Kapitel 25 – Narben

Die Spätnachmittagssonne schien schwach über die schottischen Hügel, die die Hogwarts- Schule für Hexerei und Zauberei umgaben. Die Kühle des Februars durchdrang das Dorf Hogsmeade und es tropfte von Eiszapfen auf die Pflastersteine. Wie üblich während dieser Tage politischer Unruhen war das Dorf beinahe verlassen. Keiner wollte riskieren, in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, für den Fall dass Voldemorts Anhänger zuschlugen. Die Zaubererwelt war großteils untergetaucht, mit angehaltenem Atem und auf das nächste Unglück wartend.

Der Boden an den Toren von Hogwarts war schlammig und mit Pfützen übersät. Die Eisentore fügten sich nahtlos an den grauen Himmel an. Ein lautes Popp- Geräusch durchbrach die Stille, worauf ein paar vereinzelte Vögel krächzten und von ihren Zweigen flatterten. Hermine und Ginny tauchten in einigem Abstand zu den Toren auf. Einen Moment später kam Ron, der einen bewusstlosen Harry umklammerte.

Harry sank auf den Boden und beide Mädchen eilten zu ihm. Er stöhnte, während die Augen aufflatterten, und bemühte sich, Verwirrung und Orientierungslosigkeit abzuschütteln. Sein Kopf pochte unangenehm und er hob einen schmerzenden Arm, um seine Augen vor der Sonne abzuschirmen.

„Was ist passiert?", nuschelte er.

„Harry, geht's dir gut?", rief Hermine mit einem panischen Tonfall. „War es Voldemort? Das ist schon lange nicht mehr passiert. Das ist nicht gut."

Ginny legte ihre Hand auf seinen Kopf und strich sanft sein Haar zurück. „Kannst du aufstehen?", fragte sie sanft.

Grunzend stützte Harry sich auf seine Ellenbogen. „Mir geht's gut – nur Kopfschmerzen. Wir sollten reingehen."

Ron half ihm hoch, doch bevor Harry sicheren Stand gefunden hatte, zerrissen noch einige Popp- Geräusche die Luft. Eine Schar Todesser, voll umhüllt und maskiert, stand zwischen den vier Jugendlichen und den Toren zu Hogwarts.

„Da", rief einer der Männer und zeigte auf sie.

Alle vier Jugendlichen hechteten in die Deckung der Bäume, die die Straße säumten. Harrys Kopf pochte schmerzhaft, doch er ignorierte es und zog seinen Zauberstab. Er zählte fünf Todesser, bevor eine Serie von Sprengflüchen die Bäume trafen, an denen er kauerte. Geduckt bewegte er sich rasch zu Hermines Versteck.

„Alles in Ordnung?", flüsterte er.

Sie nickte. „Ron und Ginny sind auf der anderen Seite der Straße, aber ich kann zwei Todesser auch da suchen sehen."

Harry fluchte, als der Baum, an den er sich drückte, von einem roten Lichtblitz getroffen wurde, der seinen Kopf nur um Zentimeter verfehlte. Er zielte mit seinem Zauberstab und streckte erfolgreich den ersten Todesser mit einem mächtigen Lähmfluch nieder. Der Mann fiel zu Boden. Der zweite schaffte es, rechtzeitig einen Schild hochzuziehen, bevor er ebenfalls Deckung hinter den Bäumen suchte.

Eine Salve von Funken erhob sich auf der anderen Seite der Straße, als entweder Ron oder Ginny mit einem der maskierten Todesser einen Fluchaustausch ausfocht. Harry sah eine weitere Gestalt, die auf der Suche nach ihnen den Wald betrat.

„Einer bewacht die Tore", raunte Hermine.

„Wir werden nach Hogsmeade apparieren und durch den Tunnel unterm Honigtopf zurückgehen", sagte Harry. „Wir müssen nur Ron und Ginny wissen lassen, wohin wir gehen."

„Haben sie die Tunnels letztes Jahr nicht blockiert?", fragte Hermine, die ihren Zauberstab auf die Bäume hinter Harrys Rücken gerichtet hielt.

„Darum kümmern wir uns, wenn wir da sind. Wir sind immer noch sicherer, wenn wir von den Todessern wegkommen", erwiderte Harry.

Wieder sprühten Funken an den Bäumen auf der anderen Seite und er hörte Ginny rufen: „Stupor."

Unsicher, wo sich die anderen drei Todesser verbargen, wollte Harry es nicht riskieren, über die Straße zu rennen. Er würde Hermine entweder zurücklassen oder sie ins offene Feld zerren müssen, wo sie ein gutes Ziel abgäbe. Keine der Optionen konnte er riskieren. Plötzlich kam ihm eine Idee.

Er schwang seinen Zauberstab durch die Luft, so wie er es einmal bei Tonks gesehen hatte, und konzentrierte sich auf die Nachricht, die er senden wollte. Krone sprang von seinem Zauberstab, schlenderte über die Straße und verschwand zwischen den Bäumen.

Harrys Kopf pochte und er musste sich am Baum festhalten, um aufrecht stehen zu bleiben. Genau diesen Moment suchte sich der Todesser aus, um hinter einem Baum hervorzuspringen.

„Diffindo", knurrte er.

Harry duckte sich, doch er hörte Hermine vor Schmerz aufkeuchen.

„Stupor. Reducto. Tarentallegra", rief Harry kurz hintereinander.

Der Todesser schaffte es, die ersten beiden Flüche zu blocken, musste sich aber vor dem dritten wegrollen. Während er auswich, wirbelte Harry herum und packte Hermines blutenden Arm. Er apparierte sie nach Hogsmeade direkt vor den Honigtopf. Ron und Ginny warteten bereits dort.

„Hermine!", rief Ron und streckte seine Hand nach Hermines verletztem Arm aus.

„Alles in Ordnung", sagte sie mit verzogenem Gesicht. „Lasst uns hier rauskommen."

„Wie sind sie uns gefolgt?", fragte Ginny, an ihrer Halskette zupfend. „Es ist nicht möglich, Apparierkoordinaten so schnell aufzuspüren."

„Es sei denn, sie wussten, wohin wir gegangen sind", sagte Ron grimmig.

Harrys Augen kreuzten sich mit Rons ernstem Blick. Eine schweigende Kommunikation ging zwischen ihnen hin und her.

„Passt auf", raunte Harry und zog die anderen weiter in den Schatten des Geschäftseingangs, gerade als zwei Zauberer auf der Straße an ihnen vorbeirannten.

„Ich habe die Nachricht bekommen, dass sie gerade an den Toren gesichtet wurden, aber sie sind disappariert. Sie müssen irgendwo hier sein, wenn sie zurück in die Schule wollen. Martin bewacht das Tor. Wir müssen in den Geschäften nachsehen", sagte der eine zum anderen.

„Das wird Ewigkeiten dauern", beschwerte der andere sich. „Was machst du hier überhaupt, Busby?"

„Ich bin vom Dunklen Lord persönlich hier postiert worden", antwortete der andere und streckte gewichtig die Brust heraus. „Jetzt geh. Du nimmst die Straßenseite dort drüben. Ich fange hier an."

Sobald sie außer Sicht waren, packte Ginny Harrys Hand und zog ihn in den Süßigkeitenladen. „Wir sollten uns besser beeilen. Es wird nicht lange dauern, bis sie den Honigtopf durchsuchen", sagte sie.

„Harry, das war Busby Goyle", sagte Hermine. Ihre Augen strahlten.

„Ich weiß", erwiderte er, während er versuchte, seine Aufregung zu dämpfen.

„Wir werden uns später Gedanken darüber machen, was das zu bedeuten hat. Jetzt lasst uns zurück nach Hogwarts gehen", schaltete Ron sich ein, der noch immer versuchte, das Blut an Hermines Arm zu stillen.

Trotz seines pochenden Kopfes konnte Harry den Schmerz in Hermines Augen erkennen. Ron hatte Recht. Alle sicher in den Schutz von Hogwarts zu bekommen, hatte oberste Priorität.

„Episkey", sagte er, den Zauberstab auf Hermines Arm gerichtet. „Meine Heilzauber sind nicht besonders gut, aber es sollte für eine Weile halten."

„Du musst langsamer machen und deinen eigenen Herzschlag beruhigen, bevor du den Zauber ausführst", sagte Hermine. „Das habe ich in einem der Medizinbücher gelesen, nachdem ich mein Haar verloren habe."

Harry grinste. „Ich denke nicht, dass ich das richtige Temperament für einen Heiler habe", sagte er schelmisch.

Er ging voran in den Honigtopf und blickte sich wachsam im Raum um, bevor er Ron und Hermine bedeutete, die Tür hinter ihnen zu schließen. Der Laden war bei Harrys früheren Besuchen immer dicht gedrängt gewesen. Der Mangel an Kunden machte es ihnen nun unmöglich, unbemerkt in den Vorratsraum zu schleichen.

