Kapitel 24 – Echos der Zeit

Harry ging voran, während die vier Jugendlichen grimmig den Korridor zu McGonagalls Büro hinunterschritten. Er beobachtete, wie Staubkörnchen im Sonnenlicht tanzten, das von den Fenstern hereinfiel, und wunderte sich, wie er an einem so strahlenden Tag so düstere Gedanken haben konnte. Als sie weit genug vom Gemeinschaftsraum entfernt waren, packte Hermine ihn am Arm und blieb stehen. Ihm war durchaus bewusst gewesen, dass sie ihre Neugier kaum bändigen konnte, seit er sie aus dem Gemeinschaftsraum geführt hatte.

„Harry, was ist los? Woran hast du dich erinnert?", fragte sie mit verengten Augen.

„Ich will mit Professor Dumbledore sprechen – ich denke, es ist an der Zeit", sagte er und holte tief Luft.

Ginny schlang ihre Finger um seine und er drückte kurz ihre Hand.

Hermine lächelte, offensichtlich erfreut. „Ich habe dir schon, seit wir hier angekommen sind, gesagt, dass du das tun solltest. Ich bin froh, dass du endlich darauf hörst, Harry."

Ihren Vorwurf ignorierend sagte Harry: „Ron hat mich an das Riddle- Haus erinnert. Ich weiß nicht, warum ich nicht früher daran gedacht habe. Ich will mit dem Zauberdetektor nach Little Hangleton gehen, nachdem wir mit dem Porträt gesprochen haben."

„Aber ich dachte, Voldemort hat einen Horkrux im alten Haus der Gaunts versteckt, nachdem er die Riddles getötet hat", sagte Hermine stirnrunzelnd.

Harry nickte. „Das hat er auch. Professor Dumbledore hat dort den Ring gefunden, aber an jenem Tag sind drei Morde begangen worden und Voldemort zog es genug an den Ort, dass er zurückkehrte, während er darauf gewartet hatte, mich während des Trimagischen Turniers gefangen zu nehmen. Ich denke, es ist eines Versuchs wert."

„Er hat Recht und es wird sich großartig anfühlen, rauszugehen und tatsächlich etwas zu unternehmen, anstatt den ganzen Tag alte Bücher durchzuwälzen", kommentierte Ron, Hermines finsteren Blick nicht bemerkend.

In der Hoffnung, einen Streit zu vermeiden, begann Harry wieder vorwärts zu laufen. Ginnys Hand hielt er fest in seiner eigenen. „Wir müssen versuchen, die Suche zu beschleunigen, bevor Voldemort seine Klauen zu tief ins Ministerium versenken kann. Bei dem Takt, in dem er Menschen tötet und andere fliehen, wird keiner mehr zum Retten übrig sein."

„Und wir müssen noch darüber sprechen, was wir gegen den Siebten Horkrux unternehmen", sagte Hermine. Sie warf Harry einen unbehaglichen Blick zu.

„Lasst uns einfach zuerst den letzten finden", entgegnete Harry. Er hatte sich entschieden. Es würde keinem von ihnen etwas bringen, weiter auf den Alternativen herumzukauen. Er wusste, was er zu tun hatte, und sie hatten es nachträglich begriffen. Sie mussten es – es war nicht so, als hätte er Remus vorher erlaubt, sich zu opfern. Dennoch musste er zugeben, dass Remus' Opfer ihnen allen die Flucht ermöglicht hatte. Remus hatte endlich die Chance gehabt zu tun, was er immer gewollt hatte – einen Unterschied machen.

Harry zwang sich dazu, seine Schritte zu verlangsamen, als er realisierte, dass Ginny – mit ihren kürzeren Beinen – beinahe rennen musste, um mit ihm mitzuhalten.

Als sie den steinernen Wasserspeier erreichten, der den Eingang zu Professor McGonagalls Büro bewachte, tat Harrys Herz einen Satz. Er war nicht mehr hier gewesen seit der Nacht, in der Dumbledore gestorben war. Er schluckte schwer und umklammerte Ginnys Hand fester.

Sanft streichelte sie seine Hand mit ihrem Daumen, um ihn zu beruhigen.

„Dreihundertzehn Bandbreite", sagte Hermine und der Wasserspeier sprang zur Seite, worauf die drehende Wendeltreppe zum Vorschein kam.

Harry und seine Freunde stiegen schweigend hinauf. Keiner von ihnen verspürte das Bedürfnis, sich zu beeilen. Hermine schob die Tür auf und Harry sah sich gründlich um.

Das Büro war ihm vertraut, obwohl alle von Professor Dumbledores seltsamen Gerätschaften und Instrumenten verschwunden waren. Godric Gryffindors Schwert hing immer noch in der Glasvitrine. Harry hielt es für angebracht, dass es in der Schule blieb. Eine Tartanbüchse mit Keksen hatte das Süßigkeitenglas auf dem Schreibtisch ersetzt und der Quidditch- Pokal thronte, wo Fawkes' Käfig einst gestanden hatte. Der Schnatz lag daneben, im Sonnenlicht funkelnd. Harry nahm an, dass kein neuer Hauslehrer von Gryffindor ernannt worden war, so dass Professor McGonagall die Trophäe in ihrem Besitz behalten konnte.

Harry musterte sorgfältig das Büro und erst als er nirgendwo mehr hinsehen konnte, hob er den Blick zum goldumrahmten Porträt, das über dem Schreibtisch hing. Er sog scharf den Atem ein, als er bemerkte, dass Professor Dumbledores stechend blaue Augen offen standen und mit diesem vertrauten Blitzen funkelten, während er den vier Freunden entgegensah.

„Guten Tag", begrüßte Dumbledore sie mit einem Räuspern. „Es ist wunderbar, wieder junge Menschen im Schloss zu sehen. Ich bin froh, dass Sie Ihre Freunde überzeugt haben vorbeizuschauen, Miss Granger. Ich habe begierig darauf gewartet."

„Hallo, Professor", murmelten Ginny und Hermine.

Ron lächelte halbherzig, aber Harry war wie auf der Stelle angewurzelt, während sein Herz in seiner Brust hämmerte.

„Wollen Sie ein Brausebonbon?", bot Professor Dumbledore freundlich an. Er hob ein gemaltes Glas mit Süßigkeiten in die Höhe und streckte sie Hermine entgegen.

„Nein, danke, Sir", erwiderte sie, liebevoll lächelnd.

