Kapitel 26 – Rettungsleine

Oh, nein. Ich glaube, die Schlange vergiftet sie!

Hermines Worten hallten in Harrys Ohren nach, wurden immer leiser, als bewegte er sich weg. Er fuhr sich mit einer Hand durch sein abstehendes Haar, wobei er abwesend Blut auf seiner Stirn verschmierte. Das Armband, das Ginny ihm geknüpft hatte, fühlte sich zu fest an, beinahe als würde es ihn verbrennen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er würde Ginny trotz seiner Bemühungen verlieren. Er fühlte sich, als würde ihm der Atem in der Kehle stecken bleiben. Panik blubberte in seiner Brust und drohte ihn aufzuzehren.

„Harry!", rief Hermine. Ihre Stimme war beharrlich und zwang ihn wieder in die Realität.

Er blinzelte benommen und versuchte verzweifelt, seine Augen von Ginnys regloser Gestalt und den unheimlichen roten Strömen, die an ihrem Gesicht herunterliefen, loszureißen, um Hermines Blick zu erwidern.

„Harry, du musst mit der Schlange sprechen und sie dazu bringen, sie loszulassen", verlangte Hermine. Sie schüttelte ihn grob an der Schulter.

Ron starrte zwischen den beiden hin und her, schwer keuchend. Die dunklen Sommersprossen auf seinem Gesicht standen so stark an seiner blassen Haut hervor, dass es aussah, als hätte jemand sie mit einem Federkiel darauf gekleckst.

Mit der Schlange sprechen? Parsel!

Harry hätte sich für seine eigene Blödheit schlagen können. Wie hatte er nicht eher darauf kommen können? Er musste sich in den Griff kriegen. Ginny konnte es sich nicht leisten, dass er jetzt die Nerven verlor. Er konnte es schaffen. Sie brauchte ihn.

Mit Gewalt riss er sich aus seiner Erstarrung, wandte sich um und starrte auf den übergroßen Kopf der Schlange. Er verengte die Augen und holte tief Luft.

„Lass sie los", verlangte er.

Der Kopf der Schlange zuckte in die Höhe und schwenkte hin und her, während sie ihn anblickte.

Harry fragte sich, ob die Schlange den flehenden Unterton in seiner Stimme ausmachen konnte. Er wusste, dass einige Tiere Unsicherheit in einem Menschen bemerkten, doch er wusste nicht, ob das auch auf Schlangen zutraf. Er hatte nicht vor, es drauf ankommen zu lassen.

„Lass sie los. Sie ist keine Bedrohung für dich", sagte er, stärker diesmal und ohne zu blinzeln.

Die Zunge der Schlange schnellte hervor, bevor sie zischte und sich langsam von Ginnys Kopf löste. Sie glitt fort und kroch unter einen Tisch, noch immer unsicher zischend. Sie schien ihren Entschluss zu überdenken und zog sich zurück, jederzeit bereit zuzuschlagen.

Ron stellte sich vor Ginny, um sie vor der zischenden Schlange zu schützen, während Hermine versuchte, sie zu wecken. So blieb Harry die Schlange. Eine Bewegung auf der anderen Seite des Raumes fing seinen Blick auf und er bemerkte, dass die unsichtbare Spinne wieder gegen ihre Fesseln ankämpfte.

Seine Gedanken rasten. Er erinnerte sich daran, dass Spinnen und der Basilisk, der einst im Schloss gelebt hatte, Feinde waren. Vielleicht konnten Schlangen und Spinnen generell aufeinander gehetzt werden.

Seiner eigenen Handlung kaum bewusst, zog Harry schnell einen Schild um seine Freunde. Blitzartig löste er den Vorhang, der die Spinne fesselte, und schoss dann einen Druckwellenfluch auf die Schlange, so dass sie durch die Luft wirbelte. Sie stieß mit der unsichtbaren Spinne zusammen, die einen hohen Wutschrei ausstieß.

Die Schlange wand sich und griff mit weit aufgerissenem Mund an. Ihre Fänge sanken in einen unsichtbaren Teil der Spinne. Es flackerte im Raum und plötzlich wurde die Spinne sichtbar. Sie war haarig und braun und nicht ganz so lang wie Aragog – aber groß genug, um Ron ein entsetztes Aufkeuchen zu entlocken.

Die Schlange landete auf dem Boden, bevor sie wegglitt. Die blutende und wütende Spinne starrte direkt Harry an, der seinen Zauberstab fest in seiner schwitzigen Hand umklammerte.

„Inversum", rief er.

Ein goldener Nebel erschien vor der Spinne und schwebte in der Luft. Die Spinne ignorierte ihn und trat einen Schritt vorwärts in den Nebel, bevor sie anhielt und ihre Wut und Verwirrung herausbrüllte. Der Anti- Gravitations- Zauber hatte der Spinne die Orientierung genommen, doch Harry wusste nicht, wie lange er andauerte oder wann die Spinne realisierte, dass sie nur einen Schritt machen musste, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

„Accio Schlange", sagte Harry. Es fiel ihm schwer, tief Luft zu holen.

Die Schlange flog wieder durch die Luft, sich windend und zischend. Harrys Hand schoss hervor und schnappte die Kreatur um ihren großen Kopf. Sie krümmte sich und versuchte, sich aus Harrys Griff zu befreien.

Mit einem weiteren Aufheulen brach die Spinne aus dem Nebel heraus und stürmte auf Harry los. Dieser zwang sich, ruhig zu bleiben, und ignorierte Rons panischen Schrei. Er ließ die Spinne näher kommen, bevor er die Schlange in die Luft schleuderte. Mit einem Schwebezauber ließ er die Schlange direkt vor den Augen der Spinne baumeln, um sie abzulenken. Dann führte er sie vorsichtig von seinem Standort weg, während er mit seinem Körper die anderen abschirmte.

Darauf konzentriert, die panische Schlange unter Kontrolle zu behalten, führte er sie so weit wie möglich von ihnen weg, als ihm plötzlich eine Idee kam. Er hatte den Basilisk benutzt, um das Tagebuch zu zerstören, den Drachen für den Becher und den Inferi zur Vernichtung des Medaillons. Vielleicht konnte diese Spinne verwendet werden, um das Diadem zu zerstören.

Er hörte auf, die Schlange von der wütenden Spinne zu entfernen, sondern ließ sie in der Luft baumeln.

Die Spinne streckte ihre Tentakel aus, packte die Schlange und zog sie zu ihrem Mund. Die Schlange zischte und kämpfte um die Flucht, doch sie war machtlos. Die Spinne biss in die Mitte der Schlange und ein blendendes Licht erfüllte den Eispalast.

Ein unheilvolles Grollen echote in der Kammer, während ein Netz von Rissen im Eis erschienen, das sich über das gesamte Konstrukt ausbreitete. Das Grollen wuchs in einem Crescendo an und der ganze Palast bebte unter dem gewaltigen Brüllen. Große Brocken von Eis begannen, von der Decke zu stürzen und zersprangen, sobald sie den Boden trafen.

Die Schlange verwandelte sich in das Diadem zurück und die Spinne warf sie, nicht länger interessiert, achtlos zur Seite. Sie versuchte, vor dem zerbrechenden Eis zu fliehen, rannte jedoch in ihrer Hast in eine Wand. Die Wand bröckelte und fiel zusammen, so dass schwere Eisbrocken auf die Kreatur herabregnete und sie unter sich begruben.

Harry hastete zu seinen Freunden und gab ihnen mit seinem Körper Deckung. Er verstärkte den Schild um sie herum, der sie vollkommen von den fallenden Trümmern abschirmte, bis das Konstrukt ganz zusammengestürzt war.

„Ist das Ding tot?", fragte Ron. Er keuchte schwer, während er zu den Beinen der Spinne spähte, die unter dem Haufen von Eis hervorlugten.

„Ich denke schon", sagte Harry. Er hievte sich in die Höhe und eilte zu Ginny. Er legte ihr sanft eine Hand auf den Kopf und strich ihr Haar zurück. Schmerzhafte Blutergüsse zierten ihre blasse Haut, wo die Schlange sich fest gewunden hatte. Die roten Ströme auf ihrer Haut hatten ihren Hals erreicht und bewegten sich auf ihre Schultern und ihren Rücken zu.

Harry nahm Ginny in seine Arme und wiegte ihren Körper eng an seiner Brust. Seine wunde Schulter protestierte und er konnte durch den Schmerz in seinen Rippen kaum atmen, doch er nahm es nur vage wahr.

„Wir müssen sie ins Schloss zurückbringen. Dieser Ort ist völlig zerstört. Ich denke nicht, dass er uns zurückbringen kann", sagte er in einer Stimme, die nicht nach seiner eigenen klang.