„Kinder! Meine Güte, Hal. Hier sind Kinder im Laden", rief eine ältere Frau, die auf sie zueilte. „Oh, es ist eine Schande, dass die Schule dieses Jahr nicht offen hat. Eltern in der Stadt lassen ihre Kleinen nicht mehr raus und selbst die Geschäfte über den Bestellservice laufen lahm. Was kann ich für euch tun? Wir haben gestern eine ganz neue Lieferung von Zuckerfederkielen bekommen."

„Genau das haben wir gehofft", sagte Ginny mit einem strahlenden Lächeln. „Wir nehmen eine Box."

Harry starrte sie nur entgeistert an. Sie stieß ihm ihren Ellenbogen in den Bauch.

„Wir können sie nicht austricksen, ohne irgendetwas zu kaufen", zischte sie leise.

Harry würde nie ihre Logik begreifen können, zahlte aber für die Zuckerfederkiele, während Ginny einen von Fred und George Feuerwerkskörpern hinter den Tresen rollte. Er explodierte unter dicken Rauchschwaden, worauf mehrere Gegenstände von den Regalen flogen.

„Was zum Teufel? Hal!", schrie die Frau, die bereits Gläser von Süßigkeiten aufhob und an ihren angestammten Platz zurückstellte.

Harry nahm Ginny an der Hand und führte die anderen in den Hinterraum, wo er schnell zu einem Fass auf dem Boden eilte. Ron half ihm, es zur Seite zu schieben, worauf eine versteckte Falltür zum Vorschein kam.

Ron zog sie auf und Harry stieg voran in den Tunnel hinab, der darunter lag. Das wuselnde Geräusch von kleinen Tieren, die vor dem plötzlichen Licht flüchteten, erfüllte die Stille. Ginny schauderte und rückte näher zu Harry.

„Was ist das?", fragte sie.

„Geheimtunnel nach Hogwarts", erwiderte Harry und trat in den dunklen Tunnel, seinen erleuchteten Zauberstab vor sich haltend.

„So haben Fred und George Zeug für die Gryffindor- Quidditch- Partys besorgt", erklärte Ron mit einem liebevollen Lächeln.

„Fred und George wussten davon?", fragte Ginny stirnrunzelnd. „Wie kommt es, dass sie mir nie davon erzählt haben?"

„Mir haben sie auch nichts gesagt", erwiderte Ron. Er schien bei der Erinnerung ein wenig verstimmt. „Sie haben Harry eingeweiht."

Ginny hob eine Augenbraue und Harry bildete sich ein, Vorwurf in ihrem Blick zu lesen. „Es war in meinem dritten Schuljahr, als mir Hogsmeade verboten wurde. Ich denke, sie hatten einfach Mitleid mit mir", sagte er, in der Hoffnung, dass ein wenig von diesem Mitleid sich auch auf die jüngeren Weasleys erstreckte.

Sie schwiegen eine Weile, während Ginny diese neue Information verarbeitete. Harry hatte vergessen, wie lang der Weg war, und sie keuchten alle vor Anstrengung, als sie zu der Platte kamen, die von der Statue der buckligen Hexe verborgen wurde. Harry fand, die Platte erschien sehr viel kleiner als beim letzten Mal, da er den Gang benutzt hatte.

Er richtete seinen Zauberstab auf die Stelle, an der die Öffnung erscheinen sollte, und sagte: „Dissendium."

Nichts geschah.

„Er ist versiegelt worden, Harry", sagte Hermine und lehnte sich gegen die Wand. Sie war blass und ihre Stirn feucht.

„Alohomora", sagte er. Er war sich sicher, dass ein einfacher Öffnungszauber nicht funktionieren würde, versuchte es aber nichtsdestotrotz.

„Nein, es kann nichts sein, das einfach jeder schaffen könnte, der den Tunnel entdeckt", sagte Ron. „McGongall ist zu schlau dafür."

„Ich denke, ich könnte einen Patronus schicken, dass sie uns rauslassen sollen", sagte Harry. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, jemanden im Orden nach Hilfe fragen zu müssen. Doch ihm blieb wohl nichts anderes übrig... der Eingang war wahrscheinlich mit einem Zauber verschlossen, den er nicht kannte.

Plötzlich kam ihm eine andere Idee.

„Dobby!", bellte er.

Der kleine Hauself erschien sofort neben ihm und ergriff entzückt seine Hand. „Harry Potter, Sir! Dobby ist erfreut, Harry Potter sicher im Schloss zu sehen. Seine Misses Wheezy bekommt gerade Zustände, wo Harry Potter und ihre anderen Wheezys hingegangen sind", rief Dobby. Seine großen Augen schweiften über jeden von ihnen.

„Dobby, meinst du, du könntest uns helfen, hier rauszukommen? Wir müssen Hermine in den Krankenflügel bringen, aber die Tür ist verschlossen", sagte Harry.

Bevor die Worte vollständig aus Harrys Mund waren, verflüchtigte sich die Mauer vor ihnen und gab den Eingang zu Hogwarts frei.

„Danke, Dobby!", rief Harry und drückte die Hand des kleinen Elfen.

„Dobby ist sehr gut darin, Barrieren zu blockieren und freizugeben", sagte Dobby stolz.

„Ja, ich erinnere mich", erwiderte Harry kläglich. „Vielen Dank, Dobby. Ich bin dir was schuldig."

„Dobby ist es, der Harry Potter etwas schuldig ist, Sir", rief Dobby bestürzt. „Harry Potter hat Dobby gerettet und ihm Freiheit geschenkt. Dobby würde sein Leben für Harry Potter geben."

„Sag das nicht", schnappte Harry barscher, als er beabsichtigt hatte.

Die anderen blickten ihn an und er wandte sich vor dem Mitleid in ihren Augen ab.

„Tu mir noch einen Gefallen, Dobby, und sag Madam Pomfrey bescheid, dass wir auf dem Weg zu ihr sind", sagte Harry, während er Hermine aus dem Tunnel half. Sobald alle vier im Korridor standen, verschloss Dobby den Eingang wieder und verschwand.

„Du musst dich auch von Madam Pomfrey untersuchen lassen, Harry", sagte Hermine mit leicht verzogenem Gesicht. Ihr Arm hatte trotz Harrys Heilzauber wieder begonnen zu bluten.

„Mir geht's gut", erwiderte Harry. Er zuckte zusammen, als sein Kopf besonders schmerzhaft pochte.

„Dir geht's nicht gut, Harry. Was ist da passiert? Das ist eine wirklich lange Zeit nicht mehr vorgekommen", fragte Hermine stirnrunzelnd.

Harry schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt, doch. Es ist in der Nacht geschehen, in der die Todesser Grimmauldplatz angegriffen haben."

„Was? Warum hast du nichts gesagt?", schrie Hermine.

„Ich hab's vergessen. In der Nacht ist so viel passiert. Ich habe aber darüber nachgedacht, was heute geschehen ist. Ich denke, Voldemort hat versucht herauszufinden, wo ich war", sagte er langsam. „Er hat durch meine Augen gesehen, wie ich es manchmal durch seine tue."

„In genau diesem Moment?", fragte Ron ungläubig. „Klingt sehr fragwürdig für mich."

„Ich glaube, er weiß, dass ich hier im Schloss wohne, und ich denke, er wusste, dass ich es verlassen habe", sagte Harry. „Pansy und Draco haben gesehen, wie wir aufgebrochen sind."

„Meinst du, Malfoy spioniert uns aus?", fragte Ginny. Ihre Wangen färbten sich langsam rot.

„Ich weiß nicht, aber findet ihr es nicht auch seltsam? Wie leicht wäre es ihnen gefallen, Voldemort einfach mit einer Eule mitzuteilen, dass ich losgegangen bin? Es würde Malfoy mit Sicherheit helfen, wieder in seine Gunst zu kommen, oder nicht?", fragte Harry.

„Ich habe eine Unterhaltung zwischen ihnen belauscht in der Nacht, als Voldemort Kontrolle über das Ministerium ergriffen hat", sagte Ginny, abwesend Harrys Arm reibend. „Malfoy hat wirklich panisch geklungen... Ich denke, er könnte etwas Verzweifeltes getan haben."

Harry runzelte die Stirn. „Malfoy mag unbedacht sein, aber er ist nicht dumm. Er weiß, wie Voldemort tickt. Selbst wenn er mich auf einem Tablett serviert, würde Malfoy immer noch tot enden für das, was Voldemort als Verrat ansieht. Er ist nicht von der Sorte, die leicht verzeiht."

„Was ist mit Pansy?", fragte Hermine.

