Kapitel 31 – Überlebende
Ginny starrte aus dem Fenster des Doppelraumes in St. Mungos und sah zu, wie die Sonne herrlich über die gerade erwachenden Stadtstraßen aufging. Nicht eine einzige Wolke verdeckte den Himmel. Sie konnte Vögel in den Bäumen eines Parks in der Ecke flattern sehen und selbst der Nebel aus dem morgendlichen Muggle- Verkehr schien an diesem Tag zu fehlen. Es war, als jubele die Natur selbst über Voldemorts Fall am vorigen Abend.
Das strahlende Sonnenlicht hob sich stark von der düsteren Stimmung im Raum ab, in dem Ginny saß. Durch den Rest des Krankenhauses waren die Heiler hin und her gerauscht und hatten sich beinahe keine Ruhepause gegönnt, seit Ginny angekommen war. Selbst bei der großen Anzahl von Verletzungen, die sie behandelten, konnten die Heiler ihren Jubel kaum verbergen. Die Verletzten, die bei Bewusstsein waren, warteten seit Stunden, feierten in den Korridoren und unterhielten sich mit Fremden und Bekannten gleichermaßen über den Sieg über den Dunklen Lord. Von ihrem Versteck aus lauschte Ginny, wie die Geschichte von Voldemorts Niederlage mit jedem Weitererzählen pompöser wurde.
Die einzige Ausnahme von dieser Euphorie herrschte in dem sterilen Raum, in dem Harry lag, noch immer bewusstlos. Eine ernste, beinahe andächtige Ehrfurcht befiel jeden, der in den Raum trat, und die Heiler überprüften seine Lebenszeichen mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen. Wenn Harry wach gewesen wäre, hätte er mit Sicherheit jede Minute davon gehasst. Sie versuchte, ihre wachsende Sorge zu besänftigen, indem sie sich sagte, dass er nur weiterschlief, um der Preisung als Held zu entgehen.
Als seine Augen im Ministerium in den Kopf gerollt waren und er das Bewusstsein verloren hatte, hatte Ginny einen kurzen, atemstockenden Augenblick der Panik verspürt. Sie hatte wirklich geglaubt, dass sie ihn verloren hätte. Sein Körper war schlaff geworden und seine Anwesenheit – dieselbe mächtige Aura um ihn herum, die sie immer angezogen hatte – schien einfach zu verblassen.
Hermine hatte beharrt, dass sein Herz noch schlug, doch Ginny war nicht überzeugt gewesen. Als Ministeriumsbeamte, angeführt von einer Hexe mit dem Namen Leticia Warbanks in die Mysteriumsabteilung gestürmt waren und die Kontrolle übernommen hatte, hatten sie Ginny dasselbe versichert. Harrys Herz schlug tatsächlich noch. Es war Leticia Warbanks gewesen, eine streng aussehende Hexe mit schwarzem, von Grau durchzogenem Haar und kleinen Fältchen an den Augen, die auf der Stelle entschied, Harry nach St. Mungos zu bringen.
Hermine und Ginny hatten protestiert, in der Angst, dass die Todesser, die im Krankenhaus aufgestellt waren, ihm zusätzlichen Schaden zufügen würden aus Vergeltung für ihren Dunklen Lord. Leticia hatte versichert, dass im Krankenhaus Menschen waren, denen sie trauen konnten. Sie sagte, dass, sobald die Neuigkeiten von Voldemorts Sturz sich verbreiteten, ein Haufen von Freiwilligen sich darum reißen würde, Harry vor eigensinnigen Todessern zu beschützen.
Sie hatte Recht behalten. Als die Neuigkeiten von Voldemorts Fall vom Ministerium durch das Gebäude und auf die Straßen gedrungen waren, begann die Zaubererwelt, die lange Zeit unterdrückt worden war, sich gegen ihre Folterer aufzulehnen. Eine Angriffslaune überkam sie und viele der Todesser, die nicht im Angriff auf Hogwarts involviert waren, wurden gejagt und auf den Straßen niedergerungen.
Sie waren im Ministerium hingerichtet worden, in ihren Häusern, selbst auf den Korridoren im St. Mungos durch die Hand von Heilern, die geschworen hatten, Leben zu erhalten. Es schien die allgemeine Meinung zu herrschen, so etwas niemals wieder zuzulassen.
Es gab Partys und Feuerwerke und laute Feiern in den Straßen von ganz England. Auf Harrys Namen wurden in Gaststuben angestoßen und auf den Straßen für alle gepriesen, die zuhörten. Ginny konnte nicht einmal vorstellen, was die Muggle sich dabei denken mussten.
Leticia Warbanks war die einzige Ministeriumsbeamtin gewesen, die bei dem Anblick von Voldemorts totem Körper nicht völlig in Panik ausbrach, und strahlte förmlich Autorität aus. Sie und eine kleine Schar von Ministeriumsangestellten hatten versucht, die Ordnung aufrechtzuerhalten und die wilden Meuten von feiernden Menschen zur Vernunft zu bringen, vergeblich. Stattdessen hatten sie ihre Energie darauf konzentriert, die Ordnung im Krankenhaus wiederherzustellen, um die Verwundeten zu behandeln und dem Kampf im Hogwarts beizustehen.
Wie an anderen Orten auch hatten die Todesser, die die Schule angegriffen hatten, sich gegen einander gewandt. Einige versuchten zu verhandeln und die Namen ihrer Verbündeten zu verraten, um sich selbst zu retten, doch die meisten von ihnen kämpften einfach gegen ihre eigene Verwirrung an. Sie weigerten sich zu glauben, dass Voldemort wirklich fort sein konnte.
Mehrere der gefangenen Todesser hatten behauptet, sich unter dem Imperius- Fluch befunden zu haben, doch ihre Aussagen stießen auf taube Ohren und sie wurden entweder getötet oder in vorläufige Zellen gesperrt, bevor sie nach Azkaban geschickt wurden.
Ginny hatte noch keinen aus ihrer Familie wiedergesehen und wartete wie auf glühenden Kohlen auf Neuigkeiten. Sie und ihre Gruppe waren alle untersucht worden, als sie angekommen waren, doch nur Ron und Harry waren eingeliefert worden. Der Fluch, der Ron getroffen hatte, hatte einen schlimmen inneren Schaden angerichtet. Die Heiler hatten ihn zusammengeflickt und sein gebrochenes Handgelenk repariert, aber darauf bestanden, dass er einige Tage im Bett verbringen musste. Alle hatten sich darauf geeinigt, dass es das Beste wäre, die Jungen in einen Raum zu legen. So konnte das Ministerium ihre Besucher überwachen und Hermine und Ginny konnten auf beide ein Auge halten. Hermine hatte sich in einem Sessel an Rons Bett zusammengerollt und sie beide schliefen seit Stunden friedlich.
Ginny wünschte, sie könnte dasselbe tun. Sie hatte es geschafft, irgendwann in der Nacht endlich einzunicken, doch ihr unruhiger Schlaf war von seltsamen Träumen heimgesucht worden. Professor Dumbledore war erschienen und hatte ihr gesagt, dass es an ihr lag, Harry zu retten. Sie vermutete, dass es einfach ihre Sorge war, die ihrem Geist einen Streich spielte, doch sie konnte den Traum immer noch nicht abschütteln.
Sie rang die Hände und starrte auf Harrys blasses und zerschrammtes Gesicht. Die Heiler beharrten, dass es nicht die Verletzungen waren, die ihm das Bewusstsein nahmen – obwohl sie zahlreich und schwerwiegend waren – es war der Trank der lebenden Toten, den er aufgenommen hatte, welcher ihn bewusstlos machte. Alles wies darauf hin, dass er am Leben war, doch keiner ihrer Untersuchungen hatte irgendeine Gehirnaktivität festgestellt.
Sie sagten, es sei ein einzigartiger Fall und sie waren nicht ganz sicher, wie lange es dauern würde, bis er wieder aufwachte. Ginny vermutete, einzigartiger Fall bedeute, dass sie es nicht wussten. Die Nebenwirkungen von dem Gegengift, das sie ihm verabreicht hatten, waren Übelkeit und Fieber. Der Trank zwang seinen Körper zu kämpfen, die Gifte auszustoßen. Deshalb wartete eine harte Genesung auf Harry, selbst wenn er sein Bewusstsein wiedererlangt hatte. Ginny wollte nicht einmal darüber nachdenken, was das Versagen des Gehirns bedeuten könnte. Es war schlichtweg mehr, als sie im Moment verkraften konnte.
Die Heiler wussten nach wie vor nichts über den Horkrux, der in Harrys Seele geruht hatte. Ginny war beinahe mit allem herausgeplatzt, als sie ihn zu untersuchen begannen, doch Hermine hatte sie zurückgehalten und darauf bestanden, dass es besser sei, nichts von den Horkruxen zu enthüllen, damit kein anderer Möchtegern- Dunkler- Lord auf dumme Ideen kam. Ginny wusste, dass sie Recht hatte, würde sich jedoch nur so lange fügen, bis es aussah, als könnten sie Harry nicht heilen. Hermine hatte diese Bedingung bereitwillig angenommen.