„Das war ja ein mächtiger Schild, Harry", bemerkte Hermine verblüfft. Sie hatte sich noch nicht aus ihrer Sitzposition vom Boden erhoben.

Etwas in ihrer Stimme ließ ihn scharf in ihr Gesicht blicken, doch er konnte ihre unlesbare Miene nicht deuten. Konnte es Furcht sein, die er in ihren Augen sah? Er wusste es nicht und er hatte nicht die Zeit, gerade jetzt darüber nachzudenken.

Nichts war im Augenblick wichtig außer Ginny.

„Ron, hol das Diadem", sagte Hermine, sich zusammenreißend. Sie deutete auf das mitgenommene Schmuckstück, das unschädlich im Eis lag.

„Wie kommen wir wieder zurück?", wollte Ron wissen. Er trottete zum Diadem hinüber und nahm es in die Hand.

Noch immer Ginny umklammernd, hob Harry ein gezacktes Stück Eis vom Boden auf. Seine Rippen pochten bei der Bewegung, worauf er nach Luft schnappen musste.

„Das hat funktioniert, als wir den Becher geholt haben. Ich sehe keinen Grund, warum es nicht wieder klappen sollte", murmelte er und verwandelte den Eisbrocken in einen Besen, den er an Ron reichte.

„Gute Idee", sagte Ron grimmig, die Augen auf Ginnys reglose Gestalt fixiert.

Harry wiederholte den Zauber an einem anderen Eisstück. Er schwang sein wundes Bein über den Besen und hielt Ginny vor ihm fest.

„Ich glaube nicht, dass du sie halten kannst, Harry", wand Hermine nervös ein. „Dein Arm blutet und ich denke, du könntest ein paar gebrochene Rippen haben."

„Mir geht's gut", erwiderte er knapp. „Ich werde sie nicht loslassen."

Bevor sie Gelegenheit hatte zu protestieren, stieg er in die Luft und flog hoch über die Bäume, um das Schloss zu finden. Ron und Hermine folgten ihm auf dem anderen Besen, wobei Hermine sich eng an Rons Hüfte klammerte. Sie hatte einen Richtungsweisezauber ausgeführt.

„Da lang", rief sie und deutete in die Richtung.

Harry folgte ihrer Anweisung und ließ den kalten Wind um sein Haar peitschen. Sein Umhang war fest um Ginny gewickelt, doch selbst das war nicht viel Schutz gegen die Winternachtluft. Er zog sie an sich, damit ihre Körperhitze sie beide warm hielt. Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass beim letzten Mal, da sie einen Besen geteilt hatten, er derjenige ohne Bewusstsein gewesen war. Er war entschlossen, es nochmals mit ihr zu wiederholen, wenn sie es beide genießen konnten.

Ginny würde in Ordnung kommen. Er gestattete seinem Geist nicht, die Alternative in Betracht zu ziehen, so wie es das immer wieder tat. Sie würde in Ordnung kommen. Sie musste. Besorgt sank er tiefer in eine sichere Höhe, aus der ein Sturz überlebt werden konnte – nur für den Fall.

Er hätte sich jedoch keine Gedanken darüber machen müssen. Der Zauber hielt an. Sie erreichten das Schloss ohne Zwischenfall und er flog direkt auf die Vordertreppen. Harry vermutete, dass die kalte Nachtluft ihnen beigestanden hatte. Er fragte sich, ob der Zauber auf dem Besen aufgehört hätte, wenn die Temperatur warm genug gewesen wäre, um das Eis zu schmelzen, welches er verwandelt hatte.

Er sprang vom Besen und rannte schon, bevor er den Boden berührte, Ginny an sich gepresst. Seine Schulter und sein Bein protestierten, aber er ignorierte sie und konzentrierte sich stattdessen darauf, kurze, flache Atemzüge zu nehmen. Er konnte vage Ron und Hermine hinter sich rufen hören, doch er verlangsamte seine Schritte nicht.

Keuchend, als er den Krankenflügel erreichte, platzte er durch die Türen. Seine Beine zitterten so stark, dass er fürchtete, Ginny direkt vor Madam Pomfreys Füßen fallen zu lassen.

Diese wandte sich um, als er eintrat, ihre Miene streng. Sie wirkte bereit anzukeifen, wer auch immer solch einen Lärm in ihrem ruhigen und geregelten Krankenflügel veranstaltete. Stattdessen wurde sie auf der Stelle geschäftsmäßig, als sie ihren mitgenommenen Zustand sah.

„Dorthin", sagte sie und deutete auf das nächste leere Bett, während ihr fachkundiger Blick über Harry und Ginny glitt. Er nahm an, dass sie versuchte zu entscheiden, wer von ihnen zuerst medizinischer Behandlung bedurfte.

Kingsley Shacklebolt ruhte in dem Bett neben Ginnys, mit mehreren Kissen gestützt. Er erschien viel gesunder als beim letzten Mal, da Harry ihn gesehen hatte. Er setzte sich auf und sah neugierig zu.

„Was ist geschehen, Potter?", erkundigte sich Mad- Eye Moody. Harry hatte nicht einmal bemerkt, dass er in der Tür zu Madam Pomfreys Büro stand.

Die anderen ignorierend, bewegte Harry sich fort von dem Bett, auf das er Ginny gelegt hatte. Er packte Madam Pomfreys Arm und schob sie auf Ginny zu, gerade als Ron und Hermine hinter ihm durch die Tür stürmten. Seine Brust war zu schmerzhaft verkrampft, als dass er sprechen konnte.

Madam Pomfrey nahm ihn am Arm und versuchte, ihn zu einem weiteren leeren Bett zu führen, doch er riss sich los und deutete auf Ginny.

„Mir geht's gut. Ginny braucht Hilfe", keuchte er.

Als Madam Pomfrey zornig wurde und fortfuhr, ihn wegzuziehen, sträubte Harry sich. Er grub seine Füße fest in den Boden.

„Bitte!", rief er verzweifelt.

Etwas in seinem Tonfall ließ sie innehalten. Ihre strenge Miene wurde für einen so kurzen Augenblick weicher, dass Harry nicht einmal sicher war, es tatsächlich gesehen zu haben. Sie ließ ihn stehen, wandte sich um und begann, ihren Zauberstab über die Striemen auf Ginnys Gesicht fahren zu lassen.

„Sie ist von einer Schlange vergiftet worden", sagte er. Er schlang seinen Arm um seine schmerzenden Rippen.

„Eine Schlange?", wiederholte Madam Pomfrey. Sie drehte sich schnell zu ihm um.

„Ja. Haben Sie einen Bezoar?", fragte er.

„Ein Bezoar wirkt nicht auf einen Schlangenbiss, Harry", sagte Hermine. Sie führte Ron zu einem Stuhl neben Ginnys Bett. „Das Gift ist nicht zu sich genommen worden."

Madam Pomfrey hob ihr Kinn und studierte Hermine intensiv. Schließlich nickte sie und begann, ihre Fragen an sie zu stellen. „Was für eine Schlange war es?"

„Das weiß ich nicht", erwiderte Hermine. „Es war keine natürliche Schlange. Sie ist verwandelt worden. Nachdem sie getötet worden ist, hat der Zauber aufgehört."

„Ich verstehe", sagte Madam Pomfrey. Sie schürzte die Lippen und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder zu Ginny.

„Ich habe ein Denkarium", sagte Harry. Sein Blick schoss zwischen Madam Pomfrey und Hermine hin und her. „Würde es helfen, wenn ich Ihnen eine Erinnerung von der Schlange zeige?", fragte er.

„Wenn es drauf ankommt", erwiderte sie. Sie wedelte ihren Zauberstab über Ginny und murmelte etwas vor sich hin.

Harrys Fingerknöchel färbten sich weiß, während er die Leiste von Ginnys Bett umklammerte. Er wurde erschreckt, als Moody ihn am Ellenbogen nahm und zu einem Stuhl zog.

„Warum setzt du dich nicht, Potter? Du siehst so aus, als würdest du jeden Moment umfallen", sagte er mürrisch.

„Mir geht's fein", log Harry. Doch er ließ sich auf den Stuhl sinken.

„Er braucht eine Untersuchung", sagte Hermine. „Sein Bein und seine Schulter sind verletzt und ich glaube, seine Rippen sind gebrochen. Ron hat auch einen schlimmen Schlag gegen den Kopf abbekommen, aber ich habe einen Heilzauber auf ihn angewandt."