Professor Dumbledore warf Ron und dann Ginny einen Blick zu, die beide schweigend die Köpfe schüttelten. Hermine rang ihre Hände, während Ron nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Ginny versuchte, zwischen den beiden zu verschmelzen. Sie alle schauten immer wieder in Harrys Richtung, der aber sein Schweigen bewahrte. Er wusste, dass es alle nervös machte, aber er konnte sich nicht helfen. Er konnte einfach keine Worte finden.

Dumbledores blitzende Augen richteten sich schließlich auf Harry und es bedarf all seiner Willenskraft, ihm nicht auszuweichen. Der Knoten in seinem Hals, der die Größe eines Klatschers hatte, hinderte ihn am Sprechen und er musste sich den Tränenschleier aus den Augen blinzeln, in der Hoffnung, dass niemand anderes es bemerkte.

„Harry, mein lieber Junge, ich habe mich schon gefragt, wann du endlich vorbeischauen würdest. Ich habe Miss Granger gebeten, dich anzutreiben. Es freut mich zu sehen, dass es dir gut geht. Unglücklicherweise bist du die einzige Person, der ich keinen Zitronendrops anbieten kann", sagte Dumbledore. Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Sir?", krächzte Harry verwirrt.

Er fühlte Ginnys Hand auf seinem Rücken, die ihm Rückhalt gab.

„Jahrelang hatte ich ein Glas auf meinem Schreibtisch und meinen Besuchern jedes Mal Süßigkeiten angeboten, aber keiner hat jemals angenommen", sagte Professor Dumbledore wehmütig. „Es belustigt mich, sie weiter anzubieten, da es nun offensichtlich keine Möglichkeit gibt, dem entgegenzukommen. Aber alle schütteln noch immer ihre Köpfe bei dem Angebot und ich bin sicher, dass sie es nie wirklich in Erwägung gezogen haben. Aber du, Harry, du warst der einzige, der mein Angebot angenommen hat. Das hat mir immer an dir gefallen."

Harry nickte, unfähig zu sprechen.

„Also, erzählt mir, wie weit seid ihr bei eurer Suche nach Toms Horkruxen gekommen?", erkundigte sich Professor Dumbledore. Er faltete seine langen Finger unter seinem Kinn mit einer Geste, die Harry so vertraut vorkam, dass sein Herz sich zusammenzog.

„Dann wissen Sie also von Ihnen?", fragte Ginny, bevor sie sich zurückhalten konnte. Als sie realisierte, dass sie ihn unterbrochen hatte, errötete sie und zupfte an einer Haarsträhne. „Ich meine... wir waren uns nicht sicher, wie viel sie wissen, weil..."

„Keine Sorgen, Miss Weasley. Ich habe den Zauber regelmäßig erneuert, damit mein Porträt volles Bewusstsein von meinen Aktivitäten bis zu meinem Ableben hat. Ich war stets sehr vorraussichtig, wenn ich das sagen darf." Professor Dumbledore lächelte freundlich.

„Wissen Sie, wie Sie... Wie es vonstatten gegangen ist?", fragte Harry.

Das Funkeln in Dumbledores Augen flackerte und schwand, während er gewichtig nickte. „Das tue ich. Professor McGonagall war so gütig, mich von den Ereignissen auf dem Laufenden zu halten. Sie hat mir von Snape berichtet."

„Hatten Sie... hatten Sie dann keine Pläne für ihn, Sir?", fragte Hermine. Sie zuckte unter Harrys grimmigen Blick zusammen.

„Nein, Miss Granger, das hatte ich nicht. Ich habe daran geglaubt, dass Severus seine einstigen Missetaten aufrichtig bereute und durch seinen Dienst Erlösung suchte. Ich habe mich getäuscht. Ich denke, ich habe dir früher einmal gesagt, Harry, dass meine Fehler umso größer sind?"

„Aber warum? Warum haben Sie ihm so vertraut?", wollte Harry wissen.

Dumbledore lächelte. Seine traurigen Augen wanderten über jeden von ihnen, bevor er antwortete: „Vielleicht war es meine eigene Hoffnung auf seine Erlösung. Ich wollte daran glauben, dass er sich geändert hat – dass es mir gelungen ist, ihn zu erreichen. Ich wollte ihm eine zweite Chance geben, damit er realisiert, dass er andere Möglichkeiten haben könnte – dass es alles ändern könnte, einen anderen Pfad einzuschlagen.

Ich hatte schon immer Schuldgefühle für das Leben, das Severus geführt hatte. Ich wünschte, ich hätte mehr für ihn tun können. Ich wünschte, ich hätte früher realisiert, wie nah er der Grenze gekommen war, als er ein Schüler hier war. Severus hat sich immer verfolgt gefühlt – als ob seine Lehrer und alle Autoritätspersonen es auf ihn abgesehen hätten. Nach so vielen Jahren derselben Klagen hat die Belegschaft – ich selbst eingeschlossen – ihm nur mit halben Ohr zugehört. Als er sich zum Dunklen wandte, hatte ich das Gefühl, ich hätte ihn im Stich gelassen."

Professor Dumbledores Augen trübten sich und bekamen einen entfernten Ausdruck.

Harry presste seine Lippen aufeinander. Er konnte kaum seine Wut unterdrücken, dass dieses Echo, Abbild oder Porträt – was auch immer es war – von Professor Dumbledore Schuldgefühle gegenüber Snape empfand, wo doch dieser dafür verantwortlich war, dass Harry auf diese Weise mit ihm sprechen musste.

Er blickte auf, um festzustellen, dass Dumbledores stechendblaue Augen sich in ihn bohrten. Er streckte seine Hand aus, als versuchte er Harry zu berühren. Aber es war unmöglich.

„Nachdem Severus von Voldemorts Plänen für deine Familie erfahren hatte, Harry, kam er zu mir. Obwohl die Bitterkeit zwischen ihm und deinem Vater tief war, ist deine Mutter immer freundlich zu ihm gewesen. Und ich denke nicht, dass er das jemals vergessen hat. Ich glaube, die Pläne von brutalen Morden an Menschen, die er kannte – seinen Klassenkameraden – hat etwas in Snape bewegt. Er hat versucht, sie zu retten. Aber seine Warnung kam zu spät, als dass ich eine Veränderung bewirken konnte", sagte Dumbledore, die Augen voller Kummer.