Obwohl sie gewusst hatte, was geschehen sollte, als Harry diesen Schnatz gefangen und den Todesfluch gemurmelt hatte, war Ginny vollkommen unvorbereitet gewesen auf die pure Qual, die Harry durchlitt. Seine Narbe, die außergewöhnlich rot und heiß gewesen war, platzte buchstäblich auf, als der dunkle Teil von Toms Seele herausgestoßen wurde. Sie hatte heftig geblutet, doch er schien es noch nicht einmal zu bemerken. Und dann Snape...
Ginnys Miene verfinsterte sich, als sie sich in Erinnerung rief, wie ihr ehemaliger Zaubertränkelehrer Harry zu verfluchen versucht hatte, als dieser zu schwach war, sich selbst zu verteidigen. Leticia hatte versprochen, dass Snape direkt nach Azkaban transportiert werden würde, doch ohne die Dementoren dort war es zu gnädig für ihn, so fand Ginny.
Ihre Miene wurde weicher, als sie zum Bett hinüberblickte und Harry beim Schlafen zusah. Es fiel ihr immer noch schwer zu glauben, dass es wirklich vorüber war. Sie nahm seine schlaffe Hand und ließ ihre Lippen über seine zerschrammten Fingerknöchel fahren. Seine langen, schlanken Finger schienen trotz der schwieligen Haut beinahe zierlich. Sie passten zu Harry – etwas Weiches und Verletzliches unter einer harten äußeren Schale.
Sie sank wieder in den Sessel neben seinem Bett und legte den Kopf in die Hände. Eine leise Stimme von der Tür erschreckte sie.
„Störe ich?"
Ginny blickte auf und sah eine müde und erschöpfte Leticia Warbanks. Strähnen von braunem Haar hatten sich aus dem Knoten gelöst, den sie im Nacken trug. Etwas sagte Ginny, dass es sehr selten war, Leticia in solch einem zerrauften Zustand zu sehen.
„Nein, Mrs. Warbanks. Kommen Sie rein", sagte Ginny mit einem müden Lächeln. Sie setzte sich auf, plötzlich sehr verlegen.
„Meine Liebe, ich habe dir doch gesagt, dass du mich Leticia nennen kannst", sagte die ältere Frau. Sie lächelte freundlich, während sie auf Zehenspitzen an Hermine vorbei schlich und sich auf den Stuhl auf der anderen Seite von Harrys Bett setzte.
Ginny lächelte unbehaglich, worauf Leticia auflachte.
„In aller Fairness sollte ich es sein, die dir Respekt erweist", sagte sie mit gehobener Augenbraue. „Schließlich wart ihr jungen Leute es, die uns alle von dieser Tyrannei befreit haben."
„Es war Harry", entgegnete Ginny. Ihr Blick flackerte zu der schlafenden Gestalt auf dem Bett zurück.
„Haben sich Veränderungen ergeben?", erkundigte Leticia sich leise, um Ron und Hermine nicht zu wecken.
„Nein", flüsterte Ginny und blinzelte sich Tränen aus den Augen.
Leticia nickte und schürzte die Lippen. „Ich habe eine Wache an der Zimmertür aufgestellt und ihm eine Liste der Namen gegeben, denen ihr Einlass gestattet habt."
Ginnys Augen weiteten sich alarmiert. „Hat es schon einen Einbruchsversuch gegeben?"
„Nein, überhaupt nicht. Ich vermute, es wird einige Zeit dauern, bis die verstreuten Überreste der Todesser sich zusammenraufen, falls sie es jemals tun sollten", erwiderte Leticia. „Ich bin eher besorgt um die Presse. Sie haben sich reorganisiert und verlangen nach einer Aussage."
Ginny stieß genervt den Atem aus und pustete ihren Pony in die Luft. „Er könnte keine Aussage machen, selbst wenn er es wollte!"
„Nein. Und sobald sie es realisieren, werden es du, dein Bruder und Miss Granger sein, die sie suchen werden", sagte Leticia.
„Besser uns als ihn", murmelte Ginny.
Ein sanftes Lächeln huschte über Leticias strenges Gesicht. „Du bist sehr beschützerisch. Ich hoffe, er würdigt es."
Ginny zuckte die Achseln. „Er hat viel durchgemacht."
Das Lächeln schwand von Leticias Gesicht und sie nickte ernst. „Ich werde mich mit den Reportern befassen, so gut ich kann, bis er kräftiger ist. Er wird letztendlich eine Aussage machen müssen, wenn er hofft, jemals etwas Frieden zu finden."
„Gibt es Neuigkeiten aus Hogwarts?", erkundigte Ginny sich, die es im Augenblick nicht besonders interessierte, was die Reporter wissen wollten.
„Die Todesser sind gefasst worden und einige der Verwundeten beginnen einzutreffen. Es tut mir leid, dass ich nichts Genaueres für dich habe", erwiderte Leticia.
Ginnys Schultern sackten herab. Sie wollte verzweifelt Neuigkeiten von ihrer Familie und musste wiederholt blinzeln, um die Tränen zu unterdrücken. Zum ersten Mal konnte sie das zwanghafte Bedürfnis ihrer Mutter nach der Familienuhr nachvollziehen. Sie fuhr zusammen, als die Tür wieder aufplatzte. Sie packte ihren Zauberstab und richtete ihn wild auf den Eindringling.
„Mum!", sagte sie verblüfft.
„Ginny", rief ihre Mutter. Sie hielt inne, als ihr Blick auf Leticia fiel, die gegenüber Ginny saß. Hermine regte sich in ihrem Schlaf, doch sie wachte nicht auf.
„Hallo, Molly", sagte Leticia leise. "Ginny war gerade dabei, mich über einige Details ins Bild zu setzen."
„Oh, Ginny! Dir geht es gut!" Ihre Mutter gewann ihre Fassung wieder und rauschte in den Raum, um Ginny in ihre Arme zu schließen.
Ginny vergrub ihr Gesicht in die Schulter ihrer Mutter und atmete tief ein. Selbst nach einem Kampf schaffte ihre Mutter es immer noch, nach warmem Brot zu duften. Plötzlich vermisste Ginny den Fuchsbau mehr als zu jedem Zeitpunkt während des gesamten Kriegs. Sie wollte nach Hause.
„Was ist passiert?", fragten sie und ihre Mutter beide gleichzeitig.
Lachend und weinend zur selben Zeit wischte ihre Mum Ginnys Tränen fort und führte sie zu ihrem Sessel zwischen den beiden Betten zurück. „Bist du verletzt?", fragte sie und berührte die rote Haut auf Ginnys Schulter, die frei geworden war, als sie sich umarmt hatten.
„Es ist nur ein Schnitt. Die Heiler haben es schon behandelt", sagte Ginny. „Was ist in Hogwarts geschehen?"
„Was ist mit Ron?", erkundigte ihre Mutter sich, die Ginnys Frage immer noch nicht beantwortete. Ihr Blick schweifte über die schlafende Gestalt ihres Sohnes, um nach Zeichen von Schäden zu suchen.
„Hier, nimm meinen Stuhl", bot Leticia an und erhob sich. „Ich muss nach anderen sehen und ihr habt viel auszutauschen."
„Danke, Leticia", sagte ihre Mutter, als die andere Frau sich verabschiedete.
„Ron geht es gut", versicherte Ginny. „Er hatte einige Verletzungen, aber nichts, das sie nicht in den Griff bekommen konnten. Er hat eine Narbe auf seiner Brust direkt unter der Achselhöhle und er hat den Heilern gesagt, dass er sie behalten will."
„Er hat was?", kreischte ihre Mutter, worauf Hermine sich regte und ihren Kopf zur Seite drehte.
Ihre Mum war sichtlich erbleicht, als Ginny Rons Verletzungen erwähnt hatte, doch ihr Temperament gewann allmählich die Oberhand. „Was denkt er sich dabei? Warum will er so etwas behalten?", fragte sie verärgert.
„Da Harry und ich schon Narben haben, will er nicht ausgelassen werden", erklärte Ginny und gluckste bei der Erinnerung daran. „Er sagte, es sei nicht so ausdrucksstark wie ein Blitz, aber Weasleys pflegen genügsam zu sein."
Ihre Mutter runzelte die Stirn und verschränkte die Arme. „Du und Hermine, euch geht es gut?", erkundigte sie sich. Ihr Kopf drehte sich, als sie die beiden Mädchen untersuchte.
„Die Heiler haben sich um uns gekümmert, Mum. Mach dir keine Sorgen", erwiderte Ginny trotz des Wissens, dass das der Bitte, das Atmen zu unterlassen, gleichkam.
„Was ist mit Harry?", wollte ihre Mutter wissen. Sie verzog das Gesicht, als sie seinen unnatürlich stillen Körper ansah.
„Das wissen sie noch nicht", flüsterte Ginny, während wieder Tränen in ihre Augen stiegen. „Er hat noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt, seit es alles passiert ist."
Ihre Mutter sprang auf und zog Ginny wieder in ihre Arme. „Alles wird wieder gut. Keine Sorgen – er kommt wieder in Ordnung", tröstete sie.