„Der Zauber an seinem Kopf ist gut", stellte Madam Pomfrey fest. Sie huschte im Raum umher und zog verschiedene Phiolen und Geräte aus ihren Schränken. „Sie haben auf Ihre Atmung geachtet, während Sie ihn ausgeführt haben. Es ist gute Arbeit. Sie werden eines Tages eine gute Heilerin abgeben."

Hermines Wangen röteten sich und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, bevor es vollkommen verschwand und ihre Augen sich mit Tränen füllten. „Ich wusste nicht, was ich für Ginny tun konnte."

Madam Pomfrey schnüffelte. „Tja, wenn es irgendein Trost ist, ich weiß auch nicht ganz, was ich für sie tun kann. Ich will Sie alle aus dem Weg haben, während ich feststelle, was die beste Behandlung ist", sagte sie und scheuchte sie alle zur Tür. „Gehen Sie schon, raus in den Flur mit Ihnen. Mr. Potter, wenn Sie versuchen zu flüchten, bevor ich einen Blick auf Sie werfen konnte, werde ich Ihnen in den Gryffindor- Turm folgen und meine Untersuchung im Gemeinschaft vor aller Augen durchführen."

Harry schaffte es nicht einmal, rot zu werden. „Ich will bei Ginny bleiben", sagte er leise.

„Sie können reinkommen, sobald ich mit ihr fertig bin. Gehen Sie", sagte Madam Pomfrey. Ihr Tonfall ließ keinen Raum zur Diskussion.

„Komm, Harry. Wir warten gleich draußen", sagte Hermine und zog sanft an seinem Arm.

Er humpelte auf den Flur, Hermine blind folgend.

„Ich muss es noch Mum sagen gehen", sagte Ron. Er stöhnte. „Merlin, sie wird Zustände kriegen."

Sie drei sanken müde auf den Boden außerhalb des Krankenflügels. Harry hatte Schwierigkeiten, zu Atem zu kommen. Der Adrenalin- Rausch verflüchtigte sich und hinterließ ihn ausgelaugt und verletzlich. Sein Körper schmerzte, doch er wollte sich noch nicht die Zeit nehmen, sich um ihn zu kümmern.

„Ich sag dir was, Weasley", schlug Mad- Eye vor, der mit ihnen in den Flur trat. „Du bleibst hier, für den Fall, dass Poppy irgendwelche Fragen hat. Ich gehe deine Eltern holen."

„Das würden Sie tun? Danke! Das weiß ich wirklich zu schätzen", sagte Ron und seufzte dankbar.

Moody nickte, bevor er sich in die Richtung des Gryffindor- Turms wandte. Sein Holzbein pochte auf dem Boden, während er sich entfernte.

Harry lehnte den Kopf gegen die Wand und erlaubte seinen Augen zuzufallen. Als Professor Dumbledore unter den Effekten dieser Flüssigkeit aus der Höhle gelitten hatte, hatte er von Harry verlangt, ihn zu Snape zu bringen, nicht zu Madam Pomfrey. Er hatte auch gesagt, dass es Snape gewesen sei, der seine Hand rettete, die er verletzt hatte.

Während Harry nicht sicher war, dass Snape Professor Dumbledore überhaupt geholfen hatte, besaß Madam Pomfrey vielleicht nicht genug Erfahrung mit Dunkler Magie, um Ginny helfen zu können. Sie hatte Hermine gerettet, nachdem sie verbrannt worden war, aber mit viel Hilfe und Nachforschungen vom Orden. Und sie hatte Ron ins St. Mungos zur Behandlung geschickt, nachdem er den Cruciatus erlitten hatte.

„Wir müssen Professor Dumbledores Porträt erzählen, was geschehen ist. Vielleicht hat er einen Vorschlag, der Ginny helfen könnte", sagte Harry. Er versuchte aufzustehen, doch seine Beine weigerten sich einfach, ihn zu tragen.

„Ich gehe", bot Hermine an. Sie legte ihre Hand auf Harrys unverletzte Schulter und zwang ihn sitzen zu bleiben. „Du bleibst hier."

Harry nickte schweigend. Er konnte nicht die Energie aufbringen zu protestieren.

„Ron, stell sicher, dass er nicht weggeht, bevor Madam Pomfrey die Chance hatte, ihn sich gut anzusehen. Du musst deinen Kopf auch untersuchen lassen", sagte Hermine streng.

Ron nickte mit einem matten Lächeln. „Mein Kopf ist in Ordnung. Selbst Madam Pomfrey hat gesagt, dass du großartige Arbeit geleistet hast. Sie hätte es selbst nicht besser machen können", sagte er.

Hermine errötete. „Genau so hat sie es nicht gesagt", entgegnete sie. „Ich bin gleich zurück. Pass auf Harry auf."

Sie wandte sich um und eilte den Korridor hinunter.

Ron feixte. „Sieht so aus, als wäre ich auf Harry- Wache, Kumpel", bemerkte er.

Harry sah ihn finster an. „Ich habe doch schon gesagt, dass ich nirgendwo hingehen werde", murrte er. „Ich werde nicht gehen, bevor ich weiß, dass es Ginny gut geht."

Rons Gesicht nahm auf der Stelle nüchterne Züge an. „Sie kommt wieder in Ordnung. Sie ist zu dickköpfig, um jetzt aufzugeben", sagte er, Harry leicht anstupsend.

Harry senkte die Augen, um Rons Blick auszuweichen. Er zupfte abwesend an einer Stelle seiner Jeans, wo Blut durchsickerte und den Stoff tränkte. Die Stacheln der Spinne hatten sich offenbar tief eingegraben.

„Harry." Ron stieß ihn wieder an.

„Ich hätte sie nie mitkommen lassen dürfen", sagte er leise.

„Fang nicht wieder damit an, Harry. Du gehst nur allen auf die Nerven. Wir wussten alle, womit wir es zu tun hatten, und haben uns trotzdem so entschieden. Es ist nicht deine Schuld. Eigentlich glaube ich sogar, dass du gerade wegen deiner Sorge um sie den Schild erzeugt hast, der uns alle beschützt hat, als dieser Eispalast zusammengestürzt ist. Ich weiß noch immer nicht, wie du das angestellt hast, Kumpel", sagte Ron.

Harry runzelte die Stirn und erwiderte endlich Rons ernsten Blick. „Weiß nicht", sagte er. „Es ist einfach passiert."

„Tja, dann hatten wir echt Glück", erwiderte Ron.

Harry setzte sich gerader auf. Er hatte sich nicht einmal Gedanken über den Schild gemacht, den er erschaffen hatte. Er war zu der Zeit nur auf Ginny fokussiert gewesen.

Denn er wird Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt...

Harry bemühte sich, auf die Füße zu kommen. Seine Beine zitterten unter ihm und als er endlich stehen konnte, keuchte er.

„Was machst du?", wollte Ron wissen.

„Dieses rumänische Buch. Es ist voll von Dunkler Magie. Vielleicht steht da etwas drin, das Ginny helfen kann", sagte er.

„Du gehst nicht, Harry. Hermine wird mich lynchen, wenn du es tust", protestierte Ron. Er stand ebenfalls auf und blockierte Harry den Weg.

„Ron! Es könnte Ginny helfen", sagte Harry, frustriert, dass sein Körper zu schwach war, um sich an Ron vorbeizudrängen.

„Dann lassen wir es uns von jemandem herbringen", entgegnete Ron fest.

„Was herbringen, Mr. Weasley?", fragte Professor McGonagall, die gerade um die Ecke bog und näher kam.

„Ein Buch in meinem Schlafsaal. Es enthält viele Informationen zu Dunkler Magie. Es könnte ihr helfen", flehte Harry.

Professor McGonagalls Blick schweifte über Ron und Harry. „Ich lasse das Buch von einem Hauselfen holen", sagte sie. „Also, ich habe gerade Miss Granger in meinem Büro zurückgelassen. Sie sagte, ihr beide würdet mich aufklären, was geschehen ist."

Harry und Ron schauten einander an, als sie realisierten, dass Hermine letztendlich einen Weg gefunden hatte sicherzustellen, dass sie an Ort und Stelle blieben.


Ein lautes schepperndes Geräusch riss Harry ins Bewusstsein. Er setzte sich auf, Zauberstab gezückt und seinen Kopf hin und herwerfend, um nach einer Drohung zu suchen.

„Sorry, Kumpel", sagte Ron, der ein Tablett vom Boden aufhob. „Wollte dich nicht wecken. Ich habe vergessen, dass es auf dem Arm von meinem Sessel lag."