„Woher wissen Sie, dass er versucht hat, sie zu retten? Woher wissen Sie, dass er es nicht schon zu der Zeit darauf abgesehen hat, in Ihre Gunst zu kommen, indem er Ihnen die Informationen zuspielte, als es schon zu spät war?", blaffte Harry. Er atmete durch die Nase in dem Versuch, nicht die Kontrolle zu verlieren.

Dumbledore seufzte, während er sich seine lange, gekrümmte Nase rieb. „Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Wenn du mir dieselbe Frage gestellt hättest, als ich noch unter den Lebenden weilte, hätte ich die Möglichkeit empört von mir gewiesen. Ich hätte nicht ein Wort gegen Severus zugelassen. Ich wollte ihm glauben. Am Ende lag mir sein Wohl so sehr am Herzen, dass ich den Hang hatte, über einige seiner etwas... unorthodoxen... Lehrmethoden hinwegzusehen. Du hast ihm nie vertraut, Harry. Vielleicht sollte es auch so sein – dass du Recht hattest und ich am Ende falsch lag, während dir die Bürde auferlegt wurde."

Harry schloss fest die Augen. Er wollte nichts mehr davon hören.

„Ich wünsche mir immer noch, dass ich mehr für Severus' Rettung hätte tun können, aber das sollte wohl nicht sein. Nun ist es unsere Aufgabe, alle anderen Menschen zu retten", sagte Professor Dumbledore. Seine Augen klärten sich endlich.

„Und Harry zu retten", warf Ginny ein. Sie wand ihre Hand in Harrys Griff, der so fest geworden war, dass er wahrscheinlich ihre Zirkulation abgeschnürt hatte.

„Wussten Sie davon?", fragte Harry plötzlich. Seine Augen bohrten sich in Dumbledores. Er war sich sicher, dass sein alter Schulleiter genau wusste, was er meinte.

Dumbledore seufzte schwer und schaute auf seine gefalteten Hände hinab. „Ich habe es vermutet", sagte er. Er schien direkt vor ihren Augen zu altern.

Harry wappnete sich gegen den Anflug von Mitgefühl, der sich anzukündigen drohte. „Warum haben Sie es mir dann nicht gesagt?", stieß er hervor.

„Ich konnte es nicht – nicht bevor ich sicher war", sagte Dumbledore matt. „Ich konnte mich nicht dazu durchringen, meinen Verdacht mit dir zu teilen, besonders als ich gegen mein eigenes Verlangen angekämpft habe, die Beweise zu ignorieren. Ich habe immerfort nach einer Alternative gesucht – jegliche andere Möglichkeit, meine Unruhe zu befriedigen. Ich habe dir gesagt, dass ich Nagini für einen Horkrux hielt, um dich darauf aufmerksam zu machen, dass, obwohl es nicht ratsam wäre, ein Lebewesen tatsächlich zu einem Horkrux werden kann. Ich wollte, dass du dir dieser Tatsache bewusst bist, während ich fortfuhr, eine andere Lösung zu finden. Wieder habe ich den Fehler begangen, mir zu viele Gedanken gemacht zu haben. Es tut mir leid, Harry."

Harry biss die Zähne zusammen, zornentbrannt, und wich seinem Blick aus.

„Was macht das silberne Instrument, das Sie Harry hinterlassen haben?", fragte Hermine. Ihre Augen huschten nervös zwischen Harry und dem Porträt hin und her.

„Das ist eine Seelenwaage", sagte Professor Dumbledore. „Sie ist dazu da, bei Entscheidungsprozessen zu helfen – zu zeigen, in welche Richtung deine Seele sich neigt, wenn ein besonders schwerer Entschluss getan werden muss. Stattdessen jedoch habe ich seine Verwendung so verändert, dass er nun anzeigt, ob die beiden Seelen, die in Harry wohnen, getrennt oder verbunden sind. Das Stück von Toms Seele, das in dir liegt, Harry, ist noch getrennt von deiner. Es ist nie in deine eigene Persönlichkeit gesogen worden. Es ist eine heikle Angelegenheit, einen Horkrux in ein Lebewesen fließen zu lassen, da immer die Gefahr besteht, dass die Seele des lebenden Wirts die überlegene Macht wird und es aufbraucht."

„Was passiert dem Wirt, falls das geschieht?", erkundigte sich Hermine angespannt.

„Darauf kann ich nicht präzise antworten, da ich noch keine Belege gefunden habe, dass das jemals geschehen ist. Es wird jedoch vermutet, dass der Wirt selbst, auch wenn das Seelenstück im Wesentlichen zerstört wird, davon verseucht wird", sagte Dumbledore schwer.

Plötzlich war Harry sehr übel, während ihm das Blut aus dem Gesicht wich.

„Das ist bei dir jedoch nicht geschehen. Deine Seele bleibt intakt und wohl getrennt vom dem Stück Voldemorts, das in dir wohnt, Harry", sagte Dumbledore, selbst sehr blass. „Diese Tatsache spricht Bände über die Stärke deines Charakters."

Harry wollte die Unterhaltung von diesem Thema wegsteuern. Professor Dumbledore hatte eine unheimliche Gabe darin, ihn zu durchschauen und seine Absichten zu erkennen. Er konnte sich diese Unterhaltung nicht leisten, wenn die anderen noch im Zimmer waren. Außerdem verkrampfte sein Magen sich so unangenehm, dass er hinaus wollte, bevor er sich in Verlegenheit brachte, indem er sich auf den Boden erbrach.

„Wir haben alle Horkruxe außer einem gefunden. Der Becher war in Hepzibah Smiths altem Haus", berichtete er, während er sich den Bauch rieb. Er erwähnte nicht das Medaillon, da er Dumbledore nicht gestehen wollte, dass die Tortur, die er in seiner Todesnacht durchstanden hatte, für nichts und wieder nichts gewesen war.

„Wir planen, als nächstes das Riddle- Haus zu durchsuchen", sagte Ron nervös. Harry realisierte plötzlich, wie still er während der gesamten Unterhaltung gewesen war. Mit einem Blick zu seinem Freund stellte Harry fest, dass er ebenfalls keine gesunde Gesichtsfarbe aufwies.

„Das Riddle- Haus?", fragte Dumbledore verblüfft. „Ich denke, die Möglichkeit besteht durchaus. Aber es ich halte es für unwahrscheinlich, dass Tom zwei so nahe beieinander versteckt hat."