Ginny rückte etwas zur Seite, damit ihre Mutter sich neben sie setzen konnte. Der Sessel war wirklich nicht für zwei Menschen gemacht, doch im Augenblick machte Ginny die Enge nichts aus.
„Er hat Harry auseinandergerissen, Mum", sagte sie und schauderte, als sie sich an den Kampf im Ministerium erinnerte.
„Sie haben gesagt... ich meine... das Gerücht geht um, dass...", begann ihre Mutter.
„Harry hat Tom getötet", sagte Ginny knapp, während eine einzelne Träne langsam an ihrer Wange hinablief. Sie war erstarrt gewesen, als Voldemorts Körper sich zu dem Gesicht zurückverwandelt hatte, das sie einst gekannt hatte. Sie hatte die Trance erst abschütteln können, als Harry zusammengebrochen war. Selbst jetzt, wenn sie nur an Tom Riddle dachte, wollte sie wegrennen und sich verstecken.
„Mir wurde gesagt, sie hätten im Atrium des Ministeriums gekämpft", sagte ihre Mutter.
Ginny schüttelte die Erinnerungen ab, die sie zu übermannen drohten. „Nicht ganz. Es war in der Mysteriumsabteilung. Tom ist Harry dorthin gefolgt und sie haben... ich habe noch nie so etwas gesehen. Er ist tot und wir sind ihn endlich los. Nur hat er verflixt alles gegeben, um Harry mit sich zu nehmen."
„Aber es ist jetzt vorbei und wir werden Harry alle helfen, wieder gesund zu werden. Er kann jetzt richtig leben, Ginny. Wir alle können es", sagte ihre Mutter.
Sie schwiegen, als eine Heilerin den Raum betrat. Sie war eine Hexe mittleren Alters mit hellbraunem Haar und einer birnenförmigen Figur. Sie verharrte einen Moment an Rons Seite und wedelte ihren Zauberstab über seine schlafende Gestalt. Sie schien erfreut von dem Ergebnis, denn sie nickte selbstgefällig, bevor sie sich Harry zuwandte.
Sie behandelte ihn genauso wie Ron, nur dass das Resultat sie die Stirn runzeln ließ.
„Ist alles in Ordnung?", erkundigte ihre Mutter sich, womit sie Ginnys Sorge aussprach.
„Ihr Sohn genest wunderbar, Mrs. Weasley", erwiderte die Heilerin. „Bei Mr. Potter gibt es keine Veränderung, obwohl es Zeit ist für einen weiteren Wiederherstellungstrank."
Sie glitt mit ihrem Arm unter Harrys Schultern und hob ihn leicht hoch. Sein Kopf fiel zur Seite, doch mit einer geübten Hand nahm die Heilerin eine Phiole von ihrem Tablett und goss den Inhalt in seine Kehle. Er würgte und ein Teil der dicken lila Flüssigkeit tropfte sein Kinn hinunter, doch sie murmelte schnell einen Anti- Würg- Fluch und der Rest des Tranks floss Harrys Kehle hinunter.
Ginny wartete darauf, dass die Heilerin wieder hinausging, während sie Harry genau beobachtete und kaum zu atmen wagte. Sie würde alles dafür geben, seine strahlend grünen Augen zurückblicken zu sehen, doch er blieb reglos.
„Was ist in Hogwarts passiert, Mum?", erkundigte sie sich seufzend. „Warum willst du es mir nicht sagen?"
„Ich verberge nichts vor dir, Ginny", sagte ihre Mutter und zog sich eng an sich. „Ich weiß einfach selbst nicht viel und versuche, nicht darüber nachzudenken."
Schwer atmend fuhr ihre Mutter eine Hand durch Ginnys Haar und tätschelte sie zittrig. „Hermines Nachricht hat uns im Gemeinschaftsraum etwa zur selben Zeit erreicht, da die Schutzzauber eingebrochen sind. Die meisten sind nach draußen gegangen, aber ich bin zum Krankenflügel geeilt, um mich zusammen mit Poppy darauf vorzubereiten, die Verletzungen zu behandeln."
Ginny schniefte.
„Als alles vorbei war, habe ich Poppy in Hogwarts zurückgelassen und bin mit George hierher gekommen", sagte ihre Mutter mit zitternder Unterlippe.
„George?", krächzte Ginny, während ein bleiernes Gefühl sich in ihrem Magen ausbreitete.
Ihre Mutter wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Er und Shannon sind beide schwer getroffen worden. Bei George war es am schlimmsten. Deshalb hat Poppy ihn vorgeschickt, während sie versucht hat Shannon zu behandeln", sagte sie.
„Warum hat sie einfach nicht beide hergeschickt?", wollte Ginny wissen. Ihr fiel es schwer zu atmen.
„Das Krankenhaus läuft immer noch nicht zu voller Stärke, Ginny, und es gibt viele Verletzungen. Ich weiß, dass eine große Anzahl von Auroren auch verwundet ist, ganz zu schweigen von den Dorfbewohnern in Hogwarts", antwortete ihre Mutter seufzend.
„Was ist mit Dad?", erkundigte Ginny sich.
„Ich weiß es nicht. Ich konnte ihn nicht finden, deshalb weiß ich, dass er nicht zum Krankenflügel hochgekommen ist, aber – ", ihre Mutter brach mit einem Schniefen ab und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
„Ihm geht es gut, Mum", versicherte Ginny. Sie schlang einen Arm um ihre Mutter und tätschelte ihr sanft den Rücken. Sie war leicht aus der Fassung gebracht durch den plötzlichen Rollenwechsel.
„Was ist nicht in Ordnung mit George?", fragte sie, um sich und ihre Mutter von dunklen Gedanken über ihren Dad abzulenken.
„Die Heiler arbeiten gerade an ihm. Sie haben gesagt, dass sie kommen und mich holen würden, wenn ich ihn sehen kann", antwortete ihre Mum. Ihre Augen waren sehr rot und Ginny konnte ihre Bemühung sehen, sich zusammenzureißen. „Anastasia Parkinson hat George und Shannon gerettet."
„Mrs. Parkinson?", fragte Ginny verblüfft.
„Sie ist fast wahnsinnig geworden, als Dudley uns erzählt hat, dass Harry und Pansy verschwunden sind. Weißt du, was mit Pansy passiert ist?", erkundigte ihre Mum sich.
„Sie ist tot", erwiderte Ginny knapp.
„Oh!", keuchte ihre Mutter und legte eine Hand auf die Brust. „Arme Anastasia."
„Pansy hat Harry verraten und ihn an Voldemort ausgeliefert", sagte Ginny zähneknirschend. Unabhängig von den Umständen konnte sie im Moment kein Mitleid mit Pansy Parkinson empfinden.
„Sie hat was?", fragte ihre Mutter entgeistert. Zwei rote Farbflecke erschienen auf ihren Wangen.
„Sie hat versucht, Draco zu retten, aber Voldemort hat sich nicht an ihren Deal gehalten. Ich kenne nicht die ganze Geschichte. Wir hatten nicht genug Zeit, damit Harry es uns erzählen konnte", sagte Ginny.
„Wie ist Harry weggekommen?", wollte ihre Mutter wissen.
„Das ist eine lange Geschichte und es ist jetzt nicht wichtig. Du sagtest, Mrs. Parkinson hat George gerettet?", fragte Ginny und sank in den Sessel zurück. Sie konnte fühlen, wie ihre Erschöpfung sie übermannte, und sie lehnte ihren Kopf an die Schulter ihrer Mutter.
„Anastasia ist allein nach draußen gerannt, entschieden Pansy zu finden. Als sie gesehen hatte, wie der Todesser die Kinder angriff, hat sie ihren eigenen Zauberstab gegen ihn gewandt – und sie wusste, wer er war, aber sie hat ihn trotzdem getötet. Sie sagte, sie würde nicht zulassen, dass eine andere Mutter fühlt, was sie empfindet", sagte ihre Mutter mit wässrigen Augen. „Oh, sie wird am Boden zerstört sein."
Ginny konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als ihre Mutter ihre volljährigen Brüder als Kinder bezeichnete. Einige Dinge würden sich nie ändern und sie stellte fest, dass sie froh darum war.
„Was ist mit Iris? Ist sie okay?", fragte Ginny.
„Ich weiß nicht. Sie sollte drinnen bleiben, aber sie ist nicht gehorsamer als meine Kinder", sagte ihre Mutter stirnrunzelnd.
Ginny schnaubte.
„Ich kann nicht glauben, dass es endlich vorbei ist", flüsterte ihre Mum.
„Ich weiß", erwiderte Ginny. „Ich habe die ganze Nacht das gleiche gedacht."
„Als es das letzte Mal geendet hat – im ersten Krieg, habe ich schon meine Brüder verloren und ihr Kinder wart alle noch Babys. Wir haben gefeiert, als wir die Neuigkeiten gehört haben, wie alle anderen, aber es nicht ganz dieselbe Sorte von... besorgter Erleichterung", sagte ihre Mutter und lächelte wehmütig. Ihr Blick schweifte zu Harrys schwer zerschrammtem Gesicht, das auf dem Kissen neben ihrem Sessel ruhte. „Harry war nur ein Märchenheld. Als es vorüber war, habe ich nie wirklich die wahre Bedeutung für ihn bedacht. Jetzt da ich hier sitze und mir über den Rest meiner Familie Sorgen mache, kann ich die andere Seite der Geschichte erkennen."
