieß Ron ihn zur Seite und half Harry auf die Füße. Hermine und Charlie begann, Flüche auf das Glas zu schießen, stellten jedoch fest, dass es undurchdringlich war. Im Raum hatte keiner Erfolg darin, Voldemorts Siegelzauber zu durchbrechen.

„Mir geht's gut", murmelte Harry und biss die Zähne zusammen. Er und Ron gesellten sich zu den anderen.

„Potter!", zischte eine kalte Stimme hinter ihnen.

Harry drehte sich um und sah, wie Voldemort auf ihn zu glitt, ein hungriges Glühen in seinen Augen. „Es freut mich zu sehen, dass du gekommen bist, um meine Übernahme des Ministeriums mitzuerleben. Du hättest mich von deiner Anwesenheit in Kenntnis setzen sollen. Ich hätte dir einen besseren Sitzplatz verschafft."

Er hielt vor ihnen und ließ seinen kalten Blick über sie alle schweifen. Die Dursleys wichen zurück und drängten sich furchterfüllt zusammen, doch Ron, Hermine und Charlie traten trotzig an Harrys Seite.

„Sag mir", befahl Voldemort. „Gefällt dir die Show?"

„Nicht besonders, Tom. Ich hab noch nie jemanden, der Unschuldige angreift, für machtvoll gehalten", antwortete Harry gleichgültig.

Voldemorts Augen weiteten sich und seine Zunge schoss hervor, als wolle er die Luft schmecken. „Schweig! Ich bin der mächtigste Zauberer aller Zeiten und mir ist es eigenhändig gelungen, die Kontrolle über das Ministerium von den inkompetenten Narren zu übernehmen. Ich habe meine Opposition ausgelöscht und du bist nun auf dich allein gestellt, junger Harry."

„Ja, ja. Ich habe schon gehört, wie eingebildet du bist, und ich bin immer noch nicht beeindruckt, Tom", erwiderte Harry.

„Du unverschämtes Balg!", heulte Voldemort vor Wut. Bevor Harry reagieren konnte, traf Voldemort ihn mit dem Cruciatus- Fluch. Er fiel auf den Boden, vor Schmerz schreiend. Es fühlte sich an, als würden seine Eingeweide langsam herausgerissen werden. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bevor Voldemort den Fluch endlich aufhob. Trotz seiner Pein bemerkte Harry, dass Voldemort nervös schien, als ränge er damit, seine Wut zu zügeln.

„Harry!", rief Hermine und bewegte sich auf ihn zu.

„Nein!", brüllte Harry. Ein Adrenalinrausch füllte seine Venen.

Voldemort hob wieder den Zauberstab und Harry wusste, dass er seinen Frust darüber, Harry nicht töten zu können, an Hermine auslassen würde.

„Geht zurück", sagte Harry und errichtete den stärksten Schild, zu dem er imstande war, vor Hermine, Ron und Charlie. Die drei taumelten zurück, wurden jedoch dabei aus der Bahn von Voldemorts Tötungsfluch geschoben.

„Das ist zwischen dir und mir", sagte Harry, schwer atmend, während Wut in seinen Venen brannte. „Lass sie da raus."

„Du bist mächtig geworden, Harry, aber du bist mir nicht gewachsen", kommentierte Voldemort mit einem leichten Stirnrunzeln. „Ich werde dich heute nicht töten, aber du kommst mit mir. Senk deinen Zauberstab, Harry."

„Danke, aber nein danke", sagte Harry, seine Konzentration auf den Schild gerichtet. Er konnte sehen, wie seine Freunde verzweifelt versuchten, ihn zu brechen, so dass sie ihn erreichen konnte. Doch bisher war es ihnen noch nicht gelungen.

Unglücklicherweise, wie Harry wusste, konnte er den Schild nicht für immer aufrechterhalten. Seine Muskeln zitterten bereits vor Anstrengung. Er musste außerdem helfen, die Glastür, die ihrer Flucht im Wege stand, zu durchbrechen. Wissend, dass Voldemort seine Wut an seinen Freunden auslassen würde, sobald er den Schild sinken ließ, steckte Harry in einer Zwickmühle. Er brauchte eine Ablenkung und zwar dringend.

