Kapitel 29 – Stimmen jenseits des Schleiers

Ginny sah entsetzt, wie Dutzende von maskierten Todessern außerhalb der Hogwarts- Tore auftauchten. Sie stand erstarrt da mit offenem Mund, während immer mehr von ihnen erschienen, gackernd und grobe Kommentare über die Zerstörung der Schule brüllend. Hagrid packte sie und Hermine und zerrte sie beide in die Bäume, die den Pfad zu Hogsmeade säumten. Ron und Draco folgten hastig, beide ebenfalls mit weit aufgerissenen Augen

Die sanfte Frühlingsbrise fuhr durch Ginnys Haar, während sie ihr rasendes Herz zu beruhigen versuchte. Der Stein, den sie um ihren Hals trug, war den ganzen Abend über seltsam warm gewesen und nun fühlte es sich an, an verbrannte er ihre Haut. Sie hatte jedoch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Die Ablenkung von ihrem Geist ausblendend wandte sie sich hilflos zu Hermine.

„Wir müssen alle in der Schule warnen, Hermine", sagte Ron grimmig, während er zusah, wie die Todesser Flüche auf das Tor abschossen. Alle Farbe war ihm aus dem Gesicht gewichen.

„Es sei denn... Ja, ich denke, ich schaffe es", murmelte Hermine und rückte von ihnen weg.

„Ich hasse es, wenn sie das tut", sagte Ron leise. „Wo gehst du hin?"

„Greif'n die Schule an! Hätt nie gedacht, dass ich den Tag erleben würd", sagte Hagrid und schüttelte traurig den Kopf.

„Bleibt einfach hier", sagte Hermine und bedeutete ihnen mit wedelnden Armen, unten zu bleiben. „Ich bin gleich wieder zurück."

„Was wird sie tun?", fragte Ron.

„Wen kümmert das schon?", kommentierte Draco und zerrte an Rons Arm. „Was ist mit Pansy? Ich dachte, ihr wolltet Potter aufhalten."

„Ich habe nicht vor, meine ganze Familie abschlachten zu lassen, Malfoy", entgegnete Ron hitzig. „Deine Mutter ist auch da drin, weißt du."

Malfoy wurde blass. „Dessen bin ich mir wohl bewusst, Weasel... vielen Dank. Genau deshalb, denke ich, sollten wir uns beeilen."

„Wir wissen nicht einmal, ob Pansy bei Harry ist, Draco", keifte Ginny. „Nach allem, was wir wissen, könnte sie diejenige gewesen sein, die diese Todesser hergeführt hat."

„Das hätte sie niemals getan, da sie weiß, dass ich hier bin – oder dass ihre Familie hier ist", schnauzte Malfoy.

Mit finsterem Blick wandte Ginny sich ab und verschränkte die Arme vor der Brust, wissend dass er Recht hatte. Egal was für eine Kuh Pansy war, ihr lag an dem Ekelpaket. Dennoch konnte Ginny nichts gegen das nagende Gefühl ausrichten, wie seltsam es war, dass Harry und Pansy zusammen verschwunden waren.

„Vielleicht greifen sie an, weil sie Potter schon erwischt haben", sagte Draco kalt. „Vielleicht haben sie vor den Toren gewartet und ihn und Pansy geschnappt, als sie sich hinausschleichen wollten."

Ginny wirbelte herum. Ihre Kehle verschloss sich, während ihr Herz Anstalten machte, aus ihrer Brust zu springen. „Sie haben Harry nicht", sagte sie mit bebender Stimme.

Dennoch hallten Malfoys Worte in ihrem Kopf wider. Konnte es wahr sein? Nein. Harry hätte Pansy nie mitgenommen, wenn er auf dem Weg zum Ministerium war. Vielleicht waren er und Voldemort bereits im Kampf verwickelt, weshalb die Todesser auch hier waren. Sie wusste immer noch nicht, wie Pansy hineinpasste.

„Ron", sagte sie und umklammerte seinen Arm, so dass sich ihre Nägel in seine Haut bohrten.

„Das reicht, Malfoy", blaffte Ron und trat zwischen sie und Draco. Ginny konnte jedoch die Sorge in seinem Gesicht erkennen. Sie war nicht die einzige, die von Malfoys Worten alarmiert war.

Sie sah die helle, glühende Gestalt von Hermines Patronus, der aus den Bäumen an der Straße sprang. Er segelte über die Köpfe der Todesser hinweg durch die Tore auf Hogwarts zu. Gerade als der Otter erschien, tauchte Hermine hinter ihnen auf.

„Gutes Mädchen, Hermine", sagte Hagrid.

„Du hast ihnen eine Warnung geschickt", stellte Ron lächelnd fest.

Hermine nickte. „Ich habe es bei Harry gesehen. Es war erstaunlich. Ich habe dem Patronus aufgetragen zu warten, bis ich weggeschlüpft bin, bevor er die Nachricht schicken sollte, und das hat er auch getan", berichtete sie sehr schnell.

Die versammelten Todesser begannen, in den Wald zu feuern, wo der Patronus aufgetaucht war. Wütende Stimmen durchbrachen die Nachtluft und die Gruppe teilte sich auf. Der eine Teil rannte die Straße hinunter, um die Bäume nach dem Ausführer des Zaubers zu durchsuchen, während der andere Teil den Angriff auf die Tore fortsetzte.

„Ich habe ihn zu Professor McGonagall gesandt. Sie wird alle hierherschicken. Wir müssen ins Ministerium apparieren", sagte Hermine.

„Geht ihr vor", sagte Hagrid. „Ich werd hier wart'n und helf'n, die Schule zu verteidig'n."

„Hagrid, du kannst es nicht mit allen von ihnen aufnehmen", entgegnete Hermine und nahm Hagrids Hand, als wollte sie ihn fortziehen.

Beißender Rauch erfüllte die Luft und die Sichtweite wurde schwächer wegen der großen Menge von Flüchen, die abgefeuert wurden. Der Dunst vor den Toren schien leicht zu schimmern und helle Lichtblitze flackerten alle paar Sekunden auf.

„Mach dir keine Sorgen um mich, Hermine. Meine Haut ist zu stark, die könn' mich nich' verletz'n. Die Schutzzauber um Hogwarts rum sin' schwächer g'worden, seit Dumbledore... naja, seit..." Hagrid nickte und räusperte sich.

Hermine schluckte und nickte, um zu zeigen, dass sie verstand, was Hagrid meinte.

„Ich glaub nich', dass sie lang halten werd'n", sagte Hagrid. „Wenn se falln, bevor die Aurorn vom Schloss komm', werd ich versuch'n, sie aufzuhalten."

„Hagrid", flehte Hermine, die immer noch an seinem Arm zog. „Selbst deine Haut ist nicht stark genug, gegen alle von ihnen zu bestehen."

Schreie waren in einiger Entfernung zu hören. Ginny konnte die Worte nicht verstehen, doch sie konnte ihre Aufregung ausmachen. Sie kamen näher. Ginny kniff die Augen fest zusammen und sandte ein Stoßgebet zum Himmeln, dass es ihrer Familie gut ging.

Hagrid legte seine massiven Hände auf Hermines Schultern und zog sie in eine knochenbrechende Umarmung. „Ich schätz deine Sorge, Hermine, aber ich werd tun, was ich tun muss. Wir haben alle 'ne Rolle zu erfülln. Geht ihr Harry helfn. Er brauch' euch mehr als ich."

Ron schluckte schwer und zog Hermine aus Hagrids Armen. „Pass auch dich auf, Hagrid", sagte er.

Hagrid nickte ihm zu und schüttelte seine Hand, während er seinen feierlichen Blick erwiderte.

Ginny konnte das Schluchzen nicht unterdrücken, das aus ihrem Mund schlüpfte. Sie warf die Arme um Hagrid und umarmte ihn fest. „Bleib in Sicherheit, Hagrid."

„Ihr auch, Ginny", sagte er und tätschelte ihren Rücken, wobei er sie beinahe von den Füßen fegte. „Er wird euch am meisten brauchen, wenn alles vorbei is."

Ginny nickte, während Tränen aus ihren Augen strömten.

„Lasst uns weitergehen", sagte Draco und Ginny glaubte, dass selbst seine Stimmeein wenig belegt klang.

Ein tiefes grummelndes Geräusch erfüllte die Luft und gewann an Lautstärke, bis das Brüllen so laut war, dass Ginny sich ihre Ohren zuhalten musste. Ein großer Rauchnebel schraubte sich in die Luft und die versammelten Todesser jubelten. Eine Salve von Flüchen traf gleichzeitig das Eisentor, das erschauderte, bevor es endlich nachgab und mit einem massiven Klingen umfiel.

Als der Staub sich gelegt hatte, lag das Tor am Boden und Hogwarts war offen für den Angriff.

Hermine packte Ginny am Ellenbogen und Ron tat dasselbe mit Draco. Einander zunickend, disapparierten sie alle mit einem lauten Knacken, als Hagrid ein Brüllen von Trauer und Wut ausstieß, bevor er sich ins Schlachtgetümmel stürzte.