„Sie ist genauso eine Schlange wie er", sagte Ron mit finsterem Blick. „Aber was hat sie davon, wenn sie spioniert? Voldemort hat ihren Vater umgebracht. Wenn ich sie wäre, würde ich Rache wollen."

Harry zuckte die Achseln. „Ich kann nicht einmal im Ansatz ihre Logik für ihre Taten verstehen."

„Vielleicht denkt sie, sie kann Draco retten, indem sie Voldemort beschafft, was er will", sagte Ginny. Ihre Augen weiteten sich. „Ich muss zugeben, dass ich eine seltsame Verbindung mit ihr gefühlt habe, als ich hörte, wie besorgt sie um Dracos Überleben war. Ich konnte verstehen, wie sie sich gefühlt hat – alles tun zu wollen, um zu helfen."

„Du würdest nie einen Pakt mit Voldemort schließen, Ginny", widersprach Harry heftig.

„Natürlich nicht", sagte Ginny und verdrehte die Augen. „Aber ich war auch nie auf seiner Seite. Es würde mir nie in den Sinn kommen, dass er dich am Leben lassen könnte."

Sie mussten ihr Gespräch unterbrechen, als sie den Krankenflügel erreichten. Madam Pomfrey und Mad- Eye Moody kamen aus ihrem Büro. Die Matrone war brüsk wie immer, obwohl ihr Haar nicht ganz fest im Knoten saß, den sie im Nacken trug, und ihre Wangen schienen gerötet.

„Was habt ihr jetzt wieder angestellt?", fragte sie, während sie Hermine an den Schultern nahm und sie zu einem Bett führte. Sachte drückte sie Hermine hinunter und zog die Vorhänge um sie herum.

„Tag", begrüßte Mad- Eye sie in einer für den mürrischen alten Auroren merkwürdig munteren Stimmung.

Harry biss sich auf die Zunge, um sich mühsam ein Lachen zu verkneifen. Ron war dazu nicht in der Lage und begann, hinter Harrys Rücken zu kichern. Nur Ginny gelang es, den Anschein von Kontrolle zu bewahren.

„An den Vordertoren sind ein paar Todesser", berichtete sie. „Sie suchen nach uns und ich glaube nicht, dass sie wieder gehen, ohne uns gefunden zu haben."

Mad- Eyes magisches Auge wirbelte herum und Harry hatte keine Zweifel, dass er zu den Toren hinuntersah.

„Ich setze sofort ein paar Auroren darauf an", erwiderte er und ging zur Tür. „Wie seid ihr an ihnen vorbei gekommen?"

„Wir haben einen von den Tunnels benutzt. Dobby hat uns hereingelassen und ihn wieder verschlossen", erklärte Harry.

Moody schaute finster drein, nickte aber.

„Mr. Moody", sagte Ginny süßlich. "Sie haben ein wenig... Lippenstift, glaube ich... gleich hier." Sie deutete auf seine Wange.

Harry und Ron brüllten vor Lachen, während Ginny von einem Kicheranfall gepackt wurde. Moody grinste sie an.

„Ich kümmere mich darum, Mädel", sagte er, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, es abzuwischen. Er ging aus dem Krankenflügel.

Madam Pomfrey tauchte einen Moment später hinter dem Vorhang auf, der Hermines Bett umgab. Ihre Wangen waren extrem gerötet und sie bahnte sich brüsk einen Weg zwischen ihnen hindurch, ohne Augenkontakt aufzunehmen.

„Sie sind der nächste, Mr. Potter. Miss Granger hat mir berichtet, dass Sie einige Stufen hinuntergefallen sind", sagte sie und packte Harry am Ellenbogen, um ihn zu einem leeren Bett zu führen. Harry bemühte sich, sein Gesicht gleichmütig zu lassen. Es hatte keinen Sinn, sie zu verärgern, wenn sie die Fähigkeit hatte, ihn einiger unsäglicher „Medizintests" zu unterziehen.

„Mir geht's gut", murmelte er, ihrem Blick ausweichend.

„Sicher", erwiderte sie kurz. „Ist das nicht immer so?"

Einige unangenehme Minuten später wurde Harry für gesund erklärt und Madam Pomfrey ließ sie ohne ein weiteres Wort allein im Krankenflügel. Sie knallte ihre Bürotür zu.

„Tja, das war eine ziemlich heikle Situation", platzte Ron laut lachend hervor.

„Ich kann nicht glauben, dass du das zu Mad- Eye gesagt hast", schalt Hermine Ginny. „Ich konnte Madam Pomfrey nicht einmal ansehen, als sie meinen Arm geheilt hat. Es war so peinlich."

Die anderen drei glucksten.

„Mad- Eye ist ein paar Auroren holen gegangen, um an den Toren nachzusehen", sagte Harry.

„Harry, Busby Goyle war in Hogsmeade. Er hat gesagt, dass er auf Voldemorts Auftrag unterwegs ist", sagte Hermine.

„Ja. Ich hab's bemerkt", erwiderte er.

„Meinst du nicht, dass das, was auch immer er bewacht, irgendwo in Hogsmeade ist?", fragte Ron.

„Es würde erklären, warum Tonks nie Glück gehabt hat, während sie ihn verfolgt hat", sagte Hermine. Bei Tonks' Namen senkte sie ihre Stimme.

„Verdammte Scheiße!", rief Harry und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Es ist nicht in Hogsmeade. Es ist hier. Es ist in Hogwarts."

„Meinst du wirklich?", fragte Hermine. Sie wies ihn nicht einmal für seine Wortwahl zurecht.

Harry nickte heftig. „Er konnte nicht in Hogwarts herein, um es direkt zu bewachen, also muss er die Tore beobachtet haben. Vielleicht wusste Voldemorts deshalb, dass wir hier wohnen. So wussten die Todesser auch, dass sie uns zurückfolgen sollten."

„Und er könnte uns auch beim Aufbruch gesehen haben", überlegte Hermine.

„Wir wissen nicht, ob Voldemort nicht etwas von mir gespürt hat. Ich bin nicht sehr gut in Okklumentik", erwiderte Harry verlegen.

„Was das betrifft, Harry...", begann Hermine.

„Fang nicht wieder damit an", stöhnte Harry. „Ich kann es nicht. Ich habe es versucht. Es funktioniert bei mir nicht." Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.

„Das weiß ich, Harry", sagte Hermine. Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Was wir bedenken müssen, ist, wie wir darum herumkommen, bevor du Voldemort gegenübertrittst."

„Hä?", machte Harry verblüfft.

„Was bringt es, uns einen Plan einfallen zu lassen, nur damit Voldemort jeden von deinen Schritten entgegenwirkt, indem er dir einfach in den Kopf sieht?", erklärte Hermine.

„Was schlägst du vor?", wollte Harry mit verengten Augen wissen.

Hermine holte tief Luft, bevor sie sagte: „Du musst uns vertrauen."

„Euch vertrauen? Natürlich vertraue ich euch", erwiderte Harry blinzelnd.

„Nein, Harry. Ich meine, du musst darauf vertrauen, dass wir etwas wissen, das du nicht weißt. Ich weiß, dass du dich um uns sorgst und dass du uns brauchst", sagte Hermine. Sie hob die Hände, bevor Harry dazwischenfahren konnte. „Ich sage nicht, dass du es nicht tust, aber du neigst dazu, deine Pläne für dich zu behalten. Mir ist klar, dass du dich nur auf dich selbst verlassen konntest, während du aufgewachsen bist, so dass das natürlich deine erste Reaktion ist. Aber damit du jetzt Erfolg hast – wirst du vollkommenes Vertrauen in uns haben müssen und darauf, dass wir wissen, was wir tun. Du bist immer die Führungsperson gewesen – "

„Aber die Führungsperson muss wissen, wie sie die besten Fähigkeiten all seiner Leute einbringen kann, um zu gewinnen. Das ist Strategie", fuhr Ron fort, der sich neben Hermine stellte. Ginny gesellte sich zu ihnen, so dass sie alle Harry gegenüber standen.

„Was habt ihr vor?", fragte er wachsam. Er war sich überhaupt nicht sicher, ob ihm der Klang gefiel.

„Mach dir keine Sorgen, Harry. Vertrau uns einfach. Mach du nur weiter und rette den Rest der Welt – lass uns dich retten", sagte Hermine. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Harrys Kehle verengte sich und plötzlich verspürte er den Drang, aus dem Raum zu flüchten. Er zwang sich, zu bleiben und ihnen ins Gesicht zu sehen. „Ich denke nicht, dass ihr es könnt", flüsterte er.

Tief Luft holend entschied er, dass sie zumindest die Wahrheit über sein Vorhaben verdient hatten. „Es muss zur selben Zeit getan werden – deshalb denke ich, der letzte Kampf sollte in der Mysteriumsabteilung stattfinden. Ich kann den Schleier benutzen, wo Sirius... durch den Sirius gegangen ist." Unbehaglich räusperte er sich, während er mit sich kämpfte, den Augenkontakt zu halten.