Harry blinzelte benommen und versuchte, sein vom Schlaf verwirrtes Gehirn zu klären. Er musste irgendwann eingenickt sein trotz seiner besten Bemühungen, wach zu bleiben. Er saß in einem gemütlichen Armsessel im Korridor außerhalb des Krankenflügels. Er erinnerte sich vage daran, wie Professor McGonagall sie heraufbeschworen hatte, nachdem er ihr eine verkürzte Version der Geschehnisse berichtet hatte. Er hatte sie hauptsächlich davon informiert, dass sie über einen dunklen Gegenstand gestolpert waren, den Voldemort im Schloss zurückgelassen hatte.

Sie hatte die Lippen geschürzt, die Geschichte jedoch offenbar akzeptiert. Sie hatte Harrys Beine und Schulter geheilt, obwohl sie sagte, dass Madam Pomfrey sich um seine Rippen kümmern sollte. Sie hatte veranlasst, dass Tabletts mit Essen für ihn und Ron hochgeschickt wurden, und Harry vermutete, dass in seinem Saft ein Schlaftrunk gewesen war, weil er hinterher nicht viel länger wach geblieben war.

Er erinnerte sich, wie Mr. und Mrs. Weasley außer sich am Krankenflügel angekommen waren. Doch sie waren hineingescheucht worden und er hatte sie seitdem nicht mehr gesehen.

„Wie geht's Ginny?", erkundigte er sich. Panik stieg wieder in ihm auf. Abwesend bemerkte er, dass es viel leichter war zu atmen als zuvor. Madam Pomfrey musste seine Rippen während der Nacht geheilt haben.

„Keine Ahnung", erwiderte Ron grimmig. „Ich hab auch kurz geschlafen, aber sie haben mir nichts gesagt, seit ich wach bin."

Harry stand auf, um seine steifen Muskeln zu lockern. „Ich muss herausfinden, was vor sich geht."

„Ron! Harry!", rief Hermine, die gerade um die Ecke kam. Sie war in Begleitung von dem mürrischen Barkeeper des Eberkopfs. Harry wusste nun, dass er Professor Dumbledores Bruder Aberforth war, obwohl sie einander nie richtig vorgestellt wurden.

„Hermine!", sagte Ron. In seiner Stimme schwang deutliche Erleichterung mit. Er stand auf, um sie kurz in die Arme zu nehmen, bevor er verlangte: „Wo bist du gewesen?"

Aufregung glitzerte in Hermines Augen. „Naja, nachdem ich mit Professor Dumbledores Porträt gesprochen hatte, schlug er vor – "

„Hier ist sie?", unterbrach Aberforth mit finsterer Miene und deutete mit seinem Daumen zur Tür des Krankenflügels. Sein Daumennagel war schmutzig und seine Hände erschienen wassergesättigt.

„Ja", antwortete Hermine. Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihr Haar. „Madam Pomfrey sollte drinnen bei Ginny sein."

Aberforth nickte ohne ein Wort und schwang die Tür auf.

„Was macht er hier?", fragte Ron, ihm nach starrend.

„Professor Dumbledore hat mir geraten, ihn zu holen", sagte Hermine etwas atemlos. „Er sagte, Aberforth habe mehr Erfahrung mit Dunkler Magie als Madam Pomfrey, auch wenn sie im Heilen besser ist. Er hat vorgeschlagen, sie zusammenarbeiten zu lassen. Natürlich hat es eine Weile gedauert, Aberforth davon zu überzeugen, dass ich es ernst meinte, und er hat immer noch darauf bestanden, dem Porträt einen Besuch abzustatten, um es mit eigenen Ohren zu hören."

„Grantiges Ekel", murmelte Ron.

Harry war es egal, wie grantig er war, solange er Ginny helfen konnte. „Ich habe Professor McGonagall dieses rumänische Buch über die Dunklen Künste gegeben", sagte Harry.

„Ooh, das ist eine gute Idee, Harry. Wie geht's euch beiden? Hat Madam Pomfrey Gelegenheit gehabt, eure Verletzungen zu heilen?", fragte Hermine, während sie ihre dunklen Augen sorgfältig über sie schweifen ließ.

„Ja. Sie war vor einer Weile hier draußen, um meinen Kopf zu untersuchen", sagte Ron. „Davon bin ich aufgeweckt worden. Sie hat deine Rippen auch geheilt, Kumpel."

„Warum hast du sie nicht nach Ginny gefragt?", verlangte Harry hitzig. Er zupfte an seinem Armband – aus irgendeinem Grund fühlte der Stein sich unangenehm heiß an.

„Das hab ich ja! Sie hat mir aber nicht geantwortet, sondern einfach ihre Aufgabe erledigt und ist ohne ein Wort wieder reingegangen", erwiderte Ron verstimmt.

Hermine sank müde in den Sessel neben Ron und lehnte ihren Kopf an die Wand hinter ihr.

„Hast du geschlafen?", erkundigte er sich. Sein Tonfall wurde sanfter.

„Noch nicht", antwortete Hermine mit geschlossenen Augen.

„Warum gehst du nicht in den Turm zurück und hältst ein Nickerchen. Wir holen dich, wenn eine Veränderung eintritt", sagte Ron und nahm Hermines Hand sanft in seine.

„Ich würde lieber hier bleiben." Sie klang, als schlummerte sie bereits ein.

Ron rückte an sie heran, so dass ihr Kopf auf seiner Schulter ruhen konnte.

„Das ist nett", murmelte Hermine.

Harry schaute weg und rieb sich grob über die Stirn. Er wünschte, er wüsste etwas. Was konnte so lange dauern? Madam Pomfrey konnte gebrochene Rippen in einem Sekundenbruchteil heilen, was konnte an Ginny nicht stimmen, das so viel Zeit in Anspruch nahm? Eine kleine Stimme in seinem Kopf flüsterte, dass es bei einigen Verletzungen länger dauerte. Man siehe sich nur an, wie lange Ron im Krankenflügel hatte bleiben müssen, als er vergiftet worden war, und bei ihm hatten sie die genaue Ursache auf Anhieb gewusst.

Er holte tief Luft und versuchte, seine Nerven zu beruhigen. Er hasste es zu warten – das hatte er schon immer getan. Er wünschte sich einfach, dass er sie sehen könnte. Sie war ihn immer besuchen gekommen, wenn er im Krankenflügel gelegen hatte.

„Alles okay, Kumpel?", fragte Ron leise.

Harry zuckte die Achseln. „Fühl mich ein bisschen nutzlos."

Ron schnaubte.

„Was?", fragte Harry und sah ihn das erste Mal unverwandt an.

„Es ist nur, dass wir es normalerweise sind, die hier warten, während Madam Pomfrey dich zusammenflickt. Es ist nur recht, dass du sehen musst, wie es ist, in unserer Haut zu stecken", sagte Ron grinsend.

Harry schaute ihn finster an. „Ich glaube mich daran zu erinnern, dass wir vor nicht allzu langer Zeit dasselbe für dich getan haben", sagte er säuerlich.

„Ja", stimmte Ron seufzend zu. „Wir haben Madam Pomfrey echt auf Trab gehalten."

„Und ihr einen Vorwand geliefert, Mad- Eye zu sehen", fügte Harry hinzu. Ein langsames Halbgrinsen erschien auf seinem Gesicht.

Ron schnaubte. „Ich wüsste gern, was für eine Verletzung er hat, die ein Stelldichein erfordert."

Harry gluckste, während er Tränen in den Augenwinkeln aufsteigen fühlte.

„Und schlag dir den Gedanken gleich aus dem Kopf, Potter", fuhr Ron fort. Das Lachen erstarb auf seinen Lippen. „Was auch immer meine Schwester braucht, das wird es ganz sicher nicht sein."

Harrys Grinsen verflüchtigte sich, während die Realität ihn überkam.

Ron stieß ihm leicht einen Ellenbogen in die Rippen.

Einige Zeit später zog ein Aufruhr im Krankenflügel Ron und Harrys Aufmerksamkeit auf sich. Erhobene Stimme an der Tür ließen beide Jungen erwartungsvoll aufblicken. Hermine regte sich und hob den Kopf von Rons Schulter, verwirrt blinzelnd.

Aberforth Dumbledore stürmte aus dem Krankenflügel, eine erzürnte Professor McGonagall auf den Fersen.

„Du kannst sie nicht einfach so im Stich lassen, Aberforth", rief Professor McGonagall mit schriller Stille.

„Warum nicht? Das Mädchen stirbt. Was ich sage, wird nichts daran ändern", sagte Aberforth.

Harry stockte der Atem. Ein schrilles Heulen rang in seinen Ohren.

„Also wirst du einfach so gehen?", fragte Professor McGonagall ungläubig.

„Das habe ich nicht gesagt. Ich kann mich bei dem ganzen Gekreische nicht konzentrieren. Ich muss an einen ruhigen Ort nachdenken gehen. Ich komme wieder zurück", sagte er und hob das rumänische Dunkle- Künste- Buch, als wolle er zeigen, dass er es lesen würde.