Die einzigen Geräusche in der dämmrigen Kammer, in der Harry gefangen war, war das beständige, beinahe nervige Tropfen von Wasser gegen den Stein und Voldemorts heimtückisches Keuchen. Er war aufgeregt und genoss sichtlich Harrys Misslage. Der süße Sieg schimmerte in seinen unnatürlich roten Augen und seine Zunge schnellte hervor, um seine Lippen zu befeuchten.

Er stand in der Tür, die Arme verschränkt und den Zauberstab lässig zwischen den Fingerspitzen haltend, als wäre er völlig unbesorgt, dass etwas schief gehen könnte. Er sah begierig zu, wie Snape näher an Harrys unbewegliche Gestalt heranrückte.

Harry kämpfte vergeblich gegen die dicke schwarze Flüssigkeit an, die seinen Mund füllte. Snapes Zauber hatte seinen Kopf zurückgezogen und seinen Mund aufgezwungen. So sehr Harry es auch versuchte, er schaffte es nicht, seinen Mund zu schließen. Die einzige Methode, das Unvermeidliche hinauszuzögern, war das Schlucken zu verweigern, doch selbst das wurde immer schwieriger, während Snape den sirup-ähnlichen Trank hineinkippte.

Er schmeckte bitter und der faule Gestank ließ Harry würgen. Tränen sickerten aus seinen brennenden Augen, während er darum rang, seine Kehle geschlossen zu halten. Panik stieg wie ein Crescendo in ihm auf. Dunkle Hoffnungslosigkeit streckte die Finger nach seinem Bewusstsein aus und flüsterte, dass es so viel leichter wäre, einfach nachzugeben und zu schlucken. Er würde nicht mehr kämpfen müssen...

Harry schüttelte sich innerlich. Er weigerte sich, diesen dunklen Pfad zu betreten. Stattdessen dachte er an seine Mission und an die Menschen, die er zu schützen suchte. Sie waren eine Gruppe leidenschaftlicher Kämpfer und keiner von ihnen würde jemals aufgeben und Voldemorts Sieg einfach zulassen.

Plötzlich erinnerte er sich an den entschlossenen Ausdruck auf Remus' Gesicht, bevor er sich Voldemort entgegengestellt hatte. Remus hatte sich geopfert, damit der Rest von ihnen leben konnte – aus dem gleichen Grund musste Harry am Leben bleiben. Er konnte nicht zulassen, dass der Verlust Remus' umsonst gewesen war. Er konnte nicht zulassen, dass der Rest von ihnen dasselbe Schicksal erlitt, denn mit Sicherheit würde Voldemort denen nachspüren, die Harry am treuesten ergeben waren.

Mit neuer Entschlossenheit versuchte Harry abermals, den Zauber abzuschütteln. Sein gesamter Körper begann, vor Anstrengung zu beben, doch langsam, zu Anfang unmerklich, fühlte er, wie die Lähmung aus seinen Gliedern wich. Es begann als ein Prickeln, das allmählich in ein brennendes Gefühl überging, welches seinen ganzen Körper bedeckte. Ohne zu verstehen, wie genau es dazu gekommen war, realisierte er plötzlich, dass er sich bewegen konnte. Snapes Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen, als ihm bewusst wurde, dass Harry den Bindefluch gebrochen hatte.

„Was ist los, Severus?", erkundigte Voldemort sich. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft klang er unsicher. Er trat einige Schritte näher, um über Snapes Schulter zu blicken. „Was geschieht?"

Bevor Snape Zeit zum Antworten hatte, begann die gesamte Kammer von der rohen Macht von Harrys entfesselter Magie zu beben. Die Phiole in Snapes Hand zerbrach, worauf kleine Glassplitter durch die Luft flogen und in Snapes Hand schnitten. Das Überbleibsel des Tranks tropfte auf Harrys Shirt.

Snapes Verwirrungsmoment ausnutzend setzte Harry sich auf und spuckte den ganzen Inhalt seines Mundes in das Gesicht seines ehemaligen Lehrers.

„Ich mag vielleicht bereit sein zu gehen – bereit zu sterben, um dies zu beenden – aber noch ist es nicht so weit", knurrte er und warf sich mit seinem Kopf nach vorn, um gegen Snapes zu stoßen. Der Aufprall war so schnell und hart, dass Harry Sterne sah. Das Brüllen in seinen Ohren wurde noch lauter und er musste gegen die Dunkelheit anblinzeln, die ihn zu umhüllen drohte.

Snape, der den Stoß nicht erwartet hatte, stürzte zurück und taumelte in Voldemort. Harrys Macht erschütterte abermals den Raum, worauf Steinsplitter von der Decke fielen. Voldemort wurde nach hinten durch den Höhleneingang geschleudert, kurz bevor der Bogengang mit einem donnerartigen Grollen zusammenfiel. Snape fiel innerhalb der Kammer zu Boden. Sein Kopf stieß auf den kalten Steinboden und ließ ihn benommen liegen bleiben.

So schnell er konnte, schwang Harry seine Beine über die Seite seines Sarges und stand zittrig auf. Der Raum drehte sich alarmierend und er musste sich an der Box festhalten, um sein Gleichgewicht wiederzufinden. Alles, was er tun konnte, war seinen Magen davon abzuhalten, seinen Inhalt herauszuschleudern. Seine bleiernen Gliedmaßen fühlten sich schwach und unempfänglich an und sein Sichtfeld verschwamm. Der Stein in seinem Strickarmband brannte heiß gegen die empfindliche Haut seines Handgelenks, doch er hieß den Schmerz willkommen, denn er half ihm, seinen Geist zu klären.

Er musste seinen Zauberstab holen und hier rauskommen. Er streckte seine Sinne aus und sein Herz sank, als er das vertraute Summen von Anti- Apparier- Zaubern entdeckte. Er hätte wissen müssen, dass sie in Voldemorts Festung nicht fehlen konnten.

Doch wie sonst sollte er fliehen? Er würde sich in seiner jetzigen körperlichen Verfassung nicht lange halten können. Er hatte nichts von dem Trank der Lebenden Toten geschluckt, doch etwas davon musste in seinen Verdauungstrakt gelangt sein, weil er sich durch und durch entsetzlich fühlte. Er sorgte sich darum, wie lange er seinen dünnen Griff auf sein Bewusstsein noch aufrechterhalten konnte. Selbst jetzt schienen die schwarzen Punkte in seinem Sichtfeld zu wachsen und die Lücken allmählich auszufüllen.

Dennoch, er musste etwas unternehmen. Er konnte nicht einfach hier stehen bleiben und darauf warten, jeden Moment umzufallen. Er trat einen zittrigen Schritt vorwärts und ging auf Snape zu, der immer noch auf dem Boden lag. Der Zaubertränkemeister musste Harrys Plan gespürt haben, denn er trat nach ihm, so dass der bereits angeschlagene Harry zurücktaumelte.

Snape kroch zurück und langte nach seinem Zauberstab, Harry kaum genug Zeit lassend, nach seinem eigenen zu greifen. Als Harrys Adrenalin zu pumpen begann, schien es seinen Kopf zu klären und etwas Stärke in seine geschwächten Muskeln zurückzubringen.

Knurrend stürzte er sich auf Snape, entschlossen an seinen Zauberstab zu kommen.


Ron, Hermine, Ginny und Draco kamen einen Moment, nachdem sie Hogwarts verlassen hatten, am Besuchereingang zum Ministerium an.

„Die Schutzzauber sind weg. Sie haben Hogwarts", sagte Hermine panisch.

„Ich weiß", erwiderte Ron und legte seine Hände auf ihre Schultern. „Wir müssen darauf vertrauen, dass der Orden und die Auroren damit zurechtkommen, Hermine. Wir müssen Harry helfen."

Ginnys Augen weiteten sich vor Überraschung, dass Ron die Führungsrolle übernahm und Hermine auf ihn hörte. Wann war ihr Bruder zu so einem starken Mann geworden?

„Du hast Recht", sagte Hermine und riss sich zusammen. „Kommt, hier entlang."

Hermine führte sie zu der eingeschlagenen Telefonzelle und eilte hinein. Ron und Ginny folgten ihr rasch, doch Malfoy hielt an.

„Das ist doch nicht euer Ernst", sagte er und starrte die anderen ungläubig an, die sich in die Zelle gequetscht hatten.

„Entweder du kommst mit oder nicht, Malfoy", sagte Ron genervt. „Für mich macht es keinen Unterschied und mir macht die große Zielscheibe nichts aus, die dein Rücken hier draußen darstellt."

Malfoy erbleichte und drängte sich hastig zu den anderen hinein. Ron schien die Enge nicht zu stören, da er Hermine an die eine Seite der Zelle drückte, doch Ginny war zwischen Ron und Draco eingekeilt und konnte sich nicht bewegen, ohne sie noch weiter berühren zu müssen.

„Beeil dich mit dem Wählen, ja?", keifte sie.

„Warte doch mal, ich komm nicht ganz ran", keuchte Ron, während er den Arm nach dem Telefon ausstreckte.

„Au!", rief Hermine und rieb sich ihren Kopf.

„Sorry!", sagte Ron. „Ich hab's."