„Das habe ich mir auch gedacht, aber mir gehen die Ideen aus und ich war der Meinung, es ist eines Versuchs wert", erwiderte Harry achselzuckend.

„Ja, es ist mit Sicherheit eine Möglichkeit. Lasst es mich wissen, wie es vorangeht, und ich werde mir Gedanken machen, was für ein Artefakt von Gryffindor oder Ravenclaw in Toms schmutzige Hände gefallen sein könnte", antwortete Dumbledore.

„Danke, Sir", sagte Hermine.

„Nicht der Rede wert. Es ist ja nicht so, als hätte ich sonderlich viel zu tun in letzter Zeit. Minerva ist eine gute Frau, aber sie hat nicht gerade eine wilde Seite, die eine wunderbare Quelle von Gerüchten und Unterhaltung bildet", erwiderte Dumbledore, wieder mit funkelnden Augen.

„Ja, Sir", sagte Hermine mit rotem Gesicht. Harry, Ron und Ginny unterdrückten ein Schnauben.

„Kommen Sie wieder zu mir, wenn die Zeit Sie nicht so drängt, Miss Granger. Dann werde ich Ihnen erklären, wie die Seelenwaage funktioniert", sagte er. Er blickte Hermine tief in die Augen.

Sie nickte, schwieg aber. Sie verabschiedeten sich und hinterließen den Raum im Dunkeln.


Am darauf folgenden Tag standen die vier Jugendlichen früh auf und brachen nach Little Hangleton auf. Sie hatten es geschafft, Mrs. Weasley auszuweichen, und stattdessen Mr. Weasley Professor McGonagall informiert, dass sie eine Weile außerhalb des Geländes sein würden. Keiner der Erwachsenen erschien erfreut über die Neuigkeiten, aber sie versuchten auch nicht, sie davon abzuhalten.

Harry bemerkte, dass Draco und Pansy sie vom Astronomie- Turm beobachteten, als sie die Straße, die nach Hogsmeade führte, entlanggingen. Er hätte es vorgezogen, ungesehen hinauszuschlüpfen, aber es machte wohl keinen Unterschied. Es war schließlich nicht so, als wüssten die Slytherins, was ihr Ziel war.

„Tja, und hier sind wir wieder", kommentierte Ron. Er kickte nach einem losen Stein auf dem Weg.

Der Stein rollte zu Harry, der ihn abwesend zurückschoss. „Ja. Lasst uns hoffen, dass wir etwas finden, damit wir endlich zu Potte kommen", sagte er seufzend.

Hermine und Ginny tauschten spitze Blicke aus.

„Eigentlich ist es gar nicht so schlimm gewesen", fuhr Ron fort. „Ich meine, sehr viel mehr Recherche, als ich mir vorgestellt hätte, aber wir hatten es ganz gut. Als wir das erste Mal von dieser Suche gesprochen haben – da habe ich gedacht, ihr wisst schon, dass wir in Höhlen leben müssten und so."

„Warum hätten wir das tun sollen?", fragte Harry neugierig. „Dumbledore hat die ganze Zeit direkt von Hogwarts aus Nachforschungen angestellt."

„Ich weiß." Ron zuckte die Achseln. „Ich hab einfach nicht daran gedacht. Herauszufinden, was und wo, hat einfach sehr viel mehr Zeit eingenommen als die eigentliche Zerstörung, das ist alles."

„Zerstörung wird generell sehr schnell ausgeführt, Ron", schaltete sich Hermine ein. Sie schürzte die Lippen. „Das Erschaffen – das ganze Planen ist es, das so lange dauert."

Ron starrte sie finster an, während sein Gesicht eine alarmierend rote Farbe annahm.

Ginny fing Harrys Blick auf und grinste. „Wer zuerst beim Tor ist", sagte sie und lief los, bevor Harry überhaupt Zeit hatte zu antworten.

Grinsend folgte er ihr und ließ Ron und Hermine hinter sich. Harrys lange Schritte halfen ihm, Ginny zu überholen, gerade als sie die Hogwarts- Tore erreichten. Beide streckten sie ihre Hände aus, um ihren Schwung abzufangen. Sie krachten gegen die Eisenstangen, schwer keuchend.

„Ich habe gewonnen", sagte Ginny, nach Luft schnappend.

„Wie kommst du denn darauf?", fragte Harry. Er beugte sich vor, die Hände auf die Knie gestützt. „Ich habe das Tor zuerst berührt."

„Stimmt ja gar nicht", widersprach Ginny empört.

„Stimmt ja wohl", sagte Harry lachend. Er drehte sich um und lehnte seinen Kopf gegen das Tor.

Ginny verengte die Augen und er konnte förmlich sehen, wie es hinter ihren Zimtaugen ratterte. Er setzte einen Gesichtsdruck auf, von dem er hoffte, dass er versöhnlich aussah, und unterdrückte mit Mühe ein Feixen.

„Unentschieden?", schlug er vor.

Ginny schürzte die Lippen und überlegte. Dann nickte sie und knuffte ihm leicht in den Bauch. „Diesmal meinetwegen, aber das nächste Mal kommst du mir nicht so leicht davon", drohte sie.

„Ich werde mich hüten", sagte Harry. Er wackelte mit einer Augenbraue.

Ginny kicherte und legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Meinst du, Ron und Hermine haben aufgehört, sich zu zanken?"

„Ich bezweifle es. Sich über Büchereiarbeit und Nachforschungen zu beklagen geht nie gut aus", antwortete Harry. Er kniff die Augen zusammen, um Ron und Hermine zu erkennen, die in einiger Entfernung über einen Hügel kamen.

Er und Ginny sahen ihren Freunden entgegen, bis auch sie vor den Toren standen. Ron und Hermine sagten nichts und Hermine schaute demonstrativ in die andere Richtung. Harry seufzte. Manche Dinge änderten sich nie.

„Lasst uns gehen, damit wir rechtzeitig zum Abendessen zurück sind", sagte Ron. „Ich bin am Verhungern."

„Ach wirklich?", fragte Ginny in gespieltem Erstaunen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. „Das sieht dir so gar nicht ähnlich, Ron. Geht es dir gut?"