„Es hätte nicht so einen Aufstand gegeben, wenn du sie nicht so geschockt hättest", sagte Professor McGonagall streng. „Sie sind schließlich die Eltern des Mädchens."

„Das Gift schaltet langsam ihre inneren Organe ab. Ohne die Schlange ist es schwer, den Zaubertrank zu finden, der dem Gift entgegenwirken kann. Wenn ihr meine Hilfe wollte, hört mit eurem hysterischen Getue auf und lasst mich meine Arbeit machen", knurrte Aberforth mürrisch.

„Wovon sprechen Sie? Meinen Sie Ginny?", fragte Ron, der sich nicht länger zurückhalten konnte. Er sprang auf die Füße. Blut rauschte ihm ins Gesicht. „Was haben Sie meiner Mum gesagt?"

„Verdammt", sagte Aberforth und warf die Hände in die Luft. „Wie viele von ihnen gibt es überhaupt? Hier wimmelt's ja nur so von euch rothaarigem Haufen."

„Was sagen Sie über Ginny?", fragte Ron, den Rücken gekrümmt und Aberforth anfunkelnd, der nicht im Geringsten eingeschüchtert wirkte.

„Was ich gesagt habe, ist die nackte Wahrheit. Deine Schwester wird von innen vergiftet. Es ist nicht viel Zeit übrig, wenn du erwartest, sie zu retten. Wie viel davon willst du hier verschwenden?", sagte Aberforth.

„Ron! Lass ihn gehen", beschwichtigte Hermine. Sie packte Ron am Arm und zog ihn zurück. Sie legte ihm beruhigend eine Hand auf den Rücken und flüsterte leise in sein Ohr.

Ron holte tief Luft. Seine Schultern sackten herab. Aberforth drehte sich auf dem Absatz um und ging davon. Professor McGonagall blickte sie alle mit verdächtig glitzernden Augen an, bevor sie sich umdrehte und wieder im Krankenflügel verschwand.

Harry ließ es alles unbewegt über sich ergehen. Seine Welt war gekippt, als Aberforth Ginnys drohenden Tod angekündigt hatte, und er musste noch seine Fassung wiedererlangen. Seine Brust schmerzte und er saß stocksteif da, während er versuchte, seine Herzfrequenz zu kontrollieren. Eine heftige Entschlossenheit regte sich in ihm.

Nein.

Nicht schon wieder.

Er würde nicht auch noch Ginny verlieren.

„Wohin gehst du?", wollte Hermine wissen und plötzlich realisierte er, dass er auf den Beinen war, ohne sich an eine Bewegung erinnern zu können.

„Bücherei", sagte er knapp.

„Bücherei?", wiederholte Hermine, sichtlich erstaunt.

„Was war nochmal Golpys Gesetz?", fragte er. „Von Zaubertränke letztes Jahr."

„Golpalotts Drittes Gesetz", berichtigte Hermine automatisch. „Aber es wird nicht helfen, Harry. Es ist dazu da, ein Gegenmittel für Gemischte Gifte zu finden, nicht für Schlangengifte."

„Woher weißt du, was es war?", fragte Ron, sich an die Hoffnung klammernd, die Harry ihm angeboten hatte. „Es war nicht einmal eine echte Schlange."

Hermine schüttelte den Kopf und packte Ron und Harry beide an den Armen, als passte sie auf kleine Kinder auf. „Es ist eine wunderbare Idee, Harry, aber wir haben nicht einmal einen Anfangspunkt."

Harry fühlte sich rasend. Er musste ihr verständlich machen, dass er etwas tun musste. Hier zu sitzen und zu warten machte ihn wahnsinnig. Er riss seinen Arm los und spürte, wie er auf etwas Hartes in seiner Tasche schlug. Verwirrt die Stirn runzelnd, langte er hinein und zog das abgegriffene Zaubertränke- Buch des Halbblutprinzen hervor.

Er hielt es fest, als hätte er einen verborgenen Schatz gefunden, kehrte zu seinem Sessel zurück und begann, die Seiten wild durchzublättern.

„Das wird dir nicht helfen, Harry", sagte Hermine.

Obwohl er nicht aufblickte, konnte er Missbilligung in ihrer Stimme hören und wusste, dass sie die Stirn runzelte. In dem Buch stand nichts über Gegenmittel außer der Notiz über den Bezoar, der bereits verworfen worden war. Es dauerte einige Zeit, während der er Hermines Verärgerung und Rons Wissensbegierde ignorierte, doch schließlich fand Harry eine kurze Notiz über Tiere am Ende des Buches.

Lässt man Tiere gegeneinander antreten, haben alle magischen Kreaturen einen einzigen natürlichen Feind. Finde den Richtigen und der Kampf kann beide Wege einschlagen.

Harry schoss in die Höhe. Einen einzigen natürlichen Feind. Die Spinne hat die Schlange getötet. Seine Erinnerung wurde von dem Bild von Professor Slughorn erfüllt, der im letzten Jahr das Gift von Aragog abgeschöpft hatte. Er hatte gesagt, dass es wirklich wertvoll sei und dass es noch existieren würde, wenn die Spinne gerade gestorben war...

„Ich muss zurück", sagte er.

„Hä? Wohin zurück?", wollte Ron wissen.

„Ich muss in den Eispalast zurück. Meinst du, du kannst dich daran erinnern, wie man dorthin zurückkommt, Hermine?", fragte er eifrig. Hoffnung und Adrenalin rauschte durch seine Venen.

„Was? Warum willst du zurück, Harry?", erkundigte Hermine sich besorgt. Sie hatte sanft seinen Arm genommen und sah aus, als glaubte sie, er habe den Verstand verloren.

„Das Buch sagt, dass alle magischen Kreaturen einen natürlichen Feind haben. Snape hat sie wahrscheinlich gegeneinander antreten lassen, um herausfinden, welches überlebt. Das tut jetzt nichts zur Sache. Diese Spinne war der natürliche Feind der Schlange. Ich muss zurück und etwas von dem Gift der Spinne besorgen", erklärte Harry. Er riss sich von Hermine los und rannte zum Gryffindor- Turm.

„Du meinst, Gift von dieser toten Spinne wird Ginny retten?", fragte Ron. Entsetzen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Harry, das ist verrückt. Du kannst nicht allem trauen, das in dem Buch steht", entgegnete Hermine, während sie sich abmühte, mit ihm Schritt zu halten.

Harry blieb stehen und wirbelte wütend herum. „Ich werde es tun. Kommt ihr mit mir oder nicht?", verlangte er hitzig.

Weder Ron noch Hermine wirkten glücklich damit, doch sie stellte ihre Widersprüche ein und folgten ihm kleinlaut zum Gryffindor- Turm.


Das Gift zu besorgen hatte sich als leichter erwiesen – wenn auch zugegebenermaßen widerlich – als Harry angenommen hatte. Nach einiger Bedenkzeit hatte Hermine entschieden, dass die Idee eines Versuchs wert war, und hatte sich mit ihrem üblichen Eifer auf die Aufgabe gestürzt. Ron jedoch musste Harry es hoch anrechnen. Sein Freund war sichtlich abgestoßen gewesen, doch er hatte seine Angst niedergerungen und auf sich genommen, was er für seine Schwester tun musste. Harry vermutete, dass es für Ron etwa so war, als würde man einem Irrwicht gegenübertreten, und ihm gebührte Anerkennung dafür.

Sie trafen auf Aberforth, als sie das Schloss betraten, und drückten ihm aufgeregt die Phiolen mit dem Gift in die Hände. Zuerst schien er verstimmt und ziemlich verärgert über ihr Auftauchen, doch allmählich wuchs sein Interesse in ihre Geschichte. Er nahm Harry die Phiole aus der Hand und wies sie knapp an, ihm zu folgen.

Sie betraten den Krankenflügel und gingen direkt in Madam Pomfreys Büro. Harry hielt seinen Blick sorgsam abgewandt von der reglosen Gestalt auf dem Bett, das von ihrer Familie umringt wurde. Er wusste, dass er sich nie wieder davon losreißen könnte, wenn er zu ihr gegangen wäre, und er musste sichergehen, dass es funktionierte.

Ron und Hermine schlichen auf Zehenspitzen zu Ginnys Bett und stellten sich auf beide Seiten von der weinenden Mrs. Weasley. Harry folgte Aberforth in das Büro, Madam Pomfrey dicht auf den Fersen.

„Was ist das? Was habt ihr vor?", verlangte Madam Pomfrey und deutete auf die Phiolen, die Aberforth in der Hand hielt. Madam Pomfrey gefiel es offensichtlich gar nicht, dass gegen ihre unangefochtene Herrschaft über den Krankenflügel verstoßen wurde.