„Wie planst du, Voldemort dorthin zu führen?", wollte Ron wissen. Er rieb sich das Kinn und seine Ohren färbten sich leuchtend rot – der einzige Hinweis auf sein Unbehagen.

„Wie schwer kann es sein? Er hat meinen Geist benutzt, um mich zu finden, als wir im Riddle- Haus waren. Ich sehe nicht ein, warum ich mir das nicht zunutze machen kann, indem ich ihm einfach meinen Geist öffne", erwiderte Harry achselzuckend.

„Es könnte funktionieren", sagte Hermine und Harry hatte das unangenehme Gefühl, dass sie ihm etwas verschwieg.

„Es erklärt immer noch nicht, was du vorhast, Harry", sagte Ginny. Angst stand ihr in den Augen.

Er wollte ihr nicht wehtun, aber er hatte inzwischen akzeptiert, dass sie verletzt würde, egal was er tat. Er nahm ihre Hände in seine und schluckte schwer, bevor er flüsterte: „Wir beide müssen zusammen hindurchgehen."

„Nein!", riefen seine Freunde einstimmig.

„Es ist der einzige Weg", blaffte Harry, während er mit den Tränen kämpfte. Er wollte nicht darüber nachdenken. Er wollte flüchten und sich davor verstecken, bis er den letzten Horkrux gefunden hatte. Er wollte sich noch nicht damit beschäftigen.

„Harry", flüsterte Ginny und schüttelte ihren Kopf, während Tränen ihre Wangen herunterströmten.

„Ich will, dass ihr alle die Chance auf Leben habt! Wenn ich muss, würde ich für dich sterben, Ginny", sagte er. Seine Stimme brach.

„Ich weiß, aber das wird nicht geschehen – nicht, wenn ich es verhindern kann", entgegnete Ginny. Trotzig hob sie ihr Kinn.

„Das ist der Teil mit dem Vertrauen, Harry. Du fährst mit deinen Plänen für Voldemort fort und lässt mich mit unseren Plänen fortfahren. Du musst dich darauf vorbereiten, auf uns zu vertrauen, wenn der Moment kommt", sagte Hermine, die sich ihre Tränen abwischte.

„Ich werde es versuchen. Ich gehe nachsehen, ob Mad- Eye Glück hatte mit den Todessern", erwiderte er. Der verzweifelte Drang, von ihnen wegzukommen, hatte schließlich Überhand gewonnen und er rannte beinahe hinaus. Er musste seinen Kopf klären und nachdenken.

Er ließ sie im Krankenflügel zurück, hielt jedoch außerhalb der Tür und lehnte seinen Kopf gegen die Wand, um sich zu sammeln. Was hatten sie vor und in was für eine Gefahr begaben sie sich damit? Er konnte nicht zulassen, dass ihnen ein Leid geschah. Er konnte es einfach nicht.

Hermines erhobene Stimme, belegt von Tränen, drang zu ihm in den Korridor.

„Wir müssen es versuchen! Es ist mir egal, ob es sich als meine einzige Aufgabe herausstellt, Harry in Erinnerung zu rufen, dass er nicht allein ist auf der Welt. Wenn es nötig ist, dann werde ich genau das tun."

Harry schloss die Augen und eilte weg von ihnen. Ihre Liebe zu ihm erfüllte ihn mehr, als sie jemals wissen würden – aber er konnte nicht zulassen, dass sie seinetwegen verletzt wurden. Er würde es nicht zulassen.


Ginny,

ich wünschte, ich könnte etwas sagen, das es leichter für dich macht. Ich kann es ertragen zu sterben, aber ich kann es nicht ertragen zu wissen, dass ich dich in Schmerz zurücklasse. Es tut mir so leid. Glaub mir, ich weiß, wie du dich fühlst.

Ich hoffe, du wirst mich in guter Erinnerung zurückbehalten. Ich will, dass du mit deinem Leben weitermachst, Ginny. Ich will, dass du glücklich bist, dich wieder verliebst und irgendwann eine eigene Familie hast, egal wie sehr ich diesen Gedanken hasse. Ich will alles für dich, Ginny, weil du mir alles gegeben hast. Du hast mir nicht nur das Lieben gezeigt... du hast mir das Leben gezeigt.

Wo auch immer ich bin, ich weiß, dass ich dich vermisse, Ginny. Und das werde ich immer. Ich hinterlasse dir den Tarnumhang meines Dads. Gebrauch ihn gut. Er ist der einzige Gegenstand, den ich von meiner Familie erhalten habe, und ich weiß, dass du gut auf ihn Acht geben wirst – so wie du auch auf mich Acht gegeben hast.

Harry schob den Brief von sich und rieb sich seine verschwommenen Augen. Er wollte nicht Abschied von Ginny nehmen müssen. Er wollte von keinem von ihnen Abschied nehmen. Ein lautes Schnarchen echote durch den dunklen Schlafsaal, worauf Harry seinen Kopf mit einem Knall auf seinen Schreibtisch fallen ließ. Als das Scharchen von einem Chor noch lauterer Schnarcher beantwortet wurde, schlug er wiederholt seine Stirn auf den Brief, den er erfolglos zu schreiben versucht hatte.

Er hatte es geschafft, an diesem Abend einzuschlafen, bevor die Weasley- Symphonie begonnen hatte, doch sein Schlaf wurde von einem Traum heimgesucht. Kein Albtraum, nicht hormongetrieben, wie sein verwirrtes Gehirn es in letzter Zeit gewöhnlich tat, sondern ein ganz normaler Traum. Er und Ginny waren Hand und in Hand an einem sandigen Strand entlanggegangen. Eine warme Sommerbrise hatte ihr Haar zerzaust und ihre Fußschritte waren das einzige, das den Sand aufwühlte, während sie den Sonnenschein genossen.

Für eine solch kurze Szene hatte der Traum eine scheinbar sehr lange Zeit angedauert und Harry war sich nicht sicher, warum es ihn so störte. Vielleicht rührte es von einer unterbewussten Sehnsucht nach Dingen her, die niemals für ihn bestimmt waren. Vielleicht war es die Hoffnung, die Hermines Worte ihn ihm aufgeflammt hatten. Er hatte begonnen zu hoffen, dass er diesen Kampf vielleicht doch überleben könnte – und er wusste, dass er sich den Luxus solcher Gedanken nicht leisten konnte – nicht wenn er stark genug bleiben sollte, um seine Pflicht zu erfüllen.

Es würde ihm nichts bringen, in Träumen zu schwelgen – mögen sie noch so angenehm sein.

Er hatte noch immer einen weiteren Horkrux zu finden, bevor er auch nur an den letzten Kampf denken konnte.

Hermine hatte gesagt, dass er ihnen vertrauen musste.

Ihnen vertrauen? Tat er das etwa nicht? Dumbledore hatte gesagt, dass seine große Macht die Liebe sei. Konnte diese Liebe bedeuten, seinen Freunden bedingungslos zu vertrauen? ...Zu wissen, dass tatsächlich jemand da sein würde, der ihn auffing, falls er fiel?

Harry hob den Kopf vom Tisch und fuhr sich mit einer zitternden Hand durchs zerzauste Haar. Er wusste es einfach nicht und er war zu müde, um weiter darüber zu grübeln.

Er fühlte sich wütend und konnte diese Wut auf kein bestimmtes Ziel richten. Musste er bei allem, das Voldemort ihm bereits angetan hatte, auch noch einen Teil von sich zurücklassen? War es nur, um sich groß zu tun?

Und wie konnte Harry so dumm gewesen sein, es nie begriffen zu haben? Sahen andere Menschen durch die Augen der Person, die sie verfluchte? Fühlten sie die Emotionen ihrer Angreifer? Wie konnte er es übersehen haben? Dumbledore hatte es ihm in seinem zweiten Schuljahr praktisch vor die Nase gesetzt, als er sagte, dass Harry ein Parselmund sei, weil Voldemort einen Teil seiner eigenen Macht auf Harry übertragen hatte, als er ihn als Baby zu töten versucht hatte – er hatte einen Teil von ihm selbst übertragen.

Verdammt!

Er nahm Vorlost Gaunts Ring aus seinem Rucksack und rollte ihn in seinen Händen, um den blitzförmigen Spalt in Stein zu betrachten. Der Riss ähnelte verblüffend Harrys Narbe.

Er fuhr mit einem Finger leicht darüber.

Er hatte angenommen, dass der Stein zerbrochen war, als Dumbledore den Horkrux im Ring zerstört hatte, aber was, wenn das überhaupt nicht der Fall war? Was wäre, wenn die Narbe seit dem Moment existierte, da Tom Riddle einen Teil seiner Seele hineingelegt hatte. Was wäre, wenn das Mal den Gegenstand als Horkrux markierte?