Harry grinste. „In Ordnung, sobald wir außerhalb der Tore sind, werde ich Ginny mit mir apparieren. Ron und Hermine, ihr beide könnt euch einfach leicht an meinem Arm festhalten, so dass ich euch führen kann. Wir werden einige Meter vom Haus entfernt auftauchen, nur für den Fall, dass es beobachtet wird", sagte er und nahm Ginnys Hand.

Er hielt seinen Arm Ron und Hermine entgegen. Aber Hermine zögerte, während ein Stirnrunzeln über ihr Gesicht glitt.

„Du bist dir sicher, dass du eine Stelle im Sinn hast, Harry? Etwas Konkretes?", fragte sie. Sie wirkte ziemlich nervös.

Harry verdrehte ungeduldig die Augen. „Ich bin schon mal dort gewesen, Hermine", schnappte er.

Sie erschien nicht beruhigt, hielt sich aber an seinem Arm fest. Harry rief sich die schmutzige Straße in den Sinn, die zum Riddle- Haus führte. Er erinnerte sich daran, wie sie sich krümmte und hinter dem Friedhof vorbeiführte...

Harrys Sichtfeld verschwamm kurz, bevor er das unbequeme Quetschgefühl vom Apparieren spürte. In seinem geistigen Auge blitzte das Bild von jenem Friedhof an einem sternenklaren Abend vorüber. Er erinnerte sich daran, wie lange Schatten erschienen, als ob diese sich von den Gräbern selbst erhoben...

Erschütterte stellte er fest, dass er in der Mitte von genau diesem Friedhof stand anstatt auf der Straße, die sich daran entlang schlängelte. Schmelzende Schneehaufen hatten den Boden unter ihren Füßen feucht und schlammig gemacht. Die strahlende Nachtmittagssonne an diesem kühlen Tag stand in völligem Kontrast zu der warmen Juninacht, die er so oft in seinen Alpträumen wieder erlebte. Seine Handflächen begannen zu schwitzen und sein Herz hämmerte in der Brust, während furchtbare Erinnerungen all seine Sinne heimsuchten.

Phantombilder von Todessern tauchten aus dem Nichts auf. Der Klang von kaltem, grausamem Gelächter. Der beißende Geruch von Rauch, der in die Nacht emporstieg. Das Gefühl, dass sein Körper auseinander gerissen wurde...

„Au!", brüllte Ron, der auf einem Fuß umherhüpfte und das Knie des anderen Beines umklammerte. „Verdammte Scheiße, Harry. Ich hätte nicht gedacht, dass du uns direkt auf den Friedhof setzen würdest. Ich bin geradewegs auf das Grabmal gekracht."

„Das wollte ich nicht", sagte Harry leise. Seine Augen hefteten sich auf den großen Marmorgrabstein direkt vor ihm. Wie sehr er es auch versuchte, er konnte seinen Blick nicht von dem Namen wegreißen, der auf dem Stein eingemeißelt stand.

Tom Riddle

„Ich habe befürchtet, dass so etwas passieren könnte. Ich habe dir doch gesagt, dass du dir die Stelle sorgfältig vorstellen musst, Harry", sagte Hermine. „Es ist ein Wunder, dass wir nicht alle zersplintert sind."

Sie wirkte hin und hergerissen zwischen Besorgnis, Verärgerung und Frustration – ihr Gesichtsausdruck wechselte rapide zwischen allen dreien hin und her.

„Harry?", sagte Ginny vorsichtig und legte eine Hand auf seinen Oberarm.

„Ja", antwortete Harry. Er schüttelte den Kopf, um ihn zu klären. Verlegen gab er zu: „Im letzten Moment ist mein Geist abgeschweift. Tut mir leid. Wir sind nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, an der wir hätten ankommen sollen. Das ist das Riddle- Haus dort drüben auf dem Hügel." Er deutete in die Richtung, aber wieder wanderten seine Augen zu dem Marmorgrabmal und schweiften über das Grab. Der große Steinkessel war entfernt worden, aber er konnte sich vorstellen, wie er dort schäumte und blubberte. Er erinnerte sich an sein Entsetzen, als sich der Rauch in die Nacht emporkräuselte...

Ron klopfte ihm auf den Rücken. Sein Blick schweifte zwischen Harry und Hermine hin und her. „Wir können es uns nicht leisten zu zersplintern, Kumpel", sagte er. Unbehaglich sah er sich um. „Es wäre ein totales Schlamassel und ich wüsste nicht, wie wir es rückgängig machen könnten."

„Und wir könnten uns nicht an das Ministerium wenden, Harry. Wir wissen nicht einmal, ob es noch existiert", sagte Hermine mit weiten, entschuldigenden Augen. Sie rang nervös die Hände. „Du musst dich beruhigen und vorher nachdenken."

„In Ordnung", sagte Harry etwas ärgerlich. Die Erinnerungen, die auf ihn eingedrungen waren, waren schnell und heftig und sein Atem ging schneller, als er sich an die Nacht erinnerte, die er mit Leichtigkeit die Schrecklichste in seinem ganzen Leben nennen konnte. „Was geschehen ist, ist geschehen. Und uns geht's gut."

„Darum geht es nicht", erwiderte Hermine empört. „Ich weiß, dass es hart für dich ist, Harry. Aber wir können nicht impulsiv handeln. Wir können uns keine Fehler erlauben." Ihr Blick wurde weicher und sie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Ich will dir helfen, Harry, und ich weiß, dass es traumatisch sein muss. Aber ich kann dich nicht unterstützen, wenn du mich nicht lässt. Du musst darauf vertrauen, dass wir mit etwas umgehen können, mit dem du ab und zu nicht fertig wirst."

„Ist es hier geschehen, Harry?", erkundigte sich Ginny leise. Sie hatte die Arme um sich selbst geschlungen und starrte angespannt die Steine an. Für Harry sah sie aus, als würde sie jeden Moment zur Straße sprinten wollen.

„Ja", sagte er. Er wandte seine Aufmerksamkeit von Ron und Hermine ab und konzentrierte sich vollständig auf sie. „Das ist das Grab, an das ich gefesselt war. Wurmschwanz hat es getan, bevor ich überhaupt wusste, was mit mir geschah." Schweigend fuhr er sich mit einer Hand über die Wange, während er an den Schlag dachte, mit dem Wurmschwanz ihn zum Schweigen gebracht hatte.