„Spinnengift", schnappte Aberforth.

„Das kann nicht euer Ernst sein. Ihr werdet meiner Patientin keinen ungetesteten Trank verabreichen. Ihr könntet sie töten", sagte Madam Pomfrey entgeistert.

„Sie wird eh sterben, wenn wir nichts ausprobieren", entgegnete Aberforth und Harry fand seine Sachlichkeit beunruhigend.

Er blieb still an Aberforth Seite und teilte die Zutaten aus, wenn der alte Barkeeper darum bat. Madam Pomfreys Missbilligung schmolz dahin, während ihr Interesse, was Aberforth zusammenbraute, wuchs. Die beiden unterhielten sich, während sie den Trank zubereiteten, doch Harry hörte sie kaum. Sein Geist war völlig fokussiert auf die eine Person im anderen Raum. Er hatte verzweifelt zur ihr gehen wollen, als Madam Pomfrey ihn aus dem Krankenflügel geworfen hatte, doch nun da sie so nah war, zögerte er. Er wollte Ginny nicht so leblos und ohne ihren Glanz sehen.

Er schluckte schwer und fuhr fort, Aberforth Zutaten zu reichen. Als sie endlich aus dem Büro traten, war dieselbe Gruppe von Weasleys um Ginnys Bett versammelt. Bill und Fleur hielten Händchen, während sie hinter Ron und Hermine standen.

„Sie wird schwächer, Poppy", wimmerte Mrs. Weasley voller Tränen, Ginnys Hand umklammernd. „Sie scheint Mühe zu haben, Atem zu holen."

Madam Pomfrey nickte und scheuchte Ron und Hermine brüsk aus dem Weg, während sie sich dem Bett näherte. Sie hob Ginny leicht vom Kissen hoch und keifte Bill an: „Halte sie so hoch. Lass mich ihr diesen Zaubertrank einflößen."

„Was ist das für ein Trank und was bewirkt er?", wollte Bill wissen, auch wenn er tat, was von ihm verlangt wurde.

„Er ist aus dem Gift der Spinne gebraut, die die Schlange getötet hat, von der sie vergiftet wurde. Die beiden Gifte sollten einander angreifen statt ihr weiter zu schaden", antwortete Madam Pomfrey, während sie den dampfenden Trank in Ginnys Kehle löffelte.

„Mehr Gift?", keuchte Mrs. Weasley und klammerte sich an Mr. Weasleys Umhang fest.

Er tätschelte ihr beruhigend auf den Rücken. „Wird es funktionieren?", fragte er mit müder und erschöpfter Stimme.

„Es ist die beste Hoffnung, die wir haben", erwiderte Madam Pomfrey grimmig.

Harry hatte bei dem Austausch geschwiegen, während er einen ersten richtigen Blick auf Ginny warf. Sie war gespenstisch blass unter dem weißen Verband und selbst die leuchtende Farbe ihres Haars schien stumpf und glanzlos. Es gab kein Funkeln, nichts von der üblichen Wärme oder Feurigkeit, die er mit ihr verband.

Er richtete seinen Blick auf den Boden, da er ihren Anblick nicht länger ertragen konnte. Nachdem Madam Pomfrey Ginny den Zaubertrank verabreicht hatte, wich sie zurück und ließ einen freien Platz neben Ginnys Kopf. Harry spürte Hermines Hand auf seinem Rücken, die ihn sanft vorwärts führte.

Er hielt seinen Kopf gesenkt, um die Blicke der anderen nicht erwidern zu müssen.

„Alles, was wir nun tun können, ist Warten", sagte Madam Pomfrey seufzend. „In ihrer Blutbahn herrscht ein Kampf. Wenn eines der Gift das andere zerstören kann, wird das überlebende Gift verdünnt – geschwächt vom Kampf. Dann müssen wir hoffen, dass Ginny noch stark genug ist, es zu bekämpfen."

Harry hob die Hand und strich liebevoll das Haar von Ginnys Wange. „Hallo, Gin", sagte er.

„Oh, Harry", rief Mrs. Weasley. "Ron sagt, du hast sie wieder gerettet." Sie streckte die Arme aus und kam auf ihn zu, um ihn zu umarmen.

„Bitte nicht, Mrs. Weasley", sagte Harry und wich vor ihr zurück. „Wir wissen nicht, ob sie wieder in Ordnung kommt, und wenn sie nicht bei mir gewesen wäre..." Harry brach ab. Er wandte den Blick ab, wild blinzelnd.

Er hörte Mrs. Weasley schwer seufzen, um sich zu sammeln. Sie legte Harry einen Finger unter das Kinn und zwang ihn, den Kopf herumzudrehen. „Während ich hier saß und mir Sorgen gemacht habe, habe ich mir auch vorgeworfen, dass ich zugelassen habe, dass sie involviert wird. Ich wusste, dass so etwas passieren würde."

Harry verzog das Gesicht, wissend, dass sie jedes Recht hatte, ihm die Schuld zu geben, doch auch dass er gerade nicht in der Verfassung war, von ihr angefallen zu werden.

„Ich hatte eine Art Offenbarung, als Ron uns erzählte, was passiert ist und wie ihr nach dem Gegenstand gesucht habt, den Du- weißt- schon- wer zurückgelassen hat. Ich habe realisiert, dass ich Ginny nie hätte aufhalten können, wenn sie entschlossen ist, etwas zu tun. Seit sie ein kleines Kind war, hat sie ihren eigenen Kopf durchgesetzt. Ich habe einen besonderen Blick – mein „Mum- Blick", wenn du willst. Ich konnte die Jungen mit diesem Blick immer einschüchtern – außer Fred und George wohl bemerkt – aber bei Ginny hat es nie funktioniert. Ich kann sie vor mir sehen, die Hände auf die Hüften gestützt, Rattenschwänze auf dem Kopf wippend und mit finsterer Miene, wenn ich versucht habe, sie zu etwas zu bringen, das sie nicht wollte", sagte Mrs. Weasley. Sie lächelte traurig.

Harry schnaubte. Er konnte sich den Blick auf Ginnys kindlichem Gesicht genau vorstellen.

„Du hättest sie auch nicht abhalten können, Harry. Egal wie sehr du sie beschützen willst, sie ist eine starke Persönlichkeit und entschlossen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Irgendwie ist mein kleines Mädchen, als ich nicht hingeschaut habe, zu genau der Art von Frau herangewachsen, die ich mir immer für sie erhofft habe. Das ist nicht deine Schuld genauso wenig wie meine – oder Ginnys Schuld, weil sie das Richtige hatte tun wollen. Die Schuld liegt einzig und allein bei Du- weißt- schon- wem."

Harry sah zum Boden, tief Luft holend. Obwohl er es aufhalten wollte, konnte er nicht anders und ein kleines Schniefen entfuhr ihm.

Mrs. Weasley beugte sich herüber und küsste ihn auf den Kopf. „Warum warten wir nicht alle draußen im Korridor, um Harry einen Augenblick allein mit Ginny zu geben", sagte sie und scheuchte ihre Familie aus dem Zimmer.

Harry beobachtete das langsame, gequälte Heben und Senken von Ginnys Brust, bis es still im Raum war. Langsam ließ er seinen Blick aufwärts zu ihrem Gesicht wandern und streichelte ihre Wange.

„Ginny", flüsterte er, „du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen. Du hast es versprochen. Du hast versprochen, dass du hier sein würdest, um mir zu zeigen, wie unser Leben sein sollte. Wir sollten glücklich sein, Zeit haben, Dinge zusammen zu tun und alt zu werden und Babys zu haben und..."

Verärgert wischte er sich die Augen und blinzelte wieder. Er wartete einen Augenblick, um seinen Atem zu beruhigen.

„Du musst mir bis zum Ende beistehen. Ich brauche dich dafür. Ich brauche dich dafür, mich daran zu erinnern warum."

Er nahm seine Brille ab, da sie sich beschlagen hatte, und wischte sich wieder über die Augen.

„Es ist komisch... jemanden so sehr zu brauchen", sagte er schniefend. Er wollte es ihr richtig erklären, ihr sagen, wie viel sie ihm bedeutete, doch er konnte nicht die richtigen Worte finden. „Aber in einer guten Weise komisch. Oh, Ginny, ich bin schlecht darin. Das weißt du. Du erzählst mir immer wieder, wie unser Leben aussehen wird, wenn all das vorüber ist. Ich will dieses Leben. Ich will es mit dir."

Er starrte auf eine entfernte Stelle auf dem Fenster, bis er sich wieder gefasst hatte.