Harry durchwühlte seinen Koffer, nicht darauf achtend, wie viel Krach er in dem stillen Raum veranstaltete. Endlich fand er Helga Hufflepuffs Becher, zog ihn hervor und untersuchte ihn. Der Becher war geschwärzt und angesengt, so dass Harry versuchte, ihn mit einer Socke zu säubern. Nach einiger Zeit zahlte sich seine Sorgfalt aus. Es war schwer zu sehen, aber dort auf dem inneren Rand prangte dasselbe Blitzmal.

Wenn er noch über das Medaillon verfügt hätte, hätte er gewettet, dass er es auch darauf finden würde.

Also... der Gegenstand, nach dem er suchte, befand sich im Schloss, hatte höchstwahrscheinlich Rowena Ravenclaw gehört und trug ein Blitzmal.

Es half mit Sicherheit weiter, obwohl ihm die Aufgabe noch immer niederschmetternd vorkam. Hogwarts war ein riesiges Gebäude und es gab Räume, von denen nicht einmal die Karte des Herumtreibers wusste – wie den Raum der Wünsche.

Sie hatten die vergangenen Wochen mit Suchen verbracht und kaum einen Bruchteil der Räume im Schloss geschafft. Zur Hölle, sie hatten nicht einmal Gewissheit, dass es überhaupt in einem Raum war. Es könnte nach allem, was er wusste, eines der Hunderte Dinge in den Hallen sein. Nach sechseinhalb Jahren hier fand er noch immer Korridore, von deren Existenz er nicht gewusst hatte.

Sie hatten am wahrscheinlichsten Ort angefangen – im Ravenclaw- Gemeinschaftsraum, doch schließlich waren sie zu dem Schluss gekommen, dass dort nichts war. Sie hatten sich als nächstes den Slytherin- Gemeinschaftsraum vorgenommen, wobei Harry und Ron beide eine seltsame Vertrautheit verspürten, als sie ihn betraten.

Harry hatte sich immer wieder die Erinnerung von Tom Riddles Rückkehr nach Hogwarts angesehen, in der er sich um eine Lehrstelle beworben hatte und abgewiesen wurde. Harry war überzeugt, dass Riddle diesen Trip genutzt hatte, um seinen Horkrux im Schloss zu verstecken. Er hatte gewusst, dass Dumbledore ihm nie den Job gegeben hätte – es hatte einen anderen Grund für seinen Besuch geben müssen. Harry hatte sogar einen erfolglosen Ausflug zu Dumbledores Porträt unternommen, um seinen ehemaligen Schulleiter zu fragen, ob er sich an etwas anderes erinnern könne.

Februar war dem März gewichen und sie alle fühlten sich entmutigt. Sie waren so weit gekommen... aber diese letzte Hürde zermürbte sie mehr als der Rest ihrer Jagd.

Sie hatten sich die Zeit genommen, Rons Geburtstag zu feiern, indem sie ein Festessen in der Großen Halle veranstaltet hatten, um der Feste zu gedenken, an die sie sich während ihrer Schulzeit gewöhnt hatten. Laut Ron hätte er keinen besseren Geburtstag haben können, wenn er es sich aussuchen könnte. Die Auroren, die im Schloss wohnten, nahmen am Fest teil, so wie auch die Slytherins, obwohl diese an einem Tisch abgeschieden von den anderen saßen.

Vielleicht das Highlight der Nacht war die Ankunft einer kleinen Gruppe von Auroren, die einen dünnen und abgehärmt aussehenden Kingsley Shacklebolt mitbrachten. Madam Pomfrey hatte ihn in den Krankenflügel gescheucht, bevor sie ihm überhaupt Hallo sagen konnten. Dennoch, es war ein kleiner Sieg für die Lichtseite.

Seither hatten sie bei ihrer Suche im Schloss keinen Erfolg zu verbuchen.

Ein weiterer Chor von lautem Geschnarche erschütterte den Raum, worauf Harry entnervt seine Habseligkeiten in seinen Rucksack pfefferte. Es hatte keinen Sinn, hier zu schlafen. Er zog sich seine Wolldecke um die Schultern, um der Kühle der Nacht vorzubeugen, und tappte die Treppe hinunter zum Gemeinschaftsraum.

Als er das Zimmer passierte, das Draco und Dudley sich teilten, konnte er sie flüsternd diskutieren hören. Im Schatten verborgen, lugte Harry vorsichtig in den Raum.

Die beiden Jungen saßen mit gekreuzten Beinen auf einem Bett. Ein Set von Muggle- Karten lag ausgebreitet zwischen ihnen.

„Also kann dieser Imprus- Fluch jeden machen lassen, was man will?", fragte Dudley und beugte sich vor.

„Imperius", verbesserte Draco höhnisch, „und ja, das ist der Gedanke. Das Ministerium hat ihn nach dem letzten Krieg für Unverzeihlich erklärt, aber ich bin mir sicher, der Dunkle Lord hat das geändert."

„Im-per-i-us", sagte Dudley langsam.

„Wie können drei von einer Karte zwei verschiedene Paare schlagen?", fragte Draco. „Erfindest du diese Regeln, während wir spielen?"

„Nein. Ich erfinde sie nicht", erwiderte Dudley genervt. „Das ist Poker. Drei von einer Sorte schlagen zwei Paare. Alle wissen das. Es macht mehr Sinn als das Spiel, das du mir gezeigt hast, das in dein Gesicht explodiert, egal was für eine Karte du benutzt."

Draco gluckste, offensichtlich in der Erinnerung von Dudleys Einführung zu Snape Explodiert schwelgend. „Na schön. Wenn du so spielen willst", sagte er. Er verdrehte die Augen und richtete seinen Zauberstab auf seine Karten.

Dudley zuckte zusammen und kniff die Augen zu.

„Hier", sagte Draco und deckte seine Karten zwischen ihnen auf.

„Das ist nicht fair", rief Dudley. „Das ist Betrug. Du kannst keine Magie beim Pokern benutzen!"

„Ich glaube, das habe ich gerade getan", erwiderte Draco und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf.

„Es ist nicht möglich, zwei Mal drei von einer Sorte zu haben", protestierte Dudley. Sein Gesicht färbte sich alarmierend rot.

Harry zog seinen Kopf aus der Tür und ging weiter in Richtung Gemeinschaftsraum. Er musste mehrmals seinen Kopf schütteln, um zu verarbeiten, was er soeben beobachtet hatte. Wer hätte sich jemals gedacht, dass Draco Malfoy und Dudley Dursley Kumpels werden würden? Harry war sicher, dass es nur infolge der Umstände geschehen war, aber dennoch...

Dudley hatte sich besser an das Leben in Hogwarts angepasst als Harry sich vorgestellt hatte, obwohl seine Faszination in die Dunklen Künste, wenn auch erwartet, alarmierend war. Die Lehrer, die geblieben waren, hatten ihn alle unter ihre Fittiche genommen, und er erhielt eine private magische Erziehung, während er sich versteckte. Die Kluft zwischen Dudley und seinen Eltern schien sich jeden Tag immerfort zu weiten. Harry fragte sich, was passieren würde, wenn dieser Krieg endlich vorüber war und alle in ihre alten Leben zurückkehrten. Was würde mit Dudley geschehen?

Harry hielt vor dem einzigen leeren Raum im Jungenschlafsaal. Was würde es schaden, wenn er einfach dort schlief statt wieder die Couch zu belegen? Er schlüpfte in den Saal und ließ sich auf eins der leeren Betten fallen, während er die Gedanken an Dudley aus seinem Kopf drängte. Weder kümmerte es ihn noch fühlte er sich verantwortlich. Er wollte nicht, dass die Dursleys in all diesem Chaos getötet wurden, doch er verspürte auch keinerlei Verlangen, von ihren Zukunftsplänen zu wissen.

Er wand sich hin und her, bis er eine bequeme Position fand, und fiel abermals in einen unruhigen Schlaf.


An einem Abend Mitte März saß Harry wieder einmal mit Ron, Hermine und Ginny in der Bücherei, wo sie ihre Notizen überprüften, welche Teile des Schlosses sie bereits durchsucht hatten. Harry hatte seinen Rucksack mit dem Denkarium mitgebracht und sie hatten sich die Erinnerung von Tom Riddles Besuch in Hogwarts angesehen.

Doch auch diesmal fiel ihnen nichts ein. Als Harry Anstalten machte, das Denkarium wieder in seinem Rucksack zu verstauen, half Ginny ihm, indem sie einige Gegenstände aus dem Weg räumte. Während er das schwere Becken in den magisch vergrößerten Rucksack senkte, hörte er Ginny aufkeuchen.