Er wählte die Nummer und eine kühle Frauenstimme erfüllte die Telefonzelle.

„Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Anliegen."

„Ron Weasley, Hermine Granger, Ginny Weasley und Draco Malfoy", sagte Ron, wobei seine Lippen sich bei Dracos Namen leicht verzogen. „Wir sind hier, um Harry davon abzuhalten, etwas Dummes zu tun."

„Und um Pansy vor Potters bescheuerten Ideen zu retten", sagte Draco und funkelte Ron an.

Vier Anstecker glitten heraus. Hermine verteilte sie, während die Telefonzelle sich in den Boden senkte.

„Besucher des Ministeriums, Sie werden ersucht, sich einer Durchsuchung zu unterziehen und Ihren Zauberstab an der Sicherheitskontrolle vorzulegen, die sich am Ende des Atriums befindet", sagte die weibliche Stimme.

Die Stimme ignorierend, warf Ginny einen Blick auf ihren Anstecker. Darauf stand: Ginny Weasley, Rettungsaktion. Sie schauerte, als eine unheimliche Vorahnung sie beschlich. Im selben Augenblick flammte der Stein, den sie um den Hals trug, schmerzhaft auf, so dass sie zusammenzuckte und ihn von ihrer Haut zog. Harry musste es gut gehen. Sie konnten nicht zu spät sein.

Ginny bemühte sich, die Fassung zu bewahren. Harry würde sie nicht zusammengebrochen sehen wollen, wenn sie ihn fanden. Tränen ließen ihn immer in Panik ausbrechen. Sie hatte ebenfalls noch nie viel Geduld für Mädchen aufbringen können, die heulten. Vielleicht weil sie sechs Brüder hatte und immer eisern beweisen wollte, dass sie gleichgestellt war. Sie knirschte mit den Zähnen und unterdrückte mit Mühe ein Wutschrei über die Langsamkeit des Aufzugs.

„Warum sind wir ausgerechnet im Ministerium?", zischte Draco. Er klang nervös. „Der Dunkle Lord hat jetzt die Kontrolle hier. Hier wimmelt es zweifellos nur so von Todessern."

„Bisschen spät, jetzt daran zu denken", kommentierte Ron.

Ginny wusste, dass er um Dracos willen versuchte, unbesorgt zu erscheinen. Doch sie konnte die Anspannung in seinen Schultern sehen und seine Bemühung, sich vor Hermine und sie zu stellen.

Als sie das Atrium erreichten und die Tür aufschwang, stellten sie verblüfft fest, dass es leer war und sogar die Sicherheitskontrolle unbesetzt war. Wieder kam Ginny ihr letzter Nachtbesuch im Ministerium in den Sinn.

„Hier ist niemand", sagte Ron verständnislos.

„Natürlich", erwiderte Hermine.

„Natürlich was?", blaffte Draco.

„Er hat seine Einsatzkräfte nach Hogwarts geschickt", antwortete Hermine. Sie rannte zu den goldenen Toren der Aufzüge, die sie in das Innere des Ministeriums bringen würden.

„Wohin gehen wir?", verlangte Draco.

„Mysteriumsabteilung", sagte Ron. Der Aufzug stieg hinab.

„Woher wisst ihr, dass Potter hier ist?", fragte er.

„Ich hoffe nicht, dass er es ist", entgegnete Ron grimmig.

„Und wenn er es nicht ist? Was machen wir dann?", wollte Draco wissen. Seine Stimme hob sich. „Wir können nicht nach Hogwarts zurück und sie werden alle hierher zurückkommen, wenn der Kampf vorüber ist."

„Du scheinst dir verflucht sicher zu sein, dass sie gewinnen werden", stellte Ron finster fest.

„Wir sind da", fuhr Hermine dazwischen. „Ich muss zu dem Raum mit dem Schleier."

Ginny sah, wie die Türen in dem kreisrunden Raum herumwirbelten. Als sie anhielten, sprang die Tür vor ihnen auf. Sie erinnerte sich daran, dass ihnen gezeigt worden war, wie man mit den Türen umzugehen hatte, als sie das Ministerium in jener Nacht mit Professor Dumbledore verlassen hatten.

Mit angehaltenem Atem wollte sie in den Raum sprinten, aber Ron hielt sie bestimmt am Arm fest, damit sie nicht hineinrauschte. Als sie auf Zehenspitzen in den Raum mit dem Schleier schlichen, fanden sie ihn still und verlassen vor.

„Wo ist er?", fragte Ginny erstaunt.

„Keine Ahnung", erwiderte Ron, der seinen Kopf wild von einer Seite zur anderen drehte. Er hielt seinen Zauberstab gezückt, doch es war nicht nötig. Sie waren die einzigen in dem Raum.

„Was nun?", wollte Draco wissen, während er den Schleier neugierig anstarrte. „Habt ihr eine andere Idee, wohin Potter sie geschleppt haben könnte?"

„Er hat sie nirgendwo hingeschleppt", sagte Ginny hitzig. Ihr Temperament wollte jeden Moment mit ihr durchgehen und er stellte die perfekte Zielscheibe dar.

„Draco, was genau hat Pansy gesagt, als sie dich und Dudley in den Klassenraum gesperrt hat?", erkundigte Hermine sich.

„Sie sagte, dass sie etwas Wichtiges zu tun habe und dass sie zurückkommen werde", erwiderte er.

„Was noch?", verlangte Ginny. Sie zog ihren Zauberstab.

„Steck den weg", blaffte Draco und wich einen Schritt zurück.

„Sie ist sehr besorgt um Harry, Draco", sagte Hermine in einem gelangweilten Tonfall. „Ich würde sie nicht weiter reizen. Du solltest uns besser alles erzählen."

Draco starrte Ginny wachsam an und hielt ein Auge auf ihren Zauberstab. „Ich habe es doch schon gesagt", beharrte er. „Sie hat sonst nichts darüber gesagt, warum sie uns darin einschließt."

„Aber sie hat etwas anderes gesagt?", fragte Hermine. „Was verbirgst du vor uns, Draco? Wir müssen alle zusammenarbeiten, wenn wir hier rauskommen und Harry und Pansy helfen wollen."

Ginny überraschte es, eine leichte Röte in Dracos Wangen kriechen zu sehen. „Es war wirklich nichts. Nur etwas über eine private Feier, wenn sie zurück ist."

„Eine Feier?", fragte Ron scharf. „Was will sie feiern?"

„Sie meinte nur etwas Zeit allein", sagte Draco. Er hob eine Augenbraue. „Verbringst du nie Zeit mit Granger, ohne Potter im gleichen Raum?"

„Sie hat etwas, das sie feiern will?", drängte Hermine, Dracos Kommentar völlig ignorierend, während Rons Ohren sich gefährlich rot färbten.

„Hüte deine Zunge, Frettchen", knurrte er.

Hermine schob ihn zur Seite, ihre Augen waren weit aufgerissen. „Draco... hast du in letzter Zeit seltsames Benehmen bei Pansy bemerkt?", fragte sie.

„Ich habe euch darüber streiten hören, dass sie oft verschwunden ist", sagte Ginny.

„Oh nein", stöhnte Hermine.

„Was ist los, Hermine?", wollte Ginny wissen. Furcht packte ihre Kehle.

„Was ist, wenn wir auf dem völlig falschen Dampfer sind?", klagte Hermine. „Was ist, wenn Harry gar nicht entschieden hat, Voldemort nachzuspüren? Was ist, wenn Pansy Harry verschleppt hat?"

„Worauf willst du hinaus, Granger?", verlangte Malfoy. Seine Stimme bebte leicht. „Pansy hätte Potter nirgendwohin mitgenommen. Sie konnte nirgendwohin gehen."

„Ich denke, Pansy könnte in Kontakt mit Voldemort gestanden haben", erwiderte Hermine, Rons Arm fest umklammert, der nicht einmal das Gesicht verzog.

„Du bist verrückt", sagte Draco kopfschüttelnd.

„Harry hat mal erwähnt, dass er sie in der Eulerei angetroffen hat", fiel Ron ein. Er wurde blass.

„Und Voldemort hat Harry schon seit Monaten gefangen nehmen wollen", fügte Ginny hinzu. Ihr dünner Griff auf ihre Emotionen glitt ab und sie musste sich Tränen aus den Augen blinzeln.

Ron legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter und sie klammerte sich daran fest, als würde sie allein sie retten können.

„Das würde erklären, was Pansy zu feiern hätte", sagte Hermine, schwer atmend. Ginny konnte sehen, dass sie versuchte, sich mit Logik vorzutasten. Doch auch sie drohte Furcht zu überwältigen.

„Das hätte sie nie getan", widersprach Draco, doch sein Gesicht war beträchtlich blasser geworden.

„Sie versucht, dich zu retten", flüsterte Ginny, während zwei dicke Tränen aus ihren Augen sickerten und langsam ihre Wange hinunterliefen.

„Er wird sie umbringen", sagte Draco. Er schüttelte den Kopf. „Er wird mich nie davonkommen lassen – so funktioniert es bei ihm einfach nicht."