„Du musst hier sein, um es möglich zu machen. Also kämpfe. Gib nicht auf. Ich weiß, was für eine Kämpferin du sein kannst, und du musst jetzt kämpfen. Kämpf für alles, das es wert ist... und ich verspreche, dasselbe zu tun. In Ordnung, Ginny? Tust du das für mich?"

Sie hatte sich nicht gerührt und ihr mühsames Atmen hatte sich nicht verändert. Er wünschte sehnsüchtig, dass ihre Augen nur flattern würden oder dass sie seine Hand drücken würde, doch nichts geschah.

Er schlang seine Finger um ihre schlaffe Hand und legte seinen Kopf auf das Bett neben ihr Kissen, ihren Duft einhauchend.

„Ich werde für uns beide durchhalten", sagte er leise.


Nach einer angespannten Stunde, die sie außerhalb des Krankenflügels wartend zugebracht hatten, fühlte Hermine sich rastlos. Sie hasste es, nicht zu wissen, was vor sich ging. Sie war sich bewusst, dass Mrs. Weasley das Richtige getan hatte, indem sie alle nach draußen gescheucht hatte, um Harry etwas Privatsphäre mit Ginny zu gewähren, doch die Unsicherheit brachte sie um den Verstand.

Mr. Weasley hatte darauf bestanden, dass Mrs. Weasley etwas essen musste, und sie in die Große Halle hinunterbegleitet. Bill und Fleur hatten sich ihnen angeschlossen, doch sie und Ron hatten sich entschieden zurückzubleiben. Obwohl sie es nicht ausgesprochen hatte, sorgten sie sich, dass Harry moralische Unterstützung brauchen könnte, wenn er herauskam.

Shannon, George, Fred und selbst Iris hatten alle vorbeigeschaut, um sich nach Fortschritten zu erkundigen. Doch keiner der Zwillinge hatte es ertragen, sich hinzusetzen und zu warten. Ron hatte versprochen, ihnen eine Nachricht zukommen zu lassen, falls eine Veränderung eintrat.

Ron hatte sich auf den Sessel neben ihr gesetzt und etwas Beschlag von dem Diadem abgerubbelt, doch prompt war er eingeschlafen, so dass ihr nichts zur Ablenkung blieb. Das Spinnengift musste wirken! Sie wollte nicht einmal an die Alternative denken. Wenn es versagte... keiner ihrer Jungs würde jemals wieder derselbe sein.

Sie erhob sich und lief im Korridor auf und ab, während sie Rons lautem Schnarchen lauschte. Schließlich ihrer Neugier nachgebend, lehnte sie ihren Kopf gegen die Tür des Krankenflügels. Sie schob sie auf und lugte vorsichtig hinein.

Harry saß in dem Sessel neben Ginnys Bett. Sein Kopf ruhte auf dem Rand ihres Kissens. Er war wach, doch seine Augen wirkten matt und dem Zufallen nahe. Er hielt Ginnys Hand und streichelte sie sanft mit seinem Daumen.

Hermines Herz zog sich zusammen und sie musste eine Hand vor den Mund legen, um ihr Schluchzen zu unterdrücken. Er sah so verloren und einsam aus, dass es ihr Herz schmerzte. Er hatte bereits so viel verloren. Das Schicksal konnte doch nicht so grausam sein, dass es ihn so weit brachte – so nahe ans Ende – nur um ihm das einzige zu nehmen, das ihn vorwärtsgetrieben hatte. Hermine war sicher, dass Ginny Harrys Hoffnung auf eine bessere Zukunft war.

Leise schloss sie die Tür und lehnte ihren Kopf gegen die Wand im Korridor. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen unglaublich persönlichen Moment eingedrungen. Während sie zusammen aufgewachsen waren, hatte sie immer das zwanghafte Bedürfnis verspürt, Harry zu bemuttern, auf ihn aufzupassen und sicherzugehen, dass es ihm gut ging. Sie wusste, dass es ihn und auch Ron manchmal in den Wahnsinn trieb, doch sie konnte nicht anders. Vielleicht weil sie wusste, dass niemand anderes es sonst tat.

Mit Ron war es anders gewesen. Sie hatte sich um ihn gesorgt und natürlich viel Aufhebens um ihn gemacht. Merlin wusste, dass er es nötig hatte, um seine Hausaufgaben rechtzeitig zu machen. Dennoch war es nicht das gleiche. Alles war mit Ron anders. Sie hatte immer den Drang verspürt, auf Harry aufzupassen, doch mit Ron hatte sie stets das Gefühl gehabt, dass er derjenige war, der auf sie Acht gab.

Er war so treu und beschützerisch ihr und Harry gegenüber. Obwohl sie es ihm nie gestanden hatte, hatte es sie insgeheim immer erfreut, wenn er sie vor Malfoy oder einem anderen Slytherin in Schutz genommen hatte. Ebenso hatte es sie während der ganzen Lavender- Brown- Sache umso mehr verletzt, wenn er ihre besserwisserische Art gehänselt hatte.

Hermine schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht die richtige Zeit, in dieser Geschichte zu schwelgen. Es ging um Ginny. Sie wollte nicht einmal daran denken, Ginny zu verlieren. Hermine hatte noch nie zuvor eine enge Freundin gehabt – nicht einmal in der Grundschule, wo die anderen Kinder sich über sie lustig gemacht hatten. Ginny hatte Hermines Leben verändert, ebenso wie Ron und Harry. Vielleicht nicht ganz so grundständig, da Hermine schon etwas über Freundschaft gelernt hatte, bevor sie Ginny kennen gelernt hatte, doch nichtsdestotrotz hatte sie eine positive Auswirkung.

Und sie übte mit Sicherheit eine positive Auswirkung auf Harry aus.

Harry bekam immer einen sanften Gesichtsausdruck mit glasigen Augen, wenn er an Ginny dachte. Hermine hatte es in ihrem letzten Schuljahr in Hogwarts bemerkt und während ihrer Zeit im Ligusterweg war er nie verschwunden. Hermine hatte es irgendwie süß gefunden, den in Gefühlsdingen zurückhaltenden Harry mit einem verlorenen Dackelblick zu sehen.

Ginny in seinem Leben zu haben, hatte ihm gut getan. Egal wie sehr Hermine sich bemüht hatte, ihm etwas Trost zu spenden, musste sie zugeben, dass Ginny diejenige war, die ihn stets erreichen konnte. Sie konnte ihn zum Lachen bringen, wie Ron und Hermine es nie geschafft hatten.

Hermine hatte viel von dem Mann gesehen, der Harry in diesem Jahr geworden war, doch er brauchte noch immer Führung und Bestätigung. Sie hatte gedacht, dass Remus diese Rolle füllen würde, aber auch er war Harry entrissen worden. Danach hatte Hermine endlich realisiert, dass die Aufgabe, Harry zu führen und zu unterstützen, ihr, Ron und Ginny zugefallen war. Sie waren seine Rettungsleine und er brauchte sie alle dringend.

Ginny könnte diese Rettungsleine nun brechen. Das Gift musste wirken. Hermine war nicht sicher, ob Harry überleben würde, falls Ginny starb, egal wie sehr sie und Ron ihm beistanden. Ginny hatte ihr erzählt, dass Harry sie immer küsste, als würde es das letzte Mal sein, und Hermine vermutete, dass es tatsächlich so war. Er glaubte nicht daran, dass er den letzten Kampf überleben würde.

Hermine spürte Gewissensbisse gestattet zu haben, dass diese Gefühle sich in ihm festigten, doch ein Teil von Hermines Plan hing von diesem Gedanken ab. Harry konnte Okklumentik nicht beherrschen. Er hatte es versucht und wiederholt versagt, so dass Voldemort sicher war, in seinen Geist sehen zu können, sobald der letzte Kampf begann. Wenn Harry glaubte, dass der Plan darin bestand, ihn selbst zu zerstören, würde Voldemort dasselbe denken. Darauf zählte Hermine.

Sie hatte eine Idee mit Professor Dumbledores Porträt entwickelt, seit sie hier angekommen war. Er hatte sich als wirklich hilfreich erwiesen, ihre Gedanken zu sammeln. Sie hatte es mit Ron und Ginny besprochen und sie wussten beide, was sie zu tun hatten. Der einzige Unwissende war Harry.

Hermine schnaubte, da sie nun die Frustration des Ordens nachempfinden konnte, Harry zu kontrollieren. Was sie plante, sollte ihn retten, doch sie musste sich darum sorgen, dass er jederzeit die Pläne über den Haufen werfen konnte. Sie verstand sein Verlangen, sie zu beschützen – er hatte alle anderen verloren – doch er musste ihnen vertrauen, damit ihr Plan funktionierte.