Er drehte sich zu ihr um. „Was ist?", fragte er.

Sie starrte auf das kleine Porträt der Gründer, das sie am Grimmauldplatz gefunden hatten.

„Ich glaub es nicht", sagte sie. Ihre Augen weiteten sich.

„Was?", wollte Hermine wissen, die über ihre Schulter auf das Porträt lugte.

„Wir haben Buch um Buch durchgewälzt, um herauszufinden, ob Rowena Ravenclaw mehr als einmal mit einem bestimmten Gegenstand abgebildet wurde, und es war die ganze Zeit direkt vor unserer Nase", sagte Ginny. Ihr Gesicht rötete sich.

„Und was?", fragte Ron verblüfft.

„Schaut! Auf ihrem Kopf – es ist Tantchen Muriels Diadem – oder besser gesagt, das Original." Ginny deutete darauf.

„Du meinst, der Horkrux ist in Tantchen Muriels Diadem?", fragte Ron. „Aber es ist nicht einmal echt. Eigentlich ist es wertlos."

„Nicht Tantchen Muriels, du Dummkopf", erwiderte Ginny und schlug ihn gegen den Hinterkopf. „Das Original. Warum könnte es nicht das Diadem sein, das er benutzt hat, wenn es bedeutend genug ist, dass eine Kopie davon angefertigt worden ist?"

„Au", machte Ron, während er sich seinen Kopf rieb. „Übergeschnappt bist du. Selbst wenn es wirklich das Diadem ist, wissen wir immer noch nicht, wo wir es finden, oder? Hast du irgendwo im Schloss ein Diadem herumliegen sehen?"

„Ja!", rief Harry. Er setzte sich ruckartig auf. Sein Herz hämmerte in der Brust, während seine Aufregung wuchs.

„Was?", fragte Ron verdutzt.

„Du hast es gesehen?", wollte Hermine wissen.

„Wo?", fragte Ginny.

„Im Raum der Wünsche, als ich das Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen vor Snape versteckt habe. Ich habe es dort versteckt und das Diadem auf den Kopf einer Statue gesetzt, damit ich es wiederfinden konnte", berichtete Harry.

„Du hast es berührt?", fragte Hermine.

„Ja", sagte Harry. Er schob seinen Stuhl so schnell zurück, dass er umfiel. Er lief in langen Schritten zur Tür.

„Warte, Harry. Woher weißt du, dass das Diadem ein Horkrux ist, wenn du es berührt hast und nichts passiert ist?", rief Hermine, hinter ihm herlaufend.

„Das weiß ich nicht", erwiderte Harry. „Aber ich werde es herausfinden."

„Vielleicht hast du es deshalb überhaupt ausgesucht", sagte Ron, der einzige, der nicht nach Luft schnappte, um Schritt zu halten. „Vielleicht hast du es schon damals gespürt, ohne es selbst zu merken."

„Vielleicht", sagte Harry knapp. „Ich habe zu der Zeit nicht viel gedacht. Ich habe mich mehr darum gesorgt, was ich gerade Malfoy angetan hatte und was Snape mir dafür antun würde."

„Oder vielleicht ist es wie bei dem Schrank im Hufflepuff- Museum", schlug Ginny vor. „Vielleicht reagiert es nur negativ, wenn die Magie spürt, dass man ihm Schaden zufügen will."

Als sie am Eingang des Raums der Wünsche anlangten, keuchten sie alle leicht – Aufregung und Adrenalin spiegelten sich in ihren Gesichtern wider. Das könnte es sein.

Harry lief dreimal vor der Wand auf und ab.

Ich muss an den Ort, an dem mein Zaubertrankbuch versteckt ist.

Harry sagte den Satz dreimal auf, doch nichts geschah – die Tür tauchte nicht auf.

„Was ist los?", fragte Ron.

„Ich weiß es nicht", sagte Harry, allmählich frustriert.

„Weißt du noch, worum du gebeten hast, als du es versteckt hast?", erkundigte Hermine sich stirnrunzelnd. „Versuch denselben Spruch."

Harry durchkramte seinen Geist, um sich daran zu entsinnen, was er gesagt haben könnte. Er hatte sein Zaubertränkebuch loswerden wollen.

Ich brauche einen Ort, an dem ich mein Buch verstecken kann.

Harry wiederholte den Satz dreimal. Er wusste von dem Aufkeuchen der anderen, dass die Tür erschienen war. Er öffnete die Augen und zog die Tür auf, bevor er hineintrat.

„Verdammte Scheiße", stieß Ron hervor, der ruckartig stehen geblieben war bei dem Anblick des massiven stadtgroßen Raums. „Schaut! Hier sind Tonnen von Fred und Georges Zeug versteckt."

Harry wandte sich um und sah einen Stapel von Weasleys Zauberhaften Zauberscherze- Produkten, die willkürlich in eine Ecke geworfen waren, als wäre der Besitzer in extremer Eile gewesen. Harry konnte sich ausmalen, wie jemand, gejagt von Filch, versucht hatte, die Beweise loszuwerden.

„Harry, wie erwartest du, es hier drin zu finden?", fragte Ginny ungläubig. „Das ist riesig."

„Ich weiß", erwiderte Harry, während er den Hauptgang hinunterlief. „Ich habe Markierungen benutzt."

Er konnte Hermine über all die verbotenen Gegenstände die Zunge schnalzen hören.

„Einige dieser Dinge sind gefährlich", sagte sie entsetzt.

Harry wandte sich nach rechts, hielt aber abrupt an, als er das Verschwindekabinett erreichte, das Draco Malfoy benutzt hatte, um die Todesser nach Hogwarts zu führen in der Nacht, in der Professor Dumbledore getötet worden war. Seine Tür hing offen und war leicht in den Gang geschwungen, ein Beweis dafür, dass es in nicht allzu ferner Vergangenheit erst benutzt worden war. Professor McGonagall hatte gesagt, dass Professor Flitwick es verschließen solle, so dass es nie wieder benutzt werden konnte.

Harry biss die Zähne zusammen und ging weiter, die anderen dicht auf den Fersen. Die Stille zwischen ihnen hing schwer in der Luft. Sie hatten alle die Bedeutung dieses Kabinetts erkannt. Er hielt nicht an, bis er den Schrank mit der Büste eines hässlichen, alten Zauberers erreicht hatte. Eine Perücke und ein angeschlagenes Diadem thronten auf der Büste.

Bevor er die Büste herunterholte, öffnete Harry den Schrank und langte hinter einen Käfig mit einigen nicht identifizierbaren Resten.

„Iiih. Was ist das?", fragte Ginny und verzog angewidert das Gesicht.

„Keine Ahnung", erwiderte Harry, während er sein altes Zaubertrankbuch herauszog und die Seiten durchblätterte.

„Was willst du damit?", wollte Hermine wissen. Sie hob ihre Nase in die Luft und brachte deutlich ihr Missfallen zum Ausdruck.

Harry zuckte die Achseln und steckte das Buch in seine Tasche. „Es könnte von Nutzen sein. Nun da wir wissen, dass es Snape gehört hat", sagte er, wobei er den Namen wie einen Fluch ausspie, „es könnte uns einen Hinweis darauf geben, wo wir ihn finden können."

„Das ist höchst unwahrscheinlich, Harry. Selbst wenn es irgendwo eine Adresse enthält, wird es sein Kindheitszuhause sein, nicht sein jetziger Wohnort", erwiderte Hermine.

Sie ignorierend, streckte Harry sich und nahm die Büste vom Schrank herunter. Er stellte sie auf einen wackeligen alten Tisch mit unebenen Beinen. Er machte Anstalten, das Diadem von seinem Kopf zu nehmen, doch Ginny packte ihn am Arm.

„Berühr es nicht!", rief sie.

Er hob die Schultern. „Ich habe es berührt, um es dort raufzulegen, und nichts ist passiert."

„Selbst wenn... du kannst nicht derjenige sein, der es jetzt berührt. Nur für den Fall, dass etwas schief geht", sagte sie mit leicht verzogenem Gesicht.

„Sie hat Recht, Kumpel. Du musst derjenige sein, der weitermacht", stimmte Ron zu.

Harry wurde störrisch. „Seid nicht lächerlich. Wir müssen es uns ansehen", schnappte er.

„Lass mich es machen", sagte Ron.

„Nein!", entgegnete Harry. Er streckte den Arm aus und nahm das Diadem in die Hände. Nichts geschah. Das Metall war kühl und vollkommen verschmutzt.

Har-ry", keifte Hermine und stampfte mit dem Fuß auf. „Was habe ich darüber gesagt, dass du uns vertrauen musst und uns unseren Teil tun lässt und nicht impulsiv handelst? Hast du mir überhaupt zugehört?"