Ginny schniefte. „Die andere Seite?"
„Dass er, während wir alle gefeiert und seinen Sieg über das Böse gepriesen haben, ein kleiner Junge war, der allein gelassen wurde. Das geschieht nun ebenfalls. Menschen streifen in den Straßen herum, während es viele Familien gibt, die genau wie unsere ihren Atem anhalten und auf Neuigkeiten warten", sagte ihre Mutter leise und tupfte sich mit einem Taschentuch die Augen ab.
Ginny und ihre Mutter saßen zusammen in dem klumpigen Sessel, die Köpfe gegeneinander gelehnt, bis sie beinahe in den Schlaf glitten. Als die Tür zu Harrys Raum sich öffnete, wandten sie sich beide erschrocken um und sahen erleichtert, wie ihr Dad und Charlie hereinrauschten. Charlie humpelte und seine Kleidung war versengt, während ihr Dad eine Bandage über seinem linken Auge trug und sein Arm in einer Schlinge lag.
„Arthur!", rief ihre Mutter mit krächzender Stimme. Sie sprang vom Sessel auf und eilte in seine Arme.
Er schlang seine Arme um sie und küsste sie, worauf Ginny und Charlie die Blicke abwandten und ihre Gesichter verzogen. Charlie schloss Ginny in seine Arme und drückte sie beinahe zu Tode.
„Geht es dir gut?", erkundigte sie sich, als sie bemerkte, wie er zusammenzuckte.
„Ja", brummte er. „Ich habe nur eine unbehandelte Wunde übrig und du hast es geschafft, sie zu berühren."
„Warum ist sie unbehandelt?", wollte ihre Mutter wissen, die ihren Vater endlich losließ und ihren scharfen Blick auf sie richtete.
„Damit er die Narbe behalten kann", antwortete ihr Vater aufgeregt. Er krempelte seinen eigenen Ärmel hoch. „Schaut!"
Er zeigte ihnen eine lange, dünne, gezackte Narbe, die von seiner Hand bis zum Ellenbogen reichte.
„Die Heiler unten haben uns erzählt, dass Ron seine bewahren wollte, und wir konnten ihn doch nicht den ganzen Ruhm einheimsen lassen", fügte Charlie hinzu. Er beschwor mehrere Stühle herauf. Ginny wusste, dass in einer normalen Situation niemals so viele Besucher in das Krankenzimmer gelassen worden wären. Heute war jedoch alles andere als normal.
Charlie sah stolz zu Ron hinüber und strahlte seinen bewusstlosen jüngeren Bruder an.
„Also ehrlich, Arthur", schimpfte ihre Mutter gedämpft. „Ich hatte vor, mit Ron über diese lächerliche Idee zu sprechen. Du musst ihn nicht noch ermutigen."
„Es ist nicht lächerlich, Mum", flüsterte Ginny, die ihren Vater breit anlächelte. „Ich denke, es ist genial, und ich weiß, dass Harry gerührt sein wird."
Die Augen ihrer Mutter schweiften wachsam zu Harrys schlafendem Gesicht und sie sank sichtlich zusammen. Wie konnte jemand ihm in diesem Augenblick irgendetwas verweigern?
„Alles in Ordnung, Ginny?", erkundigte ihr Dad sich und zog sie in seine Arme. Seine Finger fuhren leicht über die Narbe an Ginnys Haaransatz.
„Mir geht's gut, bin nur müde", erwiderte sie.
„George ist noch bei den Heilern", sagte ihre Mutter. „Wisst ihr etwas von Fred, Bill oder Fleur?"
„Ich hab sie nicht gesehen", sagte ihr Dad, während sein Gesicht zusammenfiel. „Wir sind mit Shannon und Hagrid angekommen."
„Hagrid?", keuchte Ginny. „Ist er okay?"
„Er ist wirklich in einer schlechten Verfassung. Die Todesser haben ihm übel zugesetzt, bevor wir realisiert haben, was geschehen ist. Es war Grawp, der ihn gerettet hat", sagte Charlie.
„Ihr wisst von Grawp?", fragte Ginny verständnislos.
„Entgegen des öffentlichen Glaubens", sagte ihre Mutter und verdrehte die Augen, „sind einige der Erwachsenen sich durchaus bewusst, was an dieser Schule vor sich geht, junge Dame. Ja, Hagrid hat den Orden gut informiert über Grawp."
„Als Grawp gesehen hat, wie sie Hagrid verletzt haben, ist er ausgerastet", erzählte ihr Vater schaudernd. „Er hat die Hälfte der Todesser niedergemacht, bevor der Rest von uns überhaupt rausgekommen war."
„Selbst dann mussten wir nicht viel tun. Sie hatten schon begonnen, sich gegeneinander zu wenden", sagte Charlie.
„Was meinst du?", wollte Ginny wissen.
„Es hat mit Narzissa Malfoy begonnen", erwiderte Charlie. „Sie ist wahnsinnig geworden, als sie hörte, dass Draco mit euch Pansy nachgegangen ist. Sie ist aus dem Schloss ausgebrochen und zu den Todessern geflohen."
„Zu ihnen?", fragte Ginny ungläubig.
„Ja. Es war, als hätte sie geglaubt, dass Draco und Pansy bei ihnen wären", sagte Charlie und kratzte sich am Kopf.
„Ich frage mich, ob sie es wusste", murmelte Ginny mehr zu sich.
„Was wusste?", fragte ihr Vater.
„Pansy hat Harry an Voldemort verkauft und ausgeliefert", erwiderte Ginny.
„Was?", riefen Charlie und ihr Dad, die zu Harry blickten, als wollten sie sich versichern, dass er wirklich da war.
„Meint ihr, Mrs. Malfoy wusste davon?", erkundigte Ginny sich. „Weil Draco keine Ahnung hatte."
„Ich weiß es nicht und wahrscheinlich werden wir es auch nie erfahren", sagte ihr Dad seufzend. „Sie und ihre wahnsinnige Schwester haben angefangen auszusagen – beziehungsweise sich anzuschreien – und dann ist Fenrir Greyback aus dem Nichts aufgetaucht und hat Narzissa ohne ein Wort getötet."
„Was?", rief Ginny schockiert.
„Bellatrix Lestrange ist ausgetickt. Sie ist herumgewirbelt und hat Unverzeihliche auf Greyback geschleudert. Ich konnte es gar nicht glauben! Ich dachte, sie würden sich gegenseitig ausschalten, bevor wir uns überhaupt einmischen konnten", berichtete Charlie.
„Sicherlich ist auch keiner von uns zu ihrer Verteidigung geeilt", sagte ihr Dad, leicht belustigt. „Natürlich hat es auch keiner von ihrer eigenen Seite getan."
„Also, was ist passiert?", wollte Ginny wissen.
„Greyback hat gewonnen. Er hat sie getötet und dann begann der Kampf erst richtig. Ich habe Greyback danach in der Menge aus den Augen verloren", antwortete Charlie grimmig.
„Narzissa Malfoy und Bellatrix Lestrange sind beide tot", sagte Ginny, während sie versuchte, es vollends zu begreifen. Es war sicherlich nicht der Weg, den sie für sie erwartet hatte. „Jemand wird es Neville sagen müssen. Er wird es wissen wollen."
„Ich werde dafür sorgen", sagte ihr Vater nickend. „Neville war heute dort."
„Was?" Ginny war erstaunt.
„Nachdem sich die Neuigkeiten über die Belagerung von Hogwarts verbreitet hatten, sind Hexen und Zauberer aus dem ganzen Land nach Hogsmeade appariert. Sie haben alle dasselbe gesagt – dass sie sich nach Hogwarts begeben würden und es nicht fallen sehen wollen", erwiderte ihr Dad. „Neville kam mit einer Gruppe von euren DA- Mitgliedern an."
„Ist er okay?", erkundigte Ginny sich, außerordentlich stolz auf ihren Freund.
„Ja, ihm ging's gut. Ich habe ihn mit einem blonden Mädchen gesehen. Ich denke aber, dass sie verletzt sein könnte. Sie sah sehr verwirrt aus", sagte Charlie.
„Nein, das war Luna", entgegnete Ginny kichernd. „Die sieht immer so aus."
„Die ganze DA hat sich wirklich glänzend geschlagen", sagte ihr Dad.
„Jemand wird Draco von seiner Mutter erzählen müssen", sagte Ginny unbehaglich. Überrascht stellte sie fest, dass sie tatsächlich Mitleid mit Draco hatte. „Das heißt, wenn er überhaupt überlebt. Er war sehr schwer verletzt."
Hermines Mitleid und schnelles Denken hatte Draco das Leben gerettet. Indem sie ihn versteinerte, hatte sie verhindert, dass seine Eingeweide vollständig ausgestoßen wurden, und die Heiler konnten ihn wieder zusammenflicken. Ginny fragte sich vage, wie der Slytherin es wohl empfinden würde, Hermine sein Leben zu schulden.