Sie hoffte nur, dass er es schaffte.

Hermine hatte sich nach dem Disaster in der Mysteriumsabteilung selbst geschworen, etwas Vertrauen in ihre eigene Urteilsfähigkeit zu haben und nicht blindlings Harrys Führung zu folgen. Es war schwer mit ihm umzugehen, wenn er wütend war, und sein Zorn schüchterte Hermine ein, wenn er gegen sie gerichtet war. Dennoch, er war nicht der einzige, der erwachsen wurde, und sie wusste, dass ihre Idee funktionieren würde. Sie hatte die richtige Entscheidung gefällt, Ginny von den Horkruxen zu erzählen, und sie wusste, dass sie nun ebenfalls richtig handelte.

Doch alles wäre umsonst, wenn Ginny starb. Harry würde kein Bedürfnis mehr verspüren, nach Voldemorts Untergang weiterzuleben.

Hermine schob die Tür auf und lugte wieder hinein. Harry war eingeschlafen, aber Hermine musste zweimal blinzeln, um sich davon zu überzeugen, was sie da sah.

Ginnys Augen waren nachwievor geschlossen und sie schien zu schlafen. Doch ihre Finger strichen sanft durch Harrys Haar.

„Madam Pomfrey!", zischte Hermine. „Ich glaube, Ginny wacht auf."


Einige Tage nach Ginnys Kampf mit dem Tod war sie immer noch zur Genesung im Krankenflügel. Zu ihrer aller Erleichterung machte sie eindeutig, wenn auch langsam, Fortschritte. Ihre Organe heilten, doch sie war noch zu schwach, um aus dem Bett zu steigen. Ihre Atemzüge blieben mühsam und sie litt unter Atemnot, wenn sie zu lange redete.

Sie trug einen roten Abdruck über ihrer Stirn und Kopfhaut, wo die Schlange sie gepackt hatte. Madam Pomfrey sagte, es würde wahrscheinlich eine Narbe zurückbleiben, doch glücklicherweise würde ihr Haar das meiste davon verbergen. Ihre bloße Existenz trieb Harry zur Weißglut. Er war wütend, dass all das sie gezeichnet hatte genauso wie ihn. Dennoch, es hätte sehr viel schlimmer enden können und dafür war er dankbar.

Harry hatte sich angewöhnt, mit seinem Tarnumhang in den Krankenflügel zu schleichen. Er legte sich auf das leere Bett neben Ginnys und schlief tatsächlich ruhiger als im lauten Schlafsaal. Er fühlte sich besser im Wissen, dass er neben ihr war, nur für den Fall dass etwas schief lief.

Das graue Licht der Morgendämmerung begann, durch die Fenster zu sickern, und signalisierte, dass es Zeit für Harry war, in seinen Schlafsaal zurückzukehren. Er streckte sich träge und zwang sich aus dem Bett, wobei er die Ecken der Laken sorgfältig feststeckte, damit Madam Pomfrey nicht bemerkte, dass er dort gewesen war.

Er lehnte sich über Ginny, um sie auf die Stirn zu küssen, und war überrascht, als sie den Mund öffnete.

„Hey", sagte sie schläfrig. „Musst du schon gehen?"

Ein langsames Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich hatte keine Ahnung, dass du wusstest, dass ich da bin", erwiderte er flüsternd.

Ginny lächelte, die Augen noch immer geschlossen. „Ich bemerke es immer, wenn du da bist, Harry."

„Warum? Stinke ich?", fragte er und hob nur halbscherzend seinen Arm, um daran zu schnüffeln.

Ginny schnaubte und öffnete endlich die Augen. „Nein, du Trottel. Du stinkst nicht. Du riechst eigentlich ganz nett."

„Äh... das ist gut... denke ich", sagte er. Er hob die Augenbrauen. „Wie fühlst du dich?"

Ginny zuckte die Achseln. „Noch müde und ein bisschen wund, aber immer kräftiger. Meine linkes Bein wird immer wieder taub, aber Madam Pomfrey meint, es wird wieder heil."

„Du hast mir wirklich einen Schrecken eingejagt, Ginny", flüsterte Harry, während er an einer Ecke ihrer Decke zupfte.

„Tut mir leid", erwiderte Ginny. „Der Horkrux ist aber zerstört, richtig?"

„Ja. Es ist wieder nur ein Diadem", antwortete er und dachte an das dünne Blitzmal, das er im Inneren des Schmuckstücks gefunden hatte, nachdem Ron es fertig poliert hatte.

„Also... was jetzt?", wollte Ginny wissen und Harry konnte ein Beben in ihrer Stimme hören.

„Jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, dass es dir bald wieder besser geht. Mach dir um nichts anderes Gedanken, Ginny", sagte er und sah ihr in die Augen.

„Du denkst nicht daran, dich ohne uns davonzustehlen, oder, Harry? Das könnte ich nicht ertragen. Ich muss wissen, dass du nichts Unüberlegtes tun wirst", sagte Ginny mit tiefer, heiserer Stimme.

„Ich werde nichts unternehmen, bevor du wieder gesund bist, Ginny", versicherte er und er meinte es ernst. Er musste sicher sein, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand, bevor er überhaupt nur in Erwägung ziehen konnte, sie zu verlassen.

„Gut", erwiderte Ginny und kuschelte sich in ihre Decke. „Was geht im Gryffindor- Turm vor?"

„Nicht viel. Das Seltsamste ist, dass Draco und Dudley scheinbar Kumpels geworden sind. Es ist merkwürdig", sagte Harry. Er kratzte sich am Kopf. „Wer hätte jemals gedacht, dass Malfoy sich mit einem der Muggle- Geborensten aller Muggle- Geborenen anfreunden würde?"

Ginny verdrehte die Augen. „Tja, sie beide sind es gewohnt, eine Gang zu haben, richtig? Hast du nicht gesagt, dass Dudley auch eine kleine Gruppe von Anhängern hatte?", fragte sie. „Sie suchen beide nur danach, eine Verbindung zu machen. Außerdem hassen sie dich beide."

Harry schnaubte. „Ja, das stimmt. Weißt du, es gab Zeiten, bevor Pansy angekommen ist, in denen Draco fast... erträglich war. Er hat die Dinge, die er bei Okklumentik erfahren hat, nicht einmal so schrecklich ausgenutzt, wie er es hätte tun können. Jetzt mit Pansy und Dudley – hat er seinen Fanclub zurück und ist wieder zum Ekelpaket geworden."

„Er ist nie davon abgewichen, Harry", erwiderte Ginny unnachgiebig.

Harry unterdrückte ein Lächeln und wechselte das Thema. „Weißt du was, wer sich überraschend gut versteht, sind Fred und Iris."

„Tja, wer hat das schon nicht kommen sehen?", fragte Ginny unbeeindruckt.

Harrys Kinnlade fiel herunter.

Ginny kicherte und tätschelte seine Hand. „Einfältiger Junge. Fred und Iris waren beide außen vor, nachdem Shannon zu uns gestoßen ist. Außerdem liebt Fred Herausforderungen. Weißt du, dass Mum sich Sorgen macht, wie nahe George und Shannon sich gekommen sind? Sie will nicht, dass sie sich zu etwas Unanständigem hinreißen lassen."

Harry lachte, als er sich daran erinnerte, das Paar aus mehr als nur einem Besenschrank herausschleichen gesehen zu haben.

„Ja. Sie hat offensichtlich die Tatsache vergessen, dass sie es zu ihrer Mission gemacht haben, in jedem Raum dieses Schlosses zu vögeln", sagte Ginny.

„Ginny!"

„Was? Du wärst verblüfft, wie viel Menschen sagen, wenn sie denken, du kannst sie nicht hören", sagte sie schlicht.

Harry lachte nervös und fragte sich, wie viel ihm entschlüpft ist, als er gedacht hatte, dass Ginny schlief.

„Keine Sorge, Harry. Ich werde all deine Geheimnisse für mich behalten", versicherte Ginny.

„Ich muss wirklich zum Schlafsaal zurück, bevor ich hier erwischt werde", sagte Harry widerwillig.

„Bleib noch ein bisschen und rede mit mir, während ich einschlafe", flüsterte sie, als wüsste sie, dass er es ihr niemals abschlagen könnte.

„Worüber soll ich reden?", fragte er.

„Erzähl mir noch einmal von dem Traum... dem am Strand", seufzte Ginny zufrieden.

Harry lächelte, während er noch einmal die Geschichte schilderte, in der sie Hand in Hand an der Brandung entlang gingen, frei von allen Sorgen.

Es war ein schöner Traum für die Zukunft.