Harry blickte finster drein, wohl wissend, dass sie Recht hatte, und doch nicht fähig, sich zu stoppen. Es würde sie nur wütend machen zu wissen, dass er nicht die geringste Absicht hatte zuzulassen, dass einer von ihnen an seiner Stelle verletzt würde. Mit geschlossenen Augen ließ er seine Magie fließen und fühlte das Gewicht des schweren Metalls in seinen Händen. In seinen Ohren klingelte es und Schauer rannen ihm über den Rücken.

„Das ist es", sagte er, zugleich nervös und aufgeregt.

Ron zog den Zauberdetektor aus seiner Tasche und setzte ihn auf. „Ach du Scheiße", murmelte er. „Es ist voll von Dunkler Magie."

„Lass mich sehen", sagte Hermine. Sie riss den Detektor von Rons Gesicht und untersuchte das Diadem selbst.

„Es sieht genauso aus wie Tantchen Muriels", sagte Ron mit einer Grimasse. „Seht ihr, wie diese Muster aussehen wie Spinnen?"

Harry versuchte, es mit seinem Ärmel zu polieren, um nach dem Blitzmal zu suchen. Es erwies sich jedoch als zwecklos, es war zu angeschlagen und würde eine gründliche Reinigung brauchen.

„Also... wenn wir es ohne Probleme halten können... wie meint ihr, sollen wir es zerstören?", fragte Ron.

„Ich frage mich – ", begann Hermine, während sie mit den Fingern auf den Tisch trommelte.

„Was?", fragten die anderen im Chor.

„Naja, es ist als Kopfdekoration gedacht... vielleicht muss es auf den Kopf gesetzt werden", sagte sie.

Harry zuckte die Achseln und hob das Diadem zu seinem Kopf. Diesmal hielt Ron ihn auf.

„Nein, Harry. Du musst derjenige sein, der mit Voldemort kämpft – alles hängt davon ab. Du kannst keine Verletzung riskieren. Ich werde es tun", sagte er grimmig. „Fred und George haben mich immer dazu gebracht, Tantchen Muriels zu tragen."

„Ron", sagte Hermine und packte ihn am Arm.

Harry fühlte Panik in sich aufsteigen. Er wollte nicht, dass Ron es tat, doch er wusste keinen anderen Ausweg. Er sah seinem Freund in die Augen und nickte.

Mit bebenden Händen hob Ron das Diadem und setzte es auf seinen Kopf. Obwohl sie alle den Atem anhielten, geschah nichts.

„Ich war überzeugt, dass es funktionieren würde", sagte Ron zittrig.

Hermine grinste und lehnte sich gegen ihn. „Du siehst erschreckend süß aus mit dem Ding auf dem Kopf", sagte sie. „Hast du noch andere Stücke, die ich mir vielleicht ausborgen will?"

Mit finsterem Blick riss Ron sich das Diadem vom Kopf, während Harry und Ginny glucksten.

„Was jetzt?", fragte Harry und starrte das Diadem in Rons Händen an.

Hermine nahm es Ron ab und blickte einige Augenblicke lang schweigend darauf herab. „Ich vermute...", sagte sie langsam.

„Was?",. wollte Harry wissen.

„Vielleicht muss es von einer Frau getragen werden", erwiderte sie.

„Was?", fragte Ron scharf. „Warum glaubst du das?"

„Naja... es hat schließlich Rowena Ravenclaw gehört und trotz deines blendenden Aussehens werden Diademe normalerweise von Frauen getragen. Ich denke, Voldemort ist sadistisch genug, denjenigen, der den Horkrux findet, zu zwingen, seine Gefährtin zu opfern", sagte Hermine stirnrunzelnd.

Ron und Harry starrten sie beide mit offenem Mund an.

„Naja, habt ihr eine andere Idee?", keifte sie. „Ich setz es einfach auf und wir werden sehen, was passiert", sagte sie und schluckte schwer.

„Nein, Hermine", schaltete Ginny sich ein. Sie hielt Hermines Arm fest. „Wenn etwas schief geht, bist du besser darin herauszufinden, wie man es wieder gutmacht. Wir brauchen dich dafür. Das weißt du. Meine Magie hat vorher nicht gezählt, vielleicht wird sie auch jetzt nichts auslösen – oder zumindest nicht so stark wie beabsichtigt."

„Nein", entgegnete Harry kopfschüttelnd. Das lief gerade aus dem Ruder.

Ginny funkelte ihn an. „Ihr habt es beide versucht und es hat nicht funktioniert. Hast du irgendwelche anderen Vorschläge?"

Harry öffnete den Mund und wünschte, es würde ihn eine Inspiration treffen, doch irgendwie wusste er, dass sie das Diadem nicht aus diesem Raum entfernen können würden.

„Entweder ich oder Hermine und ich denke, sie ist das größere Risiko", sagte Ginny fest. Sie streckte ihr Kinn hervor, doch Harry konnte sie leicht beben sehen. Trotz ihrer gespielten Tapferkeit fürchtete Ginny sich genauso wie jeder andere von ihnen.

Tief Luft holend und Harry ein zittriges Grinsen zuspielend, setzte sie das Diadem auf ihren Kopf. Für einen Augenblick passierte nichts und Harry dachte schon, sie wären wieder am Nullpunkt angelangt. Doch dann begann es zu schimmern, wurde heller und heller, bis der Schein so blendend war, dass er seine Augen abschirmen musste.

Er keuchte auf, als seine Brust sich zusammenzog, als würde er zusammengedrückt. Er hatte den unfehlbaren Eindruck zu reisen, obwohl es sich nicht wie ein Portschlüssel oder Apparieren anfühlte. Er versuchte, seine Arme zur Balance auszubreiten, stellte jedoch fest, dass er vollkommen unbeweglich war.

Der Raum um sie herum bewegte sich und er fühlte sich, als wirbelte er außer Kontrolle. Gerade als er glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, hörte es auf. In seinem Kopf drehte es sich immer noch, aber sein Sichtfeld klärte sich und überwältigende Kälte überkam ihn.

Harry blinzelte mehrmals und bemerkte, dass sie zu einer Art Eispalast gebracht worden waren. Die Kathedralenfenster mit den schweren Vorhängen, die auch im Raum der Wünsche gewesen waren, befanden sich noch am Platz, doch die Wände und Möbel bestanden komplett aus Eis. Das dichte Gesträuch, das er außerhalb des Eises erkennen konnte, erweckte den Eindruck, dass sie irgendwo im Verbotenen Wald waren, doch er hatte noch nie so etwas gesehen.

Gänsehaut rieselte über seine Haut, während seine Augen wild Ginny und die anderen suchten. Ron und Hermine standen mit dem gleichen fassungslosen Gesichtsausdruck da, der mit Sicherheit auch sein eigenes Gesicht zierte, doch Ginny blieb vollkommen still, den Mund in einem stillen Schrei geöffnet.

„Ginny", rief Harry mit heiserer Stimme.

Sie antwortete nicht, doch das Diadem, das sie noch immer trug, schimmerte wieder auf, bevor es sich in eine zischende Schlange verwandelte, die sich um ihren Kopf schlängelte. Sie war schwarz mit einem obszön großen Kopf und toten Augen.

Harry erstarrte, während Ron aufbrüllte und einen Schritt auf sie zu machte.

„Beweg dich nicht", zischte Hermine und packte Ron am Arm.

Die Schlange hob den Kopf und schwang ihn von einer Seite auf die andere, als wäre sie angriffsbereit.

Ginnys Augen drehten sich in ihren Kopf und sie fiel zu Boden. Ihr Körper war steif und bebte heftig.

Panik überkam Harry. Er rannte auf sie zu und seine Sucher- Reflexe ließen seine Hand hervorschnellen und die Schlange am Hals packen, bevor sie zubeißen konnte. So sehr er es jedoch versuchte, er konnte sie nicht von Ginnys Kopf entfernen. Er schlang beide Hände um die glatte, weiche Haut, doch die Schlange rührte sich nicht, sondern wand sich noch enger um Ginnys Kopf, die aufstöhnte. Harry konnte kleine Blutrinnsale unter der Schlange hervortropfen sehen.

Schließlich erschlaffte Ginny und ihr Kopf rollte leblos auf die Seite. Ron nahm ihre Hand und versuchte sie zu wecken, doch sie blieb bewusstlos.

„Wo zur Hölle sind wir?", fragte Ron panisch. „Wir müssen hier rausbringen."

„Ich weiß. Ich glaube, wir sind im Verbotenen Wald, aber ich kann diese Schlange nicht dazu bringen, sie loszulassen. Ich traue mich nicht, einen Fluch anzuwenden, falls ich sie treffe", sagte Harry. Seine Zähne klapperten vor Kälte.