Sie kam, als er es am wenigsten erwartet hatte, von einer Quelle, von der er nicht einmal gewusste hatte, dass sie da war. Wie es auch in der Vergangenheit geschehen war, schien stets jemand, der Harry liebte, aufzutauchen, wenn er am meisten Hilfe brauchte.

Remus bahnte sich einen Weg durch die noch immer kämpfende Menge und blieb zwischen Harry und Voldemort stehen. Harry war so entgeistert, ihn zu sehen, dass er den Schild fallen ließ und seine Freunde freigab. Remus war schmutzverschmiert und schien sehr erschöpft und grau. Sein Umhang war zerschlissen und blutbefleckt, doch eine heftige Entschlossenheit funkelte in seinen Augen.

„Remus", rief Tonks und stürzte sich durch das Schlachtgewühl. Sie keuchte, als hätte sie sich darum bemüht, mit ihm mitzuhalten.

Remus verzog das Gesicht und Harry ahnte, dass er versucht hatte, sie abzuhängen. Wie Ginny hatte auch Tonks Remus' Bemühungen abgewiesen. Remus und Tonks sahen sich in die Augen, eine Art privater Kommunikation ging zwischen ihnen hin und her. Tonks nickte heftig, während ihre Augen sich mit Tränen füllten.

Verwirrt versuchte Harry, zu ihnen zu gehen, um sie vor Voldemort abzuschirmen, der die Szene belustigt beobachtete. Ron und Charlie hielten ihn zurück.

„Noch mehr Beschützer, Harry? Und dieser hier hat Fenrir davon überzeugt, dass er einer von ihnen ist. Fenrir wird so enttäuscht sein", sagte Voldemort. Sein Blick flackerte kurz zu Greyback, dessen Rudel noch immer Umbridges Körper entweihte.

Remus warf Ron und Hermine einen bedeutsamen Blick zu und nickte kurz in Harrys Richtung. Es war so flüchtig, dass Harry nicht einmal sicher war, dass es wirklich geschehen war, bis Remus seine Schultern straffte und begann, Voldemort mit Flüchen zu befeuern.

„Was machst du da?", rief Harry, während er gegen den Griff der Weasley- Brüder ankämpfte.

„Ich liebe dich, Harry. Das habe ich schon immer getan", sagte Remus. Er wich einem von Voldemorts Tötungsflüchen aus. „Bleib in Sicherheit, setze dem ein Ende und vor allem, werde glücklich."

Eine Welle der Panik stieg in Harrys Brust auf. Es klang, als verabschiedete Remus sich...

Tonks setzte einen Zauber ein, den Harry noch nie gesehen hatte. Eine wirbelnde Luftmasse warf ihn, Ron, Hermine und Charlie auf den Boden. Tonks sprang an Remus' Seite und streckte ihren Zauberstab neben seinen.

Ihre Blicke trafen sich und sie starrten einander für einen kurzen Augenblick an, der eine Ewigkeit zu dauern schien.

Gleichzeitig feuerten sie einen Knüppelfluch auf die Decke über Voldemorts Kopf ab. Große Klotze von Metall fielen in den Wirbelsturm und zwangen Voldemort zum Rückzug, damit die Trümmer ihn nicht trafen. Die Decke fuhr fort in sich zusammenzustürzen, während Voldemort seinen Halt wiederfand, sich umdrehte und den Zauberstab zückte.

Wie in Zeitlupentempo sah Harry die grünen Blitze – zwei – aus Voldemorts Zauberstab schießen. Obwohl er seine Augen gegen die Winde abschirmen musste, konnte Harry es deutlich sehen. Der erste Fluch traf Remus in die Brust und schleuderte ihn von den Füßen. Bevor sein Körper den Boden auch nur berührt hatte, traf der zweite Zauber Tonks an der Schulter. Die beiden landeten Seite an Seite, unbeweglich, die Hände noch immer ineinander verschlungen. Das Heulen des Windes hörte schlagartig auf.