„Seit wann kümmert es dich, was mit Draco Malfoy geschieht?", fragte Charlie ungläubig.
„Seit er Harry geholfen hat, Voldemort zu schlagen", erwiderte Ginny achselzuckend.
„Er hat geholfen, sagst du?", wiederholte ihr Vater. Seine Augen weiteten sich, so dass seine Brille die Nase herunterrutschte.
„Ja, hat er. Er war aufgebracht, dass Voldemort Pansy getötet hat, deshalb hat er seine Hilfe angeboten. Es war auch eine gute Sache, weil Harry es nicht allein geschafft hätte, vor allem nicht bei der Verfassung, in der er sich befunden hat", sagte Ginny.
„Er hat Pansy getötet?", fragte ihr Vater mit verzogenem Gesicht. Obwohl ihr Dad sich daran gewöhnt hatte, dass sie alle Voldemorts Namen aussprachen, und nicht länger zusammenzuckte, wenn er ihn hörte, konnte er sich noch immer nicht dazu durchringen, ihn selbst zu sagen.
„Was meinst du?", wollte Charlie wissen. „Was ist überhaupt passiert? Ich habe gehört, dass Harry ihn mit bloßen Händen getötet hat."
„Er hat ihn mit einem Zauberstab umgebracht", erwiderte Ginny mit verdrehten Augen.
Sie begegnete dem Blick ihres Vaters über Harrys Bett und wusste, dass er verstand, was das bedeutete und welchen Fluch Harry verwendet hatte. Sie hatte in jenem Augenblick nicht wirklich darüber nachgedacht, doch sie konnte sich nicht vorstellen, dass Harry dafür in Schwierigkeiten geraten würde, da jeder wusste, dass Voldemort aufgehalten werden musste. Außerdem war es nicht, als gäbe es noch ein Ministerium, das im Moment Gesetze vollziehen konnte. Ihr Dad blinzelte und wartete darauf, dass sie ihren Bericht fortsetzte. Offensichtlich würde er keinen Aufstand darüber veranstalten.
„Pansy hat ihn ausgetrickst, so dass er sie entwaffnet hat, und ihr Zauberstab war ein Portschlüssel. Voldemort wartete am anderen Ende", erzählte Ginny, während sie sich fragte, ob sie warten sollte, bis ihre ganze Familie beisammen war, damit sie die Geschichte nicht ständig wiederholen musste. Dann dachte sie sich, wenn es das Überleben ihrer Familie bedeute, würde sie es jedes Mal willig wiederholen. „Harry ist weggekommen, aber nicht bevor Snape eine Phiole vom Trank der Lebenden Toten in seine Kehle gegossen hat."
„Was?", rief ihre Familie gleichzeitig, worauf Hermine in die Höhe schoss und benommen blinzelte. Sie starrte die Masse von Weasleys verwirrt an, die den Krankenhausraum geflutet hatten, während sie schlief.
„Wir hatten nicht die Zeit, die ganze Geschichte zu hören. Harry hat erzählt, dass er es ausgespuckt hat, doch ihm ging es sichtlich schlecht. Er konnte nicht stillsitzen, sonst wurden die Effekte schlimmer", sagte Ginny. Sie schauderte, als sie sich daran erinnerte, wie blass und krank Harry ausgesehen hatte, als er in dem Todesraum erschienen war. „Deswegen ist er immer noch von Blutergüssen übersät. Die Heiler sagen, sie würden nicht verschwinden, bevor der Trank vollständig aus seinem System entfernt ist."
„Süßer Merlin", keuchte ihre Mutter und hob eine Hand an ihren Hals. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und fuhr unnötigerweise fort, Harrys Decke gerade zu zupfen.
„Mr. und Mrs. Weasley", sagte Hermine, endlich wach. „Ihnen geht's gut! Ron wird so glücklich sein, Sie heil hier zu sehen. Er war so besorgt."
Die Tür schwang wieder auf und Bill streckte seinen Kopf herein. Erleichterung breitete sich über sein Gesicht aus, als er die Rotschöpfe im Zimmer zählte. Fleur trat die Tür vollständig mit dem Fuß auf und half Bill hinein. Obwohl er mit neuen Schnitten bedeckt war und offensichtlich Schmerzen hatte, bemerkte Ginny, dass er sehr viel mehr um Fleurs Wohlsein besorgt war. Sie schien nicht verletzt zu sein und versuchte stattdessen, Bill zu einem leeren Stuhl zu steuern.
„Bill! Fleur!", rief ihre Mutter, worauf Ron sich regte. Er setzte sich auf, blinzelte und drehte den Kopf von einer Seite auf die andere. Hermine stand auf und nahm seine Hand, um ihn zu beruhigen.
„Mir geht's gut, Mum", brummte Bill, während er sein Bein hinter sich herzog. „Nein. Setz du dich, Fleur." Er nickte zum Stuhl, auf den Fleur ihn drücken wollte.
Die Augen verdrehend und das Haar durch die Luft wirbelnd, setzte Fleur sich und murmelte: „So dickköpfisch."
Erst als sie sich niedergelassen hatte, fiel Ginny auf, wie blass und müde Fleur aussah. Ein großer Teil ihrer Lebenskraft schien verschwunden zu sein und Ginny wurde unbehaglich von den seltsamen Blicken, die zwischen Bill und seiner Frau ausgetauscht wurden.
„Alles in Ordnung, Sohn?", erkundigte Mr. Weasley sich. Seine Augen flackerten zu Fleur hinüber.
„Mir geht's wunderbar, Dad", erwiderte Bill. Doch seine Erscheinung widersprach seinen Worten.
„Wo ist Fred?", fragte Ron und rieb sich die Augen. Er und Hermine hatten getuschelt und Ginny vermutete, dass Hermine ihn über alle anderen auf den neuesten Stand gebracht hatte.
„Hab ihn nicht gesehen", sagte Bill unbehaglich.
„Was ist mit dir passiert?", wollte Charlie wissen.
„Bin auf einen alten Freund getroffen", erwiderte Bill mit knirschenden Zähnen. „Fenrir Greyback."
Ihre Mutter keuchte auf, während sie ihre Hand nach den frischen Wunden auf Bills Gesicht ausstreckte.
„Es ist alles in Ordnung, Mum. Wieder war es kein Vollmond und er hatte nicht einmal im Ansatz die Gelegenheit, mir so viel Schaden zuzufügen, wie er es das letzte Mal getan hat", erwiderte Bill.
„Du hast ihn getötet?", fragte Charlie.
„Nein", sagte Fleur. Sie hob ihr Kinn. „Das war isch."
Alle im Raum ausgenommen Bill starrten sie mit offenem Mund an. Bill strahlte seine trotzige Braut stolz an. „Sie war erstaunlich. Wenn sie nur ein Viertel Veela- Blut in sich trägt, will ich nie einer vollblütigen begegnen."
Fleur errötete und küsste Bill auf die Hand.
„Was ist geschehen?", erkundigte Ginny sich, die zwischen ihnen hin und herblickte.
„Ich weiß es nicht ganz genau. Fleur kam über den Hügel und sah uns kämpfen und sie... sie hat sich irgendwie verwandelt. Sie sah wie eine Art Raubvogel aus und hat ihn einfach angegriffen. Sie hat ihn auseinandergerissen und dann etwas ganz Wundervolles gesagt", erzählte Bill und starrte seine Frau bewundernd an, die sanft vor sich hin murmelte.
„Und was?", wollte Ihr Dad wissen, dessen Augen seltsam funkelten.
„Isch 'abe gesagt, dass keiner den Vater meines Babys wegnehmen wird", erwiderte Fleur mit hoch erhobenem Haupt.
Es war, als hätte ihre Mutter gewusst, was Fleur sagen würde. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und schlang Bill und Fleur zugleich in eine feste Umarmung, bevor Ginny überhaupt nachvollzogen hatte, welche Bedeutung Fleurs Worte hatten. Ihr Vater und Charlie klopften einem grinsenden Bill auf den Rücken, während ihre Mutter sich auf Fleur stürzte.
„Herzlichen Glückwunsch", sagte Hermine, sanft lächelnd.
Ginny stellte fest, dass sie plötzlich gegen Tränen ankämpfen musste. Sie würde Tante werden. Etwas Gutes und Schönes tauchte bereits von all der Dunkelheit auf, die ihr Leben für so lange Zeit geplagt hatte. Wie ein Phönix aus der Asche stieg, erfüllten Fleurs Neuigkeiten Ginnys Herz mit Hoffnung auf die Zukunft.
„Ich freue mich so für euch", krächzte sie und warf ihre Arme um ihren ältesten Bruder. Trotz seiner Verletzungen hob Bill sie in die Höhe und drückte sie fest. „Danke, Knirps", brummte er.
„Warte... du meinst.... du bist schwanger von ihm?", fragte Ron und starrte Fleur verständnislos an. Es war, als könnte sein benommener Geist diese Tatsache einfach nicht verarbeiten.
Bill und Charlie lachten herzlich.