„Du kannst sie sowieso nicht verhexen", sagte Hermine. „Diese... Schlange ist immer noch der Horkrux, wie auch immer sie verzaubert ist. Wir wissen nicht, was du Ginny antun könntest, wenn du einen Fluch versuchst."

„Was machen wir dann?", fragte Harry. Er zog wieder an der Schlange.

„Harry, du musst dich beruhigen. Es bringt ihr nichts, wenn wir in Panik ausbrechen", beschwichtigte Hermine. Ihre Stimme klang selbst ziemlich hysterisch.

Bevor Harry auch nur Luft holen konnte, wurde Ron mehrere Meter in die Luft und durch den Raum geschleudert. Er krachte auf den eisigen Boden und schlitterte in einen Eistisch.

Hermine kreischte und Ron hatte kaum Zeit, seine Hände und Knie zu heben, bevor der unsichtbare Angreifer ihn wieder durch die Luft wirbelte. Er landete mit einem Knall und zerbrach einen Eissockel, auf dem eine Art Skulptur stand. Rons Kopf begann zu bluten und er blinzelte benommen.

„Ron", rief Hermine, ihr Atem sichtbar in der Luft. Sie rannte zu ihm, legte seinen Kopf in ihren Schoß und wischte das Blut weg, während ihr Körper sichtlich zu zittern begann.

„Hermine, beweg dich nicht", sagte Harry, doch es war bereits zu spät.

Er blickte sich wild um, wusste jedoch, dass er in der Zwickmühle saß. Wenn er die Schlange losließ, würde sie entweder ihn oder Ginny angreifen. Wenn er es nicht tat, waren sie beide leichtes Ziel für, was auch immer mit ihnen in diesem Palast war.

Hermines Schrei ließ ihn gerade rechtzeitig aufblicken, um zu sehen, wie eine hässliche Wunde auf ihrer Wange erschien. Sie zischte vor Schmerz und zog Ron unter eine erhobene Plattform.

Im nächsten Augenblick spürte Harry quälenden Schmerz in beiden Beinen, als irgendetwas sie stach und ihn in die Luft riss. Er war gezwungen, die Schlange loszulassen, doch glücklicherweise zog das, was ihn so schnell bewegte, ihn rechtzeitig außer Reichweite der Schlangenfänge, die vor seinem Gesicht zusammenschnappten.

Harry brüllte, als das Ding ihn auf den Boden fallen ließ. Wie konnte er gegen etwas kämpfen, das er nicht sehen konnte? Er wurde von einem mächtigen Schlag in der Brust getroffen und gleich darauf in die andere Richtung geworfen. Was immer es war, es hatte mehrere Arme.

Seine schmerzenden Rippen ignorierend, hob Harry seinen Zauberstab und zielte in die Richtung, aus der die Angriffe stammten.

„Sectumsempra", rief er. Er hoffte, es zumindest sehen zu können, wenn er es zum Bluten bringen konnte.

Eissplitter flogen um ihn herum, als einige andere Sockel zerbrochen wurden. Harry wurde wieder getroffen und schlitterte über den Boden, bis sein Körper schmerzhaft mit der Plattform in Berührung kam, die Ron und Hermine Deckung bot.

Er stöhnte. Seine Rippen schmerzten zu sehr, als dass er sie ignorieren konnte.

„Diffindo", knurrte er und rollte sich auf die Seite. Nichts geschah und noch immer hatte er keine Ahnung, wo die Kreatur war.

„Stupor", rief Hermine hinter ihm.

Ein hohes Quietschen erfüllte die Kammer, worauf Harry das Gesicht verzog und Hermine ihre Hände über die Ohren schlug. Die Plattform, die Ron und Hermine abschirmte, zersplitterte in tausend Teile. Schreiend schützte Hermine Ron mit ihrem Körper.

„Lass sie in Ruhe", rief Harry und feuerte einen weiteren Schneidefluch in die Richtung, in der er die Kreatur vermutete.

Scharfe Scheren klammerten sich um seinen Oberschenkel, worauf er heftig fluchte. Er wurde über den Boden gezogen, während der Druck auf sein Bein sich erhöhte. Er konnte die verschmierte Blutspur auf dem Eis sehen, auf dem er entlang geschleift wurde.

In dem Versuch, sein Bein frei zu reißen, streckte er die Hand aus und griff an die Schere. Er schauderte, als er etwas Hartes und Dünnes und leicht Haariges zu fassen bekam. Die Kreatur schleuderte ihn in die Luft und warf ihn wieder. Er landete benommen unter einem der hohen, gebogenen Fenster. Harry zog sich an den schweren burgunderfarbenen Vorhang auf, während sein Beim unter ihm protestierte. Sein Gewicht war zu viel für den Vorhang, der von seinem Gerüst herabfiel und um ihn herum landete.

Ihn mit sich ziehend, kroch Harry zurück in die Mitte des Raumes.

„Komm", sagte er keuchend. „Komm und hol mich, du verfluchter Wichser."

„Harry! Was machst du da?", rief Hermine.

„Shh", zischte er und bedeutete ihr, still zu sein. „Komm schon. Ich bin gleich hier."

Harry fühlte etwas seinen Arm streifen, bevor sich die grausamen Scheren in seine Schulter bohrten. Er keuchte vor Schmerz, knüllte aber den schweren Vorhang zusammen und warf ihn hoch in die Luft. Er flatterte herunter und landete auf der Kreatur, worauf der unfehlbare Umriss einer sehr großen Spinne erschien.

Ron, noch immer im Delirium, brach völlig in Panik aus. Er trat um sich, während er versuchte zu stehen, doch er glitt immer wieder auf dem Eis aus.

„Spinne. Das ist eine Spinne", wiederholte er verzweifelt. „Wir müssen Ginny holen. Sie hier rausbringen. Spinne."

Hermine versuchte, ihn zu beruhigen, während Harry seine Aufmerksamkeit auf die Spinne richtete.

„Incarcerous", bellte Harry.

Das burgunderfarbene Material schlang sich um die ringende Spinne, so dass sie festsaß. Er sah zu, wie der Kampf der Kreatur endlich mit seiner Erschöpfung langsamer wurde.

Grunzend vor Schmerz schleppte Harry seinen missbrauchten Körper über den Boden und kroch zurück zu Ginny, die noch immer regungslos dalag. Frost hatte sich in ihrem Haar festgesetzt und sie zitterte vor Kälte.

Selbst mit klappernden Zähnen schälte Harry sich seine zerrissene und blutige Robe von den Schultern und wickelte sie um sie, so gut er konnte, wobei er Acht gab, dass er außerhalb der Reichweite der Schlange blieb.

Sie beobachtete ihn mit kalten, emotionslosen Augen, zischend und die Luft mit ihrer gespaltenen Zunge schmeckend, obwohl sie keinerlei Anstalten machte anzugreifen. Harry beschwor einen Stock herauf und versuchte wieder, sie von Ginnys Kopf zu lösen, doch die Schlange ließ nicht los.

Harrys Körper schmerzte und sein verletztes Bein pochte, aber die schlimmsten Qualen kamen aus seiner Brust. Wie sollte er die Schlange von Ginny entfernen und was tat sie ihr in der Zwischenzeit an? Er hätte nie zulassen dürfen, dass Ginny ihm half. Er hatte gewusst, dass das passieren würde. Er hatte es gewusst.

Ron und Hermine kamen zu ihm. Ron stützte sich schwer auf Hermine, sein Gesichtausdruck war noch immer benommen und verwirrt.

„Was sollen wir tun?", fragte Harry und schaute Hermine hoffnungsvoll an. Er fühlte sich wie ein kleines Kind.

Hermines besorgter Blick schweifte über ihre drei Gefährten, alle mitgenommen und in elender Verfassung.

„Als erstes müssen wir diese Schlange von ihrem Kopf kriegen", sagte sie. Sie richtete ihren Zauberstab auf Rons Schläfe. „Episky."

Das Bluten versiegte und die Wunde schloss sich bemerkenswert fest. Ron stöhnte auf und hob seine Hand an den Kopf. „Was hast du gemacht?", wollte er wissen.

„Nur einen Heilzauber. Ich bin ziemlich gut darin geworden", sagte sie leise. Sie wandte sich Harrys Schulter zu, doch er riss sich los.

„Ginny zuerst", sagte er.

„Harry, ich denke nicht – "

„Ginny zuerst", beharrte er. Ein hysterisches Gefühl stieg in ihm auf. „Was ist das?"

Er deutete auf die dünnen roten Ströme, die an Ginnys Schläfe erschienen und ihr Gesicht entlangliefen. Einer der Ströme hatte beinahe ihren Hals erreicht.

Hermine keuchte auf und schaute Harry mit weiten, panischen Augen an. „Oh, nein. Ich glaube, die Schlange vergiftet sie."