„Wenn Voldemort ihn hat – ", sagte Ginny, bevor ihr Aquamarin abermals mit brennender Hitze aufflammte. Ginny hielt ihn fest in ihrer Hand, während eine Woge von stechendem Schmerz, Angst und Verzweiflung über sie fuhr. Die überwältigenden Empfindungen ließen sie auf die Knie fallen.

Ginny! Hilf mir!

Sie konnte seine Stimme so klar hören, als stünde er direkt neben ihr.

„Ginny! Was ist los?", keuchte Hermine und kniete sich neben sie.

„Harry!", wimmerte Ginny.

„Was geht vor sich?", .fragte Ron verwirrt.

„Meine Kette", sagte Ginny, während sie die Übelkeit abwehrte, die sie befiel. „Sie brennt."

„Die, die Harry dir zu Weihnachten geschenkt hat?", fragte Ron. „Warum brennt sie?"

Harrys Worte über die Meerlegende, dass der Aquamarin verirrten Liebenden hilft, den anderen wiederzufinden, kamen ihr in den Sinn. Ihr Blick kreuzte sich mit Hermines und sie wusste, dass das ältere Mädchen dasselbe dachte.

Während sie versuchte, die wachsende Panik zu unterdrücken, drückte Ginny den warmen Stein in ihrer Hand, schoss die Augen und rief Harry in ihrem Geist an.


Die klaffende Wunde an Harrys Arm versprenkelte eine Blutspur über den Boden, als er sich auf Snape stürzte. Er konnte ein tiefes Knurren hinter den gefallenen Steinen hören und wusste, dass ihm nur ein Augenblick blieb, bis ein erzürnter Voldemort in die Kammer platzen würde. Er musste an seinen Zauberstab kommen, bevor dies geschah, wenn er überhaupt eine Chance zu haben hoffte.

Als wüsste er, was Harry vorhatte, rollte Snape sich zur Seite und langte in die Tasche, in der Harrys Zauberstab versteckt war. Harry packte Snapes Arm und drückte ihn zu Boden, bevor er ihn ergreifen konnte. Er kroch über Snapes Beine und presste ihn auf den Steinboden.

Snape grunzte vor Schmerz und hob mit der anderen Hand seinen Zauberstab. „Diffindo", knurrte er.

Ein tiefer Schnitt erschien auf Harrys ausgestreckter Handfläche. Er ignorierte ihn und schloss endlich seine blutige Hand um seinen Zauberstab. Der Stein in seinem Strickarmband brannte wieder schmerzhaft und bevor er wusste, was ihm geschah, explodierte blendende Farbe vor seinen Augen.

Voldemorts Wutgeheul echote in seinen Ohren, während Harrys Welt sich zu drehen begann. Er musste seine Augen vor den Farben verschließen und hatte kaum Zeit sich zu orientieren, bevor alles schwand und er sich im Kampf mit Snape wiederfand.

Ihm war die Andersartigkeit des Bodens und die Abwesenheit muffigen Geruchs vage bewusst, doch er blieb nur auf Snape fixiert. Sie hatten beide Harrys Zauberstab fest gepackt und rollten sich in einem wilden Tauziehen über den Boden.

„Reducto", knurrte Ginnys Stimme, worauf Harry schockiert aufblickte.

„Expelliarmus", rief Hermine.

Harrys Zauberstab flog aus Snapes Griff, während die Gewalt von Ginnys Fluch den verdutzten Zaubertränkemeister von Harry fort schleuderte und neben dem Schleier zusammensinken ließ.

Der Schleier.

Harrys Mund klappte auf, während seine Sinne sich drehten. Er war wieder in der Mysteriumsabteilung. Er war hier – an derselben Stelle, an der er das letzte Mal Sirius gesehen hatte. Ihm stockte schmerzhaft der Atem, als ihm das entfernte Flüstern hinter dem sanft flatternden Vorhang bewusst wurde.

„Harry!", rief Ginny. Sie stürzte sich ihm entgegen und warf ihn beinahe um. Sein Körper war geschwächt und er musste sich an ihr festhalten. Er fühlte sich, als würde sie ihm durch ihre Umarmung irgendwie ihre Stärke einflößen.

An ihrem entsetzten Gesichtsausdruck wusste er, dass er schrecklich aussah. Die Tränenspuren, die er auf ihren Wangen sehen konnte, brachen ihm das Herz. Er nahm ihren Kopf in seine Hände und vergrub seine Finger in ihrem Haar. Er lehnte sich hinüber und küsste sie leidenschaftlich. Wenn das das Ende sein sollte, zog er es vor, ihren süßen Kuss statt Snapes hässlichem Gesicht als letzte Erinnerung zu behalten.

Harry hob seine blutende Hand, als Hermine ihm schweigend seinen Zauberstab zuwarf. Inzwischen hatte Snape sich aufgerappelt und seinen eigenen Zauberstab gezückt.

„Sehr clever, Potter", höhnte Snape. „Obwohl ich sicher bin, dass es nicht deine Leistung war. Sonst wärst du schon sehr viel eher geflüchtet. Der Dunkle Lord wird nicht erfreut sein, aber du wirst nicht lange entkommen. Er ist fest entschlossen und deine kleinen Freunde werden sich ihm nicht für immer widersetzen können."

„Stupor", bellte Ron, doch Snape bewegte sich leichtfüßig zur Seite und der Zauber prallte nutzlos an der Wand ab.

„Du wirst deine Technik verbessern müssen, wenn du dich mit mir messen willst, Weasley", sagte Snape.

„Incarcerous", rief Harry und dünne, schlangenartige Seile flogen aus seinem Zauberstab, um Snape die Hände zu fesseln.

„Serpensortia", zischte Snape, worauf die Seile sich in Schlangen verwandelten, die harmlos um seine Füße strichen.

Harry sah, wie einige von ihnen durch den Schleier glitten, dessen Vorhang in der stillen Luft flatterte. Er schüttelte die Erinnerungen ab, die ihn zu überwältigen drohten. Er konnte das leise Stimmengemurmel dahinter hören und wusste, dass er sich nicht davon ablenken lassen durfte.

„Du hörst die Stimmen?", fragte Snape, den Kopf auf die Seite gelegt.

Harrys Augen weiteten sich vor Überraschung.

„Ja, ich weiß von den Stimmen", sagte Snape. Er verdrehte verächtlich die Augen. „Ich bin jedoch überrascht, dass du sie hören kannst. Es ist nur üblich bei denjenigen mit überragendem magischem Talent – von dem du offensichtlich keines hast. Andererseits wird vermutet, dass diejenigen mit fragwürdiger mentalen Stabilität sie ebenfalls hören können."

Harry schoss mehrere Flüche auf Snape, die er alle mit Leichtigkeit parierte.

„Sectumsempra", sagte Snape rachsüchtig.

Harry schaffte es, dem Fluch auszuweichen, doch er spürte den Luftzug, als er an seinem Ohr vorbeisauste. Snape sprang vom Podium und hastete zu den Stufen, die sich in einem Ring um den Raum reihten. Harry kletterte ihm hinterher und versuchte, seinen eigenen Körper zwischen Snape und den anderen zu halten. Ron, Hermine und Ginny hatten ihre Zauberstäbe auf die beiden gerichtet und warteten. Draco hatte sich in die Deckung geflüchtet, doch Harry konnte sehen, wie sein blondes Haar hinter dem Podium hervorlugte.

„Angeblich sind die Stimmen gefangene Seelen, die zu ihrem Tod hindurchgeschritten sind. Dein lieber verstorbener Gottvater sollte einer von ihnen sein und gerade außer deiner Reichweite verrotten", sagte Snape. Seine Augen funkelten gehässig.

„Diffindo. Silencio. Impedimenta", rief Harry, Snape rasch angreifend, der immer weiter zurückwich.

Harry schnappte zunehmend nach Luft und das Treppensteigen ließ seine Muskeln vor Schmerz protestieren. Snapes grausame Worte hatten die Wut von Harrys Freunden erregt, so dass sie sich schnell in die Schlacht stürzten. Ron und Ginny feuerten beide eine Salve von Flüchen und Zaubern auf ihren ehemaligen Lehrer, doch er konnte sich rechtzeitig abschirmen.

„Incendio", zischte Hermine, worauf das andere Ende von Snapes Umhang in Flammen aufging. Sie war die erste, die ihn tatsächlich getroffen hatte, und Snape war sichtlich überrascht. Schnell erstickte er die Flammen und begann, sich gegen den vereinigten Angriff zu wehren.

„Vier gegen einen, Potter?", höhnte er keuchend. „Wie sehr du doch deinem Vater ähnelst."

„Du scheinst dir nicht viel aus einem fairen Kampf gemacht zu haben, als wir in Voldemorts Bau waren und es etwa sechzehn gegen einen waren", erwiderte Harry mit knirschenden Zähnen.

„Sectumsempra", knurrte Snape wieder und Ginny schnappte nach Luft, als ihre Schulter zu bluten anfing.

Harry sah rot vor Zorn und er feuerte einen mächtigen Sprengfluch ab, der Snape mit voller Wucht traf und ihn durch die Luft schleuderte. Er landete keuchend auf der Treppe.