„Dad hat dich schon über die Vögel und Bienen aufgeklärt, oder, Ron? Oder in Dads Fall, über Steckdosen und Batterien?", fragte Charlie lachend.
Rons Ohren färbten sich leuchtend rot. „Schnauze, ihr beiden", sagte er stirnrunzelnd.
Ginny rückte zu Fleur und warf ihre Arme um ihre Schwägerin. Sie mochte zwar eine Weile gebraucht haben, um sich mit dieser Frau anzuwärmen, die sich in Ginnys Familie gedrängt hatte, doch soweit es Ginny betraf, hatte Fleur unwiderruflich einen Platz in all ihren Herzen gewonnen.
„Herzlichen Glückwunsch, Fleur", sagte sie und senkte den Blick zu Fleurs flachem Bauch.
„Danke, Ginny. Mein Sohn wird einige Cousins brauchen, die ihm Gesellschaft leisten. Also werdet ihr alle viel nachzu'holen 'aben", erwiderte Fleur.
Hermine und Ginny schoss das Blut ins Gesicht und ihre Mutter räusperte sich. „Es gibt genug Zeit für Hochzeiten, jetzt da der Krieg vorüber ist. Lasst uns einfach die Zeit nutzen, uns über dieses erste Enkelkind zu freuen", sagte sie bestimmt.
Ginny sah, wie ihr Vater zu husten begann und sich alarmierend rot färbte.
„Also, was habe ich da von Harry gehört?", erkundigte Bill sich, dessen Augen zu Harrys regloser Gestalt blickten. „Einer der Beteiligten sagte, dass er Voldemort auf einem der Drachen von Gringotts besiegt hat."
„Oh, das hat er nicht!", rief Ginny genervt aus.
Bevor sie Zeit hatte es auszuführen, schwang die Krankenzimmertür auf und ein Heiler trat ein. Er hielt inne, überrascht von der Anzahl der Besucher im Raum. Er sah aus, als wollte er etwas sagen, doch die beschützerische Aufstellung aller Weasleys um Rons und Harrys Betten herum musste ihn davon abgeraten haben.
„Ich werde nur nachprüfen, welche Fortschritte Sie machen", sagte sie. Er räusperte sich und wedelte seinen Zauberstab über Ron. „Alles sieht gut aus, aber Sie werden im Bett bleiben müssen."
Ron starrte ihn finster an und Ginny vermutete, dass der Heiler lediglich versuchte, seine Kontrolle wieder geltend zu machen, anstatt dass irgendein Bedarf für Ron bestand, im Bett zu bleiben. Nachdem der Heiler Harry untersucht hatte, runzelte er genauso die Stirn, wie die anderen Heiler es getan hatten. Als er eine Phiole von seinem Tablett nahm, eilte Ginny hinüber und ließ ihren Arm sanft unter Harrys Schultern gleiten, um ihn leicht hochzuheben.
Die Augen des Heilers weiteten sich überrascht, doch er nickte, Ginnys Hilfe annehmend. Sie fühlte die Blicke ihrer Familie auf sich, als sie Harrys Kopf stützte, während der Heiler seinen Trank einflößte und einen Anti- Würge- Fluch ausführte.
Sie legte Harry wieder auf sein Kissen zurück und wischte etwas von dem Trank aus seinem Mundwinkel. Harry zeigte keine Reaktion.
Ihr Vater räusperte sich und drückte Ginny die Schulter. Sie wandte sich um und lehnte sich gegen ihn, um sich von seiner Stärke durchströmen zu lassen.
„Hey, Ron", sagte Bill. Er zog ein Hosenbein hoch und deutete auf einen großen, hässlichen bogenförmigen Schnitt. „Sieh mal meine Narbe."
Charlie lachte. „Hier ist meine", sagte er und hob sein Shirt, um eine runde Wunde auf seiner Brust zu zeigen.
„Meine ist am Arm", fuhr ihr Dad fort, der seinen Ärmel hochkrempelte.
„Also wirklich!", meckerte ihre Mutter.
Ron starrte sie alle verblüfft an.
„Wir konnten doch nicht zulassen, dass du und Ginny die einzigen seid", erwiderte Charlie grinsend.
„Alle Weasleys 'aben sie", sagte Fleur. Sie warf ihr Haar zurück, um eine gezackte Wunde unter ihrem Ohr zu zeigen. Ginny war beeindruckt, dass sie sie auf ihrem Gesicht gelassen hatte – dasselbe Gesicht, auf das sie stets so stolz gewesen war.
„Ihr habt alle Narben zurückbehalten?", fragte Hermine und starrte sie verständnislos an.
„Das wird langsam lächerlich", schimpfte ihre Mutter.
„Nein, wird es nicht", strahlte Ron. „Es ist ein Andenken. Alle sagen, dass wir so etwas nie wieder zulassen werden, aber die Zeit wird vergehen und der Eindruck wird nachlassen. Das ist ein Weg, die Erinnerung am Leben zu halten. Man kann es nicht zur Seite schieben, wenn es eine Erinnerung gibt, die einem jeden Tag ins Gesicht starrt."
Hermine starrte Ron an. Tränen funkelten in ihren Augen. „Ich habe keine", flüsterte sie.
„Mach dir keine Sorgen, Hermine. Wenn Ronnie sich endlich überwunden hat und dich bittet, ihn zu heiraten, werden wir dich einfach rausnehmen und verfluchen", sagte Charlie grinsend.
Hermines Augen weiteten sich alarmiert, bevor Ginny in Kichern ausbrach.
„Charlie!", rief ihre Mum und schlug ihn auf den Arm, obwohl ihre Augen blinkten.
„Und du hast deine eigene Narbe, Hermine", sagte Ginny. „Dein Haar ist anders."
Hermine zupfte an ihren nun weniger buschigen Locken. „Das ist wahr", stimmte sie zu und lächelte glücklich.
Ihr Dad tätschelte ihrer Mum die Hand, liebevoll lächelnd. „Wenn Fred jetzt einfach durch diese Tür kommen würde und George und Harry sich mit dem Aufwachen beeilen würden, werden wir wirklich etwas zum Feiern haben", sagte er.
„Weiß jemand, wo Fred während des ganzen Kampfs war?", erkundigte Hermine sich.
„George würde es wissen", sagte Charlie leise und eine trübsinnige Stimmung fiel über die Besucher des Raumes.
„Vielleicht hat er sich endlich dazu durchgerungen, Iris zu küssen, und sie hat ihn verhext", sagte Bill in dem Versuch, die Stimmung aufzuhellen.
„Bill!", schalt ihre Mum mit finsterem Blick.
„Iris würde ihn nicht verhexen", sagte Fleur, wissend lächelnd. „Es ist wahrscheinlischer, dass sie diejenige war, die sisch auf ihn gestürzt 'at. Ihr Weasley- Jungens braucht zu viel Zeit, um in 'erzensangelegen'heiten die Sache in die 'and zu nehmen."
Alle Weasleys im Zimmer starrten Ron an, selbst ihre Mum.
„Was?", sagte Ron empört. Seine Ohren leuchteten.
Ihre Mutter schniefte, erhob sich von ihrem Stuhl und warf die Arme um Ron. „Oh, mein Baby", rief sie.
Ron wand sich unbehaglich, tätschelte ihr aber den Rücken. „Mir geht's gut, Mum", sagte er.
Die Tür schwang auf und der letzte Weasley erschien, blass und viel zu ernst für Ginnys Geschmack. Es war nicht richtig, Fred ohne ein schelmisches Blitzen in seinen Augen zu sehen.
„Fred!", rief ihr Dad. Er erhob sich schnell, erstarrte jedoch auf der Stelle, als er einen guten Blick auf Freds Gesicht bekam. „Was ist los, Sohn?"
„Katie Bell arbeitet hier. Ich habe sie gesehen, als ich angekommen bin. Sie lässt euch ausrichten, dass ihr George jetzt sehen könnt. Sie warten gerade darauf, dass er aufwacht", sagte Fred mit abgestorbener Stimme. Er hatte einen langen Schnitt auf der Wange und seinen Arm trug er in einer Schlinge.
„Was verschweigst du uns, Fred?", wollte ihre Mutter mit angehaltenem Atem wissen.
„Sie konnten sein Bein nicht retten", erwiderte Fred. „Sie mussten es unter dem Knie amputieren."
Ein Chor von Keuchen und bestürzten Ausrufen schallten durch den Krankenraum. Die laute, klare Stimme ihres Vaters drang hervor und brachte sie alle zum Schweigen.
„Aber er ist am Leben. Wir sind es alle, was mehr ist, als wir heute Morgen noch erwartet hatten. George wird überleben und er hat uns alle um sich herum, um ihm zu helfen. Molly, lass uns zu unserem Sohn gehen."
Ihre Mutter nickte und nahm die Hand ihres Vaters. Die beiden verließen schweigend den Raum, hocherhobenen Hauptes. Ginny holte tief Luft. Ihr Dad hatte Recht. Ihre Familie hatte den Krieg überlebt und das war Grund zum Feiern. George konnte mit einem künstlichen Bein ausgestattet werden, das Muggle nur schwer als Ersatz erkennen würden.