Er wusste nicht warum, aber plötzlich verspürte er das verzweifelte Verlangen, darüber zu sprechen – ein Drang, den er noch nie zuvor gefühlt hatte. „Der Kessel stand hier und Wurmschwanz stand zwischen uns. Er trug das Ding, das Voldemort war. Er sah aus wie eine Art groteskes Baby. Als Wurmschwanz ihn in den Kessel geworfen hat, habe ich gehofft, dass er ertrinken würde", flüsterte Harry. Er schluckte schwer.

Wieder klopfte Ron Harry auf den Rücken. „Lass uns hier rauskommen, Kumpel. Wir haben ein Haus zu durchsuchen."

Ron war sichtlich nervös. Harry wusste, dass er sich von den emotionalen Geschehnissen entfernen wollte, die hier vorgefallen waren, sowohl Harrys als auch seinetwillen.

„Wo hat das Priori Incantatum stattgefunden?", wollte Hermine wissen. Ihre Wut über ihren Beinahe- Apparier- Unfall war Neugier gewichen.

„Da drüben", sagte Harry und zeigte ihr die Stelle. Er starrte zu der kleinen Lichtung, auf der er und Voldemort sich duelliert hatten – wo er zum ersten Mal die Schatten seiner Eltern gesehen hatte. Einige der Grabmäler waren angeschlagen und zerbrochen und er konnte Verbrennungen, die von Flüchen herrührten, an vielen Kanten sehen. Er schauderte.

„Aber du konntest flüchten", flüsterte Ginny. Sie ließ ihre kleine Hand in seine gleiten. „Merlin sei Dank."

„Es war furchtbar, in jener Nacht auf den Tribünen zu sitzen und nicht zu wissen, was geschah", sagte Hermine. Ihre Augen nahmen denselben entfernten Ausdruck an, von dem Harry wusste, dass er ebenfalls in seinem Blick zu sehen war. „Wie ein Lauffeuer haben sich Gerüchte verbreitet, dass einer der Champions tot war."

„Wir hatten solche Angst, dass du es warst", fuhr Ron mit einem kurzen Blick auf Harry fort. Sein Tonfall war tief und barsch, wie um absichtlich Emotionen aus seiner Stimme zu bannen.

Harry schüttelte den Kopf.

„Cedric ist genau dort gestorben", sagte er und deutete mit einem zittrigen Finger auf die Stelle. Das Bild war noch immer in seinen Kopf eingebrannt.

Sie standen eine Weile schweigend beisammen und gedachten ihres gefallenen Schulkameraden, bevor Ginny an Harrys Hand zog. „Kommt. Wir können nichts daran ändern, wenn wir hier rumstehen."

„Ginny hat Recht", sagte Hermine. Sie holte tief Luft. „Es ist die Zukunft, über die wir etwas Kontrolle haben. Lasst uns das Riddle- Haus durchsuchen gehen."

Harry gestattete den Mädchen, ihn wegzuführen. Ihre Zuversicht machte ihm etwas Mut. Sie hatten Recht. Er hatte etwas Kontrolle über die Zukunft von ihnen allen. Dieses eine Mal war er nicht vollkommen abhängig von jemand anderem.

Als sie sich dem Haus näherten, hielt Harry wachsam die Augen nach Goyle oder anderen Anhängern Voldemorts Ausschau, die den Ort überwachen könnten. Er konnte nichts entdecken. Spuren von makellosem Schnee umgaben noch immer den Weg, der zum Haus hochführte. Keiner hatte diesen Weg betreten, zumindest nicht seit dem letzten Schneefall.

„Sieht nicht so aus, als wäre jemand seit Ewigkeiten hier gewesen, Harry", stellte Hermine fest. Sie klang zugleich erleichtert und enttäuscht.

„Ich weiß. Wir werden uns trotzdem drinnen umsehen. Aber ich glaube nicht, dass er hier ist", erwiderte er.

Hermine hob die Augenbrauen, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars.

Harry stemmte die Schulter gegen die Tür und schob, worauf sie sich leicht öffnete, als wäre sie schon viele Male aufgezwungen worden. Er konnte sehen, dass der Türpfosten zersplittert und morsch war. Er war offensichtlich schon mehrmals ausgebessert worden. Harry konnte vage spüren, dass einige Schutzzauber das Haus umgaben, und wusste instinktiv, dass sie von innen nicht disapparieren konnten.

Sie traten ein und fanden das Innere des Haus beinahe völlig abgeschirmt vom Licht vor. Dunkle Tapeten und schwere Vorhänge schlossen die Nachmittagssonne vollständig aus und trugen zur unheimlichen... gruseligen... Atmosphäre des Hauses bei. Wären sie unschuldige Kinder gewesen, wäre es genau die Art von Haus, der sie hastig ausgewichen wären.

„Lumos", sagte Hermine und das Glühen von der Spitze ihres Zauberstabs warf einen Schatten durch den Raum. Sie ging zu dem kleinen Lichtschalter an der Wand und betätigte ihn, aber nichts passierte. „Der Strom muss ausgeschaltet worden sein."

„Grandios", kommentierte Ron. Seine Augen schossen schnell von einer Seite zur anderen, um nach einer möglichen Bedrohung zu suchen.

Die anderen erleuchteten alle ihre Zauberstäbe und schwärmten aus. Eine dicke Schicht von Staub bedeckte den Boden und Möbel und Harry fragte sich abwesend, warum das Haus nicht verkauft worden war. Offensichtlich kümmerte sich keiner mehr darum. Er bewegte sich auf die Treppe zu.

„Voldemort hat ein Zimmer oben benutzt", flüsterte er, selbst nicht sicher, weshalb er den Drang verspürte, seine Stimme so niedrig zu halten.

„Woher weißt du das?", raunte Ginny zurück.

„Ich habe es in einem Traum gesehen", erwiderte er knapp. Er fand es beunruhigend, dass er irgendwie das Gefühl hatte, zu diesem Haus zurückzukehren, obwohl er wusste, dass er niemals physisch hier gewesen war.

Im oberen Stock bedeckte ebenfalls eine Staubschicht den Boden, aber Harry konnte vage Schleifspuren ausmachen – Spuren von Naginis Anwesenheit. Erinnerungen von Voldemort bei seinem Mord an dem Muggle, der ihn hier entdeckt hatte, erfüllte Harrys Geist und plötzlich wollte er nicht, dass Ron ihm in den Raum folgte.

„Nimm den Zauberdetektor und schau dich unten um. Ich werden das Zimmer hier oben unter die Lupe nehmen", sagte er. Er reichte Ron den Detektor.