„Stupor", schoss Harry hinterher.

Snapes Kopf kippte zur Seite. Sein Zauberstab rollte nutzlos aus seiner schlaffen Hand und fiel neben ihm auf den Boden.

Harrys Knie gaben nach und er plumpste auf die Treppe, schwer keuchend. Sein Sichtfeld verschwamm und seine Zunge fühlte sich zu groß für seinen Mund. Er schüttelte immerfort den Kopf und versuchte, die Weben fortzuwedeln, die sein Gehirn umgaben.

Ron eilte zu ihm und zog ihn auf die Füße. Er half ihm die Treppe hinunter, während Hermine nach Ginny sah. Ron ließ Harry auf der untersten Stufe neben den Mädchen Platz nehmen.

„Du hast ihn gekriegt, Kumpel", sagte Ron zittrig. Er ließ seinen Arm um Harrys Schultern liegen. „Irgendwie Ironie des Schicksals, dass die Impulsivität, die er dir immer vorgeworfen hat, ihm selbst den Garaus gemacht hat." Ron lachte auf, doch es klang gezwungen und sein Blick schweifte besorgt über Harrys Wunden.

„Mir geht's gut", keifte Ginny, als Hermine rasch den blutenden Schnitt an ihrer Schulter heilte.

„Du wirst etwas drauf tun müssen, sonst bleibt eine Narbe", sagte Draco, der sich endlich zu ihnen gesellte.

„Danke für all deine Hilfe", stieß Ron aus, der noch immer Harrys Gewicht stützte.

„Snape hätte mich auf Befehl des Dunklen Lords getötet. Ich hatte nicht vor, dieses Risiko für euch einzugehen", höhnte Draco. „Wo ist Pansy?"

„Ginny", sagte Harry, Draco vollkommen ignorierend.

„Mir geht's gut", sagte Ginny und streckte den Arm aus, um Harrys Hand zu nehmen. „Mir geht's besser als dir, das ist sicher. Was ist passiert?"

„Wo bist du gewesen, Potter? Weißt du, was mit Pansy passiert ist?", verlangte Draco wieder.

Harry nickte erschöpft. Seine Beine wurden schwer und es fiel ihm schwer, richtig zu atmen. Obwohl er nichts mehr wollte als sich hinzulegen und sich ein wenig zu auszuruhen, vermutete er, dass seine Inaktivität bewirkte, dass sein System die kleine Menge an Trank der Lebenden Toten, die er zu sich genommen hatte, weiter absorbierte.

Er hievte sich an Ron hoch, wobei er einen blutigen Handabdruck auf seinem Shirt hinterließ, und zwang sich auf die Füße. Er begann, auf zittrigen Beinen auf und ab zu laufen.

„Was machst du da, Harry?", fragte Hermine. „Setz dich und lass mich diesen Schnitt auf deinem Arm heilen."

Harry sah an sich hinunter und bemerkte, dass sein linker Ärmel in Blut getränkt war. Trotz des Prickelns in seinen Fingern hatte er die Wunde vergessen.

„Du kannst sie heilen", sagte er, „aber ich kann nicht stillsitzen. Es wird schlimmer, wenn ich stillsitze."

„Was wird schlimmer?", erkundigte Hermine sich, ihm folgend, während sie seinen Arm behandelte.

„Hab Pansy am Waldrand getroffen", sagte Harry und blinzelte rapide. „Sie sagte, dass sie auf der Suche nach Draco sei."

„Sie wusste doch, wo ich war", erwiderte Draco. „Sie hat mich und Dudley in einen Klassenraum eingeschlossen."

Harry nickte. „Sie hat einen Zauberstab auf mich gerichtet. Als ich sie entwaffnet habe, hat ihr Zauberstab sich als Portschlüssel entpuppt."

„Portschlüssel?", wiederholte Draco, zugleich alarmiert und beeindruckt. „Also ist sie immer noch im Wald?"

„Wo hat er dich hingebracht?", wollte Ginny wissen. Sie nahm die Hand seines unverletzten Arms und lief neben ihm her. Als sie das Blut an seiner Hand von Snapes Fluch spürte, hielt sie sie stumm Hermine hin, die die Wunde heilte.

„Zu Voldemort", antwortete er. „Pansy ist uns dorthin gefolgt. Sie hat einen Pakt mit Snape und Voldemort geschlossen, dich im Gegenzug zu verschonen, dafür dass sie mich ihnen ausliefert."

Draco wurde bleich. „Der Dunkle Lord würde nie zustimmen."

„Nein", bestätigte Harry einfach. Er blieb stehen und starrte Draco an.

„Dann hat er sie getötet?", flüsterte der Slytherin angestrengt.

„Er hat sich nicht an seinen Deal gehalten und ihr dann einen Platz in seinen Reihen angeboten. Sie sagte, nicht ohne dich, deshalb hat er sie getötet", sagte Harry. Er wusste, dass er den anderen Jungen verletzte, doch er spürte, dass er ihm die grausame Wahrheit zeigen musste.

Draco ließ den Kopf hängen und kniff fest die Augen zusammen.

„Es tut mir leid, Draco", sagte Hermine. Ihre Augen glänzten. Sie streckte behutsam die Hand aus und legte sie auf seinen Arm.

Draco nickte, den Kiefer verkrampft. Seine Stimme bebte, als er sagte: „Sie wollte eine Chance auf eine Zukunft für uns."

„Indem sie Harry opfert", schnauzte Ron, anscheinend jegliche Trauer um Pansy abwehrend.

„Sie hat das Falsche getan und ich werde ihr nie dafür vergeben, was sie Harry damit angetan hat, aber ich kann ihre Verzweiflung verstehen", gab Ginny widerstrebend zu, während ihr Blick zu Harry flackerte.

„Voldemort wollte mich aus dem Weg haben", sagte Harry. „Snape hat den Trank der Lebenden Toten gebraut und ihn dann in meinen Mund gezwängt."

„Was?", kreischte Hermine.

„Ich habe ihn ausgespuckt, ohne zu schlucken. Aber ich glaube, ich habe trotzdem etwas davon aufgenommen. Ich fühle mich nicht so gut", sagte Harry. Er taumelte.

Ginny fing ihn auf und richtete ihn auf.

Dracos Kopf schoss in die Höhe. Er schien verblüfft bei der Eröffnung, dass Harry den Trank verabreicht bekommen und das Bewusstsein behalten hatte. „Das ist nicht gut", sagte er. „Du wirst dich wahrscheinlich nicht davon erholen. Das Gegengift muss direkt danach und in einer Dosis gegeben werden."

„Danke, Draco", erwiderte Harry trocken.

„Wie bist du mit Snape hierher gekommen?", wollte Hermine wissen. „Hat dein Stein dir irgendwie verraten, wo wir waren? Ginnys hat den ganzen Abend lang gebrannt." Ihre Neugier über die Steine kämpfte sichtlich mit ihrer Besorgnis über Harrys Zustand.

„Ich weiß nicht, wie das passiert ist", antwortete Harry wahrheitsgemäß. „Mein Stein hat auch gebrannt. Ich bin in Panik ausgebrochen, als Snape mir den Trank gegeben hat. Und irgendwie habe ich die Fesseln gebrochen, die mich gehalten haben, und bin davongekommen. Snape und ich haben um meinen Zauberstab auf dem Boden der Höhle gekämpft und in der nächsten Minute waren wir hier, immer noch kämpfend. Der Stein muss uns wie ein Portschlüssel hierher getragen haben."

„Das ist nicht möglich", entgegnete Hermine kopfschüttelnd. „Es ist nur eine Legende und soll euch nur helfen, einander zu finden. Ihr müsst appariert sein."

„Nein. Es hatte definitiv etwas mit den Steinen zu tun", widersprach Harry. „Voldemort war wütend. Ich habe ihn brüllen hören, als wir verschwunden sind. An dem Ort gab es Anti- Apparier- Zauber."

„Ja, aber es ist ja nicht so, als hättest du nicht schon früher Sachen getan, die unmöglich sein sollen", warf Ron achselzuckend ein.

„Ich weiß nicht", sagte Harry. „Wir haben keine Zeit, uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Voldemort hat seine Truppen nach Hogwarts gesandt. Er sucht wahrscheinlich schon da nach mir, nachdem ich verschwunden bin. Was machen wir überhaupt hier?"

„Wir dachten, du könntest dich weggestohlen haben, um dich Voldemort allein entgegenzustellen", sagte Ron verlegen.

Harry wandte den Blick ab. Er konnte nicht abstreiten, dass er genau das hatte tun wollen.

„Hab ich es mir doch gedacht", sagte Ginny mit finsterem Blick.

„Die Todesser waren schon in Hogwarts, als wir aufgebrochen sind", sagte Ron. „Hermine hat ihnen eine Warnung geschickt."

Harry seufzte schwer. Seine Augen schweiften durch den stillen Raum und blieben auf dem Schleier ruhen. Er konnte noch immer das seltsame, verzerrte Geflüster dahinter hören. Er war hier. Das war die Gelegenheit. Die Gelegenheit, zu handeln und dem ganzen jetzt ein Ende zu setzen.