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte sich zu sehr an Mad- Eyes hölzernes Pflockbein gewöhnt. Ihr Dad hatte ihr erzählt, dass er es nur benutzte, weil ihm der Effekt gefiel. Nein, George würde es überleben und sie würden ihm alle helfen, sich damit abzufinden. Genau wie Harry überleben würde. Er musste – sonst wäre es nicht richtig.
Als sie durch den Raum zu den Gesichtern all ihrer Geschwister und Hermine und Fleur starrte, begegnete sie ihren benommenen Blicken. Es war vorüber. Es war wirklich vorüber.
Ginny stieß einen entnervten Atemzug aus und blies sich die Haare aus dem Gesicht. Sie blickte durch das große, schwer behangene Fenster, um nach näher kommenden Regenwolken Ausschau zu halten. Die Krankenhausangestellten und Beamten hatten die Organisation wieder ergriffen und Harry in die Ministersuite verlegt. Anscheinend hatte Cornelius Fudge in seiner Amtszeit regelmäßig Behandlungen für ein immer wiederkehrendes Geschwür auf seinem Fuß gehabt und während seiner Aufenthalte den anspruchsvollen Raum arrangiert.
Ginny wusste, dass Harry es verabscheuen würde, wenn er es realisierte, doch sie musste allen zustimmen, dass es sicherer war, ihn von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Die Reporter waren umbarmherzig gewesen und selbst die Belegschaft und die Öffentlichkeit hatten sich unermüdlich hereingeschlichen, um Blicke auf ihn zu werfen.
Während sie wartete, saß Ginny an ihren Endjahresprüfungen, wobei Hagrid als ihr Aufpasser diente, obwohl er im Augenblick schlief und laut auf der roten Samtcouch vor Harrys Bett schnarchte. Beinahe jeder Knochen in seinem Körper war gebrochen gewesen, doch er beharrte, dass er zu robust war, als dass er sich lange damit aufhalten würde. Er würde am nächsten Tag entlassen werden und Ginny wusste, dass sie seine optimistische Anwesenheit schrecklich vermissen würde.
Ihre Augen schweiften durch den sorgfältig ausgestatteten Raum und blieben am Seelengleichgewicht haften, den Hermine aus Hogwarts mitgebracht hatte. Das seltsame silberne Instrument ruhte auf dem Tisch neben Harrys Bett. Hermine bestand darauf, dass es Harry gut tun würde, den Beweis zu sehen, dass Voldemort wirklich aus seiner Seele verschwunden war. Professor Dumbledores Porträt hatte erklärt, wie es zu benutzen war, doch Hermine hatte keine Schlüsse draus ziehen können, als sie es an Harry anwandte. Es war, als befände sich überhaupt keine Seele in ihm. Hermine hatte vor, es nochmals zu versuchen, wenn er wieder wach war.
Ginny schauderte und wandte den Blick ab, um den Gedanken aus ihrem Geist zu verbannen. Sie wollte einfach, dass er seine Augen öffnete und jenes bezaubernde Lächeln zeigte, doch langsam stieg in ihr die Angst auf, dass es nicht geschehen würde.
Sie beendete die letzte ihrer Prüfungen und schob das Pergament mit einem Seufzen von sich. Ihre Mum würde ohnehin glücklich sein. Hagrid, Draco und Harry waren die letzten ihrer Gruppe, die immer noch im Krankenhaus lagen. George war vor zwei Tagen zum Fuchsbau zurückgekehrt. Ginny war noch nie so glücklich gewesen, dass sie nach Hause zu ihrer Familie gezogen war. Die Schutzzauber am Fuchsbau waren wieder eingestellt worden, untersucht und nochmals überprüft, und da es keine Anzeichen von irgendwelchen Todesseraktivitäten gab, hatten ihre Eltern entschieden, dass es an der Zeit war, nach Hause zurückzukehren.
Sie war jeden Tag mit dem Flohnetzwerk zum St. Mungos gereist, um bei Harry zu sitzen. Ron und Hermine waren ebenfalls dort gewesen, obwohl sie mehr Freiheit hatten, da sie apparieren konnten. Hermine war zum ersten Mal seit ihrem sechsten Schuljahr zu ihren Eltern nach Hause gezogen.
George kam bemerkenswert gut mit dem Verlust seines Beines zurecht. Er hatte einen Termin zum Anmontieren eines künstlichen Ersatzes, doch er musste warten, bis das Gewebe vollständig geheilt war. Er riss wiederholt Witze darüber, dass es viel besser war als wenn er eine Hand verloren hätte. So konnte er immer noch arbeiten und andere mussten ihm sein Zeug bringen.
Es war der Rest der Familie, dem es größeren Kummer bereitete. Ginny hatte bemerkt, wie sie alle – sie selbst eingeschlossen – ihn wie ein rohes Ei behandelten, unsicher, was sie sagen oder tun sollten. Fred war es, der sich am schnellsten daran gewöhnt hatte. Zuerst hatte er eine große Show daraus gemacht, sich Georges sämtlichen Wünschen und Verlangen zu beugen, doch schon bald hatte er es aufgegeben und George erwidert, dass er es gefälligst selbst erledigen solle.
Ihre Mum war entsetzt gewesen und hatte Fred für seine Unsensibilität angeschrien. Irgendwie vermutete Ginny jedoch, dass George genau darauf gewartet hatte. Er genoss es immer noch, sich bei jeder Gelegenheit über sie lustig zu machen, doch zum größten Teil wurde er bereits wieder selbstgefällig, sogar ohne künstliche Gliedmaße.
Alle wussten, wie bemerkenswert ähnlich Fred und George sich waren, doch Ginny wusste, dass es auch einige grundlegende Unterschiede gab. Sie nahm an, dass, wenn schon einer von ihnen sein Bein verlieren musste, George die bessere Wahl war.
Sie errötete und fühlte sich furchtbar für diesen Gedanken, selbst wenn es der Wahrheit entsprach. Fred war immer bei weitem der Überschwänglichere von den Zwillingen gewesen. Er konnte einfach nicht stillsitzen. Fred war der Mann für die Ideen, während George sie tatsächlich verwirklichte. Fred dachte sich ein Produkt oder alberne neue Erfindungen aus und George war derjenige, der sie ins Rollen brachte. Sie waren schon ein tolles Team, ihre Brüder.
Obwohl Shannon nach Hause gezogen war, war sie eine regelmäßige Besucherin des Fuchsbaus und arbeitete immer noch im Geschäft der Zwillinge. Die Winkelgasse wurde für eine grandiose Wiedereröffnung in der nächsten Woche vorbeireitet und die Vorräte im Laden mussten neu aufgefüllt werden. Tatsächlich würde es Ginny nicht überraschen, wenn George der nächste war, der seine Verlobung ankündigte.
Ginny hatte nicht viel von Iris gesehen. Mrs. Parkinson hatte Pansys Tod sehr schwer genommen und Iris bemühte sich ihr zu helfen, es zu verarbeiten. Die beiden waren in ihr eigenes Zuhause zurückgekehrt, doch Fred hatte Ginny erzählt, dass Mrs. Parkinson vorhatte, es zu verkaufen und woanders einen Neuanfang zu starten. Das zumindest ließ Ginny wissen, dass Fred immer noch in Kontakt mit Iris stand.
Draco Malfoy lag ebenfalls nach wie vor im Krankenhaus. Obwohl die Heiler ihn retten konnten, sagten sie, dass es einige Zeit dauern würde, bis seine Eingeweide wieder richtig funktionierten. Nachdem er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, war er sehr mürrisch und bitter durch den Verlust seiner Mutter geworden. Ginny hatte ihn einmal besucht, aber er hatte sie deutlich spüren lassen, dass sie nicht willkommen war, und sie hatte es nicht nochmals versucht.
Sie hatte mehrmals gesehen, dass Dudley sein Zimmer besucht hatte. Die Dursleys waren nach Surry zurückgekehrt, doch Dudley hielt offensichtlich seine Verbindungen zur Zaubererwelt aufrecht. Dudley hatte einmal bei Harry vorbeigeschaut, aber seine Faszination zu den Zaubersprüchen, die er während des Kampfes benutzt hatte und wie Harry die Macht erlangt hatte, Tom zu besiegen, nervten sie. Etwas an Dudley Dursley machte sie sehr unbehaglich.
Ginny blickte auf, als die ersten Regentropfen gegen das Fenster schlugen. Sie sah zu, wie winzige Bäche an der Scheibe heruntertropften, eingelullt von dem beruhigenden Klang. Ein Teil ihrer Anspannung fiel von ihr ab und ihr war nicht ganz bewusst, dass Harry sich zu rühren begann. Ein leichtes Stöhnen erregte schließlich ihre Aufmerksamkeit. Als sie es völlig realisierte, weiteten sich ihre Augen.
Sie sah, wie seine Augenlider flatterten – etwas, das die ganze letzte Woche nicht vorgekommen war.
Kaum zum Atmen fähig, ließ sie ihre Finger durch sein Haar streifen. „Harry", flüsterte sie.