Ron zuckte die Achseln, nahm den Zauberdetektor und drehte sich um. Hermine warf Harry einen misstrauischen Blick zu, bevor sie Ron die Treppe hinunter folgte. Ginny blieb jedoch bei ihm.

„Warum fängst du nicht am Ende der Halle an und ich gehe hier entlang?", schlug er vor, obwohl er ihre Antwort bereits wusste.

„Was soll das bringen? Ich kann es nicht so spüren wie du und wir haben nur den einen Zauberdetektor. Es ist besser, in Paaren zusammenzubleiben", sagte Ginny mit leichtem Stirnrunzeln.

Seufzend begann er, sich wieder vorwärts zu bewegen, wobei er versuchte, sie mit seinem Körper abzuschirmen. Er wusste nicht, ob ihr bewusst war, was er tat, vermutete es aber, da sie immer wieder in andere Richtungen ging, um verschiedene Gemälde an der Wand zu begutachten oder in einen offenen Raum zu spähen. Er sprang praktisch von Wand zu Wand, um vor ihr zu bleiben. Er knirschte die Zähne vor Frust.

Als sie endlich den Raum am Ende der Halle erreichten, überkam Harry ein gewaltiges Dèjávu. Er sah genau so aus, wie er in seinen Träumen erschienen war, bis hin zu dem großen Sessel im Zentrum des Zimmers.

Harry blickte sich um, lugte in Ritzen, Spalten und jede Ecke und obwohl er nichts fand, wollten seine Nerven sich nicht beruhigen. Er vermutete, dass seine Anspannung mehr von den Geschehnissen hier herrührte als von irgendeiner momentanen Bedrohung, doch er konnte das unbehagliche Gefühl nicht abschütteln. Es machte ihn nervös und er hatte den Verdacht, dass es Ginnys Besorgnis nur noch verstärkte. Sie blieb bei ihm, während er jeden Raum durchsah, obwohl sie herumwanderte, hinter Porträts spähte und Gegenstände aus den Regalen nahm.

Keiner von ihnen sprach, während sie sich von Raum zu Raum arbeiteten, und die Nackenhaare standen Harry zu Berge. Irgendetwas war faul an diesem Haus.

Schließlich, im letzten Raum, versuchte Harry, die Stimmung aufzuhellen und Ginnys Spannung zu mildern, indem er ihr jedes Mal, wenn sie vorbeiging, in die Rippen knuffte. Er konnte sehen, dass sie langsam ärgerlich wurde, aber konnte auch das Lachen in ihren Augen erkennen.

„Harry, du bist ein Trottel", sagte sie schließlich.

Harry grinste, während er auf einen Tisch pustete, so dass eine Staubwolke um sie herumwirbelte. „Bin ich nicht", erwiderte er kindisch.

Kopfschüttelnd kehrte Ginny zu ihrer Beschäftigung zurück, leicht lächelnd. Sie setzen ihre Suche schweigend fort.

„Irgendetwas da oben gefunden?", rief Rons Stimme vom unteren Stockwerk, worauf Harry und Ginny beide zusammenfuhren.

Sie grinsten einander wissend zu. Schweigend kamen sie überein, Ron niemals wissen zu lassen, dass er sie erschreckt hatte.

„Nö. Hier ist nichts", rief Harry.

„Von dem Haus bekomme ich Gänsehaut", sagte Ron.

Obwohl Ron ihn nicht sehen konnte, nickte Harry zustimmend. Er sah zu, wie Ginny einige Gegenstände auf einem antiken Schreibtisch begutachtete. Er schlüpfte leise wieder in den Raum, duckte sich hinter die andere Seite des Tisches und streckte plötzlich den Kopf hoch.

„Guten Abend", sagte er in seiner besten Imitation einer Vampirstimme, die er im Fernseher der Dursleys aufgeschnappt hatte.

Ginny schrie auf, sprang zurück und zückte ihren Zauberstab. „Sternumentum", rief sie und Harry hatte kaum Zeit, einen Schild hochzuziehen, bevor eine Masse von geflügelten Kreaturen, die mit Schleim bedeckt waren, gegen die Wand krachten.

„Reducto", zischte Ginny und stolperte rückwärts, als der Schreibtisch in Splitter zerbarst.

Harry musste sich über den Boden wälzen, um Verletzungen zu entgehen.

„Ginny!", brüllte er, als sie wieder den Zauberstab hob.

Mit wildem Blick und schwer keuchend, wandte Ginny sich in seine Richtung und blinzelte verwirrt. „Harry", brachte sie matt hervor und sank gegen die Wand.

Harry stand auf und bürstete sich den Schmutz von seiner Kleidung. „Du hast versucht, mich zu verhexen", sagte er engeistert.

Er konnte Ron und Hermines hastige Schritte auf der Treppe hören. Sie stürmten panisch in den Raum, gerade als Ginnys Schock einem Wutanfall wich.

„Was in Merlins Namen hast du dir dabei gedacht? Du hast mich zu Tode erschreckt, Harry!", kreischte sie. Wieder zückte sie ihren Zauberstab.

„Du hast versucht, mich zu verhexen", wiederholte er blinzelnd.

„Mach das noch einmal und ich werde es nicht nur versuchen", keifte Ginny. Endlich steckte sie ihren Zauberstab wieder in die Tasche.

„Was hast du getan?", wollte Ron wissen, nicht sicher, ob er für Ginny wütend auf Harry sein oder über ihn lachen sollte.

„Er hat sich an mich herangeschlichen und mit einer anderen Stimme gesprochen", sagte Ginny mit finsterer Miene. „Hat mich fast zu Tode erschreckt."

„Harry!", sagte Hermine vorwurfsvoll und schlang Ginny einen Arm um die Schultern.

„Es sollte eine Vampirstimme sein", jammerte Harry.

Nicht mehr länger in der Lage, sich zusammenzureißen, warf Ron seinen Kopf zurück und brüllte vor Lachen.

„Das ist nicht lustig, Ron", sagte Ginny und versetzte ihm einen Klaps auf den Arm.

„Doch", erwiderte Ron, als er endlich nach Luft schnappen konnte. Tränen strömten ihm über das Gesicht. „Ginny Weasley gibt zu, dass sie Angst hatte, und Harry Potter wird am selben Tag beinahe von seiner eigenen Freundin gelyncht. Was ist daran nicht lustig?", fragte Ron und brach wieder in Lachen aus.