„Harry, du bist nicht einmal im Ansatz in der richtigen Verfassung dafür", sagte Hermine, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

„Ich muss, Hermine. Wir werden keine bessere Chance bekommen", erwiderte er.

Hermine sah sich hilflos im Raum um, bevor ihr Blick zu ihm zurückkehrte. Ihre Unterlippe zitterte, doch sie nickte. „Ich habe das Bluten an deinem Arm gestillt, aber die Wunde ist wirklich tief. Madam Pomfrey wird es richtig heilen müssen."

„In Ordnung", erwiderte Harry. Sein Hals schmerzte.

Er wusste, dass er sich einen Moment nehmen sollte, um ihnen zu sagen, wie viel sie ihm immer bedeutet hatten, doch er konnte seinen Mund nicht dazu bringen. Stattdessen stand er nur da – sich dumm vorkommend – und schluckte wiederholt.

Bevor er sich jedoch länger darüber Gedanken machen konnte, fühlte seine Narbe sich an, als wäre sie mit blendendem Schmerz aufgerissen worden. Helle Lichtblitze durchstachen sein Sichtfeld und er musste seine Hände um seinen Kopf schlingen, um ihn zusammenzuhalten. Er fiel auf die Knie, während er versuchte, sich in den Griff zu bekommen.

„Harry!", rief Ginny und er spürte ihre kühlen Hände auf seiner Stirn.

„Voldemort", keuchte er. „Er weiß, dass ich nicht in Hogwarts bin. Er sucht nach mir. Wir müssen es jetzt tun. Ich muss ihm zeigen, wo ich bin.

„Ich kann dir dabei helfen", meldete Draco sich plötzlich und überraschte sie damit alle.

„Was meinst du?", fragte Ron, der sich beschützerisch vor Harry stellte.

„Du kannst deinen Geist offensichtlich noch nicht gegen Legilimentik abschirmen", sagte Draco. Er verdrehte die Augen. „Snape hat es bewiesen."

„Aber er hat Snape erwischt, oder nicht?", setzte Ron angriffslustig entgegen.

„Letztendlich schon, denke ich. Wenn du meinst, du kannst den Dunklen Lord so lange hinhalten, bis du wütend genug bist, etwas zu bewirken, dann tu dir keinen Zwang an. Wenn er sich vielleicht einfach einen von den Potterettes schnappt ", Malfoy ruckte seinen Kopf zu Harrys Freunden, „das würde reichen."

„Nein!", rief Harry. Er setzte sich gerader auf und blinzelte gegen den Schmerz in seinem Kopf an. „Okay, Draco. Wir werden es zusammen versuchen. Was müssen wir tun?"

„Lass mich in deinen Geist. Ich werde deine Gedanken lenken, um Voldemort zu zeigen, wo wir sind. Dann werde ich dir helfen, die anderen abzuschirmen, sobald er gekommen ist", sagte Draco, schwer schluckend.

„Warum bist du jetzt so bereitwillig, uns zu helfen?", verlangte Ginny.

„Er hat Pansy getötet und ich will endlich frei sein. Wenn das funktioniert, kann ich mit meinem Leben weitermachen, während ich es noch habe", blaffte Draco.

Harry stöhnte wieder auf, als er spürte, wie Voldemorts kalte Ranken sich um sein Gehirn schlangen. „Jetzt. Wir müssen es jetzt tun", sagte er keuchend. „Ron, Ginny, Hermine, erschafft ein paar schwere Steine, um sie als Schilde zu benutzen. Sie können den Tötungsfluch aufsaugen, wenn er ihn einsetzt. Beschwört einige ringsum im Raum herauf. Jeder wird euch nur vor einem Fluch abschirmen. Deshalb müsst ihr entweder einen neuen finden oder erschaffen, nachdem euer zerstört worden ist."

„Erschafft auch einen für mich", sagte Draco. „Wenn der Dunkle Lord realisiert, was wir tun, wird er sich auf mich stürzen. Es wird ihn verblüffen, dass Harry plötzlich in der Lage ist, seine Gedanken zu schützen. Aber es wird ihm nicht sofort aufgehen, dass Harry jemanden freiwillig in seinen Geist lässt, was er normalerweise nie zulassen würde."

„Tu es", sagte Harry, der seinen Kopf wieder gepackt hatte.

Draco nickte. „Du musst mir einfach in die Augen schauen und dich entspannen. Denk an diesen Raum und ich helfe dir, das Bild in deinen Geist zu projizieren."

„Wenn er herkommt, Harry, wird alles sehr schnell vor sich gehen", sagte Hermine. „Ich habe mit Professor Dumbledore über etwas gesprochen und du wirst uns einfach vertrauen müssen."

„Euch wobei vertrauen?", wollte Harry alarmiert wissen.

„Dass wir dich lieben, und wir wissen, dass du uns auch liebst. Konzentrier dich darauf, wenn du dich duellierst", antwortete Ginny und küsste ihn sanft auf die Lippen.

„Ich liebe dich auch, Ginny", flüsterte er.

Ron drückte schweigend Harrys Schulter. Sein ernster Gesichtsausdruck sagte mehr als Worte es jemals könnten.

„Konzentrier dich auf die Liebe, die du für uns empfindest", drängte Hermine. „Vertrau uns."

„Das ist alles übelerregend süß, aber uns läuft die Zeit davon", schaltete Draco sich ein.

Ginny drückte Harrys Hand ein letztes Mal, bevor sie sich zu Ron und Hermine gesellte, die begannen, Hindernisse zu erschaffen.

Harry starrte in die grauen Augen seines Schulrivalen. Letzten Endes kam alles auf das Vertrauen an. Harry vertraute Draco nicht, doch er glaubte auch nicht, dass der Slytherin ihm völlig vertraute. Sie kannten einander gut genug, um zu wissen, dass sie beide dasselbe Ziel hatten. Ihre Meinungsverschiedenheiten auszuräumen und zusammenzuarbeiten war vielleicht Teil des letzten Tests.

„Lass uns anfangen", sagte Harry. Er holte tief Luft und sah Draco unverwandt an. Er spürte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten.

„Ich bin schon vorher in deinem Geist gewesen, Harry. Nichts hat sich daran geändert", sagte Draco überraschend sanft.

Harry stöhnte, als sein Kopf schmerzhaft pochte. „Diesmal steckt mehr dahinter", sagte er vage.

Draco runzelte verwirrt die Stirn. „Schieb einfach den Gedanken, den du willst, in den Vordergrund deines Geistes. Legilimens."

Harry spürte das vertraute Eindringen und versuchte, seinen Körper trotz seiner Anspannung zum Lockern zu bringen. Seine gezwungene geneigte Position ließ sein System das Gift weiter absorbieren, worauf seine Beine steif und schwer wurden. Erinnerungen blitzten schnell und heftig auf und er bemühte sich, das Bild der Mysteriumsabteilung im Vordergrund zu halten. Er spürte, wie Dracos Anwesenheit es vorwärts drängte und wusste auf der Stelle, dass Voldemort erfolgreich eingedrungen war.

Voldemort packte das Bild und Harry begann, wahnsinnig zu lachen, als er Voldemorts triumphiertes Entzücken fühlte. Eine Welle von Übelkeit überkam ihn, während die fremde Anwesenheit sich aus seinem Geist entfernte. Als Voldemort ihn endlich losgelassen hatte, beugte Harry sich vor und würgte den dürftigen Inhalt seines Magens über Draco.

„Scheiße!", brüllte Draco und tat einen Satz nach hinten. „Verdammt, Potter. Scourgify."

„Alles in Ordnung, Harry?", fragte Ron.

„Er kommt", stieß Harry hervor. Er schüttelte den Kopf und zwang seine protestierenden Beine stehen zu bleiben. „Ihr geht besser alle in Deckung. Du auch, Draco."

Draco blieb stehen und starrte Harry mit einem seltsamen Ausdruck auf seinem blassen Gesicht an.

„Was?", fragte Harry, genervt und nicht in der Stimmung für Spielereien. Er wischte sich mit seinem Ärmel über den Mund.

„Du wirst sterben müssen, um das durchzuziehen", flüsterte der Slytherin mit weiten Augen.

„Hast du das jetzt erst rausgefunden, Draco?", kommentierte Harry sarkastisch.

„Ich... Er hat... Es... Horkruxe", brachte Draco endlich entgeistert hervor.

Harry nickte knapp. Er hatte gewusst, dass das Risiko bestand, dass Draco von den Horkruxen erfuhr, wenn er ihn in seinen Geist einließ, doch es machte jetzt wohl keinen Unterschied mehr.

„Du solltest besser in Deckung gehen", sagte Harry leise.

Draco schluckte hörbar. Zum ersten Mal in Harrys Erinnerung schien der Blondschopf sprachlos.

„Viel Glück", raunte er schließlich, bevor er sich umwandte und schnell hinter einen der Steine schlüpfte.

Es war seltsam, doch Harry glaubte, dass er es tatsächlich ernst meinte. Es blieb ihm jedoch keine Zeit, Dracos Motive zu bedenken, da ein stechender Schmerz an Harrys Narbe ausbrach.