Sein Kopf bewegte sich leicht. „Mum", stöhnte er.
Ginny zog sich zurück, ihr Herz raste. Mum? Harry kannte seine Mutter nicht einmal, der arme Kerl. Es schien seltsam, dass er nach ihr rief. Furcht über einen Schaden, der seinem Gehirn möglicherweise zugefügt worden war, brach durch. Sie betete, dass er nur träumte. Ihr Herz machte einen Satz und sie spürte Trauer in sich aufsteigen, dass Harry von seiner toten Mum träumte. Hilflosigkeit drang auf sie ein.
„Harry, kannst du mich hören?", keuchte sie und sank auf den Boden neben seinem Bett, da ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten. „Mach die Augen auf, Liebling."
Seine Augen flatterten wieder, bevor er sie langsam öffnete. Er kniff sie bei der Helligkeit im Raum wieder zusammen.
„Nox", wisperte Ginny, den Tränen nahe, und die Deckenbeleuchtung wurde dämmrig.
Harry öffnete wieder langsam die Augen. Die normalerweise grüne Farbe war trüb und vor Schmerz verdunkelt. Er runzelte die Stirn, während er gegen die Verwirrung ankämpfte, die ihn übermannte.
„Es ist alles in Ordnung, Harry. Wir sind im St. Mungos", flüsterte sie.
Er war immer noch mit tieflila Ergüssen bedeckt. Die Heiler sagten, dass der Trank der Lebenden Toten all seine inneren Organe einfach verlangsamte und seine Fähigkeit zum Heilen behinderte. Nun da er wach war, würde alles endlich besser werden.
Seine Augen rollten leicht in den Kopf zurück, doch er blinzelte und versuchte, seinen Blick zu fokussieren. Ein dünner Schweißfilm brach auf seiner Stirn und Unterlippe aus, als er sich bemühte, die Orientierung zu finden.
„Entspann dich, Harry. Alles wird wieder gut", sagte Ginny beruhigend.
Seine Atemzüge wurden immer angestrengter und seine Augen weiteten sich vor Panik. Sie konnte spüren, wie sein Körper leicht zitterte, obwohl er zu schwach war, um zu ringen. Seine Lippen waren trocken und spröde und er versuchte wiederholt, sie zu befeuchten.
„Hagrid!", zischte sie, den schlafenden Halbriesen weckend.
„Was? Was'n los?", murmelte er schläfrig.
„Hagrid, Harry ist wach", sagte Ginny in dem Versuch, ihm ihre Dringlichkeit zu vermitteln, ohne Harry aufzuregen. „Geh bitte einen der Heiler holen. Beeil dich."
„Harry?", dröhnte Hagrid, sprang von der Couch auf und polterte auf sie zu. „Meine Güte, Harry! Tut gut, dich wieda zu sehn."
Hagrids Erscheinen schien Harry mehr zu alarmieren als zu trösten und er begann, nach Luft zu schnappen.
„Geh jetzt, Hagrid", drängte Ginny. Sie nahm Harrys beide Hände in ihre. „Es ist alles in Ordnung, Harry. Alles ist okay. Du bist hier bei mir und du wirst wieder in Ordnung kommen. Ron und Hermine geht es auch gut", sagte sie in der Hoffnung, dass es ihn beruhigen würde.
Er packte ihre Hand fest mit seiner rechten, doch seine linke blieb schlaff und unbeweglich in ihrer Hand. Sein linker Arm hatte den tiefen Schlitzfluch erhalten und die Heiler hatten sich Sorgen um einen Nervenschaden gemacht.
„Sieh mich an, Harry. Sieh mir in die Augen und atme mit mir", sagte sie, den Blick auf seine panischen grünen Augen gerichtet. „Ich werde dich nicht verlassen. Ich bin hier."
Sie war nicht einmal sicher, ob er sie hören konnte, doch sein Körper entspannte sich leicht, während er den Augenkontakt immer beibehielt. Sie konnte ihr eigenes Gesicht in seinen weiten, vertrauensvollen Augen gespiegelt sehen.
Ein Team von Heilern platzte in den Raum, schob sie aus dem Weg und versammelte sich um sein Bett. Sobald sie zurückgedrängt war, konnte sie hören, wie seine Atemzüge wieder angestrengter wurden.
Der Oberheiler wedelte seinen Zauberstab über ihn, während die anderen beiden Harry zu beruhigen versuchten.
„Nein", keuchte er und versuchte schwach, den Zauberstab wegzuschieben.
Ein vierter Heiler brachte mehrere Zaubertränke und versuchte, sie in Harrys Kehle zu gießen. Er spuckte den ersten aus und warf den Kopf von einer Seite auf die andere. Seine Stimme war heiser und kratzig und sie konnte seine Worte nicht verstehen.
„Ihr macht ihm Angst!", keifte Ginny. Sie drängte sich zwischen ihnen hindurch und nahm wieder ihren Platz an Harrys Seite ein. Seine gesunde Hand in ihre nehmend, drückte sie sie an ihr Gesicht.
„Bitte rücken Sie zur Seite, Miss. Wir müssen seine Verletzungen behandeln", sagte ein junger Heiler arrogant.
„Ja, das haben Sie ja wirklich gut gemacht", antwortete sie sarkastisch. „Das letzte, woran er sich erinnert, ist sein Kampf mit Voldemort um sein Leben. Davor war er gefangen genommen worden und hatte einen Trank verabreicht bekommen, der ihn zu einem Zombie macht. Natürlich kämpft er gegen Sie an! Er wird sich beruhigen, wenn Sie ihn wissen lassen, dass Sie ihm keinen Schaden zufügen wollen."
Alle vier Heiler keuchten auf, als sie Voldemorts Namen aussprach. Eine von ihnen trat sogar einen Schritt zurück und hob ihre Hände schützend vor das Gesicht. Ginny war wütend.
„Oh, um Merlins willen. Er ist tot!", schnappte sie. Wütend wirbelte sie von den Heilern fort und wandte ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf Harry. „Hör mir zu, Harry. Es ist okay. Sie sind hier, um dir zu helfen."
Sein Blick huschte wild durch den Raum. Sie hielt seine gesunde Hand fest umschlossen, während sie mit der anderen sein Gesicht streichelte. Sie flüsterte ruhige, tröstende Worte und er begann, Kontrolle über seine Atemzüge wiederzufinden.
Er sah zu ihr auf – verzweifelt und verwirrt – und ihre Kehle verengte sich bei dem Wunsch, seinem Zustand ein Ende zu setzen. Sie wusste, dass ihre Anwesenheit ihn beruhigte, doch er hatte noch immer kein Anzeichen gezeigt, dass er sie erkannt hatte. Sie wollte ihn sehnlichst fragen, ob er sie kannte, wusste jedoch, dass es vor all den anderen möglichen gesundheitlichen Sorgen, die ihm drohten, seicht und nutzlos klingen würde. Sie konnte das Gefühl jedoch nicht unterdrücken.
Sie wollte ihn zurück – und sie wollte ihn bei ihr.
Harry beruhigte sich etwas, so dass die Heiler ihm ihre Tränke verabreichen konnten. Er nahm sie gehorsam ein, obwohl er Ginnys Hand nie losließ. Die Heiler verließen den Raum. Einige von ihnen trödelten unnötigerweise. Sie sagten, dass die Heiltränke endlich zu wirken beginnen würden, nun da er bei Bewusstsein war, doch er war sichtlich erschöpft.
Seine Augen begannen, schwer zuzufallen. Sie sah belustigt zu, wie er sich bemühte, den Schlaf abzuhalten, der ihn zu ergreifen versuchte.
„Schließ die Augen und ruh dich aus, Harry", flüsterte sie und küsste ihn auf die schweißnasse Stirn. „Ich werde hier sein, wenn du aufwachst."
Sie hatte ihren Bären, Rotz, von Zuhause mitgebracht. Ursprünglich hatte sie gehofft, er könnte Harry etwas Trost spenden, doch stattdessen hatte er ihr selbst Gesellschaft geleistet, während sie auf sein Aufwachen wartete. Sie legte den Bären auf das Kissen neben ihn und flehte ihren alten, treuen Freund im Stillen an, über Harry zu wachen.
Harry wandte seinen Kopf zu ihr und driftete schnell in den Schlaf, während sein Gesicht auf Rotz ruhte. Ginny fuhr fort, sein Haar zu streicheln, und fühlte sich leichter als sie es in den letzten Tagen getan hatte. Sie hatte noch immer die nagende Sorge auf dem Herzen, doch es gab eine Sache, die ihre Gedanken erhellte. Jedes Jahr in Harrys Schulleben hatten sie ihn nach Hause in die fragwürdige Obhut der Dursleys geschickt. Dieses Jahr – dieses Mal – würde es anders sein. Harry würde nach Hause in den Fuchsbau kommen und sie alle würden dafür sorgen, dass er endlich die positive Aufmerksamkeit erhielt, die er so verdiente.
A/N: Um die mehrfache gestellte Frage zu beantworten: Die Story hat nach diesem hier noch drei Kapitel. Also schön treu bleiben und die Geschichte weiterverfolgen! ;)