Obwohl Hermine versuchte, es zu verbergen, sah Harry, wie ihre Lippen zuckten.

„Ich hatte keine Angst", sagte Ginny. Sie hob trotzig ihr Kinn in die Luft. „Er hat mich nur erschreckt, das ist alles."

„Das ist alles", sagte Harry und biss sich in die Wange.

Endlich verlor Hermine den Kampf und lehnte sich kichernd gegen Ron. „Merlin, Ginny. Wenn du dein Gesicht gesehen hättest."

„Sind wir fertig?", fragte Ginny finster. Zwei rote Flecken zierten ihre Wangen.

„Ja, hier ist nichts", erwiderte Harry. „Wir sind wieder am Nullpunkt angekommen."

„Dann sollten wir besser zurückgehen", sagte Ginny kühl. Sie drehte sich auf dem Absatz um und verließ mit hoch erhobenem Haupt den Raum.

„Verdammt. Jetzt steckst du in Schwierigkeiten", stellte Ron schnaubend fest.

„Als ob ich das nicht selbst wüsste", murmelte Harry und folgte Ginny.

Noch immer kichernd sagte Hermine: „Das war wirklich ein fieser Streich, Harry."

Als Harry die Treppe hinunterstieg, schoss ihm plötzlich ein gewaltiger Schmerz durch den Kopf. Sein Sichtfeld verschwamm und er fiel vornüber, so dass er die letzten paar Stufen hinunterfiel und in Ginny krachte. Er packte seinen Kopf vor Qualen und konnte seine Schreie nicht unterdrücken.

Der Schmerz in seinem Kopf war überwältigend. Es fühlte sich an, als stünden die Wurzeln seines Haars in Flammen, die sich durch seinen Schädel fraßen. Er krallte seine Finger hinein und riss sich Haare heraus, um die brennende Pein zu stoppen.

Er konnte entfernt hören, wie seine Freunde seinen Namen riefen, konnte aber nicht an dem heftigen Druck in seinem Kopf vorbei. Er fühlte eine dunkle Anwesenheit in seinem Geist, die sich um seine Gedanken wand und durch seine eigenen Augen schaute. Er versuchte, dagegen anzukämpfen, die Anwesenheit zurückzudrängen, aber sie war zu stark. Eisige Tropfen wirbelten in seinem Kopf, trübten seine Gedanken und verwirrten ihn. Ihm war so kalt.

Die Schlange in seinem Geist ließ seinen Blick zu seinem Standort schweifen, studierte eingehend die Tür und den umgebenden Raum. Harry spürte kalte, kalkulierende Erleuchtung. Mit kalter Berechnung wandte er seine schlitzförmigen Augen zu Ron, Hermine und Ginnys panischen Gesichtern. Es war das Entsetzen seiner Freunde gepaart mit dem Gefühl, dass das Böse in seiner Seele sich bei ihrer Anwesenheit erregt fühlte, was Harry endlich ermöglichte, die Dunkelheit aus seinem Geist zu drängen. Er spürte, wie sie in einem Wirbelstrom allmählich schwand, als ob sie einen Abfluss hinuntergespült würde.

Der Schmerz ebbte langsam ab, bis nur noch ein dumpfes Pochen zurückblieb. Harry lag keuchend auf dem Boden. Seine Handflächen waren aufgeschlagen und bluteten von seinem Versuch, seinen Sturz aufzufangen, und sein Fußknöchel unter ihm schmerzte.

„Harry", sagte Ron, ihn leicht schüttelnd. „Wach auf, Harry. Kannst du mich hören?"

Harry stöhnte. Sein Körper tat überall weh. Er wollte in den Schlaf gleiten, der ihn lockte, aber Ron ließ es einfach nicht zu. Dunkle Schatten krochen in sein Sichtfeld und drohten ihn vollständig zu übermannen.

„Harry, wach auf", sagte Hermine und ohrfeigte ihn.

Wieder aufstöhnend riss er sein Gesicht frei und versuchte, die Augen zu öffnen. Sie wollten nicht kooperieren und es dauerte einige Momente.

Blinzelnd realisierte er, dass er auf dem Boden an Rons Brust lag, der ihn fest umklammerte. Als hätte er Harrys neues Bewusstsein gespürt, ließ Ron ihn los, obwohl er ihn weiterhin stützte.

„Du hast wie verrückt um dich geschlagen. Ich dachte schon, du hättest einen Anfall", sagte Ron. Er klang panisch.

„Was ist passiert, Harry?", fragte Ginny mit blassem und tränenüberströmtem Gesicht.

Harry runzelte verwirrt die Stirn. Plötzlich stürmte die Erinnerung wie eine riesige Welle auf ihn ein. „Wir müssen hier raus", rief er und versuchte aufzustehen. Er wäre wieder umgefallen, hätte Ron ihn nicht aufgefangen.

„Ganz ruhig, Kumpel. Lass dir Zeit", sagte Ron.

„Nein! Ihr versteht nicht. Er weiß, dass wir hier sind. Voldemort!", keuchte Harry und kroch wieder in Richtung Tür. Er musste sie hier rausschaffen. Er konnte nicht noch jemanden verlieren.

Hermine, die endlich seine Dringlichkeit begriffen hatte, sprang auf die Füße, wobei sie Ginny mit sich hochzog.

„Lasst uns gehen", sagte sie und riss die Tür auf.

Ron zog Harry auf die Füße und schlang seinen Arm um ihn.

„Schnell", stöhnte Harry.

Als sie draußen auf der Terrasse waren und Harry den Friedhof am Fuße des Hügels sehen konnte, begann Popp- Geräusche des Apparieren die Luft zu erfüllen.

Beide Mädchen standen auf der Terrasse, die Zauberstäbe gezückt.

„Geht! Worauf wartet ihr noch?", rief er.

Er versuchte, seinen Geist zu klären und sich auf die Hügel, die außerhalb von Hogsmeade die Tore Hogwarts' umgaben, zu konzentrieren. Doch er konnte seine Gedanken nicht sammeln. Eine wirbelnde Masse von Grau trübte sein Sichtfeld und verdunkelte den Himmel.

Er spürte, wie seine Knie nachgaben, und sein letzter Gedanke, bevor er das Bewusstsein verlor, war, dass er letzten Endes doch auf jenem gottverlassenen Friedhof sterben würde.