„Er ist hier", sagte Harry und humpelte von dem Podest fort. Seine vorherige Furcht, Erschöpfung und Beklommenheit über das Bevorstehende schmolz dahin. Er war bereit. Er fühlte sich, als hätte er sein ganzes Leben für diesen Augenblick gekämpft, und er war bereit dafür – komme, was wolle. Voldemort war nicht länger ein Mann, sondern ein Monster, und er musste vernichtet werden, bevor er noch jemanden tötete.

Harrys Herz hämmerte in seiner Brust, so dass die Wirkung des Tranks zurückging. Rasch ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen und bemerkte mit Befriedigung, dass Ron, Hermine, Ginny und Draco alle in Deckung waren – selbst Snapes schlaffe Gestalt war von den Treppen verborgen, die das Podest umgaben.

Harrys Narbe brannte und die Temperatur sank, während Lord Voldemort selbstsicher in den Raum stolzierte, das groteske Gesicht vor Zorn verzerrt.

„Ich muss zugeben, Harry, dass es schon lange her ist, da jemand mich das letzte Mal beeindrucken konnte", zischte er und glitt mit blitzenden Augen in die Mitte des Raum.

„Du wirst feststellen, dass du es nicht länger mit einem Kind zu tun hast, das du von einem Schulgrundstück entführt hast", erwiderte Harry. Er stellte sich ruhig seinem Feind entgegen.

„Da hast du Recht. Ich hätte dich sofort in jenem Friedhof töten sollen", sagte Voldemort, während er Harry abschätzend musterte. Seine roten Augen glühten mit einem gierigen Hunger und seine Zunge schnellte hervor, schlangenartig, um seine Lippen anzubefeuchten.

„Das hast du ja versucht", entgegnete Harry.

„Ich wollte, dass dein Tod mein Paradebeispiel wird. Mein großes Willkommen in der Zaubererwelt. Ich hätte das Hindernis einfach auslöschen sollen. Diesen Fehler werde ich nicht noch einmal begehen", erwiderte Voldemort zähnebleckend. „Crucio!"

Harry war darauf vorbereitet und duckte sich rasch aus dem Weg. „Also bist du jetzt bereit, mich zu töten? Ich dachte, du wolltest mich irgendwo sicher verstauen", sagte er. „Reducto."

Die Ecke der Treppe explodierte und wirbelte Brocken auf Voldemort zu, der schnell einen Schild hochzog.

„Das war mein ursprünglicher Plan, bevor du meinen Zaubertränkemeister aus dem Gefecht gezogen hast. Nein, Harry. Ich werde dich bluten lassen wie der wertlose Mensch, der du bist, und dann werde ich mich deiner entledigen. Ich bin Lord Voldemort und ich werde einen anderen Weg zum Überleben finden. Du hast meinen Versuch vereitelt, den Stein der Weisen zu bekommen, und jetzt hast du meine wertvollen Horkruxe zerstört. Du wirst dafür bezahlen und ich werde einen anderen Weg finden."

Voldemort schoss mehrere Flüche ab, denen Harry alle ausweichen konnte. Harry erwiderte das Feuer, doch nichts schien Voldemorts Schild auch im Ansatz nur erschüttern zu können. Einige der Geröllblöcke, die um den Raum herum aufgestellt waren, begannen, unter der Wucht zu beben.

„Deine erbärmlichen Okklumentik- Versuche scheinen endlich einige Ergebnisse erzielt zu haben", stellte Voldemort mit verengten Augen fest.

„Also... weißt du, dass ich alle Horkruxe erwischt habe?", fragte Harry, verzweifelt nach einer Ablenkung suchend. Er schwitzte vor Erschöpfung, doch er wusste, dass Draco das Schild in seinem Geist aufrechterhielt.

„Lord Voldemort weiß alles", sagte Voldemort. „Bis zu der Tatsache, dass du versuchst mich davon abzulenken, dass andere mit uns im Raum sind. Da." Er zersprengte den Stein, der Ron verbarg.

„Und da", sagte er und zerstörte den Fels, hinter dem Hermine kauerte.

Hermine erschuf hastig einen neuen, doch Ron war zu langsam, da er sichergehen wollte, dass Hermine geschützt war.

„Avada Kedavra", rief Voldemort, den tödlichen grünen Blitz auf Ron gerichtet.

Ron erstarrte und seine Augen weiteten sich. Ohne nachzudenken stürzte Harry sich auf seinen Freund. Sein Körper segelte durch die Luft und stieß mit Ron zusammen, so dass sie beide mit einem Krachen auf dem Boden landeten. Das übelerregende Knacken eines Knochens war deutlich in Rons Handgelenk zu hören. Sie duckten sich und rappelten sich hastig auf.

Voldemort beschoss sie mit einer Salve von Flüchen, während beide versuchten, einander abzuschirmen. Ron grunzte vor Schmerz, als ein Fluch sein Ziel traf. Harry schob ihn zu einem weiteren Geröllblock.

„Du wusstest schon von dem Tagebuch", sagte Harry. Er keuchte, als Ron bewusstlos hinter dem Fels zusammenbrach. „Das war der erste." Er feuerte einen mächtigen Lähmfluch ab, den Voldemort abwehrte, doch zum ersten Mal flackerte sein Schild.

Voldemorts Augen weiteten sich und er hielt inne, bevor er einen Schritt zurücktrat.

Was hatte Hermine gesagt? Sich auf die Liebe konzentrieren, die er für sie empfand? Professor Dumbledore sagte, es sei seine Macht und es schien seine Flüche tatsächlich zu stärken.

„Das Tagebuch, ja. Meine Quellen verraten mir, dass du es zerstört hast, um deine kleine Freundin zu retten. Ich glaube, sie ist dort drüben", sagte Voldemort und zersprengte den Fels, der Ginny gedeckt hatte.

Ginny kreischte und kroch aus dem Weg. Voldemort folgte ihr mit seinem Zauberstab und schoss Fluch auf Fluch ab. Ginny wich ihnen aus und feuerte vergeblich zurück. Harry konnte sehen, dass sie müde wurde. Seine eigenen Zauber hatten keine Wirkung, um Voldemort aufzuhalten. Dieser schien stärker zu werden, als nährte er sich von Ginnys Furcht und Harrys Verzweiflung.

„Nicht sie", knurrte Harry. Eine gewaltige Wut stieg in seinem Herzen auf. Er feuerte einen Schlitzfluch ab, der in Voldemorts Seite schnitt und ihm zum ersten Mal eine Wunde zufügte. Die Stimmen hinter dem Schleier wuchsen an und der Raum wurde etwas heller.

Voldemort blieb stehen. Seine Augen weiteten sich schockiert, als er das Blut anstarrte, das durch seinen Umhang sickerte. Er bleckte die Zähne und schoss schnell mehrere Flüche auf Harry.

Harry zischte vor Schmerz, als ein Fluch seinen Arm traf und die Wunde aufriss, die Hermine für ihn behandelt hatte. Blut floss aus dem tiefen Schnitt seinen Arm herab und ließ seinen Griff erschlaffen. Bei einem kurzen Blick hinunter war er sicher, den weißen Schimmer eines Knochens zu sehen.

„Ich weiß auch genau, wie du deinen erbärmlichen Geist vor mir abschirmst", knurrte Voldemort. Er zielte mit seinem Zauberstab und zerstörte den Fels, der Draco schützte. Der Junge erstarrte, bevor er auf die Füße sprang und versuchte zu fliehen. „Extispex."

Draco brach zusammen und brüllte vor Entsetzen, als Blut über seinem Unterleib auftaucht und seine Eingeweide durch eine klaffende Wunde herausgezogen wurden. Dracos schreckliche Schreie erfüllten den gewölbten Raum, bis Hermine, die es offensichtlich nicht länger mitansehen konnte, selbst einen Zauber aussprach. „Petrificus Totalis", rief sie.

Dracos Körper hörte auf, sich zu winden, und blieb regungslos am Boden liegen. Seine Eingeweide lagen vor ihm. Harry spürte, wie die letzte Verbindung zwischen seinem Geist und Draco brach.

Voldemort wandte seine Aufmerksamkeit zu Hermine. „Crucio", rief er und Hermine fiel zu Boden, vor Schmerz schreiend.

Die Zähne knirschend, feuerte Harry einen Reductor- Fluch ab, der Voldemort von den Füßen riss, so dass sein Angriff auf Hermine endete. Harry fuhr fort, Flüche auf Voldemort zu feuern und der Raum leuchtete von den Zaubern auf, die die Wände trafen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Ginny Hermine hinter einen großen Stein zog.

„Das ist für meine Eltern", knurrte Harry, als er Voldemort mit einem Schlitzfluch traf, „und das ist für Sirius."

Jedes Mal, wenn er einen Fluch ausstieß, nannte Harry den Namen eines Opfers. Der Raum, in dem sie standen, hellte sich jedes Mal auf und schockiert bemerkte Harry, dass das Licht aus dem Schleier stammte. Die Stimmen waren laut und überschnitten sich und er verstand nicht, wie die anderen sie nicht hören konnten.