„Neeein", schrie er, sprang auf die Füße und kämpfte gegen Ron, Hermine und Charlie an. „Lasst mich los. Lasst mich los!"

Er biss und kratzte an ihren Armen, um sie zum Loslassen zu zwingen. Er fühlte sich außer Kontrolle, sein Herz hämmerte in der Brust. Er war vollkommen auseinandergefallen.

„Es gibt nichts, was du tun kannst, Harry", sagte Ron, ihn an den Schultern schüttelnd. „Es ist geschehen. Willst du, dass sein Opfer umsonst war? Willst du, dass sein Tod wertlos ist?"

Die Panik und Trauer, die in Harrys Ohren dröhnten, übertönten beinahe Rons Worte. Er konnte Tränen an Hermines Wangen herunterlaufen sehen, doch sein einziger Gedanke galt es, Remus zu erreichen. Er musste es rückgängig machen. So hätte es nicht sein sollen.

„Es tut mir leid, Harry", schniefte Ron und es war der gebrochene Klang der Trauer in Rons Stimme, der schließlich durch Harrys Schmerz durchdrang.

Gewaltiger Zorn – ein Zorn geboren aus Trauer, Verzweiflung und Ungerechtigkeit – wuchs in seiner Brust. Ohne nachzudenken hob er den Zauberstab. Mit allem Schmerz und Zorn in seinem Herzen schrie er: „Reducto!"

Das Glas an den Türen, die ihren Fluchtweg versperrten, explodierte und regnete Scherben in alle Richtungen. Wie eine Schockwelle wurden alle anderen Ausgänge des Gebäudes, die von Voldemorts Zauber verschlossen gewesen waren, geöffnet. Die Vordertüren sprangen auf, verschiedene Gänge durch das Ministerium kamen zum Vorschein und alle Fenster im Atrium zerschepperten.

Die zuvor eingeschlossene Menge verschwendete keine Zeit zu fliehen. Sie rannten auf die Straße und trampelten in ihrer Hast über einige unglückseligen Opfer. Nicht auf das Chaos und auf die Schnitte an seinem Gesicht und Armen achtend, wandte Harry sich mit totem Blick an die Dursleys. „Geht, jetzt."

Diesmal brauchten sie keine weitere Ermutigung und flüchteten aus dem Raum. Harry warf einen letzten Blick zu Voldemort, dessen rote Augen vor Zorn blitzten, als er Harry abermals entkommen sah. Ron und Hermine packten Harry an den Armen und zogen ihn vorwärts, gefolgt von Charlie.

„Hier", sagte Charlie, nachdem sie einige Meter gerannt waren. Er zog einen Hogwarts- Federkiel aus seiner Hosentasche und hielt ihn ihnen hin. „Der Portschlüssel sollte hier funktionieren. Haltet euch fest."

Die Dursleys starrten sie alle verständnislos an, als Ron und Hermine den Federkiel ergriffen. Hermine hob sanft Harrys Hand und legte einen Finger darauf.

Onkel Vernons Gesicht – bereits rot vor Anstrengung – verdunkelte sich noch mehr. „Was soll diese Zauberei?", fragte er und sprach damit das Z- Wort zum ersten Mal aus, seit Harry zurückdenken konnte.

„Berührt den Federkiel, wenn ihr hier lebend herauskommen wollt", blaffte Charlie.

„Tu es einfach, Vernon", rief Tante Petunia. Sie verzog das Gesicht, während sie einen knochigen Finger auf den Federkiel legte. Grauenerfüllt folgten Vernon und Dudley ihrem Beispiel.

„Activius", zischte Charlie und der Portschlüssel wirbelte sie fort – zurück in Sicherheit – zurück nach Hogwarts – zurück mit den schrecklichen Neuigkeiten.