Voldemort schien leicht alarmiert von dem Licht und dem Geräusch und beunruhigt von Harrys wachsendem Erfolg. Harry glaubte, dass es eine lange Zeit her sein musste, da Tom Riddle den Schmerz von Flüchen erlitten hatte. Harry wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ein schmerzhafter Sengfluch ihn am Oberschenkel traf.

„Also... dein Plan ist es, mich mit dir durch den Schleier zu ziehen, nicht wahr?", fragte Voldemort. „Das wird nicht heute passieren. Ich kann dir aber aushelfen", sagte er. Er ließ Harrys Körper in die Luft schweben und schleuderte ihn in Richtung Schleier.

Harry gelang es gerade noch, kurz davor auf dem Boden zu landen. Sein brennender Wunsch, seine Freunde zu beschützen, hallte in seinem Kopf wider. Er feuerte einen Knochenbrechfluch auf Voldemort und sah schockiert, wie sein Feind taumelte und fiel.

Zornentbrannt schoss Voldemort denselben Fluch zu Harry, der spürte, dass die Knochen seines verletzten Arms und seiner Hand zersplitterten. Er war geschwächt und blutig, doch es ermutigte ihn, Voldemort in derselben Verfassung zu sehen. Das war die Gelegenheit. Er musste es schaffen.

Mit all seiner Macht auf die Liebe fokussiert, die er für seine Freunde empfand, und seinem Verlangen, ein friedliches Leben zu führen, feuerte er einen Reductor- Fluch ab, der Voldemort auf das Podest warf, auf dem der Bogen mit dem Schleier stand.

„Das war für Remus und das hier ist für Bertha Jorkins. Erinnerst du dich noch an Bertha? Du hast ihren Körper im Wald dem Verrotten überlassen. Sie ist gerächt worden", spie Harry aus, der die Treppen hinunter näher an das Podest trat. Das unterirdische Licht erfüllte den Raum und glühte immer heller.

Er spürte Voldemorts heimtückische Anwesenheit in seinem Geist – suchend – um herauszufinden, welchen Fluch Harry als nächstes anwenden wollte. Als Harry seinen Geist mit Liebe und den großen Gefühlen erfüllte, die er für seine Freunde empfand, zog Voldemort sich zurück. Sein Griff auf Harrys Geist schwächte sich, bis er schließlich ganz zusammenbrach.

Das Licht und die Stimmen aus dem Schleier ängstigten Voldemort offensichtlich und beraubten ihn seiner Fassung. Das war Harrys Chance.

Humpelnd trat Harry auf das Podest. Er bereitete sich zum Angriff vor, um Voldemort und sich durch den Schleier zu stürzen. Bevor er jedoch dazu kam, hielten die Schreie der Mädchen ihn auf.

„Harry!", rief Hermine. „Benutz den Fluch. Den, den du laut Moody schaffen kannst."

Harrys Augenbrauen kniffen sich zusammen, irritiert von der Unterbrechung. Er schaffte es kaum, einen Schild hochzuziehen, als Voldemort einen weiteren Schlitzfluch auf ihn schleuderte.

„Vertraust du mir, Harry?", fragte Hermine leise, obwohl er sie trotz der Geräusche im Raum deutlich hören konnte.

Es war keine Frage – natürlich tat er das. Er hatte versprochen, während des Kampfes auf sie zu hören, da er verstand, dass es Dinge gab, die sie ihm nicht im Voraus erklären konnte, wenn Voldemort sie nicht in seinem Geist lesen sollte.

Ginny huschte hinter dem Fels hervor neben Hermine und mit der Treffsicherheit einer Jägerin warf sie ihm etwas zu.

„Benutz den Fluch", wiederholte Hermine, während der Gegenstand durch die Luft flog.

Obwohl sein gebrochener Arm nutzlos an seiner Seite hing, hob Harry instinkthaft seine Zauberstabhand und find den winzigen goldenen Gegenstand auf, bevor er seinen Zauberstab auf den immer noch erschütterten Voldemort richtete und zischte: „Avada Kedavra."

Auf der Stelle wurde sein Kopf mit quälendem Schmerz aufgerissen. Ein erdrückendes Gefühl übermannte ihn, machte ihn benommen und orientierungslos. Er fühlte sich, als ob ein Teil von ihm gerissen wurde. Erinnerungen, Empfindungen und Emotionen wirbelten herum und erregten Übelkeit in ihm, so dass er auf die Knie fiel. Eine unerträgliche Kälte umhüllte ihn, während ein entsetzliches Geräusch seine Ohren füllten. Seine Augen drehten sich in seinen Kopf. Er wurde entzweigerissen. Er war nicht einmal sicher, wer er war. Der Wind heulte und sein Sichtfeld verdunkelte sich.

Als Harry wie eine Puppe zu Boden fiel, deren Fäden durchgeschnitten wurden, lockerte sich Harrys Griff auf den Gegenstand, den Ginny ihm zugeworfen hatte. Der goldene Schnatz, der in McGonagalls Büro verwahrt worden war – derjenige, den Ginny im letzten Spiel zum Quidditch- Pokal gefangen hatte, bevor Hogwarts geschlossen worden war – flog aus Harrys Hand. Er hob sich anmutig und schwebte einen Augenblick in der Luft, bevor er sich umwandte und durch den Schleier wirbelte, als wäre es ihm aufgetragen worden. Der Schleier flatterte kurz und die Stimmen wuchsen zu einem Crescendo an, bevor sie endlich verstummten. Das Licht um den Schleier begann langsam, dunkler zu werden.

Im selben Moment, da Harry realisierte, dass er seinen eigenen Horkrux erschaffen hatte, sah er, wie Voldemorts Augen sich weiteten, als er von dem Fluch in den Unterleib getroffen wurde, der aus Harrys Zauberstab geschossen war. Die roten Augen des Wahnsinnigen erloschen, als er leblos zu Boden fiel. Die vielen Verwandlungen, die er durchlaufen hatte, schmolzen davon und hinterließen das wilde, doch eindeutig einst schöne Gesicht von Tom Riddle – einem toten Mann und nicht länger ein Monster.

Im Raum war es unheimlich still.

Plötzlich sah Harry Snapes zerschrammtes Gesicht hinter der Treppe auftauchen. Seine Augen waren nicht ganz fokussiert, zeigten jedoch ein rachsüchtiges Funkeln. Sein Blick wanderte leidenschaftslos über Voldemorts reglose Gestalt, bevor er vorsichtig die Hände hob, als Harry seinen Zauberstab auf ihn richtete. Harry konnte kaum etwas um sich herum aufnehmen, war sich aber sicher, dass Snape erwartete, von der Hand seines ehemaligen Schülers zu sterben.

Doch Harry senkte den Zauberstab, vor Schmerz keuchend.

„Es wird Feiern und Siegesreden geben und sie werden wahrscheinlich sogar einen Feiertag nach mir benennen", nuschelte er. „Ich bin sicher, dass ich alles davon verabscheuen werde, aber es gibt eine Sache, die es alles wert machen wird – nämlich zu wissen, dass du es noch viel mehr verabscheuen wirst."

Snape funkelte ihn finster an. Er rappelte sich zitternd auf und hob seinen Zauberstab. Harry starrte ihn nur an. Er konnte nicht einmal mehr die Stärke aufbringen, alarmiert zu sein.

„Während du höchstwahrscheinlich Recht hast, dass die bescheuerten Narren dich mit unverdientem Ruhm überhäufen werden, ist es ein Jammer, dass du nicht mehr da sein wirst, um es zu hören. Wie erbärmlich, den großen Kampf zu überleben, nur um hinterher getötet zu werden, weil du zu schwach warst, deinen Zauberstab zu heben", höhnte Snape.

Harry erwartete, ein brennendes grünes Licht auf sich zu fliegen zu sehen, doch stattdessen blockierte eine rauschende rote Haarmähne sein Sichtfeld. Er hörte das Rauschen eines Fluchs, bevor eine Masse von schleimbedeckten Fledermäusen aus Snapes Nase explodierte.

„Expelliarmus", knurrte Ginny und Snapes Zauberstab flog in ihre ausgestreckte Hand, bevor sie einen Bindefluch auf ihn abschoss. „Silencio", zischte sie, um seine höhnische Bemerkung abzuschneiden, bevor er sie ausstoßen konnte. Mit ihrem Zauberstab festigte sie Snapes Fesseln, bis er vor Schmerz nach Luft schnappte.

Dann fiel sie neben Harry auf die Knie und wiegte seinen blutigen Kopf in ihrem Schoß.

„Oh, Harry, was hat er nur mit dir gemacht?", sagte sie. Sie schniefte und umschlang ihn wie eine Bandage.

Harry schloss erschöpft die Augen und sank in die Wärme ihrer Umarmung. Es war vorüber. Er hatte es geschafft. Nun konnte er endlich ruhen.

„Bleib bei mir, Harry", flehte Ginny.

Harrys Augen flatterten, doch seine Gliedmaßen und Augenlider fühlten sich wie Blei an. Er versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Sein Sichtfeld verdunkelte sich langsam und wurde schließlich schwarz. Die Stimmen wurden ausgeblendet, während der Schleier endlich schwieg.